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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der Sechste

William Shakespeare: König Heinrich der Sechste - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleW. Shakespeare's Dramatische Werke
authorWilliam Shakespeare
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleKönig Heinrich der Sechste
pages82
created20130410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

London. Ein Zimmer im Palast. (König Heinrich, Gloster und Exeter treten auf.)

König Heinrich. Habt ihr die Briefe durchgesehn vom Papst,
Vom Kaiser und dem Graf von Armagnac?

Gloster. Ja, gnäd'ger Fürst, und dieses ist ihr Inhalt:
Sie bitten Eure Herrlichkeit ergebenst,
Daß zwischen England und der Franken Reich
Ein frommer Frieden mag geschlossen werden.

König Heinrich. Und wie bedünkt der Vorschlag Euer Gnaden?

Gloster. Gut, bester Herr, und als der einz'ge Weg
Vergießung unsers Christenbluts zu hemmen,
Und Ruh auf allen Seiten fest zu gründen.

König Heinrich. Ja freilich, Oheim; denn ich dachte stets,
Es sei so frevelhaft, wie unnatürlich,
Daß solche Gräßlichkeit und blut'ger Zwist
Bei den Bekennern eines Glaubens herrscht.

Gloster. Und diesen Bund so eher zu bewirken,
Und fester ihn zu schürzen, bietet auch
Der Graf von Armagnac, Karls naher Vetter,
Ein Mann, dess' Ansehn viel in Frankreich gilt,
Die einz'ge Tochter Euer Hoheit an
Zur Eh', mit großer reicher Morgengabe.

König Heinrich. Zur Eh'? Ach, Oheim, jung sind meine Jahre,
Und angemess'ner sind mir Fleiß und Bücher,
Als üppig tändelnd Spiel mit einer Trauten.
Jedoch, ruft die Gesandten, und erteilt
Die Antwort jedem, wie es euch beliebt.
Ich bin die Wahl zufrieden, zielt sie nur
Auf Gottes Ehr' und meines Landes Wohl.

Exeter. Wie? ist Mylord von Winchester erhöht
Zum Rang des Kardinals und eingekleidet?
Dann merk' ich wohl, bestät'gen wird sich das,
Was oft der fünfte Heinrich prophezeit:
»Wenn er einmal zum Kardinal gelangt,
So macht er seinen Hut der Krone gleich.«

König Heinrich. Ihr Herrn Gesandten, euer aller Wünsche
Sind wohl erwogen und besprochen worden.
Gut und vernünftig scheint uns euer Zweck,
Und darum sind wir sicherlich entschlossen
Bedingungen des Friedens auszusetzen,
Die durch Mylord von Winchester wir gleich
Nach Frankreich wollen überbringen lassen.

Gloster. Und, anbelangend eures Herrn Erbieten,
Berichtet' ich an Seine Hoheit so,
Daß, um des Fräuleins tugendsame Gaben,
Um ihre Schönheit und der Mitgift Wert,
Er sie zu Englands Königin will machen.

König Heinrich (Zu dem Gesandten).
Zum Zeichen und Beweise des Vertrags
Bringt dies Juwel ihr, meiner Neigung Pfand. –
Und so, Mylord Protektor, mit Geleit
Besorgt nach Dover sie; dort eingeschifft,
Vertrauet sie dem Glück des Meeres an.

(König Heinrich mit Gefolge, Gloster, Exeter und Gesandten ab.)

Winchester. Bleibt, Herr Legat! Ihr müßt empfangen erst
Die Summe Geldes, welche ich gelobt
An Seine Heiligkeit zu überreichen,
Für die Bekleidung mit dem würd'gen Schmuck.

Legat. Ich richte mich nach Euer Hoheit Muße.

Winchester. Nun wird sich Winchester nicht beugen, traun!
Noch nachstehn selbst dem stolzesten der Pairs.
Humphrey von Gloster, merken sollst du wohl,
Daß weder an Geburt noch Ansehn dich
Der Bischof will erkennen über sich.
Ich will dich zwingen nieder mir zu knien,
Wo nicht, dies Land mit Aufstand überziehn.

(Beide ab.)


Zweite Scene.

Frankreich. Ebene in Anjou. (Karl, Burgund, Alençon und die Pucelle treten auf, mit Truppen im Marsch.)

Karl. Die Zeitung, Herrn, erfrischt die matten Geister,
Man sagt, daß die Pariser sich empören,
Und wieder zu den tapfern Franken wenden.

Alençon. Zieht nach Paris denn, königlicher Karl,
Vertändelt nicht die Zeit mit eurer Macht.

