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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der Sechste

William Shakespeare: König Heinrich der Sechste - Kapitel 17
Quellenangabe
typetragedy
booktitleW. Shakespeare's Dramatische Werke
authorWilliam Shakespeare
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleKönig Heinrich der Sechste
pages82
created20130410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erste Scene.

Ein Jagdrevier im Norden von England. (Zwei Förster treten auf mit Armbrusten in der Hand.)

Erster Förster. Hier im verwachsnen Buschwerk laß uns lauren,
Denn über diesen Plan kommt gleich das Wild;
Wir nehmen hier im Dickicht unsern Stand,
Und lesen uns die besten Stücke aus.

Zweiter Förster. Ich will dort oben auf die Anhöh' treten,
Daß jeder von uns beiden schießen kann.

Erster Förster. Das darf nicht sein: der Lärm von deiner Armbrust
Verscheucht das Rudel, und mein Schuß ist hin.
Hier laß uns beide stehn und bestens zielen,
Und, daß die Zeit uns nicht so lange währt,
Erzähl' ich, was mir eines Tags begegnet,
An eben diesem Platz, wo jetzt wir stehn.

Zweiter Förster. Da kömmt ein Mann, laß den vorüber erst.

(König Heinrich kommt, als Priester verkleidet, mit einem Gebetbuche.)

König Heinrich. Von Schottland stahl ich weg mich, bloß aus Liebe,
Mit sehnsuchtsvollem Blick mein Land zu grüßen.
Nein, Heinrich, Heinrich! dies ist nicht dein Land,
Dein Platz besetzt, dein Scepter dir entrungen,
Das Oel, das dich gesalbt hat, weggewaschen.
Kein biegsam Knie wird jetzt dich Cäsar nennen.
Kein Bitter drängt sich, für sein Recht zu sprechen.
Nein, niemand geht um Herstellung mich an:
Wie sollt ich andern helfen und nicht mir?

Erster Förster. Das ist ein Wild, dess' Haut den Förster lohnt;
Der weiland König ist's: laßt uns ihn greifen.

König Heinrich. Der herben Trübsal will ich mich ergeben,
Denn Weise sagen, weise sei's gethan.

Zweiter Förster. Was zögern wir? Laß Hand uns an ihn legen.

Erster Förster. Halt noch ein Weilchen, hören wir noch mehr.

König Heinrich. Nach Frankreich ging mein Weib und Sohn um Hilfe,
Auch hör ich, der gewalt'ge große Warwick
Sei hin, um des französischen Königs Tochter
Für Eduard zur Gemahlin zu begehren.
Ist dies gegründet, arme Königin
Und Sohn! so ist verloren eure Müh.
Denn Warwick ist ein feiner Redner, Ludwig
Ein Fürst, den leicht beredte Worte rühren.
Margreta kann ihn rühren, demzufolge,
Sie ist ein so beklagenswertes Weib:
Sie wird mit Seufzern seine Brust bestürmen,
Mit Thränen dringen in ein marmorn Herz.
Der Tiger selbst wird milde, wenn sie trauert,
Und Nero reuig, wenn er ihre Klagen
Und ihre salzen Thränen hört und sieht.
Ja, doch sie kam zu fleh'n; Warwick zu geben:
Zur Linken sie, begehrt für Heinrich Hilfe,
Zur Rechten er, wirbt um ein Weib für Eduard.
Sie weint und sagt, ihr Heinrich sei entsetzt;
Er lächelt, sagt, sein Eduard sei bestallt;
Daß nichts vor Gram die Arme mehr kann sagen,
Weil Warwick seinen Anspruch zeigt, das Unrecht
Beschönigt, Gründe bringt von großer Kraft,
Und schließlich ab von ihr den König lenkt,
Daß er die Schwester ihm verspricht, und alles,
Was König Eduards Platz befest'gen kann.
O Margareta! so wird's sein: du Arme
Bist dann verlassen, wie du hilflos gingst.

Zweiter Förster. Sag, wer du bist, der du von Kön'gen da
Und Königinnen sprichst?

König Heinrich.                     Mehr als ich scheine,
Und wen'ger als ich war durch die Geburt;
Ein Mensch, denn wen'ger kann ich doch nicht sein,
Und Menschen können ja von Kön'gen reden:
Warum nicht ich?

Zweiter Förster. Ja, doch du sprichst, als ob du König wärst.

König Heinrich. Ich bin's auch, im Gemüt; das ist genug.

Zweiter Förster. Bist du ein König, wo ist deine Krone?

König Heinrich. Im Herzen trag' ich sie, nicht auf dem Haupt,
Nicht mit Demanten prangend und Gestein,
Noch auch zu sehn: sie heißt Zufriedenheit,
Und selten freun sich Kön'ge dieser Krone.

