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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 13
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug

Erste Szene

Straße in Westminster

Zwei Edelleute, die einander begegnen

Erster. Seid abermal willkommen!

Zweiter. So auch Ihr.

Erster. Ihr stellt Euch wohl, um Lady Annen hier
Zu schaun, wie sie vom Krönungsfeste kommt?

Zweiter. Ja, eben das. Als wir uns jüngst hier trafen,
Kam Herzog Buckingham aus dem Verhör.

Erster. Jawohl! Doch jene Zeit war trüb und bang,
Heut allgemeines Fest! –

Zweiter. Mit Recht. Die Bürger
Sind alle treu und königlich gesinnt;
Und, wahr zu sprechen, immerdar bereit,
Zur Feier solches Tags, mit manchem Schauspiel,
Mit Festgepräng und Aufzug.

Erster. Doch nie prächtger,
Und nie, versichr ich, besser eingerichtet.

Zweiter. Wenn Ihrs vergönnt, wüßt ich den Inhalt gern
Von jenem Blatt in Eurer Hand.

Erster. Seht hier.
's ist das Verzeichnis aller hohen Würden,
Die heut am Krönungsfest ihr Amt versehn.
Der Herzog Suffolk geht voran, er nimmt
Den Rang als Oberhofmeister; dann, als Marschall
Herzog von Norfolk; lest die andern selber.

Zweiter. Ich dank Euch, Herr; kennt ich den Brauch nicht schon,
Wär ich für dieses Blatt Euch sehr verpflichtet.
Doch sagt mir noch, was ward aus Katharinen?
Der Fürstinwitwe? Wie steht deren Sache?

Erster. Das sollt Ihr gleichfalls hören. Der Erzbischof
Von Canterbury, in Begleitung andrer
Gelahrter, würdger Väter hohen Rangs,
Hielt einen Tag zu Dunstable, sechs Meilen
Von Ampthill, wo die Fürstin wohnt; wohin
Sie oft geladen, nimmer doch erschien:
Und wegen Nichterscheinens und des Königs
Gewissensskrupel hat einmütig Urteil
Der weisen Väter Scheidung hier erkannt,
Und wird die vorge Eh für null erklärt.
Seitdem ist sie nach Kimbolton entfernt,
Wo Krankheit sie befallen.

Zweiter. Arme Fürstin! –
Hört die Musik; steht still; die Königin naht.

Ordnung der Krönungszuges.

  1. Ein lebhafter Trompetenstoß.
  2. Zwei Richter.
  3. Der Lord-Kanzler mit Tasche und Stab vor ihm her.
  4. Singende Chorknaben.
  5. Der Mayor von London, der den Stab trägt; darauf der Erste Herold in seinem Wappenrock, auf dem Haupt eine kupferne vergoldete Krone.
  6. Der Marquis von Dorset mit einem goldnen Zepter, auf dem Kopf eine goldne Halbkrone. Neben ihm der Graf von Surrey, der den silbernen Stab mit der Taube und auf dem Haupt eine Grafenkrone trägt; um den Hals ritterliche Ketten.
  7. Der Herzog von Suffolk in seiner Staatskleidung, mit der Herzogskrone auf dem Haupt, in der Hand einen langen weißen Stecken, als Oberhofmeister. Neben ihm der Herzog von Norfolk mit dem Marschallstabe, eine Herzogskrone auf dem Haupt. Beide mit ritterlichen Ketten um den Hals.
  8. Der Thronhimmel, von vieren der Barone von den fünf Häfen getragen: unter demselben die Königin im Krönungsgewande; ihr Haar reich mit Perlen geschmückt, gekrönt. Zu ihren beiden Seiten die Bischöfe von London und Winchester.
  9. Die alte Herzogin von Norfolk, mit einer kleinen, goldnen, mit Blumen durchflochtnen Krone; sie trägt die Schleppe der Königin.
  10. Verschiedne Edelfrauen und Gräfinnen mit schlichten goldnen Reifen um den Kopf, ohne Blumen.

(Sie ziehn in feierlicher Ordnung über die Bühne.)

Zweiter. Ein stolzer Zug, fürwahr! Sieh! diese kenn ich:
Wer aber trägt den Zepter?

Erster. Marquis Dorset,
Und dort der Graf von Surrey mit dem Stab.

Zweiter. Ein kühner, wackrer Herr! Dort, mein ich, folgt
Der Herzog Suffolk?

Erster. Ja, der Oberhofmeister.

Zweiter. Dann Mylord Norfolk.

Erster. Ja.

Zweiter (indem er die Königin erblickt).
Gott sei mit dir!
Solch süß Gesicht als deins erblickt ich nie!
Bei meinem Leben, Herr, sie ist ein Engel.
Der König hält ganz Indien in den Armen,
Und viel, viel mehr, wenn er die Frau umfängt:
Ich tadle sein Gewissen nicht.

