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Gutenberg > William Shakespeare >

König Heinrich der Sechste

William Shakespeare: König Heinrich der Sechste - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleW. Shakespeare's Dramatische Werke
authorWilliam Shakespeare
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleKönig Heinrich der Sechste
pages82
created20130410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.

Erste Scene.

Sankt Albans. (König Heinrich, Königin Margareta, Gloster, der Kardinal und Suffolk treten auf mit Falkenieren, die ein Jagdgeschrei machen.)

Königin. Ja, glaubt mir, Lords, zu einem Wasserflug
Gab's keine bess're Jagd seid langen Jahren.
Allein, verzeiht, der Wind war ziemlich stark,
Und zehn war's gegen eins, ob Hans nur stiege.

König Heinrich. Doch welchen Schuß, Mylord, eu'r Falke that,
Und wie er über alle flog hinaus!
Wie Gott doch wirkt in seinen Kreaturen!
Ja, Mensch und Vogel schwingen gern sich hoch.

Suffolk. Kein Wunder, mit Eu'r Majestät Erlaubnis,
Daß des Protektors Falken trefflich steigen:
Sie wissen wohl, ihr Herr ist gern hoch oben,
Und denkt hinaus weit über ihren Flug.

Gloster. Mylord, ein niedrig schlecht Gemüt nur strebt
Nicht höher an, als sich ein Vogel schwingt.

Kardinal. Ich dacht' es wohl, er will bis in die Wolken.

Gloster. Ja, Mylord Kardinal! Was meint ihr? wär's nicht gut,
Eu'r Gnaden könnte in den Himmel fliegen?

König Heinrich. Den reichen Schoß der ew'gen Herrlichkeit!

Kardinal. Dein Himmel ist auf Erden; Aug' und Sinn
Gehn auf die Krone, deines Herzens Schatz.
Gefährlicher Protektor! schlimmer Pair,
Der Land und König gleißnerisch berückt!

Gloster. Wie, Kardinal? Vermißt sich euer Priestertum?
Tantaene animis caelestibus irae?
Ein Pfaff so hitzig? Bergt den Groll, mein Ohm!
Bei solcher Frömmigkeit könnt ihr das wohl.

Suffolk. Kein Groll da, Herr; nicht mehr, als wohl sich ziemt
Für solchen guten Streit und schlechten Pair.

Gloster. Als wer, Mylord?

Suffolk.                               Nun, als ihr, Mylord;
Mit Euer Lordprotektorschaft Erlaubnis.

Gloster. Ja, Suffolk, England kennt schon deinen Trotz.

Königin. Und deinen Ehrgeiz, Gloster.

König Heinrich.                                     Bitte, liebste,
Sei still, und reiz nicht diese heft'gen Pairs;
Gesegnet, die auf Erden Frieden stiften.

Kardinal. Mein sei der Segen, wenn ich Frieden stifte
Mit meinem Schwert hier wider den Protektor!

Gloster (beiseite zum Kardinal).
Traun, frommer Ohm, ich wollt' es käm dahin!

Kardinal (beiseite). Hast du das Herz, nun gut!

Gloster (beiseite). Versammle keine Rotten für die Sache,
Dein eigner Leib steh für den Unglimpf ein.

Kardinal (beiseite).
Ja, wo du dich nicht blicken läss'st; und wagst du's,
Heut abend, an des Wäldchens Morgenseite.

König Heinrich. Was gibt's, ihr Herrn?

Kardinal.                                                   Glaubt mir, mein Vetter Gloster,
Barg euer Knecht den Vogel nicht so schnell,
So gab's mehr Jagd noch. – (Beiseite)
                                              Du bringst dein doppelt Schwert?

Gloster. Gut, Oheim.

Kardinal (beiseite). Ihr wißt Bescheid? Des Wäldchens Morgenseite?

Gloster. Kardinal, ich treff' euch an.

König Heinrich.                                 Nun, Oheim Gloster?

Gloster. Vom Beizen ein Gespräch; sonst nichts, mein Fürst. –
(Beiseite.) Bei der Mutter Gottes, Pfaff, ich schere dir die Platte,
Sonst gilt mein Fechten nichts.

Kardinal (beiseite).                             Medice te ipsum!
Protektor, sieh dich vor. Beschütz dich selbst!

