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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der vierte.

William Shakespeare: König Heinrich der vierte. - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDas Trauerspiel, vom Macbeth.
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20150-6
titleKönig Heinrich der vierte.
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebende und achte Scene.

Der Schauplaz verwandelt sich in das Wirthshaus zum Bären-Kopf in East-Cheap.

Ein paar unübersezliche Scenen, im Geschmak der trübsten Hefen der pöbelhaftesten Canaille, zwischen dem Prinzen Heinrich, Poins, Franz, dem Kellerjungen, und dem Wirth. Folgende Stelle ist das Beste davon.

Prinz Heinrich. Ich hab, glaub' ich, auf einmal alle Launen im Leibe, die jemals Launen gewesen sind, seit den alten 'Tagen des guten Großvater Adams bis auf das Säuglings-Alter dieser gegenwärtigen zwölften Stunde Mitternachts. Und doch bin ich nicht von Percy's Humor, dieses Eisenfressers aus Norden, der mir sechs oder sieben Duzend Schotten zum Frühstük todt schlägt, und wascht dann seine Hände, und sagt zu seiner Frauen: Der Henker hole dieses ruhige Leben! Ich habe ja nichts zu thun. »O mein süsser Harry«, sagt sie dann, »wie viele hast du heute todt geschlagen?« Gebt meinem Rothschimmel zu trinken, sagt er, und antwortet ihr eine Stunde drauf ganz kaltsinnig, ihrer vierzehn, oder so was, eine Kleinigkeit – – Ich bitte dich, ruf mir den Falstaff herein; ich will den Percy machen, und der verdammte Schweinsbraten soll die Dame Mortimer, sein Weib, agiren. Ruft den Schmeer-Bauch herein!

 
Neunte Scene.

Falstaff, Gadshill, Bardolph und Peto zu den Vorigen.

Poins. Willkommen, Jak; wo bist du gewesen?

Falstaff. Daß die schwere Noth alle feige Memmen, sag ich, und die Kränke oben drauf; und Amen! Gieb mir ein Glas Sect, Junge – – Eh ich diese Lebensart fortseze, will ich Fuß-Soken nähen, und sie wieder fliken, wenn sie brechen. Daß die Pestilenz alle feige Memmen! Gieb mir ein Glas mit Sect, Schurke. Ist denn keine Tugend mehr in der Welt?

(Er trinkt.)

Prinz Heinrich. Hast du den Titan nie ein Stük Butter küssen gesehen? und wie es von den zärtlichen Sachen, die er ihm sagte, wegschmolz? Wenn du's gesehen hast, so sieh' diese Composition.

Falstaff. Ihr Galgenschwengel, hier ist ja KalkSir Richard Hawkins, einer von der Königin Elisabeth See-Capitains, sagt in seinen Reisen S. 379: »Seitdem die Spanischen Secte in unsern Wirtshäusern so gemein sind, die in der Zubereitung mit Kalk vermischt werden, um sich länger zu erhalten, beklagt sich unsre Nation über Stein, Wassersucht, und eine Menge andrer Krankheiten, von denen wir nichts wußten, eh der Gebrauch dieser Weine so sehr überhand nahm. Ausserdem vergeht kein Jahr, daß nicht zwey Millionen Cronen dafür aus unserm Lande gehen etc.« Dieses leztere war in der That ein wesentliches Übel. Aber daß Kalk den Stein verursachen soll, muß wohl nur ein Vorurtheil des guten ehrlichen alten Mannes gewesen seyn, indem in einem weit weisern Alter ein altes Weib ihr Glük damit gemacht hat, uns zu zeigen, daß Kalk eine Arzney gegen den Stein sey. in diesem Sect; es ist doch nichts als Schelmerey in spizbübischen Leuten; aber eine Memme ist noch ärger als ein Glas Sect worinn Kalk ist. Eine nichtswürdige Memme! – – Geh deines Wegs, alter Jak, stirb wenn du willt; wenn Tapferkeit, wahre Tapferkeit nicht auf dem ganzen Erdenrund vergessen ist, so bin ich ein Pikling. Es leben nicht drey brave Männer ungehangen in England, und einer von ihnen ist fett, und wird, Gott helf ihm, nach gerade alt – – eine böse Welt, sag ich! Ich wollt' ich wär' ein WeberIn der Verfolgung der Protestanten in Flandern unter Philipp dem 2ten, brachten diejenigen die bey dieser Gelegenheit nach England kamen, die Wollen-Manufacturen mit. Diese waren Calvinisten, welche jederzeit durch ihre Neigung zum Psalmensingen sich unterschieden haben. ; ich könnte Psalmen singen, und Lieder wie man's haben wollte. Daß die Pestilenz alle Memmen, sag ich!

Prinz Heinrich. Was giebts, Wollsak! was brummt ihr?

Falstaff. Ein Königs-Sohn? Wenn ich dich nicht mit einem Dolch von einem Span aus deinem Königreich hinaus jagen, und alle deine Unterthanen wie eine Heerde wilder Gänse vor dir her treiben will, so will ich meine Tage kein Haar mehr an meinem Kinn tragen. Ihr, Prinz von Wales?

