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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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14

Die Sonne fort, als hätte sie nie der lachenden Pfalz geschienen. Die Stadt in einem winterlichen Nebelmeer vergraben. Drüben im Osten, jenseits der Rheinebene, hoben jetzt vielleicht Feldberg und Hornisgrinde, sogar Königstuhl und Melibokus ihre schneeglitzernden Kuppen in Sonnengold und Himmelblau. Aber darunter lastete die zähe, trübe Decke. Lag die Welt grau in grau. Das feuchte Gespinst war trotz der Mittagstunde so dick, daß Werner Winterhalter kaum zehn Schritte weit vor sich sah, als er aus dem Landgerichtsgebäude trat.

Er blieb stehen. Vor ihm das schattenhafte Bild. Umrisse von Menschen, Pferden, Droschken, Straßenbahnen, vorbeihuschend, in einer gedämpften, beinahe gespenstigen Geschäftigkeit, verdämmernd, verschwindend. Und in einer Stimmung der Müde, die ihm sonst fremder war als andern, ging es ihm durch den Kopf: Ist das nicht ein Abglanz des Lebens? Was machen wir hier? Wir schreiten ins Leere. Vor einem das Ungewisse. Hinter einem ...

Während er sich anschickte, weiterzugehen, dachte er sich: Also nun bin ich geschieden. Seit einer halben Stunde.

Sie war bei der Urteilsverkündigung nicht zugegen gewesen. Nur, im Zuhörerraum, ihr Bruder. Eben kam er auch aus dem Landgericht heraus, ging schweigend, ohne Gruß vorbei. Der Spielkamerad noch von den ersten Höschen her, der Schulfreund von den Bänken der Sexta ab, der Korpsbruder. Leb wohl, mein guter Moritz! Das dreifarbige Band von Heidelberg, das ist das einzige, was uns jetzt noch, wenigstens äußerlich, verbindet.

Die breite Bummelstraße inmitten der Stadt war um diese Mittagsstunde voll von Menschen. Bekannte Gesichter von Jugend auf. Aber merkwürdig viele, die einen nicht mehr oder nur verlegen kennen, wenn sie jählings im Nebel auf einen stoßen. Der Doktor Bätzle läuft eilfertig vorbei, sieht nicht rechts, noch links. Behält den Hut auf dem Kopf ... Nun ja ... wes Brot ich ess', des Lied ich sing ... Und ist man nun schon einmal der Generalstabschef der Bankgruppe um Alfred Kühn ...

Da drüben steht ein dicker Herr, den Zylinder im Genick, die Hände um den Goldknauf des Stocks auf dem Rücken verschlungen. Seine Lebemannsglatze reicht unter der Hutkrempe bis in das wulstige Genick. Du lieber Gott ... was hat Karl Schweikardt gerade im Schaufenster einer Posamentierhandlung so Merkwürdiges zu sehen? ... Aber er rührt sich nicht. Wendet nicht sein schlaffes Gesicht, bis der Feind vorbei ist. Eigentlich hat er es gar nicht nötig. Er ist ja der Sieger. Ihr werdet euch ja heiraten – sie und du! ... Es ist ein öffentliches Geheimnis in der ganzen Stadt. Warte nur, alter Freund! Du wirst schon noch deinen Herrgott erkennen lernen. Du bist der rechte Mann für sie und ihre feste Faust. Sie wird dich schon gehörig ducken. Und du wirst resigniert lächeln, in deinem Kummerspeck ... Ach was ... Macht was ihr wollt ... Vorbei ...

Da wieder ein paar, die so gemessen grüßen, wie Parlamentäre im Feindeslager. Es riecht jetzt hier förmlich nach Geld, so viel Fabrikherren und Bankgewaltige gehen um die zwölfte Stunde aus Gesundheitsrücksichten zu Fuß heim, zu ihren Fleischtöpfen Ägyptens. Dort drüben, auf der anderen Seite, schreitet er selbst, würdevoll und langsam, die lange, hagere Gestalt doch etwas vom Gram dieses Winters gebeugt, der Geheime Kommerzienrat Alfred Kühn. Man erkennt das Nahen des großen Mannes, noch ehe er recht aus dem Nebel auftaucht, an dem plötzlichen Lüften der Hüte rechts und links. Es folgt ihm, wie er wieder schattenhaft sich verliert, der Schutzmann an der Ecke legt die Hand an den Helm, der Oberbürgermeister, der vom Rathaus kommt, stutzt mit einem Blick durch seine goldene Brille und winkt vertraulich seinem mächtigen Steuerzahler ... Ein redlicher Hasser ist der bisherige Schwiegervater immer gewesen. Es ist keine Kleinigkeit, Todfeindschaft auf Lebenszeit mit dem reichsten Mann der Stadt. Und dem Stärksten dazu.

