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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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11

»Fürchten Sie sich denn gar nicht für Ihren Mann? ...«

Stefanie Winterhalter überhörte es. Sie stand aufrecht auf der Tribüne, einen Kopf länger als ihre Umgebung, im Staubmantel, den Autoschleier hinten über dem aschblonden Haar geknotet, den Krimstecher vor den gespannten blauen Augen. Sie hob sich unwillkürlich auf den Fußspitzen: Dort, ganz in der Ferne, huschte etwas zwischen den Obstbäumen der Chaussee wie eine eilige graue Maus ... verschwand wieder hinter einem Hügel ... Ihre schönen Züge blieben unbewegt, während es über das Meer von Köpfen ringsum lief, wie wenn ein Windstoß die Wasserfläche kräuselte. Durch die Rufe der Ausländer, die hellen Stimmen der Frauen: » Eccolo!« .... »Tiens .... c'est Germain!« ...

»Ach was ... wenn das nicht Striepecke ist, lass' ich mich hängen!« ... sagte sie, sich gleichmäßig zu der Gefolgschar von Herren hinter ihr wendend: »Werner kann es doch noch nicht sein? ... Das tät doch mit der Zeit nicht stimmen! ...«

Und dann, die verklungene Frage von vorhin im Ohr: »Was meinten Sie eben, Herr Bätzle?«

»Ich bewunder' Ihre Haltung, gnädige Frau! ... Wenn man den eigenen Mann im Rennen hat ...«

»Was soll ihm denn passieren? ... Wo er so todsicher fährt...«

Sie setzte sich wieder und drehte das Stellrad zwischen den starken weißen Händen zurecht.

»Er trainiert doch seit einem vollen Jahr. Streng genommen schon seit zwei Jahren. Er hat ja eigentlich bald nach unserer Hochzeit schon mit dem Rekordfahren angefangen!«

»Aber die anderen sind doch langjährige Meister im Fach und er ein Außenseiter! Eine europäische Konkurrenz wie heute ...«

»Warum soll nicht auch einmal ein Außenseiter Glück haben? ... Mit der besten Maschine aus der Fabrik von meinem Schwiegervater? überhaupt: halten Sie doch mal einen Mann zurück, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat!«

Die Herren lächelten und schwiegen. Nur Moritz Kühn meinte halblaut: »Mein Schwager und noch was wollen! ... Ach du lieber Gott ...«

»Was, Moritz?«

»Oh, nichts!«

»Du hast eben was gesagt!«

»Ja. Ein frommer Knecht war Fridolin ... Steffche ... Du solltest deinen Mann nicht so auf Mord und Kaputt über die Bahn hetzen! ... Wenn ihm mal was passiert ... so einen kriegst du nicht wieder! «

»Ich fahr doch selber auch!«

»Ja. Ihr seid beide verrückt. Das ist richtig!«

»Pst! ... Bitte, Ruhe ...« bat Dr. Bätzle mit sorgenvollem Gesicht. Er wohnte nicht zum Vergnügen dem Automobilrennen bei, sondern als Vertreter der Finanzgruppe, die die Winterhalterschen Werke stützte. Heute standen Millionen auf dem Spiel. Die ganze europäische Autoindustrie rang hier unter dem bleigrauen, schwülen Augusthimmel Süddeutschlands, auf der geteerten, viele Stunden weiten Landstraße. Die Tribünen voll von Tausenden von Menschen, die Pavillons der Fürstlichkeiten bunt von Damenkleidern und Uniformen, auf dem Rasen dahinter eine Wagenburg von Automobilen aus aller Herren Ländern. Schwarze Menschenmauern zu beiden Seiten der abgesperrten Chaussee, soweit das Auge über die hügelige Sommerlandschaft mit ihren Kirchtürmen, ihren Weizenfeldern und Buchenschlägen schweifte.

»Zum Glück haben wir noch zwei Berufskanonen im Rennen!« sagte der kleine Jurist zu einer Gruppe Herren. »Denn Winterhalter ist und bleibt ein tollkühner Dilettant!«

»Aber er fährt großartig!«

»Ja ... bisher hat er Glückt

»Ist er das nicht?«

»I wo! ... Er kann augenblicklich kaum bei Lampertsdorf sein ... Herr Jesus ... da kommt doch wahrhaftig erst der Ikarus angebummelt ...«

Die graue Maus von vorhin war jetzt zu einem fauchenden und knatternden, in doppelter Schnellzugsgeschwindigkeit heranfegenden, fischförmigen Kasten geworden. Zwei Gestalten kauerten wie Taucher aus dem Meeresgrund mit schwarzen Glotzaugen darauf. Im Sturmwind flog es vorbei. Und doch ein Brausen der Heiterkeit hinterher. Lieber Gott: noch die erste Runde! ... Man war doch schon mitten in der zweiten! Nee, die guten Italiener konnten sich diesmal begraben lassen! Aber die Franzosen! ... »Herrschaften ... dies Jahr machen's die Franzosen ... macht es Nicolas de Bool!«

Überall standen die Fachleute und rechneten mit Bleistift und Notizbuch die Zeiten. Fast die Hälfte des Rennens war vorbei. Schon schieden sich in großen Umrissen die Fahrer und Fabrikmarken des Erfolges von den Nachzüglern. Nicht um Stunden ging es – eine Stundengeschwindigkeit von hundert Kilometern war selbstverständlich – um Minuten und Sekunden und Bruchteile von Sekunden. Und wie man hier zählte und verglich und die Namen murmelte, sausten draußen, von einem kurzen Massenaufschrei begrüßt, in wechselnden Abständen deren Träger vorbei ... Renault... de Dietrich ... Clément ... de Dion Bouton ... Métallurgique ... Fiat... Isotta ... und dazwischen in fliegender Fahrt das große deutsche Kleeblatt: Mercedes ... Benz ... Opel ...

In dem hölzernen Postnotbau wurde rastlos in vier Sprachen telegraphiert und telephoniert: ....»1 Stunde und 9 Minuten 33 ½ Sekunden ... Invernorr schlägt seinen eigenen Rekord!« ... »Germain rückt auf ... Er hat auf der freien Strecke drei Minuten gut gemacht!« ... «Na ... warten Sie erst mal die Kurven ...« ... »Ach ... was will er gegen de Bool ... der Kerl ist ein Wunder ... Er fährt, wie noch nie ein Mensch vor ihm gefahren ...« Es war ein Rausch ... ein Schwindel der Geschwindigkeit ... ein Nebel vor den Augen, in dem die Zahlen tanzten und draußen keine Wagen mehr, sondern fast nur noch knatternde, graue Streifen dahinschossen, in einer Schnelle, wie man bislang auf Erden nur Blitzstrahl, Licht und Sturm gekannt.

»Ikarus hat aufgegeben!«

»Na endlich!«

Karl Schweikardt kam aus dem Telephonamt, Schweißperlen auf dem rötlichen Schlemmergesicht. Er drängte sich auf der Tribüne durch die Menge bis zu Stefanie und legte ihr, mit dem Recht des Hausfreunds, die Fingerspitze auf den Ellbogen.

Sie fuhr herum und nickte ihm kameradschaftlich zu. Er meldete: »Ihr Mann ist eben in guter Fahrt durch Grünzell... Glatt um die Kurve an der Kirche ...«

Selbst durch das Phlegma des dicken Junggesellen zitterte die unerhörte Geschwindigkeit dieses Tages.

»Erst in Grünzell? ... Oh ...«

»Aber, verehrte Freundin ... Zaubern kann Ihr Gatte doch auch nicht!«

»Aber er ist hinter den andern zurück! ...«

»Zwanzig Minuten gut!«

»Na also ...«

Karl Schweikardt zuckte die Achseln und meinte nachlässig und etwas gönnerhaft: »Unter uns: Respekt, daß er überhaupt mitkommt! Erwartet hätt es keiner! Er startet doch nur als Sohn seines Vaters. Eine andere Firma hätte ihm gar keinen Wagen anvertraut!«

Von fern tönte Stimmengewirr, rollte näher. Moritz Kühn kam mit drei Sprüngen die Holztreppe zur Tribüne herauf.

»Habt ihr's schon gesehen? ... Die Dampfwolke da ... Der Belgier ...?«

»Der Jaumont?«

»Der wahnsinnige Mensch fährt mit brennender Maschine! Er hat sich's in den Kopf gesetzt, wenigstens die zweite Runde zu vollenden ... da ist er ...!«

Blauer gefährlicher Rauch umqualmte den heranschießenden Belgier, daß man kaum noch die große Startnummer vorn an der Kühlerfläche sah. Flammen züngelten dazwischen. Dahinter zwei schwarz vermummte Kerle wie die Teufel. Ein tausendstimmiger Aufschrei.

