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König Heinrich der vierte.

William Shakespeare: König Heinrich der vierte. - Kapitel 50
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDas Trauerspiel, vom Macbeth.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20150-6
titleKönig Heinrich der vierte.
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweyte Scene.

Westmorland zu den Vorigen.

York. Was für ein stattlicher Kriegs-Oberster kommt hier auf uns zu?

Mowbray. Ich denke, es ist Milord von Westmorland.

Westmorland. Heil und geneigten Gruß von unserm Feld-Herrn, dem Prinzen John von Lancaster.

York. Saget an, Milord von Westmorland, was ist der Beweggrund eurer Anherkunft?

Westmorland. An euch, Milord, soll dann vornehmlich der Inhalt meiner Rede gerichtet seyn. Käme die Empörung in ihrer eignen Gestalt, in verächtlichen, pöbelhaften Rotten, von blutigen Jünglingen angeführt, von wilder Raubsucht gespornt, und von Lotterbuben und Bettlern unterstüzt; wenn der Aufruhr, sage ich, in dieser seiner wahren, natürlichen und eigenthümlichen Gestalt erschiene, so würdet ihr, ehrwürdiger Vater, und diese edeln Lords nicht hier seyn, seine verabscheute Häßlichkeit mit euerm ehrenvollen Ansehn aufzuschmüken. Ihr, Milord Erzbischoff, dessen Siz durch einheimischen Frieden beschüzt wird, dessen Bart die Silber-Hand des Friedens berührt, dessen Gelahrtheit und Wissenschaft der Friede begünstiget hat, und dessen weisser Priester-Schmuk die Unschuld, die Sanftmuth und jede gesegnete Eigenschaft des Friedens abbildet; warum übersezt ihr euch selbst aus der Sprache des Friedens, die so viel Anmuth hat, in die harte und rauhtönende Sprache des Kriegs? Warum, warum verwandelt ihr eure Bücher in Hellebarden, eure Dinte in Blut, eure Federn in Lanzen, und eure göttliche Zunge in eine kriegrische Trompete?

York. Warum thue ich diß? Das ist die Frage; und darauf antworte ich kürzlich: Wir sind alle krank, und haben uns selbst durch Ueppigkeit und Schwelgerey ein brennendes Fieber zugezogen, um dessen willen wir izt bluten müssen; es ist die nemliche Krankheit, an der unser voriger König Richard starb. Doch, mein sehr edler Lord von Westmorland, meine Absicht ist hier nicht den Arzt zu spielen; auch ist es weit von mir entfernt, als ein Feind des Friedens, mich unter die Hauffen kriegrischer Männer einzumengen; diese mir sonst fremde Gestalt ist nur auf eine Weile angenommen, um ausschweiffende üppige Gemüther, die das Uebermaaß ihres Glüks krank gemacht hat, wieder in Ordnung zu bringen, und die Verstopfungen zu reinigen, die den natürlichen Lauf unsers Lebens-Blutes selbst zu hemmen angefangen haben. Ich will mich deutlicher erklären: Ich habe das Uebel so unsre Waffen thun können, und dasjenige so wir leiden, genau gegen einander abgewogen, und finde unsre Beschwerden schwerer als unsre Verschuldungen. Wir sehen, welchen Weg der Strom der Zeit läuft, und werden von der gewaltsam daherstürmenden Gelegenheit aus unsrer friedsamen Sphäre weggerissen. Wir werden den Inhalt aller unsrer Klagen, sobald es die Zeit erheischen wird, Punct für Punct bekannt machen; Klagen, die wir dem König schon vor langer Zeit vorgelegt haben, ohne daß wir durch unser inständiges Bitten erhalten konnten, nur angehört zu werden. Wenn wir beleidiget werden, und unsre Beschwerungen entfalten wollen, so wird uns der Zutritt zu seiner Person von eben denjenigen abgeschlagen, die uns am meisten beleidiget haben. Die Gefahr jener neulichen Tage, deren Andenken mit noch sichtbarem Blut auf die Erde geschrieben ist; und die gegenwärtigen Beyspiele die uns jede Minute darstellt, haben uns in diese übelanständige Waffen-Rüstung gezwungen; nicht den Frieden oder irgend einen Zweig desselben zu brechen, sondern vielmehr einen wahren und dauerhaften Frieden, einen Frieden der den Namen mit der That führe, zu erzielen.

Westmorland. Wenn ist euch jemals eine rechtliche Klage abgeschlagen worden? Worinn seyd ihr von dem Könige zum Unmuth gereizt worden? Welcher Peer ist heimlich aufgestiftet worden, euch anzutasten; daß ihr dieses gesezwidrige blutige Patent der meuterischen Empörung mit einem göttlichen Sigel gültig zu machen, und das Schwerdt des Bürger-Kriegs einzusegnen berechtiget seyn solltet?

York. Mein Bruder General, das gemeine Wesen, ist durch eine ungerechte Partheylichkeit gegen einige von seinen Kindern zum Nachtheil der andern, in eine häusliche Tyrannie ausgeartet, welche der besondere Gegenstand meiner Klagen ist.

Westmorland. Es ist in diesem Stük noch nirgends keine Noth einer Staats-Verbesserung vorhanden; und wann es wäre, so kommt sie euch nicht zu.

Mowbray. Warum nicht ihm, für seinen Theil, und uns allen, die noch die Schmerzen der Wunden der vorigen Zeiten, und die ungerechte und drükende Hand der gegenwärtigen fühlen?

