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König Heinrich der Sechste

William Shakespeare: König Heinrich der Sechste - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleW. Shakespeare's Dramatische Werke
authorWilliam Shakespeare
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleKönig Heinrich der Sechste
pages82
created20130410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug.

Erste Scene.

Kent. Die Seeküste bei Dover. (Man hört zur See feuern. Alsdann kommen aus einem Boot ein Schiffshauptmann, der Patron und sein Gehilfe, Seyfart Wittmer und andere; mit ihnen Suffolk und andere Edelleute als Gefangene.)

Schiffshauptmann. Der bunte, plauderhafte, scheue Tag
Hat sich verkrochen in den Schoß der See;
Lautheulend treiben Wölfe nun die Mähren,
Wovon die schwermutsvolle Nacht geschleppt wird,
Die ihre trägen Fitt'ge, schlaff gedehnt,
Auf Grüfte senken, und aus dunst'gem Schlund
Die Nacht mit ekler Finsternis durchhauchen.
Drum bringt die Krieger des genommnen Schiffs;
Weil unsre Jacht sich vor die Dünen legt,
So sollen sie sich lösen hier am Strand,
Wo nicht, mit ihrem Blut ihn mir verfärben. –
Patron, hier den Gefangnen schenk ich dir;
Du, sein Gehilfe, zieh Gewinn von dem;
Der andre, Seyfart Wittmer, ist dein Teil.

Erster Edelmann. Was ist mein Lösegeld, Patron? sag an!

Patron. Eintausend Kronen, oder Kopf herunter.

Gehilfe. Das gleiche gebt ihr mir, sonst fliegt der eure.

Schiffshauptmann. Was? Dünkt's euch viel, zweitausend Kronen zahlen,
Und nennt und habt euch doch wie Edelleute?
Hals ab den beiden Schurken! Ihr müßt sterben:
Das Leben unsrer eingebüßten Leute
Wiegt solche kleine Summe längst nicht auf.

Erster Edelmann. Ich zahl' sie, Herr, und also schont mein Leben.

Zweiter Edelmann. Ich auch, und schreibe gleich darum nach Haus.

Wittmer (zu Suffolk). Mein Auge büßt' ich bei dem Entern ein,
Und darum, das zu rächen, sollst du sterben,
Und, wenn mein Wille gälte, diese mit.

Schiffshauptmann. Sei nicht so rasch, nimm Lösung, laß ihn leben.

Suffolk. Sieh mein Georgenkreuz, ich bin von Adel;
Schätz mich so hoch du willst, du wirst bezahlt.

Wittmer. Das werd' ich schon; mein Nam' ist Seyfart Wittmer.
Nun, warum starrst du so? Wie? Schreckt der Tod?

Suffolk. Mich schreckt dein Nam': in seinem Klang ist Tod.
Mir stellt' ein weiser Mann das Horoskop,
Und sagte mir, durch Seefahrt käm' ich um.
Doch darf dich das nicht blutbegierig machen;
Dein Nam' ist Siegfried, richtig ausgesprochen.

Wittmer. Sei's Siegfried oder Seyfart, mir ist's gleich.
Nie hat noch unsern Namen Schimpf entstellt,
Daß unser Schwert den Fleck nicht weggewischt.
Drum, wenn ich mit der Rache Handel treibe,
Zerbreche man mein Schwert, mein Wappenschild,
Und ruf' als Memme durch die Welt mich aus.

(Greift den Suffolk.)

Suffolk. Halt, Wittmer! Dein Gefangner ist ein Prinz,
Der Herzog Suffolk, William de la Poole.

Wittmer. Der Herzog Suffolk, eingemummt in Lumpen?

Suffolk. Ja, doch die Lumpen sind kein Teil vom Herzog;
Ging Zeus doch wohl verkleidet: sollt' ich's nicht?

Schiffshauptmann. Doch Zeus ward nie erschlagen, wie du jetzt.

Suffolk. Gemeiner Bauer! König Heinrichs Blut,
Das ehrenwerte Blut von Lancaster,
Darf nicht vergießen solch ein Knecht vom Stall.
Gabst du nicht Kußhand, hieltest meinen Bügel,
Liefst neben meinem Saumtier unbedeckt,
Und hieltest dich beglückt, wenn ich dir nickte?
Wie oft bedientest du mich bei den Bechern,
Bekamst den Abhub, knietest an der Tafel,
Wann ich mit Königin Margreta schmauste?
Gedenke dran, und laß dich's niederschlagen,
Und dämpfen deinen fehlgebornen Stolz.
Wie standest du im letzten Vorgemach,
Und harrtest dienstbar, bis ich nun erschien?
Zu deinen Gunsten schrieb hier diese Hand,
Drum fessle sie die wilde Zunge dir.

Wittmer. Durchbohr' ich den Verworfnen? Hauptmann, sprich.

Schiffshauptmann. Erst ich mit Worten ihn, so wie er mich.

Suffolk. Sind deine Worte stumpf doch, Sklav, wie du!

Schiffshauptmann. Fort, und an unsers großen Bootes Rand
Schlagt ihm den Kopf ab.

Suffolk.                                   Wagst du deinen dran?

Schiffshauptmann. Ja, Poole.

Suffolk. Poole?

Schiffshauptmann. Poole? Sir Poole? Lord?
Ja, Pfütze, Pfuhl, Kloak, dess' Kot und Schlamm
Die Silberquelle trübt, wo England trinkt.
Nun stopf' ich diesen aufgesperrten Mund,
Der unsers Reiches Schatz verschlungen hat;
Die Lippen, so die Königin geküßt,
Schleif' ich am Boden hin; und du, der einst
Des guten Herzogs Humphrey Tod belächelt,
Sollst nun umsonst fühllosen Winden grinsen,
Die, wie zum Hohn, zurück dir zischen werden.
Und mit der Hölle Hexen sei verbunden,
Weil du verlobt hast einen mächt'gen Herrn
Der Tochter eines nichtsgeacht'ten Königs,
Ohn' Unterthanen, Gut und Diadem.
Du wurdest groß durch Teufelspolitik,
Und, wie der kühne Sylla, überfüllt
Mit Zügen Bluts aus deiner Mutter Herzen.
Anjou und Maine ward durch dich verkauft;
Durch dich verschmähn abtrünnige Normannen
Uns Herrn zu nennen; und die Picardie
Schlug die Regenten, fiel in unsre Burgen,
Und sandte, wund, zerlumpt, das Kriegsvolk heim.
Der hohe Warwick und die Nevils alle,
Die nie umsonst die furchtbarn Schwerter ziehn,
Stehn wider dich aus Haß in Waffen auf;
Das Haus von York nun, von dem Thron gestoßen
Durch eines wackern Königs schnöden Mord
Und stolze frevelhafte Tyrannei,
Entbrennt von Rachefeuer, und es führt
In hoffnungsvollen Fahnen unsre Sonne
Mit halbem Antlitz, strebend durchzuscheinen,
Wobei geschrieben steht: Invitis nubibus.
Das Volk von Kent hier regt sich in den Waffen,
Und endlich hat sich Schmach und Bettelarmut
In unsers Königes Palast geschlichen,
Und alles das durch dich. Fort, schafft ihn weg!