König Heinrich. Der Wind wird stürmisch, Lords, wie euer Mut.
Wie widert meinem Herzen die Musik!
Wie wäre Harmonie zu hoffen da,
Wo solche Saiten einen Mißlaut machen?
Ich bitte, Lords, laßt diesen Zwist mich schlichten.

Gloster. Was soll der Lärm?
Gesell, was für ein Wunder rufst du aus?

Einwohner. Ein Wunder! Ein Wunder!

Suffolk. Komm vor den König, und erzähl das Wunder.

Einwohner. Ein Blinder, denkt, hat vor Sankt Albans Schrein
In dieser Stunde sein Gesicht erlangt;
Ein Mann, der lebenslang nicht konnte sehn.

König Heinrich. Gott sei gelobt, der gläub'gen Seelen Licht
Im Finstern gibt, und in Verzweiflung Trost!

(Der Schulz von Sankt Albans und seine Brüder kommen; Simpcox wird von zwei Personen auf einem Sessel getragen, seine Frau und ein großer Haufe Volks folgt ihnen nach.)

Kardinal. Da kommt die Bürgerschaft in Prozession,
Den Mann bei Eurer Hoheit vorzustellen.

König Heinrich. Groß ist sein Trost in diesem Erdenthal,
Vervielfacht sein Gesicht schon seine Sünden.

Gloster. Zurück, ihr Leute! Bringt ihn vor den König,
Seine Majestät geruht mit ihm zu reden.

König Heinrich. Erzähl uns hier den Hergang, guter Mensch,
Daß Gott für dich von uns verherrlicht werde.
Sag, warst du lange blind, und bist geheilt?

Simpcox. Blind geboren, verzeihn Euer Gnaden.

Frau. Ja, fürwahr, das ist er.

Suffolk. Was ist dies für ein Weib?

Frau. Seine Frau, mit Euer Hochedlen Erlaubnis.

Gloster. Wärst du seine Mutter, du könntest besser zeugen.

König Heinrich. Was ist denn dein Geburtsort?

Simpcox. Berwick im Norden, Herr, mit eurer Gunst.

König Heinrich. Viel Güt' erwies dir Gott, du arme Seele!
Laß Tag und Nacht fortan geheiligt sein,
Und stets bedenke, was der Herr gethan.

Königin. Sag, guter Mensch, kamst du durch Zufall her,
Oder aus Andacht zu dem heil'gen Schrein?

Simpcox. Gott weiß, aus bloßer Andacht; denn mich rief
Der gute Sankt Albanus hundertmal
Im Schlaf, und öfter; »Simpcox,« sagt' er, »komm!
»Komm, bet' an meinem Schrein! ich will dir helfen.«

Frau. Wahrhaftig wahr, und manches liebemal
Hört' ich von solcher Stimme selbst ihn rufen.

Kardinal. Wie, bist du lahm?

Simpcox. Ja, helf mir der allmächt'ge Gott.

Suffolk. Wie wurdest du's?

Simpcox. Ein Fall von einem Baum.

Frau. Ein Pflaumenbaum war's, Herr.

Gloster. Wie lange bist du blind?

Simpcox. O so geboren, Herr.

Gloster. Was, und du klettertest auf einen Baum?

Simpcox. Mein Lebtag' nur auf den, als ein junger Mensch.

Frau. Ja wohl, und mußte schwer sein Klettern zahlen.

Gloster. Traun, mochtest Pflaumen gern, dich so zu wagen.

Simpcox. Ach, Herr, mein Weib verlangte ein paar Zwetschen,
Und ließ mich klettern mit Gefahr des Lebens.

Gloster. Ein feiner Schelm! Doch soll es ihm nichts helfen.
Laß mich deine Augen sehn: drück zu, – mach auf, –
Nach meiner Meinung siehst du noch nicht recht.

Simpcox. Ja, Herr, klar wie der Tag; ich dank's Gott und Sankt Alban!

Gloster. Ei so! Von welcher Farb' ist dieser Mantel?

Simpcox. Rot, Herre, rot wie Blut.

Gloster. Ganz recht. Von welcher Farbe ist mein Rock?

Simpcox. Schwarz, mein Treu; kohlschwarz wie Ebenholz.

König Heinrich. Du weißt also, wie Ebenholz gefärbt ist?

Suffolk. Doch, denk' ich, sah er nie kein Ebenholz.

