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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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10

»Wer weckt einen denn schon wieder, nachdem man kaum ein paar Stunden geschlafen? ... Der Diener? Wer ist draußen? ... Herr Kühn junior? ... Sag mal, Moritz ... bist du denn verrückt, einen bei Sonnenaufgang wachzutrommeln? ...«

Moritz Kühn setzte sich rittlings in Mantel und Hut auf einen Stuhl vor dem Bett.

»Für Leute, die nichts tun, wie du, Werner, mag's noch Nacht sein! ... Ich muß Schlag neun in der Bank sitzen! Jetzt ist's drei Viertel! Höre ... du hast wohl gründlichen Kater, was?«

»Keine Spur! Warum?«

»Na ... ich nehm zu deinen Gunsten an, daß du gestern ein Glas zuviel erwischt hast! Nicht? ... Ja, aber dann erlaub mal ... ich will ja keine Cause célèbre draus machen ... Aber ich möchte doch in aller Freundschaft Verwahrung einlegen ... auch im Namen meines Vaters. ... Er findet auch, das geht zu weit, daß du schon wieder mit uns Händel anfängst und diesmal gar mit meiner Schwester ...«

»Wieso?«

»Was fällt dir denn eigentlich ein, dich da gestern abend vor die Steffche hinzustellen und aus heiler Haut die tollsten Volksreden zu schwingen? ... Von Blutspucken und kleinen Leuten, und was weiß ich! Sie hat bald geweint vor Wut, wie sie's erzählt hat. Mein alter Herr war außer sich ...«

Werner Winterhalter strich sich mit der Hand über die Schläfen. Jetzt, in der Nüchternheit des Morgens, kam ihm seine Aufwallung von gestern auch sonderbar vor. Unwahrscheinlich. Gar nicht wie von ihm.

»Die Empfindungen deines Herrn Papa im allgemeinen sind mir höchst Wurst! Das weißt du!« sagte er. »Dem werde ich – fürchte ich – noch öfter auf die Hühneraugen treten. Aber ich gebe zu ... gegenüber deiner Fräulein Schwester war der Ort vielleicht nicht glücklich gewählt. Die Zeit auch nicht. Es tut mir leid, wenn sie sich darüber aufgeregt hat ...«

»Ach ... die hat sich bald beruhigt. Gleich hinterher! ... Nachgemacht hat sie dich im Wagen, mit gerunzelter Stirn und rollenden Augen ... zum Schreien! ...«

Nun furchte Werner Winterhalter selbst die Stirn. Er unterdrückte einen Zornanfall und meinte gelassen: »Nun – dann ist's ja nicht tragisch! ... Dann bestelle also, bitte, deiner Schwester meine Entschuldigung, sobald sie heute aufgestanden ist ...«

»Aufgestanden? Da kennst du sie flach! Die ist heute früh um halb acht, schon gefrühstückt und fix und fertig, auf der Treppe an mir vorbeigeschossen wie 'ne Rakete, um nicht zu spät zu ihrer Golfpartie zu kommen! Wir haben doch neulich unsere neuen Links eingeweiht, draußen hinter eurer Fabrik!«

Moritz Kühn erhob sich und nahm seine Aktenmappe.

»Also schön! ... All right! ... Schluß ... Und künftig, Werner: Komm den Frauen zart entgegen! Du bist ja ein bißchen verdreht! ... Das wissen wir ja alle und ehren es! Aber gemeingefährlich darfst du nicht werden, alter Sohn! Na ... adieu!«

Als er gegangen, kleidete sich Werner Winterhalter mit einem unbestimmten Gefühl von Ärger und Reue an. Es war wirklich wie eine Art Katzenjammer, von dem der Freund gesprochen, aber kein leiblicher, sondern ein seelischer, ohne daß man wußte, was. Ein Druck auf den Kopf. Er ging ins Freie. Aber auch durch die frische Luft begleitete ihn das Bewußtsein einer Niederlage, die er gestern empfangen. Man war nun einmal ein Ergebnis seiner Erziehung. Man litt unter dem Gedanken, gegen eine Dame unhöflich gewesen zu sein, auch wenn man sich zehnmal im Recht befunden. Man mußte das mit ein paar erklärenden Worten aus der Welt schaffen. Sie war ja jetzt draußen irgendwo auf dem Golfplatz. Da konnte das ja leicht wie durch Zufall geschehen. Während er sich das noch ausmalte, war er schon auf dem Weg dorthin, hatte die väterliche Fabrik im Rücken, sah vor sich die roten Fähnchen von den weithin zerstreuten kleinen, kaum sichtbaren Hindernissen. Die mächtige Fläche lag still und menschenleer. Aber da vorn, an dem einen Eingang stand, allein, als letzte zurückgeblieben, Stefanie Kühn neben ihrem Wagen, einen Bengel mit dem Köcher voll Golfschläger hinter sich. Ihr Antlitz war vom Spiel gerötet. Lose Haarsträhnchen spielten ihr im Herbstwind um die Stirn und Ohren. Sie trug eine dunkle gestrickte Jacke und einen dunklen, knapp bis zu den Knöcheln reichenden Rock. Jetzt, in der herben Morgenkühle, von grausilbernem Licht und Luft umflossen, schlank und schlicht, selbst wie ein Stück Natur, gefiel sie ihm viel besser als die Ballkönigin von gestern abend, schien ihm wieder erst ganz sie, in der beinah grausamen Spannkraft und Frische des Sports. Als sie ihn erblickte, streckte sie auf seinen Gruß mit einer Bewegung des Schreckens abwehrend beide Hände vor.

»Um Gotteswillen! Fangen Sie nicht wieder an! Ich hab so schon die halbe Nacht von Ihren gräßlichen Geschichten geträumt!«

»So?« sagte er langsam, blieb vor ihr stehen und sah sie an. »Das wäre ja eigentlich ganz gut!«

»Nee! Danke! Das ist nichts für mich!«

Er ließ sein Auge nicht von ihr, fühlte schon wieder den Zorn über sie und ihre unbekümmerte Selbstsucht und konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Wann ich Sie noch gesehen hab, jahraus, jahrein, waren Sie damit beschäftigt, nichts zu tun!«

Sie machte große Augen, als wollte sie fragen: Geht's etwa von neuem los?

