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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 15
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug

Erste Szene

Eine Galerie im königlichen Palast

Gardiner, Bischof von Winchester, tritt auf; ein Page mit einer Fackel vor ihm her. Sir Thomas Lovell begegnet ihm

Gardiner. Die Uhr ist eins, nicht wahr?

Page. Es hat geschlagen.

Gardiner. Dies sollten Stunden sein für den Bedarf,
Nicht für Vergnügung; Zeit, Natur zu stärken
Durch Schlafs Erquickung, zum Vergeuden nicht
Bestimmt. – Gott schenk Euch gute Nacht, Sir Thomas;
Wohin so spät?

Lovell. Mylord, kommt Ihr vom König?

Gardiner. Soeben erst; ich ließ ihn beim Primero
Mit Herzog Suffolk.

Lovell. Ich muß auch zu ihm,
Eh er sich schlafen legt. Auf Wiedersehn!

Gardiner. Noch nicht, Sir Thomas Lovell; sagt, was gibts?
Ihr scheint in großer Eil, und wollt Ihrs nicht
Auslegen als Beleidgung – teilt dem Freund
Die Ursach mit so später Hast; Geschäfte,
Die mitternächtlich umgehn wie die Geister,
Sind wildrer Art in sich, als was bei Tag
Erledgung sucht.

Lovell. Ich liebe Euch, Mylord;
Und möcht Euch ein Geheimnis wohl vertraun,
Viel wichtiger noch als dies. Die Königin ist in Wehen,
Man sagt, in äußerster Gefahr; sie fürchten,
Es werd ihr Ende sein.

Gardiner. Für ihre Frucht
Will ich von Herzen beten, wünsch ihr auch
Gedeihn und Leben; doch den Stamm, Sir Thomas,
Laßt immer jetzt vertilgen.

Lovell. Dazu sprech ich
Das Amen mit, und dennoch sagt mein Herz,
Sie sei ein gut Geschöpf und liebes Weib,
Und beßrer Wünsche wert.

Gardiner. Doch, Herr, Herr, hört
Mich an, Sir Thomas: Ihr seid ein Mann, wie ich,
Der echten Kirche; ich kenn Euch weise, fromm;
Und laßt Euch sagen, besser wirds nicht, eh –
Nicht eh, Sir Thomas Lovell, darauf baut –,
Bis Cranmer, Cromwell, ihre beiden Hände,
Und sie – im Grabe ruhn.

Lovell. Ei, Sir, Ihr nennt
Die Mächtigsten im Reiche. Cromwell stieg
Vom Kronwardein erst jüngst zum Archivar
Und Rat des Königs, steht noch überdies
Recht auf dem Sprung zu weitrer Förderung,
Und harrt nur auf die Zeit; – der Erzbischof
Ist Zung und Hand des Königs; wer nur wagt
Ein Wörtlein wider den?

Gardiner. Doch, doch, Sir Thomas,
Noch wagt es einer wohl; ich selbst erdreistete
Mich auszusprechen, ja noch heut am Tag
(Euch darf ich mich vertraun) schürt ich die Flamme
Den Herrn vom Staatsrat, hoff ich; zeigt', er sei
(Das, weiß ich, ist er, sie auch wissen es),
Ein erzverruchter Ketzer, eine Pest,
Die unser Land verdirbt; Sie haben, ganz erregt,
Den König unterrichtet. Dieser lieh
So weit Gehör der Klag (aus hoher Huld
Und königlicher Fürsicht all das Unheil,
Das unsre Gründ ihm dargelegt, erwägend),
Daß vor den Staatsrat er ihn fordern ließ
Auf morgen früh. Dies böse Unkraut, Sir,
Muß ausgerottet werden. Doch zu lang
Halt ich Euch auf; ich wünsch Euch gute Nacht.

Lovell. Gut Nacht gleichfalls, Mylord; ich bleib Eur Diener.

(Gardiner mit dem Pagen ab.)

Der König mit dem Herzog von Suffolk tritt auf.

König. Karl, länger spiel ich diesen Abend nicht,
Ich bin zerstreut, Ihr seid mir heut zu stark.