Werner Winterhalter ging weiter, ins Freie hinaus, die Chaussee entlang, die zu beiden Seiten Kranzbindereien und Steinmetzwerkstätten einrahmten. Der Zentralfriedhof lag im dicken Nebel. Es rieselte lautlos von den stillen Wipfeln der Zypressen, triefte von den Trauerweiden, perlte auf dem tiefen Grün der Stechpalmen auf dem frischen Grab. Die Goldbuchstaben auf dem vorläufigen Denkstein schimmerten so neu, als sei er gestern erst gesetzt und nicht schon vor vierzehn Tagen: Leopold Winterhalter, geboren in dieser Stadt, in ihr sein Leben lang, gestorben, als die Tage kürzer wurden und der Winter rief ... ›Und ist es köstlich gewesen, so ist es Müh und Arbeit gewesen.‹ Ja, Vater: Meine Augen haben dich, solange du lebtest, fremd gesehen, müßig nie. Du hast einen guten Kampf gekämpft, von der Pike auf. Du warst ein rechter Deutscher von heute. Ein unverdrossener Arbeiter im neuen Reich. Dein Grabmal ist höher als der Klotz Marmor hier. Schwindelnd hoch ragen drüben über Stadt und Land die Schlote deiner Fabrik.

Er gab dem herangetretenen Friedhofaufseher noch ein paar Anweisungen, wie das Gitter gesetzt werden sollte, wandte sich um, stand wieder draußen vor dem Tor der Toten. Wohin? ... Nach Hause? ... Das war leer. Ins Elternhaus? Das war geschlossen: die Mutter im Süden. Zu Freunden? Die guten Freunde hatten ja Angst vor einem: Waren besonnene Bürger. Familienväter. Geschäftsleute. Wer zu ihm hielt, verdarb es sich mit den anderen. Werner Winterhalter ging ziellos in den Nebel hinein, stand auf der Rheinbrücke, schaute hinüber auf das Gewimmel der Eisschollen, die in leisem Knirschen wie wandernde Herden nordwärts gen Holland zogen. Weiße Sendboten von der Tee, kreischten und flatterten darüber die Möwen. Es klang etwas von Ferne und Weite in ihrem klagenden Schrei. Lockte: Hinaus! Fort aus allem! Niemand hält dich hier! Niemand will dich! Du bist frei, du Stein des Anstoßes! Mach einen Strich unter die Vergangenheit. Geh in die weite Welt. Deine Millionen tragen dich wie Korkgürtel im Meer. Sowie du nichts mehr willst und nichts mehr bist, empfängt man dich überall mit offenen Armen.

Er dachte sich: Ja. Wahrlich. Niemand dankt es mir. Niemand steht mir zur Seite. Auch in diesem Augenblick der Schwäche niemand. Die Möwen johlten: Fort! Fort! ... Verdammte Vögel! Das sind die Stimmen der Versuchung! ... Ich kenn euch! Ihr wollt, daß ich mir selber untreu werde! Ihr wählt gerade die rechte Stunde und Stimmung ... Und da? Wer legt mir da die Hand auf die Schulter? ...

Zwei Männer standen vor ihm, gut bürgerlich gekleidet, der eine schon älter, vollbärtig und bedächtig, der andere schmalschulterig und hager, einen Schlapphut auf dem seingeschnittenen, nervösen blonden Kopf. Der ruhige Baß des ersten: »Kennen Sie mich noch, Herr Doktor? ... Den Stadtrat Mattrian? Und den da ... den Reichstagsabgeordneten Zittelius?«

»Freilich kenn ich Sie! Guten Tag!«

»Und darf man mal ein Wort mit Ihnen reden?«

»Warum nicht?«

»Ja. Mancher hat's nicht gern, wenn man sich so mit ihm auf die offene Brücke hinstellt, wo's jeder sieht.«

»Das ist mir ganz egal!«

»Ich mein überhaupt: Sie haben's mit den großen Herren verschüttet!«

»Er ist ja selbst ein großer Herr!« meinte der Gewerkschaftssekretär Zittelius und lachte.

