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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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13

»Die alte Maschin taugt nix mehr!« sagte Leopold Winterhalter mit schwacher Krankenstimme ... »Wenn ich so denk, Amalche, wie ich ein junger Mann war und um dich angehalten hab, da haben dein Vater und ich uns hingesetzt und den lieben langen Abend miteinander Überrheiner getrunken, bis wir uns vor leeren Flaschen auf dem Tisch nicht mehr haben sehen können. Damals war ich ein anderer Kerl. Aber jetzt ... ach, du liebe Zeit ...«

Seine Frau schwieg. Sie saß, die Hände im Schoß gefaltet, neben dem Bett des Fabrikanten. Es ging ihr manches durch den Kopf. Ja – jetzt bist du brav, Alterle! ... Aber früher ... Wein. Weib und Gesang ... Der Gesang noch am wenigsten. Wenn man erst mit der ganzen Litanei anfangen wollte ... Jetzt lag's ja hinter einem. Kreuz und Trübsal ... Auf dem Nachttisch mahnten Medizingläser und Löffel: ›Das Leben ist Staub!‹ Der Leidende richtete sich grimmig in den Kissen auf und nahm einen Schluck Mineralwasser.

»Pfui Kuckuck! ... Das soll der Sanitätsrat selber saufen! Er ist ein Esel, Mutter! ... Widersprich mir doch nicht alleweil! ... Apfelkompott ... Zwiebäckche. ... Davon wird doch keiner fett! ... Ich brauch Kräfte ...! ... Herrgottdunnerschlag ...«

Eine Sekunde kochte in ihm wieder das hitzige Pfälzer Blut. Dann sank er ermattet zurück. Lag still. Einer, der keinen Herbst des Lebens erfahren hatte und seine milde, früchteschwere Reife. Auf einen überlangen heißen Sommer war bei ihm über Nacht der Winter gekommen. Leopold Winterhalter war ausgeglüht. Nur noch ein paar Funken in der Asche. Zwei heißglimmende, schwarze Augen über dem weißen Bart. In ihnen spiegelte sich das Wandern der Gedanken.

»Jetzt ist's mit dem Auto kein Kunststück mehr, Amalche! ... Aber wie ich vor fünfzehn, zwanzig Jahren noch die Chaussee lang gefahren bin, mit bloßem Kopf im Regen, damals schon sechzig Kilometer die Stunde ...«

»Du sollst dich doch nicht aufregen, Leopold!«

»Ach, sei du still! ...« Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Bettdecke. Er sah im Geiste seine Maschinen vor sich. Sprach im Fiebernebel mit ihnen. Schimpfte auf sie. Zischte vor Zorn.

»Warum wollt ihr denn nicht mehr bergsteigen, ihr Racker, he? ... Sell ist das Neuste! ... Schämt ihr euch nit? ... Jedes dreckige Schnauferl laßt ihr vorbei! ... Meine Wagen, Amalche, meine Wagen ...«

»Diesmal doch nicht, Leopold! ... Diesmal geht's doch besser! ... Unberufen!«

»Les' mir noch mal die letzte Depesche vor!«

»Du tätst jetzt besser schlafen, Mann!«

»Vorlesen, sag ich!«

Leopold Winterhalter hatte sich auf den Ellbogen aufgestützt. Er besaß auf einmal wieder seine alte Pfälzer Donnerstimme. Die Augen glühten. Seine Frau schrak zusammen, gehorchte ängstlich und instinktiv, in der Gewohnheit eines Menschenalters: »Mitteleuropäische Tourenfahrt. Zweiter Tag abends. Marke Winterhalter immer noch mit in Front. Alle drei Wagen nahmen ohne Stop den Jaufen...«

»Mutter ... den Jaufen!«

»... überholten von Meran ab sieben Wagen, liefen als geschlossenes Tram in Innsbruck ein!«

Der Kranke tat einen tiefen Atemzug der Erleichterung.

»Uff! Das hör ich gern! ... Jetzt können sie auf einmal wieder klettern, die Schoten! ... Wie die Affen klettern sie, Amalche!«

»Das verdankst du Werner!«

Die Tür öffnete sich leise. Der Privatsekretär kam auf den Fußspitzen herein.

»Gute Nachrichten, Herr Kommerzienrat... vom heutigen dritten Tag! ... Wir haben über München telephonischen Anschluß mit der Fahrleitung gekriegt! Also es stimmt: Bisher hat wirklich nur einer von unseren Wagen Strafpunkte!«

»Mein Sohn natürlich?«

»Nein!«

»Also der Robert Kienast?«

»Auch nicht. Gerade der Dritte im Bund!«

»Der Rennfahrer, den ich mir für'n Heidengeld aus Berlin verschrieben hab?...«

»Ja. Der hat das Pech!«

»... daß dich die Krott petz!«

»Aber dafür reißen uns ja die beiden andern glänzend heraus!«

»Ist jemand unten im Bureau?«

»Alle Direktoren und die meisten Herren vom Aufsichtsrat sind schon da. Wir erwarten stündlich die Entscheidung.«

Leopold Winterhalter hatte, als ihn plötzlich das schwere Leiden überfallen, es in dem Schweigen seiner großen, einsamen Villa draußen im Millionärsviertel nicht ausgehalten. Mit so 'nem eigensinnigen Doktor wurde ein Mann wie er noch fertig! Er hatte es durchgesetzt, daß man ihn hier, im Verwaltungsgebäude seiner Fabrik, bettete, wo auch vom Krankenlager aus sein Blick auf seinen geliebten Schloten ruhte, seine Maschinen ihn in den Schlummer sangen, sein Wille immer noch über Menschen, Stahl und Flammen schwebte. Er reckte sich wieder ungestüm empor. Nun konnte er von seinem Zimmer aus quer über den Hof in die abendhellen Konferenzsäle zur ebenen Erde schauen. In denen standen, von Tabakrauch umsponnen, viele Herren in erregtem Gespräch. Einer von ihnen lehnte am Telephon, horchte, hing das Hörrohr an den Haken, rief den andern etwas zu, rannte aus dem Zimmer, kam die Treppe herauf, klopfte, fast schon im Eintreten. Es war der Justitiar, Moritz Kühn.

»Hurra! ... Wir sind glatt über den Zirler Berg!«

»Schreien Sie nicht so, Moritz! ... Mein Mann soll doch Ruhe haben! ... Abends wird das Fieber doch immer stärker! ... Leopold ... du hast ja schon wieder ganz rote Backen ...«

Frau Winterhalter flüsterte es und schob den andern hinaus, mit einem besorgten Blick auf den Kranken. Der achtete nicht darauf. Sein Kopf war benommen. Nach kurzem fing er an zu phantasieren, verfolgte rastlos im Hirn die wohlbekannte Rennstrecke ... fuhr mit ... auf saufenden Rädern ... in Sturm und Staub ...

