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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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12

Do drinnen steht der Kaschte!«

Die Arbeiter machten nachdenklich im Sternendunkel vor einem niedrigen, kleinen Schuppen halt. Sie kamen von der Nachtarbeit in der Reparaturabteilung. Irgendeine dringliche, gut bezahlte Sache für sechs Paar Fäuste. Sonst pressierte es im allgemeinen in den Winterhalterschen Werken nicht so sehr. Die goldenen Zeiten, da die Kunden blaue Scheine und Zwanzigmarkstücke den Werkmeistern und Vorarbeitern in die Hand schoben, um ihre bestellten Wagen mit möglichst geringer Verspätung zu bekommen, die waren seit Jahr und Tag vorbei. Immer länger wurde im Ausstellungsraum die Parade der noch unverkauft dastehenden Chassis, länger auch die Gesichter der Aktionäre, besorgter die Mienen der Hunderte und Tausende, die hier ihr tägliches Brot fanden. Die Schichten waren schon verkürzt ... manche frisch eingestellte Leute entlassen ...

»Hoscht du den Wagen gesehe, Krischtian?«

»Ha und ob! ... Sehen kann ihn e jeds! ... Awwer was inne drin is ...«

»Es heißt, mit dem könnt man die Wand nuff fahre! So zieht der Motor!«

»Wodurch denn norr?«

»Sell is ja das Geheimnis!«

»Snakt nich, Kinnings!« Der Obermeister war ein Mann von der Waterkant. Groß, schwer, blond. Ein bedächtiger Zweifler. »Zaubern können die beiden auch nich ...«

»Ach, halt's Maul!« brummte einer hinter ihm so leise, daß es niemand hörte: Er und die andern wußten nichts von dem Wunder im Schuppen, hatten keinen Vorteil davon. Und fühlten doch für ihre Fabrik einen ganz unpersönlichen Ehrgeiz. Waren mit ihrer Arbeit verwachsen. Wollten stolz auf ihr Werk sein, gewissenhaft auch da, wo sie keiner sah. Sie standen eng beisammen, die Kappen in die Stirn gedrückt, die Hände in den Taschen, ein Häuflein in dunkler Nacht. Um sie, aus schwarzen Fensterhöhlen, das Schweigen der Maschinenhallen, Windgeraschel in der finstern Weite der Höfe ... nirgends eine Menschenseele ... doch da ...

»Ah ...«

Ein Lichtspalt durch die Fugen des Schuppens. Ein leises, wehmütiges Gepfeife, deutlich durch die Holzwand: »Behüt dich Gott ... Es wär zu schön gewesen ...«

»Horcht emol! Die sind drinne!«

»Der Kienast allein is drin, du Vieh! ... Wann der Winterhalter mit dabei war, dürft er doch net pfeife!«

»Ich hör ihn rumore!«

»Uffgebaßt!«

Die beiden Flügeltüren des Schuppens flogen plötzlich von innen auf. Man war geblendet. Man sah in der Finsternis nichts als zwei mächtige glotzende Lichtaugen. Die beiden Scheinwerfer setzten sich nach vorwärts in Bewegung. Das Auto rollte langsam ins Freie hinaus, hielt an, stand, äußerlich ein mittlerer Tourenwagen wie andere.

»So loß doch mei Arm los! ... Was hoscht denn ...?«

»Krischtian ... Krischtian ... host's gehört: Er hot net angekurbelt!«

Ein aufgeregtes Geflüster.

»Der Wage geht von selber an!«

»Das tät ihm doch beim Bergsteige nix helfe! ... Im Vergaser steckt's, ihr Leut! Im Vergaser!«

»Ich mein als: in der Zündung!«

Robert Kienast lachte und stieg, rennfertig, mit Haube und Brille, vom Fahrersitz.

»Zerbrecht euch norr eure dreckige Köpp!« sagte er gemütlich und ging zum Schuppen zurück, um den mit doppelter Vorsicht, mit Schloß und Eisenstange, zu verwahren. Die Arbeiter standen, in der dunklen Nacht vom Azetylenschein weiß wie die Müller, um die Haube, unter der der Motor dumpf sein Morgenlied summte.

»Wer da neingucke könnt!«

Aber die beiden Klappdeckel waren wohl befestigt. Zwei Vorhängeschlösser an jeder Seite.

»Sell sind Buchstabenschlösser, Karl! Die kriegt keiner uff, wo's Wort net weiß!«

Der Robert kam schlüsselklappernd zurück.

»Ratet norr!« sprach er. »Oben in der Direktion rate sie auch! Der alte Winterhalter weiß nix ... der Kühn selber weiß nix ... Keiner weiß was! ... Wir halte's Maul ... wir beide!«

»Fährscht denn jetzt?«

»Do kummt er ja!«

Eine straffe, hohe Gestalt in langem Mantel, vor sich den glimmenden Punkt einer Zigarre, schritt heran. Die Tritte klangen fest auf dem Kies. Der Stummel flog zu Boden, wurde sorgfältig ausgetreten. ...

»Morgen! ... Los, Robert!«

Werner Winterhalter nahm neben dem andern Platz. Im Bruchteil einer Sekunde war der ungeduldig murrende Wagen schon im Lauf, rollte draußen durch die schlafenden Gassen, schwenkte vor der Stadt scharf nach links in die Rheinebene hinein, dem Neckartal zu.

Die beiden stummen Gesellen mußten gemäßigt fahren. Denn noch war um sie volle Nacht, nur vor ihnen auf der Landstraße die kreideweiße Lichtbahn, in der zuweilen ein Hase wie besessen vor dem Auto herschoß, statt ihm durch einen Seitensprung zu entgehen. Aber gerade, als sie sich den dunklen Umrissen des Odenwalds näherten, stieg, so wie es im Kalender stand, in der dritten Morgenstunde der Mond empor, übergoß mit bläulicher Taghelle Alt- Heidelberg, das Schloß und den Fluß. Es war so licht, daß hinter dem Auto sein kurzer Schatten über das Pflaster der Stadt huschte. Die dämmerte in unwahrscheinlicher Ruhe. Der letzte Student war daheim in der Bude, das letzte Naß aus dem Faß. Essighaus und Fauler Pelz, Perkeo und Roter Hahn, Diemerei und Kümmelspalterei, all die alten Bierstätten schliefen. Langsam, mit gelöschten Lichtern, ging es über das Bahngleis. Drüben, am Klingentor, öffnete Werner Winterhalter die Auspuffklappe.

