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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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2

Vor Tag und Tau. Nächtlicher Herbstwind in den schwankenden schwarzen Türmen der Pappeln rechts und links vom Weg, Sternengeglitzer über der weiten Rheinebene. Vorn, über den dunklen Wellen des nun schon ganz nahen Odenwaldes ein langer, wagrechter, den ganzen Osthimmel umspannender glühender Streifen ...

Marschtritte auf der Chaussee. Die eigenen und zur Seite die des jungen Schlossers. Ein Glück, daß der wie ein Stück gutmütiger Vorsehung neben einem geht. Denn man selber ... man hat nicht umsonst neun Jahre Gymnasium hinter sich ... unpraktisch ... verbüffelt ... weltfremd ... alle wirklichen Dinge einem ein Rätsel. Dagegen der Robert ... Im Augenblick hat er mir in der Herberge, in der die Handwerksburschen dicht gedrängt am Sonntagabend saßen, meine goldene Uhr verkümmelt, auf die der mißtrauische Pfandleiher am Sonnabend nur gegen Legitimation hatte etwas geben wollen. Ausweispapiere? Gegen den Erlös aus der Uhr mit Kußhand. Dahinten in der Ecke der Mann mit dem schmutzigen Gesicht war der Spezialist für Flebben, brachte sie vorsichtig, geheimnisvoll unter dem Tisch ans Licht ... Ein fettiger, verschmutzter Heimatschein ... für den Hausburschen Philipp Schaefer, neunzehn Jahre alt, aus Rödelheim bei Frankfurt am Main ... Gott mag wissen, Philipp Schaefer, wo du augenblicklich Bier zapfst und Stiefel putzt, und wie du deinen Heimatschein losgeworden bist. Jedenfalls hab ich ihn in der Tasche ... bin du ... Ein Korn im Sand ... versunken in der großen, dunklen Menge ...

Werner Winterhalter warf kampflustig den krausgelockten Kopf in den Nacken und wanderte drauflos. Neben ihm sagte der junge Schlossergeselle: »Gut, daß mein Schwager Sie die Nacht hat auf'm Sofa schlafe losse ... Daheim hawwe wir überhaupt nur ein Bett, der Vadder und ich.«

»Wie geht denn das?«

»Ha ... er ist doch Nachtwächter, und ich schaff' bei Tag!«

»Und Ihre Mutter?«

»Die is schon lang tot!«

Robert Kienast erkannte in der Dunkelheit vor ihnen den breit ausladenden Schattenriß eines Walnußbaums, bückte sich, suchte auf der Erde und reichte seinem Begleiter eine der glatten grünen, zu Boden gefallenen Früchte.

»Reibe Sie sich norr ordentlich mit dene Schale die Hand! Sonst merkt der Stumpf, daß Sie aus 'em Kaufmannslade kumme und kei Hausbursch net sind!«

»Wer ist denn der Stumpf?«

»Der Polier uff'm Neubau! ... Grob is Ihne der Mann! Aber da hawwe Sie Glück: am Montag mache so viele blau! Da ist er froh, wann einer kummt!«

»Aber Sie arbeiten da nicht mit?«

»Ich?« sagte der Schlossergeselle mit unergründlicher Verachtung. »Ich unter sellere hergeloffene Bagasch? Ich bin doch e gelernter Mann! Ich schaff im Akkord! ... Ich hab schon Woche gehabt, wo ich's auf einunddreißig Mark gebracht hab! Gucke Sie ... da vorn den Schein von dene viele Fabrike ... do liegt Sandbeuren.«

Sie waren nicht mehr allein im Morgengrauen. Es trabte vor und hinter ihnen, klapperte unsichtbar mit Blechgeschirren, räusperte sich und hustete, kam mit schweren Tritten querfeldein aus einsamen Häuserumrissen, in denen gelbe Lichtpünktchen glimmten. Die ganze Nacht war von einer wachen, pilgernden Masse durchlebt. Man fühlte sie um sich, ahnte ein Wandern auf allen Wegen, einen gemeinsamen Willen nach einem Ziel, ein wortkarges Stimmenraunen im Wind, das um einen wuchs, die Vorstellung von Hunderten und Tausenden von Menschen erweckte, ohne daß man etwas anders als in nächster Nähe die unbestimmten Gestalten wie Schatten gleiten sah.