Suffolk. Herr, ich gewann zuvor von Euch noch nie.

König. Nur selten, Karl,
Und sollt auch nie, wenn ich nur achtsam bin. –
Nun, Lovell, von der Königin? Wie stehts?

Lovell. Ich konnte nicht persönlich überbringen,
Was Ihr gebotet; doch durch ihre Fraun
Sandt ichs ihr zu. Die Fürstin sagt Euch Dank
In tiefster Demut und ersucht Eur Hoheit,
Herzlich für sie zu beten.

König. Was sagst du? Wie?
Für sie zu beten? Wie? Ist sie in Wehen?

Lovell. Das sagten ihre Fraun; und daß der Schmerz
Ihr Qualen fast zum Tode gibt.

König. Die Arme! –

Suffolk. Gott woll ihr leichtlich ihre Bürde nehmen,
Mit lindem Weh, um bald mit einem Erben
Eur Hoheit zu erfreun.

König. 's ist Mitternacht;
Bitt dich, geh schlafen, und gedenk im Beten
Der armen Königin. Laß mich allein;
Mir kreuzen sich Gedanken, denen wenig
Gesellschaft frommt.

Suffolk. Ich wünsch Eur Majestät
Gut Nacht, und meiner teuren Herrin will ich
Gedenken im Gebet.

König. Karl, gute Nacht. (Suffolk ab.)

Sir Anthony Denny tritt auf.

Nun, Sir, was gibts?

Denny. Mylord, den Erzbischof bracht ich Eur Hoheit,
Wie Ihr befahlt.

König. Ah, den Canterbury?

Denny. Ja, bester Herr.

König. 's ist wahr. Wo ist er, Denny?

Denny. Er harrt im Vorsaal.

König. Führ ihn her zu mir.

(Denny ab.)

Lovell (beiseite).
Das ist, wovon der Bischof zu mir sprach;
Ich kam zur guten Stunde.

Denny kommt zurück mit Cranmer.

König. Verlaßt die Galerie.

(Lovell scheint zu zögern.)

Ha! sagt ichs nicht?
Fort da! – Was! –

(Lovell und Denny ab.)

Cranmer (beiseite).
Ich bin voll Furcht – warum die finstre Stirn?
Das ist sein Schreckensblick. Es steht nicht gut.

König. Nun, Mylord? Wissen wollt Ihr wohl, weshalb
Ich Euch ließ rufen?

Cranmer (kniend).
's ist mir Pflicht, Eur Hoheit
Befehlen stets zu g'nügen.

König. Steht nur auf,
Mein guter, würdger Lord von Canterbury.
Kommt, gehn wir auf und nieder miteinander.
Ich habe Neuigkeiten hier für Euch,
Kommt näher, kommt, und gebt mir Eure Hand.
Ach, guter Lord, es schmerzt mich sehr, zu sagen,
Und geht recht nah, was folgt, Euch auszusprechen.
Ich hab – und widerwillig – jüngst vernommen,
Von mancher schweren – ja, so muß ich sagen,
Schweren Beschuldgung wider Euch; worauf
Wir uns entschieden haben, samt dem Staatsrat
Euch morgen zu vernehmen; und ich weiß,
Ihr könnt so frei und rein Euch schwerlich läutern,
Daß bis zur fernen Untersuchung nicht
Der Punkte, so Ihr widerlegen sollt,
Ihr Euch gedulden müßtet und bereiten,
Eur Haus in unserm Turm zu suchen. Also
Ziemt sichs für Euch, als Pair, weil sonst kein Zeuge
Aufträte gegen Euch.

Cranmer. Eur Hoheit dank ich
Und freu mich sehr zu solchem ernsten Anlaß
Sorgfältger Sichtung, die den Weizen völlig
Von meiner Spreu wird sondern; denn ich weiß,
Mich Armen treffen mehr Verleumderzungen
Als irgendeinen.