»... Am Karwendelgebirge vorbei ... Ja nicht nach links ... da geht's nach Garmisch ... grad aus ... die langen, langen Wälder ... Obacht, ihr Leut! ... Obacht auf der Kesselbergstraß ... als tapfer um die Kurven ... da unten der See ... So! ... Jetzt los ...«

Er war in seinen Fieberphantasien mitten im Fürstenrieder Park ... die weite, breite, schnurgerade Rennstrecke ... die Schnelligkeitsprüfung ... das Heranfliegen der Wagen ... Obacht auf die Wildsauen! ... Wenn einem so e Butz unter die Räder kommt ... Ach so! ... Es ist ja helllichter Tag! ... Laßt ihn laufe ... den Kasten ... laßt ihn laufe ... Gas! ... Gas! ... So ... nun ging es wieder langsamer ... da hinten tauchen Häusermassen auf ... die Frauentürme von München grüßen ... Sieg ... Mitternacht vorbei ... Es ist erreicht ... Es kommt der Schlaf ... die Ruhe ...

Und am andern Morgen die entscheidende Depesche aus München auf der Bettdecke: »Gut durchgehalten bis zuletzt! Haben sichere Anwartschaft auf dritten, vielleicht sogar halbierten zweiten Preis. Stehen jedenfalls von jetzt ab wieder in Front der führenden Firmen!«

Ein halbes Dutzend der Betriebsleiter stand vor Leopold Winterhalters Bett. Die Aufregung spielte noch auf allen Gesichtern. Der kleine, dicke Doktor Bätzle sagte: »Herrschaften ... hat keiner was plumpsen hören? Das ist der Stein, der uns auf der Bank heut früh vom Herzen gefallen ist! Unter uns: Es war uns schon ein bißchen Angst mit der Geschäftsverbindung mit euch! ... Ein Auto ist doch nun mal keine Postkutsche!«

»Nun reißt uns die neue Geschichte mit dem Vergaser heraus!«

»Wann kommen denn die drei zurück?«

»Keinen Schimmer!«

»Erst müssen sie doch in München Feste feiern!«

»Nee!« versetzte Moritz Kühn. »Ich hab eben mit meinem Schwager telephoniert!«

»Na – was sagt denn Werner Winterhalter?«

»Bankette seien Kinkerlitzchen und Alkohol Gift und die Zeit Geld. Sowie die Nachprüfungen heute vorbei sind, setzt er sich auf und fährt mit seinen Leuten die vierhundert Kilometer von München in einem Stück durch!«

»Dann könnten sie ja morgen vormittag hier sein!«

»... werden sie auch ...«

Leopold Winterhalter sprach nichts weiter. Aber als tags darauf die helle Sommervormittagssonne goldene Kringel auf den Fußboden des Krankenzimmers malte, sah er plötzlich auf die Uhr.

»Jetzt ist's zehn! Vor zwei Stunden sind sie schon durch Pforzheim durch. Jetzt pressiert's! ... Schorsch ... geben Sie mir mei Strümpf!«

Der Bureaudiener widersprach erschrocken: »Aber Herr Kommerzienrat!«

»Mei Unterzeug her ... die Stiefel ...«

»Der Herr Doktor hat doch so streng verboten...«

»Der Doktor soll sich heimgeige lasse ... die Hose bei ... Schorsch ... ich sag's im guten ...«

»Wenn die Frau Kommerzienrat das hört ...«

»Die Hose bei!« donnerte Leopold Winterhalter. Er stand schon aufrecht vor dem Bett, immer noch breitschulterig, wie für die Ewigkeit gebaut, trotz der gebeugten Haltung, des eingefallenen Gesichts ... Er holte mühsam Atem. »So ... helfe Sie mir mal rein ... Rock... Weste ... Schlips ... oder 's gibt ein Unglück ...«

»Das gibt's auch, Herr Kommerzienrat!«

»Maul gehalte! ... Ich bin hier Herr im Haus! ... Ich reiß euch allen die Ohren ab, wenn ihr mir nicht pariert! ... Ich will dabei sein, wenn ... Geben Sie mir den Arm, Schorsch! ... Sodele ... Man kriegt ganz scheppe Bein von dem langen Liegen. ... Als vorwärts ... die Treppen runter ... Herrgott ... da unten schreien sie ja schon ...«

»Ja. Die Wagen laufen ein!«

»Hurtig, Schorsch ... hurtig ... halten Sie mich nur fest!«

»'s ist noch Zeit! ... Sie lege jetzt erst am Tor Kränze um die Wagen!«

»Sie sollen nix ohne mich machen! ... Ich bin der Mann an der Spritz! Ich hab das alles hier geschafft ... Dreck war hier und kaputte Küchentöpf und tote Katzen, bis ich gekommen bin und gebaut hab! Und jetzt ... da gucken Sie mal hin, Schorsch!«

Lange Wimpel warfen von den Fenstern des Verwaltungsgebäudes ihre flatternden Sonnenschatten über die Kiesfläche des Hofes. Auf dem reihten sich längs der Mauern langhin die Meister und Fahrer und Schlosser der Versuchsabteilung, auf der Schmalseite die Ingenieure der Konstruktionsbureaus, die kaufmännischen Leiter, vorn die Bankvertreter, die Mitglieder des Direktoriums, ein Gewimmel von hundert Menschen. Ihnen gegenüber, in einer Reihe nebeneinander, die drei siegreichen Rennwagen. Sie sahen aus wie wandernde Handwerksburschen, grau, bestaubt von der Landstraße, verschrammt und zerschlissen. Sie glühten noch. Die Blumenpracht der um ihre Hauben gewundenen Kränze war im Nu auf dem heißen Blech verdorrt. Tausende von toten Insekten klebten vorn in den Maschen der Kühler. Die sechs Männer auf den Führersitzen waren so von Schmutz überkrustet, daß sich das Leder ihrer Rennhauben kaum von der Gesichtsfarbe unterschied. Leopold Winterhalter hatte Mühe, seinen Sohn unter dem halben Dutzend Sturmgesellen zu erkennen. Er ging auf ihn zu und gab ihm stumm die Hand. Hinter ihm war eine Bewegung. Ein Flüstern der Überraschung. Fast ein Schrecken.

»Der Alte!«

»Kommt der noch einmal runter!«

»Der wird wieder, ihr Leut!«

Und vorn die beiden, Vater und Sohn.