»Da könnten Sie mich wirklich besser kennen seit fünfzehn Jahren ...«

»Ja eben, Herr Doktor ... Ich bin keiner von den Wütigen. Wir alle hier nicht. Der Zittelius da auch nicht. Ich mein als: gar so arg groß ist der Abstand zwischen Ihnen und uns schon bald nicht mehr!«

»Größer, als Sie denken, Herr Stadtrat!«

»So? ... Man könnt ja mal darüber reden! ... Ich könnt Sie ja mal besuchen! Ganz im Vertrauen! Es braucht es keiner zu wissen!«

Der Reichsbote Zittelius unterbrach den anderen mit einem fanatischen Aufleuchten in seinen blauen Augen.

»Das war ein Ziel für Ihren Ehrgeiz, Herr Doktor! Da ständ Ihnen keiner mehr im Weg. Da täten Ihnen alle helfen. Da hätten Sie die Bahn frei! Da hätten Sie mal die Massen hinter sich ...«

»Ich hab nur einen Ehrgeiz. Ich bin ein guter Deutscher. Ich kann mir sehr gut Deutschland ohne mich vorstellen, aber mich nicht eine Minute lang ohne Deutschland. Und eure Massen ebensowenig!«

»Wir sind auch gute Deutsche!«

»Und Deutschland denen zurückzugeben, die es jetzt im Herzen nicht haben ... Sie haben mich gerade im rechten Augenblick an mein Ziel erinnert, Herr Stadtrat! Ich dank Ihnen!«

»Wie wollen Sie's denn wiedergeben, Herr Doktor? ... Mit schönen Redensarten?«

»Deutschland ist der Boden da unter unseren Füßen. Man kann nichts lieben, was man nicht besitzt.«

»Und bis wann teilen Sie das Deutsche Reich auf?«

»Das Reich nicht. Aber die Spekulationsterrains da draußen, die mir gehören!«

»Das ist ein Tropfen auf einen heißen Stein!«

»Ja nun, Herr Zittelius ... wir ziehen alle enge Lebenskreise. Aber aus Millionen wird das Ganze.«

»Das heißt verlorene Müh, Herr Doktor!«

»Lieber Herr Mattrian! ... Wenn ich mal so alt bin wie Sie jetzt und hab in der Zeit nur tausend Arbeitern die eigene Scholle und die Freude am Vaterland wiedergegeben, so bild ich mir schon ein, ich hätte nicht umsonst gelebt. Es mag vielleicht eine Zeit kommen, wo die Menschen so aufgeklärt sind, daß sie ohne Vaterland auskommen. Aber heutzutage brauchen sie es noch so nötig wie das tägliche Brot. Deutschland ist unser tägliches Brot!«

»Also nichts für ungut! Dann gehen Sie halt Ihren Weg, wie Sie ihn für recht halten!«

»Einmal werden wir ihn alle gehen müssen in Deutschland! Jetzt sind wir stark und reich. Wir schwimmen im Glück. Aber zu lang dauert das Glück bei uns nie. Wir Deutsche vertragen es nicht. Wir treiben einen Raubbau damit ... Ich will nicht zu denen gehören, die dann zu spät erkennen, was sie verschuldet haben. Da geh ich lieber allein voraus! Ich bin nicht ängstlich von Natur. Die Steine an den Kopf fürchte ich nicht. Die bin ich schon gewohnt, von rechts und auch von links. Sie sehen ja die Narbe hier an der Schläfe!«

»Na – guten Tag, Herr Doktor!«

»Guten Tag, meine Herren!«

Wieder allein ... Die beiden fort mit dem sich allmählich lichtenden Nebel. Einsam des Weges. An der Fabrik vorbei, zu der im Entstehen begriffenen Gartenstadt.

Wirst du denn immer allein deine Straße durchs Leben suchen? ... Voll Pflicht und ohne Liebe? ... Ein Mensch mit so heißem Herzen, so stürmender Seele, wie du ...

Vorwärts! Die Schwäche ist überwunden. Es war das erste und letzte Mal. Nicht rechts und links geschaut. Tu, was du mußt. Dein Leben ist noch lang. Es kann noch manches Wunder in ihm werden ...