Westmorland. O Milord Mowbray, betrachtet die Zeiten in der natürlichen Verknüpfung mit ihren Ursachen und Umständen, und ihr werdet bekennen müssen, daß es in der That die Zeit und nicht der König ist, worüber ihr euch zu beklagen habt. Und dennoch kan ich, was eure eigne Person betrift, nicht absehen, wie ihr, weder vorn König, noch der dermaligen Zeit, nur einen Zoll breit Grund hernehmen könnt, Beschwerden darauf zu bauen. Wurdet ihr nicht in alle Herrschaften und Güther des Herzogs von Norfolk, eures edeln und ruhmwürdigen Vaters, wieder eingesezt?

Mowbray. Womit hatte mein Vater verdient ihrer entsezt zu werden, wenn ich diese Wieder-Einsezung für etwas mehr halten soll, als was man mir schuldig war? Wider seinen Willen und sein Herz, wurde der König, der ihn liebte, durch die damalige Verfassung des Staats gezwungen, ihn zu verbannen. Und o! damals, da Harry Bolingbroke und er sich in ihre Sättel geschwungen hatten, da ihre schnaubenden Rosse ungeduldig dem Sporn zum Angriff entgegenwieherten, da sie ihre Lanzen eingelegt, ihre Visiere herabgezogen hatten, da ihre feurigen Augen aus stählernen Oeffnungen hervor funkelten, und die laute Trompete sie zum Kampf zusammenblies; damals, damals, (da nichts anders meinen Vater von Bolingbroks Brust hätte zurükhalten können) als der König seinen Stab hinwarf, warf er sein eigen Leben hin, warf er sich selbst hin, und das Leben aller derjenigen, die durch Anklage oder durch die Wuth des Schwerdts unter Bolingbroke gefallen sind.

Westmorland. Ihr redet hier, Lord Mowbray, und wißt nicht was ihr redet. Der Graf von Hereford wurde damals für den tapfersten Ritter von ganz England gehalten. Wer weiß, auf wen das Glük gelächelt hätte? Und hätt' auch euer Vater den Sieg erhalten, so würde er ihn gewiß nimmermehr aus Coventry hinausgetragen haben. Das ganze Land haßte ihn, und schrie ihm mit einer allgemeinen Stimme Flüche zu; alle ihre Liebe, alle ihre Wünsche, waren für Hereford, den Gegenstand ihrer brünstigen Zuneigung, dem sie, in der That, mehr Segnungen zurieffen, mehr Beyfall zujauchzten, als dem König selbst – – Doch diß führt mich nur von meinem Vorhaben ab: Ich komme hier von dem Prinzen unserm Feldherrn, euern Beschwerden nachzufragen, und euch in seiner Durchlaucht Namen zu sagen, daß er euch Gehör geben will, und daß euch alle billige Forderungen, die ihr machen könnt, zugestanden werden sollen, ohne daß auch nur der blosse Gedanke, daß ihr Feinde gewesen seyd, dagegen in Betracht kommen solle.

Mowbray. Er hat uns gezwungen, ihm dieses Anerbieten abzudringen, welches aus blosser Politik, nicht aus guter Meynung gemacht wird.

Westmorland. Mowbray, ihr treibet die Einbildung zu weit, wenn ihr es so aufnehmt. Dieses Anerbieten kommt aus Gnade, nicht aus Furcht. Denn seht, dort, nah genug, um von euern Bliken erreicht zu werden, ligt unser Heer, und, bey meiner Ehre! keine Seele in ihm, die nicht den blossen Gedanken der Furcht verschmähe. Unsre Schlacht-Ordnung hat mehr Männer von Namen als die eurige, unsre Leute sind geübter in den Waffen, unsre Munition ist zum wenigsten eben so stark, und unsre Sache die bessere. Wie könnte, bey solchen Umständen, unser Herz schlechter seyn? Sagt also nicht, unser Anerbieten sey abgedrungen.

Mowbray. Gut, mit meinem Willen wird man sich in keine Unterhandlungen einlassen.

Westmorland. Das beweist nur die Schändlichkeit euers Vergehens; ein böser Schade leidet kein Anrühren.

Hastings. Hat der Prinz John Vollmacht von seinem Vater, sich auf alle Bedingungen, worauf wir schlechterdings bestehen mögen, einzulassen, und den Vergleich einzurichten, wie es ihm und uns gefallen mag?

Westmorland. Das ligt in dem Namen unsers Generals; mich wundert, wie ihr eine so überflüßige Frage thun möget.

York. Wenn dieses ist, Milord von Westmorland, so nehmt dieses Papier; es enthält alle unsre Beschwerungen: Wird allen hierinn erwähnten Puncten abgeholfen, uns und allen unsern Anhängern, gegenwärtigen und abwesenden, der Pardon in gehöriger Form ertheilt, und eine vollständige Sicherheit unsrer Freyheit und unsers Eigenthums für's Künftige gewähret werden; so sind wir bereit die Waffen niederzulegen, und in unsre gesezmäßige Ordnung wieder einzutreten.

Westmorland. Ich will es dem Feldherrn überbringen. Gefällt es euch, Milords, so wollen wir im Gesicht unsrer beydseitigen Armeen wieder zusammen kommen, um entweder die Sache gütlich zu enden, (welches der Himmel geben wolle!) oder die Schwerdter sogleich herbeyzuruffen, die den Ausschlag geben müssen.

York. Wir sind es zufrieden, Milord.

(Westmorland geht ab.)

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