»Wie geht's dir, Papa?«

»Ach, laß heut bloß meine alte Knochen aus den. Spiel! Die Hauptsache ist: Wir haben die Konkurrenz verdroschen!«

»Wenigstens kriegen wir den halben zweiten Preis!«

»Wir sind wieder im Rennen, Werner! Seit gestern abend ist's, als schneit's! So kommen die Depeschen knüppeldick von unsern Vertretern. Es sind schon gut Stücker fünfzig Wagen fest bestellt ... Wo willst du denn hin?«

»Nach Hause!«

»Jetzt gleich? ... Und unsere Feier? ...«

»Ich hab noch nie gehört, Papa, daß man den Friedensschluß vor dem Krieg feiert! ...«

»Wir haben doch gesiegt!«

»Ich hab gesiegt! ... Meine Erfindung! ... Baut nur eure fünfzig Wagen! ... Ohne mich stehen sie doch wieder wie die Ochsen am Berg. Mein Schräubchen in der Düse wiegt mehr als eure ganze Fabrik ...!«

Werner Winterhalter stand allein, die Augenbrille über die Kappe geschoben, in ölbeflecktem, berußtem und verstaubtem Mantel vor dem vielköpfigen Generalstab der väterlichen Werke. Niemand drüben sprach ein Wort.

»Siehst du die Gesichter deiner Leute, Papa? ... Traust du wirklich dem Landfrieden? ... Na ... ich will euch vorläufig nicht stören ... Feiert nur eure Feste!«

Er drückte dem Vater die Hand und ging davon, mit langen, vom Fahren unsicheren Schritten, wie ein Seemann auf dem Land, den Kopf im Nacken, die Hände in den Manteltaschen. Der Ältere schaute ihm düster nach. Er mußte einen plötzlichen Anfall von Schwäche überwinden ... ein Schwindelgefühl ... Er nahm sich zusammen ... Er allein war berufen, den Sieg zu krönen ... Er schob den Festredner beiseite, ergriff selbst durch die plötzliche Stille das Wort. Seine Stimme war noch so stark wie in seinen guten Tagen, wuchs im Reden, füllte den weiten Raum.

»Meine Herren! Ich komme zum Schluß: Wir gehen einem abermaligen, gewaltigen Aufschwung unseres Betriebes entgegen. Ich bitte Sie alle auch weiter um Ihre Mitarbeit. Ich lese auf Ihren Zügen das Gelübde: Sie sind bereit! Lassen Sie uns dies Gelübde heute erneuern ...«

Und in dem hundertstimmigen Hoch auf die Winterhalterschen Werke in ihm ein Grauen, das das Herz zusammenzog ... die Angst vor dem Sturz ... vor der Entthronung ... das Hurra verklang ... Es war das drittemal schon unsicher ... verlor sich in ein Gemurmel ... Auf allen Gesichtern da vorn, unter den Eingeweihten, war derselbe Schein der Sorge, von verhohlener Unruhe. Es bildeten sich erregte raunende Gruppen.

»Ist denn die Geschichte überhaupt patentfähig?«

»Mensch ... kommen Sie vom Monde? ... Er hat doch schon seit voriger Woche das Reichspatent in optima forma

»Na – dann kann er ja Schindluder mit uns treiben!«

»Pscht! Nicht so laut!... Na, Herr Kommerzienrat ... nun legen Sie sich aber hübsch wieder in die Klappe!«

Leopold Winterhalter drückte die Hände der Umstehenden und wehrte eigensinnig ab.

»Wenn ich schon mal glücklich hier unten bin, dann will ich auch nach dem Rechten sehen ... Lassen Sie's gut sein, Schorsch!..... Ich helf mir jetzt schon selber!«

Er humpelte davon, ohne daß ihm jemand zu folgen wagte, klinkte die Türen auf, stieg in die Glut der Maschinensäle. Überall fuhr man zusammen, wo sich wieder das wohlbekannte, strenge Augenpaar unter den graubuschigen Brauen zeigte. Noch einmal umfing ihn diese Welt des Wirkens und Werdens. Noch einmal fühlte er sich als der Herr, hatte die Blicke überall, entdeckte in der Lackiererei Blasen auf einem noch feuchten Wagenschlag, den Abdruck von unvorsichtigen Fingern, und donnerte jählings los: »Wer hat denn das wieder geschafft, ihr Dreckspatze? ... Ich will euch lehren!« Aber eigentlich war es ihm gleich. Er war zu erschöpft. Er trat ins Freie. In einen einsamen Winkel hinaus. Den kannte er. Er sagte sich: Da hat damals der Lausbub, das Wernerche, in der Laubenkolonie gehockt, wie er sich vor mir versteckt hat ...

Damals ... der Bub war groß geworden ... anders, als man dachte ... Stärker. Und in Leopold Winterhalter eine unbestimmte Ahnung: In dir wohnt etwas, Werner, was ich nicht kenne und nicht versteh, und das ist das Stärkere und hebt dich über mich ...

Er schüttelte den Kopf. Er blickte in die Höhe. In den Lüften war ein Sausen und Brausen. Ein Ton, wie er ihn nie in seinem Leben gehört. Es kam rasch näher. Verworrener Jubel von Menschenstimmen klang darin. Fern läuteten die Glocken. Etwas Unwahrscheinliches, Riesenhaftes erschien plötzlich weiß am Himmel, hart über der Fabrik. In stürmender Fahrt flog der Zeppelin zum erstenmal, pfeilgerade wie ein Zugvogel, über die Stadt gen Norden. Die Propeller rauschten. Es summte und dröhnte. Dort oben in der bezwungenen Luft stampfte derselbe Motor, wie man ihn hier unten baute. Leopold Winterhalter nahm den Hut ab und schaute dem rasch entfliehenden weißen Wunder nach. Er setzte sich hin. Die Erscheinung in der Höhe hatte ihm Trost gegeben. Eine Erkenntnis über die Nützlichkeit seines Lebens hinaus: Wenn ich auch jetzt verbraucht bin – auch ich hab das Meinige getan. Auch ich war nicht umsonst auf deutscher Erde und geh in ihr zur Ruh! Auch ich hab, für mein Teil, mitgekämpft und mitgearbeitet in unserer großen Zeit. Mögen nun andere kommen und es besser machen ... Mein Sohn ...

Er schloß die Augen. Er schlief. Der Donner seiner Maschinen um ihn sang ihn zur Ruhe. Einmal noch machte er eine Bewegung . .. »Wernerche ... bist du da ...?«

Die Sonne flimmerte ... Stille. – Auch draußen in dem grünen Park- und Villengürtel der Wohlhabenden war jetzt, in der Mittagsglut, kaum ein Mensch auf der Straße. Werner Winterhalter ging langsam dahin. Er fühlte, nach dem tagelangen, sausenden Luftzug der Fahrt, zum erstenmal das Brennen der Hundstagshitze auf Stirn und Wangen. Eine träge, einlullende Schwüle ... Nein ... er richtete sich auf ... jetzt nicht ... Mit festem Schritt trat er in sein Haus, befreite sich vom Landstraßenstaub und fragte dann nach seiner Frau.