Rattatata ...

Er saß jetzt selbst am Steuer. Das Auto schoß aufwärts, schneller, immer schneller, in verwirrender Geschwindigkeit, den Schloßberg hinauf, zur Molkenkur. Bald links, bald rechts flogen die Bergmauern aus rotem Sandstein in den jähen Kurven heran und vorbei. Er riß die durchgehende Maschine in kaum verkürztem Lauf um die Ecken, schaltete dabei um, zwei-, dreimal ...

»Der vierte, Herr Doktor?« schrie Robert durch das bläulich stinkende Geknatter der Abgase.

»Der vierte Gang!«

»Hurra!«

»Zum Donnerwetter! Schrei nicht zu früh, Robert!« Aber dem Motor schien jeder Steigungswinkel gleich. Er riß, von der Hinterachse her, alles, was hinter ihm an Holz war und an Menschen saß und an Stahl lief, in sausendem Schwung in die Höhe, dem funkelnden Sternenhimmel zu, wie ein geflügelter Geist aus Tausendundeiner Nacht. Tief unten im Tal lag, als Robert Kienast den Kopf wandte, Alt-Heidelberg, mit seinen spärlichen Lichtern gleich einer versunkenen Stadt auf dem Meeresgrund. Merklich kühler wehte schon die herbe Bergluft ... da war der große Steinbruch ... vorwärts ... vorwärts ... da das Blockhaus ... nun kam die steilste Stelle ... die hängende Kurve am alten Kohlhofweg ... Robert Kienast sah nicht mehr nach vorn ... nur nach der rechten Hand seines Herrn ... Würde der umschalten müssen? ... Nein ... Keine Minderung der Geschwindigkeit ... im Gegenteil ... die Maschine brummte nur kampflustig ... ging förmlich durch ... jagte den letzten Hang empor ...

»Die Sterngucker werde sich wunnern!«

Der Robert wies grinsend auf die Höhenwarte zur Rechten. Einsame Männer erforschten jetzt da oben am Fernrohr die letzten Rätsel der Welt. Noch ein Haus im Forst. Da ragte der Turm. Weithin lagen im Mondschein unter dem Gipfel des Königstuhls das deutsche Bergland und die Ebene des Rheins. Vierhundert Meter Höhe in kürzerer Zeit, als je der vielbefahrene Berg bezwungen war. Die beiden nickten sich zu, mit rastendem Motor, Sieg in den Augen. Aber sie sprachen, trotz ihrer Aufregung, kein Wort. Erst nach einer Weile ein entschlossenes: »Noch einmal, Robert!«

Im Nu waren sie wieder unten, wendeten am Feuerwehrdenkmal. Kein Mensch ringsum. Drüben, vom gotischen Turm der Peterskirche, der schwere Schlag der dritten Morgenstunde. Ein erstes Ahnen von Junihelle.

»Robert ... ich fahr jetzt den Wagen aus ... mit Vollgas auch in den Kurven ...«

»Losse sie ihn laufe, was er kann! Losse Sie ihn laufe!«

»Ich sag es dir nur im voraus! ... Du hast Frau und Kinder!«

»Redde Se net, Herr Doktor! ... Los!«

Ein Blick auf die Uhr ... Aus dem Stand hinauf! ... Sturm auf den Berg ... Was die Maschine hergibt ... haarscharf um die wohlbekannten Kurven ... die hohen Mauern wachsen dräuend auf einen zu und weichen doch im letzten Moment zur Seite ... Ein Tempo, daß der Wind um die Ohren pfeift ... verhallendes Käuzchengelächter im Wald ... da wieder der Turm ... Stopp! ... Was sagt das Zifferblatt? ... Sie schauten es an, streiften sich langsam die Brillen über den Mützenschirm ... gaben sich die Hand ...

»Uff, Herr Doktor!«

»Ich glaub, jetzt haben wir's!«

»Sell will ich meine!«

»Mit unserer Erfindung werden die Winterhalterschen Wagen erst wieder konkurrenzfähig!«

»Mit Ihrer Erfindung, Herr Doktor!«

»Ohne deine Schlosserkünste hätt ich nix machen können, Robert!« sagte Werner Winterhalter, zündete sich eine Zigarre an und gab auch dem andern eine. »Schau mal nach, ob das Wasser kocht!«

»Ah bäh! ... Ich kann dreist mei Finger in den Füllstutzen halte!«

Sie sahen sich vorsichtig um, ob auch wirklich niemand herum im Tannenwald sei. Dann öffneten sie behutsam den Deckel ihres großen Geheimnisses. Von seiner Haube befreit, lebte und atmete da der mächtige, stählerne Organismus mit seinem Herzen, dem Vergaser, seinen beiden Lungenflügeln, den Zylinderpaaren, seinem Rückgrat, der ehernen Kurbelwelle, seinem Nervensystem, den weitverzweigten elektrischen Drähten. Nun knieten sie sich hin und schraubten mit gespannten Zügen, mit zusammengebissenen Lippen an der Düse. Um diesen engen Kanal, der kaum einer Nadel Raum gab und doch die Kraft durchließ, um zwanzig Zentner mit doppelter Schnellzugsgeschwindigkeit an einem Tag durch halb Deutschland zu schleudern, um den herum wohnte die Seele der neuen Erfindung. Sie verschwendeten jetzt kein Wort mehr daran. Das war jetzt abgeschlossen. Das war gut. Liebevoll betrachteten sie ihre Maschine. Sie stand da gleich einem Renner, der seine Pflicht getan, noch atemlos, glühend, von heißem Dampf umzittert, zu neuen Taten bereit.