Pucelle. Wenn sie sich wenden, sei mit ihnen Friede,
Sonst brech' in ihre Schlösser der Ruin!

(Ein Bote tritt auf.)

Bote. Mit unserm tapfern Feldherrn alles Heil,
Und gutes Glück mit seinen Mitgenossen!

Karl. Was melden unsre Späher? Bitte, sprich.

Bote. Die englische Armee, die erst getrennt
In zwei Parteien war, ist nun vereint,
Und denkt alsbald euch eine Schlacht zu liefern.

Karl. Etwas zu plötzlich kommt die Warnung, Herrn,
Doch wollen wir alsbald uns auf sie rüsten.

Burgund. Des Talbot Geist, vertrau' ich, ist nicht dort;
Ihr dürft nicht fürchten, Herr, denn er ist fort.

Pucelle. Verflucht ist Furcht vor allen schnöden Trieben,
Gebeut den Sieg nur, Karl, und er ist dein,
Laß Heinrich zürnen, alle Welt es reun.

Karl. Auf dann, ihr Lords! Und Frankreich sei beglückt!

(Alle ab.)


Dritte Scene.

Vor Angers. (Getümmel. Angriffe. Die Pucelle tritt auf.)

Pucelle. Die Franken fliehn und der Regent ist Sieger.
Nun helft, ihr Zaubersprüch' und Amulette,
Und ihr, die ihr mich warnt, erles'ne Geister,
Und Zeichen mir von künft'gen Dingen gebt! (Es donnert.)
Ihr schleun'gen Helfer, die ihr zugeordnet
Des Nordens herrischem Monarchen seid:
Erscheint und helft mir bei dem Unternehmen!
        (Böse Geister erscheinen)
Dies schleunige Erscheinen gibt Gewähr
Von eurem sonst gewohnten Fleiß für mich.
Nun, ihr vertrauten Geister, ausgesucht
Aus mächt'gen unterird'schen Regionen,
Helft mir dies einemal, daß Frankreich siege!
        (Sie gehen umher und reden nicht.)
O haltet mich nicht überlang' mit Schweigen!
Wie ich mit meinem Blut euch pflog zu nähren,
Hau' ich ein Glied mir ab und geb' es euch
Zum Handgeld einer ferneren Vergeltung,
Wenn ihr euch jetzt herablaßt mir zu helfen.
Ist keine Hilfe mehr? Mein Leib soll euch
Belohnung zahlen, wenn ihr mir's gewährt.
Kann nicht mein Leib, noch Blutesopferung
Zu der gewohnten Leistung euch bewegen?
Nehmt meine Seele; Leib und Seel' und alles,
Eh' England Frankreich unter sich soll bringen.
Seht, sie verlassen mich! Nun kommt die Zeit,
Daß Frankreich muß den stolzen Helmbusch senken,
Und niederlegt sein Haupt in Englands Schoß.
Zu schwach sind meine alten Zauberein,
Die Hölle mir zu stark, mit ihr zu ringen.
In Staub sinkt, Frankreich, deine Herrlichkeit. (Ab.)

(Getümmel. Franzosen und Engländer kommen fechtend, die Pucelle und York werden handgemein. Die Pucelle wird gefangen. Die Franzosen fliehen.)

York. Nun, Dirne Frankreichs, denk' ich, hab' ich euch,
Entfesselt eure Geister nun mit Sprüchen,
Und seht, ob ihr die Freiheit könnt gewinnen.
Ein schöner Fang, der Huld des Teufels wert!
Seht, wie die garst'ge Hexe Runzeln zieht,
Als wollte sie, wie Circe, mich verwandeln.

Pucelle. Dich kann Verwandlung häßlicher nicht machen.

York. O, Karl der Dauphin ist ein hübscher Mann,
Den zarten Augen kann nur er gefallen.

Pucelle. Ein folternd Unheil treffe Karl und dich!
Und werdet beide plötzlich überrascht
Von blut'ger Hand, in euren Betten schlafend!

York. Still, schwarze Bannerin! Du Zaubrin, schweig!

Pucelle. Ich bitt' dich, laß mich eine Weile fluchen.

York. Verdammte, fluch', wenn du zum Richtplatz kömmst.

(Alle ab.)

(Getümmel. Suffolk tritt auf, die Prinzessin Margareta an der Hand führend.)

