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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der Sechste

William Shakespeare: König Heinrich der Sechste - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleW. Shakespeare's Dramatische Werke
authorWilliam Shakespeare
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleKönig Heinrich der Sechste
pages82
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Dritter Aufzug.

Erste Scene.

Die Abtei zu Bury. (König Heinrich, Königin Margareta, Kardinal Beaufort, Suffolk, York, Buckingham und andere zum Parlament.)

König Heinrich. Mich wundert, daß Mylord von Gloster fehlt.
Er pflegt sonst nicht der letzte Mann zu sein,
Was für ein Anlaß auch ihn jetzt entfernt.

Königin. Könnt ihr nicht sehn, und wollt ihr nicht bemerken,
Wie fremd sich sein Gesicht verwandelt hat?
Mit welcher Majestät er sich beträgt?
Wie übermütig er seit kurzem ward,
Wie stolz, wie herrisch und sich selbst nicht gleich?
Ich weiß die Zeit, da er noch mild und freundlich war,
Und warfen wir nur einen Blick von fern,
Gleich war er auf den Knieen, daß der Hof
Voll von Bewundrung war für seine Demut.
Doch trefft ihn jetzt, und sei es morgens früh,
Wann jedermann die Tageszeit doch bietet,
Er zieht die Brau'n, und zeigt ein zornig Auge,
Und geht mit ungebognem Knie vorbei,
Die Schuldigkeit, die uns gebührt, verschmähend.
Man achtet kleiner Hunde Murren nicht,
Doch Große zittern, wenn der Löwe brüllt.
Und Humphrey ist kein kleiner Mann in England.
Erst merkt, daß er euch nah ist von Geburt,
Und, wenn ihr fallt, der nächste wär zum Steigen.
Drum, däucht mir, ist es keine Politik,
Erwogen, welchen Groll er trägt im Herzen,
Und daß sein Vorteil eurem Hintritt folgt,
Daß er zu eurer fürstlichen Person
Und Euer Hoheit Rat den Zutritt habe.
Des Volkes Herz gewann ihm Schmeichelei,
Und wenn's ihm einfällt, Aufstand zu erregen,
So ist zu fürchten, alles folgt ihm nach.
Jetzt ist es Frühling, und das Unkraut wurzelt
Nur flach noch; duldet's jetzt, so wuchert es
Im ganzen Garten und erstickt die Kräuter
Aus Mangel einer fleiß'gen Landwirtschaft.
Die ehrerbiet'ge Sorg um meinen Herrn
Ließ mich im Herzog die Gefahren lesen.
Wenn's thöricht ist, nennt's eine Weiberfurcht,
Und, können bessre Gründe sie verdrängen,
Gesteh' ich gern, ich that zu nah dem Herzog.
Mylord von Suffolk, Buckingham und York,
Stoßt um das angeführte, wenn ihr könnt,
Wo nicht, laßt meine Worte giltig sein.

Suffolk. Wohl schaut Eu'r Hoheit diesen Herzog durch.
Und hätt' ich erst die Meinung äußern sollen,
Ich hätt' in Euer Gnaden Sinn gestimmt.
Die Herzogin begann auf seinen Antrieb,
So wahr ich lebe, ihre Teufelskünste;
Und war er nicht Mitwisser dieser Schuld,
Doch hat Erwägung seiner hohen Abkunft,
Da nach dem König er zum Thron der nächste,
Die hirnverbrannte Herzogin gereizt,
Böslich nach unsers Fürsten Fall zu trachten.
Wo tief der Bach ist, läuft das Wasser glatt,
Und sein so schlichter Schein herbergt Verrat;
Der Fuchs bellt nicht, wann er das Lamm will stehlen.
Nein, nein, mein König! Gloster ist ein Mann,
Noch unergründet, und voll tiefen Trugs.

Kardinal. Erfand er, dem Gesetz zuwider, nicht
Für kleine Fehler fremde Todesarten?

York. Und hob er nicht in der Protektorschaft
Im Reiche große Summen Gelds für Sold
Des Heers in Frankreich, den er niemals sandt',
Weshalb die Städte täglich sich empörten?

Buckingham. Pah! dies sind kleine Fehler neben jenen
Verborgnen, welche bald die Zeit ans Licht
Am gleißnerischen Herzog Humphrey bringt.

König Heinrich. Mylords, mit eins: die Sorge, die ihr tragt,
Die Dornen wegzumähn vor unsern Füßen,
Heischt Lob; doch soll ich nach Gewissen reden?
So rein ist Oheim Gloster, auf Verrat
An unsrer fürstlichen Person zu sinnen,
Als eine sanfte Taub', ein säugend Lamm;
Der Herzog ist zu tugendsam und mild,
Er träumt kein Arg, und sucht nicht mein Verderben.

Königin. Ah, wie gefährlich ist dies blinde Zutraun!
Er eine Taub'? Entlehnt ist sein Gefieder,
Denn wie der arge Rab' ist er gesinnt.
Ist er ein Lamm? Sein Fell muß ihm gelieh'n sein,
Denn räuberischen Wölfen gleicht sein Mut.
Wer trügen will, kann einen Schein wohl stehlen.
Herr, seht euch vor: die Wohlfahrt von uns allen
Hängt an dem Fallen dieses falschen Manns.

(Somerset tritt auf.)

Somerset. Heil meinem gnäd'gen Herrn!

König Heinrich.                                         Seid uns willkommen,
Lord Somerset! Was gibt's in Frankreich Neues?

Somerset. Daß alles euer Teil an dort'gen Landen
Euch gänzlich ist benommen, alles hin.

König Heinrich. Schlimm Glück, Lord Somerset!
Doch, wie Gott will.

York (beiseite).
Schlimm Glück für mich! Ich hatt' auf Frankreich Hoffnung
So fest ich auf das reiche England hoffe.
So sterben meine Blüten in der Knospe,
Und Raupen zehren meine Blätter weg:
Allein in kurzem steur' ich diesem Handel,
Sonst kauft mein Anspruch mir ein rühmlich Grab.

(Gloster tritt auf.)

Gloster. Heil sei und Glück dem König, meinem Herrn.
Vergebt, mein Fürst, daß ich so lang' verzog.

Suffolk. Nein, Gloster, wisse, du kamst allzufrüh,
Du müßtest treuer, als du bist, denn sein:
Denn ich verhafte dich um Hochverrat.