Er fuhr fort: »Ich versteh ja nicht, wie ein vernünftiger Mensch jeden Tag, den Gott ihm gibt, hinter ein paar Bällen herspringen kann!«

»Und da sind Sie jetzt eigens hier herausgekommen, um mir das zu sagen?«

»Nein. Deswegen nicht!«

»Sondern?«

Er stutzte und meinte dann langsam: »Ja ... eigentlich wollt ich Sie um Entschuldigung bitten ... wegen gestern ...«

Stefanie Kühn lachte hell auf.

»Na ... da haben Sie aber 'ne merkwürdige Art, das zu bewerkstelligen«, sagte sie, drehte sich unbekümmert auf dem Absatz um und ging zu ihrem Wagen. Er sah von hinten, an ihren schmalen Schultern, daß sie sich noch immer vor Heiterkeit über ihn schüttelte. Er folgte ihr gereizt und hörte, wie sie zum Kutscher sagte: »Ich geh zu Fuß heim, Schorsch!« Und dann zu ihm: »Ich seh gewiß aus wie 'ne Wilde! ... Na ... egal ... Man weiß ja in der Stadt, wer ich bin!«

Sie hatte einen tüchtigen Schritt am Leibe. Er brauchte seine Gangart nicht zu mäßigen, um mit ihr gleichen Tritt zu halten. Er war ganz verblüfft. Da marschierten sie auf einmal als gute Kameraden. Das machte sich so ganz von selbst ... Wieder das jähe Herzklopfen ... Ihre Nähe! Ihre Jugend. Ihre Schönheit. Ihre Frische ... Er fragte: »Sind Sie mir böse?«

»Ach wo!«

Eine Handbewegung dabei durch die Luft. Es lag etwas Wegwerfendes darin. Überhaupt etwas Großartiges in ihrem Wesen. Er dachte sich: In ihrer Art ist sie ja ein ganzer Kerl! Sie fuhr fort: »Ich lass' jedem seine Freiheit! Ich will nur auch die meine! ... Das gräßliche Zeug, was Sie gestern erzählten ... sogar, wenn ich wollte ... mir steht das doch nicht! ... Jeder Mensch hat doch nun mal seinen Stil ...«

Ja ... Stil hast du freilich ... wanderst da sorglos mit deinen langen, federnden Schritten über den Ackerweg, patschst gleichmütig mit dem derben Schuh in Pfützen, läßt dich vom Wind beuteln und dir den Herbstsprühregen erfrischend um die Ohren wehen ... Er sah von der Seite ihr Profil ... Es war merkwürdig kühl in seiner klassischen Ruhe ... fast hart geschnitten. Plötzlich warf sie den Kopf zu ihm herum: »Gott ... wenn ich ein Mann wäre ...«

Er mußte lachen. Sie gefiel ihm immer mehr.

»Was dann?«

»Sie zum Beispiel! ... Ich begreif's ja nicht ... Ich käm ja an Ihrer Stelle gar nicht vom Automobil mehr herunter! ... Rasen würd ich durch die Welt! ... Es muß himmlisch sein! ... Wenn man schon das Glück hat und hat einen Vater, der Automobile macht!«

Sie zeigte mit einer leidenschaftlichen Schulterbewegung nach der nahen Winterhalterschen Fabrik. Ein Qualmen von Schloten, ein Summen aus weiten Höfen und Hallen, hundertfacher Hammerschlag. Schon waren sie vorbei ... Sehnsucht in Stefanie Kühns blauen Augen: »Sonst kann ich Papa doch um den Finger wickeln. Aber ein Auto gibt er mir nun mal nicht. Er behauptet, ich bräche mir heilig das Genick, so wie ich wäre ...«

Etwas Kindliches kam da heraus. Er dachte sich: Eigentlich bist du doch ein großes Kind! ... Oder ist das auch nur eine Maske? Mir zu Ehren? ... Aber wozu? ... Liegt dir daran, daß ich Feuer fange? Jäh wurde ihm heiß ums Herz. Er bekam kaum mehr Luft beim Atmen, während sie weitergingen. Nun waren sie schon am Beginn des Villenviertels, wo hinter allen Fenstern und Spionenscheiben die Mumen und Basen lauerten. Er blieb stehen und wollte sich verabschieden. Aber Stefanie Kühn sagte seelenruhig: »Kommen Sie doch nur! Wir haben ja denselben Weg!«

Es schien ihr ganz gleich, ob man darüber reden würde oder nicht. Übersehen konnte sie – weiß Gott – keiner bei ihrer Länge. Sie schritt die Millionärsallee hinunter, in ihrem nachlässigen, ein wenig wiegenden und schlenkernden Gang, dankte auf das Hutlüften der Herren oder vielmehr, sie nickte aller Welt vertraulich und kameradschaftlich zu. Auch gegen alte Damen ohne besonderen Respekt. Daß die hinterher stehenblieben, daß Karl Schweikardt mit seinem Anhang ihr und ihrem Begleiter mit offenem Mund nachstarrte, ließ sie kühl. Sie wußte, was sie tat ... forderte nicht nur durch ihr zerzaustes Haar und ihren verwilderten Sportdreß die Mitwelt heraus ...

Und machte einem den Kopf heiß, mit aller Absicht ... brachte einen in einen Rausch ... einen Stolz ... gerade wenn man sich am Abend vorher noch in einen dunklen Torbogen gedrückt hatte, um wie ein Bettler ein blondes Bild von einst im Dämmern achtlos an sich vorübergehen zu sehen ... Jetzt war heller Tag ... alle Welt schaute zu ... kannte das schönste Mädchen, die reichste Erbin weit und breit ... Wer sie gewann, schlug alle ... war Sieger ...

Werner Winterhalter fühlte noch ihren kräftigen Händedruck zum Abschied. Er ging langsam wie im Traum wieder die Straße zurück. Ein älterer, gut bürgerlich gekleideter Mann mit dunklem Vollbart rührte im Vorbeigehen stumpf vor ihm den Schlapphut. Der Stadtrat Mattrian. Wie ein Bote aus der Tiefe. So, als öffnete sich plötzlich ein Tor mit dem Ausblick auf Kesselgeflacker, auf Reihen blasser Zigarrenwicklerinnen, auf stumm schaffende Gestalten vor Schraubstock und Drehbank. Aber das Bild hatte seine lebenden Farben verloren, war in die Ferne gerückt ... etwas dazwischen ...