Ein Goldsaum zog sich im Osten um die langgestreckten Kämme des Odenwalds. Das Dreieck des Katzenbuckels stand vor rasch tiefer sich färbendem Rot. Das Buchengestrüpp der Felsenmeere um den hohlen Kästenbaum dampfte. Der Morgen war da. Werner Winterhalter atmete tief auf. Er lehnte, seine Zigarre rauchend, eine Weile still an seinem getreuen, in der Frühkühle angenehm wärmenden Wagen. Endlich wandte er sich um: »... Runter, Robert!«

Unterwegs hörten sie aus der Waldtiefe unter sich ein Brummen Es kam rasch näher. Ein großes französisches Automobil, das in der Nacht über Straßburg nach Deutschland gekommen sein mußte, lief flink wie ein Wiesel den Berg hinauf. Es trug vorn, unter dem glückbringenden Mannequin, der Puppe eines kleinen französischen Infanteristen mit Käppi und roten Hosen, auf der Kühlfläche die Siegesmarke einer der ersten Firmen in Paris. Robert Kienast schielte vom Steuer her bittend nach links zu seinem Herrn, wartete kaum auf dessen Nicken, wendete an einer Wegteilung mit verwegenem Rücklauf seinen Wagen, fuhr noch einmal zurück, hinter den Franzosen her. Die drehten erstaunt die schwarzbebrillten, spitzbärtigen Köpfe. Ein Fahrzeug, das ihnen bergauf folgen konnte ...? Nein ... näher kam ...? Hinter ihnen war? ... Mit geschickter Benutzung einer Kurve neben ihnen! ... Die beiden Autos rannten Rad an Rad, die Auspuffklappen fauchten knatternd ineinander ... zollweise blieb der kleine Piou-Piou auf der Motorhaube des Galliers zurück ... immer mehr ... Robert Kienast sah, wie die Franzosen zornig durcheinander gestikulierten, ihr Fahrer sich gegen die Steuersäule vorbeugte und wütend Druckluft pumpte ... Aber er war schon vorbei ... schaute noch einmal zurück ... »Auf Wiedersehe in vier Woche auf der Europäischen Tourefahrt!« schrie er kriegerisch, einerlei, ob ihn die Ausländer verstanden oder nicht, dann ließ er seinen Wagen seitlings über den Speyerer Hof hinunterlaufen und durch die Rheinebene heim.

Am Eingang ihrer Heimatstadt ritt ihnen auf einem unwahrscheinlich langbeinigen Gaul, mit kurzen Bügeln und hochgezogenen Knien der kleine, dicke Doktor Bätzle entgegen. Er schoppte sich morgens auf ärztlichen Rat in deutschem Trab die Leber ab, ehe er sein Bankbureau aufsuchte, eine Art Karlsbad zu Pferd, und machte neugierig halt.

»Ist das der berühmte Wagen mit sieben Siegeln? ... Winterhalter ... unter uns ... was ist denn da drin?«

Ein Achselzucken.

»Nämlich ... Verehrtester ... wir fangen an, ein bißchen ängstlich zu werden ... in der Fabrik. ... Man erzählt sich solche Wunderdinge von Ihrer Karre ...«

Wieder ein Schweigen. Der Jurist gab es auf und lenkte das Gespräch ab: »Hören Sie mal, lieber Freund, warum sieht man Sie denn jetzt auf Ihren Fahrten immer ohne die schöne Gattin? Früher sahen Sie doch einträchtiglich wie ein Paar Turteltauben da vorn am Steuer!«

»Glauben Sie, daß das so amüsant ist: dreißig-, hundertmal hintereinander dieselbe Probefahrt und dasselbe Herumgebastel am Motor?«

»Nee ... aber ...«

»Na, und meine Frau will sich doch amüsieren! ... Adieu!«

»Auf Wiedersehen heut mittag! Da ess' ich bei Ihnen!«

»So? ...«

»Wissen Sie das nicht?«

»Ich hab den Kopf so voll von meiner Geschichte hier ... Ich hab nie 'ne Ahnung, wieviel Menschen Stefanie jeden Mittag und Abend zusammentrommelt!«

Der kleine, rundliche Reitersmann schüttelte nachdenklich den Kopf und schaute mit seinen scharfen Geschäftsaugen durch den Zwicker dem Auto nach. Nanu ... da hielt der ja drüben schon wieder. Und wo? Er bekam einen Schrecken. Vor der Villa Guido Göbels, des Patentanwalts, des Gewaltmannes, der alles machte! Die Sache war doch nicht am Ende schon spruchreif? ... Er einigte sich mit seinem Pferd und ritt mißtrauisch heran. Da war nichts mehr zu sehen, als der leere Wagen und Robert Kienast nachlässig daneben, sich die Beine vertretend und pfeifend und listig vor sich hinzwinkernd. Der Kerl war wie eine treue Bulldogge. Ein Bestechungsversuch bei ihm nicht nur unanständig, sondern schlimmer: zwecklos. Nichts aus ihm herauszukriegen ...

Es war schon spät in der Mittagsstunde, als Werner Winterhalter aus dem Haus trat. Der Anwalt begleitete ihn bis auf die Schwelle.

»Also, Sie melden das Patent an!«

»Wird gemacht! ... Wird gemacht!«

»Und Stillschweigen wie das Grab ...«

»Berufspflicht! Auf Wiedersehen!«

»So: Nun nach Hause, Robert!« Zum Kuckuck ... Was hingen da wieder am Eingang zur Halle für Hüte ... Einer neben dem andern ... Ein Herrenfrühstück, scheint's ... Für Damengesellschaften hatte die Stefanie wenig übrig.