Zweiter Förster. Gut, seid ihr König der Zufriedenheit,
Muß eure Kron' Zufriedenheit und ihr
Zufrieden sein mit uns zu gehn; wir denken,
Ihr seid's, den König Eduard abgesetzt,
Und wir als Unterthanen, die ihm Treue
Geschworen, greifen euch als seinen Feind.

König Heinrich. Doch schwor't ihr nie, und brachet euren Eid.

Zweiter Förster. Nie solchen Eid, und wollen's jetzt auch nicht.

König Heinrich. Wo war't ihr, als ich König war von England?

Zweiter Förster. Hier in der Gegend, wo wir jetzo wohnen.

König Heinrich. Neun Monden alt war ich gesalbter König,
Mein Vater, mein Großvater waren Kön'ge;
Ihr habt mir Unterthanenpflicht geschworen:
So sagt denn, bracht ihr eure Eide nicht?

Erster Förster. Nein, denn wir waren Unterthanen nur,
So lang ihr König ward.

König Heinrich. Nun, bin ich tot? atm' ich nicht wie ein Mensch?
Ach, thöricht Volk! ihr wißt nicht, was ihr schwört.
Seht, wie ich diese Feder von mir blase,
Und wie die Luft zu mir zurück sie bläst,
Die, wenn ich blase, meinem Hauch gehorcht,
Und einem andern nachgibt, wenn er bläst,
Vom stärkern Windstoß immerfort regiert:
So leichten Sinns seid ihr geringen Leute.
Doch brecht die Eide nicht; mit dieser Sünde
Soll meine milde Bitt euch nicht beladen.
Führt wie ihr wollt: der König folgt Befehlen;
Seid Kön'ge ihr, befehlt, ich will gehorchen.

Erster Förster. Wir sind des Königs treue Unterthanen,
Des Königs Eduard.

König Heinrich. Ihr würdet's auch von Heinrich wieder sein,
Wenn er an König Eduards Stelle säße.

Erster Förster. In Gottes und des Königs Namen mahnen
Wir euch, zu den Beamten mitzugehn.

König Heinrich. So führt mich denn in Gottes Namen hin:
Dem Namen eures Königs sei gehorcht.
Und, was Gott will, mag euer König thun;
Und, was er will, dem füg ich mich in Demut.

(Alle ab.)


Zweite Scene.

London. Ein Zimmer im Palast. (König Eduard, Gloster, Clarence und Lady Grey treten auf.)

König Eduard. Bruder von Gloster, auf Sankt Albans Feld
Fiel dieser Frauen Gatte, Sir John Grey,
Und seine Güter fielen an den Sieger.
Sie sucht nun an um Wiedereinsetzung,
Was wir ihr billig nicht verweigern können,
Weil in dem Streite für das Haus von York
Der würd'ge Mann sein Leben eingebüßt.

Gloster. Eu'r Hoheit thäte wohl, es zu gewähren;
Es wäre schimpflich, ihr es abzuschlagen.

König Eduard. Das wär' es auch, doch schieb' ich es noch auf.

Gloster (beiseite zu Clarence). Ei, steht es so?
Die Dame, seh ich, hat was zu gewähren,
Bevor der König ihr Gesuch gewährt.

Clarence (beiseite). Er kennt die Jagd: wie bleibt er bei der Fährte.

Gloster (beiseite). Still!

König Eduard. Witwe! wir wollen eu'r Gesuch erwägen,
Und kommt ein andermal um den Bescheid.

Lady Grey. Ich kann Verzug nicht dulden gnäd'ger Fürst;
Belieb' Eu'r Hoheit, jetzt mich zu bescheiden,
Und was euch nur gefällt, soll mir genügen.

Gloster (beiseite). So, Witwe? Dann verbürg' ich euch die Güter,
Wenn das, was ihm gefällt, euch Freude macht.
Gebt besser acht, sonst wird euch eins versetzt.

Clarence (beiseite). Ich sorge nicht, wenn sie nicht etwa fällt.

Gloster (beiseite). Verhüt' es Gott! Er nähm' den Vorteil wahr.

König Eduard. Wie viele Kinder hast du, Witwe? Sag mir.

Clarence (beiseite). Ich glaub', er denkt sie um ein Kind zu bitten.

Gloster (beiseite). Dann nennt mich Schelm; er gibt ihr lieber zwei.

Lady Grey. Drei, mein sehr gnäd'ger Fürst.

Gloster (beiseite). Er schafft euch vier, wenn ihr ihm folgen wollt.

König Eduard. Hart wär's, wenn sie des Vaters Land verlören.

Lady Grey. Habt Mitleid, hoher Herr, gewährt es ihnen.