Gloster. Gut, Suffolk, nicht erröten sollst du mich,
Noch Mienen ändern sehn um den Verhaft:
Ein fleckenloses Herz zagt nicht so leicht.
Der reinste Quell ist nicht so frei von Schlamm,
Als ich's bin von Verrat an meinem Herrn.
Wer klagt mich an, und wessen bin ich schuldig?

York. Man glaubt, Mylord, daß Frankreich euch bestochen,
Und daß ihr unterschlugt der Truppen Sold,
Was Seine Hoheit dann um Frankreich brachte.

Gloster. Man glaubt es nur? Wer sind sie, die das glauben?
Ich raubte nie den Truppen ihren Sold,
Und hatte keinen Pfennig je von Frankreich.
So helf mir Gott, wie ich des Nachts gewacht,
Ja Nacht für Nacht, auf Englands Wohlfahrt sinnend.
Der Deut, den ich dem König je entrungen,
Der Grosche, den ich aufgehäuft für mich,
Sei am Gerichtstag wider mich gebracht.
Nein, manches Pfund von meinen eignen Mitteln,
Weil ich das dürft'ge Volk nicht wollte schatzen,
Hab' ich an die Besatzungen gezahlt,
Und meinen Vorschuß nie zurück verlangt.

Kardinal. Es steht euch an, Mylord, das zu behaupten.

Gloster. Ich sag' die Wahrheit nur, so Gott mir helfe.

York. In der Protektorschaft erfandet ihr
Für Missethäter unerhörte Martern,
Daß England ward verschrie'n um Tyrannei.

Gloster. Weiß doch ein jeder, daß ich als Protektor
Allein des Mitleids Fehler an mir hatte.
Ich schmolz bei eines Missethäters Thränen,
Demüt'ge Worte lösten ihr Vergehn.
War's nicht ein blut'ger Mörder, oder Dieb,
Der tückisch arme Reisende geplündert,
So gab ich niemals die verwirkte Strafe.
Mord zwar, die blut'ge Sünde, martert' ich
Noch über Diebstahl, oder was auch sonst.

Suffolk. Herr, dies sind leichte Fehl', und bald entschuldigt,
Doch größerer Verbrechen zeiht man euch.
Wovon ihr nicht so leicht euch rein'gen könnt.
Ich geb' euch Haft in Seiner Hoheit Namen,
Und überliefr' euch dem Lord Kardinal
Auf ferneres Verhör euch zu verwahren.

König Heinrich. Ich hoff' absonderlich, Mylord von Gloster,
Von allem Argwohn euch befreit zu sehn.
Ihr seid unschuldig, sagt mir mein Gewissen.

Gloster. Ach, gnäd'ger Herr, gefahrvoll ist die Zeit!
Die Tugend wird erstickt vom schnöden Ehrgeiz,
Und Nächstenliebe fortgejagt vom Groll;
Gehäss'ge Anstiftungen walten vor,
Und Billigkeit ist aus dem Reich verbannt,
Ich weiß, ihr Anschlag zielet auf mein Leben;
Und wenn mein Tod dies Eiland glücklich machen
Und ihre Tyrannei beenden könnte,
Ich gäb' es dran mit aller Willigkeit.
Doch meiner ist nur ihres Stücks Prolog,
Mit tausenden, die noch Gefahr nicht träumen,
Ist ihr entworfnes Trauerspiel nicht aus.
Beauforts rot funkelnd Aug' schwatzt seinen Groll aus,
Und Suffolks düstre Stirn den stürm'schen Haß;
Der scharfe Buckingham entladet sich
Der häm'schen Last des Herzens mit der Zunge;
Der mürr'sche York, der nach dem Monde greift,
Und dess' vermess'nen Arm ich rückwärts riß,
Zielt mir mit falscher Klage nach dem Leben.
Und ihr auch, meine Fürstin, mit den andern,
Habt grundlos Schmähung auf mein Haupt gelegt,
Und meinen besten Oberherrn gereizt,
Mit eifrigstem Bemühn, mein Feind zu sein.
Ja, alle stackt zusammen ihr die Köpfe,
Ich wußte selbst von euren Konventikeln,
Und bloß mein schuldlos Leben wegzuschaffen.
Mich zu verdammen gibt's wohl falsche Zeugen,
Und Haufen von Verrat, die Schuld zu mehren;
Das alte Sprichwort wird bewährt sich zeigen:
Einen Hund zu schlagen, find't sich bald ein Stock.

Kardinal. Mein Oberherr, sein Schmähn ist unerträglich.
Wenn die, so eure fürstliche Person
Vor des Verrats verstecktem Dolch bewahren,
Getadelt so, gehöhnt, gescholten werden,
Und man dem Schuld'gen Raum zu reden gibt,
Es muß den Eifer für Eu'r Gnaden kühlen.

Suffolk. Hat er nicht unsre Fürstin hier gezwackt
Mit schmäh'nden Worten, klüglich zwar gestellt,
Als ob sie Leute angestiftet hätte
Zum Umsturz seiner Würde falsch zu schwören?

Königin. Ich kann ja den Verlierer schelten lassen.

Gloster. Viel wahrer als ihr's meintet! Wohl verlier' ich:
Fluch den Gewinnern, denn sie spielten falsch!
Wer so verliert, der hat wohl Recht zu reden.

Buckingham. Er wird mit Deuteln hier den Tag verbringen.
Lord Kardinal, er ist in eurer Haft.

Kardinal. Ihr, bringt den Herzog fort, verwahrt ihn sicher.

Gloster. Ach, so wirft Heinrich seine Krücke weg,
Eh' seine Beine stark sind, ihn zu tragen;
So schlägt man dir den Schäfer von der Seite,
Und Wölfe blecken, wer dich erst soll schlingen.
Ach, wäre meine Furcht, wär' sie doch Wahn!
Dein Unheil, guter König, seh ich nahn.

(Einige aus dem Gefolge mit Gloster ab.)

König Heinrich. Lords, was das beste eurer Weisheit dünkt,
Beschließt, verwerft, als ob wir selbst hier wären.

Königin. Eu'r Hoheit will das Parlament verlassen?