Gloster. Doch Röck' und Mäntel schon vor heut in Menge.

Frau. Niemals vor heute, all sein Leben lang.

Gloster. Sag mir, Kerl, wie ist mein Name?

Simpcox. Ach, Herr, ich weiß nicht.

Gloster. Wie ist sein Name?

Simpcox. Ich weiß nicht.

Gloster. Auch seinen nicht?

Simpcox. Nein, fürwahr, Herr.

Gloster. Wie ist dein eigner Name?

Simpcox. Sander Simpcox, zu eurem Befehle, Herr.

Gloster. So sitz da, Sander, der verlogenste Schelm
Der Christenheit. Denn wärst du blind geboren,
Du hättst all unsre Namen wissen können,
So gut als so die Farben nennen, die
Wir tragen. Das Gesicht kann Farben unterscheiden,
Doch alle zu benennen auf einmal,
Das ist unmöglich.
Mylords, Sankt Alban hat ein Wunder hier gethan;
Und hieltet ihr's nicht für eine große Kunst,
Die diesem Krüppel wieder auf die Beine hilft?

Simpcox. O Herr, wenn ihr das könntet!

Gloster. Ihr Leute von Sankt Albans, habt ihr nicht Büttel in eurer Stadt, und Dinger, die man Peitschen heißt?

Schulz. Ja, Mylord, zu Euer Gnaden Befehl.

Gloster. So laßt unverzüglich einen holen.

Schulz. He, Bursch! geh, hol sogleich den Büttel her.

(Einer aus dem Gefolge ab.)

Gloster. Nun holt mir geschwind einen Schemel hieher. (Es wird ein Schemel gebracht.) Nun, Kerl, wenn ihr ohne Peitschen davon kommen wollt, so springt mir über den Schemel und lauft davon.

Simpcox. Ach, Herr, ich bin nicht im stande allein zu stehen; ihr geht damit um, mich vergeblich zu plagen.

(Der Abgeschickte kommt zurück mit dem Büttel.)

Gloster. Nun, wir müssen euch an eure Beine helfen. He, Büttel, peitsch ihn, bis er über den Schemel springt.

Büttel. Das will ich, gnädiger Herr. – Komm, Kerl, geschwind mit deinem Wams herunter!

Simpcox. Ach, Herr, was soll ich thun? Ich bin nicht im stande zu stehen.

(Nachdem ihn der Büttel einmal geschlagen hat, springt er über den Schemel und läuft davon, und das Volk läuft nach und schreit: »Ein Wunder!«)

König Heinrich. O Gott, du siehst dies, und erträgst so lange?

Königin. Ich mußte lachen, wie der Bube lief.

Gloster. Dem Schelm setzt nach, und nehmt die Metze fort.

Frau. Ach, Herr, wir thaten's aus bloßer Not.

Gloster. Laßt sie durch alle Marktplätze peitschen, bis sie nach Berwick kommen, wo sie her sind.

(Der Schulz, Büttel, Frau u. s. w. ab.)

Kardinal. Ein Wunder ist Herzog Humphrey heut gelungen.

Suffolk. Ja wohl, der Lahme läuft und ist entsprungen.

Gloster. Wohl größre Wunder thatet ihr als dies,
Der ganze Städt' auf einmal springen ließ.

(Buckingham tritt auf.)

König Heinrich. Was bringt uns Neues Vetter Buckingham?

Buckingham. Was euch mein Herz zu offenbaren bebt.
Ein Haufe Menschen von verworfnem Wandel
Hat unterm Schutze und im Einverständnis
Frau Leonorens, des Protektors Gattin,
Der Rädelsführerin der ganzen Rotte,
Gefährlich wider euch es angelegt,
Zu Hexen und zu Zauberern sich haltend.
Wir haben sie ergriffen auf der That,
Da sie von drunten böse Geister riefen,
Nach König Heinrichs Tod und Leben fragend,
So wie nach andern vom geheimen Rat,
Wie Eure Hoheit soll des weitern wissen.

Kardinal (beiseite zu Gloster).
Und auf die Art, Mylord Protektor, muß
Sich die Gemahlin jetzt in London stellen.
Dies, denk' ich, wendet eures Degens Spitze;
Vermutlich haltet ihr die Stunde nicht.

