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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der Sechste

William Shakespeare: König Heinrich der Sechste - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleW. Shakespeare's Dramatische Werke
authorWilliam Shakespeare
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleKönig Heinrich der Sechste
pages82
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Vierter Aufzug.

Erste Scene.

Paris. Ein Audienzsaal. (König Heinrich, Gloster, Exeter, York, Suffolk, Somerset, Winchester, Warwick, Talbot, der Statthalter von Paris und andere.)

Gloster. Herr Bischof, setzt die Kron' ihm auf sein Haupt.

Winchester. Heil, König Heinrich, sechstem dieses Namens!

Gloster. Nun thut den Eid, Statthalter von Paris.
        (Der Statthalter kommt.)
Ihr wollet keinen andern König kiesen,
Nur seine Freunde für die euern achten,
Für Feinde nur, die auf sein Regiment
Es mit boshaften Ränken angelegt;
Dies sollt ihr thun, so Gott euch helfen möge!

(Der Statthalter und sein Gefolge ab.)(Sir John Fastolfe tritt auf.)

Fastolfe. Mein gnädigster Monarch, als von Calais
Ich eilends her zu eurer Krönung ritt,
Ward mir ein Brief zu Handen übergeben,
Vom Herzog von Burgund an euch gerichtet.

Talbot. Schand' über Herzog von Burgund und dich!
Ich habe, schnöder Ritter, längst gelobt,
Wann ich dich wieder träf', das Hosenband
Von deinem Memmenbein herab zu reißen. (Reißt es ab.)
Und thu' es nun, weil du unwürdiglich
Bekleidet wurdest mit dem hohen Rang. –
Verzeiht mir, hoher Heinrich, und ihr andern!
Der Feigling da, beim Treffen von Patai,
Da ich sechstausend stark in allem war,
Und zehn beinah die Franken gegen einen:
Eh' man sich traf, eh' noch ein Streich geschah,
Lief er davon wie ein getreuer Knappe.
Dabei verloren wir zwölfhundert Mann,
Ich selbst und andre Edelleute wurden
Dort überfallen und zu Kriegsgefangnen.
Nun urteilt, hohe Herrn, ob ich gefehlt,
Ob solche Memmen jemals tragen sollten
Den Schmuck der Ritterschaft; ja oder nein?

Gloster. Die Wahrheit zu gestehn, die That war schändlich,
Und übel ziemend dem Gemeinsten selbst,
Vielmehr denn einem Ritter, Hauptmann, Führer.

Talbot. Als man den Orden erst verordnet, waren
Des Hosenbandes Ritter hochgeboren,
Tapfer und tugendhaft, voll stolzen Muts,
Die durch den Krieg zum Ansehn sich erhoben,
Den Tod nicht scheuend, noch vor Nöten zagend,
Vielmehr im Aeußersten entschlossen stets.
Wer denn nicht also ausgestattet ist,
Maßt sich nur an den heil'gen Namen Ritter,
Entweihend diesen ehrenvollen Orden;
Und sollte (wär' ich würdig da zu richten)
Durchaus verworfen werden, wie ein Bettler
Am Zaun geboren, welcher sich erfrecht,
Mit seinem adeligen Blut zu prahlen.

König Heinrich. Schimpf deines Lands! Da hörst du deinen Spruch,
Drum pack dich weg, du, der ein Ritter war:
Wir bannen dich hinfort bei Todesstrafe. – (Fastolfe ab.)
Und nun, Mylord Protektor, lest den Brief
Von unserm Oheim, Herzog von Burgund.

Gloster (die Ueberschrift betrachtend).
Was meint er, so die Schreibart zu verändern?
Nur »An den König« schlicht und grade zu?
Hat er vergessen, wer sein Lehnsherr ist?
Wie? Oder thut die grobe Ueberschrift
Veränderung des guten Willens kund?
Was gibt es hier? (Liest.)
                              »Ich bin aus eignen Gründen,
»Aus Mitleid über meines Lands Ruin,
»Samt aller derer kläglichen Beschwerden,
»Die eure Unterdrückung ausgezehrt,
»Von eurer höchst verderblichen Partei
»Zu Frankreichs echtem König Karl getrete.«
O scheußlicher Verrat! Kann es denn sein,
Daß unter Freundschaft, Bündnissen und Schwüren
So falsch verstellter Trug erfunden wird?

König Heinrich. Was? Fällt mein Oheim von Burgund mir ab?

Gloster. Ja, gnäd'ger Herr, und ward nun euer Feind.