Erster. Die Träger
Des Ehrenbaldachins sind vier Barone
Von den fünf Häfen.

Zweiter. Glücklich sind die Herrn,
Und so sind alle, die ihr nahen dürfen.
Dann war wohl jene, so die Schleppe trug
Die alte, hohe Herzogin von Norfolk?

Erster. Ja, und die andern alle Gräfinnen.

Zweiter. Das deuten ihre Krönchen. Sterne sinds,
Und die mitunter fallen.

Erster. Still davon! –

(Die Prozession geht vorüber unter Trompetenschall)

Ein dritter Edelmann kommt hinzu.

Gott grüß Euch, Freund! Aus welchem Feuer kommt Ihr?

Dritter. Vom dicksten Drängen der Abtei, wo kaum
Ein Finger einzuzwängen ist. Fast bin ich
Erstickt vor lauter Freud und Lust.

Zweiter. Ihr saht
Die Zeremonie?

Dritter. Ja.

Zweiter. Wie wars damit?

Dritter. Wohl wert, gesehn zu werden.

Zweiter. Oh, erzählt uns.

Dritter. Soviel ich kann. Nachdem der reiche Strom
Der Lords und Edelfraun die Königin
Zu ihrem Sitz geleitet auf das Chor,
Trat er zurück: indessen ihre Hoheit
Sich niederließ, ein Weilchen auszuruhn,
Auf einem prächtgen Throne frei dem Volk
Entgegenstellend ihrer Schönheit Glanz.
Glaubt nur, sie ist das herrlichste Geschöpf,
Die je an Mannes Seite lag. Als nun dem Volk
Ihr Anblick ward gegönnt, entstand ein Rauschen,
Wie man's zur See im Sturm vom Tauwerk hört,
So laut und mannigfalt. Die Hüt und Mäntel,
Ja selbst die Wämser flogen in die Höh,
Und wären die Gesichter los gewesen,
Heut gingen sie verloren. Solchen Jubel
Erblickt ich nie zuvor. Hochschwangre Weiber,
Acht Tage kaum vom Ziele, drängten vorwärts,
Gleich Widdern aus der alten Kriegeszeit,
Und machten Breschen vor sich: Keiner konnte
Wohl sagen: «Dies ist meine Frau»; so seltsam
War alles hier verweht in eins.

Zweiter. Nun, weiter?

Dritter. Dann trat sie vor und ging, bescheidnen Schritts,
Zum Altar, kniet' und hub gleich einer Heilgen
Den schönen Blick empor, andächtig betend;
Erhob sich dann und neigte sich dem Volk,
Weil ihr der Erzbischof von Canterbury
Die königlichen Zeichen all erteilte,
Das heilge Öl, die Krone König Eduards,
Den Stab, die Friedenstaub und allen Krönungs-
Ornat: worauf in Einklang, hoch vom Chor,
Von den gewähltsten Stimmen unsers Landes
Der Lobgesang erscholl. Drauf wandte sich
Der Zug im vollen, ernsten Prunk zurück
Nach York-Palast, wo Tafel wird gehalten.

Erster. Sagt York-Palast nicht mehr, das ist vorbei,
Denn seit des Wolsey Sturz erlosch der Name;
Dem König fiel er heim und heißt Whitehall.

Dritter. Ich weiß; doch ists so neu, daß mir geläufger
Der alte Name blieb.

Zweiter. Wer waren, sagt,
Die zween Bischöfe zu der Fürstin Seiten?

Dritter. Stokesly und Gardiner; der von Winchester
Und kurz vorher noch Schreiber unsers Königs,
Jener von London.

Zweiter. Der von Winchester
Gilt nicht als Herzensfreund des Erzbischofs,
Des frommen Cranmer.

Dritter. Das ist weltbekannt.
Doch ist die Spaltung noch nicht groß, und wird sie's,
So hat der Cranmer einen wackren Freund.

Zweiter. Wen meint Ihr, sagt, ich bitt Euch?

Dritter. Thomas Cromwell,
Ein Mann, höchst wert dem König und in Wahrheit
Ein würdger Freund. Der König hat ihn schon
Zum Reichswardein ernannt und einen Platz
Im Staatsrat ihm verliehn.

Zweiter. So steigt er wohl
Noch höher.

Dritter. Ohne Zweifel tut er das.
Jetzt, liebe Herrn, geht meinen Weg; ich führ euch
An' Hof, dort sollt ihr meine Gäste sein.
Etwas vermag ich schon. Auf unserm Gang
Erzähl ich mehr.

Beide. Wir sind zu Eurem Dienst. (Alle ab.)

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