Suffolk. Sei wer du willst, du bist bei mir Gefangne.
        (Er betrachtet sie.)
O holde Schönheit! fürcht' und fliehe nicht;
Ich will mit ehrerbiet'ger Hand dich rühren,
Sie sanft dir auf die zarte Seite legen.
Zu ew'gem Frieden küss' ich diese Finger; (Küßt ihre Hand.)
Wer bist du? Sag's, daß ich dich ehren möge.

Margareta. Margareta heiß' ich, eines Königs Tochter,
Königs von Napel; sei du, wer du seist.

Suffolk. Ein Graf bin ich, und Suffolk ist mein Name;
Sei nicht beleidigt, Wunder der Natur!
Von mir gefangen werden, ist dein Los.
So schützt der Schwan die flaumbedeckten Schwänlein,
Mit seinen Flügeln sie gefangen haltend;
Allein sobald dich kränkt die Sklaverei,
So geh, und sei als Suffolks Freundin frei.
O bleib! Mir fehlt die Kraft sie zu entlassen,
Befrein will sie die Hand, das Herz sagt nein.
Wie auf kristallnem Strom die Sonne spielt
Und blinkt mit zweitem nachgeahmtem Strahl,
So scheint die lichte Schönheit meinen Augen.
Ich würbe gern, doch wag' ich nicht zu reden;
Ich fordre Tint' und Feder, ihr zu schreiben.
Pfui, de la Poole! entherze dich nicht selbst.
Hast keine Zung'? Ist sie nicht da?
Verzagst du vor dem Anblick eines Weibs?
Ach ja! der Schönheit fürstlich hohe Pracht
Verwirrt die Zung', und lähmt der Sinne Macht.

Margareta. Sag', Graf von Suffolk (wenn du so dich nennst),
Was gilt's zur Lösung eh' du mich entlässest?
Denn wie ich seh', bin ich bei dir Gefangne.

Suffolk (beiseite). Wie weißt du, ob sie deine Bitte weigert,
Eh' du um ihre Liebe dich versucht.

Margareta. Du sprichst nicht: was für Lösung muß ich zahlen?

Suffolk (beiseite). Ja, sie ist schön: drum muß man um sie werben;
Sie ist ein Weib; drum kann man sie gewinnen.

Margareta. Nun, nimmst du Lösung an, ja oder nein?

Suffolk (beiseite). O Thor! erinnre dich, du hast ein Weib;
Wie kann denn diese deine Traute sein?

Margareta. Er hört nicht, ihn verlassen wär' das beste.

Suffolk. Das ist die Karte, die mein Spiel verdirbt.

Margareta. Er spricht ins Wilde, sicher ist er toll.

Suffolk. Und doch ist Dispensation zu haben.

Margareta. Und doch wollt' ich, ihr wolltet Antwort geben.

Suffolk. Ich will dies Fräulein hier gewinnen. Wem?
Ei, meinem König. Pah! das wäre hölzern.

Margareta. Er spricht von Holz; 's ist wohl ein Zimmermann.

Suffolk (beiseite). Doch kann ich meiner Neigung so genügen,
Und Friede stiften zwischen diesen Reichen.
Allein auch dabei bleibt ein Zweifel noch,
Denn, ist ihr Vater gleich von Napel König,
Herzog von Maine und Anjou, er ist arm,
Und unser Adel wird die Heirat schelten.

Margareta. Hört ihr, Hauptmann? Habt ihr keine Zeit?

Suffolk. So soll es sein, wie sie es auch verachten;
Heinrich ist jung und gibt sich bald darein. –
Ich hab' euch etwas zu entdecken, Fräulein.

Margareta (beiseite). Bin ich in Banden gleich, er scheint ein Ritter,
Und wird auf keine Weise mich entehren.

Suffolk. Geruhet, Fräulein, mir Gehör zu leihn.

Margareta (beiseite). Vielleicht erretten mich die Franken noch,
Dann brauch' ich seine Gunst nicht zu begehren.

Suffolk. Mein Fräulein hört mich an in einer Sache –

Margareta (beiseite). Ei, Frauen sind wohl mehr gefangen worden.

Suffolk. Fräulein, weswegen sprecht ihr so?

Margareta. Verzeiht mir, es ist nur ein Quidproquo.

Suffolk. Prinzessin, sagt: priest ihr die Banden nicht
Für glücklich, die zur Königin euch machten?

Margareta. In Banden Königin zu sein, ist schnöder
Als Knecht zu sein in niedrer Dienstbarkeit,
Denn Fürsten sollten frei sein.

Suffolk.                                             Und das sollt ihr,
Ist nur des reichen Englands König frei.

Margareta. Nun, was geht seine Freiheit mich wohl an?