König Heinrich. Ist das das Schlimmste, was sein Brief enthält?

Gloster. Es ist das Schlimmste, weiter schreibt er nichts.

König Heinrich. Ei nun, so soll Lord Talbot mit ihm sprechen,
Und Züchtigung für sein Vergehn ihm geben.
Was sagt ihr, Mylord? Seid ihr es zufrieden?

Talbot. Zufrieden, Herr? Ihr kamt mir nur zuvor,
Sonst hätt' ich um den Auftrag euch gebeten.

König Heinrich. So sammelt Macht und zieht gleich wider ihn.
Er fühle, wie uns sein Verrat entrüstet,
Und wie gefehlt es ist, der Freunde spotten.

Talbot. Ich gehe, Herr, im Herzen stets begehrend,
Daß ihr die Feinde mögt vernichtet sehn. (Ab.)

(Vernon und Basset treten auf.)

Vernon. Gewährt den Zweikampf mir, mein gnäd'ger Herr!

Basset. Und mir, mein Fürst, gewährt den Zweikampf auch.

York. Dies ist mein Diener; hört ihn, edler Prinz!

Somerset. Dies meiner; liebster Heinrich, sei ihm hold!

König Heinrich. Seid ruhig, Lords, laßt sie zu Worte kommen.
Sagt, Leute, was bewegt euch, so zu rufen?
Und warum wollt ihr Zweikampf? und mit wem?

Vernon. Mit ihm, mein Fürst, denn er hat mich gekränkt.

Basset. Und ich mit ihm, denn er hat mich gekränkt.

König Heinrich. Was ist die Kränkung, über die ihr klagt? –
Laßt hören, und dann geb' ich euch Bescheid.

Basset. Als ich von England überfuhr nach Frankreich,
So schmähte mich mit boshaft scharfer Zunge
Der Mensch hier um die Rose, die ich trage,
Und sagte, ihrer Blätter blut'ge Farbe
Bedeute das Erröten meines Herrn,
Als er der Wahrheit starr sich widersetzt,
Bei einer zwist'gen Frage in den Rechten,
Worüber Herzog York und jener stritt,
Nebst andern schimpflichen und schnöden Worten;
Zu Widerlegung welcher groben Rüge,
Und meines Herrn Verdienste zu verfechten,
Des Waffenrechtes Wohlthat ich begehre.

Vernon. Das ist auch mein Gesuch, mein edler Fürst;
Denn mag er gleich durch schlauen feinen Vortrag
Der dreisten Absicht einen Firnis leihn:
Wißt dennoch, Herr, ich ward gereizt von ihm,
Und er nahm Anstoß erst an diesem Zeichen,
Mit solchem Ausspruch: dieser Blume Blässe
Verrate Schwäch' im Herzen meines Herrn.

York. Läßt diese Bosheit, Somerset, nicht nach?

Somerset. Und euer Groll, Mylord von York, bricht aus,
Ob ihr ihn noch so schlau zu dämpfen sucht.

König Heinrich. O Gott. wie rast der Menschen krankes Hirn,
Wenn aus so läppischem geringem Grund
So eifrige Parteiung kann entstehn!
Ihr lieben Vettern, York und Somerset,
Beruhigt euch, ich bitt', und haltet Frieden.

York. Laßt ein Gefecht erst diesen Zwist entscheiden,
Und dann gebiete Eure Hoheit Frieden.

Somerset. Der Zank geht niemand an als uns allein,
So werd' er zwischen uns denn ausgemacht.

York. Da ist mein Pfand, nimm, Somerset, es an.

Vernon. Nein, laßt es da beruhn, wo es begann.

Basset. Bestätigt das, mein hochgeehrter Fürst!

Gloster. Bestätigt das? Verflucht sei euer Streit!
Mögt ihr und euer frech Geschwätz verderben!
Schämt ihr euch nicht, anmaßende Vasallen,
Mit unbescheidnem lautem Ungestüm
Den König und uns alle zu verstören?
Und ihr, Mylords, mich dünkt, ihr thut nicht wohl,
Wenn ihr so duldet ihr verkehrtes Trotzen,
Viel minder, wenn ihr selbst aus ihrem Mund
Zu Händeln zwischen euch den Anlaß nehmt.
Laßt mich zu bess'rer Weise euch bereden.

Exeter. Es kränkt den König; lieben Lords, seid Freunde!

