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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Das Zimmer des Staatsrats

Trompeten. König Heinrich, auf des Kardinals Schulter gestützt; mehrere Edelleute und Sir Thomas Lovell treten auf

König. Mein ganzes Leben dankt, mein Herzblut Euch
Für solche Sorgfalt. Stand ich doch im Schuß
Der schwergeladnen Meuterei! Habt Dank,
Der sie erstickt. Laßt jetzt vor uns erscheinen
Des Buckingham Hofmeister: in Person
Will ich rechtfertgen hören sein Bekenntnis,
Und Punkt für Punkt soll er uns seines Herrn
Verrat aufs neu berichten.

Der König setzt sich auf den Thron. Die Lords des Reiches nehmen ihre Plätze ein. Der Kardinal setzt sich zu des Königs Füßen auf der rechten Seite. Man hört hinter der Szene rufen: Platz für die Königin! Die Königin tritt auf, geführt von den Herzogen von Norfolk und Suffolk; sie kniet. Der König steht auf von seinem Thron, hebt sie auf, küßt sie und heißt sie neben ihm sitzen.

Königin. Nein, laßt uns länger knien; ich kam zu bitten.

König. Steht auf, nehmt Euren Platz; Eur halb Gesuch
Bleib unberührt (halb unsre Macht ist Eure),
Die andre Hälft, eh ihr sie nennt, gewährt.
So sagt und nehmt die Bitte.

Königin. Dank, mein König.
Daß Ihr Euch selbst liebt, und in solcher Liebe
Nicht außer acht laßt Eure Ehre, noch
Die Hoheit Eures Amts: das ist der Inhalt
Von meiner Bitte.

König. Fahret fort, Gemahlin.

Königin. Ich werd umlagert stets – und zwar von vielen
Und von den Redlichsten –, weil Euer Volk
In harter Trübsal seufzt. Es sind Sendschreiben
Erlassen, so die Herzen lösen mußten
Von aller Treu; und ob sich zwar darob,
Werter Herr Kardinal, die herbsten Klagen
Auf Euch zumeist ergießen, als Anstifter
Solcher Erpressung, trifft doch selbst den König
(Des Ehre Gott vor Unglimpf schützen mag!)
Unziemlich Reden, ja, solches, das zerbricht
Treu und Gehorsam und beinah erscheint
Als lauter Aufruhr.

Norfolk. Nicht beinah erscheint,
Wirklich erscheint: denn dieser Schatzung willen
Hat schon das ganze Tuchgewerk, unfähig
Die Arbeit zu erhalten, seine Spinner,
Die Krempler, Walker, Weber abgedankt,
Die nun, verfolgt vom Hunger, andern Handwerks
Unkundig, sonder Mittel, in Verzweiflung,
Dem Ausgang trotzend, all in Aufstand sind;
Und die Gefahr dient unter ihnen.

König. Schatzung?
Auf was? und welche Schatzung? Kardinal,
Der Ihr den Tadel hiefür mit uns tragt,
Wißt Ihr von dieser Schatzung?

Wolsey. Erlaubt, mein König,
Ich weiß nur einzelnes, von allem was
Den Staat betrifft, und steh nur mit im Gliede,
Wo andre mit mir schreiten.

Königin. Nein, Mylord,
Ihr wißt nicht mehr als andre; doch Ihr schmiedet
Die Dinge, die auch jeder kennt; nicht heilsam
Für die, die lieber nicht sie kennten, doch
Wohl notgedrungen sie erfahren. Diese
Erpressungen, von denen mein Gemahl will wissen,
Im Hören sind sie Pest schon; und sie tragen –
Der Rücken bricht der Last. Man sagt, Ihr seids,
Der sie ersonnen; ist das nicht, so seid Ihr
Zu hart beschuldigt.

König. Immerdar Erpressung! –
Von welcher Art? Laßt hören, welcher Art
Ist die Erpressung?

Königin. Wag ich doch zuviel,
So prüfend Eure Milde! Doch mich stärkt
Die Nachsicht, so Ihr zugesagt. Es ruht
Des Volks Beschwerd auf Steuern, so ein Sechsteil
Von jeglichem Vermögen sonder Aufschub
Einfordern, und als Vorwand soll Eur Krieg
In Frankreich gelten. Dies macht dreiste Zungen,
Der Mund speit aus die Pflicht; in kalten Herzen
Gefriert die Treu; Verwünschung wohnt anjetzt,
Wo sonst Gebete; ja, es kam so weit,
Daß nun lenksame Folgsamkeit erscheint
Als jeglicher erhitzten Laune Sklav. Oh, möcht
Eur Hoheit bald erwägen dies Geschäft!
Keins ist so dringend. –

König. Nein, bei meinem Leben! –
Dies ist zuwider unserm Wunsch.