Gloster. Ehrgeiz'ger Pfaff! laß ab mein Herz zu kränken,
All meine Kraft hat Gram und Leid bewältigt,
Und, wie ich bin bewältigt, weich' ich dir,
Und dem geringsten Knecht.

König Heinrich. O Gott, welch Unheil stiften doch die Bösen,
Und häufen so Verwirrung auf ihr eignes Haupt!

Königin. Gloster, da schau den Flecken deines Nestes;
Sieh, ob du rein bist, sorge für dein bestes.

Gloster. Ich weiß, daß mir der Himmel Zeugnis gibt,
Wie ich den König und den Staat geliebt.
Mit meinem Weib, ich weiß nicht, wie's da steht;
Es thut mir leid zu hören, was ich hörte:
Sie ist von edlem Sinn, doch wenn sie Ehre
Vergaß und Tugend, und mit Volk verkehrte,
Das, so wie Pech, befleckt ein adlich Haus,
So stoß' ich sie von Bett und Umgang aus,
Und sei sie dem Gesetz der Schmach verpfändet,
Die Glosters reinen Namen so geschändet.

König Heinrich. Nun gut, wir wollen diese Nacht hier ruhn.
Nach London morgen wiederum zurück,
Um dieser Sache auf den Grund zu sehn,
Und Rechenschaft den Frevlern abzufordern;
Daß Recht den Fall in gleichen Schalen wäge,
So nimmer wankt, und sieget allewege.

(Trompetenstoß. Alle ab.)


Zweite Scene.

London. Garten des Herzogs von York. (York, Salisbury und Warwick treten auf.)

York. Nun, werte Lords von Salisbury und Warwick.
Nach unserm schlichten Mahl erlaubet mir
In diesem Laubengang mir gnugzuthun,
Euch fragend, was ihr meint von meinem Anspruch
An Englands Krone, der untrüglich ist.

Salisbury. Mylord, ich wünsch', ausführlich es zu hören.

Warwick. Sprich, lieber York; und ist dein Anspruch gut,
So kannst du schalten mit der Nevils Dienst.

York. Dann so:
Eduard der Dritte hatte sieben Söhne;
Erst, Eduard Prinz von Wales, der schwarze Prinz;
Der zweite, William Hatfield; und der dritte
Lionel, Herzog Clarence; dem zunächst
Kam John von Gaunt, der Herzog Lancaster;
Der fünfte, Edmund Langley, Herzog York;
Der sechste, Thomas von Woodstock, Herzog Gloster;
William von Windsor war der siebt' und letzte.
Eduard, der schwarze Prinz, starb vor dem Vater,
Und ließ als einz'gen Sohn den Richard nach,
Der nach Eduard des Dritten Tod regierte;
Bis Heinrich Bolingbroke, Herzog Lancaster,
Der ältste Sohn und Erbe Johns von Gaunt,
Der als der vierte Heinrich ward gekrönt,
Das Reich bewältigt, den rechtmäß'gen König
Entsetzt, und seine arme Königin
Nach Frankreich fortgesandt, woher sie kam,
Und ihn nach Pomfret: wo der gute Richard,
Wie jeder weiß, verrätrisch ward ermordet.

Warwick. Vater, der Herzog redet wahr;
So kam das Haus von Lancaster zur Krone.

York. Die nun sie durch Gewalt, nicht Recht, behaupten:
Nach Richards Tod, des ersten Sohnes Erben,
War an der Reih des nächsten Sohns Geschlecht.

Salisbury. Doch William Hatfield starb ohn' einen Erben.

York. Der dritte, Herzog Clarence, von dess' Stamm
Entsprossen ich die Krone heische, hatte
Nachkommenschaft: Philippa, eine Tochter,
Vermählt mit Edmund Mortimer, Graf von March.
Edmund erzeugte Roger, Graf von March,
Roger erzeugte Edmund, Anna und Lenore.

Salisbury. Der Edmund machte, unter Bolingbroke,
Wie ich gelesen, Anspruch an die Krone;
Und, wo nicht Owen Glendower gethan,
So wär' er König worden: denn der hielt
Ihn in Gefangenschaft bis an den Tod,
Doch weiter!