Prinz Heinrich. Wie, du H**sohn von einem diken Flegel, was hast du denn?

Falstaff. Seyd ihr nicht eine Memme? Antwortet mir auf das, und Poins hier?

Prinz Heinrich. Du Wanst, wenn du mich eine Memme nennst, so bist du des Todes.

Falstaff. Ich hätte dich eine Memme geheissen? Eh will ich dich zur Hölle gehen sehen, eh ich dich eine Memme heissen wollte; aber tausend Pfund wollt' ich drum geben, wenn ich so geschwinde lauffen könnte, wie du. O! was das betrift, eure Schultern habt ihr so gerad als ihr's wünschen könnt, ihr bekümmert euch nichts darum, euern Rüken sehen zu lassen. Nennt ihr das, euern Freunden den Rüken deken? Daß die Pest ein solches Rükendeken hätte! Gebt mir ein Glas Sect. Ich will eine H** seyn, wenn ich heute noch einen Tropfen getrunken habe.

Prinz Heinrich. O du Schurke! du hast ja dein Maul kaum abgewischt, seitdem du das leztemal getrunken hast.

Falstaff. Das ist all eins. (Er trinkt.) Daß die Pest alle feige Memmen, dabey bleib ich!

Prinz Heinrich. Was willt du denn damit?

Falstaff. Was ich damit will? hier sind unser vier, die diesen Morgen tausend Pfund geraubt haben.

Prinz Heinrich. Wo ist das Geld? Wo ist es?

Falstaff. Wo es ist? Zum T** ist es, genommen ist es uns worden; ihrer hundert gegen uns arme viere.

Prinz Heinrich. Was sagst du, ihrer hundert?

Falstaff. Ich will ein H*f*t seyn, wenn ich mich nicht zwey Stunden lang mit einem Duzend von ihnen herumgehauen habe. Es ist ein Mirakel, daß ich davon gekommen bin. Ich bin achtmal durch mein Wamms gestossen worden, viermal durch die Hosen, mein Schild ist durch und durch gehauen, und mein Schwerdt hat Scharten wie eine Hand-Säge, ecce signum. Ich habe mich nie besser gehalten, seitdem ich ein Mann bin. Hätten's andre auch so gemacht! Daß sie die Pest, die Memmen! – – Laßt sie reden; wenn sie mehr oder weniger sagen als wahr ist, so sind sie Schurken, und Kinder der Finsterniß.

Prinz Heinrich. Redet, ihr Herren, wie gieng es dann her?

Gadshill. Wir vier machten uns an ihrer zwölf ungefehr – –

Falstaff. Sechszehn wenigstens, Milord.

Gadshill. Und banden sie.

Peto. Nein, nein, gebunden wurden sie nicht.

Falstaff. Du Raker, sie wurden gebunden, einer nach dem andern; wenn's nicht so ist, so will ich ein Jude seyn, ein hebräischer Jude.

Gadshill. Wie wir nun theilten, so überfielen uns sechs oder sieben frische Männer.

Falstaff. Und banden die andern los, und da kamen die übrigen.

Prinz Heinrich. Wie? Fochtet ihr dann mit ihnen allen?

Falstaff. Mit Allen? Ich weiß nicht was ihr Alle nennt; aber wenn ich nicht wenigstens mit fünfzig von ihnen fochte, so will ich ein Büschel Rettiche seyn. Wenn ihrer nicht zwey oder drey und fünfzig an dem armen alten Jak waren, so sey ich keine zweybeinichte Creatur.

Poins. Der Himmel verhüte, daß ihr keine von ihnen ermordet habt!

Falstaff. Gut, das kan er nun nicht mehr verhüten. Ich habe zween von ihnen gepfeffert; zween, das kan ich sagen, hab' ich bezahlt, zween in Schetter-Röken. Ich will dir was sagen, Hal; wenn ich dich anlüge, so spey' mir ins Gesicht, nenn' mich einen Gaul; du kennst meine alte Manier im parieren; so lag ich, und so führt ich meine Klinge; vier Schurken in Schetter fielen über mich her, wie gesagt.

Prinz Heinrich. Was, viere? Du sagtest eben, es seyen nur zween gewesen.

Falstaff. Viere, Hal, viere sagte ich.

Poins. Ja, ja, er sagte viere.

Falstaff. Diese viere fielen mich alle von vornen an, und stiessen tapfer auf mich zu; aber ich machte nicht viel Federlesens, sondern faßte auf einmal alle ihre sieben Klingen mit meinem Schild auf; so – –

Prinz Heinrich. Sieben? Es waren ihrer ja nur viere diesen Augenblik.

Falstaff. In Schetter.

Poins. Ja, ja, vier in Schetter-Röken.

Falstaff. Sieben, bey meinem Bauch, oder ich bin ein H*f*t.

Prinz Heinrich (leise zu Poins.)
Ich bitte dich, laß ihn machen, es werden noch mehr draus werden.

Falstaff. Hörst du mich, Hal?