All diese Unbekannten strömten, wie Nachtfalter zum Licht, der Märchenstadt zu, die unwahrscheinlich, gleich einer Sinnestäuschung, drüben in der Dämmerung gleißte. Das waren nicht die trostlos grauen, schmutzigen, freudlosen Fabriken des Alltags. Das w.aren verwunschene Schlösser, die mit taghellen, riesigen Fensterreihen weithin winkten und das Volk der Arbeit lockten. Sie standen über die Ebene verstreut, jede für sich, in ihrem eigenen Lichtkreis. Da bläulicher, zauberhafter Glanz wie von einem mächtigen Mond hinter den Scheiben, dort ein blendendes, grelles Weiß, drüben ein grünlicher, in schimmerndes Kobaltblau spielender Glast, blutiges Aufleuchten und purpurnes Funkengewirbel über einem mächtigen Schlot ... Der Robert kannte alle diese Fabriken an ihrem Licht und nannte sie seinem Begleiter ... Das Zementwerk ... die Kunstmühle ... die Ultramarinfabrik ... die Dampfziegelei ... alles, was sich hier auf dieser unfruchtbaren Sandinsel inmitten der reichen Pfalz angesiedelt hatte, wo nur Kiefern kümmerlich wuchsen und die Löhne niedrig waren.

Jetzt wurde es schon allmählich heller. Man sah in einem grauen, fließenden Nebel Menschen ringsum ... Menschen ... Menschen! Vor Werner Winterhalter und seinem Begleiter gingen zwei Buben. Sie prahlten: »Ich hab gestern so viel Kirschejockele gegesse!« und der kleinere schwieg neidisch und machte einem von hinten klingelnden Radler Platz. Immer mehr Burschen auf Zweirädern, ältere Männer zu Fuß, Scharen blasser, junger Mädchen vor dem noch geschlossenen Gitter der Gelatinefabrik, überall harrende Haufen ... die rotrandige Mütze des Pförtners ... Ein plötzliches, gellendes Aufheulen einer Dampfpfeife ... durchdringendes Sirenenschrillen ... ein dumpfes Stöhnen wie von einem Nebelhorn ... Gebimmel von Glocken, nah und fern ... die Tore öffneten sich ... der Arbeitstag begann ...

Die beiden jungen Leute wanderten weiter durch das Dorf. Mitten in der Gasse stand der Metzgermeister, rosig-feist, das Messer am Gurt, die Hände auf dem Rücken, vor seinem Laden.

»Sie ... Herr Schickedanz!«

»No ... Kienast?«

»Losse Sie doch den Mann da in der Gaubstub neben uns loschiere! Er hot Arbeit! Er zahlt Ihne auf'n Samstag! Ich bin Ihne dafür gut!«

»Jesses! Jetzt kummt der Robert erst heim!« sagte erschüttert ein hübsches, siebzehnjähriges Mädel, die Tochter des Ratschreibers gegenüber, und hielt mit dem Treppenscheuern inne, und über die Gasse schrie die schwarze Walburg, die Metzgerstochter: »Der fährt jetzt alle Sonntag do nunner! Wo das Lutze-Käthche is, do is'r aach net weit!«

»Abah ... du schwätzt mer lang!« sprach der Robert mit einem vertraulichen Blick zu der blonden Elis Seegebiel hinüber und zog sich gähnend in seinem Stübchen oben seine blaue Monteurtracht an und lieh seinem Wandergenossen einen verschlissenen Anzug aus dem Schrank des Vaters ... eigentlich ein Geschenk von der Kutscherfrau beim Papierfabrikanten drüben ... Das waren so Protektionsgeschichten. ... Jetzt nur los ...

»Die Landwirt hier – dees is e dickfellig Pack«, sagte er und wies, während sie in hellem Sonnenschein durch die breite Dorfgasse schritten, auf die Bauernhäuser rechts und links, die mit ihrem Rebengerank um die Mauern, den Maiskolbenbüscheln unter dem Dach, den mächtigen Dunghaufen den ganzen Reichtum der Pfalz zeigten. »So e Mischtfink von Ökonom, der denkt, ihm gehört die Welt! ... Rechts hinein! übern Bach ... da sind wir ...«

Werner Winterhalter stand vor einer weiten, schwarzen, halb aufgeräumten Brandstätte. Verkohlte Balken in Stapeln ... ein kalter, bitterer Rauchgeruch in der Luft ... Leute mit Karren und Schaufeln...

»Herr Stumpf! Do wär e Borsch – der sucht Arbeit!«

Der Polier, ein Mann mit grobem, rohem Gesicht, musterte forschend, wenig freundlich, den Fremden und fragte: »Kannscht net den Hut vom Kopf runnertun – he?« Und dann: »Zweiunddreißig Penning die Stund! Wer mehr will, kann gehen ... Verstanne? ... Erst vorgestern hot mir so e Schote die Leut uffgehetzt und zwei Penning mehr verlangt ...«

»Ich bin mit allem zufrieden!«

»Dann gehe Sie meinetwege bei!«

Zugleich stieg ein eleganter, bebrillter Herr, von dem Maurermeister begleitet, über die Trümmer und fragte nervös: »Sieben Leute machen wieder blau? Das ist ja schrecklich!«

»Siebe Stück, Herr Römer!«

»Da stellen Sie mir nur ein, soviel Sie kriegen! Sonst kommen wir ja gar nicht mehr vorwärts!«

Er erinnerte mehr an einen mit Ausgrabungen beschäftigten Gelehrten als an einen Fabrikanten, wie er sich mit der Unsicherheit des Kurzsichtigen und doch in einer unruhigen Hast seinen Weg über die Schutthaufen bahnte und dann nach seiner hundert Schritte entfernten Villa schaute. Eine helle Damenstimme rief von dort: »Theodor, das Frühstück!«

»Ja. Ich komm schon!«

Unter schattigen Bäumen war vor dem Haus der Tisch gedeckt. Theodor Römer saß daran, seine Frau und seine drei Töchter – zwei schon erwachsen, die dritte noch ein Schulmädchen – mit den Gedanken beim Geschäft.