York.                     Seine ältste Schwester Anna,
Und meine Mutter, als der Krone Erbin,
Heiratete Richard, Graf von Cambridge, Sohn
Von Edmund Langley, fünftem Sohn Eduard des Dritten.
Auf sie bau ich den Anspruch: sie war Erbin
Von Roger, Graf von March; der war der Sohn
Von Edmund Mortimer, der Philippen hatte,
Die einz'ge Tochter Lionels von Clarence.
So, wenn des ältern Sohns Nachkommenschaft,
Vor der des jüngern vorgeht, bin ich König.

Warwick. Das klarste kann nicht klarer sein als dies.
Heinrich besitzt den Thron von John von Gaunt,
Dem vierten Sohn; York heischt ihn von dem dritten,
Bis Lionels Geschlecht erloschen, sollte
Seins nicht regieren; es erlosch noch nicht,
Es blüht vielmehr in dir und deinen Söhnen,
Den schönen Sprößlingen von solchem Stamm.
Drum, Vater Salisbury, laß beid' uns knie'n,
Und hier am stillen Ort die ersten sein,
Die unsern echten Oberherrn begrüßen
Mit Ehren des Geburtsrechts an den Thron.

Beide. Lang lebe König Richard, unser Herr!

York. Wir danken euch. Doch, Lords, ich bin nicht König
Bis ich gekrönt bin, und mein Schwert sich färbte
Mit Herzblut von dem Hause Lancaster;
Und das ist übereilt nicht auszuführen,
Mit Klugheit nur und stiller Heimlichkeit.
Thut ihr wie ich in diesen schlimmen Tagen:
Seid blind für Herzog Suffolks Uebermut,
Für Beauforts Stolz, die Ehrsucht Somersets,
Für Buckingham und ihre ganze Schar;.
Bis sie der Herde Schäfer erst verstrickt,
Den tugendhaften Prinzen, Herzog Humphrey.
Das suchen sie, und finden, dieses suchend,
Den eignen Tod, weiß York zu prophezein.

Salisbury. Mylord, genug! Wir sind nun unterrichtet.

Warwick. Mein Herz beteuert mir, der Graf von Warwick
Macht Herzog York zum König eines Tags.

York. Und, Nevil, dies beteur' ich selber mir:
Richard erlebt's, und macht den Graf von Warwick
Zum größten Mann in England, nach dem König.

(Alle ab.)


Dritte Scene.

Ebendaselbst. Ein Gerichtssaal. (Trompeten. König Heinrich, Königin Margareta, Gloster, York, Suffolk und Salisbury treten auf; die Herzogin von Gloster, Grete Jordan, Southwell, Hume und Bolingbroke werden von der Wache hereingeführt.)

König Heinrich. Kommt vor, Frau Leonore Cobham, Glosters Weib.
Vor Gott und uns ist eu'r Vergehen groß,
Empfanget des Gesetzes Spruch für Sünden,
Die Gottes Schrift zum Tod verurteilt hat. –
Ihr vier von hier zurück in das Gefängnis,
Von dannen an den Platz der Hinrichtung.
Die Hexe brenn' in Smithfield man zu Asche,
Und ihr drei sollt erwürgt am Galgen werden. –
Ihr, Herzogin, als edler von Geburt,
Sollt, eurer Ehre lebenslang beraubt,
Nach dreien Tagen öffentlicher Buße
Im Banne hier in eurem Lande leben,
Mit Sir John Stanley in der Insel Man.

Herzogin. Willkommen Bann, willkommen wäre Tod.

Gloster. Das Recht hat, Leonore, dich gerichtet;
Rechtfert'gen kann ich nicht, wen es verdammt.

(Die Herzogin und die übrigen Gefangenen werden mit Wache abgeführt.)

Mein Auge schwimmt, mein Herz ist voller Gram.
Ach, Humphrey, diese Schand' in deinem Alter
Bringt noch dein Haupt mit Jammer in die Grube! –
Ich bitt' Eure Majestät, weggehn zu dürfen:
Das Leid will Tröstung und mein Alter Ruh.

König Heinrich. Halt, Humphrey, Herzog Gloster! eh' du gehst,
Gib deinen Stab mir: Heinrich will sich selbst
Protektor sein; und Gott sei meine Hoffnung,
Mein Schutz, mein Hort und meiner Füße Leuchte!
Und geh in Frieden, Humphrey; noch so wert,
Als da du warst Protektor deinem König.

Königin. Ich sehe nicht, warum ein münd'ger König
Beschützt zu werden brauchte wie ein Kind.
Mit Gott soll Heinrich Englands Steuer führen:
Herr, gebt den Stab, und laßt ihn selbst regieren.