König Heinrich. Kommt her, ihr, die ihr Kämpfer wolltet sein.
Hinfort befehl' ich euch bei meiner Gunst,
Den Streit und seinen Grund ganz zu vergessen;
Und ihr, Mylords, bedenket, wo ihr seid:
In Frankreich, unter wankelmüt'gem Volk!
Wenn sie in unsern Blicken Zwietracht sehn,
Und daß wir unter uns nicht einig sind,
Wie wird ihr grollendes Gemüt erregt
Zu starrem Ungehorsam und Empörung?
Was wird es überdies für Schande bringen,
Wenn fremde Prinzen unterrichtet sind,
Daß um ein Nichts, ein Ding von keinem Wert,
Des König Heinrichs Pairs und hoher Adel
Sich selbst zerstört und Frankreich eingebüßt?
O, denkt an die Erobrung meines Vaters,
An meine zarten Jahre; laßt uns nicht
Um Possen das, was Blut erkauft, verschleudern!
Laßt mich der streit'gen Sache Schiedsmann sein.
Ich seh nicht, wenn ich diese Rose trage,
        (Indem er eine rote Rose ansteckt.)
Weswegen irgend wer argwöhnen sollte
Ich sei geneigter Somerset als York.
Sie sind verwandt mir und ich liebe beide;
Man kann so gut an mir die Krone rügen,
Weil ja der Schotten König eine trägt.
Doch eure Weisheit kann euch mehr bereden,
Als ich zur Lehr und Mahnung fähig bin:
Und drum, wie wir in Frieden hergekommen,
So laßt uns stets in Fried' und Freundschaft bleiben.
Mein Vetter York, in diesem Teil von Frankreich
Bestallen wir für uns euch zum Regenten;
Und lieber Herzog Somerset, vereint
Mit seinem Heer zu Fuß die Reiterscharen.
Wie echte Unterthanen, Söhne eurer Ahnherrn,
Geht freudiglich zusammen und ergießt
Die zorn'ge Galle wider eure Feinde.
Wir selbst, Mylord Protektor, und die andern
Gehn nach Calais zurück nach ein'ger Rast;
Von da nach England, wo ich hoff', in kurzem
Durch eure Siege vorgeführt zu sehn
Karl, Alençon und die Verräterbande.

(Trompetenstoß. König Heinrich, Gloster, Somerset, Winchester, Suffolk und Basset ab.)

Warwick. Mylord von York, der König, auf mein Wort,
Hat artig seine Rednerkunst gezeigt.

York. Das that er auch; jedoch gefällt's mir nicht,
Daß er von Somerset das Zeichen trägt.

Warwick. Pah! das war nur ein Einfall, scheltet's nicht:
Der holde Prinz, ich wett', er meint kein Arges.

York. Und wenn ich's wüßte, – doch das mag beruhn,
Zu führen gibt's nun andere Geschäfte.

(York, Warwick und Vernon ab.)

Exeter. Gut, Richard, daß du deine Stimm' erstickt!
Denn, bräch' die Leidenschaft des Herzens aus,
So fürcht ich, sähen wir daselbst entziffert
Mehr bittern Groll, mehr tobend wilde Wut,
Als noch sich denken und vermuten läßt.
Doch, wie es sei, der schlichteste Verstand,
Der die Mißhelligkeit des Adels sieht,
Wie einer stets den andern drängt am Hof,
Und ihrer Diener heftige Parteiung,
Muß einen übeln Ausgang prophezei'n.
Schlimm ist's, wenn Kindeshand den Scepter führt;
Doch mehr, wenn Neid erzeugt gehäss'ge Irrung,
Da kommt der Umsturz, da beginnt Verwirrung. (Ab.)


Zweite Scene.

Vor Bourdeaux. (Talbot tritt auf mit seinen Truppen.)

Talbot. Geh zu den Thoren von Bourdeaux, Trompeter,
Lad' auf die Mauer ihren Feldhauptmann.

(Eine Trompete bläst die Einladung zur Unterredung. Auf den Mauern erscheint der Befehlshaber der französischen Truppen und andere.)

Der englische John Talbot ruft euch her,
Heinrichs von England Diener in den Waffen;
Und dieses will er: Oeffnet eure Thore,
Demütigt euch, nennt meinen König euren,
Und huldigt ihm wie treue Unterthanen,
So zieh' ich fort mit meiner blut'gen Macht.
Doch seht ihr sauer dem erbotnen Frieden,
So reizt zur Wut ihr meine drei Begleiter,
Vierteilend Schwert, wild Feuer, hohlen Hunger,
Die eure Türme, so den Lüften trotzen,
Im Augenblick dem Boden machen gleich,
Wenn ihr den Antrag ihrer Huld versäumt.