»Dein Vater kann mich da lange warnen, Marianne! Ich bin doch auch vom Fach. So gut die Krise in der Nähmaschinenindustrie überwunden ist, so gut werden auch wir ... Schreib ihm nur: Ich ginge nun mal für den Elektromotor ins Zeug! Voriges Jahr seien auf der Tuilerienausstellung neunundzwanzig elektrische Automobile gewesen, dies Jahr dreiundsechzig! Er möge gefälligst an den »Ritter«-Wagen in Boston denken ... an die Fahrt Philadelphia – Atlantic-City ...«

»Ach, lieber Mann, davon versteh ich ja nichts!« sagte Frau Römer seufzend. Sie war eine zarte, feine Dame, schöngeistig, musikalisch, eine Freundin von Blumen und alten Meistern. Über den Kies knirschten Schritte. Der Prokurist lief heran.

»Depesche aus Paris, Herr Römer! ›Jamais Contente‹ gestern 105 Kilometer in der Stunde!«

»Der Aluminiumtorpedo?« Theodor Römer sprang stürmisch auf. Er strahlte. »Na ... da seht ihr's! ... Wo bleiben denn da die Benzinkasten mit ihren Kraftfressern von Transmissionen? Ich fürcht sie nicht! Ich fürchte Stanley mit all seinen Dampfbreaks nicht! Ich will das überhaupt mal gleich meinem Schwiegervater ... Kommen Sie, Krause!«

Er eilte davon. Man hörte aus dem ganz nahen. ebenerdigen Arbeitszimmer seine Stimme beim Diktieren: »Du nennst eine Leistung von 100 Ampère mal 300 Volt einen Bluff, denn Leistungen von 30,000 Watt könne eine Batterie nur drei bis vier Minuten hergeben. Nun, ich kann dir verraten, daß das vielberufene Patent von Bouquet-Garcia- Schivre« ...

Er schloß der wachsenden Tageshitze wegen das Fenster. Es wurde still. Die Damen saßen draußen noch eine Weile am Kaffeetisch. Dann sagte die Mutter zu ihrer Jüngsten: »Eva ... rekle dich doch nicht so! Wenn du d as in Karlsruhe auf dem Gymnasium lernst ... Wie ist's denn mit deinen Ferienaufgaben?«

»Gott ... ich fang lieber gleich heut an zu ochsen! Jetzt hab ich den ganzen Quatsch noch im Kopf!«

»Eva! Dieser burschikose Ton ...«

Ach ... da solltest du erst einmal die Pennäler hören, Mama! Dagegen sind wir die reinsten Waisenknaben!«

»Das Kind macht einen ganz nervös mit diesen Manieren!« sagte Frau Römer zu ihren großen Töchtern. Der stämmige Backfisch wuchs ihr und dem ganzen Haus über den Kopf. »Schon diese tiefe Stimme, die sie in Karlsruhe gekriegt hat! ... Nun schlenkert sie wieder ins Haus und pfeift! ... Eva, Eva! Du bist doch kein Schuljunge! Wie? Doch? ... Immer eine patzige Antwort! ... Ach, Kinder ... ja, geht nur Krocket spielen! Ich bleib hier und lese!«

Ein Bild im Grünen: Die Dame im weißen Kleid, das Buch in der Hand. Die beiden weißschimmernden Mädchengestalten vor den Bällen im Gras, abseits, in einer niederen Baumkrone wieder etwas Weißes, die Jüngste, die da gelenkig hinaufgekraxelt war, die langen, dünnen, weißbestrumpften Beine baumeln ließ und, den rotbackigen Blondkopf zwischen den Händen, in der lateinischen Grammatik büffelte. Erquickender Schatten da innen, das Plätschern der Springbrunnen, das Leuchten der Blumenbeete. Von außen, von der hundert Schritte entfernten, sonnenüberglühten Brandstätte sah man es deutlich. Da polterte Karren auf Karren über die Laufplanken, brachte Schutt, kippte ihn abseits in eine Mulde, kam zurück in einer ewig gleichen Runde. ... Ein junger Mann zog den einen Wagen ... der sah kaum auf ... der arbeitete so zäh, mit verbissenem Eifer, daß selbst der grobe Polier zufrieden den neuen Taglöhner musterte. Das war doch einer, der sich in die Hände spuckte und zugriff, nicht so ein Gutedel wie die übrigen, an Erdarbeit nicht gewöhnt – das merkte man – aber kräftig für zwei ... Den schweren Stein da, den hätte ein andrer nicht so leicht mit der Spitzhacke aus dem Boden gezwängt.