Gloster. Den Stab? Hier, edler Heinrich, ist mein Stab.
Der Wahn, ich hielt ihn gern, zwingt Lächeln ab!
So willig mag ich selbigem entsagen,
Als mich dein Vater Heinrich hieß ihn tragen;
So willig lass' ich ihn zu deinen Füßen,
Als andre dran den Ehrgeiz würden büßen.
Leb wohl, mein König! Wenn ich hingeschieden,
Umgebe deinen Thron ruhmvoller Frieden. (Ab.)

Königin. Ja, nun ist Heinrich Herr, Margreta Königin,
Und Humphrey, Herzog Gloster, kaum er selbst;
So arg verstümmelt, auf einmal zwei Stöße,
Sein Weib verbannt, und abgehaun ein Glied,
Der überreichte Stab: – hier sei sein Stand,
Wo er sich hingeziemt, in Heinrichs Hand.

Suffolk. So hängt der hohe Fichtenbaum die Zweige,
So geht Lenorens Stolz rasch auf die Neige.

York. Lords, laßt ihn ziehn. – Beliebt's Eu'r Majestät,
Dies ist der Tag zum Zweikampf anberaumt,
Und Kläger und Beklagter stehn bereit,
Der Waffenschmied und sein Lehrbursch, an den Schranken,
Geruht Eu'r Hoheit, das Gefecht zu sehn.

Königin. Ja, mein Gemahl; denn dazu eben kam ich
Vom Hof, um ausgemacht den Streit zu sehn.

König Heinrich. In Gottes Namen, richtet alles ein,
Hier laßt sie's enden, und schütze Gott das Recht.

York. Nie sah ich schlechter einen Kerl gemutet,
Noch mehr in Angst zu fechten, als den Kläger,
Den Burschen dieses Waffenschmieds, Mylords.

(Von der einen Seite kommt Horner mit seinen Nachbarn, die ihm so viel zutrinken, daß er betrunken ist, er trägt eine Stange mit einem daran befestigten Sandbeutel und eine Trommel geht vor ihm her; von der andern Seite Peter mit einer Trommel und eben solcher Stange, begleitet von Lehrburschen, die ihm zutrinken.)

Erster Nachbar. Hier, Nachbar Horner, trinke ich euch zu mit einem Glase Sekt; und seid nicht bange, Nachbar, es wird schon gut gehen.

Zweiter Nachbar. Und hier, Nachbar, habt ihr ein Glas Scharneco.

Dritter Nachbar. Und hier ist eine Kanne gutes Doppelbier, Nachbar: trinkt, und fürchtet euch nicht vor eurem Burschen.

Horner. Nur her damit, meiner Treu, und ich will euch allen Bescheid thun, und ich frage den Kuckuck nach Peter.

Erster Lehrbursche. Hier, Peter, ich trinke dir zu, und sei nicht bange.

Zweiter Lehrbursche. Lustig, Peter, und fürchte dich nicht vor deinem Meister; schlage dich für die Reputation von uns Lehrburschen.

Peter. Ich danke euch allen; trinkt und bete für mich, ich bitte euch; denn ich denke, ich habe meinen letzten Trunk in dieser Welt zu mir genommen. – Da, Ruprecht, wenn ich sterbe, so gebe ich dir mein Schurzfell, und Fritz, du sollst meinen Hammer haben; und da, Thoms, nimm alles Geld, das ich habe. – O Herr, sei mir gnädig und barmherzig. Ich kann es nimmermehr mit meinem Meister aufnehmen, er hat schon so viel fechten gelernt.

Salisbury. Kommt, laßt das Trinken sein, und kommt zu den Streichen. Wie ist dein Name, Bursch?

Peter. Je nun, Peter.

Salisbury. Peter! wie weiter?

Peter. Puff.

Salisbury. Puff! Nun, so sieh zu, daß du deinen Meister tüchtig puffst.

Horner. Leute, ich bin so zu sagen auf Verlangen meines Gesellen hergekommen, um zu beweisen, daß er ein Hundsfott ist, und ich ein ehrlicher Mann; und was den Herzog von York anbetrifft, so will ich darauf sterben, daß ich niemals was wider ihn im Sinne gehabt habe, und gegen den König und die Königin auch nicht. Und also sieh dich vor, Peter, ich will tüchtig ausholen.