Sie kam eben aus der Stadt zurück, wo sie Besorgungen gemacht, und trat in die Eingangshalle, schlank, lang, ganz in Weiß, einen mächtigen, rosenumkränzten Strohhut schräg auf dem schönen, blonden Kopf. Draußen hielt die Equipage. Ihr Neuestes waren jetzt Pferde. Sie kutschierte eigenhändig ein Schimmelgespann, saß morgens vor Tag und Tau im Sattel, lief spät abends noch in den Stall und maß die Temperatur des Trinkwassers im Kübel. Alles, was Motor hieß, strafte sie neuerdings mit stiller Verachtung, in bewußtem und gewolltem Gegensatz zu ihrem Mann, tat auch jetzt, als ahnte sie gar nichts von dem Rennen und seinem Ausgang, und flitzte mit einem flüchtigen Kopfnicken an ihm vorbei.

»Stefanie... bleib mal ...«

»Du siehst doch: ich hab alle Hände voll mit den Kommissionen ...«

»Leg deine sieben Zwetschgen nur irgendwohin und komm da herein!«

Sie sah ihn erstaunt an und gehorchte. Gleich darauf mußte sie lachen.

»Du ... das ist ja ganz neu, daß du hier den Hauspascha spielst.«

»Sei ernst und höre mir zu!«

Sie unterdrückte ein Gähnen, setzte sich, strich die Falten ihres weißen Kleides glatt und ließ die Augen gelangweilt hin und her schweifen. Er stand vor ihr, in einem entschlossenen, aber gütigen Ernst und sagte unvermittelt: »Es muß anders zwischen uns werden, Stefanie!«

»So?«

»Ja. Es muß.«

»Ausgerechnet gerade jetzt vor dem Frühstück? .. Du ... ich hab Hunger!«

»Heute ist für mich der entscheidende Tag. Der Erfolg hat mir recht gegeben!«

»Ach, laß mich aus mit deinen Autos! Wenn ich bloß keinen Benzin mehr zu riechen brauch, dann bin ich schon froh!«

»... und mit dem Erfolg fängt für mich ein neues Leben an.«

»Meinetwegen! ...«

»Ein Leben mit dem äußeren Inhalt, so wie er mir bisher gefehlt hat!«

»Schön! ... Mach du, was du willst. Ich tu auch, was ich mag!«

»Aber das Innere. Da handelt es sich um uns beide! Stefanie: Wir müssen uns ins Gesicht sehen und uns einmal die Wahrheit sagen ...«

»Ach ...«

»Zweierlei hat uns zusammengeführt. Rausch bei mir und bei dir Berechnung. Mein Rausch ist verflogen. Das gesteh ich ehrlich. Wie weit dich deine Berechnung enttäuscht hat, weiß ich nicht ...«

»... reingefallen bin ich!«

Sie stand wütend mit blaufunkelnden Augen auf und durchmaß mit ihren langen, sportgewohnten Schritten das Zimmer.

»Wir sind aber doch nun einmal Mann und Frau, Stefanie!«

»Ja, leider ....«

»Komm ... setz dich neben mich ... ganz dicht.... Gib mir deine Hand ... ich nehm sie zwischen die meinen ... Nun hör still zu ... Nein ... seufze nicht ... sei nicht schon wieder ungeduldig ...«

»Liebe Zeit ... da sitz ich ja wie ein Opferlamm.«

»Du kannst ja nichts dafür, daß du bist, wie du bist! ... Nie, von Kindesbeinen auf, hat dich ein Mensch den Ernst des Lebens gelehrt.... Deine Eltern haben dich verzogen, die Natur hat's gut mit deinem Äußeren gemeint ... Nie wurde dir eine Pflicht auferlegt. Nie hast du eine Verantwortung getragen. Du hast mit allem immer nur gespielt. Mit deinen Puppen, mit deinen Tennisbällen, mit mir. Aber du hast nicht gemerkt, daß du selber nur ein Spielzeug bist. Auch heute noch!«

»Jesus ... was redet der Mann heut wieder zusammen!«

»Und schau: Ich bin in einer ähnlichen Lage. Auch ein Sonntagskind – wie du. Aber rings um uns und auf der ganzen Welt sind Tausende und Millionen – denen geht es nicht so gut. Die müssen schwer arbeiten, ihr Leben lang, damit sie ihr täglich Brot haben und wir den Ueberfluß. Ich glaub, du hörst schon wieder nicht zu ...«

»Doch ... doch ...«

»Und seitdem ich überhaupt selber denken gelernt hab, hat mich der Gedanke an diese meisten Menschen auf der Erde nie verlassen.«

»Ja ... ich kann nix dafür. ... Ich hab die Welt nit erfunden.«

»Dir macht niemand einen Vorwurf. Aber ein Vorwurf ist in jedem und muß in jedem sein, dem das Schicksal so viel vor anderen gegeben hat wie mir. Er muß sich sagen: Das hab ich nicht umsonst. Davon muß ich mich loskaufen. Dafür bin ich den andern etwas schuldig. Sieh: ich sprech recht langsam, recht deutlich, recht ruhig, damit du mich auch verstehst...«

»Gott ... so dumm bin ich doch auch nicht!«

»Also begreifst du's, was ich sage: Glück heißt Pflicht! ...«

»Ja doch ... ja ...«

»Pflicht aber erfordert einen Wirkungskreis. Den hab ich jetzt gefunden. Ich will meine Erfindung nicht ausnutzen, um noch reicher zu werden, als ich schon bin, sondern um meinem Gewissen zu genügen ... da draußen ... in der Fabrik ...«

»Gott ... die gräßliche Fabrik ...«

»Willst du mir dabei helfen, Stefanie, anderen zu helfen? Wir sind uns fremd geworden. Wir waren uns eigentlich immer fremd. Vielleicht führt uns ein gemeinsames Ziel doch zusammen. Was hast du denn? Warum schaust du denn nach dem Hof?«

»Ach... der Schorsch ist doch wirklich ein rechter Simpel! Er soll doch die Pferde erst mit'm Strohwisch abreiben und nicht gleich die heiße Decke drauflegen ...«

»Laß doch jetzt die dummen Gäule! All den geschäftigen Müßiggang. Sag dir: der hat seine Zeit gehabt. Jetzt will ich ein ernster Mensch werden...«

»So? Und wenn der ›Odin‹ nachher hustet...«

»Herrgott... dann hustet er! ... Es ist viel schlimmer, daß hunderttausend Menschen da draußen husten, und ohne elektrisches Licht und Warmwasserheizung und Nachtwachen wie deine Vierfüßler im Stall! Du bist stehengeblieben, Stefanie, an der Stelle, wo dir das Leben am leichtesten vorkam. Aber man muß nicht stehenbleiben. Man muß vorwärts ... auf die Gefahr hin, daß man zehnmal fehlgeht! Soll ich immer allein gehn? Willst du nicht versuchen, mit mir zu gehn ... auch ein nützlicher Mensch zu werden...«

»Ach ... wozu denn?«

»Zum Donnerwetter: weil wir's sollen!«

»Wer heißt's einen denn?«

»Selber muß man sich's befehlen!«

Sie schüttelte phlegmatisch den Kopf.

