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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 14
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Kimbolton

Die verwitwete Königin Katharina, krank, von Griffith und Patienza geführt, tritt auf

Griffith. Wie gehts Eur Hoheit?

Katharina. Tödlich krank, o Griffith!
Es sinken mir, beschwerten Ästen gleich,
Die Knie zur Erd und wichen gern der Last. –
Reich einen Sessel – so! – jetzt wird mirs leichter.
Sagtst du mir nicht, als du mich führtest, Griffith,
Der große Sohn des Ruhms, der Kardinal,
Sei tot? –

Griffith. Ja, Fürstin, doch Eur Hoheit, wie ich glaubte,
Vernahm mich kaum in Ihrem heftgen Schmerz.

Katharina. Sag, guter Griffith, bitt dich, wie er starb;
Wenn fromm, so ging er mir vielleicht voran
Als Beispiel.

Griffith. Fromm, erzählt man mir, verschied er.
Denn als der kühne Graf Northumberland
Zu York ihn festgesetzt, und ungesäumt
Als einen Hartbeschuldigten verhört,
Erkrankt' er plötzlich schwer, und konnte nicht
Auf seinem Maultier sitzen.

Katharina. Armer Mann! –

Griffith. Endlich, nach häufger Rast, erreicht' er Leicester,
Wo ihn im Klosterhof der würdge Abt
Samt dem Konvent mit aller Ehr empfing.
Dem sagt' er dieses Wort: «O Vater Abt!
Ein Greis, zerknickt im wilden Sturm des Staats,
Legt hier bei Euch sein müdes Haupt zur Ruh;
Gönnt aus Erbarmen ihm ein wenig Erde!»
Man bracht ihn gleich zu Bett; die Krankheit stieg
Anhaltend heftger, und am dritten Abend,
Just um die achte Stund, in der er selbst
Vorausgesagt sein Ende – gab er reuig
Versenkt in Tränen, Sorg und tiefer Andacht,
Der irdschen Welt den eitlen Ruhm zurück,
Sein geistlich Teil dem Herrn, und starb in Frieden.

Katharina. So schlaf er auch, leicht sei'n ihm seine Fehle! –
Das einzge, Griffith, sag ich noch von ihm,
Und doch in aller Lieb – er war ein Mann
Von ungezähmtem Stolz, der Fürsten stets
Sich gleich gezählt; ein Mann, des heimlich Trachten
Das Reich gefesselt; geistlich Recht war feil,
Gesetz sein Wille; Wahrheit widerrief er
Am Hof, zweizüngig überall erscheinend
In Red und Sinn; nie zeigt' er Mitleid je,
Als wenn er Untergang beschloß im Herzen.
Sein Wort, gleich seinem vorgen Selbst, gewaltig,
Doch sein Erfüllen nichtig, gleich dem jetzgen.
Er sündigte im Fleisch, und gab dadurch
Dem Klerus schlechtes Beispiel.

Griffith. Edle Frau,
Der Menschen Tugend schreiben wir in Wasser,
Ihr böses Treiben lebt in Erz: vergönnt Ihr
Mir jetzt wohl auch sein Lob?

Katharina. Ja, guter Griffith,
Sonst wär ich boshaft.

Griffith. Dieser Kardinal,
Wenn schon von niederm Stand, war unbezweifelt
Für großen Ruhm geschaffen seit der Wiege.
Er war ein Hochgelahrter, reif und tüchtig,
Unendlich klug, beredsam, überzeugend,
Den Abgeneigten herb und schroff gesinnt,
Allein dem Freunde liebreich wie der Sommer.
Und war er gleich im Nehmen unersättlich
(Was sündlich ist), so zeigt' er, Fürstin, sich
Im Geben königlich – des zeugen ewig
Des Wissens Zwillinge, so er euch schuf,
Ipswich und Oxford! – Jenes fiel mit ihm,
Nicht wollt es seine Wohltat überleben;
Dies aber, zwar unfertig, doch so glänzend,
So trefflich in der Kunst, so stet im Wachsen,
Daß in Europa nie sein Ruhm vergehn wird.
Sein Sturz hat Heil gesammelt über ihm,
Denn nun – und nicht bis dahin – kannt er sich
Und sah den Segen ein, gering zu sein,
Und daß er höhern Ruhm dem Alter schüfe,
Als der von Menschen kommt, starb er, Gott fürchtend.