Wolsey. Und ich
Ging meinerseits hierin nicht weiter, als
Durch eine Stimm; auch diese gab ich nur
Auf Rat gelehrter Richter. Schmähen mich
Unkundge Zungen, so mein Innres nicht
Erkannt, noch meine Weg', und wollen dennoch
Die Chronik werden meines Tuns: so weiß man,
's ist nur der Würden Los, der Dornenpfad,
Den Tugend wandeln muß. Beschränke keiner,
Was ihm zu tun notwendig, in der Furcht,
Er stoß auf neidsche Tadler, die beständig,
Raubfischen gleich, dem neugeschmückten Fahrzeug
Nachziehn, wiewohl es Vorteil bringt mitnichten,
Nur eitle Jagd. Oft unsre beste Tat,
Wie Böse oder Schwache deuten, ist
Nicht unsre, oder nicht gelobt; die schlimmste,
Dem gröbern Sinn verständlich, preist man oft
Als unser bestes Tun. Müßten wir stillstehn
In Furcht, belacht sei unser Gehn, verlästert,
Wir müßten Wurzel schlagen, wo wir sitzen;
Wo nicht, gleich Bildern sitzen.

König. Weise Tat,
Vollbracht mit Vorsicht, schirmt sich selbst vor Furcht;
Tat ohne Vorbild aber ist zu fürchten
In ihrem Ausgang. Habt Ihr einen Vorgang
Für solche Schatzung? Wie mir scheint, wohl keinen.
Man darf das Volk nicht vom Gesetz losreißen
Und an die Willkür ketten. Wie! Ein Sechsteil?
Entsetzliche Besteurung! Ei, wir nehmen
Von jedem Baum Ast, Rind' und selbst vom Stamm!
Und lassen wir ihm auch die Wurzel, so verstümmelt,
Verzehrt die Luft den Saft. In jede Grafschaft,
Wo dies verhandelt, schickt Sendschreiben mit
Vollkommner Nachsicht allen, so bestritten
Das Recht sotaner Schatzung. Sorgt dafür,
Ich legs in Eure Hand.

Wolsey (zu seinem Geheimschreiber).
Hört, auf ein Wort!
Ihr fertigt Briefe mir für jede Grafschaft,
Von Königs Gnad und Nachsicht. Die gekränkten
Gemeinden sind uns abhold; sprenget aus,
Als sei auf unser Fürwort der Erlaß
Auf Widerruf erfolgt. Ich werd alsbald
Euch ferner unterrichten. (Geheimschreiber ab.)

Der Haushofmeister tritt auf.

Königin. Es geht mir nah, daß Herzog Buckingham
Sich Eur Mißfallen zuzog.

König. Viele schmerzt es:
Er ist gelehrt, ein trefflich seltner Redner,
Naturbegünstigt, an Erziehung fähig,
Den größten Meistern Lehr und Rat zu geben,
Nie Hilfe suchend außer sich; und dennoch,
Wo also edle Gabe schlecht verteilt
Erfunden wird – wenn erst der Geist verderbt ist –
Verkehrt sie sich zum Laster, zehnfach wüster
Als schön zuvor. Derselbe Mann, so edel,
Der stets den Wundern wurde beigezählt,
Bei dem – entzückt zu horchen – uns Minuten
Die Stunden seiner Red erschienen: dieser,
Mylady, hat die Grazie, einst ihm eigen,
In scheußliche Gestalt verkehrt, so schwarz
Wie aus dem Höllenpfuhl. Nehmt Platz und höret Dinge
(Hier steht, der sein vertrauter Diener war),
Die Ehre trauern machen. Lasset ihn
Die Schliche wiederholen, die wir nie
Zuwenig fühlen, zuviel hören können.

Wolsey. Kommt vor, erzählt mit freiem Mut, was Ihr,
Als ein sorgsamer Untertan, erforscht
Vom Herzog Buckingham.

König. Nur dreist gesprochen.

Haushofmeister. Erst wars ihm zur Gewohnheit, jeden Tag
Sein Reden zu verpesten durch die Äußrung,
Daß, stürb ohn Erben unser Herr, er sicher
Das Zepter an sich brächte: diese Worte
Hört ich ihn sagen seinem Schwiegersohn
Lord Aberga'nny, dem er eidlich schwur
Rach an dem Kardinal.

Wolsey. Bemerk Eur Hoheit
In diesem Punkte sein gefährlich Denken;
Feindlich im Wünschen strebt sein böser Wille
Entgegen Eurer heiligen Person,
Ja, zielt noch jenseits selbst auf Eure Freunde.