York. Macht fort, schon lallt die Zunge diesem Schelm.
Trompeten blast, den Kämpfern zum Signal!

(Signal von Trompeten. Sie fechten, und Peter schlägt seinen Meister zu Boden.)

Horner. Halt, Peter, halt! Ich bekenne, ich bekenne meine Verräterei. (Stirbt.)

York. Nehmt seine Waffe weg. – Danke Gott, Gesell, und dem guten Wein in deines Meisters Kopf.

Peter. O Gott! habe ich meinen Feinden in dieser hohen Versammlung obgesiegt? O Peter, du hast deine gute Sache behauptet!

König Heinrich. Schafft den Verräter weg aus unsern Augen,
Denn seine Schuld beweiset uns sein Tod,
Und offenbart hat der gerechte Gott
Die Treu und Unschuld dieses armen Menschen,
Den widerrechtlich er zu morden dachte. –
Komm mit, Gesell, empfange deinen Lohn.

(Alle ab.)


Vierte Scene.

Ebendaselbst. Eine Straße. (Gloster tritt auf, von Bedienten begleitet; sämtlich in Trauermänteln.)

Gloster. So hat der hellste Tag manchmal Gewölk,
Dem Sommer folgt der kahle Winter stets
Mit seinem grimm'gen, bitterlichen Frost:
So strömet Freud' und Leid, wie Zeiten wandeln. –
Was ist die Glocke, Leute?

Bedienter. Zehn, Mylord.

Gloster. Zehn ist die Stunde, die man mir bestimmt
Zu warten auf mein büßendes Gemahl.
Fast schwer mag sie die stein'gen Straßen dulden,
Mit zartgefühl'gem Fuß sie zu betreten.
Herz-Lene! schlecht erträgt dein edler Mut
Verworfnes Volk, das ins Gesicht dir gafft,
Mit häm'schen Blicken lachend deiner Schmach,
Das sonst den stolzen Wagenrädern folgte,
Wenn im Triumph du durch die Straßen fuhrst.
Doch still! da kommt sie, denk' ich, und nun soll
Mein thränbeschwemmtes Aug' ihr Elend sehn.

(Die Herzogin von Gloster kommt in einem weißen Hemde, Papiere auf dem Rücken geheftet, barfuß und mit einer brennenden Kerze in der Hand; Sir John Stanley, ein Sheriff und Beamte.)

Bedienter. Geruhn Eu'r Gnaden, und wir machen sie
Von Sheriffs Händen los.

Gloster.                                 Nein, rührt euch nicht,
Bei Leib und Leben, laßt vorbei sie ziehn.

Herzogin. Kommt ihr, Gemahl, um meine Schmach zu sehn?
Nun thust du Buße mit. Sieh, wie sie gaffen!
Sieh, wie die trunkne Schar mit Fingern weist,
Mit Köpfen nickt und Augen auf dich wirft!
Ach, Gloster, birg dich den gehäß'gen Blicken,
Klag', eingesperrt im Zimmer, meine Schmach,
Und fluch' auf deine Feinde, mein' und deine.

Gloster. Geduldig, liebe Lene! Vergiß dies Leid.

Herzogin. Ah, Gloster, lehre mir mich selbst vergessen!
Denn, weil ich denk', ich bin dein ehlich Weib,
Und du ein Prinz, Protektor dieses Lands,
Dünkt mich, ich sollte so geführt nicht werden,
In Schmach gesteckt, mit Zetteln auf dem Rücken,
Ein Pöbel hinter mir, der meiner Thränen
Und tief geholten Seufzer sich erfreut.
Der grimm'ge Kiesel ritzt die zarten Füße,
Und, fahr' ich auf, so lacht das häm'sche Volk,
Und heißt mich Achtung geben, wie ich trete.
Ah, Humphrey, kann ich's tragen, dieses Joch?
Meinst du, ich werde je die Welt anschaun,
Und glücklich achten, wem die Sonne scheint?
Nein, dunkel sei mein Licht und nacht mein Tag,
Und denken meines Pomps sei meine Hölle.
Dann sag' ich: Ich bin Herzog Humphreys Weib,
Und er ein Prinz und ein Regent des Lands;
Doch so regiert' er, und war solch ein Prinz,
Daß er dabei stand, während ich Hilflose
Zum Wunder ward gemacht und zum Gespött
Von jedem müß'gen Buben aus dem Troß.
Sei du nur mild, erröte nicht für mich,
Kehr dich an nichts, bis über dir das Beil
Des Todes hängt, wie sicher bald geschieht.
Denn Suffolk, er, der alles ist in allem
Bei ihr, die dich haßt, und uns alle haßt,
Und York, und Beaufort, der ruchlose Pfaff,
Sie alle stellten Vogelruten dir;
Und flieg du wie du kannst, sie fangen dich.
Doch fürchte nichts, bis sich dein Fuß verstrickt,
Und such nie deinen Feinden vorzukommen.