König Heinrich. Ja, Margareta. Gram ertränkt mein Herz,
Und seine Flut ergießt sich in die Augen;
Umgürtet ist mein Leib mit Elend ganz,
Denn kann elender was als Mißmut sein?
Ach, Oheim Humphrey! dein Gesicht enthält
Den Abriß aller Ehr' und Biederkeit,
Und noch, du Guter, soll die Stunde kommen,
Wo ich dich falsch erprobt, und dir mißtraut.
Welch finstrer Stern beneidet jetzt dein Glück,
Daß diese großen Lords und mein Gemahl
Dein harmlos Leben zu verderben trachten?
Du kränktest niemals sie, und kränktest keinen;
Und wie das Kalb der Metzger nimmt und bindet's,
Und schlägt das arme, wenn es abwärts schweift,
So haben sie ihn grausam weggeführt.
Und wie die Mutter brüllend läuft umher,
Hinsehend, wo ihr Junges von ihr geht,
Und kann nichts thun, als um ihr Herzblatt jammern:
So jammr' ich um des guten Glosters Fall
Mit hilflos leid'gen Thränen, seh' ihm nach
Mit trübem Aug', und kann nichts für ihn thun,
So mächtig sind, die Feindschaft ihm geschworen.
Drum will ich gehn und weinen um sein Los,
Und zwischen jedem Aechzen sag' ich immer:
Wer ist Verräter? Gloster nun und nimmer! (Ab.)

Königin. Ihr freien Lords, Schnee schmilzt vom Sonnenstrahl.
Heinrich, mein Gatt', ist kalt in großen Dingen,
Zu voll von blödem Mitleid; und Glosters Schein
Bethört ihn, wie das traur'ge Krokodil
Mit Weh gerührte Wanderer bestrickt,
Wie eine Schlang', aus Blumenhöhn geringelt,
Mit gleißend buntem Balg, den Knaben sticht,
Dem sie der Schönheit halb vortrefflich dünkt.
Glaubt mir, wenn niemand weiser wär' als ich,
(Und doch lob' ich hierin den eignen Witz)
Der Gloster würde dieser Welt bald los,
Von unsrer Furcht vor ihm uns los zu machen.

Kardinal. Zwar, daß er sterb', ist würd'ge Politik,
Doch braucht's Beschönigung für seinen Tod.
Man muß ihn nach des Rechtes Lauf verdammen.

Suffolk. Nach meinem Sinn wär' das nicht Politik.
Der König wird sich müh'n für seine Rettung;
Das Volk steht auf vielleicht für seine Rettung;
Und dennoch haben wir nur kahlen Grund,
Mehr als Verdacht, des Tod's ihn wert zu zeigen.

York. Demnach begehrt ihr seinen Tod nicht sehr.

Suffolk. Ah York, kein Mensch auf Erden wünscht ihn mehr!

York. York hat am meisten Grund zu seinem Tod. –
Doch, Mylord Kardinal, und ihr, Mylord von Suffolk,
Sagt, wie ihr denkt, und sprecht vom Herzen weg:
Wär's nicht all eins, den hungrigen Adler setzen
Zum Schutz des Küchleins vor dem gier'gen Geier,
Und Herzog Humphrey zum Protektor stellen?

Königin. So wär' des armen Küchleins Tod gewiß.

Suffolk. Ja, gnäd'ge Frau; und wär's nicht Raserei
Dem Fuchs der Hürde Aufsicht zu vertraun?
Verklagte man als schlauen Mörder ihn,
So würd' es seine Schuld nur schlecht bemänteln,
Daß er den Vorsatz noch nicht ausgeführt.
Nein, sterb' er, sintemal ein Fuchs er ist,
Als Feind der Herde von Natur bewährt,
Eh' purpurn Blut den Rachen ihm befleckt;
Wie Gloster unsers Herrn erwiesner Feind.
Und hängt an Skrupeln nicht, wie man ihn töte:
Sei es mit Fallen, Schlingen, Schlauigkeit,
Im Schlaf, im Wachen, das gilt alles gleich,
Ist er nur tot: denn das ist guter Trug,
Der den erst schlägt, der erst sich legt auf Trug.

Königin. Du sprichst entschlossen, dreimal edler Suffolk!

Suffolk. Entschlossen nicht, wenn es nicht auch geschieht,
Denn oft sagt man ein Ding, und meint es nicht.
Doch daß mein Herz mit meiner Zunge stimmt,
Weil für verdienstlich ich die That erkenne,
Und meinen Herrn von seinem Feind zu retten:
Sagt nur das Wort, ich will sein Priester sein.

Kardinal. Ich aber wünscht' ihn tot, Mylord von Suffolk,
Eh' ihr euch könnt zum Priester weihen lassen.
Sagt, ihr stimmt bei und heißet gut die That,
Und einen Henker will ich ihm besorgen,
So wert ist mir des Fürsten Sicherheit.

Suffolk. Hier meine Hand, die That ist thuenswert.

Königin. Das sag' auch ich.

York. Und ich; und nun wir drei es ausgesprochen,
Verschlägt's nicht viel, wer unsern Spruch bestreitet.

(Ein Bote tritt auf.)

Bote. Ihr großen Lords, von Irland eilt' ich her,
Zu melden, daß Rebellen dort erstanden,
Die mit dem Schwert die Englischen vertilgen.
Schickt Hilfe, Lords, und hemmt die Wut beizeiten,
Bevor die Wunde noch unheilbar wird;
Denn, da sie frisch, steht Hilfe sehr zu hoffen.

Kardinal. Ein Bruch, der schleunigst ausgefüllt muß werden!
Was ratet ihr bei diesem wicht'gen Fall?

York. Daß Somerset gesandt werd' als Regent.
Den glücklichen Regierer muß man brauchen;
Das Glück bezeugt's, das er in Frankreich hatte.

Somerset. Wenn York mit all der feinen Politik
Statt meiner dort Regent gewesen wäre,
Er wär' in Frankreich nicht so lang geblieben.

York. Nein, nicht wie du, um alles zu verlieren,
Mein Leben hätt' ich zeitig eh' verloren,
Als eine Last von Schande heimzubringen,
Durch Bleiben, bis verloren alles war.
Zeig' eine Narb' auf deiner Haut geritzt!
Nicht leicht gewinnt, wer so den Leib beschützt.

Königin. Ja, dann wird dieser Funk' ein wütend Feuer,
Wenn Wind und Zunder, ihn zu nähren, kommt.
Nicht weiter, guter York! still, lieber Somerset!
Dein Glück, York, wärst du dort Regent gewesen,
Es konnte leicht weit schlimmer sein als sein's.

York. Wie? schlimmer als nichts? Ja dann, Schand' über alles!

Somerset. Und über dich zugleich, der Schande wünscht!

Kardinal. Mylord von York, versucht nun euer Glück.
Die rohen Kerns von Irland sind in Waffen,
Und feuchten Leim mit Blut der Englischen.
Wollt ihr nach Irland führen eine Schar
Erlesne Leut', aus jeder Grafschaft ein'ge,
Und euer Glück im ir'schen Krieg versuchen?