Suffolk. O wär' ich doch ein Gott, den Blitz zu schleudern
Auf diese dürft'gen weggeworfnen Knechte!
Elende sind auf kleine Dinge stolz:
Der Schurke hier, als Hauptmann einer Jacht,
Droht mehr als der illyrische Pirat,
Der mächt'ge Bargulus. Die Drohne saugt
Nicht Adlersblut, sie stiehlt aus Bienenstöcken;
Es ist unmöglich, daß ich sterben sollte
Durch solchen niedern Unterthan als du.
Dein Reden weckt nur Wut, nicht Reu in mir.
Nach Frankreich sendet mich die Königin:
Ich sag' es dir, schaff sicher mich hinüber.

Schiffshauptmann. Seyfart, –

Wittmer. Komm, Suffolk, daß ich dich zum Tode schaffe!

Suffolk. Pene gelidus timor occupat artus: – dich fürcht' ich.

Wittmer. Du findest Grund zur Furcht, eh' ich dich lasse.
Wie, bist du nun verzagt? Willst nun dich beugen?

Erster Edelmann. Mein gnäd'ger Lord, gebt ihm doch gute Worte.

Suffolk. Des Suffolk Herrscherzung' ist streng und rauh,
Weiß zu gebieten, nicht um Gunst zu werben.
Fern sei es, daß wir Volk wie dieses da
Mit unterwürf'gen Bitten ehren sollten.
Nein, lieber neige sich mein Haupt zum Block,
Eh' diese Knie vor irgend wem sich beugen,
Als vor des Himmels Gott und meinem König;
Und eher mag's auf blut'ger Stange tanzen.
Als stehn entblößt vor dem gemeinen Knecht.
Der echte Adel weiß von keiner Furcht:
Mehr halt' ich aus, als ihr vollbringen dürft.

Schiffshauptmann. Schleppt ihn hinweg, laßt ihn nicht länger reden.

Suffolk. Soldaten, kommt! Zeigt eure Grausamkeit!
Daß diesen meinen Tod man nie vergesse.
Durch Bettler fallen große Männer oft:
Ein röm'scher Fechter und Bandit erschlug
Den holden Tullius; Brutus Bastardhand
Den Julius Cäsar; wildes Inselvolk
Den Held Pompejus; und Suffolk stirbt durch Räuber.

Schiffshauptmann. Von diesen, deren Lösung wir bestimmt,
Beliebt es uns, daß einer darnach reise.
Ihr also kommt mit uns, und laßt ihn gehn.

Wittmer. Da lieg' sein Haupt und sein entseelter Leib,
Bis ihn die traute Königin bestattet! (Ab.)

Erster Edelmann. O, ein barbarisches und blut'ges Schauspiel!
Ich will zum König seine Leiche tragen:
Rächt der ihn nicht, so werden's seine Freunde,
Die Königin, die lebend hoch ihn hielt. (Ab mit der Leiche.)


Zweite Scene.

Blackheath. (Georg Bevis und Johann Holland treten auf.)

Georg. Wohlan! schaff dir einen Degen, und wenn er auch nur von Holz wäre; seit zwei Tagen sind sie schon auf den Beinen.

Johann. Desto nötiger thut's ihnen, sich jetzt hinzusetzen.

Georg. Ich sage dir, Hans Cade, der Tuchmacher denkt das gemeine Wesen aufzustutzen, und es zu wenden, und ihm die Wolle von neuem zu krausen.

Johann. Das thut ihm not, denn es ist bis auf den Faden abgetragen. Nun, das weiß ich, es gab kein lustiges Leben mehr in England, seit die Edelleute aufgekommen sind.

Georg. O, die elenden Zeiten! Tugend wird an Handwerksleuten nicht geachtet.

Johann. Der Adel hält es für einen Schimpf, im ledernen Schurz zu gehn.

Georg. Was noch mehr ist: des Königs Räte sind keine guten Arbeitsleute.

Johann. Ja, und es steht doch geschrieben: arbeite in deinem Beruf; was so viel sagen will: die Obrigkeiten sollen Arbeitsleute sein; und also sollten wir Obrigkeiten werden.

Georg. Richtig getroffen! Denn es gibt kein besser Zeichen von einem wackern Gemüt, als eine harte Hand.

Johann. Ich seh sie kommen! Ich seh sie kommen! Da ist Bests Sohn, der Gerber von Wingham, –

Georg. Der soll das Fell unsrer Feinde kriegen, um Hundsleder daraus zu machen.

Johann. Und Märten, der Metzger, –

Georg. Nun, da wird die Sünde vor den Kopf geschlagen wie ein Ochse, und die Ruchlosigkeit wird abgestochen wie ein Kalb.

Johann. Und Smith, der Leinweber, –

Georg. Ergo ist ihr Lebensfaden abgehaspelt.

Johann. Kommt, schlagen wir uns zu ihnen.

(Trommeln. Cade, Märten der Metzger, Smith der Leinweber, und andere in großer Anzahl kommen.)

Cade. Wir, Johann Cade, von unserm vermeintlichen Vater so benannt, denn unsre Feinde sollen vor uns niederfallen; vom Geist getrieben, Könige und Fürsten zu stürzen. – Befehlt Stillschweigen!

Märten. Still!

Cade. Mein Vater war ein Mortimer, –

Märten (beiseite). Es war ein ehrlicher Mann und ein guter Maurer.

Cade. Meine Mutter eine Plantagenet, –

Märten (beiseite). Ich habe sie recht gut gekannt, sie war eine Hebamme.

Cade. Meine Frau stammt vom Geschlecht der Lacies, –

Märten (beiseite). Wahrhaftig, sie war eines Hausirers Tochter und hat manchen Latz verkauft.