König. Knie nicht, Canterbury:
Dein Recht, dein reiner Sinn schlug tiefe Wurzel
In Uns, in deinem Freund. Gebt mit die Hand,
Kommt, gehn wir noch. – Nun, bei der Mutter Gotts,
Was seid Ihr für ein Mann denn? Dacht ich doch,
Ihr würdet jetzt mich dringend supplizieren,
Auf daß ich mich verwendete, nur schnell
Die Gegner Euch zu stellen, und demnächst
Euch ferner hörte sonder Haft.

Cranmer. Mein Fürst,
Der Schutz, auf den ich trau, sind Recht und Gradheit;
Verließen die mich, würd ich mit den Feinden
Mich meines Sturzes freun, denn ohne sie
Könnt ich mich selbst nicht achten. Doch ich fürchte
Nichts, was sie sagen mögen.

König. Wißt Ihr nicht
(Was alle Welt weiß), wie Ihr mit der Welt steht?
Sehr viel sind Eurer Feind',
Und kleine nicht; und deren Ränke sind
Wie sie beschaffen: und nicht stets gewinnt
Wahrheit und Recht, wie's sollte, Lossprechung
In dem Prozeß. Wie leicht erkaufen nicht
Verderbte Seelen gleich verderbte Schurken,
Zu schwören gegen Euch? So was geschieht!
Die Gegner sind Euch stark, und ihrer Macht
Gleicht ihre Bosheit. Hofft Ihr günstger Glück
Im Punkt meineidger Zeugen denn Eur Heiland,
Dem Ihr als Diener folgt, solang er wallte
Auf dieser schnöden Erde? – Wie? Ei! Ei!
Euch dünkt ein Abgrund kein gewagter Sprung,
Ihr werbt Euch selbst den eignen Untergang!

Cranmer. So mögen Gott und Eure Majestät
Beschützen meine Unschuld, sonst vermeid ich
So viele Schlingen nicht!

König. Seid guten Muts;
Sie solln nicht weiter gehn, als wir gestatten.
Bleibt nur getrost und schickt Euch an, heut morgen
Vor ihnen zu erscheinen. Kommts, daß sie
Anklagen auf Verhaftung legen dar,
So laßt nicht ab, die besten Gegengründe
Zu häufen, scheut auch nicht ein heftges Wort,
Wie's Euch der Anlaß eingibt; wenn alsdann
Eur Dringen fehlschlägt, zeigt nur diesen Ring,
Und wendet Euch sofort in ihrem Beisein
An mein Entscheiden. – Seht, der Gute weint!
Der ist getreu, auf Ehre! – Bei Christi Mutter!
Ich schwörs, er ist von Gold, das beste Herz
In unserm Königreich. – Nun geht und tut,
Wie ich Euch sagte. Seine Sprach ist ganz
Erstickt in Tränen. (Cranmer ab.)

Eine alte Hofdame tritt auf. Lovell folgt ihr.

Edelmann (hinter der Szene).
Bleibt zurück! Was wollt Ihr?

Hofdame. Ich bleibe nicht zurück! Ich habe Zeitung,
Die Dreistigkeit gesittet macht. – Dein Haupt
Umschweben gute Engel, und ihr Fittich
Beschatte dich! –

König. Aus deinen Blicken les ich
Die Botschaft – Ist die Königin entbunden?
Sprich ja, und von 'nem Knaben?

Hofdame. Ja! ja! mein König,
Von einem süßen Knaben. Herr im Himmel,
Beschütz sie nun und ewig! – 's ist ein Mädchen,
Das künftge Knaben wohl verspricht. Die Königin
Harrt Eures Kommens, Herr, und Eurer ersten
Bekanntschaft mit dem kleinen Ankömmling.
Er gleicht Euch wie ein Ei dem andern – –

König. Lovell –

Lovell. Herr!

König. Gib ihr hundert Mark. Ich will zur Königin. (König ab.)

Hofdame. Nur hundert Mark? Beim Himmel! ich will mehr,
Für einen Stallknecht wär es Lohn genug.
Mehr muß ich haben, sonst keif ichs ihm ab:
Sagt ich deshalb, das Mädchen seh ihm gleich?
Ich muß mehr haben, sonst nehm ichs ganz zurück,
Und nun das Eisen, weils noch heiß, zum Amboß! (Ab.)

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