Befehlshaber. Du ahndungsvoller grauser Todesvogel,
Schreck unsrer Nation und blut'ge Geißel!
Es naht das Ende deiner Tyrannei.
Du dringst zu uns nicht ein als durch den Tod;
Denn, ich beteur' es, wir sind wohl verschanzt,
Und stark genug, zu Kämpfen auszufallen;
Ziehst du zurück, so steht bereit der Dauphin,
Dich mit des Krieges Schlingen zu verstricken.
Gelagert sind Geschwader rechts und links,
Dir zu der Flucht die Freiheit zu vermauern;
Du kannst dich nirgends hin um Hilfe wenden,
Wo nicht der Tod mit Untergang dir droht,
Und bleich Verderben dir die Stirne bietet.
Zehntausend Franken woll'n, und nahmen drauf
Das Sakrament, ihr tödliches Geschütz
Auf keine Christenseel' als Talbot sprengen.
Sieh! dort noch stehst und atmest du, ein Mann
Von unbesiegbar'm, unbezwungnem Geist:
Dies ist die letzte Glorie deines Preises,
Mit welcher ich, dein Feind, dich noch begabe;
Denn eh' das Glas, das jetzt beginnt zu rinnen,
Den Fortgang seiner sand'gen Stunde schließt,
Wird dieses Aug', das wohlgefärbt dich sieht,
Dich welk erblicken, blutig, bleich und tot.
        (Man hört Trommeln in der Ferne.)
Horch, horch!
Des Dauphins Trommel, eine Warnungsglocke,
Spielt deiner bangen Seele Trau'rmusik,
Und meine läute dir zum grausen Abschied.

(Der Befehlshaber und Gefolge ab von der Mauer.)

Talbot. Er fabelt nicht, ich höre schon den Feind. –
Auf, leichte Reiter! Späht um unsre Flanken. –
O lässige, saumsel'ge Kriegeszucht!
Wie sind wir eingehegt und rings umzäunt,
Ein kleiner Rudel scheues Wild aus England,
Von Kuppeln fränk'scher Hunde angeklafft!
Sind wir denn englisch Wild, so seid voll Muts,
Fallt nicht auf einen Biß, Schmaltieren gleich,
Kehrt wie verzweifelnde tollkühne Hirsche
Gestählte Stirnen auf die blut'gen Hunde,
Daß aus der Fern' die Feigen bellend stehn.
Verkauft sein Leben jeglicher wie ich,
So finden sie ein teures Wild an uns.
Gott und Sankt George! Talbot und Englands Recht
Bring unsern Fahnen Glück in dem Gefecht!

(Alle ab.)


Dritte Scene.

Ebene in Gascogne. (York tritt auf mit Truppen, zu ihm ein Bote.)

York. Sind nicht die hurt'gen Späher wieder da,
Die nachgespürt dem mächt'gen Heer des Dauphin?

Bote. Sie sind zurück, Mylord, und geben an
Er sei gezogen nach Bourdeaux mit Macht,
Zum Kampf mit Talbot; wie er zog entlang,
Entdeckten eure Späher zwei Geschwader,
Noch mächtiger als die der Dauphin führte,
Die nach Bourdeaux, vereint mit ihm, sich wandten.

York. Verflucht sei doch der Schurke Somerset,
Der mein versprochnes Hilfsvolk so verzögert
Von Reiterei, geworben zur Belagrung.
Der große Talbot wartet meiner Hilfe,
Und mich betölpelt ein Verräterbube,
Daß ich nicht beistehn kann dem edlen Ritter.
Gott helf ihm in den Nöten! Geht er unter,
Dann alle Krieg' in Frankreich, fahret wohl!

(Sir William Lucy tritt auf.)

Lucy. Du fürstlich Haupt der englischen Gewalt,
Die nie so nötig war auf Frankreichs Boden,
Hin sporne zu des edlen Talbots Rettung,
Den Eisenbande jetzt umgürtet haben,
Und grimmiges Verderben eingeengt.
Auf, mut'ger Herzog, nach Bourdeaux! Auf, York!
Leb wohl sonst, Talbot, Frankreich, Englands Ehre!

York. O Gott! Wär' Somerset, der, stolzen Herzens,
Mir die Schwadronen hält, an Talbots Stelle!
So würd' ein tapfrer Edelmann gerettet,
Ein Feigling und Verräter dran gewagt.
Daß wir so sterben, zwingt mich Wut zu weinen,
Indes Verräter träg zu schlafen scheinen.

Lucy. O, sendet Hilfe dem bedrängten Lord!