König Eduard. Laßt uns, ihr Lords; ich will den Witz der Witwe prüfen.

Gloster. Wir lassen euch, ihr bleibt euch überlassen,
Bis Jugend euch der Krücke überläßt.

(Gloster und Clarence treten auf die andere Seite zurück.)

König Eduard. Sagt, liebt ihr eure Kinder, edle Frau?

Lady Grey. Ja, so von Herzen, wie ich selbst mich liebe.

König Eduard. Und wolltet ihr nicht viel thun für ihr Wohl.

Lady Grey. Ich wollte für ihr Wohl ein Uebel dulden.

König Eduard. Erwerbt euch denn die Güter für ihr Wohl.

Lady Grey. Deswegen kam ich zu Eu'r Majestät.

König Eduard. Ich sag' euch, wie sie zu erwerben sind.

Lady Grey. Das wird mich Eurer Hoheit Dienst verpflichten.

König Eduard. Was thust du mir zum Dienst, wenn ich sie gebe?

Lady Grey. Was ihr befehlt, das bei mir steht zu thun.

König Eduard. Ihr werdet euch an meinem Antrag stoßen.

Lady Grey. Nein, gnäd'ger Herr, ich müßte denn nicht können.

König Eduard. Du kannst das aber, was ich bitten will.

Lady Grey. So will ich thun, was Eure Hoheit fordert.

Gloster (beiseite). Er drängt sie scharf; viel Regen höhlt den Marmor.

Clarence (beiseite). So rot wie Feu'r! Da muß ihr Wachs wohl schmelzen.

Lady Grey. Was stockt mein Fürst? Soll ich den Dienst nicht wissen?

König Eduard. Ein leichter Dienst: nur einen König lieben.

Lady Grey. Das kann ich leicht als Unterthanin thun.

König Eduard. Dann geb' ich gleich dir deines Gatten Güter.

Lady Grey. Und ich empfehle mich mit tausend Dank.

Gloster (beiseite). 's ist richtig; sie besiegelt's mit dem Knicks.

König Eduard. Verziehe noch: der Liebe Früchte mein' ich.

Lady Grey. Der Liebe Früchte mein' ich, bester Fürst.

König Eduard. Ja, doch ich fürcht', in einem andern Sinn.
Um welche Liebe, glaubst du, werb' ich so?

Lady Grey. Lieb' in den Tod, Dank und Gebet für euch;
Wie Tugend Liebe bittet und gewährt.

König Eduard. Nein, solche Liebe mein' ich nicht, mein Treu.

Lady Grey. Nun wohl, dann meint ihr nicht so wie ich dachte.

König Eduard. Nun aber merkt ihr meinen Sinn zum Teil.

Lady Grey. Mein Sinn gibt nimmer zu, was, wie ich merke,
Eu'r Hoheit denket, denk' ich anders recht.

König Eduard. Bei dir zu liegen denk' ich, grad' heraus.

Lady Grey. Und grad' heraus, ich läg' im Kerker lieber.

König Eduard. Nun, so bekömmst du nicht des Mannes Güter.

Lady Grey. So sei die Ehrbarkeit mein Leibgedinge;
Um den Verlust will ich sie nicht erkaufen.

König Eduard. Du thust damit den Kindern sehr zu nah.

Lady Grey. Eu'r Hoheit thut hiemit es mir und ihnen.
Doch diese muntre Neigung, hoher Herr,
Stimmt nicht zu meinem Ernst bei dem Gesuch.
Entlaßt mit Ja mich gütigst oder Nein.

König Eduard. Ja, wenn du Ja auf meinen Wunsch willst sagen;
Nein, wenn du Nein auf mein Begehren sagst.

Lady Grey. Dann nein, mein Fürst, und mein Gesuch ist aus.

Gloster (beiseite). Die Witwe mag ihn nicht, sie runzelt ihre Stirn.

Clarence (beiseite). Kein Mensch in Christenlanden wirbt wohl plumper.

König Eduard. Nach ihren Blicken ist sie voller Sittsamkeit,
Ihr Witz nach ihren Worten unvergleichlich;
All ihre Gaben fordern Herrscherrang,
So oder so ist sie für einen König:
Sie wird mein Liebchen oder mein Gemahl. –
Setz, König Eduard nähm' dich zum Gemahl?

Lady Grey. Das läßt sich besser sagen, Herr, als thun:
Ich Unterthanin tauge wohl zum Scherz,
Doch taug' ich längst nicht, Herrscherin zu sein.

König Eduard. Bei meinem Thron schwör' ich dir, holde Witwe,
Ich sage nur, was meine Seele wünscht:
Das ist, dich als Geliebte zu besitzen.