Suffolk. Ich mache dich zu Heinrichs Ehgemahl,
Geb' in die Hand ein goldnes Scepter dir,
Und setz' aufs Haupt dir eine reiche Krone,
Wenn du herab dich läss'st zu meiner –

Margareta.                                                     Was?

Suffolk. Zu seiner Trauten.

Margareta. Ich bin unwürdig Heinrichs Weib zu sein.

Suffolk. Nein, edles Fräulein; ich nur bin nicht würdig
Für ihn zu frei'n um solche holde Schöne, –
Und selbst nicht Anteil an der Wahl zu haben.
Was sagt ihr, Fräulein? Seid ihr es zufrieden?

Margareta. Ich bin's zufrieden, wenn mein Vater will.

Suffolk. Ruft unsre Führer dann und Fahnen vor;
Und, gnäd'ge Frau, vor eures Vaters Burg
Werd' er von uns geladen zum Gespräch.

(Truppen kommen vorwärts; eine Einladung zur Unterredung wird geblasen.)(Reignier erscheint auf den Mauern.)

Suffolk. Sieh, Reignier, sieh gefangen deine Tochter.

Reignier. Bei wem?

Suffolk.                     Bei mir.

Reignier.                                 Suffolk, wie steht zu helfen?
Ich bin ein Krieger, nicht geneigt zum weinen,
Noch über Wankelmut des Glücks zu schrein.

Suffolk. Ja, Herr, zu helfen steht dabei genug.
Gewähre (thu's um deiner Ehre willen)
Zu meines Herrn Gemahlin deine Tochter,
Den ich mit Müh' dazu gewonnen habe;
Und diese flüchtige Gefangenschaft
Hat königliche Freiheit ihr erworben.

Reignier. Spricht Suffolk wie er denkt?

Suffolk. Die schöne Margareta weiß, daß Suffolk
Zu schmeicheln und zu heucheln nicht versteht.

Reignier. Ich steige auf dein fürstlich Wort hinab,
Zur Antwort auf dein billiges Begehren.

(Oben von der Mauer ab.)

Suffolk. Und hier erwart' ich deine Ankunft.

(Trompeten. Reignier tritt unten ein.)

Reignier. Willkommen, wackrer Graf, in unsern Landen!
Befehlt in Anjou, was euch nur beliebt.

Suffolk. Dank, Reignier, den solch süßes Kind beglückt,
Geschaffen zur Genossin eines Königs.
Was für Bescheid gibt Eure Hoheit mir?

Reignier. Weil ihren kleinen Wert du würdig achtest,
Um sie zu frei'n, als Braut für solchen Herrn:
Wofern ich nur mich ruhig meines eignen,
Der Grafschaft Maine und Anjou mag erfreun,
Von Unterdrückung frei und Kriegsgewalt,
Vermähl' ich sie mit Heinrich, wenn er will.

Suffolk. Das ist ihr Lösegeld, nehmt sie zurück.
Auch nehm' ich es auf mich, daß Eure Hoheit
Die beiden Länder ruhig soll genießen.

Reignier. Und ich hinwieder geb', in Heinrichs Namen,
Dir, als Vertreter dieses hohen Herrn,
Der Tochter Hand, zum Pfand gelobter Treu.

Suffolk. Reignier, empfange königlichen Dank,
Weil dies der Handel eines Königs ist. (Beiseite)
Und dennoch, dünkt mich, möcht' ich lieber noch
Mein eigner Anwalt sein in diesem Fall. –
Ich will nach England mit der Neuigkeit,
Und der Vermählung Feier dort betreiben.
Reignier, leb wohl! Faß diesen Diamant
In goldene Paläste, wie sich's ziemt.

Reignier. Laß dich umarmen, wie ich König Heinrich,
Dein christlich Haupt, umarmte, wär' er hier.

Margareta. Lebt wohl, Herr! Gute Wünsche, Lob, Gebete,
Wird Margareta stets für Suffolk haben. (Will gehen.)

Suffolk. Lebt wohl, mein Fräulein! Doch, Margareta, hört:
Kein fürstlicher Empfehl an meinen Herrn?

Margareta. Sagt ihm Empfehle, wie sie einer Magd
Und Jungfrau, seiner Dienerin, geziemen.

Suffolk. Bescheidne Wort', und anmutsvoll gestellt.
Doch, Fräulein, nochmals muß ich euch beschweren:
Kein Liebespfand für Seine Majestät?

Margareta. Ja, bester Herr: ein unbeflecktes Herz,
Von Liebe nie gerührt, send' ich dem König.