»Ach! Das ist doch nix für mich!«

»Stefanie... das ist zwischen uns die entscheidende Stunde. ...«

»Wenn man denkt, man könnt so gut seine Ruh haben ... so gut wie jeder andere...«

»Du hast mich zum Mann haben wollen!«

»Ja. Und meine Eltern haben gleich gesagt: Paß nur Obacht, wenn er seine Mucken kriegt...«

»Stefanie! Du bist doch nicht böse ... Du bist auch nicht hart! ... Ich sprech doch nicht mit deinen Eltern. Ich sprech zu dir!«

»Aber ich weiß schon, was ich tu: Ich frag meinen Pappa!«

Sie saß und trommelte befriedigt mit der lose geballten Faust auf dem Tisch, krause Eigensinnswölkchen auf der Stirn. Ihre rosigen, frischen Züge glätteten sich. Er sah stumm auf das große Kind. Die Sèvresuhr auf dem Kamin tickte durch die Stille.

»Also frage deinen Papa!« sagte er endlich. »Was er dir antworten wird, weiß ich.«

»Siehst du wohl!«

»Aber, was eben geschah, das weißt du nicht.«

In der Eingangshalle neben dem Zimmer war ein Laufen von Schritten. Halblaute Rufe. Sturmgeklingel durch die offenstehende Tür einer Telephonzelle. Werner Winterhalter horchte auf und trat hinaus. Ein Diener rannte ihm entgegen.

»Herr Doktor! Herr Doktor! Der Herr Kommerzienrat hat einen Schwächeanfall gehabt. Sie haben ihn bewußtlos im Hof gefunden. Herr Doktor möchten doch gleich hin.«

Noch hingen außen an der Front der Winterhalterschen Werke die farbigen Siegesfahnen, und ging innen die Arbeit, in Fauchen und Funkensprühen der Essen, in Hammerschlag und Maschinengestampf, ihren rastlosen Gang. Kaum einer von den Tausenden von rußgeschwärzten Blusenmännern wußte, was vorhin geschehen. Man hatte Leopold Winterhalter eilig hinauf in seine Räume getragen, so wie man den verwundeten Feldherrn hinter die Front schafft. Zu was die Truppen entmutigen? Zu was die Kurse schwächen? ... Die waren ohnehin heute, trotz des Sieges, an der Frankfurter Börse kaum um ein paar Prozent gestiegen. Es gab zu viel Kundige ... seit Monaten ein geheimes Stichwort längs des Rheins: ›Vorsicht! Die Firma hat nicht das Patent...‹

»Herr Sanitätsrat – wie steht's?«

»Nicht so arg, Herr Winterhalter! ... Nicht so arg! Der Herr Papa hat 'ne Natur – da kann sich ein Bär verstecken...«

»Aber er ist nicht bei sich...?«

»Ja. Ein tüchtiger Stupser vom lieben Herrgott ist's schon! Ich hab's ihm die ganze Zeit gepredigt: »Leopold ... mach Schicht!« Aber, wer nicht hat hören wollen, das war der Herr Kommerzienrat! Jetzt wird er schon klein beigeben müssen! Er kann die Leitung der Fabrik nicht mehr behalten!«

»Glauben Sie wirklich?«

»'s ist ausgeschlossen, Herr Winterhalter... 's ist ausgeschlossen! ... Man braucht den Mann ja bloß anzusehen!«

Der Tag sank. Die ersten Schatten der Dämmerung fielen in das Zimmer, als Leopold Winterhalter die Augen aufschlug und den alten Sanitätsrat erkannte. Er nickte mit einem schweren Atemzug dem Logenbruder zu.

»Hermännle ... das war e Reißer!«

»Das will ich meine, Leopold!«

»Du – wie lang mach ich's denn noch?«

»... noch 'ne ganze Weil, wenn du ausspannst!«

»Das kann ich doch nicht!«

»Tu nicht so arg dick, Leopold! Wenn's in Deutschland ohne den Bismarck gegangen ist, wird's hier auch ohne dich gehen! Wozu hast du denn einen Sohn!«

Der Kranke schwieg. Es kämpfte in ihm. Dann trat der Sanitätsrat zu Werner Winterhalter, der im Nebenzimmer wartete.

»Ich möcht lieber 'ne Herd Flöhe hüten als dem Herrn Papa was beibringen, was er nicht hören mag! Aber jetzt glaubt er mir endlich! Gehn Sie nur zu ihm hinein!«

Das Zimmer dunkelte. Kaum sah man noch das graue Haupt auf den weißen Kissen. Draußen war, nach Feierabend, der Lärm der Arbeit verstummt.

»Komm besser her, Werner! Ich kann nicht so schrein wie früher. So. Jetzt gib mir deine Hand. Jetzt wollen wir uns vertragen. Es ist ein bißchen arg spät. Aber besser wie gar nicht. Das alte Kamel, der Sanitätsrat, bringt mich doch bald unter die Erd.«

»Du mußt dich nur schonen!«

»Ich hab mich nie geschont und dich nicht und keinen ... dich am wenigsten!... Du ... ich muß dir mal was sagen. ...«

»Ja...?«

»Tu den Kopf herunter ... noch mehr ... ich sag's dir ins Ohr: Du ... Werner ... ich war schuld ... nicht du ... so ... jetzt ist's raus... Guck emol ... jetzt gibt mir der Bub die Hand! ... Gib mir 'nen Kuß, Werner ... zum erstenmal seit Anno Tobak ... Du ... und verzeih mir ... Gelt? ...«

Es klopfte an die Tür. Eine Stimme von außen.

»Die Herren sind unten im Konferenzsaal und lassen fragen, wie's geht!«

»Geh nur runter, Werner!«

»Gute Nacht, Papa!«

»Halt! Nicht so hitzig! Und sag ihnen: Mich könnten sie jetzt auch im Fabrikmuseum aufstellen, so wie unsere ersten Maschinen, mit denen wir vor zwanzig Jahren die Chaussee unsicher gemacht haben. ... Ich wär nicht mehr zu brauchen ... verstehst du ...«

»Laß dir doch Zeit! Überleg es dir!«

»Nix wird getrödelt! ... Sag ihnen, ich legte alle meine Amter und Würden nieder. Ich zöge mich ins Privatleben zurück und tät nix mehr, als im Rheingau die Spatzen füttern. ... Sie sollen mir gleich was Schriftliches raufschicken, damit ich's unterschreib! ... Mach du von jetzt ab deine Sach hier allein! Ich kümmere mich um nix mehr! ... Ich geb dir Vollmacht für meine Aktien. Du bist ja doch bald mein Erbe ... Jetzt zeig, was du kannst ... Gut Nacht ...«

Werner Winterhalter drückte der Mutter draußen die Hand, stieg die Treppe hinab und trat durch die geöffnete Tür in jähe Lichterhelle, Tabakwolken, Gesichter ... ein Schweigen nach seiner kurzen Nachricht: ›Mein Vater hat die Regierung niedergelegt.‹

Es kam nicht unerwartet. Leopold Winterhalter war seit Jahr und Tag ein siecher Mann. Und doch ... Stumme Blicke von einem zum andern ... Eine Schwüle ...