»Das sollte doch verboten werden!«

»Verbieten Sie mal was 'nem Menschen im Hundertkilometertempo ...«

»Er fährt ja schon langsamer!«

»Er stoppt!«

»Gott sei Dank ...«

»Aber er macht mit seiner Schweinerei die ganze Luft hinter sich dick! Keiner kann was sehen! Da hinten kommt schon einer! ...«

»Nummer siebzehn!«

»Nummer siebzehn!«

»Stefanie ... dein Mann!«

Die schöne junge Frau sprang auf. Durch den feinen, bläulichen Dunst, der auf der Bahn zitterte, sauste es heran ... in die stürmische Lufterschütterung durch tausend Kehlen hinein. Stefanies Schwägerin, die kleine Mannheimerin, faltete angstvoll die Hände.

»Ach Gott, der Werner!«

»Er muß bremsen ...«

»Jetzt bremsen heißt, sich dreimal überschlagen!« brummte Schmeikardt. Da war der Wagen ... eine warnende Handbewegung des stummen Mitfahrers ... Ein Griff ins Steuerrad ... Ein kurzer Bogen um die Gefahr ... Vorbei wie ein Blitzbild ... Lärm hinterher ...

» Bien fait!« murmelte unterhalb der Tribünenbrüstung ein kleiner, magerer Franzose.

»Famos ... der Werner ... Donnerwetter ja!« ..

Moritz Kühn nickte lachend seiner Schwester zu. Die war jetzt doch etwas blaß geworden.

»Kriegst du's mit der Angst, Steffche?«

»Ach ... das ja nicht ... aber ...«

»Ja, nun ist die Karre im Rollen!«

»Wer ist denn eigentlich sein Mitfahrer?«

»Einer seiner Freunde aus dem Volk! Ein gewisser Kienast! Die beiden sind unzertrennlich. Sie sind ja auch mit vereinten Kräften bei einer neuen Erfindung. Das heißt: der Werner heckt es aus, und der andere schlossert's zusammen. ... Na, jetzt kommt wenigstens das Unglücksding da vorn zur Ruhe!«

Der brennende belgische Wagen hatte endlich seinen Schwung verloren, stand in einiger Entfernung still, nun ganz in blaue Lohe gehüllt. In ihr hantierte immer noch einer der schwarzledernen Gesellen.

»Wenn er Glück hat, fliegt er jetzt noch in die Luft!«

»Nee!... Er hat den Benzinhahn abgedreht!«

Monteure in blauen Blusen liefen mit sandgefüllten Eimern hinterher, ein Vertreter der Firma, den Strohhut im Genick, schon von weitem etwas Französisches schreiend. Die Gefahr war vorbei.

»Habt ihr's schon gehört? Am Hungerberg liegt einer im Graben ...«

»Welche Marke?«

»Weiß nicht! Es sind Ärzte mit dem Auto hin!«

»Werner kann's nicht sein! ... Der ist ja eben durch ...«

»Er muß jetzt gleich durch Mönchberg kommen.«

»Aha! Hut ab! Unser zweites Schlachtroß!«

Ein anderer Wagen der Winterhalterschen Werke knatterte vorbei. Ein Rennfahrer von Beruf am Steuer. Eine schweigende Bewegung unter den vielen blauen Schirmmützen im Zuschauerraum. Doktor Bätzle schüttelte den Kopf.

»Der Mann tut ja sein Bestes! ... Aber ... aber ...«

Aber heute kam das geflügelte W, das Wappen der Winterhalter-Werke, nun einmal nicht in Front. Aus der Ferne Stimmen ... Ein Gewirr ... immer ein Name ... De Bool! ... De Bool! Vorn an der Schranke Herren mit Henriquatre, wild die Hüte schwenkend, Französinnen mit wehenden Tüchern: » En avant, de Bool

» Ah ... quel gaillard

»Um Gottes willen ... doch nicht schon wieder de Bool...«

»Da wäre er ja schon in der dritten Runde!«

»Er läßt alles hinter sich ...«

»Herrschaften ... nun schaut mal das an!«

Selbst die gewiegten Fachleute überlief ein Frösteln. Der Wagen, der da in einer sogar am heutigen Tag noch nicht erlebten Schnelligkeit heranschoß, lief nicht mehr, er sprang. Er löste sich im Antrieb von hinten mit den Rädern vom Boden, machte zehn Meter lange Sätze wie ein gereiztes Ungetüm. Ein Koloß von einem Menschen saß in steinerner Ruhe hinten auf dem Führersitz. Brille und Lederschutz vor dem breiten, bartlosen Antlitz. Kein Muskel an ihm zuckte. Er war wie ein Stück einer Maschine selbst. Etwas Feierliches in dieser unbewegten, im Flug mit dem Tode spielenden Gestalt.

»An der Kurve liegt er mit beiden Außenrädern in der Luft... Es soll schrecklich sein, es anzusehen!«

»Ja... in den Kurven macht er's!«

Alles starrte dem rasch kleiner werdenden Schatten auf der Landstraße nach ... wie er sich allmählich, aber sicher, dem zweiten W-Wagen vor ihm näherte, plötzlich ein donnerndes, warnendes Heulen ertönen ließ, ein paar Sekunden scheinbar neben dem andern lief, an ihm vorbeiging ... Nichts zu machen ... ein Achselzucken ... Na ... wartet nur, ihr Franzosen! Das war das letztemal! Bald kommt auch für Deutschland die Siegeszeit. Immerhin ... Wer zur Fahne Winterhalter hielt, machte ein ernstes Gesicht.

Moritz Kühn trat zu seiner Schwester: »Du, Steffche – hat der Werner am Ende 'nen Wassertropfen in den Vergaser erwischt?«

»Wieso?«

»Er ist immer noch nicht durch Mönchberg durch!«

»Was? Noch nicht durch Mönchberg? Na, warum trödelt er denn so?«

»Ich hab' eben wieder telephoniert! Keiner weiß was von ihm. Er muß irgendwo da gleich auf der Strecke vor uns stecken!«

»Herrgott – das fehlte noch!«

»Ja, 's wird schon so sein!«

»Dann sind wir wieder die ersten von hinten!«

»Sei froh, wenn nichts weiter passiert ist!«

Die schöne junge Frau sprang auf, stieß, an keinen Widerstand im Leben gewöhnt, rücksichtslos die Umstehenden zur Seite, stürmte mit ihren Begleitern nach hinten, wo auf der Wiese, stumm und verlassen, mit glotzenden Laternenaugen reihenweis die Autos standen. Sie entdeckte das ihre, schwang sich hastig auf den Führersitz.

»Kurbel an, Moritz! ... Schweikardt! Stehn Sie nicht so da! Setzen Sie sich rein!«

»Wohin denn?«

»So weit wir halt seitwärts die Strecke entlang kommen! Da müssen wir ihn doch finden!«

Ein elendes Gerumpel auf Ackerwegen. Da vorn ein altertümliches Städtchen.... Krumme, enge Gassen ... Die warnend erhobene Hand eines Schutzmanns: Bis hierher und nicht weiter ... Mitten durch den Ort führte wieder die Rennbahn, bog mit einer der gefürchtetsten Kurven auf den Marktplatz um das Rathaus ... Die Fenster schwarz von Menschen.... Offene Mäuler hinter den Bretterverschlägen der Seitenstraßen.

»Alleweil!«

Ein unsichtbares, rasend rasch sich näherndes Geknatter. ... Um die Ecke herum, wie aus der Luft gewachsen: ein graues Etwas ... ein linker Arm, der sich schon weit vor der Wendung herüber um die rechte Seite des Steuerrrades legt. Die Maschine fliegt haarscharf um den Prellstein, wirft sich blitzschnell nach links ... ist fort ... heiß zitternde Luft und bläulicher Öl-und Benzinduft hinterher ... Ein Schweigen der Menschen ... Stefanie Winterhalter zerbiß vor Aufregung ihr Taschentuch zwischen den Zähnen.

»Der Werner wird doch nicht 'ne Kurve schlecht genommen haben, Moritz?«

»Vorwärts! Wir müssen zu Fuß weiter!«

Ihr Bruder eilte voraus, die unübersichtliche Landstraße entlang. Sie folgte ihm, energisch den Rock bis über die Knöchel raffend, den Blick in die Ferne. Hinter ihr ein Stöhnen ...

»Aber teuerste Freundin ... in dem Tempo komm ich nicht mit ...«

»Ach ... springen Sie nur zu, Schweikardt! Warum sind Sie so dick und faul?«

Dem fetten Junggesellen rann der Schweiß über das rötliche Antlitz. Er drängte sich keuchend an sie heran, während Moritz Kühn vorauseilte.