Und Werner Winterhalter dachte sich, ein wenig atemlos, in einem Triumph von Staub und Schweiß: Wenn mich nur der Papa so sähe! ... Der denkt, ich sei nichts ohne ihn ... Neulich noch hat er gesagt: »Verhungern tatst du, wenn ich meine Hand von dir abzieh!« Jawohl, ich verhungre nicht! ... Ich verdiene drei Mark zwanzig im Tag ...

Nein: hoffentlich sah einen der Vater nicht! Noch lange nicht! Der sollte nur erkennen, wer man war. ... Die Turnstunde wenigstens, die war auf dem Gymnasium nicht umsonst gewesen ... Das half einem jetzt, die starken Muskeln.

Sonderbar, so seine beiden Arme an einen Fremden zu vermieten und kaum einen Pfennig in der Tasche, nichts auf der Welt ... Die Welt erschien einem auf einmal ganz anders! ... Die weißgekleideten Damen drüben wie Wesen aus dem Märchen ... der grüne Park ein verbotenes Land ...

Ein komischer Kerl, der riesige Bayer vor einem, mit der behaarten Brust unter dem offenstehenden, schmutzigen Hemd und dem großen, blau tätowierten Anker auf dem rechten Vorderarm. Der stand mit dem Polier auf Kriegsfuß und brummte ein grimmiges: »Mich stimmst!«, wenn er den Karren wieder ansetzte. Hinter einem junge Burschen, stumpf, träge, gedankenlos, auf und ab, in einem Hindämmern bis zum Feierabend. Einem älteren Mann wurde die Arbeit schwer. Er blieb manchmal stehen, wischte sich die Stirn, seufzte: »O mei, o mei!«, hielt die übrigen auf, bis er einen Rippenstoß bekam. Dann ein freundlicher, schnurrbärtiger Arbeitsmann in alten Militärhosen. Er schob gewissenhaft, unermüdlich seine Karre, die Pfeife im Mund. Wieder andere. Viele andere. Man verwechselte die Gesichter. Sie sahen sich alle so ähnlich. Alle verstaubt, in beschmutzten Kleidern, mit lehmigen Schuhen ....

Drüben lagen die beiden Mädchen jetzt in Hängematten und lasen. Die Mutter las auch.

»Baß uff, du Vieh!« brüllte ein junger Tagelöhner. Werner Winterhalter hatte ihn, die Augen zerstreut nach dem Paki gerichtet, mit dem Rad an das Bein gestoßen. Er lachte über den Pfälzer Lümmel und fuhr weiter. Halt! Vorn war einem übel geworden. Der mußte sich niedersetzen und stierte, kalkweiß, vor sich hin. Der Polier nickte: »Jo ... der Montag!« Und eine Stimme sagte: »Der hot am Samstag mit dem Bayer sei ganze Lohn versoffe! Jesses, was hawwe die Fraa und die Kinner geflennt!« Der riesige Bayer spuckte nur aus und holte sich sein Schmalzlerglas aus dem Hosensack, um zu schnupfen. Und der fröhliche Arbeitsmann daneben lachte: »Dees kommt bei mir nit vor, ihr Männer! Mei Frau kriegt ihr Sach!«

»Guckt emo! ... die Gendarme!«

Ein Schrecken ... Werner Winterhalter biß sich auf die Lippen: Weiß Gott ... da drüben ... zwei Pickelhauben nach dem Dorf zu ... zum Bürgermeister! Ach was ... ich bin der Hausbursche Philipp Schaefer ... was wollt ihr denn? Er bückte sich und wuchtete verbissen einen neuen Stein aus der Erde. Die Kleider, die er anhatte, rochen nach Schweiß, die Menschen um ihn, die Sonne glühte durch die stauberfüllte Luft. ... Im Schweiß des Angesichts sollst du dein Brot essen. ... Siehst du. Papa, ich kann's! Ich bin vor mir ein andrer Mann seit gestern. ... Bums ... da lag wieder eine Karrenladung ... Wenn nur nicht die verfluchten Gendarmen ... da radelt einer von den beiden wieder zurück. Ihr könnt mir überhaupt nichts tun. Ich bin kein Stromer. Ich hab ja Arbeit ...