Königin. Seid christlich, Mylord Kardinal!

König. Fahrt fort!
Wie stützt' er seinen Anspruch auf die Krone,
Wenn wir dahin? Hast über diesen Punkt
Auch was vernommen?

Haushofmeister. Dazu leitet' ihn
Des Niklas Hopkins eitles Prophezein.

König. Wer war der Hopkins?

Haushofmeister. Ein Kartäusermönch,
Sein Beichtger, der ihn stets genährt mit Worten
Von Kron und Königtum.

König. Wie weißt du dies?

Haushofmeister. Nicht lang, eh Eure Hoheit zog gen Frankreich,
Geschahs, daß in der Rose, in dem Kirchspiel
Sankt Laurenz Poultney, mich der Herzog fragte,
Was für Gespräch in London ich gehört,
Betreffend Euren fränkschen Zug. Drauf sagt ich,
Man fürchte der Franzosen treulos Wesen
Zu unsers Herrn Verderben. Alsobald
Begann der Herzog: Dazu gäb es Grund,
Und, meint' er, wohl erfülle sichs, was ihm
Ein heilger Mönch gesagt, «der oft», erzählt' er,
«Zu mir gesandt, gelegne Zeit begehrend,
Wo meinem Kapellan, John de la Court,
Hochwichtge Ding' er offenbaren wolle;
Und als er drauf, unterm Sigill der Beichte,
Förmlichen Eid verlangt, was er entdeckte,
Das solle mein Kaplan nie einem Menschen
Als mir enthülln – da sprach er ernst, bedächtig,
Dies Wort: 'Der König weder, noch sein Stamm
(So sagt dem Herzog), wird gedeihn: drum streb er
Des Volkes Liebe zu gewinnen. Er, der Herzog,
Wird England einst beherrschen.'» –

Königin. Hör ich recht,
Wart Ihr des Herzogs Hausvogt und verlort
Auf seiner Pächter Anklag Eure Stelle;
So habt wohl acht, schmäht nicht in Eurer Bosheit
Den edlen Mann und wagt die edlere Seele.
Habt acht, ich sags Euch, ja, ich bitt Euch herzlich.

König. Laß ihn. – Fahr fort!

Haushofmeister. Wahr red ich, auf Gewissen.
Ich sagte dem Herrn Herzog, Teufels Blendwerk
Betrüge wohl den Mönch: es sei gefährlich,
So lang hierob zu brüten, bis zuletzt
Ein Anschlag reifte, wie's gewiß geschäh,
Traut' er ihm erst. Er aber rief: «Sei still! –
Es bringt mir nimmer Schaden!» – sagt' auch noch:
«Wofern der König starb im letzten Fieber,
So fiel das Haupt des Kardinals, sowie
Sir Thomas Lovells.»

König. Wie! So arg? Ei, ja!
Das ist ein schlimmer Mann. Weißt du noch mehr?

Haushofmeister. Ich weiß, mein Fürst.

König. Fahr fort.

Haushofmeister. Zu Greenwich wars.
Verweis hatt' Eure Hoheit meinem Herzog
Erteilt, Sir William Blomers willen –

König. Wohl
Entsinn ich michs: aus meinem Lehnsdienst nahm
Der Herzog ihn für sich. Doch nun, wie weiter?

Haushofmeister. Da sprach er: «Wär ich hierum festgesetzt,
Etwa im Turm, so mein ich, spielt ich wohl
Die Rolle, die mein Vater wollt erfüllen
Am Usurpator Richard, als in Sal'sbury
Er sich Gehör erbat, und wärs gewährt,
Ihm unterm Schein der Huldigung sein Messer
Ins Herz gestoßen hätte.»

König. Oh, Riesenbosheit!

Wolsey. Nun, Fürstin, kann der König frei noch atmen,
Bleibt dieser außer Haft?

Königin. Gott fügs zum Guten!

König. Du hast noch Weitres auf dem Herzen; rede.

Haushofmeister. Nach «Rolle meines Vaters» – und dem «Messer» –
Streckt er sich so, und eine Hand am Dolch,
Die andre auf der Brust, den Blick erhoben,
Stieß er hervor den wildsten Fluch, des Inhalts
Daß, würd ihm hart begegnet, er den Vater
So weit noch übertreffen wollt, als je
Die Tat den schwanken Vorsatz.

König. Seinem Messer
Ist wohl ein Ziel gesetzt; er ist verhaftet.
Ruft vor Gericht ihn gleich. Vermag er Gnade
Vor dem Gesetz zu finden, sei's; wo nicht,
Bei uns such er sie nie! – Bei Tag und Nacht!
Er ist ein Erzverräter. (Alle ab.)

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