Lady Grey. Und das ist mehr, als ich will zugestehn.
Ich weiß, ich bin zu niedrig, eu'r Gemahl,
Und doch zu gut, eu'r Kebsweib nur zu sein.

König Eduard. Stecht Silben nicht: ich meinte als Gemahl.

Lady Grey. Wenn meine Söhne nun euch Vater nennen,
Das wird Eu'r Hoheit kränken.

König Eduard.                               Nein, nicht mehr
Als wenn dich meine Töchter Mutter nennen.
Du bist 'ne Witwe, und hast mehre Kinder;
Ich, bei der Mutter Gottes! der ich noch
Ein Junggeselle bin, hab' ihrer auch:
Wie schön, der Vater vieler Kinder sein!
Erwidre nichts, du wirst nun mein Gemahl.

Gloster (beiseite). Der Geistliche hat seine Beicht vollbracht.

Clarence (beiseite). Zum Beicht'ger hat ihn leibliches gemacht.

König Eduard. Euch wundert's, Brüder, was wir zwei geflüstert?

Gloster. Der Witwe steht's nicht an, sie sieht verdüstert.

König Eduard. Ihr fändet's fremd, wenn ich zur Frau sie wählte?

Clarence. Für wen, mein Fürst?

König Eduard.                             Ei, Clarence, für mich selbst.

Gloster. Das wär' zum Wundern auf zehn Tage mindstens.

Clarence. Das ist ein Tag mehr, als ein Wunder währt.

Gloster. So endlos würde dieses Wundern sein.

König Eduard. Gut, Brüder, spaßt nur fort: ich kann euch sagen
Gewährt ist das Gesuch ihr um die Güter.

(Ein Edelmann tritt auf.)

Edelmann. Mein Fürst, eu'r Gegner Heinrich ward ergriffen,
Gefangen bringt man ihn vor euer Schloß.

König Eduard. So sorgt, daß man ihn schaffe nach dem Turm; –
Und sehn wir, Brüder, den, der ihn ergriff,
Ihn über die Verhaftung zu befragen.
Ihr, Witwe, geht mit uns. – Lords, haltet sie in Ehren.

(König Eduard, Lady Grey, Clarence und der Edelmann ab.)

Gloster. Ja, Eduard hält die Weiber wohl in Ehren.
Wär' er doch aufgezehrt, Mark, Bein und alles,
Damit kein blühnder Sproß aus seinen Lenden
Die Hoffnung kreuze meiner goldnen Zeit!
Doch zwischen meiner Seele Wunsch und mir,
Ist erst des üpp'gen Eduards Recht begraben,
Steht Clarence, Heinrich und sein Sohn, Prinz Eduard,
Samt ihrer Leiber ungehofften Erben,
Um einzutreten, eh' ich Platz gewinne:
Ein schlimmer Vorbedacht für meinen Zweck!
So träum' ich also nur von Oberherrschaft,
Wie wer auf einem Vorgebirge steht,
Und späht ein fernes gern erreichtes Ufer,
Und wünscht, sein Fuß käm' seinem Auge gleich;
Er schilt die See. die ihn von dorten trennt,
Ausschöpfen will er sie, den Weg zu bahnen:
So wünsch' ich auch die Krone, so weit ab,
Und schelte so, was mich von ihr entfernt,
Und sag', ich will die Hindernisse tilgen,
Mir selber schmeichelnd mit Unmöglichkeiten.
Mein Auge blickt, mein Herz wähnt allzukühn,
Kann Hand und Kraft nicht ihnen gleich es thun.
Gut! setzt, es gibt kein Königreich für Richard:
Was kann die Welt für Freude sonst verleihn?
Ich such' in einer Schönen Schoß den Himmel,
Mit munterm Anputz schmück' ich meinen Leib,
Bezaubre holde Frau'n mit Wort und Blick.
O kläglicher Gedank', und minder glaublich,
Als tausend goldne Kronen zu erlangen!
Schwor Liebe mich doch ab im Mutterschoß,
Und, daß ihr sanft Gesetz für mich nicht gälte,
Bestach sie die gebrechliche Natur
Mit irgend einer Gabe, meinen Arm
Wie einen dürren Strauch mir zu verschrumpfen,
Dem Rücken einen neid'schen Berg zu türmen,
Wo Häßlichkeit, den Körper höhnend, sitzt,
Die Beine von ungleichem Maß zu formen,
An jedem Teil mich ungestalt zu schaffen,
Gleich wie ein Chaos oder Bärenjunges,
Das, ungeleckt, der Mutter Spur nicht trägt.
Und bin ich also wohl ein Mann zum Lieben?
O schnöder Wahn, nur den Gedanken hegen!
Weil denn die Erde keine Luft mir beut,
Als herrschen, meistern, andre unterjochen,
Die besser von Gestalt sind, wie ich selbst,
So sei's mein Himmel, von der Krone träumen,
Und diese Welt für Hölle nur zu achten,
Bis aus dem mißgeschaffnen Rumpf mein Kopf
Umzirkelt ist mit einer reichen Krone.
Doch weiß ich nicht, wie ich die Kron' erlange,
Denn manches Leben trennt mich von der Heimat;
Und ich, wie ein im dorn'gen Wald Verirrter,
Die Dornen reißend und davon gerissen,
Der einen Weg sucht und vom Wege schweift,
Und weiß nicht, wie zur freien Luft zu kommen,
Allein verzweifelt ringt, hindurchzudringen, –
So martr' ich mich, die Krone zu erhaschen,
Und will von dieser Marter mich befrein,
Wo nicht, den Weg mit blut'ger Axt mir haun.
Kann ich doch lächeln, und im Lächeln morden,
Und rufen: schön! zu dem, was tief mich kränkt,
Die Wangen netzen mit erzwungnen Thränen,
Und mein Gesicht zu jedem Anlaß passen.
Ich will mehr Schiffer als die Nix' ersäufen,
Mehr Gaffer töten als der Basilisk;
Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,
Verschmitzter täuschen als Ulyß gekonnt,
Und, Sinon gleich, ein zweites Troja nehmen;
Ich leihe Farben dem Chamäleon,
Verwandle mehr als Proteus mich, und nehme
Den mördrischen Machiavell in Lehr.
Und kann ich das, und keine Kron' erschwingen?
Ha! noch so weit, will ich herab sie zwingen. (Ab.)