Smith (beiseite). Aber seit kurzem, nun sie nicht mehr im stande ist mit ihrem Tornister herum zu gehen, wäscht sie zu Hause für Geld.

Cade. Folglich bin ich aus einem ehrenwerten Hause.

Märten (beiseite). Ja, meiner Treu! Das freie Feld ist aller Ehren wert, und da ist er zur Welt gekommen, hinterm Zaun; denn sein Vater hatte kein ander Haus als das Hundeloch.

Cade. Mut habe ich.

Smith (beiseite). Das muß er wohl, denn zum Betteln gehört Mut.

Cade. Ich kann viel aushalten.

Märten (beiseite) Das ist keine Frage; ich habe ihn drei Markttage nacheinander peitschen sehn.

Cade. Ich fürchte mich weder vor Feuer noch Schwert.

Smith (beiseite). Vor dem Schwerte braucht er sich nicht zu fürchten, die Stiche werden vorbeigehn, denn sein Rock hält längst keinen Stich mehr.

Märten (beiseite). Aber mich dünkt, vor dem Feuer sollte er sich fürchten, da sie ihm für seine Schafdieberei ein Zeichen in die Hand gebrannt haben.

Cade. Seid also brav, denn euer Anführer ist brav und gelobt euch Abstellung der Mißbräuche. Sieben Sechserbrote sollen künftig in England für einen Groschen verkauft werden; die dreireifige Kanne soll zehn Reifen halten, und ich will es für ein Hauptverbrechen erklären, Dünnbier zu trinken. Das ganze Reich sollen alle in gemein haben; in Cheapside geht euch mein Klepper auf die Weide. Und wenn ich König bin, – wie ich es denn bald sein werde, –

Alle. Gott erhalte Eure Majestät!

Cade. Ich danke euch, lieben Leute! – so soll es kein Geld mehr geben, alle sollen auf meine Rechnung essen und trinken, ich will sie alle in eine Livrei kleiden, damit sie sich als Brüder vertragen, und mich als ihren Herrn ehren.

Märten. Das erste, was wir thun müssen, ist, daß wir alle Rechtsgelahrte umbringen.

Cade. Ja, das gedenk' ich auch zu thun. Ist es nicht ein erbarmenswürdig Ding, daß aus der Haut eines unschuldigen Lammes Pergament gemacht wird? daß Pergament, wenn es bekritzelt ist, einen Menschen zu Grunde richten kann? Man sagt, die Bienen stechen, aber ich sage: das Wachs der Bienen thut es, denn ich habe nur ein einzigesmal etwas besiegelt, und seit der Zeit war ich niemals wieder mein eigner Herr. Nun, was gibt's? Wen habt ihr da?

(Es kommen Leute, die den Schreiber von Chatham vorführen.)

Smith. Den Schreiber von Chatham; er kann lesen und schreiben und Rechnungen aufsetzen.

Cade. O abscheulich!

Smith. Wir ertappten ihn dabei, daß er den Jungen ihre Exempel durchsah.

Cade. Das ist mir ein Bösewicht!

Smith. Er hat ein Buch in der Tasche, da sind rote Buchstaben drin.

Cade. Ja, dann ist er gewiß ein Beschwörer.

Märten. Ja, er kann auch Verschreibungen machen und Kanzleischrift schreiben.

Cade. Es thut mir leid: der Mann ist, bei meiner Ehre, ein hübscher Mann; wenn ich ihn nicht schuldig finde, so soll er nicht sterben. – Komm her, Bursch, ich muß dich verhören. Wie ist dein Name?

Schreiber. Emanuel.

Märten. Das pflegen sie an die Spitze der offenen Sendschreiben zu setzen. – Es wird euch schlimm ergehn.

Cade. Laßt mich allein machen. Pflegst du deinen Namen auszuschreiben, oder hast du ein Zeichen dafür wie ein ehrlicher schlichter Mann?

Schreiber. Gott sei Dank, Herr, ich bin so gut erzogen, daß ich meinen Namen schreiben kann.

Alle. Er hat bekannt! Fort mit ihm! Er ist ein Schelm und ein Verräter.

Cade. Fort mit ihm, sage ich; hängt ihn mit seiner Feder und Tintenfaß um den Hals.

(Einige mit dem Schreiber ab.)(Michel kommt.)

Michel. Wo ist unser General?

Cade. Hier bin ich, du spezieller Kerl.

Michel. Flieht, flieht, flieht! Sir Humphrey Stafford und sein Bruder mit der Heeresmacht des Königs sind ganz in der Nähe.

Cade. Steh, Schurke, steh, oder ich haue dich nieder. Er soll es mit einem ebenso tüchtigen Mann zu thun bekommen als er selber ist. Er ist nichts mehr als ein Ritter, nicht wahr?

Michel. Nein.

Cade. Um es ihm gleich zu thun, will ich mich selbst unverzüglich zum Ritter schlagen. (Kniet.) Steh auf als Sir John Mortimer. (Steht auf.) Nun auf ihn los!

(Sir Humphrey Stafford und sein Bruder William kommen mit Truppen unter Trommelschlag.)

Stafford. Rebellisch Pack, der Kot und Abschaum Kents,
Zum Galgen reif, legt eure Waffen nieder,
Zu euren Hütten heim, verlaßt den Knecht!
Wenn ihr zurückkehrt, ist der König gnädig.

William Stafford. Doch zornig, wütend, und auf Blut gestellt,
Treibt ihr es fort; drum fügt euch oder sterbt.

Cade. Mir gelten nichts die taftbehangnen Sklaven;
Zu euch, ihr guten Leute, red' ich nur,
Die ich in Zukunft zu regieren hoffe,
Da ich des Throns rechtmäß'ger Erbe bin.

Stafford. Du Schelm, dein Vater war ein Mauerntüncher;
Tuchscherer bist du selber: bist du's nicht?

Cade. Und Adam war ein Gärtner.

William Stafford. Was soll das hier?

Cade. Nun, das soll's: – Edmund Mortimer, Graf von March,
Nahm sich zur Eh' des Herzogs Clarence Tochter; nicht?

Stafford. Ja wohl.

Cade. Von ihr bekam er auf einmal zwei Kinder.

William Stafford. Das ist nicht wahr.

Cade. Nun ja, das fragt sich; doch ich sag', es ist so.
Der ältre, den man in die Kost gegeben,
Ward weggestohlen durch ein Bettelweib;
Und, seiner Abkunft und Geburt nicht kundig,
Ward er ein Maurer, wie er kam zu Jahren.
Sein Sohn bin ich, und leugnet's, wenn ihr könnt.