Katharina. Nach meinem Tod wünsch ich zum Herold mir,
Der meines Lebens Taten aufbewahre
Und meinen Leumund rette vor Verwesung,
So redlichen Chronisten als mein Griffith.
Den ich zumeist gehaßt, den muß ich nun
Durch deine fromme Wahrheitslieb und Demut
Im Grab noch ehren. Friede sei mit ihm! –
Patienza, geh nicht von mir; leg mich tiefer,
Du hast nicht lang mehr all die Mühe – Griffith,
Laß die Musik die trübe Weise spielen,
Die ich mein Grabgeläute hab genannt,
Derweil ich sitz und denk an den Gesang
Der Himmel, dem ich bald entgegensehe.

(Eine ernste und feierliche Musik.)

Griffith. Sie schläft – setz still dich nieder, liebes Mädchen,
Sonst wecken wir sie. Sacht, gute Patienza!

(Traumgesicht. Sechs Gestalten in weißen Gewändern, Lorbeerkränze auf dem Haupt, goldne Masken vor dem Gesicht und Palmenzweige in den Händen, schweben langsam auf die Bühne. Sie begrüßen Katharinen und tanzen darauf. Bei gewissen Wendungen halten die ersten zwei einen Lorbeerkranz über ihrem Haupt, während die vier übrigen sich ehrerbietig neigen. Dann wiederholt das nächstfolgende und endlich das letzte Paar dieselbe Handlung. Die Fürstin gibt schlafend Zeichen der Freude, wie durch höhere Eingebung, und streckt beide Hände gen Himmel. Darauf verschwinden die Gestalten und nehmen den Kranz mit sich hinweg. Die Musik währt fort.)

Katharina. Wo seid ihr, sel'ge Geister? All' verschwunden?
Und laßt mich hier zurück in meinem Elend?

Griffith. Hier sind wir, gnädge Frau.

Katharina. Euch rief ich nicht;
Doch saht Ihr niemand, als ich schlief?

Griffith. Nein, Fürstin.

Katharina. Nicht? Kam nicht eben jetzt ein Chor von Engeln,
Zum Festmahl mich zu laden, deren Glanz
Mich gleich der Sonn in tausend Strahlen hüllte?
Die ewge Seligkeit verhießen sie
Und reichten Kränze mir, die ich zu tragen
Mich noch nicht würdig fühle; doch ich werd es
Gewißlich einst.

Griffith. Mich freut, daß Euren Sinn so süße Träume
Erquicken.

Katharina. Laßt nun enden die Musik,
Sie dünkt mich rauh und lästig.

(Die Musik hört auf.)

Patienza. Seht Ihr wohl,
Wie Ihre Hoheit plötzlich sich verändert?
Wie lang ihr Antlitz, ihre Züge bleich,
Und kalt und erdig? Seht Ihr wohl die Augen?

Griffith. Sie stirbt, Kind, bete! bete!

Patienza. Herr, sei mit ihr! –

Ein Bote tritt auf.

Bote. Eur Gnaden wird – – –

Katharina. Geh, unverschämter Mensch!
Ist das die schuldge Ehrfurcht?

Griffith. Ihr tut unrecht,
Da Ihr es wißt, sie will den Rang nicht lassen,
Daß Ihr so roh Euch zeigt! So kniet denn nieder.

Bote. Ich bitt Eur Hoheit demutsvoll um Nachsicht,
Die Eile ließ mich fehlen. Draußen harrt
Ein Herr, gesandt vom König, Euch zu sehen.

Katharina. Gewährt ihm Zutritt, Griffith; doch diesen Menschen
Laßt nie mich wieder sehen.

(Griffith und der Bote ab.)

Griffith kommt zurück mit Capucius.

Irr ich nicht,
Seid Ihr des Kaisers, meines edlen Neffen,
Botschafter, und Capucius ist Eur Name.