York. Ja, wenn es Seiner Majestät beliebt.

Suffolk. Ei, unser Wort ist seine Beistimmung,
Und, was wir festgesetzt, bestätigt er.
Drum, edler York, nimm dies Geschäft auf dich.

York. Ich bin's zufrieden, schafft mir Truppen, Lords,
Indes ich Ordnung stell' in meinen Sachen.

Suffolk. Ein Amt, Lord York, das ich besorgen will.
Doch kommt nun wieder auf den falschen Humphrey.

Kardinal. Nichts mehr von ihm: ich will's mit ihm so machen,
Daß er uns ferner nicht beschweren soll.
Der Tag ist fast vorbei, laßt auf uns brechen;
Lord Suffolk, ihr und ich, müßt von dem Ausgang sprechen.

York. Mylord von Suffolk, binnen vierzehn Tagen
Erwart' ich nun zu Bristol meine Macht;
Denn dorten schiff' ich sie nach Irland ein. –

Suffolk. Es soll mit Fleiß geschehn, Mylord von York.

(Alle ab außer York.)

York. Jetzt oder nie, York, stähle die Gedanken
Voll Sorg' und wandle Zweifel im Entschluß.
Sei, was du hoffst zu sein, sonst beut dem Tode
Das, was du bist; 's ist nicht genießenswert.
Laß bleiche Furcht bei niedern Menschen hausen,
Nicht einer königlichen Brust sich nahn.
Wie Frühlingsschauer strömen die Gedanken,
Und kein Gedanke, der nicht Würde denkt.
Mein Hirn, geschäft'ger als die fleiß'ge Spinne,
Webt mühsam Schlingen zu der Feinde Fang.
Gut, Edle, gut! Ihr thut politisch dran,
Mit einem Heer mich auf die Seit' zu schicken.
Ich sorg', ihr wärmt nur die erstorbne Schlange,
Die euch, gehegt am Busen, stechen wird.
Ich brauchte Menschen, und ihr gebt sie mir,
Das nehm' ich gut: doch seid gewiß, ihr gebt
In eines Tollen Hände scharfe Waffen.
Weil ich ein mächtig Heer in Irland nähre
Will ich in England starken Sturm erregen,
Der an zehntausend Seelen schleudern soll
Zu Himmel oder Höll'; und der soll toben
Bis auf dem Haupte mir der goldne Reif,
So wie der hehren Sonne klare Strahlen,
Die Wut des tollerzeugten Wirbels stillt.
Und als das Werkzeug dieses meines Plans
Verführt' ich einen strudelköpf'gen Kenter,
John Cade aus Ashford,
Aufruhr zu stiften, wie er's wohl versteht,
Unter dem Namen von John Mortimer.
In Irland sah ich den unbänd'gen Cade
Sich einer Schar von Kerns entgegensetzen;
Und focht so lang, bis seine Schenkel fast
Von Pfeilen starrten wie ein Stachelschwein;
Und, auf die letzt gerettet, sah ich ihn
Grad' aufrecht springen wie ein Mohrentänzer,
Die blut'gen Pfeile schüttelnd wie die Glocken.
Gar oftmals, als ein zott'ger schlauer Kern,
Hat er Gespräch gepflogen mit dem Feind,
Und ist mir unentdeckt zurückgekommen,
Und hat mir ihre Büberein gemeldet.
Der Teufel sei mein Stellvertreter hier,
Denn dem John Mortimer, der jetzt gestorben,
Gleicht er von Angesicht, von Sprach' und Gang.
Daran werd' ich des Volks Gesinnung merken,
Ob sie geneigt dem Haus und Anspruch Yorks.
Nehmt an, man fing' ihn, quält' und foltert' ihn:
Ich weiß, kein Schmerz, den sie ihm können anthun,
Preßt es ihm aus, daß ich ihn angestiftet.
Setzt, ihm gelingt's, wie's allen Anschein hat,
Ja, dann komm' ich mit meiner Macht von Irland,
Und ernte, was der Bube hat gesät.
Denn, ist nur Humphrey tot, was bald wird sein,
Und Heinrich weggeschafft, wird alles mein. (Ab.)


Zweite Scene.

Bury. Ein Zimmer im Palast (Ein paar Mörder kommen eilig herein.)

Erster Mörder. Lauft zu dem Lord von Suffolk, meldet ihm
Daß wir den Herzog nach Befehl befördert.

Zweiter Mörder. O wär' es noch zu thun! Was thaten wir?
Hast jemals wen bußfertiger gesehn?

(Suffolk tritt ein.)

Erster Mörder. Da kommt Mylord.

Suffolk. Nun, Leute, habt ihr's abgethan?

Erster Mörder. Ja, bester Herr, er ist tot.

Suffolk. Nun, das ist schön. Geht, macht euch in mein Haus,
Ich will euch lohnen für die dreiste That.
Der König und die Pairs sind hier zur Hand;
Habt ihr das Bett zurecht gelegt? und alles
In Ordnung so, wie ich euch angewiesen?

Erster Mörder. Ja, bester Herr.

Suffolk. Fort! packt euch!

(Die Mörder ab.)

(König Heinrich, Königin Margareta, Kardinal Beaufort, Somerset und andere treten auf.)

König Heinrich. Geht, ladet unsern Oheim gleich hieher,
Wir wollen Seine Gnaden heut verhören,
Wiefern er schuldig ist nach dem Gerücht.

Suffolk. Ich will sogleich ihn rufen, gnäd'ger Herr.

König Heinrich. Lords, nehmt euch Plätze. – Und ich bitt' euch alle,
Verfahrt nicht schärfer gegen unsern Oheim,
Als er auf wahrhaft Zeugnis, guter Art,
In seinen Thaten schuldig wird erkannt.

Königin. Verhüte Gott, daß irgend Tücke walte,
Die schuldlos einen Edelmann verdammt.
Gott gebe, daß er von Verdacht sich löst.

König Heinrich. Margareta, habe Dank! Dies Wort erfreut mich sehr. –
Nun, warum siehst du bleich? was zitterst du?
Wo ist mein Oheim? Was ist begegnet, Suffolk?

Suffolk. Herr, tot in seinem Bett; Gloster ist tot.

Königin. Verhüt' es Gott!

Kardinal. Das sind die heimlichen Gerichte Gottes.
Ich träumte diese Nacht, stumm sei der Herzog,
Und nicht im stand, ein einzig Wort zu sprechen.

