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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Ein Vorzimmer im Palast

Der Lord-Kämmerer, der einen Brief liest

«Mylord, die Pferde, nach denen Eure Herrlichkeit schickte, waren mit aller Sorgfalt von mir ausgewählt, zugeritten und mit Sattel und Zeug versehen worden. Sie waren jung und schön und von unsrer besten Zucht im Norden. Als ich sie soweit gebracht, nach London abgehn zu können, hat einer von des Lord-Kardinals Dienern sie mir auf eine Vollmacht hin mit Gewalt abgenommen, mit der Äußerung, sein Herr wolle eher bedient sein als ein Untertan, wo nicht eher als der König; dies, gnädiger Herr, stopfte uns den Mund.»

Das will er freilich, fürcht ich. Nun, nehm er sie;
Ich denk, er nimmt noch alles.

Die Herzöge von Norfolk und Suffolk treten auf.

Norfolk. Mich freuts, Euch hier zu treffen, Mylord Kämmrer.

Lord-Kämmerer. Gott grüß Eur Gnaden beide.

Suffolk. Sagt, was macht
Der König?

Lord-Kämmerer. Ich verließ ihn einsam, voll
Bekümmernis und Gram.

Norfolk. Was war die Ursach?

Lord-Kämmerer. Es scheint, die Eh mit seines Bruders Weib
Kam dem Gewissen allzu nah.

Suffolk. Nein, sein Gewissen
Kam einer andern Frau zu nah.

Norfolk. So ists.
Das macht der Priester, dieser König-Priester!
Der blinde Pfaff, Fortunas Erstgeborner,
Dreht alles um. Einst wird der Herr ihn kennen.

Suffolk. Gott geb, er täts! Er kennt sich selbst nicht eh.

Norfolk. Seht nur, wie heilig all sein Tun und Dichten!
Wie salbungsvoll. Denn seit er brach das Bündnis
Mit Kaiser Karl, der Kön'gin großem Neffen,
Taucht' er ins Herz des Königs, streuet dort
Gefahr und Zweifel und Gewissensangst,
Vorwurf und Furcht, bloß dieser Ehe wegen.
Von all dem nun den König zu erlösen,
Rät er zur Scheidung, rät, sie zu verstoßen,
Die zwanzig Jahr an seinem Halse hing
Wie ein Juwel, doch nie den Glanz verlor;
Sie, die mit jener Zärtlichkeit ihn liebt,
Mit der die Engel gute Menschen lieben;
Ja, sie, die bei des Glückes härtsten Streichen
Den König segnen wird! Ist das nicht fromm?

Lord-Kämmerer. Behüt uns Gott vor solchem Rat! Wahr ists,
Schon wards bekannt, schon wohnts auf allen Zungen,
Und alle Treuen weinen drum; nicht einem,
Der nähre Einsicht hat, entgeht der Hauptzweck:
Die Eh mit Frankreichs Schwester. Öffne Gott
Des Königs Augen, die so lang geschlossen
Für diesen frechen Mann.

Suffolk. Und mach uns frei
Von seiner Knechtschaft!

Norfolk. Beten sollten wir,
Und zwar von ganzem Herzen, um Erlösung.
Sonst knetet der Hochfahrende uns alle
Aus Fürsten noch zu Pagen. Stand und Rang
Liegt wie ein Teich vor ihm, den er allein
Nach Wohlgefallen modelt.

Suffolk. Ich, Mylords,
Ich lieb und fürcht ihn nicht: das ist mein Credo.
Wie ich ohn ihn entstand, so will ich bleiben
Mit Königs Hilfe; Wolseys Fluch und Segen
Gilt mir gleichviel: ein Hauch, für nichts geachtet.
Ich kannt und kenn ihn noch und laß ihn dem,
Der ihn so stolz gemacht, dem Papst.

Norfolk. Kommt, gehn wir;
Versuchen wirs, ob nicht ein neu Beginnen
Den König diesem trüben Sinn entreißt.
Mylord, Ihr folgt uns doch?

Lord-Kämmerer. Entschuldigt mich;
Der König schickt mich sonst wohin. Zudem
Fürcht ich, ihr trefft höchst ungelegne Zeit;
So gehs euch wohl! –

Norfolk. Dank, werter Mylord Kämmrer.

(Lord-Kämmerer ab.)
Der Herzog von Norfolk öffnet eine Flügeltür; man sieht den König sitzend und nachdenklich lesend.

Suffolk. Wie ernst! Gewiß, er ist sehr aufgeregt!

König. Wer ist hier? He?

Norfolk. Gott wende seinen Zorn!

König. Wer ist hier? frag ich. Wie vermeßt ihr euch,
In Stunden ernster Sammlung euch zu drängen?
Wer bin ich? Wie?

Norfolk. Ein gütger Fürst, der gern Versehn entschuldigt,
Die nimmer arg gemeint. Der Fehl von eben
Betraf ein Staatsgeschäft, um das wir kamen,
Den Willen unsers Königs zu vernehmen.

König. Ihr seid zu kühn. Ei was!
Ich lehr euch, wann es Zeit ist zu Geschäften!
Ist jetzt für Weltliches die Stunde? Wie?