Märten. Ja, es ist wahrhaftig wahr: darum soll er unser König sein.

Smith. Herr, er hat eine Feueresse in meines Vaters Hause gebaut, und die Backsteine leben noch bis auf diesen Tag, die es bezeugen können; also leugnet es nicht.

Stafford. So glaubt ihr dieses Tagelöhners Worten,
Der spricht, er weiß nicht was?

Alle. Ja wohl, das thun wir; also packt euch nur.

William Stafford. Hans Cade, euch lehrte dies der Herzog York.

Cade (beiseite). Er lügt, ich habe es selbst erfunden. – Wohlan, ihr da, sagt dem Könige von meinetwegen: um seines Vaters willen, Heinrichs des Fünften, zu dessen Zeit die Jungen Hellerwerfen um französische Kronen spielten, sei ich es zufrieden, daß er regiere; ich wolle aber Protektor über ihn sein.

Märten. Und ferner wollen wir Lord Says Kopf haben, weil er das Herzogtum Maine verkauft hat.

Cade. Und das von Rechts wegen, denn dadurch ist England verstümmelt und müßte am Stabe einhergehen, wenn ich es nicht aufrecht erhielte. Ich sage euch, ihr Mitkönige, Lord Says hat das gemeine Wesen verschnitten und zum Eunuchen gemacht; und was mehr ist, so kann er französisch sprechen, und also ist er ein Verräter.

Stafford. O, grobe klägliche Unwissenheit!

Cade. Ja, antwortet mir, wenn ihr könnt. Die Franzosen sind unsre Feinde; nun gut, ich frage euch nur: kann jemand, der mit der Zunge eines Feindes spricht, ein guter Ratgeber sein oder nicht?

Alle. Nein, nein, und also wollen wir seinen Kopf haben.

William Stafford. Wohl, da gelinde Worte nichts vermögen,
So greift sie mit dem Heer des Königs an.

Stafford. Fort, Herold, und in jeder Stadt ruf' aus
Die mit dem Cade Empörten als Verräter,
Auf daß man die, so aus dem Treffen fliehn,
In ihrer Fraun und Kinder Angesicht
Zur Warnung hänge vor den eignen Thüren. –
Und ihr, des Königs Freunde, folgt mir nach.

Cade. Und ihr, des Volkes Freunde, folgt mir nach.
's ist für die Freiheit, zeigt euch nun als Männer:
Kein Lord, kein Edelmann soll übrig bleiben;
Schont nur, die in gelappten Schuhen gehn,
Denn das sind wackre, wirtschaftliche Leute,
Die, wenn sie dürften, zu uns überträten.

Märten. Sie sind schon in Ordnung und marschiren auf uns zu.

Cade. Wir sind erst recht in Ordnung, wenn wir außer aller Ordnung sind. Kommt, marschirt vorwärts.

(Alle ab.)


Dritte Scene.

Ein anderer Teil von Blackheath. (Getümmel. Die zwei Parteien kommen und fechten, und beide Staffords werden erschlagen.)

Cade. Wo ist Märten, der Metzger von Ashford?

Märten. Hier.

Cade. Sie fielen vor dir wie Schafe und Ochsen, und du thatest, als wenn du in deinem eigenen Schlachthause wärest, deshalb will ich dich folgendermaßen belohnen: die Fasten sollen noch einmal so lang sein, und du sollst eine Konzession haben, für hundert weniger einen zu schlachten.

Märten. Ich verlange nicht mehr.

Cade. Und, in Wahrheit, du verdienst nichts geringeres. Dies Andenken des Sieges will ich tragen (er legt eine der beiden Rüstungen an), und die beiden Leichen soll mein Pferd nachschleifen, bis ich nach London komme, wo wir uns das Schultheißenschwert wollen vortragen lassen.

Märten. Wenn wir Gedeihen haben und was ausrichten wollen, so laßt uns die Kerker aufbrechen und die Gefangenen herauslassen.

Cade. Sorge nicht, dafür stehe ich dir. Kommt, marschiren wir nach London.

(Alle ab.)


Vierte Scene.

London. Ein Zimmer im Palast. (König Heinrich, der eine Supplik liest; der Herzog von Buckingham und Lord Say neben ihm; in der Entfernung Königin Margareta, die über Suffolks Kopf trauert.)

Königin. Oft hört' ich, Gram erweiche das Gemüt,
Er mach' es zaghaft und entart' es ganz:
Drum denk' auf Rache, und laß ab vom Weinen.
Doch wer ließ' ab vom Weinen, der dies sieht?
Hier liegt sein Haupt an meiner schwell'nden Brust:
Wo ist der Leib. den ich umarmen sollte?

Buckingham. Welche Antwort erteilt Eure Hoheit auf die Supplik der Rebellen.

König Heinrich. Ich send' als Mittler einen frommen Bischof.
Verhüte Gott, daß so viel arme Seelen
Umkommen durch das Schwert! Ich selber will,
Eh' sie der blut'ge Krieg vertilgen soll,
Mit ihrem General, Hans Cade, handeln.
Doch still, ich will's noch einmal überlesen.

Königin. Ah, die Barbaren! Hat dies holde Antlitz
Mich wie ein wandelnder Planet beherrscht?
Und konnt' es nicht die nöt'gen einzuhalten,
Die nicht verdienten, nur es anzuschaun?

König Heinrich. Lord Say, Hans Cade schwört, er will nicht ruhn,
Als bis er euren Kopf in Händen hat.

Say. Ja, doch ich hoffe, Eure Hoheit wird
Bald seinen haben.

König Heinrich.           Nun, Gemahlin! Wie?
Wehklagend stets und trauernd um Suffolks Tod?
Ich fürchte, Herz, wenn ich gestorben wär',
Du hättest nicht so sehr um mich getrauert.

Königin. Nein, mein Herz, ich trau'rte nicht, ich stürb' um dich.

(Ein Bote tritt auf.)

König Heinrich. Nun dann, was gibt's? Was kommst du so in Eil?

Bote. Die Meuter sind in Southwark: flieht, mein Fürst!
Hans Cade erklärt sich für Lord Mortimer,
Vom Haus des Herzogs Clarence abgestammt,
Nennt öffentlich Eu'r Gnaden Usurpator,
Und schwört in Westminster sich selbst zu krönen.
Ein abgelumpter Haufen ist sein Heer
Von Bauersknechten, roh und unbarmherzig;
Sir Humphrey Staffords Tod und seines Bruders
Gab ihnen Herz und Mut, es fortzutreiben;
Gelehrte, Rechtsverständ'ge, Hof und Adel,
Wird falsch Gezücht gescholten und zum Tod verdammt.