Wie düstere Mahner ragten zu beiden Seiten die Mietkasernen freudlos im fließenden Grau. Drüben war auf dem Bürgersteig eine Menschenansammlung. Am Rand des Fahrdammes ein Hundefuhrwerk mit ein paar Matratzen und Kochtöpfen. Heulende Kinder. Ein Schutzmannshelm. Das heisere Schimpfen eines betrunkenen Mannes.

»Was ist denn da los?«

Der Friseur im Eckladen, an den sich Werner Winterhalter wandte, erkannte ihn und verbeugte sich.

»Sie setzen eine Partei an die Luft, Herr Doktor! ... Der Mann tut ja nix wie saufen. Da fängt er eben schon wieder Mäus' und Ratten in der Luft. Es ist eine Angst für die ganze Nachbarschaft!«

»Und die Frau und die Kinder?«

»Die kriegen einstweilen eine städtische Unterkunft. Das Fräulein vom Magistrat ist schon da!«

Drüben bellten die beiden Köter. Der Wagen mit dem Hausrat setzte sich in Bewegung. Die Familie wanderte mit einem Vogelbauer nebenher. Um die andere Ecke verschwand, eine Schutzmannsfaust am Kragen, der Trunkenbold. Der Menschenhaufen begann sich zu zerstreuen. Nur ein blondes, junges Mädchen stand noch auf dem leeren Bürgersteig, machte sich ein paar Notizen in ein Lederheft und sah dann auf und zu Werner Winterhalter hinüber.

Er hemmte nicht den Schritt. Er lüftete nur stumm im Weitergehen den Hut vor Eva Römer. Bei einer früheren Begegnung hätte er sie angesprochen. Heute vermochte er das nicht, in seiner Stimmung. Er dachte sich: Auch das ist gewesen. Auch du hast mich einst von dir gehen heißen, so wie meine Frau mich heute verließ. Auch von dir trag ich Narben im Herzen. Vielleicht die schwersten. Denn ich war noch jung!

Da kam sie zu seinem Erstaunen quer über die Straße auf ihn zu und gab ihm unbefangen die Hand.

»Gut, daß ich dir noch Adieu sagen kann! ... Ich geh nächster Tage von hier weg!«

»Wohin?«

»Wo ich früher war, am Rhein. Da ist jetzt die Fabrikinspektorinstelle frei!«

Eine Pause.

»Nun, dann laß es dir gut gehen, Eva!«

»Danke. Du auch.«

Sie trennten sich. Sie ging nach links, er nach rechts. Ohne es eigentlich zu wollen, wandte er noch einmal den Kopf und sah, daß sie es auch tat. Beide machten halt, kamen wieder aufeinander zu, hatten sich doch eigentlich nichts mehr zu sagen ...

Während er stumm in das klare, blauäugige Mädchengesicht vor sich schaute, überkam ihn der gleiche sonderbare Eindruck wie vor einem halben Jahr gegenüber sich selbst bei einem Blick in den Spiegel. Noch junge Züge. Man sah es ihrer blonden Frische nicht an, daß sie nun auch schon näher den Dreißig als den Zwanzig war. Aber es lag wie bei ihm ein Ernst darüber, ein Abglanz des Lebens. Eine Erkenntnis: Für uns beide war das Leben kein Spiel. Für dich im kleinen nicht wie für mich nicht im großen. Und eigentlich gibt es nichts Großes und nichts Kleines. Wir kämpfen alle denselben Kampf.

»Eva – lädst du dir nicht zu viel auf in der neuen Stellung?«

»Ach wo! Ich fühl mich pudelwohl!«

»Kann ich nicht irgend etwas für dich tun?«

»Danke! Ich brauch gar nichts!«

Da klang wieder der alte patzige Ton durch. Es ärgerte ihn. Dann sagte er sich: Sie hat ja recht. Sie marschiert ihre eigene Straße. Ein einsamer kleiner Kerl für sich. Sie hängt sich nicht an andere ... reißt sich nicht von anderen los wie ich ...

Und aus dieser Stimmung heraus versetzte er, gegen seinen Willen, unvermittelt: »Heute bin ich von meiner Frau geschieden.«

Eva Römer erwiderte nichts. Nach einer Weile setzte er hinzu: »Ich hab nun mal kein Glück ... bei euch ...«

»Nun also, adieu!« sagte sie, reichte ihm noch einmal flüchtig die Fingerspitzen und schritt davon.