Dritte Scene.

Frankreich. Ein Zimmer im Palast. (Pauken und Trompeten. König Ludwig und Bona treten auf mit Gefolge. Der König setzt sich auf den Thron. Hierauf Königin Margareta, Prinz Eduard und der Graf von Oxford.)

König Ludwig (aufstehend).
Setzt, schöne Königin von England, euch
Hier, würd'ge Margareta, zu uns her:
Es ziemt nicht eurem Range noch Geburt,
Daß ihr so steht, indessen Ludwig sitzt.

Margareta. Nein, großer König Frankreichs! Margareta
Muß nun ihr Segel streichen, und für jetzt,
Wo Könige gebieten, dienen lernen.
Ich war vom großen Albion Königin,
Gesteh' ich, in vergangnen goldnen Tagen.
Doch Mißgeschick trat meine Rechte nieder,
Und streckte schimpflich auf den Boden mich,
Wo ich mich gleich muß setzen meinem Glück,
Und meinem niedern Sitze mich bequemen.

König Ludwig. Wie so verzweifelt, schöne Königin?

Margareta. Um das, was mir die Augen füllt mit Thränen,
Die Zunge hemmt, das Herz in Gram ertränkt.

König Ludwig. Was es auch sei, sei du dir immer gleich,
Und setz dich neben uns; beug nicht den Nacken
Dem Joch des Glücks, dein unverzagter Mut
Muß über jeden Unfall triumphiren.
Sei offen, Königin, und sag dein Leid:
Wenn Frankreich helfen kann, so soll's geschehn.

Margareta. Dein gnädig Wort hebt den gesunknen Geist,
Und läßt den stummen Gram zur Sprache kommen.
Zu wissen sei daher dem edlen Ludwig,
Daß Heinrich, meines Herzens ein'ger Herr,
Aus einem König ein Verbannter ward,
Und muß als Flüchtling jetzt in Schottland leben,
Indes der stolze Eduard, Herzog York,
Sich angemaßt des Titels und des Throns
Von Englands echtgesalbtem, wahrem König.
Dies ist's, warum ich arme Margareta,
Mit meinem Sohn, Prinz Eduard, Heinrichs Erben,
Dich um gerechten Beistand flehend komme.
Wenn du uns fehlst, ist unsre Hoffnung hin.
Schottland hat Willen, doch nicht Macht zu helfen;
Mißleitet ist so unser Volk wie Pairs,
Der Schatz genommen, auf der Flucht das Heer,
Und wie du siehst, wir selbst in Aengsten schwer.

König Ludwig. Berühmte Fürstin, sänft'ge mit Geduld
Den Sturm, indes wir sinnen ihn zu dämpfen.

Margareta. Je mehr wir zögern, wird der Feind verstärkt.

König Ludwig. Je mehr ich zögre, leist' ich Beistand dir.

Margareta. Ach, Ungeduld begleitet wahre Leiden,
Und seht, da kommt der Stifter meiner Leiden.

(Warwick tritt auf mit Gefolge.)

König Ludwig. Wer ist's, der kühn in unsre Nähe tritt?