York. Er stirbt, wir fall'n; ich brach mein kriegrisch Wort:
Wir trauern, Frankreich lacht; wir fall'n, sie steigen,
Durch Somersets verrätrisches Bezeigen.

Lucy. Erbarm' sich Gott dann Talbots wackrer Seele
Und seines Sohnes John, den vor zwei Stunden
Ich auf der Reise traf zu seinem Vater!
Die sich in sieben Jahren nicht gesehn,
Sie treffen sich, da ist's um sie geschehn.

York. Ach, was für Lust denkt ihr, daß Talbot habe,
Da er den Sohn willkommen heißt zum Grabe?
Fort! Jammer würgt mich, daß die Todesstund'
Erneuern muß getrennter Freunde Bund.
Lucy, leb wohl! Ich weiß nun keinen Rat,
Als den verfluchen, der den Schaden that.
Maine, Bloys, Poictiers und Tours sind alle hin:
Des Falschen Zögern schaffte den Gewinn. (Ab.)

Lucy. So, weil der Geier der Empörung nagt
Am Busen solcher mächtigen Gebieter,
Beut schlafende Versäumnis dem Verlust
Des kaum erkalteten Erobrers Werk,
Des Manns von ewig lebendem Gedächtnis,
Heinrich des Fünften: weil sie sich zuwider,
Stürzt Leben, Ehre, Land und alles nieder. (Ab.)


Vierte Scene.

Eine andere Gegend in Gascogne. (Somerset mit seinen Truppen tritt auf, mit ihm ein Offizier von Talbots Heer.)

Somerset. Es ist zu spät, ich kann sie nun nicht senden.
Dies Unternehmen legten York und Talbot
Zu vorschnell an; mit unsrer ganzen Macht
Nahm's wohl ein Ausfall aus der Stadt allein
Genugsam auf: der zu vermess'ne Talbot
Hat allen vor'gen Ruhmesglanz befleckt
Durch dies verzweifelt wilde Abenteuer.
York trieb ihn an, im Kampf mit Schmach zu sterben,
Weil er nach Talbots Tod den Ruhm will erben.

Offizier. Hier ist Sir William Lucy, der mit mir
Um Hilfe das bedrängte Heer verlassen.

(Sir William Lucy tritt auf.)

Somerset. Wie steht's, Sir William? Wer hat euch gesandt?

Lucy. Wer? der verratne und verkaufte Talbot,
Der, rings bedrängt vom kühnen Mißgeschick,
Anruft den edlen York und Somerset,
Von seinen schwachen Legionen ihm
Den Tod, der sie bestürmt, zurückzuschlagen.
Und weil der ehrenwerte Feldherr dort
Aus kampferschöpften Gliedern blutig schwitzt,
Und, klug sich haltend, aus nach Rettung sieht,
So steht ihr beide, seine falsche Hoffnung,
Die Zuversicht von Englands Ehre, fern,
Bloß aus unwürd'ger Nebenbuhlerei.
Laßt euren Zwist die schon geworbne Macht
Nicht vorenthalten, die ihm helfen sollte,
Weil der berühmte edle Lord sein Leben
Dahingibt einer Welt von Uebermacht.
Von Orleans der Bastard, Karl, Burgund,
Alençon, Reignier, schließen rings ihn ein,
Und Talbot geht zu Grund durch eure Schuld.

Somerset. York trieb ihn an, York mußt' ihm Hilfe senden.

Lucy. York schreit nicht minder wider Euer Gnaden,
Und schwört, ihr haltet sein geworbnes Heer,
Zu diesem Zug versammelt, ihm zurück.

Somerset. York lügt; er konnte schicken und die Reiter haben.
Ich bin ihm wenig Dienst und Liebe schuldig,
Und acht' es Schimpf, sie kriechend selbst zu senden.

Lucy. Der englische Betrug, nicht Frankreichs Macht
Bestrickt den edelmüt'gen Talbot jetzt.
Er kehrt nach England lebend nie zurück,
Er stirbt: eu'r Zwist verriet ihn bösem Glück.

Somerset. So kommt, ich sende stracks die Reiter ab,
Und in sechs Stunden sind sie ihm zu Dienst.

Lucy. Zu spät! Er ward gefangen oder fiel,
Denn fliehen konnt' er nicht, auch wenn er wollte,
Und, konnt' er's gleich, nie wollte Talbot fliehn.

Somerset. Und ist er tot, fahr wohl denn, wackrer Held!

Lucy. Euch bleibt die Schmach, sein Ruhm lebt in der Welt.