Mittag ... Sonnenglut vom wolkenlosen Himmel. Ein Schwarm Tauben da oben in dem tiefen Blau. Die Luft heiß, staubig, zitternd ... die Menschen grau ... schlafende Klumpen unter den Schatten der paar Feldbäume ... die meisten sind hinüber ins Dorf ... andern bringt die Frau im Blechnapf das lau gewordene Essen. ... Sie löffeln stumm ... die Frau sitzt still mit gefalteten Händen daneben ... einige junge Burschen ziehen irgend etwas aus der Tasche ... es riecht nach weißen Bohnen ... nach Limburger Käse ... man legt die Hände unter den Kopf und starrt empor. ... Drüben von der Villa ein langgezogener Gongruf zur Tafel ... ein Husten dazwischen neben einem ... irgendeiner von den Arbeitern der Zementfabrik drüben, die sich auch hier im Schatten gelagert, hustete immer ... es waren blasse, krankhafte Gesichter ... ewig der seine, weiße Steinstaub in der Lunge. ... Die Ziegelstreicher da vorn tranken Schnaps aus einer großen, wasserhellen Flasche. Sie hatten starrende, wässerige Augen und rot gedunsene Gesichter. Zwei von ihnen schnarchten schon, den fettigen Filz über dem Ohr. »Ohne Schnaps halte die Leut dees net aus!« meinte einer von den Tagelöhnern halblaut ...

Dann Besuch ... einer in blauer Bluse, vom Elektrizitätswerk ... schnurrbärtig, intelligent, ganz anders gepflegt und selbstbewußt im Auftreten als hier das Häuflein Mühsamer und Ungelernter. ... Er schlendert scheinbar absichtslos heran, setzt sich auf einen Kilometerstein: »E strenge Arbeit, ihr Männer ... was meinst? Arbeite muß e jeds! Ha, freilich ... aber was arbeitet denn, beispielsmäßig, der in dem Haus dort hinte ... der Römer?«

»Ha – der hot doch die Fabrik!«

»Guck emol die Fabrik am Sonntag an! Do is es still wie in der Kirch! Do rühre sich die Maschine net. Do kann der Mann drin verhungere, wann er bloß die Maschine hätt!«

Der Sprecher in der blauen Bluse stand auf.

»Erst am Montag früh um sieben, wann wir kumme, dann fange die Maschine und das Geldverdiene an. Für den Mann dort! ... Der lebt von unserer Arbeit! Merkt's euch, ihr Leut! Mit euch Unorganisierte is es e Kreuz ... da ... nehmt das mit und lest's am Feierabend, damit ihr e bißche klüger werdet!«

Er verteilte ein paar dünne, graue und braune Heftchen an die Taglöhner, dann auch an ein paar Frauen: ›Mann der Arbeit, her zu uns!‹ und ›Bist du einer der Unsrigen‹« Die Leute nahmen es stumpf. Sie waren verwirrt. Aufgestört aus dem dämmernden, schmerzlosen Gefühl des bloßen Daseins, der Rast am Mittag, der Sättigung. Es waren böse Blicke, mit denen sie plötzlich das weiße Haus in der Ferne maßen. Etwas Verzweiflungsvolles, wie von einem Verhängnis über ihnen. In der Stille sagte Werner Winterhalter unwillkürlich: »Die Fabrikanten arbeiten doch auch! Bis in die Nacht!«

Der Agitator musterte mißtrauisch den jungen Erdarbeiter.

»Mit dir Bürschle werd ich lang diskuriere!« sprach er und wandte sich zum Gehen. Es war ohnedies schon nahe an ein Uhr. Der Robert kam aus dem Dorf zurück und vorbei. Er war selig. Er hatte über Mittag seine Tauben aus dem Schlag gelassen. Zum drittenmal. Es war gut gegangen. Die Hauptgefahr, daß sie sich auf dem Nebendach niederlassen würden, war vermieden. Und auch der »Vogel«, der gefürchtete Turmfalke, war ausgeblieben.

»Hoscht gesehe, wie sie gefloge sind?« fragte er Werner Winterhalter begeistert. »Schwenkungen wie die Soldate! Heute hawwe sie mir wirklich Pläsier gemacht!«

Er ging, kehrte aber nach einer Minute, nach einem Zwiegespräch mit dem Blusenmann von vorhin, zurück. Sein gutmütiges, sommersprossiges Gesicht war auf einmal sehr ernst, grob, fast drohend.

»Du – was heißt denn dees? Der Mann sacht, du wärst ein Spitzel ... Mit dir wär's nicht richtig! Du tatst hier Unzufriedenheit verbreite?«

»Ich? ... Er!«

»Ich hab dich in Schutz genomme! Ich hab ihm gesagt, du wärst e stelleloser Kaufmann, der wo noch nix von so Sache versteht! Do hot sich der Schwert zufriedengegebe! Aber nimm dich in acht, sonst mußt du von hier weg und von jeder annern Arbeitstell nach!«

Die Schaufel knirschte wieder im Erdreich. Der Schutt kollerte im Karren, der Schweiß perlte einem auf der Stirn. Und hinter der Stirn ein Staunen: man war noch in der heimatlichen Pfalz, nahe am Elternhaus, und doch wie im Mond. Eine andere Welt um einen. Die Welt von hinten, das Gegenteil dessen, was man bisher gewußt und gekannt. Staub und Hitze ... zweiunddreißig Pfennig die Stunde ... das ganze Leben lang ... immer den Spaten in die Erde ... wieder heraus ... wieder herein, so, als begrabe man irgend etwas ... jeden Tag von neuem. ... Das schwindsüchtige Husten der Zementarbeiter klang einem noch im Ohr, obwohl sie längst weg waren ... dort, wo zähe, weißgraue Wolken über Schloten und Fabrikdächern brüteten. ... Herrgott! ... Die Pickelhauben! Plötzlich stockte Werner Winterhalters Herzschlag. Neben ihm, wie aus der Erde gewachsen, stand ein Gendarm.