König Heinrich. O, ruchlos Volk! Es weiß nicht, was es thut.

Buckingham. Mein gnäd'ger Herr, zieht euch nach Kenelworth,
Bis man ein Heer versammelt, sie zu schlagen.

Königin. Ach, lebte Herzog Suffolk nun, wie bald
Wär' diese Kent'sche Meuterei gestillt!

König Heinrich. Lord Say, dich haßt die Rotte:
Deswegen fort mit uns nach Kenelworth!

Say. Das könnte meines Herrn Person gefährden,
Mein Anblick ist in ihrem Aug' verhaßt;
Und darum will ich in der Stadt nur bleiben,
Und hier so heimlich, wie ich kann, es treiben.

(Ein anderer Bote tritt auf.)

Zweiter Bote. Hans Cade ist Meister von der Londonbrücke,
Die Bürger fliehn vor ihm aus ihren Häusern;
Das schlechte Volk, nach Beute dürstend, tritt
Dem Frevler bei: so schwören sie, die Stadt
Und euren königlichen Hof zu plündern.

Buckingham. Dann zaudert nicht, mein Fürst! Zu Pferde, fort!

König Heinrich. Margreta, komm! Gott, unsre Hoffnung, hilft uns.

Königin. Da Suffolk starb, ist meine Hoffnung hin.

König Heinrich (zum Lord Say).
Lebt wohl, Mylord! Traut nicht den Kent'schen Meutern!

Buckingham. Traut keinem, aus Besorgnis vor Verrat.

Say. Auf meine Unschuld gründ' ich mein Vertraun,
Und darum bin ich kühn und unverzagt.

(Alle ab.)


Fünfte Scene.

Der Turm. (Lord Scales und andere erscheinen auf den Mauern; dann treten unten einige Bürger auf.)

Scales. Nun, ist Hans Cade erschlagen?

Erster Bürger. Nein, Mylord, und es hat auch keinen Anschein dazu, denn sie haben die Brücke erobert, und bringen alle um, die sich widersetzen. Der Schultheiß bittet Euer Edeln um Beistand vom Turm, um die Stadt gegen die Rebellen zu verteidigen.

Scales. Was ich nur missen kann, ist euch zu Dienst,
Zwar werd' ich hier von ihnen selbst geplagt,
Die Meuter wollten sich des Turms bemeistern.
Doch macht euch nach Smithfield, und sammelt Volk,
Und dahin send' ich euch Matthias Gough.
Für König, Land und Leben fechtet all',
Und so lebt wohl, – Aufruhr kam stets zu Fall!

(Alle ab.)


Sechste Scene.

Die Kanonenstraße. (Hans Cade mit seinem Anhange. Er schlägt mit seinem Stabe auf den Londoner Stein.)

Cade. Nun ist Mortimer Herr dieser Stadt. Und hier, auf dem Londoner Steine sitzend, verordne ich und befehle, daß in diesem ersten Jahr unsers Reichs auf Staatsunkosten durch die Seigerinne nichts als roter Wein laufen soll. Und hinfüro soll es Hochverrat sein, wenn irgend wer mich anders nennt als Lord Mortimer.

(Ein Soldat kommt gelaufen.)

Soldat. Hans Cade! Hans Cade!

Cade. Schlägt ihn gleich zu Boden.

(Sie bringen ihn um.)

Smith. Wenn der Bursche klug ist, wird er euch niemals wieder Hans Cade nennen: ich meine, er hat einen guten Denkzettel bekommen.

Märten. Mylord, es hat sich eine Heeresmacht bei Smithfield versammelt.

Cade. So kommt, laßt uns mit ihnen fechten. Aber erst geht und setzt die Londonbrücke in Brand, und wenn ihr könnt, brennt auch den Turm nieder. Kommt, machen wir uns fort. – (Ab.)


Siebente Scene.

Smithfield. (Getümmel. Von der einen Seite kommen Cade und sein Anhang; von der andern Bürger und königliche Truppen, angeführt von Matthias Gough. Sie fechten; die Bürger werden in die Flucht geschlagen, und Gough fällt.)

Cade. So, Leute: nun geht und reißt das savoyische Quartier ein; andre zu den Gerichtshöfen, nieder mit allen zusammen!

Märten. Ich habe ein Gesuch an Eure Herrlichkeit.

Cade. Und wär' es eine Herrlichkeit, für das Wort soll's dir gewährt sein.

Märten. Bloß, daß die Gesetze von England aus eurem Munde kommen mögen.

Johann (beiseite). Sapperment, dann werden's heillose Gesetze sein, denn er ist mit einem Speer in den Mund gestochen, und das ist noch nicht heil.

Smith (beiseite). Nein, Johann, es werden stinkende Gesetze sein, denn er stinkt aus dem Munde nach geröstetem Käse.

Cade. Ich habe es bedacht, es soll so sein. Fort, verbrennt alle Urkunden des Reichs; mein Mund soll das Parlament von England sein.

Johann (beiseite). Dann werden wir vermutlich beißende Statuten bekommen, wenn man ihm nicht die Zähne ausbricht.

Cade. Und hinfüro soll alles in Gemeinschaft sein.

(Ein Bote tritt auf.)

Bote. Mylord, ein Fang! Ein Fang! Hier ist der Lord Say, der die Städte in Frankreich verkauft hat; der uns einundzwanzig Fünfzehnte hat bezahlen lassen, und einen
Schilling auf das Pfund zur letzten Kriegssteuer.

(Georg Bevis kommt mir Lord Say.)

Cade. Gut, er soll zehnmal dafür geköpft werden. – O Say, du sämischer, juchtener, rindslederner Lord! Nun stehst du recht als Zielscheibe unsrer königlichen Gerichtsbarkeit. Wie kannst du dich vor meiner Majestät deshalb rechtfertigen, daß du die Normandie an Musje baisemoncu den Dauphin von Frankreich, abgetreten hast? Kund und zu wissen sei dir hiemit durch gegenwärtiges, namentlich durch gegenwärtigen Lord Mortimer, daß ich der Besen bin, welcher den Hof von solchem Unrat, wie du bist, rein kehren muß. Du hast höchst verräterischerweise die Jugend des Reiches verderbet, indem du eine lateinische Schule errichtet; und da zuvor unsere Voreltern keine andern Bücher hatten als die Kreide und das Kerbholz, so hast du das Drucken ausgebracht, und hast zum Nachteil des Königs, seiner Krone und Würde, eine Papiermühle gebaut. Es wird dir ins Gesicht bewiesen werden, daß du Leute um dich hast, die zu reden pflegen von Nomen und Verbum, und dergleichen scheußliche Worte mehr, die kein Christenohr geduldig anhören kann. Du hast Friedensrichter angestellt, daß sie arme Leute vor sich rufen über Dinge, worauf sie nicht im stande sind zu antworten. Du hast sie ferner gefangen gesetzt, und weil sie nicht lesen konnten, hast du sie hängen lassen, da sie doch bloß aus dem Grunde am meisten verdienten zu leben. Du reitest auf einer Decke, nicht wahr?