»Donnerwetter ... gerade heute ...«

»Im entscheidenden Moment ...«

»Ja ... und nun ...?«

Was an Augenpaaren im Saal war, das richtete sich in ängstlicher Spannung auf die zwei, die die lange grüne Fläche des Konferenztischs wie eine feindliche Schranke voneinander schied – da, an der Tür, allein für sich, Werner Winterhalter, drüben, an der anderen Schmalseite, im Kreis der Seinen, sein Schwiegervater. Der Geheimrat Kühn hielt die Hände in den Hosentaschen und rauchte. Sein rosiges, feingeädertes Gesicht mit den kalten, blauen Augen war ernst, aber unerschütterlich ruhig. Eine kaum merkliche Handbewegung von ihm und sofort tiefes Schweigen.

»Ja ... meine Herren ... das hilft nichts: Mann über Bord! So sehr wir es auch beklagen, aber deswegen kann das Schiff nicht stehenbleiben. Am wenigsten im gegenwärtigen Augenblick. Wir könnten es nicht verantworten, wenn wir jetzt nicht entschlossen handelten und den heute errungenen Vorsprung vor der Konkurrenz ausnutzten.«

»Sehr richtig!«

»Wir sind heute hier ja nur eine zufällige und unverbindliche Versammlung von Interessenten. Aber morgen schon stehen Sie, meine Herren, pflichtgemäß vor der unabweislichen Notwendigkeit des Tages – vor der Erwerbung des Patents, dem wir unseren Sieg verdanken.«

»Meines Patents?«

»Ja.«

»Unverkäuflich!«

Schwiegervater und Schwiegersohn musterten sich über den Tisch hin. Dann fragte der Geheimrat Kühn in frostigem Befremden: »Unverkäuflich? ... Man verwertet doch eine Erfindung!«

»Aber in anderem Sinn!«

»... als wir ...?«

»Ja.«

»Das heißt gegen uns?«

»Wie man's nimmt!«

Die beiden gingen langsam aufeinander zu. Es war, wie wenn zwei Fechter sich kampfbereit einander näherten. Die anderen Herren traten stumm zur Seite. Nun standen sie sich Aug in Auge.

»Also bitte, Werner!«

»Ich will aus der Erfindung in höherer Art Kapital schlagen als du. Ich will mich nicht daran bereichern. Für dich heißt das Geld Macht. Für mich heißt es Pflicht. Darin werden wir uns nie verstehen! – fürchte ich ...«

»Dann mische dich auch gefälligst nicht in meine Geschäfte!«

»In deine nicht, sondern in meine hier!« sagte Werner Winterhalter. »Jahrelang seid ihr mir in den Arm gefallen ... Alle, wie ihr da steht ... kaltgestellt habt ihr mich nach Noten. ... Zu einem Müßiggänger habt ihr mich gemacht ... von Fabrik und Rechts wegen ... Ich habe keinem Menschen mehr ins Gesicht sehn können, der irgendeine ehrliche Arbeit tat ... Sie mein ich damit nicht, Herr Schweikardt, weil Sie dahinten so großartig die Achseln zucken ...«

»Zur Sache! ... Zur Sache!«

»Die Sache, meine Herren, die hab ich hier in der Tasche. Sehen Sie ... da halt ich sie: Ein winziges Ding – so ein neues Düsenmodell ... nicht größer wie das Ei des Kolumbus. Aber die Welt besteht nun mal aus Kleinigkeiten!«

»Fehlt nur eine Kleinigkeit: die Wagen dazu!«

»Unsere Motoren!«

»Ihre Düse läuft doch nicht von allein!«

»Holen Sie sich die fertigen Autos auch so aus der Tasche?«

Und durch das Geschrei, über die erhitzten Köpfe der anderen hinweg, die Stimme des alten Finanzgewaltigen. »Glaub nur nicht, hier den Usurpator zu spielen! Das haben wir dir schon einmal gelegt...«

»Ich hab die Lehre auch nicht vergessen. Ich bin seitdem eine gute Reihe Jahre älter geworden. Und bescheidener. Ich will die Welt nicht mehr auf den Kopf stellen, sondern an dem Zipfel packen, wo ich sie beherrschen kann.«

»Und der Zipfel ist die Fabrik, glaubst du? Dein Vater lebt noch! ... Ich werd es zu verhindern wissen, daß er dir die Vollmacht gibt.«

»Aber meinen Großpapa Kobus wirst du wohl kaum mehr im Sarg aufstören. Von dem hab ich genug geerbt: die Terrains gegenüber eurer Fabrik sind Millionen wert!«

»Verflucht!« brummte der kleine Dr. Bätzle.

»Bätzle – ein Geschäft für Ihre Bank! Was meinen Sie? Machen wir zusammen! In einem Jahr steht auf der andern Seite der Straße, euch gegenüber, meine Konkurrenzfabrik. Dann werden wir ja sehen, wer schneller drüben auf dem Königsstuhl oben ist. Ich geb Ihnen ein Viertel vom Weg vor. meine Herren – ... Da fliegt ja förmlich ein Engel durchs Zimmer! ... Sie sind auf einmal alle so still? ... Gerade, als ob Sie Angst davor hätten!«

»Was soll man denn zum Kuckuck da sagen ...«

»... Ekelhafte Zwickmühle ...«

»Kinder ... nun seid doch vernünftig ... Vertragt euch ... die Hauptsache ist doch die Dividende!«

»Nein, Herr Konsul! Mir eben nicht! Das ist ja der Unterschied zwischen uns!«

Der Geheimrat Kühn setzte sich. Er streckte seine langen Beine aus, steckte die eine Hand in die Tasche, hielt in der andern die glimmende Havanna und sah kaltblütig zu seinem Schwiegersohn empor.

»Kurz und gut: Du gehst aufs Ganze! Du willst mich hier verdrängen!«

»Ja ... so leid es mir tut!«

»Und die anderen Herrn alle auch?«

»Es bleibt nichts anderes übrig!«

»Und das findest du anständig und recht?«

»Wenn ich eurem Beispiel folge? Ihr habt mich ja seinerzeit auch rausgeschmissen ...«

»Ein Gemütsmensch!«

»Ruhig Blut, Herrschaften! Wenn er seine Drohung wahr macht ... Ich möcht auch nicht gerade mein W. C. mit unsern Aktien tapezieren!«

»Die Aktien übernehme ich sämtlich zum vollen Kurs!«

»Hört! ... Hört!«

»Und gesetzt den Fall: Du wirst hier glücklich Selbstherrscher aller Reußen – was dann?« fragt? der alte Kühn trocken.