»Sie Polier ... komme Sie mal bei!«

»Ja, Herr Wachtmeister!«

»Haben Sie heut vielleicht einen seinen jungen Herrn hier vorbeikommen sehen ... in einem modischen, hellgrauen Anzug?« ... Er studierte den Steckbrief, den er in der Hand hielt. »Mit einem Panama- Hut und weißen Strandschuhen?«

»Ich weiß von nix! Was soll denn seller Aff hier?«

»Er ist seinem Vater weggelaufen! Einem von denen Protze unten am Rhein!« sagte der Gendarm und lachte. »Die Belohnung ist von tausend auf fünftausend Mark erhöht. Wer weiß, ob der ganze Borsch so viel wert ist! Ich tät mir gern das Geld verdienen.« ...

»Ich auch, Herr Wachtmeister, wann ich ihn fänd!«

Nur jetzt ein gleichmütiges Gesicht ... den Karren unbefangen weitergeschoben. ... Lieber Gott ... wer achtete auf solch einen verschmutzten und verschwitzten jungen Erdarbeiter! Uff! Da ging der Gendarm glücklich weiter. Aber sie suchten einen! Suchten einen wie eine Stecknadel in der ganzen Pfalz. Wenn Papa etwas anfaßte, dann tat er's nicht halb. Da konnte man sich auf ihn verlassen. Der lief jetzt drüben beim Bezirksamt das Haus ein. ... Schade, die Mama ängstigte sich nun gewiß ganz unnütz. ... Man mußte ihr schreiben, daß man gesund sei ... eine Karte ohne Unterschrift ... aber durch den Poststempel lenkte man doch die Spur auf sich? ... Nein, das ging nicht. ... Sie konnte einem ja leid tun, aber es war nichts zu machen. ...

Endlos lang war solch ein Arbeitstag. Er schien einem wie eine Woche, bis schließlich die Sonne sich fern über den blauen Wall des Wasgenwaldes neigte. Die plötzliche Kühle des Herbstabends kam. Noch fünf Minuten. ... Einer der Arbeitskollegen hatte wahrhaftig eine silberne Uhr. Der kontrollierte das. Jetzt hob der Polier die Hand. Feierabend! ... Ein Aufatmen! Ein Gefühl des Sieges, dem Leben, dem Vater abgerungen, eine heillose Müdigkeit in den Knochen. ... Gottlob, drüben im Dorf hatte man ein Stübchen ... und ein Bett. Meinetwegen Flöhe darin – und aß im Wirtshaus Knackwurst und Brot und trank Bier dazu. Der Wirt borgte bis zum Lohntag. Er hatte es dem Robert versprochen.

Sonderbar: auf dem Weg, der nach Sandbeuren führte, standen zwei Männer in dunklen Röcken und Hüten. Die gefürchtete Uniform mit der Pickelhaube und dem umgeschnallten Revolver war weit und breit nicht zu sehen. Aber die beiden in Zivil hatten etwas Verdächtiges. Sie musterten mit einem so merkwürdigen, stillen Interesse alle die Arbeiter, die an ihnen vorbeikamen. Wenn das Kriminalbeamte aus der Vaterstadt waren? ... Ihn von Ansehen kannten? ... Werner Winterhalter hemmte den Fuß, trat in die Wegbiegung zurück, hinter der er den Blicken von dort entzogen war. An den beiden getraute er sich nicht vorbei. Aber wenn er nach der andern Richtung ziellos ins Feld hinauslief, so machte er sich vielleicht erst recht verdächtig.

Er lugte vorsichtig um die Ecke. Da setzten sich die beiden Männer in Bewegung, kamen langsam auf ihn zu. Sie sahen ihn noch nicht. Zeit war nicht zu verlieren. Das Parkgitter zur Linken hatte verwünscht scharfe Eisenspitzen. Man mußte gut aufpassen, um sich nicht beim hastigen Hinüberklettern ein Dreieck in den Hosenboden zu reißen. So! Drüber! Gottlob! Grünes Dickicht schlug hinter einem zusammen. Man stand geborgen auf einer Lichtung vor einem großen Baum.

Aus dem fiel mit einem Plumps ein blaues Heft herunter ins Gras. Zwei braune Schnürstiefel baumelten da oben in Mannshöhe, darüber weiße Strümpfe und ein weißer Rock ... Er erkannte die jüngste der drei Mädchen von heute früh, die wieder ihren Hochsitz da oben bezogen hatte und verblüfft niit ihrem blauäugigen, pausbackigen Kindergesicht auf ihn herunterschaute.

