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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 16
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Vor dem Zimmer des Staatsrats

Cranmer tritt auf. Türsteher und Bediente draußen wartend

Cranmer. 's ist, hoff ich, nicht zu spät, und doch empfahl mir
Der Bote, den der Staatsrat mir gesandt,
So große Eil. – Noch zu? Was heißt das? He! –
Wer hat den Dienst? Ihr kennt mich doch?

Türsteher. O ja,
Mylord; doch kann ich Euch nicht helfen.

Cranmer. Wie! –

Türsteher. Ihr müßt noch stehn, Mylord, bis man Euch ruft.

Cranmer. So? –

Doktor Butts tritt auf.

Butts (für sich).
Nun, das ist rechte Bosheit! Ich bin froh,
Daß ich zum Glück den Weg hier nahm. – Der König
Soll dies sogleich erfahren. (Ab.)

Cranmer. Das ist Butts,
Des Königs Arzt. Als er vorüberging,
Wie ernst er seinen Blick auf mich geheftet!
Wenn er nur nicht mein Unglück weiß! Gewiß ists
Absichtlich angelegt durch meine Feinde
(Gott beßre sie, nie reizt ich ihre Tücke! –)
Zu meinem Schimpf, sonst schämten sie sich wohl,
Mich vor der Tür zu lassen, ihresgleichen
Im Staatsrat, unter Troß und Knechten. Mag
Ihr Wille doch geschehn, ich warte ruhig.

Der König und Butts, oben am Fenster.

Butts. Ich zeig Eur Hoheit den seltsamsten Auftritt –

König. Was meinst du?

Butts. Ich denk, Eur Hoheit sah dies wohl nicht oft.

König. Zum Element! Wo ists? –

Butts. Seht hier, mein Fürst,
Das Standserhöhn Mylords von Canterbury,
Der Hof hält vor der Tür mit Häschern, Pagen
Und Dienertroß.

König. Ha, wirklich! Er ists selbst!
Auf solche Weise ehren sie einander?
Gut, daß noch einer höher ist. Ich dachte,
Sie alle hätten soviel Sinn für Recht
(Zum mindsten gute Sitte), nicht zu dulden,
Daß solchen Rangs ein Mann, und uns so nah,
Hier ihrer Gnaden Wohlgefalln erwarte,
Und an der Tür, wie 'n Postknecht mit Paketen!
Butts, bei der Mutter Gotts, so handeln Schufte!
Doch laß sie nur, ziehn wir den Vorhang zu,
Wir werden weiter sehn. –

Das Zimmer des Staatsrats. Der Lord-Kanzler setzt sich oben an die Tafel zur Linken; ein Sitz über ihm bleibt leer, welcher dem Erzbischof von Canterbury gehört. Die Herzöge von Norfolk, Suffolk, Surrey, der Lord-Kämmerer und der Bischof von Winchester setzen sich nach der Ordnung zu beiden Seiten der Tafel. Cromwell als Sekretär zuunterst.

Kanzler. Beginnt den Vortrag jetzt, Herr Sekretär.
Was führt uns heut zusammen?

Cromwell. Gnädge Herrn,
Der Fall betrifft Mylord von Canterbury.

Gardiner. Gab man ihm Nachricht?

Cromwell. Ja.

Norfolk. Wer wartet dort?

Türsteher. Dort draußen?

Gardiner. Ja.

Türsteher. Nun, der Herr Erzbischof,
Der Eures Winks seit einer Stunde harrt.

Kanzler. Laßt ihn herein.

Türsteher. Eur Gnaden kann jetzt kommen.

Cranmer nähert sich der Versammlung.

Kanzler. Werter Herr Erzbischof! – Mit tiefem Kummer
Sitz ich allhier und sehe jenen Stuhl
Erledigt; doch wir alle sind nur Menschen,
Schwachheit ist unser Erb, nur wen'ge sind,
Im Fleisch noch wandelnd, Engel; so hat Schwachheit
Und Weisheitsmangel denn auch Euch verführt,
Der uns das beste Beispiel sollte geben,
Euch zu versündgen, und fürwahr, nicht leicht!
Zuerst am König; dann am Recht, indem
Das Reich durch Euch und Eurer Pfarrherrn Lehre
(Denn so verlautets) neuer Irrtum füllt,
Sektierung und Gefahr, kurz, Ketzerei,
Die, nicht gedämpft, Verderbnis muß erzeugen.

Gardiner. Und solche Dämpfung tut uns eilend not,
Ihr edlen Herrn; wer wilde Hengste zähmt,
Dem reicht die Hand nicht aus, sie fromm zu ziehn,
Er zwängt ihr Haupt mit scharfem Zaum und spornt sie,
Bis sie der Führung weichen. Dulden wir
Nach unsrer Lässigkeit und kindscher Sorgfalt
Für eines Mannes Ruf solch schnöde Pest,
Dann, Heilkunst, fahre wohl! Was wird die Folge?
Aufruhr, Empörung, allgemeine Seuche
Des ganzen Staats, wie kürzlich unsre Nachbarn
Im Niedern Deutschland teuer gnug bezeugt,
Darob noch frisch in uns das Mitleid lebt.