Wieder draußen, von der Unruhe des Herzens getrieben, einsam auf der weiten Rheinebene! Deren Wahrzeichen ist jetzt nicht mehr der viertürmige Dom von Speier, sondern links, fern, halbe Tage weit ragend, ein riesenhafter Zementschlot am Neckar. Qualm über ihm. Wiedererwachter Rauch über den Schornsteingruppen nah und weit, die wie die Palmbäume der Oasen sich aus dem Flachland hoben. Wie habt ihr mir's gedankt .. ihr alle? ... Hier wie dort. ... Eine Wunde an der Schläfe ... einen Stich ins Herz ... das war der Lohn meiner Liebe ...

Ach Liebe ... nein: Leidenschaft! Man wird wieder man selbst! Heiß ... heiß faßt man das Leben ... will es gewinnen ... erstürmen ... lachen ... den Sieg an sich reißen ... Man fiebert und dürstet in dieser Kette wirrer Tage nach einem Kampf ... sieht die, die man sucht, als Feind ... und es geschieht nichts, als daß man sich in sich verzehrt. Man geht jeden Tag an Stefanie Kuhns Haus vorbei wie von ungefähr, und sie kommt wirklich auch einmal heraus und winkt gleichmütig von drüben über die Straße und geht ihres Wegs ganz wohlerzogen, Besorgungen machen mit ihrer Mutter, in Mantel und Muff. Und man ist auf einmal glücklich und ruhig, daß sie überhaupt noch auf der Welt ist und einem begegnet ist. Und man erblickt sie wieder mit einem Haufen Herren, Spießgesellen vom Sport, lachend, schwatzend, und entbrennt in wilder Eifersucht gegen diese von auswärts gekommenen Unbekannten. Und man schläft nicht mehr und ißt nicht mehr und trinkt nicht mehr und sieht um sich sonderbare Blicke, gerade als wüßte noch eine Menschenseele auf der Welt außer einem selbst dies Geheimnis, daß man bis über die Ohren verliebt ist, und kommt sich selber halb verrückt vor, wie man durch die Tage irrt, durch die Straßen läuft auf der Suche nach einem Weg zu ihr. ...

Der Weg, das ist schließlich immer nur ihr Bruder. Die einzige Brücke zwischen hier und dort. Mit dem Alten steht man ja wie Hund und Katze! Die Mutter kennt man kaum. Und wahrhaftig, da besucht einen nach Bankschluß Moritz Kühn, plaudert vom Hundertsten und Tausendsten, von den Kursen, der G.m.b.H. der alten Herren für das Heidelberger Korpshaus und sagt beim Abschied, zwischen Tür und Angel: »Du ... ich hab übrigens ein Attentat auf dich vor. Ich bin doch nun ein Vierteljahr verheiratet. Meine Frau plant ihren ersten großen Streich ... Vierundzwanzig Personen auf einen Hieb! Es wird mordend stumpfsinnig! ... Nur Verwandtensimpelei! Du mußt dich opfern und kommen! ... Versprich es mir ... nächsten Samstag um acht ...«

Und wie man am Ende der Woche die palmengeschmückte Treppe der Moritzschen Villa hinaufsteigt und oben schon das Zetern der Gäste hört und immer nur, wie die ganzen Tage, im Zweitakt denkt: Wird sie kommen? Wird sie nicht? Und die wohlbekannten Lohndiener sich vor einem verbeugen, findet man oben, auf der Silberplatte, sein Kärtchen: »Herr Winterhalter d. J. wird gebeten,« und innen: »Fräulein Kühn zu Tisch zu führen.« Und im selben Augenblick ein Stocken ... eine Abwehr: sie haben's auf dich abgesehen ... Das sind die Verwandten ... Du sollst in die Falle ...

Dann die Enttäuschung ... Als man sich zu Tisch setzte, blieb der Platz zu seiner Rechten leer. Stefanie Kühn war noch nicht da. Irgendwo im Tattersall oder sonst festgehalten. Ihre eigenen Eltern wußten es nicht. Sie platzte erst mitten in die Suppe hinein, ein wenig atemlos und erhitzt, in Hast frisiert, im hochgegürteten weißen Kleid, faltete schon auf der Schwelle beschwörend und lachend die Hände gegen die Gastgeber und die Gesellschaft, aber mehr wie ein verwöhntes Kind, das weiß, daß man ihm nichts übelnimmt, suchte ihren Stuhl, warf, als sie ihn gefunden, einen halb befremdeten Blick auf ihren Nachbar, setzte sich und war mit einem Schlag ungnädig. Sie hörte nur mit halbem Ohr, als er sprach, antwortete kaum, ließ das Auge zerstreut über die Tafel schweifen. Um sie war noch ein frischer Hauch von draußen, von Luft und Kälte. Ihre Wangen rot. Launische Linien auf der Stirn. Sie vermied hartnäckig, ihn anzusehen. Endlich verstummte er auch. Beide saßen schweigend nebeneinander.

Zu beiden Seiten die lange Tafel. Das Stimmengeschwirr. Die Herren überschrien sich schon. Geld, Geschäfte ... gute Geschäfte ... Man arbeitete und brachte gottlob auch etwas vor sich und konnte sich den Luxus leisten ... Der Tisch vor einem war wie ein Gleichnis, auf dem sich der Donner der Maschinen in Fasanenpüree, der glühende Stahl in Prunksilber, das Funkenstieben der Essen in Sektperlen verwandelte. Irgendwo draußen die große, die dunkle, die wesenlose Masse. Dort arbeiteten bei Tag die Fäuste, hier noch am Feierabend die rastlosen Gehirne der Industriekapitäne, um immer noch mehr die Welt in Wert und Ware zu verwandeln. Und in Werner Winterhalter war plötzlich ein wunderlicher neuer Gedanke, als sei all dieses Mühen und dieser Kreislauf nur dazu bestimmt, das Unnützeste, das Schönste wie eine Orchidee im Warmhaus zu treiben, als müßten Tausende im Schatten leben, damit ein einziges Bild der Schöpfung vollkommen sei – so vollkommen schön wie Stefanie Kühn.