»Uff ... ich bin doch schließlich auch kein Jüngling mehr ... nee ... laufen Sie mir nicht davon ... Ich hab's nicht um Sie verdient! ... Ich bin doch ein guter Kerl ... ich hab's Ihnen doch nicht übelgenommen, daß Sie seinerzeit nicht mich, sondern den Winterhalter genommen , . .«

»Wenn Sie bloß still sein wollten!«

»Aber, da darf ich doch als Ihr Freund ...«

»Ruhe! Jetzt ist doch nicht die Zeit zu dem dummen Gered!«

Karl Schweikardt schwieg. Es war ein seltsamer Blick, den er über die Schulter der jungen Frau weg in die Weite warf ... und dann ein verstohlener Gedanke: Wenn da drüben ein Unheil geschehen ist, vielleicht blüht dann doch noch einmal mein Weizen....

»Sind wir noch nicht bald oben, Frau Stefanie?«

Sie wandte den Kopf.

»Sie sollen mich nicht beim Vornamen nennen! ... Werner hat es Ihnen oft verboten! ... Wenn Sie auch kein Mensch ernst nimmt!«

Sie hastete voraus und schrie auf: »Moritz ... Moritz ... was gibt's denn?«

»Da sind endlich Leute, die ...«

»Hu – was liegt denn da am Boden?«

»Nichts als ein Autoreifen.«

Ihr Bruder bückte sich nach dem verstaubten, grauen Kranz, faßte ihn an und schüttelte die Finger. Das Gummi glühte noch vom sausenden Lauf, war an einer Stelle durchgeschrammt, die Leinwandeinlage braun gebrannt, der geplatzte Schlauch klaffte.

»Er muß hier so plötzlich gebremst haben, daß der Mantel durchgegangen ist! Wie?« Moritz Kühn wandte sich an die Umstehenden. »Dann sind sie nach 'ner Weile mit dem neuen Reifen weitergefahren? ... Aber ganz langsam?«

»Oben, hinterm Berg, steht e Wagen!« schrie ein vorbeirollender Radfahrer. »Ich soll mei Kuh hole, sacht der Schaffier, sei Schinnos vun eme Auto will net mehr.«

»Verletzt ist keiner?«

»Abah!«

»Na also!« sprach Karl Schweikardt, anscheinend befriedigt. Er hatte endlich auch den Weg hinaufgefunden.

»Uff! ... Nun legen Sie aber nicht mehr eine solche Pace vor, verehrte Freundin!«

Stefanie Winterhalter verlangsamte ihre Schritte. Sie atmete unwillkürlich auf. Die Ruhe kehrte auf ihren schönen, erhitzten Zügen wieder. Dann sagte sie in raschem Wechsel der Stimmung: »Aus dem Rennen ist er nun ... Schade!«

Und Karl Schweikardt, der neben ihr stapfte, lächelte plötzlich frech und sagte: »... 's ist immer mit ihm das alte Lied, solange ich ihn nun kenn! Er will alles ... er kann alles und ist schließlich doch immer der Geschlagene!«

Aber er bot doch als ein keuchender, sich erschöpft den Schweiß von der Glatze wischender Dickling kein gutes Bild neben Werner Winterhalter, wie der oben stand, lachend, lang und straff, mit blitzenden, dunklen Augen und zerzaustem dunklen Schnurrbart in dem tief gebräunten und verstaubten Gesicht, die Autobrille über die Stirn zurückgeschoben, Wangenflügel und Mundschutz der Rennhaube ins Genick geschlagen, in verrußtem Mantel. Er umarmte seine Frau, küßte sie zwei-, dreimal stürmisch und faßte Karl Schweikardt strafend am Ohr.

»Das geschieht euch recht in der Fabrik! Ihr Bande vom grünen Tisch! Ihr seid mir schon die dümmsten Schlauköpfe.... Mir sperrt ihr die Fabrik vor der Nase zu. Ich darf mich um nichts kümmern, was ihr da treibt, und dann spart ihr am falschen Ort! Wenn einem die Kugellager springen, kann keiner gewinnen!«

Er hielt in der hohlen Hand einen Haufen zerbrochener Metallringe und Stahlkugeln zwischen grünlich zähen Fettflocken.

»Ich konnt gerade noch bremsen, daß die Reifen durchgingen! ... So 'nen schlechten Wagen haben wir nicht verdient! Was ... Robert?«

»Do könnt sich der Théry selber druffhocke und 's badd nix!« schrie Robert Kienast aus den Tiefen des Motors, unter dem er flach auf dem Rücken im Staub auf dem Boden lag und, das Gesicht nach oben, mit schwarzen Fingern in die dunkle Welt der Kurbelwelle über sich hinauftastete. Karl Schweikardt lachte etwas gezwungen. Er fühlte jetzt wieder seine Zwitterstellung im Winterhalterschen Haus... Halb Hausfreund – halb Hofnarr ...

»Nun lassen Sie doch schon mein Ohr los, Mensch!« sagte er verdrießlich und rieb sich das Läppchen.

Werner Winterhalter drehte ihm den Rücken und dehnte die Arme weit in Gottes heiße Sommerwelt hinaus. In ihm stürmte noch der Rausch der Tat ... ebbte erst allmählich ... hinterließ doch ein lachendes Kraftgefühl ... nach dem Spiel mit dem Tod ... Man hatte das Leben neu ... seine Fülle ... Vor sich seine schöne Frau ...

»Ach was!« sagte er. »Man war doch dabei! ... Nur nicht immer am Weg stehen und zugucken! ... So sind wir nicht! Was ... Stefanie?«

Sie lachte und nahm seinen Arm. Sie schritten einträchtiglich als Kameraden, er noch mit vom Fahren steifen Knien, den Hang hinab. Der dicke Junggeselle folgte langsam und sagte mißbilligend zu Moritz Kühn: »Wenn man bedenkt: sieben Millionen hat er vorm Jahr von seinem seligen Großpapa geerbt, oder hat der alte Kobus noch mehr hinterlassen? ... und hat Ihre Schwester zur Frau ... und riskiert tagtäglich mir nichts, dir nichts seinen Hals ... Der Mann ist mir ein Rätsel ... ich tät's nicht!«

Die weite Gartenebene zu beiden Ufern des Rheins war voll von langen, weißen Staubfahnen. Das Rennen war zu Ende. Eine stürmische Aufregung zitterte weithin in alle Lande. Im letzten Augenblick hatte Nicolas De Bool, der phlegmatische, bebrillte Koloß, dem Schicksal seinen Zoll entrichten müssen. Ob es wirklich nur der scheuende Gaul gewesen, der über die Schranke weg auf die Straße setzte und ihn schon von fern zum Stoppen zwang, ob nicht doch schließlich irgend etwas am Mechanismus seiner Maschine versagte – am Schluß der dritten Runde, im Angesicht des Richterpfahls, war ein deutscher Wagen an ihm vorbeigezogen, hatte ihn nach wütendem Endkampf der beiden fauchenden Ungetüme mit einer halben Haubenlänge geschlagen. Hunderte von Automobilen trugen die Nachricht heim, schossen nach allen Richtungen auseinander, jagten flußabwärts nach Köln und Belgien, suchten den Main empor den Weg nach Franken und längs des Neckars nach Schwaben und Wien, wandten sich durch Frankfurt nach Norddeutschland. Die schweren französischen Tourenwagen stoben durch das Elsaß und schwenkten bei Landau, bei Straßburg oder durch das Loch von Belfort den blauweißroten Grenzpfählen zu. Schwarze Fußgängermassen wanderten zu beiden Seiten am Wege. Berner Chaischen ... Equipagen ... Hunde ... Kinder ... alles wie Schatten in einem weißen Staubnebel, durch den als tiefstehende rote Scheibe die Spätnachmittagsonne flimmerte.

»Stefanie ... fahr nicht so leichtsinnig! ... Sonst wird dir das Steuer entzogen!«

Stefanie Winterhalter schüttelte nur den linken Stulphandschuh nach rückwärts, ohne den Kopf zu wenden. Eine rauhe, schnauzende Stimme zur Seite: »Net so hurtig ... Sie! ... Jesses ... wie fährt denn der da!«

Sie mußte lachen. Der Gendarm hatte sie für einen jungen Mann gehalten. Sie war in Lederkapuze, Glasbrille, Ledermantel nicht zu erkennen. Gottlob ... jetzt gab es Luft. Der Weg wurde frei. Sie trat energisch mit dem langen, schmalen linken Fuß die Kupplung aus. Ein Rasseln im Getriebe ...