Suffolk. Und dies zugleich. (Küßt sie.)

Margareta. Das für dich selbst; ich will mich nicht erdreisten,
Solch kindisch Pfand zu senden einem König.

Suffolk. O, wärst du für mich selbst! – Doch, Suffolk, halt!
Du darfst nicht irren in dem Labyrinth,
Da lauern Minotaur' und arge Ränke.
Nimm Heinrich ein mit ihrem Wunderlob,
Denk' ihren unerreichten Gaben nach,
Den wilden Reizen, so die Kunst verdunkeln;
Erneu ihr Bildnis oft dir auf der See,
Damit, wenn du zu Heinrichs Füßen knie'st,
Du seiner Sinne ihn beraubst vor Staunen. (Ab.)


Vierte Scene.

Lager des Herzogs von York in Anjou. (York, Warwick und andere treten auf.)

York. Führt vor die Zauberin, verdammt zum Feuer.

(Die Pucelle kommt von Wache umgeben, mit ihr ein Schäfer.)

Schäfer. Ach, Jeanne! dies bricht deines Vaters Herz.
Hab' ich die Lande nah und fern durchsucht,
Und, nun sich's trifft, daß ich dich ausgefunden,
Komm' ich zu deinem frühen bittern Tode?
Ach, liebste Tochter, ich will mit dir sterben!

Pucelle. Elender Bettler! Abgelebter Knecht!
Von edlerm Blute bin ich abgestammt,
Du bist mein Vater noch mein Blutsfreund nicht.

Schäfer. Pfui! pfui! – Ihr Herrn, erlaubt, dem ist nicht so:
Das ganze Kirchspiel weiß, ich zeugte sie;
Die Mutter, noch am Leben, kann's bezeugen,
Daß sie der Erstling meines Ehstands war.

Warwick. Ruchlose, willst du deine Sippschaft leugnen?

York. Dies zeigt, was für ein Leben sie geführt,
Verderbt und bös, und so beschließt sie's auch.

Schäfer. O pfui doch, Jeanne, so verstockt zu sein!
Gott weiß, du bist von meinem Fleisch und Blut,
Und deinethalb vergoß ich manche Thräne;
Verleugne doch mich nicht, mein liebstes Kind!

Pucelle. Pack dich, du Bauer! Ihr habt den Mann bestellt,
Um meines Adels Krone zu verdunkeln.

Schäfer. 's ist wahr, ich gab dem Priester eine Krone,
Den Morgen als ich ihre Mutter freite. –
Knie' hin und laß dich segnen, gutes Mädchen.
Du weigerst dich? Verflucht sei denn die Zeit,
Wo du zur Welt kamst! Wollt' ich doch, die Milch,
Die du an deiner Mutter Brüsten sogst,
Wär deinetwillen Rattengift gewesen!
Und, wenn du meine Lämmer triebst zur Weide,
Wollt' ich, dich hätt' ein gier'ger Wolf verzehrt!
Verleugnest du den Vater, garst'ge Dirne?
Verbrennt, verbrennt sie! Hängen ist zu gut. (Ab.)

York. Schafft sie hinweg! Sie hat zu lang gelebt,
Die Welt mit ihren Lastern zu erfüllen.

Pucelle. Laßt mich euch sagen erst, wen ihr verdammt.
Nicht mich, erzeugt von Hirten aus der Flur,
Nein, aus der Könige Geschlecht entsprossen;
Heilig und tugendsam; erwählt von droben,
Auf Erden hohe Wunder zu bewirken.
Mit bösen Geistern hatt' ich nie zu thun;
Doch ihr, befleckt von euren eignen Lüsten,.
Besudelt mit der Unschuld reinem Blut,
Verderbt und angesteckt von tausend Lastern:
Weil euch die Gnade fehlt, die andre haben,
So achtet ihr's für ein unmöglich Ding,
Ein Wunder wirken, ohne Macht der Teufel.
Nein, Mißbelehrte! wißt, daß Jeanne d'Arc
Seit ihrer zarten Kindheit Jungfrau blieb,
Selbst in Gedanken keusch und unbefleckt;
Daß ihr jungfräulich Blut, so streng vergossen
Um Rache schrein wird an des Himmels Thoren.

York. Ja ja, nur fort mit ihr zur Hinrichtung!

Warwick. Und, Leute, hört: weil sie ein Mädchen ist,
So spart das Reisig nicht, gebt ihr genug,
Stellt Tonnen Pech noch um den Todespfahl,
Damit ihr so die Marter ihr verkürzt.