»Wieviel Leute sind denn da, Franz?«

»Bloß acht Herren, Herr Doktor!«

»So ... Bloß acht Herren? Na schön ...«

Ein Geschwurbel bei Tisch ... Ein Gelächter ... Köpfe wie ein Schwarm Spatzen ... Ihm dünkte das so. Dann sagte er sich: Nein, es sind ganz vernünftige Leute darunter. Sie stellen sich nur so an, weil meine Frau dabei ist! Wo die ist, geht alles in einem Wisch und Hui über die Dinge! Stillstand, Tiefe, Besinnung gibt's nicht. Wer nicht mittut, fällt in Ungnade. Der Schweikardt weiß das ... Er sitzt schon wieder neben Stefanie, der dicke Lümmel, und macht seine niederträchtigen, verliebten Schweinsäugelchen ... Meinetwegen ... Sie behandelt ihn doch nur als höheren Hofnarren ... Eigentlich war es ihm gleich ... Sein Blick wurde zerstreut. Er war wieder in Gedanken bei der Fahrt heute morgen ... Um ihn die Stimmen ... Stadtklatsch ... Sport ... das Neueste: Taubenschießen! ... Natürlich: Tontauben! ... Sonst kniet sich der Tierschutzverein hinein ... Stefanies helles: »Also die Tondinger sind einfach langstielig! Wer kommt den Winter mit, zum richtigen Taubenturnier in Monte Carlo?«

»Ich!«

»Ich ... ich!«

Die Herren streckten lachend die Arme aus. Meldeten sich wie die Schuljungen. Ernst war es keinem mit dem erhobenen Zeigefinger. Man redete nur so. Werner Winterhalter schaute auf.

»Den Winter wird's nichts mit Monte Carlo! Da hab' ich Besseres zu tun, Stefanie!«

»Hoho ... Rebellion!«

»Aber ... Knecht Fridolin! ...«

»Lassen Sie sich das nicht gefallen, gnädige Frau!«

»Ach, ich lass' ihn schwätzen!« sagte die schöne Frau gleichmütig. Ein Blick flog von ihr zu ihm hinüber und zurück. Ein Aufplänkeln. Eine prüfende Gegnerschaft in den Augen. Stefanie lachte und hob warnend, wie man einem Kind droht, die Hand: »Den Sommer lass' ich dich noch in Herrgotts Namen gewähren, Wernerche! Aber dann wirst ohne Gnade von deiner Fettbüchs und deinem Schmieröl weggeholt! Du liebe Zeit ja ... der Mann wird ja der reine Schlossergesell! ... Jeden Tag verriegelt er sich vom Morgen bis zum Abend in seiner Werkstatt. Er kriegt ja schon bald die Händ nicht mehr sauber ...«

»Bitte! Bitte! Verraten Sie uns seine große Erfindung, gnädige Frau ...«

»Meine Frau, Bätzle, interessiert sich nur dafür, daß sie mit so 'nem Kasten neunzig Kilometer in der Stunde dahinrasen kann! Was in ihm vorgeht, ist ihr ganz Wurst!«

Doktor Bätzle und Moritz Kühn tauschten einen Blick. Es lag eine leise Gewitterstimmung über der Tafel. Lachende Gesichter. Sektbläschen im Kristall. Der schwüle Duft der weißen Tuberosen.

»Mir erzählt mein Mann doch nix, was er und sein Duzfreund, der Schlosser, drüben treiben!«

»... weil du niemals reinen Mund halten würdest, Stefanie! ... Ich kenn dich doch!«

»Hoho!«

»Ein netter Gatte!«

»Ich finde, Frau Stefanie wird hier viel zu schlecht behandelt«, sagte Karl Schweikardt schläfrig und bezog von ihr einen Klaps mit dem umgedrehten Obstmessergriff auf die Finger.

» Sie hat schon gar keiner um Ihre Meinung gefragt, Schweikardt!«

Und dann plötzlich unwirsch, mit umwölkter Stirn, die geschälten Birnenschnitten umherreichend: »Ich geh noch mal heimlich bei und zünd euch euren Schuppen an – daß die langweilige Geschicht mal aus der Welt kommt!«

»Gräßlich, wenn sich ein Ehepaar ewig vor Fremden herumkampelt!« brummte Moritz Kühn. Ihm gegenüber riß Doktor Bätzle neugierig seine kleinen schlauen Augen auf.

»Wie sind Sie denn eigentlich auf Ihre Erfindung gekommen, verehrter Gastfreund?«

»Zuerst, vor Jahren schon, in England, wie ich da als Volontär in einer Stahlgießerei gearbeitet hab! Und dann hier allmählich durch die Fahrpraxis! ... Hättet ihr mich nicht aus eurer Fabrik ausgeschlossen, so wär ich da wahrscheinlich mit euch im alten Kuhtrott geblieben! So rächt sich schließlich alles auf Erden, lieber Bätzle!«

»Nun ist er schon wieder bei seinem Greuel von Maschine!« rief Stefanie vom andern Ende des Tisches herunter.

»Es ist ja nicht für dich bestimmt!«

»Aber es mopst die Gäste!«

»Kein Mensch braucht zuzuhören!«

»Wenn ihr Geschäfte habt, dann geht ins Nebenzimmer! ... Hier will ich mei Ruh!«

»Ach ... stör uns doch nicht, Stefanie ... Wissen Sie, Bätzle: Nicht daß ich mich deswegen für so viel klüger halte wie ihr. Ich hab mein redliches Pack Dummheiten hinter mir, weil ich bei den andern angefangen hab zu bessern, statt bei mir selbst! ... Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als daß er sich mit seinen Dummheiten häutet! Jetzt bin ich dabei, etwas Tatsächliches zu leisten, statt den Nebenmenschen meine Gedanken aufzudrängen! ...«

»Man sagt: Ihre Neuerung am Motor ist bei der Düse?« forschte der Jurist vorsichtig.