Cranmer. Ich hab bisher danach gestrebt, Mylords,
In meines Amts und Lebens ganzem Fortgang
Und nicht mit kleiner Mühe, daß mein Wort
Und meines Lehreransehns fester Gang
Die gleiche Bahn bewahrten, und das Gute
Blieb stets mein Ziel. Auch lebt auf Erden wohl –
Das sag ich treuen Herzens, edle Lords –
Nicht einer, der die Störer heimschen Friedens
Mehr haßt als ich, und mehr als ich bekämpft
Im eignen Innern und in seinem Amte.
Gott geb, es diente keiner je dem König
Mit mindrer Treu und Liebe! Wem der Neid,
Die krumme Arglist Nahrung gibt, des Biß
Wagt an die Besten sich. Ich bitt euch, Herrn,
Laßt meine Kläger mir in dieser Sache,
Wer sie auch sei'n, hier gegenüberstehn,
Und ohne Rückhalt zeugen.

Suffolk. Nein, Mylord,
Das geht nicht an; Ihr seid des Staatsrats Mitglied,
Und solche Würde schützt vor aller Klage.

Gardiner. Mylord, weil uns Bedeutenders noch obliegt,
Seid kürzlich abgefertigt! Seine Hoheit,
Nach unserm Schluß, zu beßrer Untersuchung,
Verlangt, daß Ihr Euch gleich zum Turm begebt,
Wo Ihr, Privatmann wiederum geworden,
Erfahren sollt, wieviel Ihr Kläger habt;
Und, fürcht ich, mehr, als Ihr gewärtig seid.

Cranmer. Ei, werter Lord von Winchester, ich dank Euch,
Wart Ihr doch stets mein Freund; nach Eurem Wunsch
Spracht Ihr zugleich die Klage wie das Urteil,
So menschlich seid Ihr. Euer Trachten seh ich,
's ist mein Verderben; Lieb und Demut, Lord,
Ziemt frommen Hirten mehr als Sucht der Ehre; –
Gewinnt mit Glimpf verirrte Seelen wieder,
Verstoßt sie nicht. Daß ich mich rein'gen werde,
Und beugt Ihr auch mir gänzlich die Geduld,
Bleibt mir kein Zweifel, gleich wie Euch kein Skrupel
Für täglich Unrecht. Mehr noch könnt ich sagen,
Doch mahnt die Achtung für Eur Amt zu Maß.

Gardiner. Mylord, Mylord, Ihr seid ein Sektenstifter,
Das liegt am Tag; Eur gleißend heller Firnis
Hüllt Schwäch und leere Worte nimmer ein.

Cromwell. Mylord von Winchester, verzeiht in Gnaden,
Ihr dünkt mich fast zu hart. So edle Männer,
Wenngleich im Irrtum, sollten Achtung finden
Für das, was sie gewesen. Grausam ists,
Den Fallenden zu drängen.

Gardiner. Mein Herr Schreiber,
Verzeihung, Euer Gnaden, dieses Wort
Ziemt Euch von allen hier am schlechtsten.

Cromwell. Wie?

Gardiner. Kenn ich Euch etwa nicht als zugetan
Der neuen Sekt? Ihr seid nicht rein.

Cromwell. Nicht rein? –

Gardiner. Nicht rein, sag ich.

Cromwell. Wärt Ihr nur halb so ehrlich,
Dann folgt' Euch Segen nach, wie jetzt die Furcht.

Gardiner. Des frechen Worts gedenk ich.

Cromwell. Immerhin,
Doch Eures frechen Lebens auch.

Lord-Kämmerer. Zuviel! –
Ihr Herrn, hört auf!

Gardiner. Ich bin zu End.

Cromwell. Ich auch.

Lord-Kämmerer. Was Euch betrifft, Mylord, so glaub ich, ward
Einstimmig der Beschluß gefaßt, zum Turm
Euch als Gefangnen schleunig abzusenden,
Wo Ihr verbleibt, bis fernrer Auftrag uns
Vom König kommt. Mylords, sind alle einig?

Alle. Das sind wir.

Cranmer. Ist für mich kein mildrer Weg,
Muß ich durchaus zum Turm, ihr Herrn?

Gardiner. Welch andrer
Bleibt wohl für Euch? Ihr seid sehr überlästig!
Ruft von der Wache wen hieher!

Cranmer. Für mich?
So stellt Ihr mich Verrätern gleich?

(Es treten einige von der Wache in den Saal.)

Gardiner. Empfangt ihn
Und führt ihn in den Turm.

Cranmer. Halt, gute Lords,
Gönnt mir zwei Worte noch. – Seht, werte Herrn,
Kraft dieses Ringes nehm ich meine Sache
Aus böser Menschen Klau'n und gebe sie
Einem höhern Richter, meinem Herrn und König.

Lord-Kämmerer. Das ist des Königs Ring.

Surrey. 's ist kein verfälschter.

Suffolk. Der echte Ring; bei Gott, ich sagt euch gleich,
Als wir den schlimmen Fels ins Rollen brachten,
Er fiele auf uns selbst.