Say. Nun, was thäte das?

Cade. Ei, du solltest dein Pferd keinen Mantel tragen lassen, derweil ehrlichere Leute als du in Wams und Hosen gehn.

Märten. Und im bloßen Hemde arbeiten obendrein; wie ich selbst zum Beispiel, der ich ein Metzger bin.

Say. Ihr Männer von Kent, –

Märten. Was sagt ihr von Kent?

Say. Nichts als dies: es ist bona terra, mala gens.

Cade. Fort mit ihm! Fort mit ihm! Er spricht Latein.

Say. Hört nur, und führt mich dann, wohin ihr wollt.
Kent heißt in dem Bericht, den Cäsar schrieb,
Der ganzen Insel freundlichstes Gebiet:
Das Land ist reich, mit Gütern wohl begabt,
Das Volk willfährig, tapfer, thätig, reich;
Was mich auf Mitleid von euch hoffen läßt.
Ich hab' nicht Maine und Normandie verkauft,
Gern kauft ich sie zurück mit meinem Leben.
Das Recht hab' ich mit Güte stets geübt,
Mich rührten Bitten, Thränen, niemals Gaben,
Wann hab' ich was von eurer Hand erpreßt,
Zum Schutz für Kent, für König, Land und euch?
Gelahrten Männern gab ich große Summen,
Weil Buch und Schrift beim König mich befördert,
Und weil ich sah, es sei Unwissenheit
Der Fluch von Gott, und Wissenschaft der Fittig,
Womit wir in den Himmel uns erheben.
Seid ihr von Höllengeistern nicht besessen,
So könnt ihr nicht den Mord an mir begehn.
Bei fremden Kön'gen hat die Zunge hier
Für euch gesprochen, –

Cade. Pah! Wann hast du irgend einen Streich im Felde geführt?

Say. Der Großen Arm reicht weit: oft traf ich Menschen,
Die nie mich sahn, und traf zum Tode sie.

Georg. O die abscheuliche Memme! Die Leute hinterrücks anzufallen!

Say. Die Wangen wacht' ich bleich in eurem Dienst.

Cade. Gebt ihm eine Ohrfeige, so werden sie schon wieder rot werden.

Say. Das lange Sitzen, um der armen Leute
Rechtshändel zu entscheiden, hat mich ganz
Mit Krankheit und Beschwerden angefüllt.

Cade. So sollt ihr einen hänfnen Magentrank haben, und mit einem Beil soll man euch helfen.

Märten. Was zitterst du, Mann?

Say. Der Schlagfluß nötigt mich und nicht die Furcht.

Cade. Ja, er nickt uns zu, als wollte er sagen: Ich will es mit euch aufnehmen. Ich will sehn, ob sein Kopf auf einer Stange fester stehen wird; schafft ihn fort und köpft ihn.

Say. Sagt mir, worin verging ich mich am meisten?
Begehrt' ich Reichtum oder Ehre? Sprecht!
Sind meine Kisten voll erpreßten Goldes?
Und ist mein Aufzug kostbar anzuschaun?
Wen kränkt' ich, daß ihr meinen Tod so sucht?
Kein schuldlos Blut vergossen diese Hände,
Und diese Brust herbergt kein schnödes Falsch.
O laßt mich leben!

Cade. Ich fühle Mitleiden in mir mit seinen Worten, aber ich will es in Zaum halten; er soll sterben, und wär' es nur, weil er so gut für sein Leben spricht. Fort mit ihm! Er hat einen Hauskobolt unter der Zunge sitzen, er spricht nicht im Namen Gottes. Geht, schafft ihn fort, sage ich, und schlagt ihm gleich den Kopf ab; und dann brecht in das Haus seines Schwiegersohnes Sir John Cromer und schlagt ihm den Kopf ab, und bringt sie beide auf zwei Stangen her.

Alle. Es soll geschehn.

Say. Ach, Landesleute! Wenn bei euren Bitten
Gott so verhärtet wäre, wie ihr selbst,
Wie ging' es euren abgeschiednen Seelen?
Darum erweicht euch noch und schont mein Leben!

Cade. Fort mit ihm, und thut, was ich euch befehle. (Einige ab mit Lord Say.) Der stolzeste Pair im Reich soll keinen Kopf auf den Schultern tragen, wenn er mir nicht Tribut zahlt; kein Mädchen soll sich verheiraten, ohne daß sie mir ihre Jungferschaft bezahlt, eh' ihr Liebster sie kriegt; alle Menschen sollen unter mir in capite stehn, und ich verordne und befehle, daß ihre Weiber so frei sein sollen, als das Herz wünschen oder die Zunge sagen kann.

Märten. Mylord, wann sollen wir nach Cheapside gehn, und mit unsern Hellebarden halbpart machen?

Cade. Ei, sogleich.

Alle. O, herrlich!

(Es kommen Rebellen zurück mit den Köpfen des Lord Say und seines Schwiegersohnes.)

Cade. Aber ist dies nicht noch herrlicher? – Laßt sie einander küssen, denn sie sind sich bei Lebzeiten zugethan gewesen. Nun haltet sie wieder auseinander, damit sie nicht ratschlagen, wie sie noch mehr französische Städte übergeben wollen. Soldaten, schiebt die Plünderung der Stadt auf bis nachts, denn wir wollen durch die Straßen reiten, und diese Köpfe wie Scepter vor uns hertragen lassen, und an jeder Ecke sollen sie sich küssen. Fort!

(Alle ab.)


Achte Scene.

Southwark. (Getümmel. Cade mit seinem Gesindel tritt auf.)