Diesmal wandte sie nicht wieder den Kopf, sondern machte, daß sie weiterkam. Er stand, wo er war, und blickte ihr nach, der schlanken Gestalt in dem einfachen, mausgrauen Wintermäntelchen, dem schlichten, dunklen Hut, an dem der Januarwind zauste. Er fragte sich, in einem plötzlichen Gemisch von Ärger und Angst: Warum rennt sie denn so? ... Spornstreichs von mir weg, als ob es brennte? Ich tu ihr doch nichts! ... Ich hab doch, weiß Gott, meine Lehre hinter mir! ... Ich hab genug von dem allem ...

Nun, wo sie annehmen konnte, längst seinem Auge entzogen zu sein, verkürzte sie in der Ferne ihre Schritte, ging allmählich ganz langsam, in einer müden, geistesabwesenden Haltung. Man sah es von hinten an den schmalen Schultern. Ihr blondes Haar leuchtete durch den nun schon sehr gelichteten Nebel, wanderte weiter durch das Grau, dem Lärm und Schmutz der Stadt zu. Plötzlich machte sie halt. Sie hatte hinter sich ihren Namen gehört. Sie drehte sich um und sagte, die Hände zusammenlegend, ohne Erstaunen, mit ihrer tiefen Stimme: »Herrgott! Da ist er wieder!«

Beide mußten lachen. Dieser seelenruhige Klang wandelte sich plötzlich für ihn zu einem Bild – viele, viele Jahre zurück – ein Riß durch das Gewölk der Vergangenheit ... Der junge Erdarbeiter, der der Gymnasiastin unter dem Laubdach bei ihren arithmetischen Aufgaben half ... Waren das wir? Sind wir's noch? Wie kurz und lang das Leben ... Er war atemlos vom schnellen Gehen ... stand da ... schwieg. ...

Auch Eva Römer wartete wortlos, was er sagen würde. Eine leise Blässe überzog ihr Gesicht. In ihm dämmerte jäh ein Ahnen: Herrgott – sie geht wegen dir von hier weg! Sie will nicht mit dir in derselben Stadt bleiben, jetzt, wo du wieder frei bist! Und die ganze Stadt spricht ja seit Monaten von deiner Ehescheidung! ... In jedem Blatt schrieben sie ja ein breites und langes! Sie wußte das natürlich alles ...

»Na?«

Eva Römer fragte das förmlich trotzig, mit einer Schulterbewegung, als wollte sie gleich weiterpilgern. Er legte ihr die Hand auf den Arm und begütigte ihre Herbheit.

»Du – Eva: Ich hab mir's überlegt: es ist doch eigentlich Unsinn, daß wir so auseinandergehen – wo wir uns vielleicht Gott weiß wann je wiedersehen!«

»Ja, wie denn?«

»Wir sollten uns aussprechen zum Abschied!«

»Ich hab nichts zu erzählen!«

»Deine liebenswürdige Art kenn ich ... aber sieh mal, jetzt, bitte, bocke nicht, sondern hör zu ... Ich hab dich einmal sehr liebgehabt, Eva ... Und wenn man einen Menschen so liebgehabt hat, dann möchte man doch wenigstens wissen, was weiter mit ihm geworden ist, und wie es ihm im Leben geht. ...«

»Na, das siehst du ja!«

»Das Äußerliche ... daß du 'ne kleine Brotstellung hast ...«

»Oh bitte! Zweihundert Mark monatlich! Das ist 'ne ganze Ecke!«

»Na schön! Aber bloß Protokolle darüber, daß ein Schnapsbruder seine Familie verdrischt – das kann doch nicht allein dein Leben ausfüllen?«

»Sondern?«

»Das wollt ich dich eben fragen ... Was dir das Leben sonst noch gebracht hat ... Eva ... ich hab oft an dich denken müssen, gerade in letzter Zeit ...!«

»Was willst du denn eigentlich wissen?«

»Sag, Eva: Warum heiratest du denn nicht?«

Die Blässe in Eva Römers Antlitz wandelte sich in ein leises Rot. In ihre Augen kam ein feindseliger Schein. Sie warf den Kopf zurück und fragte schroff: »Ja – ist das für mich ermutigend, wie das etwa bei dir ausgegangen ist?«

»Da hast du recht!« sagte er ruhig. »Die Antwort hätt ich mir ja eigentlich bei dir denken können! ... Du bleibst immer die alte! Also gut! Lassen wir's! Ich dräng mich nicht in dein Vertrauen! Und nun zum letztenmal: Adieu!«