»Nehmen wir mal an, es sei der winzige Düsenkanal! Da haben wir gleich das ganze Geheimnis: im kleinsten Punkt die größte Kraft! Das Kleinste auf der Welt ist der einzelne Mensch ... unbeträchtlich wie ein Floh ... Und doch muß von da alles seinen Ausgang nehmen! ... Erst muß man sich selber fest auf die Beine gestellt haben. Dann kann man sich erst in die Hände spucken und anderswo den Karren aus dem Dreck ziehen! ...«

»Ja ... ja ... Also die Düse ...«

»So viel Weisheit hab ich nun, mit über Dreißig. ... Früher hieß es bei mir Weltall und Menschheit, und jetzt ist's ein Benzintröpfchen! ... Und eigentlich doch ein und dasselbe. Nur der Ausgangspunkt ist verschieden ... Der Erfolg hoffentlich auch! Man muß nur erst Bescheidenheit gelernt haben! Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen ...«

»Jawoll! ... Witze treiben Sie mit mir!«

»Man kann nicht ernster sein!« sagte Werner Winterhalter und lachte. Er hatte so leise gesprochen, daß sonst keiner der Umsitzenden ihn beachtete. Die einzige, die argwöhnisch vom andern Ende der Tafel heruntersah, war seine Frau.

Wie sein Auge sie traf, wurde er auf einmal traurig. Eine Vereinsamung wie einst, in alten Tagen, ehe ihn das Schicksal mit allen Gaben des Glücks überschüttet. Das ewige: ›Da gehörst du nicht hin! Das sind nicht die Deinen!‹ Man sah die Menschen um sich von außen an, aus der Ferne. Sie waren alle so abgeschlossen, so fertig, so frei aus der Hand der Natur entlassen. Nur in einem selbst ein Werden und Wandern ... ein Suchen ... eine Unruhe ... immer weiter ...

»Der Werner ... der ist als der Spielverderber!« sagte oben am Tisch Frau Stefanie und klatschte in die Hände. »Wernerche! Wach auf! Gleich kommt's Frühstück! Der Mann schläft am hellen Tag! ... Ich hab's schon nicht leicht mit ihm!«

»Nee – das scheint so!« murmelte der dicke Schweikardt hinter seiner Serviette.

»Wart, Alterle!«

Stefanie rollte die Tuberofen vor sich auf dem Tisch zusammen und warf den Busch ihrem Mann unten geschickt an den Kopf. Egal, ob die beiden Diener zusahen. Es war eine frische, ungezogene Bewegung . . . Halb kindisch, halb sportgewandt. Es paßte zu ihr.

Er hatte gerade noch das Haupt zur Seite biegen können und zuckte lächelnd die Achseln. Heute kam bei ihr die unbekümmerte Unbildung in Reinkultur zutage. Aber es ärgerte ihn nicht. Traf ihn nicht. So wenig wie die Blumen. Er prüfte sich selbst, wie er da schweigend saß, und erschrak: Nein. Es war einfach Gleichgültigkeit. Er hatte gar nichts gegen 2I seine Frau. Aber auch nichts für sie. Sie war eben, wie sie war. Und er besaß die leidenschaftslose Ruhe, sie so zu sehen, in ihrer blühenden Leiblichkeit da oben am Tisch, lachend, schwatzend und dabei doch über die Erkenntniskrumen nicht hinweg – geistig auf der Stufe eines sechzehnjährigen Schulmädels. Da hatte sie haltgemacht, ohne Sinn für Weiteres, kerngesund und vergnügt, in ihrer Art ein ganzer Kerl! Nur eben eine Wilde! Er dachte sich: Sie ist ja immer in der Höheren Töchterschule sitzengeblieben, trotz des allmächtigen Papas! Anerkannt der faulste Balg der Klasse ... Immer nur raus und auf den Tennisplatz! Mit Müh und Not haben sie ihr ein bißchen Französisch beigebracht wie einem Papagei.... Das plappert sie, wenn's sein muß. Dabei ist sie eigentlich nicht dumm! In ihrem kleinen Kreis weiß sie ganz gerissen Bescheid.

Karl Schweikardts rötliche Schlemmerzüge strahlten. Seine schöne Nachbarin war heute verwirrend liebenswürdig zu ihm, sie, die ihn sonst immer hundeschlecht behandelte. Ihr Mann unten sah es mit Gelassenheit ... vielleicht zu großer Gelassenheit. Er sagte es sich selbst. Denn es war wirklich schon ein bißchen bunt ... fiel auf ... dieses Sichklapsen wie ein paar Schulbuben, dies Kichern und Tuscheln ... Er konnte es nicht ernst nehmen. Er kannte seine Frau zu gut. Sie war jetzt prachtvoll erblüht, in einer junonischen Schönheit. Aber sie hatte in Wesen und Antlitz und dem kindischen schleppenden Tonfall, wenn sie sprach, immer noch etwas vom kleinen Pfälzer Mädchen an sich. Unentwickelt und verwöhnt. Eigensüchtig bis dort hinaus. Aber dabei eine ganz kalte Natur.

»Herrgott ... er steht ja doch mächtig unter dem Pantoffel«, meinte Karl Schweikardt. »Darüber sind sich doch die Gelehrten einig! ... Was, Sie Gastgeber da unten? ...«

Es klang frech. Dem dicken Kerl schwoll der Kamm. Werner Winterhalter bejahte kaltblütig.

»Natürlich hab ich abgedankt. Aber ich bin nicht der einzige. Es geht mit uns allen zu Ende!«

»Mit wem?«

»Mit uns Herren der Schöpfung. Solang die Welt steht, haben wir Männer der höheren Stände die Frauen und das Volk regiert. Das Volk ist mündig geworden, die Frauen werden's! ... Götterdämmerung. Wenn Sie wieder zur Welt kommen, Schweikardt, werden Sie arbeiten müssen!«

»Jetzt babbelt er wieder!« klagte Frau Stefanie. »Und wer's den lieben, langen Tag mitanhören muß, das bin ich!«

»Ohren zu, verehrte Freundin!«

»Ja, ich halt doch auch nicht still! Ich spring als einfach weg! Ist's wahr, Wernerche?«

»Na natürlich tust du's! Aber was hilft's? Kinder ... man kann nicht den ganzen Tag auf allen vieren laufen ...«