Sie trug ein unwahrscheinlich kostbares, ganz gleichmäßiges Perlenband um den Hals. Es hatte denselben warmen, matten Glanz wie ihre Haut. Die Hände hielt sie im Schoß verschlungen und schaute ehrlich gelangweilt darein, gab sich auch gar keine Mühe, es zu verhehlen, Rücksichten kannte sie nicht in diesem eng versippten Kreis, und am wenigsten gegen ihren Tischherrn. Es war, als wollte sie offen zeigen, daß sie da wider Wissen und Willen saß. Dabei wieder die sonderbaren Blicke ... wenigstens glaubte Werner Winterhalter sie zu fühlen ... nicht unfreundlich, mehr gespannt ... Wie ein stummes Einverständnis auf allen Seiten ... Und er dazwischen ... Er wurde heiß vor Zorn über diese lächerliche Lage. Gleich nach Tisch, als er Stefanie Kühn im Zug der andern in den Nebensaal geführt hatte, sagte er halblaut und wütend: »Was fällt Ihnen denn ein, mich so zu behandeln?«

»Wie?«

»So lass' ich mich nicht behandeln! Das können Sie mit andern machen ... Ich bin kein dummer Junge! Sie wissen das auch ganz gut!«

Er zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. Das junge Mädchen blieb sehr gelassen und schüttelte nur verwundert den Kopf. Das erbitterte ihn noch mehr.

»Tun Sie doch nicht so unschuldig, als ob Sie mich nicht verständen! Das war ja doch Absicht, daß Sie kein Wort sprachen! Glauben Sie denn, daß ich nicht einmal das merkte? ... Für was halten Sie mich denn eigentlich?«

Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern ging mit langen Schritten davon, in das Rauchzimmer zu den anderen Herren. Er war so atemlos, daß er kaum Luft genug zum Anzünden seiner Havanna fand. Ihm war, als ob ein paar um ihn lächelten und das Beben seiner Hände merkten. Ach wo! Er warf sich in die Tiefen eines Klubsessels, lehnte den dunklen Kopf zurück, schlug ein Bein über das andere, hörte das müßige Gerede rings um ihn, fand keine Ruhe, sprang plötzlich wieder auf die Beine, trat durch die des Zigarrenrauchs wegen halb offene Tür hinaus auf den kleinen Balkon, stand da allein, barhaupt in der kühlen Herbstluft, und schaute, die Henry Clay zwischen den Fingern, angestrengt hinaus auf die stockdunkle Straße und merkte, wie ihm das Blut in den Ohren summte ...

Von innen klang zwischendurch das Gemurmel der jüngeren Herren. Plötzlich horchte er unwillkürlich auf. Da war sein Name gefallen. Und dann Moritz Kühns Stimme: »Nee ... seid so gut und laßt ihn in Ruhe! Ihr seht doch, in was für 'ner Verfassung er ist ...«

»'s ist nur so scherzhaft, wenn der Mensch ...«

»Aber Leute in dem Stadium verstehen keinen Spaß ... also ...«

Der Hausherr wechselte unvermittelt, während Werner Winterhalter wieder in das Zimmer trat, den Gesprächsstoff und sagte beiläufig: »Na, wer kommt denn nächste Woche mit raus auf Hasen? Ich lass' unten am Rhein treiben ...« Gleich darauf zog ihn, im ersten unbemerkten Augenblick, Werner Winterhalter beiseite.

»Du ... hör mal ...«

»Au! Kneif einen doch nicht so in den Arm! Mensch ... du bist ja rein aus dem Häuschen.«

»Hör mal: In was für 'ner Verfassung soll ich denn sein? Bitte! ... Daß hier über mich geulkt wird? An mir ist doch weiß Gott nichts Besonderes!«

Moritz Kühn war erst betroffen. Dann mußte er lachen. »Na, Gott segne dich, Werner ...«

»Antwort will ich!«

»Stampf doch nicht so mit dem Fuß! Ich glaub wirklich, du bist der einzige Mensch in der Stadt, der es selber seit acht Tagen nicht merkt ...«

»Was denn?«

»Gott ... 's ist doch keine Schande ... gerade in dem Fall! Mein Schwesterchen hat doch wahrhaftig schon mehr wie einen auf'm Kerbholz ...«

Vor Werner Winterhalter wandelte das Zimmer langsam im Kreise. Die Herren, die Klubsessel, die Lichter, alles mit. Er war bleich geworden. Er biß sich auf die Lippen. Seine Augen flackerten.

»Hör mal, Moritz! Du bist ja mein Jugendfreund ... mein Korpsbruder ... also wenn – es ist ja nicht so ... aber wenn es so wäre ...«

»Nun gib's doch schon zu! ... Es hilft dir nichts! Ich hab doch in meinem Leben keinen so wahnsinnig verliebten Menschen wie dich gesehen ...«

»Ganz und gar nicht! Lächerlich! Aber gesetzt den Fall: Glaubst du, daß ich ... daß ich Aussichten bei deiner Schwester ... man wird ja nicht klug ... sie macht einen ja verrückt ...«

Moritz Kühn zögerte mit der Antwort. Es war, als ob er kein ganz reines Gewissen hätte bei dieser großen Einkreisung der letzten Woche. Er schwankte zwischen den Pflichten des Freundes und des Bruders. Endlich versetzte er diplomatisch: »Das Steffche ist gar nicht so kompliziert. Die sucht einfach 'nen Stärkeren! Sei's! Dann hast du gewonnen!«

»Das ist ein Rätsel und keine Antwort!«

»Ja. Aber mehr kann ich beim besten Willen nicht sagen! Das Frauenzimmer ist doch nun einmal unberechenbar ...«

Und nach einer kurzen Pause: »Werner, auf meine Kappe: Versuch's!«

»Ich werd' mich hüten!« sagte Werner Winterhalter, plötzlich ganz kalt und feindselig. Er setzte sich zu den anderen Herren, beteiligte sich zum allgemeinen Erstaunen leidlich vernünftig am Gespräch, sah nach einer Stunde auf die Uhr und ging brüsk hinüber in die Vorderräume, um sich zu verabschieden.

Die meisten Gäste waren schon im Aufbruch. Auf dem Flur stand Stefanie, zwei Köpfe länger als ihre kleine Schwägerin neben ihr, ein Tuch um das Haupt, in einem blauen Burnus. Sie schien auf etwas zu warten. Aber nicht auf ihn, sondern auf den Wagen, mit dem die Eltern schon vor einer halben Stunde nach Hause vorausgefahren waren, und der immer noch nicht zurückkam, sie abzuholen. Komisch, wo der nur blieb ...