(Alle ab.)


Fünfte Scene.

Das englische Lager bei Bourdeaux. (Talbot uns sein Sohn John treten auf.)

Talbot. O John, mein Sohn! Ich sandte nach dir aus,
Dich in des Krieges Künsten zu belehren,
Daß Talbots Name leben möcht' in dir,
Wenn kraftlos Alter, unbeholfne Glieder,
Im Armstuhl deinen Vater hielten fest.
Doch, – o mißgünst'ge, unglücksschwangre Sterne! –
Zu einem Fest des Todes kommst du nun,
Zu schrecklich unvermeidlicher Gefahr.
Drum, liebes Kind, besteig dein schnellstes Roß,
Ich will dir zeigen, wie du kannst entkommen
Durch rasche Flucht: komm, zaudre nicht, und fort!

John. Heiß' ich denn Talbot? bin ich euer Sohn?
Und soll ich fliehn? O, liebt ihr meine Mutter,
So schmäht nicht ihren ehrenwerten Namen,
Indem ihr mich zum Knecht und Bastard macht.
Von niemand wird für Talbots Blut erkannt,
Der schnöde floh, wo Talbot wacker stand.

Talbot. Flieh, wenn ich falle, meinen Tod zu rächen.

John. Wer so entflieht, hält nimmer sein Versprechen.

Talbot. Wenn beide bleiben, sterben beide hier.

John. So laßt mich bleiben; Vater, fliehet ihr.
An euch hängt viel, so solltet ihr euch schätzen;
Mein Wert ist unbekannt, leicht zu ersetzen.
Mit meinem Tod kann nicht der Franke prahlen,
Nach eurem wird uns keine Hoffnung strahlen.
Euch raubt erworbne Ehre nicht die Flucht,
Die meine wohl, der ich noch nichts versucht.
In eurem Fliehn wird jeder Klugheit sehn;
Weich' ich, so heißt's, es sei aus Furcht geschehn.
Wer hofft wohl, daß ich jemals halte stand,
Wenn ich die erste Stunde fortgerannt?
Hier auf den Knie'n bitt' ich um Sterblichkeit,
Statt Leben, das durch Schande nur gedeiht.

Talbot. Ein Grab soll fassen deiner Mutter Los?

John. Ja, eh' ich schände meiner Mutter Schoß.

Talbot. Bei meinem Segen heiß' ich fort dich ziehn.

John. Zum Fechten will ich's, nicht den Feind zu fliehn.

Talbot. Du schonst vom Vater einen Teil in dir.

John. Kein Teil, der nicht zur Schande würd' in mir.

Talbot. Ruhm war nie dein: du kannst ihn nicht verlieren.

John. Ja, euer Name: soll ihn Flucht mißzieren?

Talbot. Des Vaters Wort macht von dem Fleck dich rein.

John. Erschlagen, könnt ihr nicht mein Zeuge sein;
Fliehn beide wir, wenn Tod so sicher droht.

Talbot. Und lassen hier mein Volk zu Kampf und Tod?
Nie konnte Schmach mein Alter so beflecken.

John. Und meine Jugend soll in Schuld sich stecken?
Ich kann nicht mehr von eurer Seite scheiden,
Als ihr in euch Zerteilung könnt erleiden.
Bleibt, geht, thut was ihr wollt, ich thu es eben;
Denn, wenn mein Vater stirbt, will ich nicht leben.

Talbot. So nehm' ich hier denn Abschied, holder Sohn,
Geboren, diesen Tag zu sterben schon.
Komm! mit einander laß uns stehn und fallen,
Und Seel' mit Seele soll gen Himmel wallen.

(Beide ab.)


Sechste Scene.

Ein Schlachtfeld. (Getümmel. Angriffe, worin Talbots Sohn umzingelt und von Talbot gerettet wird.)

Talbot. Sankt George und Sieg! Kämpft, ihr Soldaten, kämpft!
Es brach dem Talbot der Regent sein Wort,
Uns liefernd an des Frankenschwertes Mord.
Wo ist John Talbot? Ruh' und schöpfe Otem!
Ich gab dir Leben, riß dich von den Toten.

John. Zweimal mein Vater, zweimal ich dein Sohn!
Das erst verliehne Leben war entflohn,
Als, dem Geschick zum Trotz, dein tapfres Schwert
Ein neues Zeitmaß meiner Bahn gewährt.