»Stefanie ... achte auf die Tourenzahl! Du sollst nicht zwei Gänge durchschalten!«

Sie tat, als hörte sie nicht, in der Souveränität des Sports, gab ungestüm, mit der rechten Fußspitze auf dem Akkumulator, Gas, daß der Wagen mit einem Ruck unter ihr davonschoß, die lange, nunmehr menschenleere Chaussee dahinstürmte.

»Deine Frau wird uns noch alle in den Graben schmeißen, Werner!«

»Ja, Kinder – dann steigt doch aus!«

Werner Winterhalter saß gleichgültig, die Zigarre im Mundwinkel, die Hände in den Taschen des kurzen Pelzrocks, mit den andern Herren im Innern des Rennphaethons, je zwei hintereinander. Mit dem Gesicht nach hinten, hätte keiner diese fliegende Fahrt mitmachen mögen. Moritz Kühn drehte den Kopf und schrie durch den Sturm:

»Sie hat doch IIIb

»Aber in dem Tempo hat sie ihr Chauffeurexamen nicht gemacht!«

»Schweikardt ... das Tempo ist ja Ihnen zu Ehren!«

Von vorn eine helle Stimme:

»Fürchtet sich der Schweikardt schon?«

»Ja! ... Ja! ...«

Als Antwort eine noch blindere Geschwindigkeit. Der verwöhnte Junggeselle schluckte ein paarmal heftig. Er war wachsgelb im Gesicht und hatte plötzlich dicke Säcke unter den Augen. Er zählte im stillen die Minuten bis zum Ende dieser Fahrt. Werner Winterhalter lachte unbändig. Er streifte die Asche seiner Zigarre in die Luft. Das Wölkchen war sofort im Wirbel dahinter verschwunden. Die Bäume flogen vorbei ... die Welt ... die Meilensteine tanzten ... Menschengesichter flackerten als weiße Flecken vor einem Haus ... ein Hurra von Kinderstimmen ... schon wie aus weiter Ferne ... ein paar Steinwürfe ... aufstiebende Tauben ... der Todesschrei einer Gans ...

»Winterhalter ... Ihre Frau fährt direkt unvernünftig!«

»Ich hab sie auch noch nie für vernünftig gehalten!« sagte er. »Was soll denn auch die Vernunft?«

Und nach einem Schweigen, in nachlässigem Gleichmut, ein Mensch auf der Höhe: »Man fährt halt durchs Leben, ihr Leute! Der eine flinker, der andere fauler! Zum Schluß ist's ganz egal ...«

Sie hatten schon die preußischen Lande hinter sich gelassen, durchmaßen die gesegnete Bayerische Pfalz ... lichtgrüne Rebenfelder stundenweit in die Ebene hinaus, ein uraltes Städtchen mit klangvollem Weinnamen nach dem andern, sie sausten in das Elsaß hinein, rasten durch schnurgerade Pappelalleen ... Die junge Frau am Steuer war nicht dazu zu bringen, ihre Fahrt zu mäßigen.

»Wo ich doch daheim heut abend das ganze Haus voll Gäste hab!« sagte sie, notgedrungen hinter einem schlafmützigen Heuwagen stoppend und zornig hupend, zu dem neben ihr sitzenden Syndikus Bätzle. »Mein Schwiegervater hat doch zum heutigen Tag Geschäftsfreunde aus halb Europa eingeladen und mir auf den Hals gepackt ...«

»Warum denn nicht bei sich?«

»Er ist ja immer noch arg krank! Er hat gestern noch zu mir gesagt: »Ich tapp bald wie 'n Simpel in meiner eigenen Fabrik herum! ...«

Das Pfälzisch klang komisch harmlos von ihren roten Lippen. Sie wandte den Wagen durch enge Gassen abwärts. Da floß der Rhein. Die Bohlen der Holzbrücke grollten unter dem Rollen des nägelbeschlagenen Gummis. Man gelangte in das badische Land und in die Heimatstadt.

Hier, im Anblick des Altgewohnten und Alltäglichen, im zögernden Lauf des Wagens in den belebten Straßen, kam man erst wieder ganz zu sich, erwachte wie aus einem Traum von Adlerflug durch Raum und Zeit. Werner Winterhalter gähnte, streckte die Beine, stand auf und rief seiner Frau zu: »Steffche! Setz mich an der Fabrik ab!«

»Willst du gleich zum Pappa?«

»Es muß ihm doch einer schonend beibringen, daß wir Prügel gekriegt haben!«

Die weite Welt der Winterhalterschen Werke lag jetzt, nach Feierabend, schon stumm und still. Keine Überschichten mit nächtlichem Hammerschlag und Kesselglut. Die Geschäfte gingen nicht mehr so glänzend. Der Absatz stockte plötzlich im letzten Jahr. Die Konkurrenz in Deutschland kannte nicht Rasten und nicht Kosten. Aber das war es nicht allein. Der Feind kam von innen. Ihm konnte keiner entgehen. Er machte das Haar grau und die Hand müde ... das Alter ... das Alter ...

Im Allerheiligsten, im Privatkontor des technischen Bureaus, schimmerte ein einsames Licht. Beschien Leopold Winterhalters Züge. Die Augen noch dunkel und heiß, aber Schnee auf dem Kopf, Asche im Bart. Er und sein Sohn sahen sich oft monatelang nicht, gingen sich aus dem Weg. So war es diesem, als er eintrat und vor dem Vater stand, doch wieder im Schweigen des Abends, im Dämmern des Gemachs wie eine Überraschung, eine Mahnung der Vergänglichkeit ... Bist du das noch? ... Du, vor dessen Willen einst nichts standhielt? ... Wenig über die Sechzig ... Aber plötzlich über Nacht ist die Glut verflackert ... die Lebenskraft verflogen ... Ein müder Mann ... Ein ausgebrannter Krater ...

Gichtleidend ... mühsam und mürrisch hob er sich am Stock aus dem Schreibsessel ... ach Gott ja ... die Zeit vergeht ... die Stunde rinnt ... Leopold Winterhalter hustete und gab sich Mühe, seine gebeugte Gestalt wie früher mit einem Ruck der breiten Schultern aufzurichten. Es war ein Schweigen. Endlich brummte er finster: »Also 's war diesmal nix mit unserm Wagen?«

»Nichts!«

»Ihr seid wohl tappig gefahren ... he?«

»Guck dir nur morgen die Maschinen der Reih nach an! ... Da wird dir schon ein Kirchenlicht aufgehen!«

Der Ältere kämpfte mit sich.

»Setz dich doch mal, Werner!«

»Danke! ... Ich kann auch stehen!«

»So? ... No – ich nicht!« Leopold Winterhalter nahm mühsam wieder Platz, seufzte und trommelte zornig auf dem weißen Bogen vor ihm, mit dessen halb mechanischer Bekritzlung er sich diese einsamen Abendstunden vertrieben. Das alte Problem: die automatische Ankurbelung ... Ein großes P – das hieß Druckluft ... ein großes A – das hieß Elektrizität ... umsonst ... Es löste es doch niemand, soviel Ingenieure auch darüber brüteten und schwitzten. Er warf das Blatt in den Papierkorb. »Du wirst auch einmal alt werden, mein Sohn!« sprach er unvermittelt und verdrießlich. »Nachher schaut die Welt bös aus ...«

Er war in einer ganz andern Stimmung wie sonst. Still ... die Hände in dem Schoß ... ein müder Ausdruck in den schwarzen Flackeraugen, ein sonderbares, fast bitteres Lächeln, wie er den Sohn in seiner Jugendkraft musterte.

»Da hat man geschafft und geschafft die lieben, langen Jahre. ... Wenn ich einen von meinen Leut hätt so schaffen lassen wie mich selber, da wär mir hurtig der Fabrikinspektor auf den Buckel gestiegen! ... Und jetzt ...« Er stieß in einem Anfall von Wut den Briefstapel auf dem Tisch zurück. »Es glückt nix mehr ... die Vertreter tauge nix ... und wenn sie mal was tauge, sind sie unzuverlässig ... meine Maschinen sind im Rennen hinten beim Krähwinkler Landsturm ... Unser neuestes Patent is ein Dreck ... zu guter Letzt kreischen einem die Aktionäre die Ohren voll ...«

Er wiegte finster das graue, buschige Haupt.