»Der Schorsch kann doch als nit am ›Schnecke- Loch‹ vorbei!« sagte sie klagend zu ihren Verwandten. Der leichte Anklang von Mundart belustigte Werner Winterhalter. Auf einmal war sie wieder wie ein kleines Pfälzer Mädchen. Er trat heran und fragte kurz: »Darf ich Sie nicht nach Haus bringen? Es ist ja ganz nah!«

Ihre Augen begegneten sich. Das war die Kriegserklärung. Die Kraftprobe.

Dann beugte sie den blonden Kopf und küßte die Schwägerin.

»Wegen mir! ... Stehlen tät mich auch so keiner!«

Draußen ging sie, in ihren langen Mantel gewickelt, seelenruhig dahin. Ihre festen, gleichmäßigen Tritte hallten mit den seinen durch die Nachtstille. Sie holte tief Atem.

»Herrgott – war das heiß dadrin!« sagte sie, als wäre nichts geschehen.

In ihm kochte es. Er hätte sie am liebsten am Arm gepackt und geschüttelt. Er empfand es wie eine Geringschätzung bei ihr, daß sie sich gar nicht vor ihm fürchtete. Nach hundert Schritten blieb er plötzlich stehen und brach los: »Ich tu Ihnen den Gefallen nicht! ... Da können Sie sicher sein! ... Ich weiß schon, worauf das wieder bei Ihnen hinausläuft ...«

Stefanie Kühn ging weiter und sagte nur ungeduldig: »Ach, kommen Sie doch nur! Das wird ja schon langweilig mit Ihnen!«

Er blieb neben ihr. Er sagte sich selbst: Schweig doch lieber! Du bist ja wie benebelt. Du weißt ja kaum mehr, was du redest! Und doch fuhr er fort: »Sie denken, Sie können da wieder Katz' und Maus spielen! ... Für Sie ist das ein dummer Zeitvertreib, was andern heilig ist! ... Aber es wird sich an Ihnen rächen! ... Sie kommen noch einmal an den Unrechten!«

Er brach ab. Er hoffte einen Moment, sie würde antworten: Der Unrechte war schon oft da. Aber der Rechte noch nicht! Sie dachte nicht daran. Sie ging jetzt nur merklich schneller, um eher nach Hause zu kommen. Dies Hetzen der Entscheidung auf ein paar Minuten löste ihm erst recht die Lippen.

»Ihnen geht's viel zu gut! Sie spielen mit den Menschen! ... Sie spielen mit dem Leben. Sie spielen auch mit sich selbst und Ihrem Glück! Ach Gott ... lachen Sie doch nicht so töricht! Dazu ist doch jetzt nicht die Stunde! ... Sie sollen an diese Stunde zurückdenken, wo Ihnen mal jemand die Wahrheit sagt ...«

»Hab' ich darum gebeten?«

»Das ist mir ganz gleich!« Er redete sich immer mehr in eine blinde Erregung hinein. Er holte nach jedem halben Satz Luft und unterstrich ihn, indem er mit seinen lose in der Hand getragenen weißen Glacés grimmig durch die Luft schlug. » Sie sollten mal Ihren Herrgott erkennen lernen! Das tät Ihnen so not! ... Daß mal einer kommt und Ihnen die Mucken austreibt ...«

»Jetzt muß ich aber wirklich schauen, daß ich bald daheim bin!« sagte Steffche Kühn und fing beinah an zu laufen. Er rannte neben ihr her, atemlos: »Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, was Sie vorhaben! ... Das ist für Sie so eine Art Sport ... im Winter ... wenn sonst kein anderer Zeittotschlag da ist ... da bin ich dann gerade gut genug ...«

»Hätt' ich das geahnt, Herr Winterhalter, hätt' ich vorhin für Ihre Begleitung gedankt!«

»Einer mehr auf der Schußliste! Damit einen die ganze Stadt hinterher auslacht – nicht wahr? ... Nein – dazu bin ich nicht der Mann!«

Auf einmal ging sie wieder langsam und wurde auch böse.

»Herrgott! ... Wer sind Sie denn? ... Was sind Sie denn Großes? ... Was haben Sie denn geleistet? ... Was haben Sie denn für eine Stellung? Nichts! ...«

»Stefanie ...«

»Ich heiße Fräulein Kühn! ... Was Sie nur angefangen haben, ist doch schief gegangen ... Nie haben Sie was durchgesetzt ... Jetzt tun Sie überhaupt nichts mehr...«

»Was wissen denn Sie davon?«

»Von meinem Vater! ... Ich weiß doch genau, wie die Herren hier über Sie denken! ... Ja ... Ihnen sagt das natürlich keiner ins Gesicht ... aber ich tu's jetzt ... Wenn Sie mir Grobheiten sagen – ich kann's auch!«

Sie bog stürmisch mit flatterndem Burnus um die Ecke. Drüben, ganz nahe, lag schon ihr Elternhaus. Er holte sie ein.

»Also so haben wir nicht gewettet, daß du mir hier davonläufst!«

Sie war empört.

»Was fällt Ihnen denn ein, mich ›Du‹ zu nennen! ... Lassen Sie meine Hand los! ... Ich rat es Ihnen im Guten ...«

»Nein! Du sollst mich jetzt anhören! ... Ich will doch mal sehen, wer von uns der Stärkere ist..«

»Au! ... Sie tun mir ja weh ...«

Unwillkürlich lockerte er nun doch seinen wilden Griff um ihr Handgelenk. Er hatte ihre Kräfte unterschätzt. Sie riß sich mit einem blitzschnellen Ruck los. Aber dann lief sie nicht davon, wie er erwartet, sondern blieb stehen und schaute ihn beinah geringschätzig, mit fliegender Brust und zornfeuchten Augen an.

»Das ist wirklich unverschämt, wie Sie sich hier aufführen! ... Wenn das jemand gesehen hätte ...«

Aber die Straße lag weithin leer und still. Und ebenso der dämmernde Parkvorgarten, hinter dem in unbestimmtem Weiß das Kühnsche Villenschloß lag. Das Gittertor der Einfahrt stand weit offen. Der Wagen, der Stefanie Kühn hatte abholen sollen, war noch nicht zurück. Sie lachte plötzlich und wandte sich zum Gehen.