Königin. Was macht mein Fürst? – Helft, Lords! der König stirbt.

Somerset. Man richt' ihn auf, man kneip' ihn an der Nase.

Königin. Lauft, geht, helft, helft! – O Heinrich, schlag die Augen auf!

Suffolk. Er lebt schon auf; seid ruhig, gnäd'ge Frau.

König Heinrich. O großer Gott!

Königin.                                         Wie fühlt sich mein Gemahl?

Suffolk. Getrost, mein Fürst! getrost, mein gnäd'ger Heinrich!

König Heinrich. Wie, will Mylord von Suffolk mich getrösten?
Sang er nicht eben mir ein Rabenlied,
Dess' grauser Ton die Lebenskräfte hemmte;
Und denkt er nun, daß des Zaunkönigs Zirpen,
Indem es Trost zuruft aus hohler Brust,
Den erst vernommnen Laut verjagen kann?
Birg nicht dein Gift in solchen Zuckerworten,
Leg nicht die Händ' an mich, ich sage, laß,
Wie Schlangenstiche schreckt mich ihr Berühren.
Unsel'ger Bot', aus dem Gesicht mir fort!
Auf deinen Augen sitzt in grauser Hoheit
Mördrische Tyrannei, die Welt zu schrecken.
Sieh mich nicht an, dein Auge blickt verwundend –
Und dennoch, geh nicht weg! komm, Basilisk,
Und töte den unschuldigen Betrachter!
Denn in des Todes Schatten find ich Lust,
Im Leben zwiefach Tod, da Gloster hin.

Königin. Was scheltet ihr Mylord von Suffolk so?
Wiewohl der Herzog ihm ein Feind gewesen,
Beklagt er doch höchst christlich seinen Tod.
Was mich betrifft, so sehr er Feind mir war,
Wenn helle Thränen, herzbeklemmend Stöhnen
Und blutverzehrend Seufzen ihn erweckte:
Ich wollte blind mich weinen, krank mich stöhnen,
Bleich sehn von Seufzern, die das Blut wegtrinken,
Und alles um des edlen Herzogs Leben.
Wie weiß ich, was die Welt von mir wohl meint?
Denn unsre hohle Freundschaft war bekannt,
Man glaubt vielleicht, ich hab' ihn weggeräumt.
So wird Verleumdung meinen Ruf verwunden,
Und Fürstenhöfe füllt mein Vorwurf an.
Dies schafft sein Tod mir. Ach, ich Unglücksel'ge!
Gekrönt mit Schande Königin zu sein!

König Heinrich. Ach, Weh um Gloster, um den armen Mann!

Königin. Wehklag' um mich, die ärmer ist, als er.
Wie? wendest du dich weg, und birgst dein Antlitz?
Kein Aussatz macht mich scheußlich, sieh mich an.
Was? bist du wie die Natter taub geworden?
Sei giftig auch, und stich dein arm Gemahl.
Ist all dein Trost in Glosters Grab verschlossen?
Ja, dann war nie Margreta deine Lust;
Dann stell' ihn auf in Marmor, bet' ihn an,
Und laß mein Bild ein Bierhausschild nur sein.
War's darum, daß ich fast zur See gescheitert?
Daß unbequemer Wind von Englands Küste
Mich zweimal rückwärts nach der Heimat trieb?
Was deutet' es, als daß der Wind wohlmeinend
Zu warnen schien: Such kein Skorpionennest,
Und fuße nicht an dem feindsel'gen Strand!
Was that ich, als den wilden Stürmen fluchen,
Und dem, der sie aus ehrner Höhle ließ?
Und hieß sie wehn nach Englands Segensstrand,
Wo nicht, auf starren Fels das Steuer treiben?
Doch wollte Aeolus kein Mörder sein,
Dir überließ er das verhaßte Amt.
Es weigerte die spielend hohe See
Mich zu ertränken, wissend, daß du mich
Am Lande würdest durch unfreundlich Wesen
In Thränen, salzig wie die See, ertränken.
Die Klippen senkten sich in flachen Sand,
Mich nicht an ihren Zacken zu zerschmettern,
Daß, härter noch als sie, dein Kieselherz
In deinem Schloß verdürbe Margareten.
So weit ich deine Kreidefelsen spähte,
Als uns der Sturm zurück vom Ufer schlug,
Stand in dem Wetter ich auf dem Verdeck;
Und als der Dunst um deines Landes Anblick
Mein emsig gaffend Aug begann zu täuschen,
Nahm ich vom Hals ein köstliches Juwel,
(Es war ein Herz, gefaßt in Diamanten)
Und warf's dem Lande zu: die See empfing es,
Und so, wünscht ich, möcht auch dein Leib mein Herz,
Und jetzt verlor ich Englands holden Anblick,
Und hieß die Augen mit dem Herzen wandern,
Und nannte blinde trübe Brillen sie,
Weil ihnen Albions teure Küste schwand.
Wie oft versucht ich Suffolks Zunge nicht,
Die Botin deines schnöden Unbestands,
Mich zu bezaubern, wie Ascanius that,
Wann er der irren Dido all die Thaten
Des Vaters machte kund seit Trojas Brand!
Schwärm ich nicht so wie sie? Bist du nicht falsch wie er?
Weh mir, ich kann nicht mehr! Stirb, Margareta!
Denn Heinrich weint, daß ich so lang gelebt.

(Draußen Getöse. Warwick und Salisbury treten auf. Das Volk drängt sich zur Thüre herein.)

Warwick. Es will verlauten, mächt'ger Oberherr,
Der gute Herzog Humphrey sei von Suffolk
Und Kardinal Beaufort meuchlerisch ermordet.
Das Volk, wie ein erzürnter Bienenschwarm,
Der seinen Führer mißt, schweift hin und her,
Und fragt nicht, wen es sticht in seiner Wut.
Ich stillte selbst die wilde Meuterei,
Bis sie den Hergang seines Todes hören.

König Heinrich. Sein Tod ist, guter Warwick, allzu wahr!
Doch wie er starb, Gott weiß es, Heinrich nicht.
Geht in sein Zimmer, schaut den Leichnam an,
Und macht die Deutung seines jähen Tods.

Warwick. Das will ich thun, mein Fürst. – Bleib, Salisbury,
Beim rohen Haufen, bis ich wiederkehre.