»Dann verschenkt er seine Motoren!« schrie aus der Ecke Karl Schweikardt. »Meine Herren! ... Es ist ja eigentlich ... Wir sind doch hier nicht in der Gummizelle ...«

»Na, wenn er umschmeißt, haben wir vorher unser Geld heraus!«

»Beruhigen Sie sich nur, Bätzle! Ich schmeiß nicht um! Dilettiert wird hier nicht. Der Betrieb wird sachgemäß geleitet.«

Der Geheimrat Kühn lachte.

»Sachgemäß! Und deswegen sollen wir weg! ... Haben Sie's gehört, meine Herren?«

»Ich bin nicht in dem Sinn eine Herrschernatur wie du, Schwiegerpapa! Ich will die Dinge beherrschen, aber nicht die Menschen. Du willst viel Geld machen. Ich will viel gutmachen!«

»So? Was hast du denn auf dem Kerbholz?«

»Geld ohne Verdienst! Das tragen die meisten leicht. Ich schwer.«

»Zum Kuckuck! Dein Geld ist doch nicht gestohlen!«

»Doch! Denn es stammt vom Bodenwucher ... ja ... siehst du, Schwiegerpapa ... da platzt schon wieder die Bombe! Zehn schreien auf einmal auf mich ein! ... Ich bin nicht taub, meine Herren – wirklich nicht!«

»Unerhört ... einfach unerhört ...«

»Das Andenken Ihres Großvaters ...«

»Er macht sich über uns lustig!«

»Ich kann meinem seligen Großvater nicht helfen. Es ist so gewesen! Er war ein redlicher Mann. Aber Menschenalter hindurch hat er die weiten Terrains öde liegen lassen, während dicht nebenan die Leute manchmal in Kellern hausten, in die man keine Kartoffeln getan hätte, oder in Hinterhöfen oder allenfalls in Bretterschuppen in der Laubenkolonie. Das hat ihn nie im Schlaf gestört. So wenig wie sonst irgendeinen Menschen damals. Er wußt es nicht anders. Er hielt es sogar für sehr recht und gut. Er tat einfach, was wir ja alle tun ...«

»Da haben wir's ja wieder!«

»Ein liebevoller Enkel!«

»Und wenn es in seinem Geist weiterginge, dann entständen jetzt da draußen Mietkasernen und Bierspelunken und Hoflöcher. Ich mach was anderes daraus. Sie wissen: Man nennt unsere Stadtgegend draußen das Protzenviertel. Erschrecken Sie nicht: Ich will hier ein Protzenviertel der Arbeit errichten, auf meinem Grund und Boden und mit dem Geld aus meiner Erfindung und für die Leute, die meine Erfindung ausführen – im kleinen das, wie ich mir die Arbeiterstadt der Zukunft denke: Nicht nur hier die Mietkaserne und dort die Maschine, sondern ein Menschenrecht auf Luft und Licht und Sonne und Baum und Boden. Vielleicht rüttele ich damit da oder dort die Gewissen wach. Zeit wär's!

»Aber ich weiß ja, meine Herren! Wir haben zu so was keine Zeit! ... Wir haben überhaupt nie Zeit. Wir sind selber unfrei. Wir dürfen keinen Moment stehenbleiben. Wir leben in der Hetzjagd. Wir müssen die Hochkonjunktur ausschlachten, ehe uns die Konkurrenz vorbeikommt ... die Dividenden müssen steigen. Aber was hilft das, wenn noch etwas anderes am Himmel aufsteigt?«

»Hu! Hu!«

»Seien Sie still, Schweikardt! Sie werden mal mit nassen Lappen totgeschlagen, wenn's so weit ist ... Meine Herren ... ich kann mir nicht helfen: Ich kann mir keine wichtigere Lebensaufgabe denken, als die ich mir gestellt habe, dem deutschen Arbeiter Land zu geben und ihm dadurch Deutschland wiederzugeben!«

»Und der böse Feind – das bin also da wohl ich?« sagte der alte Kühn mit seinem steinernen Gesicht.

»Du hast keine Schuld! ... Kein einzelner! Du bist aus dem neunzehnten Jahrhundert. Ich aus dem zwanzigsten! Das ist's vielleicht, was uns trennt!«

»Komm mal, bitte, mit mir da nebenan! ... Ich glaube, die Herren haben genug gehört!«

Sie standen beide, Schwiegervater und Schwiegersohn, sich in dem kleinen Privatkontor gegenüber.

»Du bist ein Idealist!«

»Wenn dir der Name Spaß macht ... bitte!«

»Idealisten gehören nicht mehr in unsere Zeit!«

»Und ich glaube, daß es mit Deutschland alle ist an dem Tag, an dem wir unser letztes Ideal in die Rumpelkammer tun!«

»Mit Idealisten kann ich nicht zusammenarbeiten. Du bist augenblicklich der Stärkere – ich geb es zu. Also zieh ich mich hier zurück. Und werde die Herren drinnen veranlassen, sämtlich das Gleiche zu tun!«

»Gut!«

»Damit ist das Geschäftliche erschöpft, aber nicht die Beziehungen zwischen dir und mir. Ich muß auch da die Konsequenzen ziehen. Einen Mann, der mir offen vor aller Welt den Krieg bis aufs Messer erklärt, mich hier förmlich durch den Hausknecht vor die Tür setzt, kann ich unmöglich noch als meinen Schwiegersohn betrachten. Das Entscheidende steht natürlich bei meiner Tochter. Aber, so unglücklich, wie eure Ehe sich seit Jahr und Tag gestaltet hat ... Gottlob hat Stefanie zu mir Vertrauen! Ich werde das meine tun! ... Gute Nacht!«

Werner Winterhalter stand allein in dem großen Konferenzsaal. Alle Herren waren gegangen. Nur schwerer Tabakrauch brütete noch über dem leeren Schlachtfeld. Aschenhäufchen lagen zerstreut, Papierfetzen blinkten am Boden, Stühle standen schiefgerückt, wie im Zorn des Rückzugs.

Er sagte sich: So. Nun bin ich Sieger. Und um mich die Verlassenheit des Siegs. Die Einsamkeit des Erfolgs. Der Mann da in dem großen Wandspiegel vor mir steht allein. Er musterte stumm sein Ebenbild. Er sah da etwas in seinem Antlitz, was ihm noch nie aufgefallen war: Den Ansatz von Linien, nicht des Leidens, aber des Wollens und Kämpfens. Das Leben fing an, seine Spuren einzumeißeln. Er dachte sich: Mein Leben liegt noch vor mir. Es wird mir noch viel Kampf bringen, Enttäuschung und Zweifel ... Alles will ich durchhalten – nur eins nicht: Einsam durchs Dasein gehen ...