Capucius. Derselbe, Fürstin, Euer Knecht.

Katharina. Oh, Herr,
Titel und Zeiten, seit Ihr jüngst mich saht,
Sind sehr verändert. Sagt mir jetzt, ich bitt Euch,
Was führt Euch her zu mir?

Capucius. Erhabne Frau,
Vor allem eignes Pflichtgefühl; demnächst
Des Königs Auftrag, Euch hier zu besuchen.
Es grämt ihn Eure Krankheit sehr, er meldet
Sein fürstliches Empfehlen Euch durch mich
Und wünscht von Herzen Euch den besten Trost.

Katharina. O werter Herr, dies Trösten kommt zu spät,
's ist wie Begnadgen nach der Hinrichtung.
Zur rechten Zeit war die Arznei mir Heilung,
Jetzt brauchts der Tröstung keine als Gebet.
Wie geht es meinem Herrn? –

Capucius. In bestem Wohlsein.

Katharina. Das bleib ihm immer. Blühe stets sein Glück,
Wenn ich bei Würmern wohne, wenn mein Name
Verbannt wird sein aus diesem Reich! Patienza,
Hast du mein Schreiben abgeschickt?

Patienza. Nein, Fürstin.

Katharina. Dann bitt ich Euch in Demut, meinem Herrn
Dies einzuhändgen.

Capucius. Fürstin, zählt darauf.

Katharina. Empfohlen hab ich seiner Gnad und Milde
Sein Töchterlein, das Abbild unsrer Liebe;
In Fülle träuf auf sie des Himmels Segen! –
Sie gläubig aufzuziehn ersuch ich ihn;
Sie ist noch jung, von edler, sittger Art,
Und übt die Tugend, hoff ich. Dann, ein wenig
Sie auch zu lieben, ihrer Mutter wegen,
Die ihn geliebt, der Himmel weiß, wie teuer! –
Weiter bitt ich demütig ihn um Mitleid
Für meine armen Fraun, die mir so lang
Treulich gefolgt in gut und bösem Glück,
Von denen wahrlich keine – so behaupt ich,
Und lügen darf ich jetzt nicht –, die durch Tugend,
Durch wahre Seelenschönheit, strenge Sitte
Und fein Betragen nicht den besten Mann
Verdient; und daß er ja von Adel sei!
Denn glücklich ist gewiß, wer sie erlangt.
Zuletzt nenn ich die Diener (arm sind alle,
Doch Armut wandte keinen je von mir);
Man woll auch ferner ihren Lohn nicht weigern,
Noch etwas drüber, mir zum Angedenken;
Dafern mir Gott gegönnt ein längres Leben
Und reichern Schatz, wir schieden wohl nicht also.
Das ist der ganze Inhalt, teurer Herr;
Bei allem, was Euch wert ist in der Welt,
Und wie Ihr christlich' Ruh den Toten wünscht,
Seid dieser armen Leute Freund und mahnt
Den König an dies letzte Recht!

Capucius. Das will ich,
So wahr mir Gott ein menschlich Herz verliehn! –

Katharina. Ich dank Euch, würdger Herr. Gedenkt auch meiner
In aller Ehrfurcht gegen Seine Hoheit,
Sagt, seine lange Sorge scheide jetzt
Von hinnen, sagt, ich segnet ihn im Tode,
Denn also will ichs tun – mein Aug wird dunkel –
Lebt wohl! – Griffith, lebt wohl. Nein, geh noch nicht,
Patienza, ruf die andern Fraun, ich muß
Zu Bett. – Wenn ich erst tot bin, gutes Mädchen,
Setzt mich mit Ehren bei; bestreut mein Grab
Mit jungfräulichen Blumen, daß man sehe,
Ich war bis an den Tod ein keusches Weib.
Ihr sollt mich balsamieren, dann zur Schau
Ausstellen: zwar nicht Kön'gin, doch begrabt mich
Als Königin und eines Königs Tochter.
Ich kann nicht mehr! –

(Die Königin wird hinweggeführt.)

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