»Sie sind mir schon der rechte Weltverbesserer!« sagte sie. »Warum sind Sie denn plötzlich gerade auf mich verfallen? Fangen Sie doch mal bei sich an. Wenn Sie 'ne Ahnung hätten, wie man hinter Ihrem Rücken über Sie lacht! ... Na ... gute Nacht!«

Sie nickte ihm hochmütig zu und schritt lang und schlank in ihrem leichten wiegenden Gang in den Garten und über den baumüberwölbten, feuchtdunklen Kiespfad dem Haus zu.

»Stefanie! ... So kommen wir heute nicht auseinander!«

Sie hörte es gar nicht, sondern zog seelenruhig ihres Weges weiter. Da lief er hinter ihr her durch das Tor, drang in das Besitztum ihrer Eltern ein. Sie wandte den Kopf, und nun glaubte er doch, im Zwielicht auf ihren Zügen wieder eine plötzliche Angst zu erkennen. Sie raffte mit einer Hand ihren langen Abendmantel und rannte davon, was sie die Beine trugen, der bläulichen Lichtkugel in der Vorhalle zu. Sie war gelenkig durch Tennis- und Golfspiel. Aber in dem engen Rock ihm doch nicht gewachsen. Sie hörte ihn hinter sich ... ganz dicht ... Im Dunkel einer alten Platane war er neben ihr, sprach kein Wort mehr, riß sie an sich, rücksichtslos, wie einen Raub, hielt sie fest ... bedeckte ihre Lippen mit Küssen ... küßte sie wieder ... küßte sie immer weiter ...

Beinah noch ungläubig ... es war ein frohes Wunder ... er fühlte es ... fühlte es jetzt deutlich ... Sie wehrte sich nicht mehr ... sank willenlos in seinen Arm zurück ... die Augen geschlossen ... ließ sich geduldig küssen ... erwiderte jetzt, kaum merkbar, mit scheuen Lippen seinen Kuß ...

»Stefanie ... Stefanie ...«

Er fühlte ihre Brust an der seinen. Drüben ein leises, glückliches, bezwungenes Lachen ... oder war es ein Weinen ... Beides in einem ... Er atmete in einem Jubel der Seele auf ... er preßte sie noch fester an sich ... küßte sie wieder ... Oben, hinter dem einen hellen Fenster, erschien eine Gestalt. Die Geheimrätin Kühn spähte befolgt hinaus in die Nacht, sah und hörte nichts und sprach zu ihrem Mann: »Ich möcht nur wissen, wo der Wagen mit dem Steffche bleibt!«

»Die geht schon nicht verloren!« sagte der Vater nüchtern. Und ebenso kühl und geschäftsmäßig saß er am nächsten Vormittag unten in seinem Privatbureau, die Türen fest geschlossen, den Sekretär nebenan entfernt und vor ihm einer in schwarzem Gehrock, den Zylinder seitlings am Boden ... Ein prüfendes Anfangsschweigen zwischen den beiden Widersachern ... dem Alten und dem Jungen ...

»Ich empfange Sie zunächst allein, Herr Dr. Winterhalter! ... Meine Frau hat da natürlich auch ein Wort mitzureden! ... Aber das erst später ... wenn es überhaupt so weit kommt! ... Zunächst handelt es sich um das ... ja ... ich möchte sagen rein Geschäftliche ... darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten? Nein ... dann bitte erlauben Sie mir ... Es ist nun einmal eine schlechte Angewohnheit ... Ich kann nicht klar denken, ohne zu rauchen ...«

Die Havannawolken umrahmten den seinen, strengen, rosig geäderten Kopf des alten Industriegewaltigen, wurden dichter, stiegen wie aus einem grollenden Vesuv. Zwischendurch blitzten die mächtigen Augen.

»Sie haben mir soeben die Ehre erwiesen, mich um die Hand meiner einzigen Tochter zu bitten, Herr Dr. Winterhalter! Sie werden mich fragen: ›Was heißt da Geschäft?‹ Bei dem beiderseitigen Reichtum unserer Häuser spielt doch die Mitgift keine Rolle. Einfluß auf ein so modernes Mädchen wie meine Tochter haben zwei alte Leute wie meine Frau und ich natürlich auch nicht. Das ist nicht mehr Sitte der Zeit. Die jungen Mädchen nehmen ihr Schicksal selber in die Hand! ... Und Sie, Herr Dr. Winterhalter, können sich rühmen, bei Stefanie das erreicht zu haben, was sehr vielen andern vor Ihnen versagt blieb ...«

Der lange, hagere Geheimrat Kühn hatte äußerlich nichts vom Gewaltmenschen an sich. Eher ein nervöses Zucken auf dem überarbeiteten Gesicht, in den Fingern, während er die Asche der Zigarre abstreifte.

»Und doch Geschäfte, Herr Dr. Winterhalter! In unsere Beziehungen heute, wie wir hier sitzen, fällt das, was uns beiden auch sonst das Leben überschattet: die soziale Frage! ... Nur mit dem Unterschied, daß ich sie praktisch löse und Sie in der Theorie!«

Die Stimme des alten Herrn wurde auffallend hell und laut. Es war ein Klang, der keinen Widerspruch duldete. Werner Winterhalter sah im Geist die Aufsichtsratssitzung von einst vor sich, oben am Tisch als schlichter, um Aufklärung bittender Aktionär der Alte wie ein Häuptling mit seinem Gefolge, unten er, immer allein in der Opposition.

»Zwischen Ihren und meinen Anschauungen, Herr Dr. Winterhalter, liegt eine Welt. Ich halte meine Anschauungen für die richtigen. Das ist menschlich und durch den Erfolg eines langen Lebens gerechtfertigt. Ich habe Ihre Anschauungen stets bekämpft. Ich will Herr im Hause sein. Ich dulde keinen Feind im eigenen Lager. Ich habe Ihren Austritt erzwungen. Ich habe auch Vorsorge getroffen, Ihren Eintritt anderswo unmöglich zu machen. Sie würden mich überall auf Ihrem Weg gefunden haben, wenn der Sie wieder zur Untergrabung der Autorität geführt hätte ...«

»Sehr schmeichelhaft, Herr Geheimrat!«

Eine trockene, abwehrende Handbewegung drüben.