»Da warst du gescheiter, Werner! ... Du hast dein Leben lang nix geschafft oder alles nur halb ... und hast doch alles gekriegt ... die Millionen vom Großpapa ... bald vielleicht schon mein Geld ... später mal die Hälfte von dem sündhaft vielen Geld vom alten Kühn ... das schönste Mädchen von der Stadt hast dazu erwischt ... du bist e Gescheitle, wenn man dir's auch nicht anmerkt ...«

»Oder man merkt's zu spät« ... begann er nach einer Weile. »Das geht mir jetzt als durch den Kopf ... Ich schlaf jetzt nachts so schlecht ... Da frag ich mich manchmal, ob ich am End doch daran schuld bin, daß aus dir zu guter Letzt nichts weiter geworden ist als ein unnützer reicher Mann ...!«

Seine welk gewordenen Finger spielten zerstreut mit dem Aufriß eines Motors auf einer Papptafel.

»Wieviel Kraft geht da verloren, Werner, vom Zylinderhub vorn bis zur Nutzleistung hinten am Antrieb! Das Herz könnt einem bluten! ... Aus dir hätt auch mehr werden können! 's ist schad um dich! ... Jetzt, wo ich alt werd und mich bald nicht mehr auf mich verlassen kann, muß ich oft daran denken! ... Wenn ich wieder auf die Welt käm, da macht ich es vielleicht anders mit meinem Sohn. ... Red nix ... ich hab's dir bloß mal sagen wollen ... Wer weiß, ob ich nicht bald mal tot aufwach!«

Er hielt plötzlich unwirsch dem Jüngeren die Hand hin, sah ihn dabei nicht an, während jener sie stumm nahm, stand auf und humpelte, seine karrierte Kappe über die Stirn ziehend, aus dem Zimmer. Es war jetzt oft eine Unruhe in ihm, die ihn in der Nachtstille durch die mondbeschienenen Höfe der Fabrik trieb, ihn hier zwecklos vor den rostigen Alteisenhügeln in irgendeinem Winkel stehen, dort prüfend wie einen Einbrecher an seinen eigenen verschlossenen Türen rütteln ließ. Niemand durfte ihn dabei stören ...

Als ob du dich je ändertest, Vater! ... Du glaubst es und bist doch ganz der alte ... Werner Winterhalter stand allein, noch auf derselben Stelle im Zimmer und hörte den schweren Dreiklang der Tritte und des Stocks treppab ... Du beugst dich nur vor einem im Leben: vor dem Erfolg! ... Erfolg heißt bei dir Geld. Du hast viel Geld erworben, ich noch mehr erheiratet und ererbt. Drum bin ich für dich der bessere Mann ...

Darum hast du dich heute, am Ende deines Lebens, von mir besiegt erklärt! ... Es ist der letzte Sieg, den ich noch über die Menschen um mich erringen konnte. Alles andere ist schon mein. Auf der ganzen Linie gibt mir das Leben recht. ... Und doch ... Und doch ...

Draußen auf dem Fabrikhof war es kühl und dunkel. Stumme Sternenpracht am Himmel. Werner Winterhalters Schritte hallten zwischen schweigenden Mauern. Er ging zögernder ... blieb stehen ... sonderbar: diese jähe, grundlose Traurigkeit ... dies Unbefriedigtsein nach Sturm und Tatenlust dieses Tages ... diese Leere ... im goldenen Überfluß ...

Ein Wort, vorhin: »Du hast dein Leben lang nichts geschafft ... oder alles nur halb ...«

Und nachher: »So ist aus dir nichts geworden als ein unnützer reicher Mann ...«

Er furchte die gebräunte Stirn, schritt hastig in die Dunkelheit hinaus, wollte das Wort hinter sich lassen ... Es kam mit ... klang nach ... man entlief ihm nicht ... trotz der zornigen Abwehr in sich: Ich hab, weiß Gott, gestrebt und gerungen wie einer und fand alle Tore verschlossen, weil ich nicht war wie die andern ...

Wo war man nur? Das war nicht die Gitterpforte nach der Straße. Er hatte sich in Gedanken nach hinten gewandt, zum Ausgang ... gegen die Arbeiterhäuser hin, die der Vater da wie eine einförmige Pilzkolonie anlegte. Ob Menschenliebe oder Mittel gegen Streik? ... Es war da noch ein Chaos von Baustätten, Ziegeln, Bretterhaufen. Aber hundert Schritt weiter schimmerten schon Laternen über frischem Pflaster, Lichtstreifen hinter neuen Fensterläden bewohnter Häuser. Um die Ecke herum ein grimmiges Aufstampfen mit dem Fuß, ein tiefer Baß: »Herrgottdunnerschlag ... da haben wir die Malefizwirtschaft schon wieder!«

Was wollte denn der Vater hier? Da grollte er weiter.

»Sie spazieren mir nicht lang mehr hier rum und horchen mir die Leut aus! Das rat ich Ihnen im Guten ...«

Eine ruhige Mädchenstimme: »Die Straße ist für jedermann da, Herr Kommerzienrat!«

»Aber Sie laufen mir auch in die Häuser hinein!«

»Ja. Im städtischen Dienst!«

»Ich pfeif auf den Dienst! ... Sie gehe jetzt retour!«

»Ich bin Magistratsbeamtin. Das wissen Sie auch ganz genau, Herr Kommerzienrat ... Übrigens ... bitte, hier ist mein polizeilicher Ausweis.«

»Danke! ... Ich kenn Sie, Fräulein Römer! ... Mehr, als mir lieb ist ...«

»Die Arbeiterfrauen können die Fragebogen nicht allein ausfüllen! Das ist zu viel von ihnen verlangt! Ich muß ihnen dabei helfen! Der Magistrat braucht das Material für kommunalpolitische Zwecke. Der Herr Oberbürgermeister hat erst gestern ...«

»Und wer ist schließlich Herr im Haus? He ... Fräulein Römer?«

»Auf diese theoretischen Fragen lass' ich mich nicht ein, Herr Kommerzienrat. Die gehen mich nichts an ... Ich tu hier einfach meine Pflicht! Dafür werde ich aus Gemeindemitteln bezahlt!«

Der Fabrikherr drehte ihr plötzlich brüsk den Rücken.

»Man wird alt!« sagte er, mehr im Selbstgespräch als zu dem jungen Mädchen, und trat brummend und humpelnd den Rückzug an. »Man wird alt! ... Vor zwei Jahren noch – da hätt mir einer so kommen sollen! Aber jetzt läuft man ja schon vor den Frauenzimmern davon! ...«

Er seufzte tief auf. Seinen Sohn sah er nicht, obwohl er im Halbdunkel unter der Straßenlaterne dicht an ihm vorüberkam. Wohl aber hatte Eva Römer jenen bemerkt. Und er sie. Ein Schweigen. Um die Ecke verhallte das dumpfe Aufstoßen des gummigepolsterten Krückstocks auf dem Steinpflaster.

»Guten Tag, Werner!«

Eva Römer sagte es ganz unbefangen. Sie gab ihm nicht die Hand. Sie stand drei Schritt vor ihm, eine Mappe unter dem Arm, in ihrem grauflatternden Mäntelchen an der zugigen Ecke. Sie blickte ihm ruhig ins Gesicht und fragte weiter: »Wie geht's dir denn?«

»Danke! Sehr gut! Und dir?«

»Auch!«

Er trat an sie heran. Beide lächelten auf einmal und wußten selbst nicht, warum. Es war nur eine Maske. Eine Schutzwehr gegen den anderen. Werner Winterhalter dachte sich: Sie hat sich gar nicht verändert in den vier Jahren. Daß sie älter geworden ist, sieht man nur an dem Ernst in ihren Augen. Sonst ist's das alte Kindergesicht ... Voller Seelenruhe ... die geht ihres Weges, von dem sie mich einst weggeschickt ... Also was steh ich denn da vor ihr ...? ... Gute Nacht! ...

Aber er sprach es nicht aus, sondern fragte – sonderbar stockend, mit einem Hemmnis in der Kehle: »So? ... Du bist jetzt hier ...?«

Sie antwortete ihm ebenso wie vorhin seinem Vater: »Das weißt du doch ganz genau! Schon seit 'nem halben Jahr!«

»Aber gesehen haben wir uns nie!«

»Natürlich nicht ... Ich leb doch ganz wo anders als du ...« Sie rückte sich ihre vollgepfropfte Mappe unter dem Arm zurecht. An ihrer Hand war kein Verlobungsring. Er dachte sich: Bist du wirklich noch allein? ... Und dabei zufrieden? ... In deinem engen Lebenkreis, wo ich dir hätte ...

Immerhin. ... Es war nicht der erste beste an seine Stelle getreten! ... Eigentlich war es ja gleich. Und doch eine nachträgliche Beruhigung. Eine Vergeltung, für die man selbst nichts konnte: Du bist gestraft genug. Wie anders hättest du es haben können und ziehst da als eine eigensinnige, graue Motte durch Nacht und Nebel, von Gott und der Welt verlassen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. ... Es war Mitleid in seinem Ton und zurückgekehrtes Herrenbewußtsein zugleich, die Gewohnheit, die Dinge von der Höhe aus zu betrachten, wie er auf die bescheiden gekleidete Mädchengestalt vor ihm hinabsah.