Wieder in Werner Winterhalter das Frösteln der Leere. ... Es ging von dem Platz da oben aus, wo seine schöne Frau saß ... lachte ... den zu üppig gewordenen Schweikardt am Ohr zupfte, daß er laut »Au!« schrie. Gleich darauf waren sie wieder gute Freunde. Es war nachgerade Absicht in der ganzen Dalberei. Absicht gegen ihn. Er sagte sich: Ich muß nachher doch einmal mit Stefanie ein ernstes Wort sprechen. Aber er brachte keinen rechten Anteil an dem Treiben der Tafelrunde um ihn auf ... Stadtspäße. . .. Sportklatsch ... Anspielungen ... Motten ums Licht ... das Licht da oben seine Frau. ... Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken ... zu lächerlich ... die Stefanie ... und gerade ein Mensch wie der Schweikardt ... das ist mehr Nichtachtung gegen mich, als das gute Kind ahnt ... Was verhandelt sie denn so eifrig mit ihm . .? . . Mit den andern . .? . . Es ist wie eine Verschwörung. ... Sie sind auf einmal ernst. Gilt das mir? ... Zu dumm! ... Er sah nicht mehr hin. Seine Gedanken verloren sich in die Weite seines Werkes. Nein. In die Enge. In die winzigste Verkörperung des Erfolgs, in den nadeldünnen Benzinkanal der Motordüse, das unscheinbare, walnußgroße, allgültige Geheimnis, der Hebel der Welt, die Kraft im Kleinsten ...

Herrgott, das Geschrei da oben! Was war denn da los? ...

»Also abgemacht, Frau Stefanie!«

»Aber gleich!«

»Wir halten Sie beim Wort!«

Stefanie Winterhalter war aufgesprungen. Sie winkte ihrem Mann zu. Jetzt hatte sie etwas unbekümmert Grausames, wovon sie selbst nichts wußte, in dieser wilden, starken Bewegung. Sie hob übermütig, siegesbewußt den schönen Kopf.

›Vorwärts! Zeigen Sie Ihre Macht, gnädige Frau!«

»Du, Wernerche – hör mal: ich hab eben 'ne Wette abgeschlossen!«

»Meinetwegen!«

»Aber du mußt auch lieb sein ... Es hängt von dir ab! Versprich mir, daß du's tust!«

»Was denn?«

»Laß die Herren hier mal 'nen Augenblick in deine Erfindung reingucken ... bloß 'nen Augenblick, Wernerche ... Wir fahren alle beisammen hinüber in die Fabrik ...«

Werner Winterhalter blieb sitzen und sah sich seine Gäste an, die mit der Hausfrau zusammen aufgestanden waren.

»Wetten, daß die Idee von dir ist, Moritz?« sagte er zu seinem Schwager. »Gar nicht dumm . . Wenn man die Stefanie kennt! ... Aber hört mal: haltet ihr mich denn für so dumm? Ich bin ganz erschrocken ...«

»Schwatz nicht, Wernerche! Komm ... wollen gehn!«

»Nein. Für dumm haltet ihr mich nicht. Aber für schwach. Und darin habt ihr vielleicht nicht unrecht. Es war hohe Zeit ... Donnerwetter ja ...«

Er erhob sich und furchte die Stirn. Um ihn war ein plötzliches Schweigen.

»Werner ... was ist denn da Großes dran? Einmal mußt du's doch zeigen!«

Er beachtete seine Frau nicht. Er wandte sich an seinen Schwager und schlug dem auf die Schulter.

»Das könnte dir so passen, mein guter, alter Moritz – was? ... Dann könntet ihr euch wieder ruhig die Nachtmütze über die Ohren ziehen, ihr da drüben! Nein! Euch werden noch die Ohren klingen! Zu seiner Zeit! Aber heute nicht!«

»So? Und wenn deine eigene Frau es versprach?«

» Ce que femme veut, Dieu le veut!« schrie Karl Schweikardt,

»... So viel Einfluß wird sie doch noch auf dich haben ...«

»... daß sie mich hier zum Narren macht? Herrschaften ... als was muß ich euch in diesen Jahren erschienen sein? ... Ich seh's jetzt erst mit Schrecken! ... Ich komm erst langsam wieder zu mir!«

»Wernerche! ... Jetzt blamier mich nit!«

»Still!«

Seine Stimme donnerte. Stefanie, die vergnügt, aber mit einem trotzigen Willenszug um Mund und Stirn, vor ihm gestanden, prallte entsetzt zwei Schritte zurück.

»Werner ... ja ... was fällt denn dir ein ...?«

»Still!«

Es klang noch lauter. Moritz Kühn drängte die Diener zur Tür hinaus und schloß sie. Wie er sich umwandte, war noch betretenes Schweigen. Seine Schwester stand zitternd da, betupfte sich die Augen mit dem Taschentuch und zog es ratlos durch die Finger. Sie begriff nicht, was eigentlich vorgegangen war. Dann Werner Winterhalters Stimme wieder ganz gelassen: »So ... also diese Kraftprobe ist mißglückt! ... Damit beruhigt euch, bitte ... alle miteinander!«

»Herrgott ... schon fast vier!« Doktor Bätzle sah auf die Uhr. Er hatte plötzlich dringend auf der Bank zu tun. Die andern auch, jeder irgendwo. Sie nahmen beinahe zugleich alle Abschied. Hausherr und Hausfrau waren allein.

Sie ließen sich gegenseitig keine Zeit. Traten aufeinander zu. Rissen sich die Sätze vom Mund. Ein atemloses Hagelwetter von Worten: »Werner ... das vergess' ich dir nicht ...«

»Ich dir auch nicht ...«

»Liebe Zeit ... mir puppert noch's Herz! ... Brüllt der einen plötzlich vor allen Leuten an, daß man meint ... Du ... so lass' ich nicht mit mir umspringe!«

»Du hast jetzt deine Lehre! ... Ein zweites Mal versuchst du's nicht ...«

»Ha ... was denn? ... Man wird doch noch bitten dürfen ... Wenn man gerad im Gespräch auf deine dumme Erfindung kommt ... da hab ich's halt den Herren versprochen, ich setz es bei dir durch...«

»Ja – deine Laune und mein Lebenswerk!«

»... und nachher steht man da wie ein Aff! Die werden schön gelacht haben, wie sie draußen waren ...«

»Laß sie lachen! Ich lach zuletzt!«

»Die tragen's in der ganzen Stadt herum, wie ich hier behandelt werd! ... Aber ich hab's dick! ... Ich geh retour zu meinen Eltern ...«

Jetzt war schon wieder etwas Wehleidiges in ihrem Tonfall. Die kleine Pfälzerin, trotz ihrer königlichen Erscheinung. Er schaute ihr immer noch rosiges Gesicht an und wunderte sich über dessen Leere. Es war darauf nur die Weinerlichkeit eines verärgerten Kindes. Das machte auch ihn ruhiger.