Cade. Die Fischerstraße herauf! Die Sankt Magnusecke hinunter! Totgeschlagen! In die Themse geworfen!
        (Es wird zur Unterhandlung geblasen, hierauf zum Rückzug.)
Was für einen Lärm hör' ich? Wer darf so verwegen sein, zum Rückzug oder zur Unterhandlung zu blasen, wenn ich sie alles totschlagen heiße?

Buckingham. Hier sind sie, die das dürfen, und die dich
Verstören wollen. Wisse, Cade, denn:
Als Abgesandte kommen wir vom König
Zum Volke, welches du mißleitet hast,
Und künden hier Verzeihung jedem an,
Der dich verläßt und friedlich heim will gehn.

Clifford. Was sagt ihr, Landsgenossen? Gebt ihr nach,
Und weicht der Gnade, weil man sie euch bietet?
Oder soll Gesindel in den Tod euch führen?
Wer unsern König liebt und die Verzeihung
Benutzen will, der schwinge seine Mütze,
Und sage: Gott erhalte Seine Majestät!

Alle. Gott erhalte den König! Gott erhalte den König!

Cade. Was, Buckingham und Clifford, seid ihr so brav? – Und ihr, schlechtes Bauernvolk, glaubt ihr ihm? Wollt ihr denn durchaus mit eurem Pardon um den Hals aufgehängt sein? Ist mein Schwert dazu durch das Londner Thor gebrochen, daß ihr mich beim weißen Hirsch in Southwark verlassen solltet? Ich dachte, ihr wolltet eure Waffen nimmer niederlegen, bis ihr eure alte Freiheit wieder erobert hättet: aber ihr seid alle Abtrünnige und feige Memmen, und habt eine Freude daran, in der Sklaverei des Adels zu leben. So mögen sie euch denn den Rücken mit Lasten zerbrechen, euch die Häuser über den Kopf wegnehmen, eure Weiber und Töchter vor euren Augen notzüchtigen; was mich betrifft, ich will jetzt nur für einen sorgen, und euch alle möge Gottes Fluch treffen!

Alle. Wir folgen unserm Cade! Wir folgen unserm Cade!

Clifford. Ist Cade Sohn Heinrichs des Fünften,
Daß ihr so ausruft, ihr wollt mit ihm gehn?
Führt er euch wohl in Frankreichs Herz, und macht
Den kleinsten unter euch zum Graf und Herzog?
Ach, er hat keine Heimat, keine Zuflucht,
Und kann nicht anders leben als durch Plündrung,
Indem er eure Freund' und uns beraubt.
Welch eine Schmach, wenn, während ihr euch zankt,
Die scheuen Franken, die ihr jüngst besiegt,
Die See durchkreuzten und besiegten euch?
Mich dünkt, in diesem bürgerlichen Zwist,
Seh ich sie schon in Londons Gassen schalten,
Und jeden rufen an, mit: Villageois!
Eh' laßt zehntausend niedre Cades verderben,
Als ihr euch beugt vor eines Franken Gnade.
Nach Frankreich! Frankreich! Bringt Verlornes ein!
Schont England, euren heimatlichen Strand.
Heinrich hat Geld, und ihr seid stark und männlich:
Gott mit uns, zweifelt nicht an eurem Sieg.

Alle. Clifford hoch! Clifford hoch! Wir folgen dem Könige und Clifford.

Cade. Ist eine Feder wohl so leicht hin und her geblasen als dieser Haufe? Der Name Heinrich des Fünften reißt sie zu hunderterlei Unheil fort, und macht, daß sie mich in der Not verlassen. Ich sehe, daß sie die Köpfe zusammenstecken, um mich zu überfallen: mein Schwert muß mir den Weg bahnen, denn hier ist meines Bleibens nicht. – Allen Teufeln und der Hölle zum Trotz will ich recht mitten durch euch hindurch, und ich rufe den Himmel und die Ehre zu Zeugen, daß kein Mangel an Entschlossenheit in mir, sondern bloß der schnöde und schimpfliche Verrat meiner Anhänger mich auf flüchtigen Fuß setzt. (Ab.)

Buckingham. Ist er entflohn? Geh wer, und folg' ihm nach!
Und der, der seinen Kopf zum König bringt,
Soll tausend Kronen zur Belohnung haben. (Einige ab.)
Folgt mir, Soldaten; wir ersinnen Mittel
Euch alle mit dem König zu versöhnen.

(Alle ab.)


Neunte Scene.

Die Burg zu Kenelworth. (König Heinrich, Königin Margareta und Somerset auf der Terrasse der Burg.)

König Heinrich. Saß wohl ein König je auf ird'schem Thron,
Dem nicht zu Dienst mehr Freude stand wie mir?
Kaum kroch ich aus der Wiege noch, als ich
Neun Monden alt zum König ward ernannt.
Nie sehnt' ein Unterthan sich nach dem Thron,
Wie ich mich sehn', ein Unterthan zu sein.

(Buckingham und Clifford treten auf.)

Buckingham. Heil Eurer Majestät und frohe Zeitung!

König Heinrich. Sag, Buckingham, griff man den Frevler Cade?
Wie, oder wich er nur, sich zu verstärken?

(Es erscheint unten ein Haufen von Cades Anhängern, mit Stricken um den Hals.)

Clifford. Er floh, mein Fürst, und all sein Volk ergibt sich,
Und demutsvoll mit Stricken um den Hals
Erwarten sie von Euer Hoheit Spruch
Nun Leben oder Tod.

König Heinrich. Dann, Himmel, öffne deine ew'gen Thore,
Um meines Danks Gelübde zu empfangen! –
Heut lostet ihr, Soldaten, euer Leben,
Ihr zeigtet, wie ihr euren Fürsten liebt
Und euer Land: bewahrt so guten Sinn,
Und Heinrich, wenn er unbeglückt schon ist,
Wird niemals, seid versichert, lieblos sein.
Und so, euch allen dankend und verzeihend,
Entlass' ich euch, in seine Heimat jeden.

Alle. Gott erhalte den König! Gott erhalte den König!

(Ein Bote tritt auf.)

Bote. Vergönnen mir Eu'r Gnaden, zu berichten,
Daß Herzog York von Irland jüngst gekommen,
Und mit vereinigt starker Heeresmacht
Von Galloglassen und von derben Kerns
Hieher ist auf dem Marsch mit stolzem Zug;
Und stets erklärt er, wie er weiter rückt,
Er kriege bloß, um weg von dir zu schaffen
Den Herzog Somerset, den er Verräter nennt.