»Na ... was machst du denn nun eigentlich so hier?«

»Ich sammle die Normalbogen ein, die städtische Untersuchung, wieviel eine normale Arbeiterfamilie bei uns jährlich zum Leben braucht! ...«

»So?«

»Der Magistrat will doch schon ausländisches Fleisch kommen lassen, wo jetzt das Schweinefleisch wieder um zehn Pfennig aufgeschlagen hat. Es hat arg viel Elend augenblicklich in der Stadt.«

Sie sprach davon mit berufsmäßiger Ruhe, so wie ein Arzt von einer Epidemie, zu deren Bekämpfung man da war ...

»Und da läufst du hier so allein herum?«

»Ja, meinst du, die Stadt gibt mir noch 'nen Polizeidiener mit?«

»Und fürchtest dich nicht?«

»Ach – wer soll mir denn was tun?«

Ein Gleichmut der Pflichterfüllung war in ihren Worten. Sie sah nach ihrer Armbanduhr. Es war eine jugendlich rasche, unbewußt anmutige Bewegung, wie sie das schmale Handgelenk im Laternenlicht vor die Augen hob. Er musterte stumm ihr zartes Profil. Sie trug das Haar nicht mehr in harmlosen Schnecken an den Ohren, sondern glatt, als ein vielbeschäftigter, vernünftiger Mensch, und nach hinten in einem Knoten. Vielleicht war es das, was sie so veränderte, äußerlich gereifter machte. Dabei war sie so hübsch geblieben wie einst. Eher noch hübscher. Sie hatte eines jener Gesichter, denen der Ernst des Lebens gut anstand.

»Jetzt muß ich aber vorwärts!« sagte sie. »Sonst geht mir meine Musterfamilie drüben schlafen!«

Sie schritt quer über die Straße auf ein kleines Haus zu, aus dem zwei helle Scheiben in das Dunkel schimmerten. Er neben ihr. Sie schien darüber nicht weiter verwundert. Sie war jetzt nur bei der Sache. Oder wollte es mit Absicht sein.

»Die meisten Arbeiterfrauen waren doch Fabrikmädchen!« sagte sie. »Kochen und wirtschaften sind ihnen böhmische Dörfer. Sie können sich's nicht einteilen.

Sie wissen nie, wo's Geld bleibt! Jetzt die Frau da ist vernünftiger als die anderen. Sie macht mir jede Woche ein Verzeichnis auf Heller und Pfennig. Zum Schluß kriegt sie von mir zehn Mark Belohnung!«

»Aus eigener Tasche?«

»Ja, wer soll mir's denn geben? Die Stadt hat für Trinkgelder nichts übrig! Leicht wird's mir freilich nicht.«

Werner Winterhalter schüttelte stumm den Kopf. Sie traten in einen freundlichen Raum. Lampenhelle. Saubere Plüschmöbel. Eine bunte Tischdecke. An der Blümchentapete links ein stockfleckiger Stahlstich, Hecker und Struwe Hand in Hand, in Leibrock und Schlapphut, den Säbel in der Faust. Nebenan schliefen die Kinder.

»Guten Abend, Frau Schwert! ... Ich bin pünktlich ... gelt? ... Wo ist denn Ihr Mann? Macht er wieder Überschicht?«

Die brünette junge Frau lachte und schob zwei Stühle heran.

»Jo – alleweil verdient er tapfer! ... So, da ist alles beieinander für die letzt Woch!«

Sie holte ein Blatt Papier heraus. Die beiden, die Frau und das Mädchen, steckten die Köpfe über den Zahlen zusammen. Werner Winterhalter hörte sie aus seiner Ecke, wo er sich hingesetzt, murmeln ... Zwanzig Pfennig ... fünfunddreißig Pfennig ... Eine Mark in die Parteikass' ... »Ja – da is mit mei'm Mann nix zu redde!« ... Ein halbes Pfund Schweinebauch ... Milch ... »Jo ... wann die Polizei net wär, no brächten zehn Pferd so e Milchfrau net am Brunne vorbei!« ... Nochmals Milch ... Brot ... vierzig Pfennig ... fünfzig Pfennig ... lauter lächerliche Summen und Sümmchen ... Und in dem Zuhörer drüben ein Staunen, fast ein Schrecken, wie etwas Längstvergessenes: So leben die meisten. So leben die Millionen. Das ist das Los der Menschheit.

Er hob den Kopf ... war erstaunt: Was mach ich denn hier? ... Wie komm ich denn hierher? Eva Römer stand vor ihm.

»So! Mit der Frau Schwert wird man rasch fertig!« sagte sie in ihrer frischen Art und gab der jungen Arbeiterfrau freundschaftlich die Hand, und die fragte Evas Begleiter: »Sind Sie auch vom Arbeitsamt?«

»Ich wollt, ich wär's!« sagte Werner Winterhalter, reichte ihr auch die Rechte und trat ins Freie hinaus. Er hatte schon, ehe er vor der Fabrik aus dem Auto stieg, Sturmhaube und Pelz mit Hut und Havelock vertauscht. Sie waren ein unauffälliges Paar. Niemand schaute ihnen nach, wie er und seine Begleiterin durch die Vorstadt schritten. Da, wo die letzten Häuser waren. Müll und Menschenkehricht. Rote Laternen. Undeutlich große Federhüte an den Ecken. Grölen aus den Kneipen. Da trottelte ein Betrunkener heran ...

»Fürchtest du dich da wirklich nicht, Eva?«

»Was hat's denn für einen Zweck, sich vor dem Leben zu fürchten? Das ist doch nun mal das Leben. Wenigstens meines!«

»Hebet ihn, den Schorsch! ... Hebet ihn!« Aus den ebenerdigen Fenstern zur Rechten drangen Knasterwolken, Fässergeruch, Gelächter. Ein paar Männer hielten johlend einen anderen an den Schultern auf der Bierbank fest. Der drohte, stumpf, mit verglasten Augen. An sich ein roh-gutmütiges Gesicht ... »Heinerle ... jetzt loß dich heimgeige, wenn dir dei Knoche lieb sind!«

Ein kleiner Bub lief heulend aus der Wirtschaft über die Straße, eine Kellertreppe hinunter, in eine unterirdische Plättstube. Eva und ihr Begleiter folgten ihm in den faden Qualm. Aus dem schrie, undeutlich hinter dem Bügelbrett, eine verhärmte Frau: »Hoscht den Vatter gefunde, Heinerle?«

»Im ›Schwarzen Schiff‹ hockt er! Du sollst ihm sei Ruh losse, sächt er!«

Die Frau brach in Heulen aus.

»Do gucke Se, Fräule! ... Do verbutzt er sei Geld! Ha – wovon soll ich denn lebe – mit fünf Kinner? ... Wann er net besoffe is, is er e Mann wie e Kind! Awwer er is alleweil besoffe die letzt Zeit ...«

»Und trotzdem geben sie immer neue Schankkonzessionen aus!« sagte Eva Römer zu ihrem Gefährten und notierte quer über ein Blatt: »Mann trinkt noch immer. Nur noch Gelegenheitsarbeit. Frau verdient durch Plätterei täglich zwei Mark fünfundzwanzig. Sieben Köpfe.«

Er las es über ihre Schulter. Sie schrieb es mit einer sonderbaren, ruhigen Sachlichkeit. Ihr schien nichts Menschliches fremd.

»Dabei ist die Frau noch tuberkulös!« sagte sie halblaut zu Werner Winterhalter. »In ein paar Wochen gibt's hier eine Katastrophe!«

Er schwieg und ging mit ihr weiter und wunderte sich über die Willenlosigkeit seines Tuns. Was kümmert mich das hier? ... Die Vergangenheit? ... Eva Römer? Der Zufall, daß wir uns getroffen? Warum laufe ich hier herum? ... Wie unter einem Zwang? ... Schließlich ... zu Haus habe ich auch noch nichts verloren! ... Da rüsten sie doch nur zum Festabend ... Darin ist Stefanie groß ... Da kann man sich auf sie verlassen.