Talbot. Als du vom Helm des Dauphin Feu'r geschlagen,
Ward deines Vaters Herz emporgetragen
Von stolzer Siegsbegier. Mein träges Blut
Belebte Jugendhitz' und Kämpferwut;
Alençon, Orleans, Burgund schlug ich,
Und rettete von Galliens Stolze dich.
Den grimm'gen Bastard Orleans, der dir
Blut abließ, und die jüngferliche Zier
Gewann von deinen Waffen, traf ich bald,
Und, Streiche wechselnd, ich es ihm vergalt
An seinem Bastardblut; und solche Rede
Gab ich ihm höhnend: »Dies verworfne, schnöde
Und mißerzeugte Blut sei hier vergossen,
Für mein so reines Blut, das erst geflossen,
Das meinem wackern Jungen du geraubt.«
Hier, als ich zu vernichten ihn geglaubt,
Kam Rettung an. Des Vaters Sorge! sprich!
Bist du nicht müde, John? wie fühlst du dich?
Kind, willst du noch dem Treffen nicht entweichen,
Besiegelt nun mit ritterlichen Zeichen?
Flieh, meinen Tod zu rächen, wann ich tot:
Jetzt thut mir eines Hilfe wenig Not.
O allzu thöricht ist es, muß ich sagen,
Uns all' in einen kleinen Kahn zu wagen!
Wenn ich mich heut vor Frankenwut bewahre,
So töten morgen mich die hohen Jahre.
An mir gewinnt der Feind nicht; bleib ich hier,
Das kürzt nur einen Tag mein Leben mir.
In dir stirbt deine Mutter, unser Same,
Die Rache, deine Jugend, Englands Name.
All dies, und mehr, gefährdet dein Verweilen;
Dies rettest du, willst du von hinnen eilen.

John. Das Schwert des Orleans machte nicht mir Schmerz,
Von euren Worten blutet mir das Herz.
Um den Gewinn, erkauft um solch Erröten,
Den Leib zu retten und den Ruhm zu töten,
Eh' Talbots Sohn entflieht von Talbots Seite,
Eh' fall' das feige Roß, auf dem ich reite,
Und wie ein Bauer Frankreichs mög' ich liegen,
Der Schande Ziel, des Mißgeschicks Vergnügen!
Gewiß, bei allem Preis, den ihr gewonnen,
Ich bin nicht Talbots Sohn, wenn ich entronnen.
Drum sagt von Flucht nicht: wozu soll es taugen?
Wenn Talbots Sohn, sterb' ich vor Talbots Augen.

Talbot. So folg' dem Vater, den verzweifelt Streben
Aus Kreta trieb, mein Icarus, mein Leben!
Wenn du willst fechten, ficht an Vaters Seite
Und dich mit mir zu stolzem Tod bereite.

(Beide ab.)


Siebente Scene.

Ein anderer Teil des Schlachtfeldes. (Getümmel, Angriffe. Talbot wird, verwundet, von einem Diener geführt.)

Talbot. Wo ist mein andres Leben? Meines floh. –
O, wo ist John, mein tapfrer Talbot, wo?
Dich, Tod, stolzirend mit Gefangenschaft,
Mußt' ich belächeln bei des Sohnes Kraft.
Als er mich sah, wie knieend ich erlegen,
Schwang über mir er seinen blut'gen Degen,
Und, wie ein Löw' im Hunger, hub er an,
Was wilde Wut und Ingrimm je gethan.
Doch als allein mein zorn'ger Wächter stand,
Und niemand nahte, der ihn angerannt,
Riß hoher Grimm und augenroll'nde Wut
Von meiner Seit' ihn plötzlich in die Flut
Gedrängter Franken, wo er sich versenkte,
Wo in dem See von Blut mein Sohn ertränkte
Den allzukühn gepflognen Geist, und starb,
Mein Icarus, so blühend rosenfarb.

(Soldaten kommen mit der Leiche John Talbots.)

Diener. O bester Herr, da bringt man euren Sohn!

Talbot. Du Schalksnarr, Tod, belachst uns hier zum Hohn;
Doch bald, vereint in ew'gen Banden, frei
Von deiner übermüt'gen Tyrannei,
Entschwingen sich durch Himmelsräume weit
Zwei Talbots, dir zum Trotz, der Sterblichkeit. –
O du, dess' Wunden lieblich stehn bei Toten,
Sprich mit dem Vater vor dem letzten Otem!
Beut sprechend Trotz dem Tod, wie er's auch meint,
Acht' ihn als einen Franken, deinen Feind.
Der arme Knab' scheint lächelnd noch zu sagen:
Wär Tod ein Frank', ich hätt' ihn heut erschlagen.
Kommt, kommt, und legt ihn in des Vaters Arm,
Mein Geist erträgt nicht länger diesen Harm.
Lebt, Krieger, wohl! Ich habe meine Habe:
Mein alter Arm wird zu John Talbots Grabe.