Der Bureaudiener trat ein und öffnete die Fenster. Kühle Abendluft strömte in die Nikotinschwaden des Saals, in dem es förmlich nach Zahlen und Zinsen, nach Dividenden und Prozenten roch. Draußen war Stille. Nacht über der Fabrik. Werner Winterhalter ging die Straßen entlang, und wieder war in ihm, in einem Frösteln des Fremdseins auf der Welt, eine jähe, stürmische Sehnsucht: ... Schicksal ... sende mir eine Seele ... Gib mir einen Weggenossen. Ein befreundetes Herz! Um Feinde brauche ich dich nicht zu bitten. Die hab ich ringsum. Die wachsen wie die Brombeeren aus dem Boden, wo mein Fuß hintritt...

Einen Freund sollte jeder haben: Seine Frau. Da ist das Haus. Die prunkende Villa im Grünen. Eine sonderbare Unruhe darin. Nicht eigentlich zu fassen. Sie weht einem beim Betreten der Halle entgegen. Ein merkwürdiger Ausdruck auf den Gesichtern der Dienerschaft. Ein paar offen stehende Türen. Auf der Treppe etwas ganz Auffallendes: Ein einzelner, langer, flüchtig in Seidenpapier gewickelter Damenlackschuh. Oben, in den gemeinsamen Räumen, aufgezogene und durchwühlte Kommodenschubladen, aufgerissene Schränke ... In der Ferne heulte irgendwo ein Frauenzimmer. Vielleicht die Jungfer mit ihrem ewigen Stockschnupfen und ihrer gekränkten Würde. Stefanie war es jedenfalls nicht. Die war nicht so ... Das wußte er ...

Werner Winterhalter stand da ... mitten in dem großen Gemach ... im Angesicht einer unsichtbaren und doch sich überall aufdrängenden Tatsache ... sah mit leerem Auge allerhand Unbeträchtlichkeiten ... ein abgerissenes, von der Brennschere versengtes Eckchen Zeitungspapier, ein paar Haarnadeln auf dem weißen Brüsseler Teppich, auf dem Fauteuil, als ein getupftes Florklümpchen, ein in der Eile vergessener Schleier. Ein feiner, letzter Parfümhauch wie drüben der Tabakdunst in der Fabrik. Dieselben Zeichen im Konferenzsaal und Boudoir, so als räumten die Menschen fluchtähnlich vor ihm das Feld.

Er rührte sich immer noch nicht und schaute auf ein kleines, aufgeklappt auf einem Tischchen stehendes Reisenecessaire. Darin war nichts. Er dachte sich: Nichts. Noch ist nichts geschehen. Ich brauche noch nichts zu wissen. Erst wenn ich danach frage, ist es wahr.

Der Diener war hereingeschlichen. Der Mann machte ein ängstliches, verkniffenes Gesicht. Werner Winterhalter zwang sich zur Ruhe. Er hob gleichgültig den Kopf.

»Wo ist denn die gnädige Frau?«

»Die gnädige Frau ...«

»Na ja ...«

»Die gnädige Frau ...«

»Nun schon raus mit der Sprache ...«

»Ja – wissen Herr Doktor denn nicht ...«

»Nein.«

»Vorhin ist der Herr Geheime Kommerzienrat vorgefahren und hat mit der gnädigen Frau gesprochen. Dann ist die gnädige Frau mit ihm weg. Die hatte es sehr eilig. Sie hat unten der Elis noch einen Puff gegeben, weil sie ihr im Weg stand.«

»So?«

»Die Elis soll die Koffer packen und damit hinüber zum Herrn Geheimrat! Die gnädige Frau hat gesagt, sie käm nicht wieder!«

Auf der Schwelle zum Nebenzimmer erschien Elis, die verheulte Zofe, ein Päckchen Spitzenwäsche über dem Arm, und stand beim Anblick des Hausherrn mit offenem Mund.

»Stimmt das, Elis, daß die gnädige Frau zu meinem Schwiegervater hinübergezogen ist?«

»Ja.«

»Hat sie nichts für mich hinterlassen?«

»Nein.«

Ein Stich durchs Herz. Und – wunderlich – zugleich ein nachträglicher Zorn gegen die Schwiegereltern: Ihr hättet eure Tochter besser erziehen sollen! ... Wenigstens darin ihren Instinkt entwickeln! Es gibt auch eine Höflichkeit des Herzens. Auch zuletzt noch. Man macht nicht alle Dienstboten zu Mitwissern der Scheidestunde. Man überläßt nicht ihrem Mund die Meldung an den, den es am nächsten angeht...

Doch da: Ein Brief ... Eben abgegeben. Von drüben? Ja! Er trug keine Aufschrift. Werner Winterhalter trat mit ihm in den Nebenraum. Gott sei Dank ... so viel Augenmaß hatte sie doch noch. So viel Taktgefühl. Es machte sich doch alles leichter, wenn man Ehrfurcht vor dem eigenen Unglück hatte. Er riß den starkleinenen englischen Umschlag auf:

»Liebe Elise! Auf der Treppe muß einer von meinen Schuhen liegen. Er muß herausgefallen sein. Bringen Sie ihn ja mit. Aber kommen Sie bald herüber. Wenn Sie ihn nicht finden, soll halt die Käthchen suchen!«

Er kehrte in das Boudoir zurück. »So. Das ist für Sie, Elis!« sagte er trocken und gab ihr den Brief. Dann ging er hinüber in seine Arbeitsräume. Mit tiefem Schweigen empfingen und umfingen ihn Bücher und Lampenschein, Schreibtisch und Mappe. Er setzte sich und stützte den Kopf auf die Hand. Und wie er an seine Frau dachte, war es immer das Eine und Unabänderliche, jenseits von Haß und Liebe, schon über einem, wie das Schicksal selber: ›Du bist, wie du warst! Du wirst dich nie ändern. Ich bin ein Mensch, der immer wird. Schon das mußte uns scheiden. Fahr wohl ...‹

Wieder überliefen ihn, in der Feierlichkeit dieser Stunde, die Schauer der Einsamkeit. Diesmal am stärksten. Das Haus schwieg wie ausgestorben. Vor den Scheiben gähnte die Nacht. Der Herzschlag pochte, im Wettlauf mit der Wanduhr, eintönig, rastlos durch die Stille. Um einen die Leere. Vor einem das Leben. Das lange Leben ...

Werner Winterhalter stand auf. Er trat ans Fenster und schaute fest hinaus in das Dunkel der Nacht und Zukunft. Um seine Lippen lag der ruhige Wille des Mannes: Ich werde leben und siegen ...

Der Diener klopfte. Er brachte die Visitenkarte eines Besuches, jetzt noch, zu so später Zeit. »Dr. jur. Hermann Lorenz, Rechtsanwalt am Landgericht.«

Das war einer der ersten Juristen der Stadt. Seit vielen Jahren der Sachwalter in allen Privatangelegenheiten des Schwiegervaters drüben. Er kam wegen der Ehescheidung ...

Werner Winterhalter legte die Karte auf den Tisch und sagte ruhig zu dem Diener: »Ich lasse bitten.«

 

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