»Sie ... da dürfen Sie nicht herein ... das ist den Arbeitern streng verboten!«

»Nur einen Augenblick! ... Bis die beiden Kerle draußen vorbei sind.« ...

Von der Straße klangen zwei Bässe ... ein Murmeln: »Ich mein alleweil, er hält sich irgendwo in der Stadt selbst versteckt! Hier drauße müßt man ihn doch kriege.« ...

Werner Winterhalter horchte. Die Kleine oben mit. Die Schritte verloren sich in der Ferne. Sie fragte, nun wieder ganz pomadig, mit ihrer tiefen, behaglichen Kinderstimme: »Wollten die Ihnen was tun?«

»Ach, ich hab Streit im Wirtshaus mit den Leuten gehabt! So ... dank schön ... jetzt kann ich wieder gehen!«

»Aber erst geben Sie mir meine Aufgaben herauf!«

Er hob das blaue Heft von der Erde, das ihr in der ersten Überraschung entglitten war und sich im Fall aufgeblättert hatte, und schüttelte den Kopf.

»Das ist aber grundfalsch! (a + b) * (a - b) gibt doch a 2 - b 2

»Ach, Unsinn!«

»Doch!«

»Na, warten Sie mal!«

Sie glitt behende den Eichenstamm herunter, sprang auf die Füße, stand mit offenem Mund, die Hände auf dem Rücken, neben ihm. Er erläuterte: » + a b und - a b heben sich doch auf!«

»Ach so, ja, natürlich – das meint ich auch eigentlich!« sagte sie langsam. Dann kam ein maßloses Erstaunen in ihre Augen. Sie starrte ihn an wie einen Geist. Ein junger Taglöhner, der Mathematik konnte. Das ging nicht mit rechten Dingen zu...

»Woher wissen Sie denn das?«

»Na, das sind doch Quartanerkunststücke!« sagte der Abiturient und lachte.

»Nee! Ich bin schon in Untertertia!«

»Wo denn?«

»In Karlsruhe. Auf dem Mädchengymnasium!«

»Ach so.«...

Er lächelte und blätterte in dem Heft. Eine Seite war von oben bis unten mit hilflosen, wütenden Krakelfüßen bedeckt. Die Kleine folgte seinem Blick.

»Also, dabei kann man reif für die Gummizelle werden! Ein Dreieck aus der Hypotenuse und einem Winkel zu konstruieren.... Ich krieg's und krieg's nicht heraus!«

»Kinderspiel!«

Er nahm den Bleistift, der an einem Schnürchen an dem blauen Deckel hing, und zeichnete ihr mit geübter Hand die Geschichte auf. Sie sagte mechanisch: »Danke!« Dann trat sie, mit beiden Händen sich das Aufgabenheft wie zum Schutz vor die Brust haltend, in einer plötzlichen Angst zwei Schritte zurück. »Wer sind Sie denn nur?«

»Ich arbeite da draußen.«

Er war stehengeblieben. Folgte ihr nicht. Das gab ihr wieder Mut. Sie kam näher und betrachtete neugierig seine ausgefransten Kleider, das sonnengebräunte, trotzige Gesicht mit den dunklen Augen und meinte endlich mit großer Ruhe: »Also, Sie haben doch ganz gewiß was eingebrockt!«

»Nichts Böses! Da schwör ich Ihnen darauf!«

Werner Winterhalter fühlte einen neuen Schrecken. Wenn ihn das kindische Balg nun anzeigte? Den Eltern drüben in aller Unschuld etwas von einem in Algebra und Geometrie beschlagenen jungen Erdarbeiter vorschwatzte? Er hob bittend die Hände: »Tun Sie mir den einzigen Gefallen und verraten Sie mich nicht. Ich hab wirklich nichts auf dem Kerbholz. Ich bin rein zum Spaß da draußen in Arbeit getreten! Es macht mir Vergnügen!«

»Zu dumm!« sagte das Kind und lachte. »Das soll einer glauben!«

»Ich erzähl es Ihnen mal, wie alles war, wenn Sie wollen ... nur jetzt« ... Er brach ab ... suchte nach Mitteln, sie zu gewinnen. »Ich mache Ihnen auch Ihre Aufgaben! Sie brauchen nur das Heft hier hinzulegen. Das ist für mich eine Kleinigkeit.«

»Gott ... das wär ein Segen! Ich hab so gar keinen Grips für Mathematik!«

»Warum gehen Sie denn dann aufs Gymnasium?«

»Man muß doch was lernen und einmal auf eigenen Füßen stehen.«

Das klang wieder so phlegmatisch vernünftig und hartnäckig dabei, so voll stillen Eigenwillens, als sei es Geist von seinem Geist. Aus der Ferne rief eine helle Frauenstimme suchend: »Eva!« und wieder, schon näherkommend: »Eva!« Werner Winterhalter war mit einem Sprung in den Gebüschen, über das Gitter weg. Gleich darauf trat Frau Römer, etwas erhitzt und atemlos, auf die Lichtung.