Du seltsame Wanderung durch Dunkel und Laternenschein. Immer neue Schattenbilder in düsteren Mietkasernen, aus dem Zwielicht der Hinterhöfe, Armeleutgeruch über knarrenden Holztreppen – dann einmal, beim Öffnen einer Korridortür, eine kleine, freundliche Oase, die Familie um die Lampe, Vater, Mutter, ein Haufe hungriger Flachsköpfe ... »Ha ja ... jetzt im Sommer hot e Maurer schon sei Sach ... aber im Winter ... im Winter! ... Wann's nur wenigstens net vor Dreikönig friert!« ... Die kecke, zierliche Frau hatte noch das Gebildete des früheren herrschaftlichen Stubenmädchens. Sie und Eva Römer verkehrten miteinander ganz auf gleichem Fuß, lachten, schüttelten sich zum Abschied die Hand.

Ein Füllhorn von Menschen ... das wirrt ineinander ... wohnt nebeneinander ... Ein Wunsch und Wille: »Unser täglich Brot gib uns heute!« ... Ein Stoßgebet der Armen, so oft drüben überm Odenwald die Sonne aufgeht. Da ist wieder die Armut: eine saubere, finstere Hofwohnung. In der Küche eine ältere, traurige Frau. In der Stube nebenan ein Mann, in eine Decke gewickelt, stumpf auf einem Stuhl.

»So hockt er Ihne de liebe lange Tag, Fräule Römer! ...«

»Geht's denn immer noch nicht besser?«

»Es wird net mehr besser, sächt der Doktor. Awwer es kann noch lang dauern ...«

»Die Kasse zahlt doch?«

»Jo. Gottlob zahlt sie ...«

Sie hatten geflüstert. Noch draußen sprach Eva Römer halblaut:

»... Der Mann weiß es ... daß er sterben muß ...«

Eine Pause

»Sag mal, Eva, das treibst du nun so den ganzen Tag?«

»Es ist doch mein Beruf!«

»Und du bist damit zufrieden?«

»Ich mach mich nützlich!«

»Ich nicht!«

Das junge Mädchen gab darauf keine Antwort.

»Ich steh allein«, sagte sie nach einer Weile. »Man muß doch einen Daseinszweck haben. Es blutet einem ja das Herz, wenn man sieht, wieviel Elend auf der Welt ist. Wer kann und soll da helfen?«

Jetzt lag doch ein harter Zug um ihren Mund. Die Herbheit von Frühreife und Erkenntnis. Der stete Anblick von Leiden und Sorgen.

»Ich hab's ja so gewollt!« sagte sie ganz ruhig. »Komm ... ich muß da hinein ... Schönen guten Abend, Mutter Bingel!«

Ein frisches Lachen dabei. Auch die Matrone mit dem verschossenen Kaschmirschal um die Schultern nickte vergnügt.

»Guck emol ... das Fräule! Spaziere Sie nur rein! Setze Sie sich! ... Der Herr aach ...«

»Die Mutter Bingel hat's nämlich gut!« meinte Eva Römer, während sie Platz nahm. »Die hat ordentliche Kinder.«

»Jo, die Mädche gehe in die Kartonnagefabrik ... Und der Louis ... Jeden Samstag bringt er sei Geld! Vorn habe wir noch vermietet! ... Ich selber bin ja e alt's Gstell! Ich bin zu nix mehr nutz!«

In dem winzigen Nebenkämmerchen saß ein junger Mensch, den blonden Haarschopf zwischen beiden Händen, über den Büchern. Er schaute nicht auf.

»Wann er nur net so aufs Les aus wär! ... Da vergißt er Esse und Schlafe! Ich sag's ihm oft: ›Louis ... mit zehn Stunde Tapeziere täglich hot eins genug!‹ ... 's hilft nix ... Um Mitternacht hot er oft noch Licht ...«

Der junge Tapezierergeselle hörte es nicht, kümmerte sich um nichts, rührte sich nicht ... baute stumm, in sich versunken, bei der Feierabendlampe seine Volksschulbildung aus ... las in einem dicken, abgegriffenen Band Naturwissenschaft: »Vom Nebelfleck zum Menschen«.

Werner Winterhalter und seine Gefährtin waren wieder draußen im Freien. Er war noch ernster geworden. Er sagte: »Und all diesen Drang lassen wir ungenutzt ... wir lassen ihn sich abseits von uns entwickeln ... wir merken ihn womöglich gar nicht ...«

»Liebe Zeit ... überhaupt ... wenn man das hier alles so jeden Tag mit ansieht ...«

Eva Römer brach ab. Es war in ihrem Ton etwas von der Resignation einer Krankenschwester, die weiß, daß sie nur die ewig wiederkehrenden Leiden, nicht deren Ursachen bekämpft. Puh ... war da eine Luft. ... Eine ganze Familie in einem Raum ... Frau Sorge unsichtbar mitten darunter ... der Mann dumpf und matt ... die Frau stumpf ... die Kinder skrofulös ... Keine Klage ... Es ging ja, bei Kiesfahren und Kartoffeln ... Solang man Arbeit hatte, borgte der Krämer gegenüber ...

Die Arbeitslosigkeit ... das war das Gespenst, das wie ein finsterer Riese auf den Giebeln dieser stummen Mietkasernen ritt, den Schlaf schwer machte, das Erwachen zum Erschrecken. Und auch in dem schweigenden Beobachter ein leiser Schauer: Was ist das für eine Welt? ... Das ist die Welt ... Und ein Ding über ihr und uns allen: Am Eingang des nächsten Hauses erwartete sie der Tod. Eine städtische Pflegerin mit warnend erhobenem Finger auf der Schwelle, drinnen aufgebahrt ein offener Sarg. Das Profil der Greisin in ihm war streng und ernst. Es hatte mit der stark vorspringenden Nase, dem weißen Schläfenhaar, etwas Feierliches von Lebensrast. Kerzengeflacker ... unterdrücktes Schluchzen aus einem dunklen Winkel.

»Wann ist denn die Rupertin gestorben?«

Das Flüstern der Schwester: »Heut nachmittag, Fräulein Römer! ... Gute Nacht ...«

Das Alter hast du heute gesehen ... die Krankheit ... die Not ... den Tod ... Alles, was menschlich ist und einmal auch dein Los, mit Ausnahme der Not ... Du bist ein Mensch wie andere ...

Die kühle Nachtluft spielte um Werner Winterhalters Stirn. Er hatte den Hut abgenommen, fuhr sich über die Augen. Über ihm standen die Sterne ...

Ein Mensch wie andere ... Dir aber dienen die anderen ... Du bist der König, und sie sind die Kärrner. Warum ein König? Woher deine Krone? Kraft welchen Rechts? Recht heißt Verdienst ...

»So! ... Da ist die Straßenbahn! ... Ich fahr jetzt heim! Gute Nacht, Werner!«

Eva Römer war stehengeblieben. Jetzt hielt sie ihm zum Abschied die Hand hin. Sie sah ihm offen, mit einem seltsamen, ein wenig traurigen Lächeln ins Auge, einem Lächeln der Erinnerung, das hieß: Weißt du noch? ...

Und auch ihm war es eine Sekunde, als zöge durch den Staub- und Benzindunst dieses Tages und die Luft voll Müh und Arbeit dieses Abends ein Hauch vom Blütenduft Alt-Heidelbergs, als spielte der Mond silberglitzernd auf träumerischen Neckarwellen, als sei man noch einmal am Anfang der Dinge, im Morgenrot des Lebens, vor einem die Welt ... Er faßte ihre Rechte ... drückte sie ...

»Laß es dir gut gehen, Eva!« sagte er rasch, wandte sich um und schritt die Straße hinab, immer weiter sich und dem, was sein war, zu, bis die Häuser stattlicher wurden, die ersten Gärten auftauchten, ganze Straßen im Grün, die Parks der Reichen. Da lag, hinter Palmen und Teppichbeeten, von oben bis unten zum Fest hell erleuchtet, in schwerem Prunk sein Haus. Die beiden Schwiegerväter hatten es bei der Hochzeit gekauft und eingerichtet. Einer hatte sich von dem andern nicht lumpen lassen wollen. Was gut und teuer war, mußte hinein. Diener verbeugten sich auf der Schwelle. Ein Blick auf die mächtige Uhr an der Marmorwand. Herrgott ... schon beinahe zehn! ... Sind schon Gäste da? ... Wie? ... Schon ziemlich viel ...?

Nun meinetwegen! ... Es war ihm auch gleich! ... Unten hörte er sie schwatzen. Wagen auf Wagen, Auto nach Auto fuhr vor. Herren stiegen aus, den Frack um die Schultern, Damen in farbigem Überwurf. Er sah es oben von seinem Zimmer, während ihn der Diener geschäftig ankleidete, machte wieder eine Bewegung mit der Hand über die Stirn, als wollte er da etwas verscheuchen, als stände etwas zwischen ihm und dem, was hier ... Er hob so jäh den Kopf, daß den Fingern des Mannes vor ihm die halb geknüpfte, weiße Binde entglitt, schaute sich in seinen vier Wänden um, mit einem sonderbaren Staunen, als sei er hier fremd, fuhr zusammen ... Wer klopft denn da? Herein!