Wolsey und Campejus treten auf.

Wer kommt? Mein Kardinal? O du mein Wolsey,
Du Balsam meiner schmerzgequälten Seele,
Du reichst dem König Heilung. – Seid willkommen

(zu Campejus)

In unserm Reich, gelehrter, würdger Herr,
Verfügt mit ihm und uns; und sorgt Mylord,

(zu Wolsey)

Daß ich kein Schwätzer schein.

Wolsey. Ihr könnts nicht, Sire.
Ich bitt Eur Hoheit nur um eine Stunde
Geheimen Vortrags.

König (zu Norfolk und Suffolk).
Fort! wir sind beschäftigt.

Norfolk (beiseite).
Der Priester wär nicht stolz?

Suffolk (beiseite).
Ganz unermeßlich.
Ich möchte nicht so krank sein, nicht einmal
Für seinen Platz. Doch dies kann so nicht bleiben.

Norfolk. Geschiehts, so wag ich, ihm eins beizubringen.

Suffolk. Auch ich.

(Norfolk und Suffolk ab.)

Wolsey. Eur Hoheit gab ein Beispiel Ihrer Weisheit
Vor allen Fürsten, als Ihr frei dem Spruch
Der Kirch anheimgestellt habt Eure Skrupel.
Wer darf nun zürnen? Welcher Haß Euch treffen?
Spanien, durch Blut und Freundschaft ihr verbündet,
Muß jetzt, wofern es irgend gut gesinnt,
Die Untersuchung recht und edel finden.
In allen Christenreichen hat der Klerus,
Der einsichtsvolle, freie Beistimmung,
Und Rom, die Mutter aller Weisheit, sandte
Auf Euer Gnaden Wunsch als bündigsten
Erklärer diesen würdgen Priester her,
Den vielerfahrnen Kardinal Campejus,
Den ich nochmals vorstelle meinem Fürsten.

König. Und nochmals sagt ihm Willkomm die Umarmung,
Dem heiligen Konklav die Liebe dankend;
Es traf die Wahl nach meines Herzens Wunsch.

Campejus. Mit Recht ist aller Fremden Herz entzückt
Von Euch, mein Fürst, der sich so edel zeigt.
In Eure Hand leg ich die Vollmacht nieder,
Die auf Befehl des römschen Hofs mit Euch,
Lord-Kardinal, mich, seinen Knecht, vereinigt
Als unparteische Richter dieses Falls.

König. Gleich würdig beide. Wir werden ungesäumt
Die Königin unterrichten. – Wo ist Gardiner?

Wolsey. Eur Majestät, ich weiß es, hat sie stets
Zu sehr geliebt, um das ihr nicht zu gönnen,
Was rechtlich ein geringres Weib kann fordern:
Gelehrte, die frei für sie sprechen dürfen.

König. Jawohl, die besten; meine Gunst besitzt,
Wer es am besten tut. Ei, da sei Gott für!
Ruft, bitt ich, Gardiner, meinen neuen Schreiber,
Den Menschen find ich recht geschickt.

Der Kardinal geht hinaus und kommt zurück mit Gardiner.

Wolsey. Gebt mir die Hand; ich wünsch Euch Gunst und Freude:
Ihr seid des Königs jetzt.

Gardiner (beiseite zum Kardinal).
Doch stets im Dienst
Des teuern Gönners, dessen Hand mich hob.

König. Kommt hierher, Gardiner.

(Geht beiseite und redet leise mit Gardiner.)

Campejus. War nicht, Lord York, vorher ein Doktor Pace
In dieses Mannes Stelle?

Wolsey. Ja, das war er.

Campejus. Und galt er nicht für hochgelahrt?

Wolsey. Gewiß.

Campejus. Glaubt mir, dann ist ein schlimm Gerücht, Mylord,
Sogar von Euch verbreitet.

Wolsey. Wie! Von mir?

Campejus. Man steht nicht an, des Neides Euch zu zeihn;
Aus Furcht, daß seine Tugend hoch ihn höbe,
Hieltet Ihr ihn entfernt: das kränkt' ihn so,
Daß er im Wahnsinn starb.

Wolsey. Des Himmels Fried ihm!
Soviel als Christ: lebendge Lästerer
Kann man noch strafen. Dieser war ein Narr,
Ein Tugendheld durchaus: der gute Mensch da,
Wo ich gebiete, folgt er meinem Wink.
Kein andrer muß so nah stehn. Lernt das, Bruder,
Nie darf ein kleinrer Mann uns irgend hemmen.

König. Bringt dies der Königin mit aller Ehrfurcht. –

(Gardiner ab.)

Der beste Ort, den ich mir denken kann,
Zur Aufnahm solcher Weisheit ist Blackfriars.
Dort treffet euch in dieser wichtgen Sache;
Mein Wolsey, ordnet alles. Oh, Mylord,
Muß nicht ein wackrer Mann mit Gram verlassen
Solch süßes Ehweib? Doch, Gewissen! Gewissen! –
Es ist ein zarter Fleck; ich muß sie lassen. (Alle ab.)

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