Gloster. Ach, Lene, halt! Du zielest gänzlich fehl.
Eh' muß ich schuldig sein als überwiesen;
Und hätt' ich zwanzigmal so viele Feinde,
Und jeder hätte zwanzigmal mehr Macht,
Die alle könnten keine Not mir schaffen,
So lang ich redlich bin, getreu und schuldlos.
Wolltst du, ich sollte von dem Schimpf dich retten?
Die Schande wär ja dennoch nicht verwischt,
Doch ich gefährdet durch Gesetzes Bruch.
Die beste Hilf ist Ruhe, liebe Lene;
Ich bitt' dich, füge zur Geduld dein Herz.
Das Aufsehn wen'ger Tage legt sich bald.

(Ein Herold tritt auf.)

Herold. Ich lade Euer Gnaden zu Seiner Majestät Parlament, das zu Bury am ersten nächstkommenden Monats gehalten werden soll.

Gloster. Und nicht erst meine Beistimmung gefragt!
Das nenn' ich heimlich. – Gut, ich komme hin.
        (Herold ab.)
Ich scheide, liebe Lene, – und, Meister Sheriff,
Laßt nach des Königs Auftrag nur sie büßen.

Sheriff. Mein Auftrag ist hier aus, beliebt's Eu'r Gnaden;
Und Sir John Stanley ist nunmehr bestallt
Sie mitzunehmen nach der Insel Man.

Gloster. Habt ihr, Sir John, in Aufsicht mein Gemahl?

Stanley. Ja, gnäd'ger Herr, dies Amt ist mir erteilt.

Gloster. Verfahrt mit ihr nicht härter, weil ich bitte,
Daß ihr sie schont. Die Welt mag wieder lächeln,
Und ich noch Gutes euch erweisen, wenn
Ihr's ihr gethan. Und so, Sir John, lebt wohl.

Herzogin. Geht mein Gemahl, und sagt mir kein Lebwohl!

Gloster. Die Thränen zeugen, daß ich's nicht vermag.

(Gloster und Bediente ab.)

Herzogin. Auch du bist fort? Geh aller Trost mit dir!
Denn keiner bleibt bei mir: mich freut nur Tod,
Tod, dessen Namen sonst mich oft geschreckt,
Weil Ewigkeit in dieser Welt ich wünschte. –
Stanley, ich bitt' dich, geh, nimm mich von hinnen;
Gleichviel wohin, ich bitte nicht um Gunst,
Geleit mich nur, wo dir's befohlen ward.

Stanley. Ei, gnäd'ge Frau, das ist zur Insel Man,
Nach eurem Stand gehalten dort zu werden.

Herzogin. Das wäre schlimm genug: ich bin nur Schimpf,
Und soll ich schimpflich denn gehalten werden?

Stanley. Wie eine Herzogin, Humphreys Gemahl,
Nach diesem Stand sollt ihr gehalten werden.

Herzogin. Sheriff, leb' wohl, und besser als ich lebe,
Wiewohl du Führer meiner Schande warst.

Sheriff. Es ist mein Amt, verzeiht mir, gnäd'ge Frau.

Herzogin. Ja, ja, leb' wohl! dein Amt ist nun versehn.
Komm, Stanley, soll'n wir gehn?

Stanley. Werft ab dies Hemde, nach gethaner Buße,
Und gehn wir, um zur Reis' euch anzukleiden.

Herzogin. Die Schande wechsl' ich mit dem Hemde nicht,
Nein, sie wird an den reichsten Kleidern hängen,
Sich zeigen, wie ich auch mich schmücken mag.
Geh, führe! mich verlangt in mein Gefängnis.

(Ab.)

 


 

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