Margareta. Der Graf von Warwick, Eduards größter Freund.

König Ludwig. Willkommen, tapfrer Warwick! Sag, was führt dich her?

(Er steigt vom Thron. Margareta steht auf.)

Margareta. Ja, nun beginnt ein zweiter Sturm zu toben,
Denn dieser ist's, der Wind und Flut bewegt.

Warwick. Der würd'ge Eduard, König Albions,
Mein Herr und Fürst, und dein geschworner Freund,
Hat mich gesandt aus ungeschminkter Liebe,
Erst, deine fürstliche Person zu grüßen,
Dann einen Bund der Freundschaft zu begehren,
Und endlich, diese Freundschaft zu befest'gen
Durch ein Vermählungsband, wenn du geruhst
Die tugendsame Schwester, Fräulein Bona,
Zur Eh' dem König Englands zu gewähren.

Margareta. Wenn das geschieht, ist Heinrichs Hoffnung hin.

Warwick (zur Bona). Und, gnäd'ges Fräulein, von des Königs wegen
Bin ich befehligt, mit Vergünstigung
In aller Demut eure Hand zu küssen,
Und meines Fürsten Herz zu offenbaren,
Wo jüngst der Ruf, ins wache Ohr ihm dringend,
Aufstellte deiner Schönheit Bild und Tugend.

Margareta. Vernehmt mich, König Ludwig, Fräulein Bona,
Eh' ihr zur Antwort schreitet. Warwicks Bitte
Kommt nicht von Eduards wohlgemeinter Liebe,
Sie kommt vom Truge her, aus Not erzeugt.
Kann ein Tyrann zu Hause sicher herrschen,
Wenn er nicht auswärts mächtig sich verbündet?
Er sei Tyrann, beweist genugsam dies,
Daß Heinrich ja noch lebt; und wär' er tot,
Hier steht Prinz Eduard, König Heinrichs Sohn.
Drum, Ludwig, sieh, daß dieses Heiratsbündnis
Dich nicht in Schaden bring' und in Gefahr!
Denn, wenn der Usurpator auch ein Weilchen
Das Scepter führt, der Himmel ist gerecht,
Und von der Zeit wird Unrecht unterdrückt.

Warwick. Schmähsücht'ge Margareta!

Prinz. Warum nicht Königin?

Warwick. Dein Vater Heinrich war ein Usurpator,
Du bist nicht Prinz, wie sie nicht Königin.

Oxford. Den großen Gaunt vernichtet Warwick denn,
Der Spaniens größten Teil bezwungen hat;
Und nach Johann von Gaunt, Heinrich den Vierten,
An dessen Weisheit Weise sich gespiegelt;
Und nach dem weisen Herrn, Heinrich dem Fünften,
Dess' Heldenkraft ganz Frankreich hat erobert:
Von dieser Reih stammt unser Heinrich ab.

Warwick. Oxford, wie kommt's bei dieser glatten Rede,
Daß ihr nicht sagtet, wie der sechste Heinrich
All das verloren, was der fünfte schaffte?
Mich dünkt, das müßten diese Pairs belächeln.
Doch ferner zählt ihr einen Stammbaum auf
Von zweiundsechzig Jahren: eine dürft'ge Zeit
Für die Verjährung eines Königreichs.

Oxford. So, Warwick, sprichst du wider deinen Fürsten,
Dem du gehorcht hast sechsunddreißig Jahr,
Und kein Erröten zeiht dich des Verrats?

Warwick. Kann Oxford, der von je das Recht geschirmt,
Mit einem Stammbaum Falschheit nun bemänteln?
Pfui, laß von Heinrich, und nenn' Eduard König.

Oxford. Ihn König nennen, dessen harter Spruch
Den ältern Bruder mir, Lord Aubrey Vere,
Zum Tod geführt? Ja mehr noch, meinen Vater,
Recht in dem Abfall seiner mürben Jahre,
Als an des Todes Thor Natur ihn brachte?
Nein, Warwick, nein! So lang mein Arm sich hält,
Hält er das Haus von Lancaster empor.

Warwick. Und ich das Haus von York.

König Ludwig. Geruhet, Königin, Prinz Eduard, Oxford,
Auf unsre Bitte doch beiseit zu treten,
Weil ich mit Warwick ferner mich bespreche.

Margareta. Daß Warwicks Worte nur ihn nicht bezaubern!

(Sie tritt mit dem Prinzen und Oxford zurück.)

König Ludwig. Nun, Warwick, sag mir, recht auf dein Gewissen,
Ob Eduard euer wahrer König ist?
Denn ungern möcht ich mich mit dem verknüpfen,
Der nicht gemäß dem Rechte wär erwählt.