»Immer muß man dich suchen, Eva! Wo steckst du denn wieder? Man ängstigt sich ja.« ...

»Ach, mich stiehlt keiner!«

»Du gehörst am Abend ins Haus.«

»Gott ... da mops' ich mich früh genug!«

»Eva! Hörst du je von deinen älteren Schwestern solche Ausdrücke?«

»Nee. Das sind aber auch Schafe!«

»Immer diese gräßlichen Antworten!«

Frau Römer hielt sich verzweifelt die Hände an die Ohren. »Eva, von wem hast du die nur her!« »Oh ... die fallen mir von selber ein, Mama!«

»Warum lachst du denn jetzt auf einmal?«

»Etsch! Ich weiß etwas, was ihr nicht wißt! Jetzt eben! Ein kolossales Geheimnis! Aber ich sag's nicht! Auch dem Papa nicht! Keinem.«

»Das wird schon was Rechtes sein. Sei jetzt so gut und komm! Warum verdrehst du denn so den Hals? Das schickt sich auch nicht. An dem Arbeiter da draußen ist doch wirklich nichts zu sehen.«

»Nee – gar nichts, Mama!«

»Also, kicher nicht so dumm! Wenn das die Früchte der Gymnasialbildung sind« ...

Ein junger Taglöhner, schlenderte Werner Winterhalter lässig, einsam auf dem weißen Staubband der Chaussee, den Schlapphut gegen die Abendsonne ins Genick gerückt, dem Dorf zu. Ein Korn im Sand, ein Kiesel am Rhein, einer der vielen hundert Arbeiter mehr, die jetzt nach Feierabend in dunklen Scharen, stromweise, durch die breite, ungepflasterte Gasse fluteten. Die Häuser gehörten alle den Landwirten. Die fuhren nach wie vor mit Leiterwagen und Kuhgespann hinaus aufs Feld, das ganze Wälder von Äpfelbäumen überschatteten, und banden am Sonnenhang den Rebstock mit Bast an den Wingertstiefel und bauten aus Draht und Föhrenstangen das schwanke Hopfengerüst wie zu Väterzeiten. Nur Dachstuben und Oberstock aus Fachwerk hatten sie sich vielfach auf ihre behäbigen Anwesen gesetzt und zogen Geld aus der Vermietung an die fremden Arbeiter. Einer von denen löste sich aus einer Gruppe, ging wie absichtslos neben Werner Winterhalter her und sagte beiläufig: »Vorigs Jahr war auch einer do und hot die Leut uffgehetzt! .. Da hot's Streit gewwe! ... Es hot ihm beinah das Aug aus'm Kopp gehange! Do is der Mann nix wie fort! Sodele ... Jetzt merke Sie sich's – wann Sie wieder die Fabrikante verteidige wolle wie heut mittag.«

Werner Winterhalter antwortete nichts und schritt weiter. Aufhetzen – das hieß hier Bestehendes verteidigen. Schutz dagegen? Bei den Behörden? Die suchten einen ja, die nahmen einen ja gleich fest. Hier hieß es: Hilf dir selbst! Hier ist ein heimliches Reich ... Hier sind unsichtbare Gesetze ... Und du bist nur noch ein Teilchen in einer unermeßlichen Masse. Mußt denken wie sie. Fühlen wie sie. Sein wie sie ...

Er hatte den Kern des Dorfes erreicht. Da war alles voll von Bauern und Kleinbürgern. Der Robert lehnte am Fenster des Metzgerladens, in dem die schwarze Walburg erhitzt und ohne aufzusehen mit ihrem großen Tranchiermesser Leberkäs für die Kundschaft absäbelte. Gegenüber schwatzte die blonde Elis, um sich zu rächen, angelegentlich mit dem jungen Hilfslehrer, der überhaupt so etwas Feines und Gebildetes an sich hatte, gerade etwas für ein besseres Mädchen. Ihr Vater, der Ratschreiber, verhandelte mit dem Landwirt Christian Kaltschmidt XIV., dem Bürgermeister, über die Raupenvertilgung. Daneben schellte der Gemeindediener mit Donnerstimme die Verfügung wegen der Weinbergsperre aus und brüllten die Pfälzer Buben und kreischten die Mädchen und bellten die Hunde und schnatterten die großen weißen Gänse und schütterte immer wieder dazwischen der schwere, gleichmäßige Massentritt der heimkehrenden Arbeiterbataillone, deren ernste, resignierte Gesichter sich so sonderbar von der breiten Lebenslust der Bauernköpfe abhoben ... Werner Winterhalter klomm im Haus des Ochsenmetzgers die Hühnerleiter zu seinem Dachstübchen empor, warf sich aufs Bett, schlief wie ein Toter in all dem Lärm um ihn her, und ihm war, als versänke er in einem tiefen, brausenden Meer. Und dies Meer war das Volk ..........

 

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