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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der vierte.

William Shakespeare: König Heinrich der vierte. - Kapitel 45
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDas Trauerspiel, vom Macbeth.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20150-6
titleKönig Heinrich der vierte.
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweyte Scene.

Warwik und Surrey treten auf.

Warwik. Unzählbare glükliche Morgen, Gnädigster Herr!

König Heinrich. Ist es schon Morgen, Lords?

Warwik. Es ist schon über ein Uhr.

König Heinrich. Nun dann, so wünsch ich euch einen guten Morgen – Gut, Milords, habt ihr die Briefe gelesen, die ich euch schikte?

Warwik. Wir haben, Gnädigster Herr.

König Heinrich. Ihr habt also daraus ersehen, in welch einem verdorbnen Zustand unser Staats-Körper ligt, wie sehr seine innerliche Schäden zunehmen, und wie nahe die Gefahr zu seinem Herzen gedrungen ist.

Warwik. Die Krankheit ist nicht so gefährlich, daß dieser fiebrische Körper nicht durch gute Diät und ein wenig Medicin zu seiner vorigen Stärke hergestellt werden könnte; Milord von Northumberland wird bald abgekühlt seyn.

König Heinrich. O Himmel, wer im Buche des Schiksals lesen könnte, was für Veränderungen die kommenden Zeiten mit sich bringen, wie sie Gebürge ebnen, und das feste Land, troz seiner unbeweglichen Dauerhaftigkeit, in die See zerschmelzen werden; oder wie zu einer andern Zeit der felsichte Gürtel des Oceans zu weit für Neptuni Hüften wird; wie ein Wechsel den andern verdrängt, und der Zufall den Becher des Glüks bald mit süssem bald mit bitterm Getränk anfällt! O, könnte diß gesehen werden, der glüklichste Jüngling, wenn er durch diese Aussicht vergangner und zukünftiger Widerwärtigkeiten hindurchschaute, würde das Buch zumachen, sich niederlegen und sterben! Es sind noch nicht zehn Jahre, daß Richard und Northumberland als die besten Freunde einander Bankette gaben, und zwey Jahre darauf lagen sie gegen einander zu Felde. Es ist kaum acht Jahre, daß dieser Percy meinem Herzen der nächste war, daß er sich mit dem Eifer eines Bruders für mich bearbeitete, und seine Liebe und sein Leben unter meine Füsse legte. Er gieng so weit, daß er um meinetwillen Richarden ins Gesicht den Gehorsam aufkündigte. War nicht einer von euch dabey? Ihr, Vetter Nevil, denke ich – – als Richard, von Northumberland mit bittern Vorwürfen angefallen, mit thränenvollen Augen diese Worte sagte, die nun zu einer Propheceyung geworden sind: Northumberland, du Leiter, auf welcher Bolingbroke zu meinem Thron hinaufsteigt, (obgleich damals, der Himmel weiß es, eine solche Absicht weit von mir entfernt war, und in der Folge erst die Umstände des Staats mich zu Uebernehmung der Crone nöthigten;) die Zeit wird kommen, fuhr er fort, daß dein schändliches Verbrechen, wie ein reiffes Geschwür, in faulen Eiter ausfliessen wird; und so fuhr er fort, diesen Bruch unsrer Freundschaft und die Umstände worinn wir izt sind, vorher zu sagen.

Warwik. Das menschliche Leben ist seinen hauptsächlichsten Zügen nach eine blosse Abbildung der vormaligen Zeiten; das künftige ligt wie ein Embryon in dem Gegenwärtigen eingehüllt, und wer also das Vergangne und Gegenwärtige wohl beobachtet hat, mag oft mit vieler Richtigkeit vorhersagen, was für noch ungebohrne Veränderungen die Zukunft ausbrüten wird. Auf diese Art konnte König Richard mit einer Art von gewisser Vermuthung vorhersehn, daß der mächtige Northumberland, der damals ihm untreu war, aus dem nemlichen Saamen in eine noch größre Untreue aufschiessen würde, die keinen andern Grund, um Wurzeln zu fassen, finden könnte als euch.

König Heinrich. Sind denn alle diese Dinge unvermeidliche Nothwendigkeiten? Nun so laßt uns ihnen auch als Nothwendigkeiten entgegen gehen – – Man sagt, der Bischoff und Northumberland seyen fünfzig tausend Mann stark.

Warwik. Das kan nicht seyn; das Gerücht verdoppelt, wie ein Echo, die Anzahl der Gefürchteten. Geruhet euch zu Bette zu begeben, Gnädigster Herr. Bey meinem Leben, die Macht die Eu. Majestät ihnen bereits entgegen gestellt hat, ist hinlänglich, den Sieg davon zu tragen. Zu eurer noch grössern Beruhigung bring' ich die gewisse Nachricht, daß Glendower todt ist. Eu. Majestät hat sich diese vierzehn Tage her übel befunden, und dieses unzeitige Wachen muß eure Unpäßlichkeit nothwendig vermehren.

König Heinrich. Ich will euerm Rath folgen, und wären wir nur einmal dieser einheimischen Unruhen los, so wollten wir bedacht seyn, liebste Lords, unsern beschloßnen Zug ins gelobte Land auszuführen.

(Sie gehen ab.)

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