Pucelle. Kann eure starren Herzen nichts erweichen?
So gib denn, Jeanne, deine Schwachheit kund,
Die, dem Gesetz gemäß, ein Vorrecht dir gewährt. –
Drum mordet nicht die Frucht in meinem Schoß,
Schleppt ihr auch mich zum Tod gewaltsam hin.

York. Verhüt' es Gott! Die heil'ge Jungfrau schwanger?

Warwick. Das größte Wunder, das ihr je vollbracht!
Kam's dahin mit der strengen Züchtigkeit?

York. Sie und der Dauphin hielten's miteinander;
Ich dacht' es, was die Ausflucht würde sein.

Warwick. Schon gut! Wir lassen keinen Bastard leben,
Wenn Karl der Vater sein muß, noch dazu.

Pucelle. Ihr irret euch, mein Kind ist nicht von ihm;
Alençon war's, der meine Lieb' genoß.

York. Alençon, der verrufne Macchiavell!
Es stirbt, und wenn es tausend Leben hätte.

Pucelle. Nicht doch, verzeiht! Ich täuscht' euch: weder Karl,
Noch der genannte Herzog, sondern Reignier,
König von Napel, war's, der mich gewann.

Warwick. Ein Mann im Ehstand! Das ist noch das ärgste.

York. Ei, das ist mir ein Mädchen! Die nicht weiß –
So viele waren's – wen sie soll verklagen.

Warwick. Ein Zeichen, daß sie frei und willig war.

York. Und doch, wahrhaftig, eine reine Jungfrau! –
Dein Wort verdammt dich, Metze, samt der Brut,
Versuch kein Bitten, denn es ist umsonst.

Pucelle. So führt mich fort – euch lass' ich meinen Fluch.
Die lichte Sonne werfe ihre Strahlen
Nie auf das Land, das euch zum Sitze dient!
Umgeb' euch Nacht und düstrer Todesschatten,
Bis Unheil und Verzweifelung euch drängt
Den Hals zu brechen, oder euch zu hängen!

(Sie wird von der Wache abgeführt.)

York. Brich du in Stücke, und zerfall' in Asche,
Verfluchte schwarze Dienerin der Hölle!

(Kardinal Beaufort tritt auf mit Gefolge.)

Kardinal. Mit einem Brief der Vollmacht, Lord Regent,
Begrüß' ich Eure Herrlichkeit vom König.
Denn wißt, Mylord, es haben sich die Staaten
Der Christenheit, bewogen von Erbarmen
Um diesen wüsten Streit, mit Ernst verwandt
Zum allgemeinen Frieden zwischen uns
Und der Franzosen hochgemutem Volk;
Und seht, schon naht der Dauphin und sein Zug,
Um über diese Sache zu verhandeln.

York. Ist dieses unsrer Arbeit ganze Frucht?
Nachdem so mancher Pair erschlagen worden,
So mancher Hauptmann, Edelmann, Soldat,
Die überwunden sind in diesem Streit,
Und ihren Leib zum Wohl des Lands verkauft;
Soll man zuletzt so weibisch Frieden schließen?
Verloren wir den größten Teil der Städte
Durch Ränke nicht, durch Falschheit und Verrat,
Die unsre großen Ahnherrn all erobert? –
O Warwick! Warwick. Trauernd seh' ich schon
Den gänzlichen Verlust des Frankenreichs.

Warwick. Sei ruhig, York; wenn wir den Frieden schließen,
Wird's mit so strengen Forderungen sein,
Daß die Franzosen wenig dran gewinnen.

(Karl mit Gefolge, Alençon, der Bastard, Reignier und andere treten auf.)

Karl. Ihr Herrn von England, da genehmigt ist,
Daß Fried' im Land' soll ausgerufen werden,
So kommen wir, um von euch selbst zu hören,
Was für Bedingungen der Bund erheischt.

York. Sprich, Winchester; denn Gall' erstickt mir kochend
Den hohlen Paß der eingefangnen Stimme,
Beim Anblick der gehäss'gen Feinde da.

Kardinal. Karl und ihr andern, so ist's vorgeschrieben:
Daß ihr, inmaßen König Heinrich drein
Aus bloßem Mitleid und aus Milde willigt,
Eu'r Land vom harten Kriege zu befrein,
Und süßen Frieden atmen euch zu lassen,
Lehnsleute seiner Krone werden sollt:
Und, Karl, auf die Bedingung, daß du schwörst
Tribut zu zahlen, dich zu unterwerfen,
Sollst du als Vizekönig unter ihm
Die königliche Würde fortgenießen.