Warwick. Darauf verpfänd ich Ehr und Glauben dir.

König Ludwig. Dann ferner, alle Falschheit abgethan,
Sag mir in Wahrheit seiner Liebe Maß
Zu unsrer Schwester Bona.

Warwick.                                     Sie erscheint
Ganz würdig eines Fürsten, so wie er.
Oft hört ich selbst ihn sagen und beschwören:
Ein ew'ger Baum sei diese seine Liebe,
Der in der Tugend Boden festgewurzelt,
Dem Laub und Frucht der Schönheit Sonne treibt;
Von Tücke frei, nicht von verschmähter Wahl,
Bis Fräulein Bona löset seine Qual.

König Ludwig. Nun, Schwester, sagt uns euren festen Schluß.

Bona. Eu'r Jawort, euer Weigern, sei auch meins.
(Zu Warwick.) Jedoch bekenn ich, daß schon oft vor heute,
Wenn man von eures Königs Wert berichtet,
Mein Ohr das Urteil zum Verlangen lockte.

König Ludwig. So hör denn, Warwick: meine Schwester wird
Gemahlin Eduards, und entwerfen soll
Man Punkte nun sogleich, das Leibgedinge
Betreffend, das eu'r König machen muß,
Um ihren Brautschatz damit aufzuwägen.
Kommt, Königin Margreta, seid hier Zeugin,
Daß Bona sich verlobt mit Englands König.

Prinz. Mit Eduard, aber nicht mit Englands König.

Margareta. Betrügerischer Warwick! deine List
War's, mein Gesuch durch diesen Bund zu hindern.
Bevor du kamst, war Ludwig Heinrichs Freund.

König Ludwig. Und ist noch sein und Margaretens Freund.
Doch ist eu'r Anspruch an die Krone schwach,
Wie es nach Eduards gutem Fortgang scheint,
Dann ist's nur billig, daß ich freigesprochen
Von Beistand werde, den ich jüngst verhieß.
Ihr sollt von mir noch alle Güt' erfahren,
Die euer Los verlangt und meins gewährt.

Warwick. Heinrich lebt jetzt in Schottland, ganz nach Wunsch,
Und da er nichts hat, kann er nichts verlieren.
Ihr selber, unsre weiland Königin,
Habt einen Vater, euch zu unterhalten,
Und solltet dem statt Frankreich lästig fallen.

Margareta. Still, frecher unverschämter Warwick! still!
Der Kön'ge stolzer Schöpfer und Vernichter!
Ich will nicht fort, bis meine Wort und Thränen
Voll Wahrheit, König Ludwig deine Tücke
Und deines Herren falsche Lieb' entdeckt:
Denn ihr seid Wesen von demselben Schlag.

(Man hört draußen ein Posthorn.)

König Ludwig. Warwick, an dich kommt Botschaft, oder uns.

(Ein Bote tritt auf.)

Bote. Mein Herr Gesandter, dieser Brief hier ist an euch,
Von eurem Bruder, Markgraf Montague;
Vom König dieser an Eu'r Majestät; (Zu Margareten.)
Der, gnäd'ge Frau, an euch: von wem, das weiß ich nicht.

(Alle lesen ihre Briefe.)

Oxford. Mir steht es an, daß unsre holde Herrin
Mit Lächeln liest, da Warwick finster sieht.

Prinz. Seht nur, wie Ludwig stampft vor Ungeduld:
Ich hoff, es geht noch gut.

König Ludwig. Nun, Warwick, wie ist deine Neuigkeit?
Und wie die eure, schöne Königin?

Margareta. Die mein' erfüllt mich unverhofft mit Freude.

Warwick. Die meine bringt mir Leid und Mißvergnügen.

König Ludwig. Was? Nahm eu'r König Lady Grey zur Eh',
Und eur' und seine Falschheit zu beschönen,
Rät er Geduld mir an durch diesen Zettel?
Ist das der Bund, den er mit Frankreich sucht?
Darf er es wagen, so uns zu verhöhnen?

Margareta. Ich sagt es Euer Majestät voraus,
Dies zeugt von Eduards Lieb und Warwicks Redlichkeit.

Warwick. Hier, König Ludwig, vor des Himmels Antlitz
Und bei der Hoffnung auf mein himmlisch Heil,
Schwör ich mich rein an diesem Frevel Eduards;
Nicht meines Königs mehr, denn er entehrt mich,
Sich selbst am meisten, säh er seine Schande.
Vergaß ich, daß mein Vater seinen Tod
Unzeitig durch das Haus von York gefunden?
Ließ hingehn meiner Nichte Mißhandlung?
Umgab ihn mit der königlichen Krone?
Stieß Heinrich aus dem angestammten Recht?
Und wird zuletzt mir so gelohnt mit Schande?
Schand über ihn! Denn ich bin Ehre wert.
Und, die für ihn verlorne herzustellen,
Sag ich ihm ab, und wende mich zu Heinrich.
Laß, edle Königin, den alten Groll:
Ich will hinfort dein treuer Diener sein,
Sein Unrecht an der Fräulein Bona rächen,
Und Heinrich wieder setzen auf den Thron.