(Stirbt.)

(Getümmel. Die Soldaten ab, indem sie die beiden Leichen zurücklassen. Hierauf kommen Karl, Alençon, der Bastard, die Pucelle und Truppen.)

Karl. Wär' York und Somerset zu Hilf' geeilt,
Dies wär' ein blut'ger Tag für uns geworden.

Bastard. Wie Talbots junger Leu in wilder Wut
Sein winzig Schwert getränkt mit Frankenblut!

Pucelle. Ich hab' ihn einst getroffen und gesagt:
»Du Jüngling, sei besiegt von einer Magd!«
Allein mit stolzem majestät'schem Hohn
Erwidert' er: »Des großen Talbots Sohn
Soll nicht die Beute frecher Dirnen sein.«
Und, stürzend in der Franken dichte Reihn,
Verließ er mich, als keines Kampfes wert.

Burgund. Er hätt' als Ritter sich gewiß bewährt:
Seht, wie er daliegt, eingesargt im Arm
Des blut'gen Pflegers von all seinem Harm.

Bastard. Haut sie in Stücken, reißt entzwei dies Paar,
Das Englands Stolz und Galliens Wunder war.

Karl. Nein, haltet ein! Was lebend Flucht gebot,
Das laßt uns nun nicht schänden, da es tot.

(Sir William Lucy tritt auf mit Gefolge, ein französischer Herold geht vor ihm her.)

Lucy. Herold,
Führ mich zum Zelt des Dauphin, um zu wissen,
Wer dieses Tages Preis davon getragen.

Karl. Mit welcher unterwürf'gen Botschaft kommst du?

Lucy. Was? Unterwerfung ist ein fränkisch Wort,
Die englischen Soldaten kennen's nicht.
Ich will nur wissen, wen du nahmst gefangen,
Und dann die Zahl der Toten überschaun.

Karl. Gefangne willst du? Sie bewahrt die Hölle.
Doch sag mir, wen du suchst?

Lucy. Wo ist des Feldes mächtiger Alcides,
Der tapfre Talbot, Graf von Shrewsbury?
Ernannt für seine seltnen Waffenthaten
Zum Graf von Wexford, Waterford und Valence,
Lord Talbot von Goodrig und Urchinfield,
Lord Strange von Blackmere, Lord Verdün von Alton,
Lord Cromwell von Wingfield, Lord Furnival von Sheffield,
Der höchst sieghafte Lord von Faulconbridge,
Ritter vom edlen Orden Sankt Georgs,
Des goldnen Vließes und Sankt Michaels wert;
Heinrich des Sechsten Oberfeldhauptmann
Für alle seine Krieg' im Frankenreich?

Pucelle. Das ist ein albern prächt'ger Stil, fürwahr.
Der Türk, der zweiundfünfzig Reiche hat,
Schreibt keinen so verdrießlich langen Stil.
Er, den du ausstaffirst mit all den Titeln,
Liegt stinkend und verwesend dir zu Füßen.

Lucy. Ist Talbot tot, der Franken einz'ge Geißel,
Schreck eures Lands und schwarze Nemesis?
O würden meine Augen Büchsenkugeln,
Daß ich sie wütend euch ins Antlitz schösse!
O könnt' ich nur erwecken diese Toten,
Es wär' genug, der Franken Reich zu schrecken;
Blieb unter euch sein Bildnis übrig nur,
Den Stolzesten von euch würd' es verwirren.
Gebt mir die Leichen, daß ich weg sie trage,
Und sie bestatte, wie ihr Wert es heischt.

Pucelle. Der aufgeschoss'ne Fremdling, denk' ich, ist
Des alten Talbots Geist; wie spräch' er sonst
Mit so gebieterischem, stolzem Sinn?
Um Gottes Willen, gebt sie! Hier behalten,
Vergiften sie die Luft nur mit Gestank.

Karl. Geht, bringt die Leichen fort.

Lucy.                                                   Fort trag' ich sie;
Allein aus ihrer Asche wird erweckt
Ein Phönix, welcher einst ganz Frankreich schreckt.

Karl. Sind wir nun ihrer los, macht, was ihr wollt, damit.
Nun nach Paris, von Siegeslust getragen;
Nichts widersteht, da Talbot ist erschlagen.

(Alle ab.)

 


 

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