Alençon. So muß er denn sein eigner Schatte sein?
Mit einer Krone seine Schläfe zieren,
Und doch, dem Ansehn und dem Wesen nach,
Die Rechte des Privatmanns nur behalten?
Verkehrt und ungereimt ist dies Erbieten.

Karl. Es ist bekannt, daß ich bereits besitze
Mehr als das halbe gallische Gebiet,
Und werde drin geehrt als echter König.
Um den Gewinn des unbezwungnen Rests
Soll ich dies Vorrecht mir um so viel schmälern,
Des Ganzen Vizekönig nur zu heißen?
Nein, Herr Gesandter, ich behalte lieber
Das, was ich hab', als daß ich, mehr begehrend,
Mich um die Möglichkeit von allem bringe.

York. Hochmüt'ger Karl! Hast du dir insgeheim
Vermittlung ausgewirkt zu einem Bund,
Und, nun die Sache zum Vertrag soll kommen,
Hältst du dich mit Vergleichungen entfernt?
Entweder nimm den angemaßten Titel,
Als nur von unserm König kommend, an,
Und nicht von einem Anspruch des Verdienstes,
Sonst plagen wir mit Krieg ohn' Ende dich.

Reignier. Mein Prinz, ihr thut nicht wohl, aus Eigenwillen
Zu mäkeln bei dem Fortgang des Vergleichs;
Versäumen wir ihn jetzt, zehn gegen eins,
Wir finden die Gelegenheit nicht wieder.

Alençon. Es ist, in Wahrheit, Politik für euch,
Eu'r Volk von solchem Blutbad zu erretten,
Und grimmigem Gemetzel, als man täglich
Bei fortgesetzten Feindlichkeiten sieht:
Geht also den Vertrag des Friedens ein,
Brecht ihr ihn schon, sobald es euch beliebt.

Warwick. Was sagst du, Karl? Soll die Bedingung gelten?

Karl. Sie soll's;
Nur vorbehalten, daß ihr keinen Teil
An der Besatzung unsrer Städte fordert.

York. So schwöre Lehnspflicht Seiner Majestät,
So wahr du Ritter bist, stets zu gehorchen,
Der Krone Englands nie dich aufzulehnen,
Der Krone Englands, du samt deinem Adel.

(Karl und die übrigen machen die Zeichen des Huldigungseides.)

So, nun entlaßt eu'r Heer, wann's euch beliebt,
Hängt auf die Fahnen, laßt die Trommeln schweigen,
Denn feierlicher Fried' ist hier geschlossen.

(Alle ab.)


Fünfte Scene.

London. Ein Zimmer im Palast. (König Heinrich kommt im Gespräch mit Suffolk begriffen; Gloster und Exeter folgen.)

König Heinrich. Ich bin erstaunt bei eurer seltnen Schildrung
Der schönen Margareta, edler Graf;
Die Tugenden, geziert mit äußern Gaben,
Erregen mir der Liebe Trieb im Herzen;
Und wie die Strenge tobender Orkane
Den stärksten Kiel der Flut entgegen drängt,
So treibt auch mich der Hauch von ihrem Ruf,
Schiffbruch zu leiden, oder anzulanden,
Wo ich mich ihrer Liebe mag erfreun.

Suffolk. Still, bester Fürst! Der flüchtige Bericht
Ist nur der Eingang ihres würd'gen Lobs.
All die Vollkommenheit des holden Fräuleins,
Hätt' ich Geschick genug sie auszusprechen,
Ein Buch wär's, voll verführerischer Zeilen,
Das auch den dumpfsten Sinn entzücken könnte.
Und, was noch mehr, sie ist so göttlich nicht,
Noch so erfüllt mit aller Freuden Wahl,
Daß sie, mit gleicher Demut des Gemüts
Nicht willig wär, euch zu Befehl zu sein;
Befehl, mein' ich, von tugendsamer Art,
Euch als Gemahl zu lieben und zu ehren.

König Heinrich. Auch wird es Heinrich anders nie verlangen.
Darum, Mylord Protektor, willigt ein,
Daß Margareta Englands Fürstin werde.

Gloster. So willigt' ich darein, der Sünd' zu schmeicheln.
Ihr wißt, mein Fürst, daß ihr versprochen seid
Mit einem andern angesehnen Fräulein:
Wie können wir uns dem Vertrag entziehn,
Ohn' eure Ehre Rügen bloßzustellen?