Margareta. Warwick, dein Wort hat meinen Haß in Liebe
Verkehrt, und ich vergebe und vergesse
Die alten Fehler ganz, und bin erfreut,
Daß du der Freund von König Heinrich wirst.

Warwick. So sehr sein Freund, ja sein wahrhafter Freund,
Daß, wenn der König Ludwig wenig Scharen
Erlesnen Volks uns zu verleihn geruht,
So unternehm ich, sie bei uns zu landen,
Und den Tyrann mit Krieg vom Thron zu stoßen.
Nicht seine neue Braut beschirmt ihn wohl,
Und Clarence, wie mir meine Briefe melden,
Steht auf dem Punkte, von ihm abzufallen,
Weil er gefreit nach üpp'ger Lust, statt Ehre
Und unsers Landes Stärk' und Sicherheit.

Bona. Wie findet Bona Rache, teurer Bruder,
Hilfst du nicht der bedrängten Königin?

Margareta. Berühmter Fürst, wie soll mein Heinrich leben,
Errettest du ihn von Verzweiflung nicht?

Bona. Mein Streit und dieser Königin sind eins.

Warwick. Und meiner tritt, Prinzessin, eurem bei.

König Ludwig. Und meiner eurem, deinem und Margretens.
Deswegen bin ich endlich fest entschlossen
Euch beizustehn.

Margareta. Laßt unterthänig mich für alle danken.

König Ludwig. Dann, Englands Bote, kehre schleunig heim,
Und sage deinem eingebild'ten König,
Dem falschen Eduard, daß ihm Ludewig
Von Frankreich Masken will hinübersenden,
Zum Tanz mit ihm und seiner neuen Braut.
Du siehst, was vorgeht: geh damit ihn schrecken.

Bona. Sag ihm, in Hoffnung seiner bald'gen Witwerschaft
Trag ich den Weidenkranz um seinetwillen.

Margareta. Sag ihm, die Trauer sei beiseit geschafft,
Und kriegerische Rüstung leg ich an.

Warwick. Sag ihm von mir, er habe mich gekränkt,
Drum woll' ich ihn entkrönen, eh' er's denkt.
Hier ist dein Lohn, und geh.

(Der Bote ab.)

König Ludwig.                             Nun, Warwick,
Du und Oxford, mit fünftausend Mann,
Sollt übers Meer und Krieg dem Falschen bieten.
Und diese edle Fürstin und ihr Prinz
Soll, wie's die Zeit gibt, mit Verstärkung folgen.
Doch, eh' du gehst, lös' einen Zweifel mir:
Was dient zum Pfand für deine feste Treu?

Warwick. Dies soll euch sichern meine stete Treu:
Wenn unsre Königin genehm es hält,
Und dieser junge Prinz, will ich alsbald
Ihm meine ältste Tochter, meine Lust,
Verknüpfen durch der Trauung heil'ges Band.

Margareta. Ich halt's genehm, und dank euch für den Antrag. –
Sohn Eduard, sie ist weis' und tugendsam,
Drum zögre nicht, gib deine Händ an Warwick,
Und mit ihr dein unwiderruflich Wort,
Daß Warwicks Tochter einzig dein soll sein.

Prinz. Ich nehme gern sie an, denn sie verdient es;
Und hier zum Pfande biet ich meine Hand.

(Er gibt Warwick die Hand.)

König Ludwig. Was zögern wir? Man soll die Mannschaft werben,
Und, Bourbon, du, Großadmiral des Reichs,
Sollst sie mit unsrer Flotte übersetzen.
Denn mich verlangt, daß er sei ausgerottet,
Weil ein französisch Fräulein er verspottet.

(Alle ab außer Warwick.)

Warwick. Ich kam von Eduard als Gesandter her,
Doch kehr ich heim als sein geschworner Feind;
Zur Heiratsstiftung gab er Auftrag mir,
Doch droh'nder Krieg erfolgt auf sein Begehren.
Hatt' er zum Spielzeug niemand sonst als mich?
So will nur ich den Spaß in Leid verkehren,
Ich war voraus, zur Kron ihn zu erheben,
Und will voraus sein, wieder ihn zu stürzen:
Nicht, daß mir Heinrichs Elend kläglich sei,
Doch rächen will ich Eduards Neckerei. (Ab.)

 


 

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