Prinz Heinrich. Ja, und versteh dich auch, Jak.

Falstaff. Gut, gut, es ist auch werth daß man aufhorche; diese neun Kerle in Schetter, wovon ich dir sagte – –

Prinz Heinrich. So, schon wieder zween mehr – –

Falstaff. Wie sie sahen, daß ihre Klingen abgebrochen waren, fiengen sie an zurük zu weichen; aber ich gieng ihnen mit Händen und Füssen zu Leibe, und in einem Gedanken, lagen sieben von eilfen im Gras.

Prinz Heinrich. Das ist entsezlich. Eilf Männer von Schetter aus zween!

Falstaff. Aber da führte mir der T** drey mißgezeugte Schurken in Kendal-Grün auf den Rüken, die auf mich zuwalkten; denn es war so dunkel, Hal, daß du deine Hand nicht hättest sehen können – –

Prinz Heinrich. Diese Lügen sind so dik und fett als du selbst bist. Wie, du kleyen-hirnichter Wanst, du H**sohn von einem unflätigen, schmuzigen Schmeer-Bauch – –

Falstaff. Wie? Bist du toll, bist du toll? Ist es nicht die Wahrheit, die Wahrheit?

Prinz Heinrich. Wie konntest du denn sehen, daß diese Leute in Kendal-Grün gekleidt waren, wenn es so dunkel war, daß du deine Hand nicht sehen konntest? Komm, laß sehen wie du das machtest; was sagst du hierzu?

Poins. Nun, Jak, wie machtet ihr das, sagt einmal.

Falstaff. Wie, ihr wollt's mit Gewalt wissen, mit Gewalt? Nein, und wenn ich auf dem Strappado wäre, oder auf allen Foltern der ganzen Welt, ich wollt' euch nichts sagen, wenn ihr's mit Gewalt wissen wolltet.

Prinz Heinrich. Es ist Zeit dem Spaß ein Ende zu machen. Wißt also, diese blutreiche Memme hier, dieser Bett-Druker, dieser Pferd-Rüken-Brecher, dieses Gebürge von Fleisch – –

Falstaff. Weg mit euch, ihr Hunger-Darm, ihr Aal-Haut, ihr dürre Kalbs-Zunge, ihr Ochsen-Ziemer, ihr Stok-Fisch – – O wenn ich nur einen längern Athem hätte! – Was ist dir noch mehr ähnlich? Ihr Ellen-Maaß, ihr Fiddelbogen-Futteral, ihr langer Rauf-Degen – –

Prinz Heinrich. Gut, verschnauffe eine Weile, und fahre hernach fort; und wenn du dich in niederträchtigen Gleichnissen erschöpft hast, so höre mich nur dieses sagen.

Poins. Horch auf, Jak.

Prinz Heinrich. Wir beyde sahen euch viere ihrer viere angreifen, ihr bandet sie, und bemeistertet euch ihrer Baarschaft; nun gebt Achtung wie es weiter gierig. Wir beyde fielen hierauf über euch viere her, jagten euch auseinander, und nahmen euch eure Beute weg; so ist's und wir können sie euch hier im Hause zeigen. Und ihr, Falstaff, ihr trugt eure Kutteln so leicht weg, mit einer so behenden Hurtigkeit, und brülltet so kläglich um Gnade, und renntet und brülltet in einem fort, so gut als ich jemals ein Stierkalb brüllen hörte. Was für ein Sclave bist du, deinen Degen so zu zerhaken wie du gethan hast, und dann zu sagen, es sey vom Fechten gekommen? Was für eine Ausflucht, was für eine Lüge, was für eine Höle kanst du ausfündig machen, dich vor dieser offenbaren, unläugbaren Schande zu verbergen?

Poins. Komm, laß es uns hören, Jak. Wie willst du dir nun hinaushelfen?

Falstaff. Bey G**, ich kannte euch so gut, als der so euch gemacht hat. Wie, hört ihr, meine Herren, hätt' ich den präsumtiven Erben umbringen sollen? Hätt' ich meine Hand an den Cron-Prinzen legen sollen? Wie, du weißst, daß ich so tapfer als Hercules bin; aber der Instinct hielt mich dißmal zurük; der Löwe greift niemals den Cron-Prinzen an: Der Instinct ist ein mächtiges Ding. Aus Instinct ward ich eine Memme, und ich werde mein Lebenlang deßwegen von dir und mir nur eine desto bessere Meinung haben; denn das beweißt unleugbar, daß ich ein tapfrer Löwe bin, und daß du der ächte Cron-Prinz bist. Aber, bey G**, Jungens, es freut mich, daß ihr das Geld habt – – Wirthin! riegle die Thüre; wache die Nacht durch, und bete Morgens. Hey da, ihr lustigen Brüder, Jungens, Gold-Püpchens, sagt, wie wollen wir uns lustig machen? Wollen wir eine Comödie ex tempore spielen?

Prinz Heinrich. Ich bins zufrieden – – und der Inhalt soll dein Davon lauffen seyn.

Falstaff. Ah! – – nichts mehr hievon, Hal, wenn du mich lieb hast.

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