Norfolk. Glaubt ihr, Mylords,
Der König lasse diesem Mann auch nur
Den kleinen Finger kränken?

Lord-Kämmerer. Nur zu wahr!
Und wieviel mehr liegt ihm an diesem Leben!
Ich wollt, ich wär heraus.

Cromwell. Mir ward es klar,
Als ihr noch Kundschaft suchtet und Verdacht
Wider solchen Mann, des Redlichkeit allein
Der Teufel und sein Anhang sieht mit Neid.
Ihr schürtet selbst das Feuer, das euch brennt:
Nun mögt ihrs haben! –

Der König tritt herein und sieht mit zürnenden Blicken auf die Herren vom Staatsrat. Dann setzt er sich.

Gardiner. Erhabner Fürst, wie danken wirs dem Himmel
Alltäglich, der uns solchen Herrn gegönnt,
Nicht nur höchst weis und gut, doch fromm vor allem:
Ein König, der die Kirch in seiner Demut
Zum Ziel des höchsten Ruhms sich wählt und selbst,
Um solche Pflicht zu kräftgen, voller Huld
Der heutgen Sitzung naht, um ihren Rechtsfall
Mit jenem Hauptverbrecher zu vernehmen.

König. Lobreden aus dem Stegreif scheint Eur Fach,
Bischof von Winchester; doch komm ich nicht,
Solch Schmeicheln mir ins Antlitz jetzt zu hören,
Zu dünn und schal, um Unrecht zu verhüllen.
Ihr reicht nicht hoch genug – dem Schoßhund ähnlich,
Meint Ihr mit Zungenspiel mich zu gewinnen;
Doch, wie von mir du denken magst, ich weiß,
Du hegst grausame, blutge Sinnesart. –
Setz dich, mein guter Cranmer. Nun, laßt sehn!
Laßt nun den Kecksten, der am meisten wagt,
Nur seinen Finger heben wider dich!
Beim Himmel! besser tät er, zu verhungern,
Als dächt er, dieser Platz sei dir zu gut.

Surrey. Gefall Eur Hoheit –

König. Nein, Sir, es mißfällt mir.
Ich dacht, ich hätte Männer von Verstand
Und Einsicht hier im Rat, doch täuscht ich mich.
Wars klug getan, ihr Herrn, hier diesen Mann,
Den guten Mann – wen nennt ich so von euch? –
Den Ehrenmann, gleich einem lumpgen Knecht
Stehn lassen vor der Tür? Ihn, der euresgleichen? –
Ei, welche Schmach! hieß meine Vollmacht nur
So gänzlich euch vergessen? Ich erlaubt euch,
Ihn zum Verhör zu ziehn als Staatsrat, nicht
Als Pferdeknecht. Ich seh hier manchen zwar,
Der mehr aus Arglist, denn aus reinem Eifer,
Vermöcht ers, ihm das Ärgste zuerkennte:
Allein das sollt ihr nie, weil ich noch lebe.

Kanzler. Bis hieher, höchster Herr, vergönn Eur Hoheit
Den Hergang zu entschuldgen. Was beliebt ward,
Anlangend sein Gefängnis, traf vielmehr,
Wenn Treu und Glauben gelten, ein Verhör
Und Rein'gung vor der Welt, als bösen Zweck;
In mir zum mindsten.

König. Ehrt ihn denn, ihr Herrn:
So nehmt ihn auf und liebt ihn, er verdient es.
Ich sage nur soviel von ihm: kann je
Ein Fürst dem Untertan verpflichtet sein,
Bin ich es ihm für seine Lieb und Dienste;
Macht keine Umständ mehr, umarmt ihn alle;
Seid Freunde, schämt euch, Lords! – Lord Canterbury,
Ich hab 'ne Bitt an Euch, versagt mirs nicht:
Noch fehlt die Tauf 'nem artgen kleinen Fräulein,
Ihr müßt Gevatter sein und sie vertreten.

Cranmer. Der größte König würd erfreut und stolz
Durch solche Ehre; wie verdien ich soviel! –
Ich, Eur geringer, schwacher Untertan.

König. Geht, geht, Mylord; ich glaub, Ihr spartet gern
Die Patenlöffel. – Ich besorg Euch noch
Zwei würdige Gehilfen: Lady Norfolk
Und Marquis Dorsets Frau: gefällts Euch so?
Noch einmal, Mylord Winchester, ich sags Euch,
Umarmt den Mann und liebt ihn.

Gardiner. Brüderlich
Und treuen Herzens tu ichs.

Cranmer. Und der Himmel
Bezeug es, wie mich dieses Wort erfreut!

König. Du Redlicher!
Die Freudenträne zeigt dein treues Herz.
Des Volkes Stimme seh ich hier bewährt,
Die oft gesagt: Spielt Mylord Canterbury
'nen schlimmen Streich, dann habt Ihr ihn zum Freund. –
Kommt Herrn, die Zeit ist edel, mich verlangt
Als Christin meine Kleine bald zu sehn.
Doch ihr bleibt einig, wie ihr jetzt euch zeigt,
Daß meine Macht wie eure Wohlfahrt steigt. (Alle ab.)

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