»Warum läßt du dich auch von den Kerlen aufhetzen?« sagte er. »Nun ist die Kraftprobe da!«

»Ich hab mir nichts Böses dabei gedenkt ...«

Sonderbar, wie unbeirrt er sie jetzt vor sich sah. Nicht blind gegen ihre Schönheit. Aber frei. Ein Erwachen ... aus irgend etwas ... hinter einem. Diese Stunde schien ihm auf einmal eine schon lange fällige Notwendigkeit für ihn und sein weiteres Leben. Vielleicht ihr auch. Es lag in ihrer beider Blicken.

»Das weiß ich! Denn Denken ist nicht deine Sache!« sagte er. »Gelernt hast du auch nichts!«

»Danke!«

»Aber stark bist du! ... Gerade weil du sonst nichts im Kopf hast! Wer um dich ist, der muß dir parieren!«

»Davon weiß ich nichts!«

»Du weißt's nicht, weil du's bist! Blinde Herrschsucht. Das ist gar kein Vorwurf, sondern ein Zeichen von Gesundheit ...«

»Also! ...«

»Aber es gibt Dinge, die du beherrschen willst und nicht begreifst ... mich zum Beispiel ...!«

»Was ist denn an dir so viel zu begreifen? Ach du lieber Gott!«

»Sonst würdest du zum Beispiel nicht die Geschmacklosigkeit begehen, mich gerade auf einen Schweikardt eifersüchtig machen zu wollen! Einen Mann wie mich! ...«

»Das ist der Schlimmste noch lange nicht!«

»Eben! ... Dir gefällt er!«

Sie stampfte mit dem Fuß. Ihre blauen Augen flammten in Rachsucht.

»So? Wenn ich erst eifersüchtig sein wollt ...«

»Du?«

»Da hätt ich viel zu tun! Aber ich bin halt vernünftig. Ich hab mir gedacht: Laß ihn laufen. Er kommt schon wieder! Oder bist du etwa nicht mit der Eva Römer die Straße lang gegangen am helllichten Mittag bis zu ihrem Haus?«

»Ein einziges Mal! Vor einem halben Jahr, als wir uns zufällig trafen.«

»Und bist du nicht sogar später bei ihr oben gewesen? .. Ha ... ich weiß doch alles! ... Wozu hat man denn seine guten Freundinnen? Ich hab ihrer Stücker drei, wo anonyme Briefe schreiben.«

»Am Begräbnistag ihrer Mutter hab ich ihr die Hand gegeben im Beisein ihrer Schwestern ...«

»Also ... da haben wir's!«

»Ja, da haben wir's! Denn das ist alles!«

»Und was geht dich das unnütz Mädel an?«

»Die ist nützlicher als du! Das darfst du mir glauben.«

»So – wo ihr Vater sein ganzes Geld verloren hat! Was will denn die?«

Hochmut der Millionen in ihrer verächtlich ablehnenden Schulterbewegung. Sie wich vor seinem inneren Auge zurück ... immer weiter ... weiter ... Eine Kluft tat sich auf ... Nein ... War schon lange da. Nur überbrückt. Ihre Stimme klang ihm wie aus der Ferne.

»Was führ ich denn für ein Leben? ... Ich sehe dich ja bald nicht mehr ... Wenn mich die Verwandten fragen: ›Steffche – wo steckt denn nur dein Mann?‹ ... Da möcht ich schon am liebsten heulen! Da hat man's ja bald schon als Witwe besser! Da kommt wenigstens nicht auf einmal der Selige zu einem ins Zimmer rein, wenn man mal ein bißchen vergnügt ist, und schreit einem die Leut auseinander, so wie vorhin du.«

Sie war ganz wütend.

»Das, wenn ich vorher gewußt hätt, wie ich dich genommen hab, Werner! ... Liebe Zeit ... was hab ich durchgemacht! Es geschieht mir recht. Ein jedes hat mich gewarnt! Jeder hat mir gesagt: ›Hüt dich! Bei dem rappelt's!‹ ... Ich hab's doch probiert! Eine Zeitlang ging's ja auch ...«

»Ja. Solange ich dein Spielzeug war ...«

»Aber dann ist's immer ärger geworden ...«

»Als ich mich und die Arbeit wiederfand!«

»Ich hab's schon mehr wie einmal bereut. Das kann ich dir sagen. Ich hätt an jedem Finger hundert haben können ...«

»... und hast doch mich genommen ...«

Stefanie Winterhalter fuhr auf, in einem Triumph nachträglicher Rache.

»... weil ich dich hab haben wollen! ... Du hast mir gerade gepaßt, damals ... Ich hab mir gedacht: Mit dem ist leicht auskommen! ... Der ist so ein Träumer!«

»Da hast du mich unterschätzt!«

»Damals weiß Gott nicht! ... Blind hast du angebissen! ... Ich hab mir kaum ein bißche Müh zu geben brauchen! ... Am ersten Tag schon fast hab ich dich gehabt ... Ich hab mich selbst erstaunt ... ich kenn euch doch ... Zwei, drei Männer hat's vielleicht gegeben, auf die ich keinen Eindruck gemacht hab, wo ich hab wollen! ... Aber bei dir ... Es war ja rein zum Lachen ...«

»Aber geliebt hast du mich nicht?«

»Nein.«

»Nie?«

»Nein! Verzeih mir's Gott! ...«

»Und dann wunderst du dich jetzt, daß ich dich nicht mehr liebe?«

Sie schwieg. Der Gedanke war ihr neu.