König Heinrich. O du, der alles richtet, hemm in mir
Gedanken, welche mein Gemüt bereden,
Gewaltsam sei an Humphrey Hand gelegt!
Wenn falsch mein Argwohn ist, verzeih mir, Gott!
Denn das Gericht gebühret einzig dir.
Gern möcht ich seine bleichen Lippen wärmen
Mit tausend Küssen, und auf sein Gesicht
Einen Ozean von salzen Thränen schwemmen;
Dem tauben Körper meine Liebe sagen,
Und die fühllose Hand mit meiner fühlen;
Doch all umsonst ist diese Leichenfeier,
Und so sein tot und irdisch Bild beschaun,
Was wär es, als mein Leid nur größer machen?

(Die Flügelthüre eines innern Zimmers öffnet sich und man sieht den Gloster tot in seinem Bette. Warwick und andere stehen umher.)

Warwick. Kommt her, mein gnäd'ger Fürst, seht diese Leiche.

König Heinrich. Das heißt, wie tief mein Grab gemacht ist, sehn:
Mit seiner Seele floh mein weltlich Heil,
Ihn sehend, seh ich nur im Tod mein Leben.

Warwick. So sicher meine Seele hofft zu leben
Bei jenem furchtbarn König, der auf sich
Den Stand der Menschen nahm, uns zu befrein
Von dem ergrimmten Fluche seines Vaters,
Glaub ich, es ward gewaltsam Hand gelegt
An dieses hochberühmten Herzogs Leben.

Suffolk. Ein grauser Eid, und feierlich geschworen!
Was führt Lord Warwick an für seinen Schwur?

Warwick. Seht, wie sein Blut sich ins Gesicht gedrängt!
Oft sah ich einen zeitig Abgeschiednen,
Aschfarb von Ansehn, mager, bleich und blutlos,
Weil alles sich ums Herz hinabgezogen,
Das in dem Kampf, den mit dem Tod es hält,
Es an sich zieht zur Hilfe wider seinen Feind,
Wo's mit dem Herzen kalt wird, und nicht rückkehrt
Die Wangen noch zu röten und verschönen.
Doch sein Gesicht ist schwarz und voller Blut,
Die Augen mehr heraus als da er lebte,
Entsetzlich starrend, dem Erwürgten gleich,
Das Haar gesträubt, die Nüstern weit vom Ringen,
Die Hände ausgespreizt, wie wer nach Leben
Noch zuckt' und griff, und überwältigt ward.
Schaut auf die Laken, seht sein Haar da kleben,
Sein wohlgestalter Bart verworr'n und rauh,
So wie vom Sturm gelagert Sommerkorn.
Es kann nicht anders sein, er ward ermordet;
Das kleinste dieser Zeichen wär beweisend.

Suffolk. Wer, Warwick, sollt ihm wohl den Tod anthun?
Ich selbst und Beaufort hatten ihn in Obhut;
Und wir, ich hoffe, Herr, sind keine Mörder.

Warwick. Doch war't ihr zwei geschworne Feinde Humphreys
Und mußtet, traun! den guten Herzog hüten.
Ihr pflegtet ihn als Freund vermutlich nicht,
Und, wie sich's kundgibt, fand er einen Feind.

Königin. So scheint's, ihr argwöhnt diese hohen Lords
Als am unzeit'gen Tod des Herzogs schuldig.

Warwick. Wer findet tot das Rind und frisch noch blutend,
Sieht dicht dabei den Metzger mit dem Beil,
Und argwöhnt nicht, daß der es abgeschlachtet?
Wer find't das Rebhuhn in des Habichts Nest,
Der sich nicht vorstellt, wie der Vogel starb,
Fliegt schon der Geier mit unblut'gem Schnabel?
Ganz so verdächtig ist dies Trauerspiel.

Königin. Seid ihr der Schlächter, Suffolk? Wo ist eu'r Messer?
Heißt Beaufort Geier? Wo sind seine Klau'n?

Suffolk. Kein Messer trag ich, Schlafende zu schlachten;
Doch hier ein rächend Schwert, von Ruh gerostet,
Das will ich dem im tück'schen Herzen scheuern,
Der mit des Mordes Purpurmal mich brandmarkt.
Sag, stolzer Lord von Warwick, wo du darfst,
Ich habe Schuld an Herzog Humphreys Tod.

(Der Kardinal, Somerset und andere ab.)

Warwick. Was darf, getrotzt vom falschen Suffolk, Warwick nicht?

Königin. Er darf nicht seinen Schmälungsgeist bezähmen,
Noch abstehn von der übermüt'gen Rüge,
Und trotzt ihn Suffolk zwanzigtausendmal.

Warwick. Still, gnäd'ge Frau! Ich sag's mit aller Achtung:
Denn jedes Wort, zu Gunsten ihm gesprochen,
Bringt eurer königlichen Würde Schimpf.

Suffolk. Stumpfsinn'ger Lord, unedel im Betragen!
Wenn je ein Fräulein den Gemahl so kränkte,
Nahm deine Mutter in ihr sträflich Bett
Einen groben unerzognen Bauer auf,
Und impfte auf den edlen Stamm das Reis
Von einem Wildling, dessen Frucht du bist,
Und nimmer von des Nevils edlem Stamm.

Warwick. Nur daß die Schuld des Mordes dich beschirmt,
Und ich den Henker brächt um seinen Lohn,
Von tausendfacher Schande so dich lösend;
Und daß mich meines Fürsten Beisein sänftigt:
Sonst wollt ich, falsche mörderische Memme,
Dich auf den Knie'n für die geführte Rede
Verzeihung bitten und dich sagen lassen,
Du habest deine Mutter nur gemeint,
Und seist nach Bastardweise selbst erzeugt;
Und, nach der ganzen Huldigung aus Furcht,
Gäb' ich den Sold dir, schickte dich zur Hölle,
Blutsauger, der die Schlafenden vertilgt!

Suffolk. Wann ich dein Blut vergieße, sollst du wachen,
Wagst du mit mir aus diesem Kreis zu gehn.

Warwick. Fort alsobald, sonst schlepp ich dich hinaus!
Unwürdig, wie du bist, besteh ich dich,
Um Herzog Humphreys Geiste Dienst zu leisten.

(Suffolk und Warwick ab.)

König Heinrich. Gibt's einen Harnisch wie des Herzens Reinheit?
Dreimal bewehrt ist der gerechte Streiter,
Und nackt ist der, obschon in Stahl verschlossen,
Dem Unrecht das Gewissen angesteckt.

(Man hört draußen Lärm.)

Königin. Was für ein Lärm?

(Suffolk und Warwick kommen mit gezogenen Degen zurück.)