Seine Frau schoß in das Zimmer. Die Schleppe der goldgestickten, türkisblauen Robe fegte hinterher. Königlich schön hob sich ihr aschblonder Kopf mit Diamantenglanz und weißen Schultern aus dem Pariser Modell. Ihr lebenswarmer Atem umwehte ihn.

»Werner, wo steckst du denn? Ich hab schon 'nen Mann! ... Das ganze Haus voller Leut, und dann soll man dich womöglich erst ausschellen lassen!«

»Ich komme schon ...«

»Warum bist du denn so stumpfsinnig, Wernerche? Ich hab's unten schon allen zur Entschuldigung gesagt: Er hat halt das Rennen mitgefahren! ... Da ist er müd! Du ... weißt du's Neueste?« Plötzlich kam Zorn in ihre großen blauen Augen. Sie wurde aufgeregt. »Ich bin außer mir! ... Also stell dir vor: die Orangenbäumchen sind noch nicht da! ... Ich könnt dem Kaufmann den Kopf abreißen! ... Herrgott ... schau mich doch nicht so an: die Orangenbäumchen, die wir eigens aus Italien bestellt haben! Die sollen doch um den Tisch herumgefahren werden und sich die Leute selber davon abschneiden! Jetzt, wann der Waggon zu spät kommt, ist der Spaß verdorben!«

Werner Winterhalter fuhr langsam in den Frack, den ihm der Diener hinhielt. Er schüttelte geistesabwesend den Kopf. Stefanie stand vor ihm, halb lachend, halb ärgerlich.

»Gescheit siehst du grad nicht aus!« sagte sie. Er hatte das sonderbare Gefühl, als unterhielte er sich mit einem ganz fremden Menschen. Er mußte sich sagen: Ach so ... das ist deine Frau ... Ja, natürlich ... meine schöne Frau ...

»Werner ... jetzt ist doch nicht Zeit, den Sterngucker zu spielen! Komm!«

Der schlanke Oberkörper bog sich vor, während sie ihm den Frack zurechtzupfte. Ihr voller Arm schimmerte in einem glatten Weiß. Es war, als hätten selbst die Perlen um ihren Hals etwas von diesem warmen, matten Glanz des Lebens angenommen. Eine Wolke feinsten Blumenduftes wogte in den blauen Seidenfalten ihres Kleides, in der blonden Seide ihres Haares. Er sah ihr in das jugendliche, von Hitze und Trubel des Festes unten gerötete Gesicht ... Er dachte sich: Ja ... du bist schön ... Eine Blüte, gebadet in Sonne und Licht ... Die Wurzeln der Menschheit, aus denen wir wachsen, verlieren sich tief im Boden ins Dunkel. Viele sehen nie den Tag, damit wir strahlen ...

»Also närrisch werden könnt man heut mit dem Mann!« sagte Stefanie zu ihrem Bruder, der ins Zimmer trat. »Ich weiß nicht, was er wieder für Mucken hat ...« Sie wandte sich jäh und schlug die Schleppe mit einer ungenierten Sportbewegung des Beins zurück. »Josefin' ... Sind die Bäumerche da?«

Josefine, das alte Hausmöbel, stand strahlend auf der Schwelle. »Alleweil kumme se!«

»Hurra!«

Sie sprang, die Schleppe über dem Arm, zwei Stufen auf einmal nehmend, triumphierend die Treppe hinab. Und wieder dies Unerklärliche in Werner Winterhalter. Ein Schauer der Fremde, so, als sähe er in einem Spiegel sich selbst ... Nein, eben nicht sich selbst ... sondern das, was man jetzt war ...

»Vorwärts!« sagte er zu seinem Schwager. »Ich muß runter ... es ist die höchste Zeit!«

Ein großer Abend, nicht für sein Haus, sondern für die Firma Winterhalter, dem es als Empfangsraum diente. Alle Freunde und Geldgeber am hiesigen Platz, der Schwiegervater, der alte Kühn, immer noch aufrecht und herrisch, an der Spitze, die Vertreter und Geschäftsfreunde von auswärts, große Rennfahrer, die als gute Kunden kostenlos Reklame für die Marke machten, österreichische Grafen, belgische Barone, wie man sie sonst hier nie in dieser rheinischen Bürgerwelt sah. Aber trotz allen Lachens und Lärmens war die Stimmung unbehaglich. Kein Zweifel: Mannheim und Stuttgart und Rüsselsheim hatten heute viel besser abgeschnitten, vom Ausland nicht zu reden: Irgend etwas stimmte nicht. Man kam nicht mehr recht mit, seit ein, zwei Jahren.

Händegeschüttel ... Helle ... Hitze ... An langer Tafel zwischen dem Silber Orchideen ... Perlen in der Sektschale bei den Reden ... wieder Reden ... Nun kommen wirklich glücklich die Orangenbäumchen ... Ein Jubel... ein Händeklatschen ... die Stefanie strahlt ... steht doch wahrhaftig in ihrem Übermut auf und bringt einen Toast auf die Herren aus. ... Ein helles Hoch der Damen. ... Nun lachen sie alle wie wahnsinnig ... wie die Kinder ... wie die Sonntagskinder des Glücks ... wunderlich ... wenn Eva Römer das sähe ... Eine Viertelstunde von hier schaut die Welt anders aus ...

Nach Tisch bei Kaffee und Havanna ... Ringsherum die Herren ... der dicke Schweikardt hält Manöverkritik: »Also, Winterhalter ... Ihr Sterlet – Hut ab! Das ist nämlich keine Kleinigkeit, meine Herren, so 'n Biest lebend von der Wolga herzutransportieren! Und jeder Zoll Länge mehr macht die Geschichte unverhältnismäßig teurer ...«

»Sie, Hausherr ... Sie hören ja gar nicht zu!«

»Laßt ihn! ... Er ist müde! Kein Wunder ...«

Moritz Kühn sagte nichts. Aber ein paar Minuten darauf warnte er im großen Saal seine Schwester.

»Paß nur auf den Werner auf! Der kriegt wieder einmal irgendeinen Koller! Ich merk's ihm schon an. Na ... gottlob ist er ja kaltgestellt.«

Die schöne Frau lachte und blickte auf ihren Mann, der drüben in der Ecke des Saals stand.

»Moritzche ... den wickel ich noch lang um den Finger.«

Und drüben im Winkel, halb hinter der Portiere, hörte Werner Winterhalter durch Zufall ein kurzes Gespräch. Ein dicker Herr vertraulich zu einem Geschäftsfreund: »Also ... ich hab heute darüber mit dem Winterhalter gesprochen!«

»Mit welchem? Dem alten oder dem jungen?«

»Ja natürlich dem alten! Der junge hat ja in der Fabrik noch nicht so viel zu sagen wie 'n Nachtwächter!«

Werner Winterhalter wollte nicht mehr hören, ging nach der andern Seite weiter ... sah die vielen Menschen ... dachte sich: Die fütter und tränk ich hier mit dem Geld, das andere verdienen! Als der Sohn meines Vaters. Der Mann meiner Frau. Sonst nichts ... Was ist aus mir geworden?

Vor ihm stand der alte Kühn, lang, hager, die unvermeidliche Havanna im Mund, mit umwölkter Stirn. In übelster Laune. Den ganzen Abend schon grob gegen Gott und die Welt. Der Schwiegersohn wollte kühl an ihm vorbei. Aber der alte Industriekapitän faßte ihn einfach an einem Goldknopf seiner weißen Weste und tat, was er sonst nie tat: Er sprach zu ihm von Geschäften!

»Hast du eigentlich 'ne Ahnung, warum das bei euch nicht mehr fluscht? ... Das war ja wieder, unter Brüdern, eine Schweinerei heute – unser Fahren drüben ...«

»Wie soll ich denn das wissen? Ich bin ja auf allgemeinen Wunsch Nichtstuer!«

»Aber du bastelst doch fortwährend an einer Erfindung am Motor herum ... du und dein Freund, der Schlosser ... Kienholz oder Kienast ... oder wie er heißt ...«

»Das sind unsere eigenen Angelegenheiten!«

»Wird's denn was?«

Werner Winterhalter sah dem alten Herrn scharf ins Auge.

»Von heut ab fang ich erst mit vollem Ernst an!« sagte er. »Ihr habt mich hier zu einer Drohne gemacht. Du voran. Ihr alle. Zwei Jahre ist's euch geglückt! Aber ihr werdet sehen, daß ich's nicht mehr lang bleibe!«

 

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