»Nun kommen Sie und wollen mein Schwiegersohn werden! ... Kann ich dann noch nötigenfalls das Wirken eines Mannes öffentlich für gemeingefährlich erklären, wenn ich ihm meine einzige Tochter anvertraut hab? Nein! So würde meine ganze, durch die Arbeit von vier Jahrzehnten erworbene Autorität von innen heraus, aus meinen eigenen vier Wänden heraus erschüttert ... Zerstört ... mir meine Ehrenstellung ganz vorn in der Front, sozusagen als alter, tüchtiger Fahnenträger gegen den Umsturz, unter den Füßen weggenommen. Die Freude will ich den Herren drüben auf meine alten Tage doch nicht machen! Ich sehe keine Notwendigkeit dafür. Also muß schon vorher einer von uns zweien nachgeben, Herr Dr. Winterhalter! ... Ich gebe nicht nach! ... Das sag ich gleich ... Ich gebe nie nach.«

Der Geheimrat Kühn beugte den hageren Oberkörper vor und nahm eine neue Havanna aus den Glasröhren in der Kiste.

»Kurz und gut ... und damit wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, für heute unsere Unterredung schließen – ich verlange vor meinem Jawort Ihre bindende Erklärung – oh, danke sehr ... zu gütig!« Er nahm das Streichholz, das der andere ihm angezündet, in Empfang ... »Ihre ehrenwörtliche Erklärung, mein sehr verehrter Herr Doktor, daß Sie sich als mein Schwiegersohn aller und jeder Betätigung in der Arbeiterbewegung, die durch Ihren Einfluß zu neuen Differenzen zwischen uns und unseren Leuten führen könnte, strikte und dauernd enthalten: anders tu ich's nicht. Das Spielzeug der Lohnkämpfe ist für Sie und für uns alle zu gefährlich, gerade weil Sie sonst ein recht kluger Mensch sind. Sehen Sie, das ist eine Art Symbol: Sie haben eben das angezündete Streichholz, mit dem man die ganze Stadt hier in Brand stecken könnte, freundlicherweise in meine Hand gegeben. Da ist es besser verwahrt. Ich lösch es jetzt behutsam aus. So. Und nun: Sie kennen mich, Herr Dr. Winterhalter. Bei mir heißt gesagt gesagt. Da gibt es weiter kein Reden!«

Die beiden hatten sich gleichzeitig erhoben. Der alte Herr schloß: »Sie haben zu wählen! ... Überlegen Sie es sich! ... Kommen Sie morgen wieder! Oder wenn Sie so weit sind! ...«

»Und was Sie mir damit zumuten ...«

»Mehr als ja oder nein möchte ich gar nicht hören...«

»Einen Verzicht auf alles, was ...«

»Man muß auf manches im Leben verzichten, Herr Winterhalter ... Man kriegt ja auch was dafür!«

»... aber nicht seine Überzeugungen opfern ...«

»... opfern nicht ... nur nicht öffentlich ausposaunen! ... In Ihrem Kämmerlein denken Sie, was Sie wollen! ... Die Hand meiner Tochter ist auch kein Pappenstiel! Also, auf Wiedersehen, Herr Winterhalter! ... Grüßen Sie, bitte, Ihre Eltern!« »Herr Geheimrat ...«

»Glauben Sie mir, es ist zu Ihrem eigenen Besten!«

Werner Winterhalter stieg langsam, finster vor sich niederschauend, die Stufen hinab. Auf halber Treppe machte er halt. Stefanies blonder Kopf schaute lachend zwischen den schweren, zusammengerafften Portierenflügeln des Zwischenstocks hervor. Sie streckte die Hände aus und zog ihn zu sich herein. Sie hatte schon auf ihn gewartet. Er war mit ihr allein in einem kapriziösen, achteckigen Turmzimmerchen, das förmlich einem Vogelkäfig glich ... grelle englische Sportbilder an der blauen Tapete, draußen das Feuerrot des Herbstlaubs, Zugwind durch die offenen Fenster. Frische Luft ... Licht in Fülle ... Alles ganz sie ... Sie bog das Haupt zurück, fragte, atemlos von seinen Küssen: »Warum bist du denn eben beinah an mir vorbeigerannt, du Siebenschläfer?«

»Ich muß weg! Du auch!«

Sie riß die Augen auf, stützte sich mit den Händen rücklings auf die Tischkante, schlug einen Fuß über den anderen und starrte ihm mit der gespannten Ruhe des Sports in das erregte Gesicht.

»Hör, Stefanie ... Ist auch niemand in der Nähe? ... Deine Mutter auch nicht?«

»Die Mama hab ich weggeschickt! ... Die könnt ich jetzt gerade brauchen!«

»Also, Stefanie ... hier im Hause heißt's: ›Philister über dir!‹ ... Hier soll man eingefangen werden ... geknebelt ...«

»Ha!« sagte Stefanie Kühn und lachte.

»Dein Vater verlangt ...«

»Ich weiß ...«

»Und du billigst es womöglich?«

»Was versteh ich denn davon? ... Mir sind kleine Leute gräßlich!«

»Du bist noch nicht fünfundzwanzig! Hier können wir uns über Jahr und Tag noch nicht heiraten ohne den Willen deiner Eltern ...«

»Das möcht ich auch weiß Gott nicht!«

»Aber in England können wir uns trauen lassen! Sofort! ... Wir brauchen bloß hin ...«

Sie lachte hell auf.

»Zum Schmied von Gretna-Green? ... Werner, ... ich glaub, dir rappelt's!«

»Sei ernst! ... Ich bitt dich ...«

Aber das sonderbare, überlegene Lächeln wich nicht von ihren roten Lippen. Sie tat einen ergebungsvollen Seufzer.