König Heinrich. Nun, Lords? Entblößt hier die ergrimmten Waffen
In unserm Beisein? Dürft ihr's euch vermessen?
Was gibt es hier für Schreien und Tumult?

Suffolk. Der falsche Warwick und das Volk von Bury
Stürmt alles auf mich ein, erhabner Fürst.

Salisbury. Halt! Eu'r Begehren soll der König wissen. –
Euch meldet, hoher Herr, das Volk durch mich,
Wird nicht der falsche Suffolk gleich gerichtet,
Oder verbannt aus Englands schönem Reich,
So wollen sie aus eurem Schloß ihn reißen,
Und peinlich langsam ihn zu Tode foltern.
Sie sagen, daß der gute Herzog Humphrey
Durch ihn gestorben sei; sie sagen ferner,
Sie fürchten Euer Hoheit Tod von ihm,
Und bloßer Trieb der Lieb und treuen Eifers,
Von frecher widerspenst'ger Absicht frei,
Als wollten eurem Wunsch sie widersprechen,
Geb ihnen ein die Fordrung seines Banns.
Sie sagen, für eu'r hohes Wohl besorgt:
Wenn Eure Hoheit nun zu schlafen dächte,
Und anbeföhle, niemand sollt euch stören
Bei eurer Ungnad oder Todesstrafe;
Doch, ungeachtet solches Strafgebots,
Würd' eine Schlange mit gespaltner Zunge
Hinschleichend zu Eu'r Majestät gesehn,
So wär' es unumgänglich, euch zu wecken,
Auf daß nicht euren Schlummer voller Harm
Das tötliche Gewürm zum ew'gen machte.
Und darum schrein sie, daß sie trotz Verboten
Euch hüten wollen, willig oder nicht,
Vor solchen Schlangen wie der falsche Suffolk,
Durch dess' verderblichen und gift'gen Stich
Eu'r lieber Oheim, zwanzigmal ihn wert,
Des Lebens schändlich, sagen sie, beraubt sei.

Volk (draußen). Bescheid vom Könige, Mylord von Salisbury!

Suffolk. Sehr glaublich, daß das Volk, ein roher Haufe,
Dem Fürsten solche Botschaft senden konnte!
Doch ihr, Mylord, nahmt gern den Auftrag an,
Um eure feine Redekunst zu zeigen.
Doch aller Ruhm, den Salisbury erworben,
Ist, daß er Abgesandter einer Rotte
Von Kesselflickern an den König war.

Volk (draußen). Bescheid vom Könige, wir brechen sonst hinein!

König Heinrich. Geh, Salisbury, und sag von meinetwegen
Für ihr so liebend Sorgen allen Dank;
Und, wär' ich nicht von ihnen aufgefordert,
So hab ich's doch beschlossen, wie sie bitten.
Denn, wahrlich, stündlich prophezeit mein Sinn
Von Suffolks wegen Unheil meinem Thron.
Und drum – ich schwör's bei dessen Majestät,
Dess' ich unwürd'ger Stellvertreter bin, –
Sein Atem soll nicht diese Luft verpesten
Mehr als drei Tage noch, bei Todesstrafe!

(Salisbury ab.)

Königin. O laß mich für den holden Suffolk reden.

König Heinrich. Unholde Königin, ihn hold zu nennen!
Nicht weiter, sag ich; wenn du für ihn redest,
Wirst du nur höher steigern meinen Zorn.
Ich hielte Wort, und hätt' ich's nur gesagt,
Doch wenn ich schwöre, ist's unwiderruflich.
Wenn nach drei Tagen Zeit man hier dich findet
Auf irgend einem Boden, wo ich herrsche,
So kauft die Welt dein Leben nicht mehr los. –
Komm, Warwick! Lieber Warwick, geh mit mir!
Denn Großes hab ich mitzuteilen dir.

(König Heinrich, Warwick, Lords u. s. w. ab.)

Königin. Unheil und Kummer folg euch auf dem Fuß!
Und Herzeleid und bitterste Bedrängnis
Sei'n die Gespielen, die sich euch gesellen!
Sind euer zwei, der Teufel sei der dritte!
Dreifache Rache laur' auf eure Wege!

Suffolk. Halt inne, holde Königin, mit Flüchen:
Laß deinen Suffolk traurig Abschied nehmen.

Königin. Pfui, feiges Weib! weichherziges Geschöpf!
Hast du nicht Mut zu fluchen deinen Feinden?

Suffolk. Weh ihnen! Warum sollt ich sie verfluchen?
Wär Fluchen tödlich wie Alraunenächzen,
So wollt ich bittre scharfe Wort' erfinden,
So rauh, verrucht, und greulich anzuhören,
Durch die geknirschten Zähn' herausgetobt,
Mit so viel Zeichen eingefleischten Hasses,
Als wie der hagre Neid in ekler Höhle.
Die Zunge sollt in heft'ger Rede straucheln,
Die Augen wie geschlagne Kiesel sprühn,
Mein Haar wie einem Rasenden sich sträuben,
Ja, alle Glieder mitzufluchen scheinen;
Und eben jetzt bräch mein belastet Herz,
Wenn ich nicht fluchte. Gift sei ihr Getränk!
Gall, und was bittrer noch, ihr Leckerbissen!
Ihr bester Schatten ein Cypressenwald!
Ihr schönster Anblick grimme Basilisken!
Eidechsenstich' ihr sanftestes Berühren!
Sei ihr Konzert wie Schlangenzischen gräßlich,
Und fall ein Chor von Unglückseulen ein!
Der mächt'gen Hölle wüste Schrecken alle –

Königin. Genug, mein Suffolk, denn du quälst dich selbst,
Und diese Flüche, wie die Sonn' auf Glas,
Wie überladne Büchsen, prallen rückwärts,
Und wenden ihre Stärke wider dich.

Suffolk. Ihr hießt mich fluchen: heißt ihr's nun mich lassen?
Bei diesem Boden, den der Bann mir wehrt!
Leicht flucht ich eine Winternacht hinweg,
Stünd' ich schon nackt auf eines Berges Gipfel,
Wo scharfe Kälte keinen Halm läßt keimen,
Und hielt es nur für 'ner Minute Scherz.

