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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Szene

Vorzimmer der Königin

Anna Bullen und eine alte Hofdame treten auf

Anna. Auch deshalb nicht: – hier ist der Dorn, der sticht:
Der Herr, der so lang mit ihr lebte; sie
So gut, daß keine Zunge jemals konnte
Was Schlechtes von ihr sagen – o nein, wahrlich,
Sie wußte nicht, was Kränken heißt; und nun
So manchen Sonnenumlauf Königin,
In Pomp und Majestät stets wachsend, die
Zu lassen tausendmal noch bittrer ist
Als süß, sie zu erlangen – nun, nach allem,
Sie fortzujagen! oh, 's ist zum Erbarmen
Und rührt' wohl Ungeheur.

Hofdame. Die härtsten Seelen
Zerschmelzen, sie beklagend.

Anna. Himmel! besser,
Sie kannte nie den Pomp! Zwar ist er weltlich;
Doch wenn das Glück, die Zänkerin, ihn scheidet
Vom Eigner, ists ein Leid, so stechend, wie
Wenn Seel und Leib sich trennen.

Hofdame. Arme Fürstin!
Zur Fremden ward sie wieder! –

Anna. Um so mehr
Muß Mitleid auf sie tau'n. Wahrlich, ich schwöre,
Viel besser ists, niedrig geboren sein
Und mit geringem Volk zufrieden leben
Als aufgeputzt im Flitterstaat des Grams
Und goldner Sorgen.

Hofdame. Ja, Zufriedenheit
Ist unser bestes Gut.

Anna. Auf Treu und Unschuld,
Ich möchte keine Kön'gin sein!

Hofdame. Mein Seel, ich wohl
Und wagte dran die Unschuld; so auch Ihr,
Trotz Eurer süßgewürzten Heuchelei:
Ihr, die Ihr alle Reize habt des Weibs,
Habt auch ein Weiberherz, das immer noch
Nach Hoheit geizte, Reichtum, Herrschermacht,
Und die, gestehts, sind Seligkeit; die Gaben
(Wie Ihr auch zimpert) fänden doch wohl Raum
In Eurem saffian-zärtlichen Gewissen,
Wenn Ihrs nur dehnen wolltet! –

Anna. Nein, auf Treu!

Hofdame. Treu hin, Treu her! – Ihr wärt nicht gerne Fürstin?

Anna. Nein, nicht um alle Güter unterm Mond.

Hofdame. Kurios! Ei, mich bestäch ein krummer Dreier,
Kön'gin zu sein, so alt ich bin: doch, bitte,
Was meint Ihr zu 'ner Herzogin? Habt Ihr
Zu solcher Bürde Kraft?

Anna. Nein, wahrlich nicht.

Hofdame. Dann seid Ihr allzu schwach! Nun, noch eins tiefer:
Ich trät Euch nicht als junger Graf entgegen,
Um mehr als ein Erröten: kann Eur Rücken
Die Last nicht tragen, seid Ihr auch zu schwächlich,
Um Kinder zu erzeugen.

Anna. Wie Ihr schwatzt!
Ich schwör noch eins, ich wär nicht Königin
Um alle Welt.

Hofdame. Seht, um das kleine England
Würd Euch der Mund schon wässern: mir schon für
Carnarvonshire, wenn auch nichts anders sonst
Zur Krone mehr gehörte. Wer kommt da?

Der Lord-Kämmerer tritt auf.

Kämmerer. Guten Morgen, Fräulein! Wieviel wärs wohl wert
Zu wissen, welch Geheimnis ihr bespracht?

Anna. Kaum Eurer Frage, lieber Lord, verlohnt sichs;
Wir klagten über unsrer Herrin Leid.

Kämmerer. Ein löblich Thema, das sich trefflich ziemt
Für brave Frauen. Noch ist Hoffnung da,
Daß alles gut wird.

Anna. Amen, geb es Gott! –

Kämmerer. Ihr habt ein freundlich Herz; des Himmels Segen
Folgt Euresgleichen. Daß Ihr seht, Mylady,
Wie wahr ich red und wie den höchsten Blicken
Von Eurer reichen Tugend Kenntnis ward:
Hochachtungsvoll grüßt Euch des Königs Gnade,
Und will Euch mit nicht mindrer Ehre schmücken
Als einer Markgräfin von Pembroke; ferner
Fügt er zu solchem Titel tausend Pfund
Als Jahrgehalt hinzu.

Anna. Noch weiß ich kaum
Der treuen Unterwerfung Form zu wählen.
Mehr als mein alles ist noch nichts; mein Beten
Nicht heilig gnug, noch meine Wünsche mehr
Als leerer Schall: doch Wünsche und Gebete
Sind, was ich darzubieten hab. Ich bitt Euch,
Geruht zu schildern meines Danks Gehorsam,
Als einer tief beschämten Magd, dem König,
Für dessen Heil und Kron ich bete.

Kämmerer. Fräulein,
Ich eil, in seiner günstgen Meinung noch
Zu stärken meinen Herrn. (Beiseite.) Wohl prüft ich sie;
Schönheit und Zucht sind so verwebt in ihr,
Daß sie den Herrn umstrickten; und wer weiß,
Ob ihr nicht ein Juwel entsprießen mag,
Dies ganze Land durchstrahlend. – Jetzt zum König,
Ihm melden, daß ich Euch gesehn.

Anna. Mein teurer Lord. –

(Kämmerer ab.)

Hofdame. Da haben wirs! Nun seht einmal, nun seht!
Ich habe sechzehn Jahr' am Hof gebettelt,
Bin stets noch bettelhaft am Hof, und zwischen
Zu zeitig und zu spät traf ichs noch nie,
Warb ich um ein'ge Pfund. Und Ihr? O Schicksal!
Ihr, noch ein junger Weißfisch (Zeter über
Dies aufgedrängte Glück!), kriegt voll den Mund,
Eh Ihr die Lippen öffnet!

Anna. Seltsam, in Wahrheit!

Hofdame. Wie schmeckts? Ists bitter? Ich wett 'nen Taler, nein!
Es war mal eine Dam' (erzählt ein Märchen),
Die wollte Königin nicht sein, durchaus nicht,
Um allen Schlamm Ägyptens nicht. Kennt Ihr's?

Anna. Geht, Ihr seid munter.

Hofdame. Ich, in Eurer Stelle
Flög über Lerchen weg. Markgräfin Pembroke!
Eintausend Pfund des Jahrs! Aus bloßer Achtung!
Und von Verpflichtung nichts! Bei meinem Leben,
Mehr Tausende verspricht das. Der Ehre Schlepp
Ist länger als ihr Vorderkleid. Nun, jetzo
Tragt Ihr wohl auch die Herzogin? Nicht wahr?
Seid Ihr nicht stärker schon?

Anna. Mein gutes Fräulein,
Ergötzt Euch selbst mit Euren eignen Grillen,
Und laßt mich aus dem Spiel. – Stürb ich doch lieber,
Wenn dies mein Blut erhitzt; nein, es bedrückt mich
Zu denken, was mag folgen. –
Die Königin ist trostlos, wir vergeßlich,
Sie so allein zu lassen. Bitt Euch, sagt nicht,
Was Ihr gehört.

Hofdame. Was denkt Ihr nur von mir? (Beide ab.)

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