»Und doch ist dir vielleicht unrecht geschehen!« sagte Werner Winterhalter. »Denn du hast dich nicht verändert. Aber daß man sich selber verändert, dafür kann man auch nichts ...«

»Vernünftig kann man sein! ...«

»Deine Vernunft möchte ich nicht haben. Eure alle nicht. Nicht mal die von deinem Vater – denk mal!«

»Was soll denn nun werden?«

»Du hast mit mir gespielt. Und das Spiel ist zu Ende. Alles hat mal ein Ende.«

Er nickte ihr zu und ging ruhig aus dem Zimmer und draußen, den Hut vom Haken nehmend, hinab auf die Straße. Da lärmte das Leben. Es umfing ihn, inmitten der Sommernachmittagsglut, mit einem befreienden Hauch. Ringsum war die Alltäglichkeit, und doch schien ihm alles veredelt. Ein Stolz der Arbeit über Menschen und Dingen. Jeder schaffte sein Teil. Der Flößer auf dem Rhein, der Klempner auf dem Neubau, der Hausdiener auf dem Dreirad, der Briefträger mit der Mappe, der Maschinenheizer vor der Kesselglut, der Unteroffizier mit seiner Schießabteilung, der Trambahnführer auf den Schienen, die eiligen Geschäftsleute auf der Straße – wer da war, der wirkte in seinem Kreis. Und hundert und tausend und zehntausend Kreise flossen zusammen und bildeten den Inhalt des Lebens: ›Die Arbeit ist das Recht auf Sein.‹ Da gab es nichts Großes und nichts Kleines mehr. Es gab nur noch Menschen, die wußten, wozu sie auf der Welt waren und ihre Arme rührten. Vergebens suchte Werner Winterhalters Auge einen müßigen Mann. Er fand keinen unter den Tausenden, die wimmelnd den großen steinernen Ameisenhaufen am Rhein belebten. Er dachte sich: Und ich konnte zwei Jahre meines Daseins ungenutzt vergeuden! ... Und dachte sich weiter: Gott sei Dank ... ich bin wieder eins mit allem, was um mich kämpft und keucht und hofft im Fluten der Zeit. Ich hab mein Ziel vor Augen, um das ich ringe, nicht mehr himmelstürmend wie als Jüngling, sondern innerhalb der Reichweite des reifenden Mannes. Ich bin ein Mensch wie ihr. Ich bin genesen ... Er schaute nicht nach seinem Haus zurück. Sein Zorn war verflogen. Es war kein Haß mehr in ihm. Das lag alles schon dahinten .. versank .. mußte sich erfüllen. ... Er dachte sich: Auch diesen Weg mußt ich gehen ... Auch das mußt ich erleben ... durch meine Schuld und durch ihre ... ich kann nicht anders ... An dem Tag, an dem ich nicht mehr kämpfe und irre, an dem bin ich nicht mehr. Und der Kampf des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Arbeit. Mit Hirn und Hand.

Es dämmerte schon. Stundenlang war er durch das Menschengewühl der Straßen geschritten wie durch ein brausendes Meer. Nun blieb er stehen. Er war in einer fremden Gegend, schon an der Grenze der Vorstädte. Eintönige Mietkasernen links und rechts. Er hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Und doch: dies schmale Eckhaus mit dem Zigarrenladen unten kam ihm bekannt vor. Da wohnte Eva Römer. Drei Treppen hoch. Auf der rechten Seite. Er unterschied deutlich die drei Fenster Front ihrer beiden Stuben. Und gerade, als er hinaufblickte, erhellten sich plötzlich, wie ein Stern in der Nacht, zwei der Scheiben. Die Vorhänge waren zugezogen. Man sah nichts dahinter. Aber er wußte: Nun saß sie auch dort oben, den langen stillen Abend, den blonden Kopf über ihre Arbeit gebeugt, Arbeit für andere... für die Armen und Ärmsten. Er sagte sich: Du könntest längst eine müßige Millionärin sein und meine Frau und bist da oben du selbst und erfüllst selbstlos eine freigewählte Pflicht an deinen Nächsten, deinen Nebenmenschen, wo sie am geringsten sind. Da, in dir, schlägt das Herz unserer Zeit. Und in ihm war ein Trost der Gemeinsamkeit, während er langsam weiterging: Auch auf dir ruht der Segen der Arbeit. Auch du kennst und übst die Kraft im Kleinsten.

In dem Schuppen draußen in der Fabrik kauerten er und Robert Kienast beim Schein des elektrischen Lichts noch lange vor dem Motor, lösten alle Schrauben, untersuchten seine Nieten und Bolzen und Federn und Kugellager, ob ihm die heutige Gewaltfahrt nicht geschadet, und nickten befriedigt: Ohne Risse und Sprünge, kampfbereit, stand der stählerne Renner da. Dann bauten sie vorsichtig noch einmal den Vergaser aus, prüften mit der Lupe Düse und Düsennadel, Konus und Schwimmer ... mitten darin sprang der junge Schlosser plötzlich mit einem Tigersatz nach der Tür: »Sie horche wieder drauße ... sie horche ...«

»Mach nur auf!«

Robert Kienast riß die Flügeltüren auseinander. In der jähen Lichtflut standen im Dunkeln, von der Helle fast geblendet, ein paar Herren, im Schatten hinter ihnen noch einige Werkmeister oder Monteure. Werner Winterhalter lachte ihnen in die verdutzten Gesichter. »Guten Abend! Ich kann Sie leider nicht auffordern, einzutreten. Wir sind hier gern unter uns ...«

»O bitte! Wir gingen nur gerade zufällig vorbei, und da ...«

Werner Winterhalter hob die Metallkapsel in der geschlossenen Hand hoch, so daß sie niemand draußen erkennen konnte. Ihm war, als schwänge er ein Schwert. Er hatte das Bewußtsein: Das sind die Waffen unserer Zeit. Seine Augen blitzten kampflustig, nach all den Stürmen dieses Tages.

»Auf die Mensur, meine Herren!« sagte er. »Von heut ab ist der Krieg erklärt. Wir zwei hier fechten gegen euch alle!«

 

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