Königin. O, auf mein Flehn laß ab! Gib mir die Hand,
Daß ich mit traur'gen Thränen sie betaue:
Des Himmels Regen netze nie die Stelle,
Mein wehevolles Denkmal wegzuwaschen.
        (Küßt seine Hand.)
O prägt in deine Hand sich dieser Kuß,
Daß, bei dem Siegel, du an diese dächtest,
Durch die ich tausend Seufzer für dich atme!
So mach dich fort, daß ich mein Leid erfahre;
Derweil du noch dabei stehst, ahn ich's nur,
Wie ein Gesättigter an Mangel denkt.
Ich will zurück dich rufen, oder wagen,
Dess' sei gewiß, verbannt zu werden selbst;
Und bin ich doch verbannt, wenn nur von dir.
Geh! Rede nicht mit mir! Gleich eile fort! –
O geh noch nicht! – So herzen sich und küssen
Verdammte Freund', und scheiden tausendmal,
Vor Trennung hundertmal so bang als Tod.
Doch nun fahr wohl! Fahr wohl mit dir mein Leben!

Suffolk. So trifft zehnfacher Bann den armen Suffolk,
Vom König einer, dreimal drei von dir.
Mich kümmert nicht das Land, wärst du von hinnen:
Volkreich genug ist eine Wüstenei,
Hat Suffolk deine himmlische Gesellschaft.
Denn wo du bist, da ist die Welt ja selbst,
Mit all und jeden Freuden in der Welt,
Und wo du nicht bist, hoffnungslose Oede.
Ich kann nicht weiter: leb du froh des Lebens,
Ich über nichts erfreut, als daß du lebst.

(Vaux tritt auf.)

Königin. Wohin geht Vaux so eilig? Sag, was gibt's?

Vaux. Um zu berichten Seiner Majestät,
Kardinal Beaufort lieg' in letzten Zügen.
Denn jählings überfiel ihn schwere Krankheit,
So daß er keucht und starrt und schnappt nach Luft,
Gott lästernd und der Erde Kindern fluchend.
Bald spricht er, als ob Herzog Humphreys Geist
Zur Seit ihm stände; ruft den König bald,
Und flüstert in sein Kissen, wie an ihn,
Der schwerbeladnen Seele Heimlichkeiten.
Und melden soll ich Seiner Majestät,
Daß er jetzt eben laut nach ihm geschrien.

Königin. Geh, sag dem König diese traur'ge Botschaft.
        (Vaux ab.)
Weh mir! Was ist die Welt? Welch neuer Vorfall?
Doch klag ich einer Stunde armen Raub,
Suffolk im Bann vergessend, mein Herzkleinod?
Was traur' ich, Suffolk, einzig nicht um dich,
Und eifr' in Thränen mit des Südens Wolken,
Das Land befeuchtend die, mein Leid die meinen?
Nun mach dich fort: du weißt, der König kommt;
Es ist dein Tod, wirst du bei mir gefunden.

Suffolk. Ich kann nicht leben, wenn ich von dir scheide;
Und neben dir zu sterben, wär' es mehr
Als wie ein süßer Schlummer dir im Schoß?
Hier könnt ich meine Seele von mir hauchen,
So mild und leise wie das Wiegenkind,
Mit seiner Mutter Brust im Munde sterbend;
Da, fern von dir, ich rasend toben würde,
Und nach dir schrein, mein Auge zuzudrücken,
Mit deinen Lippen meinen Mund zu schließen:
So hieltest du die fliehnde Seel entweder,
Wo nicht, so haucht ich sie in deinen Leib,
Da lebte dann sie in Elysium.
Bei dir zu sterben, hieß im Scherz nur sterben,
Entfernt von dir, wär' mehr als Todesqual.
O laß mich bleiben, komme was da will!

Königin. Fort! ist die Trennung schon ein ätzend Mittel,
Sie dient für eine Wunde voller Tod.
Nach Frankreich, Suffolk! Laß von dir mich hören,
Denn, wo du seist auf diesem Erdenball,
Soll eine Iris dich zu finden wissen.

Suffolk. Ich gehe.

Königin. Und nimm mein Herz mit dir.

Suffolk. Ein Kleinod in dem wehevollsten Kästchen,
Das je ein köstlich Ding umschlossen hat.
Wie ein zertrümmert Schiff, so scheiden wir:
Ich sinke hier zum Tod hinab.

Königin.                                         Ich hier.

(Beide zu verschiedenen Seiten ab.)


Dritte Scene.

London. Kardinal Beauforts Schlafzimmer. (König Heinrich, Salisbury, Warwick und andere. Der Kardinal im Bett. Bediente um ihn her.)

König Heinrich. Wie geht's dir, Beaufort? Sprich zu deinem Fürsten.

Beaufort. Bist du der Tod, ich geb dir Englands Schätze,
Genug, zu kaufen solch ein zweites Eiland,
So du mich leben läss'st, und ohne Pein.

König Heinrich. Ach, welch ein Zeichen ist's von üblem Leben,
Wenn man des Todes Näh so schrecklich sieht!

Warwick. Beaufort, es ist dein Fürst, der mit dir spricht.

Beaufort. Bringt zum Verhör mich, wann ihr immer wollt.
Er starb in seinem Bett: wo sollt er sterben?
Kann ich zum Leben einen Menschen zwingen? –
O foltert mich nicht mehr! Ich will bekennen. –
Nochmal lebendig? Zeigt mir wo er ist,
Ich gebe tausend Pfund, um ihn zu sehn. –
Er hat keine Augen, sie sind blind vom Staub. –
Kämmt nieder doch sein Haar: seht! seht! es starrt,
Leimruten gleich fängt's meiner Seele Flügel! –
Gebt mir zu trinken, heißt den Apotheker
Das starke Gift mir bringen, das ich kaufte.

König Heinrich. O du, der Himmel ewiger Beweger,
Wirf einen Gnadenblick auf diesen Wurm!
O scheuch den dreist geschäft'gen Feind hinweg,
Der seine Seele stark belagert hält,
Und rein'ge seinen Busen von Verzweiflung!

Warwick. Seht, wie die Todesangst ihn grinsen macht.

Salisbury. Verstört ihn nicht, er fahre friedlich hin.

König Heinrich. Wenn's Gott geliebt, mit seiner Seele Frieden! –
Lord Kardinal, denkst du an ew'ges Heil,
So heb die Hand zum Zeichen deiner Hoffnung. –
Er stirbt und macht kein Zeichen: Gott, vergib ihm!

Warwick. Solch übler Tod verrät ein scheußlich Leben.

König Heinrich. O richtet nicht, denn wir sind alle Sünder.
Drückt ihm die Augen zu, zieht vor den Vorhang,
Und laßt uns alle zur Betrachtung gehn.

(Alle ab.)

 


 

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