König Heinrich. So steh' ich, zwischen Cade und York bedrängt,
Ganz wie ein Schiff, das einem Sturm entronnen,
Kaum ruhig, von Piraten wird geentert.
Nur erst verjagt ist Cade, sein Volk zerstreut,
Und schon ist York bewehrt, ihm beizustehn. –
Ich bitt' dich, Buckingham, geh ihm entgegen,
Frag' um die Ursach seiner Waffen, sag' ihm,
Ich sende Herzog Edmund in den Turm, –
Und, Somerset, dort will ich dich verwahren,
Bis seine Schar von ihm entlassen ist.

Somerset. Mein Fürst,
Ich füge willig dem Gefängnis mich,
Dem Tode selbst, zu meines Landes Wohl.

König Heinrich. Auf jeden Fall seid nicht zu rauh in Worten,
Denn er ist stolz, ihn reizen harte Reden.

Buckingham. Das will ich, Herr, und hoff' es zu vermitteln,
Daß alles sich zu eurem Besten lenkt.

König Heinrich. Komm, Frau, laß besser uns regieren lernen,
Denn noch hat England meinem Reich zu fluchen.

(Alle ab.)


Zehnte Scene.

Kent. Idens Garten. (Cade tritt auf.)

Cade. Pfui über den Ehrgeiz! Pfui über mich selbst, der ich ein Schwert habe, und doch auf dem Punkte bin Hungers zu sterben! Diese fünf Tage habe ich mich in diesen Wäldern versteckt, und wagte nicht mich blicken zu lassen, weil mir das ganze Land auflauert; aber jetzt bin ich so hungrig, daß ich nicht länger warten könnte, und wenn ich mein Leben auf tausend Jahre dafür in Pacht bekäme. Ich bin also über die Mauer in diesen Garten geklettert, um zu sehen, ob ich Gras essen, oder mir wieder einen Salat pflücken kann, was einem bei der Hitze den Magen recht gut kühlt.

(Iden kommt mit Bedienten.)

Iden. Wer möchte wohl im Hofesdienst sich mühn,
Der solche stille Gänge kann genießen?
Dies kleine Erb', das mir mein Vater ließ,
G'nügt mir, und gilt mir eine Monarchie.
Ich mag durch andrer Fall nicht Größe suchen,
Noch samml' ich Gut, gleichviel mit welchem Neid:
Ich habe, was zum Unterhalt mir g'nügt,
Der Arme kehrt von meiner Thür vergnügt.

Cade. Da kommt der Eigentümer und wird mich wie einen Landstreicher greifen, weil ich ohne seine Erlaubnis auf sein Grundstück gekommen bin. – Ha, Schurke, du willst mich verraten, um tausend Kronen vom Könige zu erhalten, wenn du ihm meinen Kopf bringst; aber ich will dich zwingen Eisen zu fressen wie ein Strauß, und meinen Degen hinunter zu würgen wie eine große Nadel, ehe wir auseinander kommen.

Iden. Ei, ungeschliffner Mensch, wer du auch seist!
Ich kenn' dich nicht, wie sollt' ich dich verraten?
Ist's nicht genug, in meinen Garten brechen,
Und wie ein Dieb mich zu bestehlen kommen,
Gewaltsam meine Mauern überkletternd?
Mußt du mir trotzen noch mit frechen Worten?

Cade. Dir trotzen? Ja, bei dem besten Blut, das jemals angezapft worden ist, und das recht ins Angesicht. Sieh mich genau an: ich habe in fünf Tagen keine Nahrung genossen, und doch, komm du nur mit deinen fünf Gesellen, und wenn ich euch nicht alle mausetot schlage, so bitte ich zu Gott, daß ich nie wieder Gras essen mag.

Iden. Nein, so lang' England lebt, soll man nicht sagen,
Daß Alexander Iden, ein Esquire von Kent,
Mit einem Hungerleider ungleich kämpfte.
Dein starrend Auge setze gegen meins,
Sieh, ob du mich mit Blicken übermeisterst.
Setz Glied an Glied, du bist bei weitem schwächer.
Bei meiner Faust ist deine Hand ein Finger,
Dein Bein ein Stock, mit diesem Stamm verglichen;
Mein Fuß mißt sich mit deiner ganzen Stärke,
Und wenn mein Arm sich in die Luft erhebt,
So ist dein Grab gehöhlt schon in der Erde.
Statt Worte, deren Größe Wort' erwidert,
Verkünde dieses Schwert, was ich verschweige.

Cade. Bei meiner Tapferkeit, der vollkommenste Klopffechter, von dem ich jemals gehört habe. – Stahl, wenn du nun deine Spitze biegst, oder diesen pfündigen Tölpel nicht in lauter Schnittchen Fleisch zerhackst, ehe du wieder in der Scheide ruhst, so bitte ich Gott auf meinen Knieen, daß du in Hufnägel magst verwandelt werden. (Sie fechten, Cade fällt.) O, ich bin hin! Hunger und nichts anders hat mich umgebracht. Laßt zehntausend Teufel über mich herfallen, gebt mir nur die zehn verlornen Mahlzeiten wieder, und ich böte allen die Spitze. – Verdorre, Garten! und sei in Zukunft ein Begräbnisplatz für alle, die in diesem Hause wohnen, weil in dir die unüberwindliche Seele Cades entflohn ist.

Iden. Schlug ich den greulichen Verräter Cade?
Du sollst geweiht sein, Schwert, für diese That,
Und nach dem Tod mir übers Grab gehängt.
Nie sei dies Blut gewischt von deiner Spitze,
Wie einen Heroldsmantel sollst du's tragen,
Um zu verkünden deines Herren Ruhm,

Cade. Iden, leb wohl, und sei stolz auf deinen Sieg. Sage den Kentern von meinetwegen, daß sie ihren besten Mann verloren haben, und ermahne alle Welt feige Memmen zu sein; denn ich, der ich mich nie vor keinem gefürchtet, muß dem Hunger erliegen, nicht der Tapferkeit.

(Stirbt.)

Iden. Wie du zu nah mir thust, sei Gott mein Zeuge.
Stirb, deren Fluch, die dich gebar, Verruchter!
Und wie mein Schwert dir deinen Leib durchstieß,
So stieß' ich gern zur Hölle deine Seele.
Ich schleife häuptlings fort dich an den Fersen
Auf einen Misthauf, wo dein Grab soll sein;
Da hau' ich ab dein frevelhaftes Haupt,
Das ich zum König im Triumph will tragen,
Den Krähn zur Speise lassend deinen Rumpf.

(Ab mit der Leiche, die er hinausschleift.)

 


 

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