Aber zu seinem Erstaunen wandelte sich bei seinen Worten unvermittelt der hartnäckige, innere Vorbehalt auf ihren Zügen. Sie sagte auf einmal, als sei gar nichts geschehen: »Wart! ... Ich geh noch ein Stückchen mit dir!«

Und nach einer Weile, noch trotzig: »Das heißt ... wenn du Zeit hast ...«

»Natürlich!«

Er hütete sich, sie durch neue Fragen in sich zurückzuscheuchen. Sie schritten nebeneinander her, ins Freie hinaus, die Stadt im Rücken. Die letzten Häuserblöcke blieben hinter ihnen. Nun waren nur noch die Bretterzäune, die Schlote vereinzelter Fabriken – das erste Kartoffelland. Kahle Obstbäume am Straßengraben. Frische Luft.

»Versäumst du auch nicht deinen Dienst, Eva?«

»Ach – das ist mir jetzt auch gleich!«

Er merkte, daß sie mit etwas rang. Er schwieg. Er wußte: sonst sprach sie doch nicht ...

Nach ein paar Schritten blieben sie doch stehen.

»Ach – wozu eigentlich? Ich will doch lieber gleich umkehren!«

»Und dann? ... Dann gehst du weg von hier und ... Eva ... Wie denkst du dir denn das nun – wie das so schließlich mit dir wird?«

»Ich schuft halt weiter! Dann ist man wenigstens zu was nutz! Das hab ich damals bei dir nicht verstanden, daß du dich für andere abgeplagt hast. Jetzt tu ich's selber ... in meinem kleinen Kreis. Jetzt weiß ich, was darin liegt ... Ich war damals ungerecht gegen dich!«

»Aber wenn man Waise ist wie du ... mutterseelenallein ... Irgend etwas braucht doch der Mensch ...«

»Pah ... ich hab's ja so gewollt!«

Sie zuckte geringschätzig die Achseln, holte tief Atem und sagte hastig: »Weißt du – aber versprich mir: wenn ich das raus hab, dann geben wir uns nur noch die Hand, und du läßt mich ruhig gehen ... Du machst keinen Versuch, mich zu halten ... Dein Wort ...«

»Ja doch ... ja ...«

»Also früher ... da war ich ja kolossal dumm ... Da hatte ich viel zu viel Rosinen im Kopf! ... Ich glaub, ich hatt zu viel gelernt, auf einmal, für meinen Grips! ... Es kam so über mich ... Ich hab mich wahnsinnig überschätzt ... Damals ... Es ist mir jetzt selber ein Rätsel ...«

Sie schaute angestrengt zur Seite, ins Feld hinaus, wo ein Hase mit angelegten Löffeln über die Äcker dahinstob.

»Ich bildete mir ein, ich war weiß Gott was! ... Furchtbar selbstgerecht wird man, wenn man sich selber noch nicht verdaut hat. Ich dachte, es sei alles nur meinetwegen da und müßte so sein, wie ich mir's im Kopf zurechtgedeichselt hab ... Und am meisten mein künftiger Mann! ... So ist das gekommen, Werner ... durch meine Schuld!«

Hastig gab sie ihm die Hand zum Abschied. Es war ein trauriges Lächeln auf ihrem Gesicht, als wollte sie mit Galgenhumor die Tränen aus den Augen bannen.

»Na ... Inzwischen hab ich mir ja meinen Dickschädel kreuz und quer angerannt an allen Ecken und Kanten. Das Leben hat mich gehörig an den Ohren genommen. Ich bin so bescheiden geworden. Ich weiß jetzt ganz genau, daß nicht viel mit mir los ist! Ich bin ein armes Wurm und bleib's! So! Und nun adieu! ... Adieu!«

»Eva ... halt ...«

»Du hast mir versprochen ...«

»Ach ... ich pfeif auf mein Versprechen ...«

Sie rang, sich von ihm loszumachen ...