Suffolk. Wie Herrscher thun bei unrechtmäß'gen Schwüren,
Wie einer, der gelobt hat beim Turnier
Sich zu versuchen, doch verläßt die Schranken,
Weil unter ihm zu tief sein Gegner steht.
Zu tief steht eines armen Grafen Tochter,
Drum, wenn man mit ihr bricht, ist nichts versehn.

Gloster. Ich bitt' euch, was ist Margareta mehr?
Ihr Vater ist nichts besser als ein Graf,
Hat er erhabne Titel schon voraus.

Suffolk. Ja, bester Herr, ihr Vater ist ein König,
König von Napel und Jerusalem;
Und ist in Frankreich von so großem Ansehn,
Daß seine Freundschaft unsern Frieden sichern
Und in der Treu die Franken halten wird.

Gloster. Das kann der Graf von Armagnac nicht minder,
Weil er des Dauphins naher Vetter ist.

Exeter. Auch läßt sein Reichtum großen Brautschatz hoffen,
Da Reignier eher nehmen wird als geben.

Suffolk. Ein Brautschatz, Lords! Entehrt nicht so den König,
Daß er so arm und niedrig sollte sein,
Nach Geld zu gehn, nicht nach vollkommner Liebe.
Heinrich kann seine Königin bereichern,
Und sucht nicht eine, die ihn reich soll machen.
So feilschen niedre Bauern ihre Weiber,
Wie auf dem Markt die Ochsen, Schafe, Pferde.
Die Eh' ist eine Sache von mehr Wert,
Als daß man sie durch Anwaltschaft betriebe;
Nicht die ihr wollt, die seiner Hoheit lieb,
Muß die Genossin seines Eh'betts sein.
Und da sie, Lords, ihm nun die Liebste ist,
So bindet dies vor allen Gründen uns,
In unsrer Meinung auch sie vorzuziehn.
Was ist gezwungne Eh', als eine Hölle,
Ein Leben voll von Zwist und stetem Hader?
Indes das Gegenteil nur Segen bringt,
Und Vorbild von des Himmels Frieden ist.
Wen nähme Heinrich zum Gemahl, als König,
Als Margareten, Tochter eines Königs?
Nebst der Geburt, die Bildung ohnegleichen
Bestimmt für niemand sie als einen König;
Ihr tapfrer Mut und unerschrockner Geist,
Mehr als gewöhnlich man an Weibern sieht,
Entspricht der Hoffnung des Geschlechts vom König:
Denn Heinrich, da sein Vater ein Erobrer,
Hat Aussicht, mehr Erobrer zu erzeugen,
Gesellt er sich in Liebe einer Frau,
Gemutet wie die schöne Margareta.
Gebt nach denn, Lords, und seid von meinem Sinn:
Nur Margareta werde Königin.

König Heinrich. Ob es die Macht von eurer Schildrung ist,
Mein edler Lord von Suffolk, oder daß
Noch meine zarte Jugend nie gerührt
Von einem Trieb entflammter Liebe war,
Kann ich nicht sagen; doch ich weiß gewiß.
So heft'ge Spaltung fühl' ich in der Brust,
Von Furcht und Hoffnung ein so wild Getümmel,
Daß der Gedanken Drängen krank mich macht,
Drum geht zu Schiff, Mylord; nach Frankreich eilt;
Stimmt ein in jeglichen Vertrag, und sorgt,
Daß Fräulein Margareta bald geruhe,
Die Ueberfahrt nach England vorzunehmen,
Und hier sich krönen lass' als König Heinrichs
Getreue und gesalbte Königin:
Für euren Aufwand und Betrag der Kosten
Nehmt einen Zehnten auf von unserm Volk.
Geht, sag' ich euch; denn bis ihr wiederkehrt,
Bleib' ich zurück, verstrickt in tausend Sorgen. –
Ihr, guter Oheim, bannet allen Unmut;
Wenn ihr nach dem mich richtet, was ihr wart,
Nicht, was ihr seid, so weiß ich, ihr entschuldigt
Die rasche Ausführung von meinem Willen.
Und so geleitet mich, wo einsam ich
Nachhängen kann und sinnen meinem Kummer.

(Ab mit Exeter.)

Gloster. Ja, Kummer fürcht' ich, jetzt und immerfort. (Ab.)

Suffolk. So siegte Suffolk, und so geht er hin,
Wie einst nach Griechenland der junge Paris,
Mit Hoffnung ähnlichen Erfolgs im Lieben,
Doch bessern Ausgangs, als der Trojer hatte.
Margreta soll den König nun beherrschen,
Ich aber sie, den König und das Reich. (Ab.)

 

 

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