»Da fängt's an! ... Ich wußt's doch! ... Gestern abend hat der Moritz noch zu mir gesagt: ›Du kriegst das verdrehteste Huhn der Welt zum Mann!‹ ... Ach ja ... ich werd noch mein Kreuz mit dir haben, Werner!«

»Nochmals: sei ernst! ... Es steht zuviel auf dem Spiel!«

»Sei du doch lieber mal vernünftig und faß dich an die Stirn und frag dich, wovon wir denn zum Kuckuck leben sollen. ... Mein Vater gibt mir keinen Groschen, wenn ich hier auskneif ... und deiner ist doch noch viel ekliger ... na ... also ...«

Er schwieg verstört. Das schöne Mädchen vor ihm schloß gleichmütig: »Wir haben doch beide nix! ... Du verdienst nix! Ich brauch viel! ... Als Frau noch mehr! ... Also da müssen doch unsere Papas bei! ... Das sieht doch ein Blinder ...«

»Aber dein Vater und ich ... Das ist wie Feuer und Wasser ... das ist ...«

»Heut früh hat er noch so lieb und gut mit mir geredet und gesagt: ›Wir müssen das dem Werner beizeiten abgewöhnen! ... Sonst läuft er dir, wenn ihr erst verheiratet seid, jeden Abend aus dem Haus in 'ne Volksversammlung, und du hockst daheim!‹ ... Ich will einen Mann für mich ...«

Sie sah, daß er nach seinem Hut griff, und machte eine trotzig schlenkernde Bewegung mit den Schultern.

»Wenn dir die Leut da draußen lieber sind als ich ... ja, no – da kann ich nix machen! ... Das hab ich doch nicht nötig! ... Ich merk ja jetzt, ob du mich gern hast oder nicht ...«

Auf einmal fing sie wieder an zu lachen, legte ihm die Hände auf die Schultern und schickte ihn selbst fort.

»Jetzt gehst du weg! ... Und kommst heut nachmittag vernünftig wieder! ... Nein! ... Nein! ... Jetzt gibt's keinen Kuß! ... Erst wieder, wenn du brav bist! ... Vorher mag ich gar nichts von dir wissen! ... Adieu! ...«

Sie schob ihn förmlich zur Tür hinaus. Als sie die schloß und sich umwandte, stand, von der anderen Seite hereingetreten, ihr Vater im Zimmer. Hinter ihm, noch auf der Schwelle, die Geheimrätin, einen Seufzer auf den Lippen.

»Da läuft er weg! ... Das hast du davon, Alfred!«

»Er wird wiederkommen!« sagte der Alte kühl.

Stefanie Kühn lehnte abseits von den Eltern am Fenster. Sie nagte an der Unterlippe und sprach zwischen den Zähnen, trotzig, wie ein verwöhntes Kind: »Er soll wiederkommen ... Ich will ihn haben ...«

Draußen rieselte ein feiner Regen nieder. Trostlos lag um einen die graue, graue Welt ... Häuser, Menschen, Straßen noch viel grauer als sonst ... schattenhaft ... in Nebel und Nässe. Werner Winterhalter stand auf der hölzernen Rheinbrücke. Er war planlos durch die Stadt bis dahin gelaufen. In Scharen strömte jetzt, um die Mittagstunde, das Volk an ihm vorbei. Ein vierschrötiger Fuhrmann stieß ihn in die Rippen. Er trat zur Seite. Erschrak. Es war, als hätte ihm jemand die Brille des Sonntags aufgesetzt. So verändert, so fremd sah er diese Flut, die endlos, einförmig an ihm vorbeifloß, wie unter ihm die regenbraunen, schmutzigen Wellen des Rheins. Er schaute mit unerbittlichen Augen die Häßlichkeit ... die Armut ... die Krankheit ... Wie fahl und verhärmt erschienen ihm diese frühgealterten Frauen in ihren verblichenen Umschlagtüchern, wie kellerbleich und freudlos frühreif die Kinder, wie finster, oft abgezehrt die Männer ... Ein Dunst ungepflegter Körper, nasser Kleider, billiger Zigarren. Ein Husten ... drüben ein roher Fluch ... ein Gelächter ... schrilles Pfeifen der Buben ... ein endloser Zug der Arbeit ... des Werktags ... des Kampfes um das tägliche Brot. Die Holzplanken knarrten unter schweren, schlürfenden Tritten. In ihm stieg ein Unglaube ... ein Grauen: Seid ihr's? ... Ihr? ... Ihr seid es noch immer ... Ich bin anders ... Meine Augen sind wachgeküßt ... ich seh die Schönheit ...

Das wogte achtlos vorüber, wandte nicht einmal den Kopf nach einem, so als ob man Luft wäre, nichts nutzen, nichts helfen könnte. Er kämpfte mit einem plötzlichen Widerwillen, einer trostlosen Erkenntnis. Er mochte das alte, quälende, unheimliche Bild nicht mehr sehen: die ragenden Schlote, der trübe über ihnen geballte Qualm. Das weite Reich der Frau Sorge. Das größte heimliche Reich auf Erden. Er schloß halb die Augen ... dachte sich: Du schaffst Not und Elend auch nicht aus der Welt... so wenig wie irgendeiner vor dir – irgendeiner, der nach dir kommt. Sei froh, daß du selbst auf Sonnenhöhe geboren bist ...

Wieder ein Schubs von einem halbwüchsigen Arbeitsburschen. Der Bessergekleidete wurde hier rücksichtslos vom Bürgersteig herabgestoßen. Keiner machte Platz. Keiner kümmerte sich um den anderen. In Werner Winterhalter wuchs, während er sich auf eine ruhigere Stelle rettete und mit leeren Augen auf das Gewühl sah, jäh eine wahnsinnige Angst: Wenn sie nun in diesem Augenblick daheim sitzt und mir nachträglich doch den Absagebrief schreibt! ... Eigenwillig, launisch, gewohnt, die Leute zu ihren Füßen zu sehen, wie sie ist ... Und dabei noch so kindisch, trotz ihrer drei-, vierundzwanzig ... Vielleicht hat sie auch mit mir nur halb gespielt wie mit allen und jedem ... läßt mich wieder fallen ... erklärt, sie hätte sich besonnen, und lacht mich aus, noch ehe ich die Tür schließe ... Dann bringe ich sie um ... Herrgott ... was wird das alles ... Mein Leben ist verpfuscht... Sie ist mein Leben ... alles andere nichts ...

Der Schrecken zog ihm das Herz zusammen: Wer weiß, was droht? . . , Am Ende sind die Minuten kostbar? ... Nutze die Zeit! ... Halte, was du hast! ... Einmal gibt's dir der liebe Gott und nicht wieder ...

Und du gehst ja nicht zur Niederlage! Du gehst zum Sieg ... Du holst sie dir ja heim ...

Der Regen strömte stärker. Kalte Sturmstöße fegten den Rhein herauf. Werner Winterhalter drehte sich auf dem Absatz um, senkte den Kopf gegen Wind und Wetter und stürzte davon, in der Richtung nach Stefanie Kühns Haus.

 

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