»Adieu! Ich hab dir das sagen wollen! ... Ich dacht, ich wär dir das vielleicht schuldig ... damit du ein bißchen besser von mir denkst ... Aber jetzt ...«

»Jetzt muß ich dich etwas fragen, Eva ... Hand aufs Herz: Es hat doch gewiß schon mancher um dich angehalten ...«

»Ja.«

»Aber nie der Rechte?«

»Nein.«

»Da wartest du also noch ...«

»Ich wart auf keinen!«

»Warum denn nicht?«

Sie kehrte sich von ihm ab. Er sah, wie sie mit Schluchzen rang, und hörte zwischendurch ein entschlossenes: »... weil ich dich nie vergessen hab!«

Dann richtete sie sich mit aller Willensanstrengung auf, schaute ihm ins Gesicht und sagte rauh, mit nassen Augen: »Ich werd dich auch nie vergessen. Deshalb ... das geht dich auch gar nichts an. Das ist rein meine Angelegenheit. Es ist ja alles längst vorbei. So. Jetzt hab ich's abgebüßt! Und das siehst du ein, daß wir uns, nachdem ich das gesagt hab, nie mehr im Leben sehen dürfen!«

»Nun gerade ...«

»Nein. Das mußt du mir ersparen!«

»Denk doch mal an mich, Eva! Glaubst du denn, mir sei's so gut ergangen? Ich hab vielleicht noch Schwereres durchgemacht. Ich bin gerade so arm wie du ...«

»Du und arm!«

»Ja. Mein Leben ist bisher immer ein Suchen gewesen und nie ein Finden. Aber ich glaub: jetzt find ich's doch! ... Eva ... denk, es sei alles ein Traum gewesen und wir wären beide noch jung und dumm wie damals! ... Herrgott ja ... dumm sind wir ja nicht mehr so ... aber jung sind wir immer noch!«

Er hielt sie umschlungen und hob den Mund von ihren Lippen.

»Mein Leben wird noch stark und wird noch reich! Teil's nur mit mir! Du wirst es nicht bereuen ...!«

Die letzten Nebelschwaden verschwanden in dem winterlichen Himmelblau. In breiten, goldenen Bahnen lag da vorn das Sonnenlicht über der neuen, im Entstehen begriffenen Arbeiterstadt. Halbfertig hoben sich die Häuser aus der frisch geebneten Erde. Baumpflanzungen zeichneten sich in ihr ab, die Umrisse von weiten Plätzen und freien Straßen, jetzt schon ein lebendiger Gegensatz zu dem grinsenden Grau der Fabrikviertel innen vor dem Weichbild der Stadt. Und über diesem Werden der Wille eines Mannes. Er dachte daran, wie er einst selbst den Karren geschoben, er, der jetzt hier Herr war, und dachte sich weiter: Das ist der Schlüssel und Sinn meines Lebens: König und Kärrner in einem.

Die Hämmer klangen. Die Säge sang. Die Schaufeln schlürften. Die Räder knarrten. Menschen in Mengen wimmelten, schleppten, mähen, riefen. In hundert Stimmen dröhnte das Lied der Arbeit.

Werner Winterhalter zog Eva an sich.

»Wie du mich zuerst gesehen hast, Eva, war ich ein Arbeiter mit lehmigen Händen. Ein Arbeiter werd ich mein Leben lang sein. Rasten kann ich nicht. Kämpfen muß ich ... vielleicht auch unterliegen ... Das sag ich dir vorher!«

Sie nickte.

»Denn das weiß ich wohl, Eva, und das muß sich jeder sagen, der nicht stillsitzen kann in unsrer Zeit: Mit unserer Kraft ist's nicht getan! Ich werde das Buch mit sieben Siegeln, die große Frage, so wenig lösen wie irgendein anderer. Was ich da drüben baue und schaffe, ist ein Sandkorn, ist Stückwerk, ist vielleicht ein neuer Fehlgriff und wird sich wieder an mir rächen! Auf das alles bin ich gefaßt.

Aber was bleibt einem übrig, als daß man sein bißchen Können und guten Willen da einsetzt, wo man in seinem engen Kreis ein wenig helfen kann. Es ist immer dasselbe, was auch du übst: die Kraft im Kleinsten! Und vielleicht baut sich doch aus unserem tausendfachen Irrtum die Wahrheit auf.

Und wenn nicht ... Als Junge habe ich es im ›Faust‹ zunächst nicht begriffen, daß es da im Anfang heißt: ›Es irrt der Mensch, solang er strebt!‹ und zum Schluß singen alle guten Geister: ›Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.‹ Da ist das Geheimnis. Dafür bin ich Mensch, daß ich nicht aufhören kann zu streben, auch wenn ich weiß, daß ich mich irre!«

»Nein, Werner: Tu du dein Leben lang, was du mußt!«

»Und willst du tapfer sein und mit mir kommen?«

»Ja!«

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