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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Vorzimmer des Königs

Der Herzog von Norfolk, Herzog von Suffolk, Graf von Surrey und der Lord-Kämmerer treten auf

Norfolk. Wenn ihr euch jetzt in euren Klagen einigt
Und mit Bestand sie geltend macht, so kann
Der Kardinal nicht widerstehn. Doch nehmt ihr
Die Gunst des Augenblicks nicht wahr, dann droht
Der neuen Schmach euch nur noch immer mehr
Zu jener schon erlittnen.

Surrey. Mich erfreut
Der kleinste Anlaß, der mir das Gedächtnis
Des Herzogs, meines Schwähers, ruft zurück,
Um Rache mir zu schaffen.

Suffolk. Welcher Pair
Blieb ungekränkt durch ihn? ward mindstens nicht
Schnöd übersehn? An wem wohl hat er je
Des Adels Stempel noch gewürdiget
Als an sich selbst?

Lord-Kämmerer. Ihr sprecht, Herrn, eure Wünsche:
Was er verdient an euch und mir, das weiß ich;
Doch ob ihm beizukommen, wenn die Zeit
Auch günstig scheint, zweifl' ich noch sehr. Könnt ihr
Den Zugang nicht zum König ihm versperren,
So unternehmt noch nichts; denn Zauberkraft
Übt seine Zung an ihm.

Norfolk. Oh, fürchtet nicht,
Darin ists aus mit seiner Macht; der König
Hat einen Strauß mit ihm, der wohl auf immer
Den Honig seiner Reden gällt. Er steckt,
Um nicht mehr loszukommen, fest in Ungunst.

Surrey. Wie gern vernähm ich Neuigkeit wie diese
In jeder Stunde!

Norfolk. Glaubt mir, dies ist wahr.
Während der Scheidungssach hat sich durchaus
Sein zwiefach Spiel enthüllt; und nun erscheint er,
Wie meinem Feind ichs wünschte.

Surrey. Sagt, wie kam
Sein Trug ans Licht?

Suffolk. Höchst seltsam.

Surrey. Sagt, o sagt! –

Suffolk. Des Kardinals Brief an den Papst ging fehl
Und kam dem König zu Gesicht: er las,
Wie Seiner Heiligkeit Rat wird erteilt,
Das Scheidungsurteil nicht zu fälln; «wofern
Es statt noch fände,» schreibt er, «ahn ich deutlich,
Wie weit des Königs Neigung schon gefesselt
'ne Magd der Kön'gin, Fräulein Anna Bullen.»

Surrey. Hat dies der König?

Suffolk. Glaubt mir!

Surrey. Wird dies wirken?

Lord-Kämmerer. Der König sieht daraus, wie jener ihm
Den eignen Weg umschleicht und sperrt: doch hierin
Zerscheitern alle Künst, und die Arznei
Kommt nach des Kranken Tod: der König ward
Dem schönen Fräulein schon vermählt.

Surrey. Oh, wär ers!

Suffolk. Mög euer Glück in diesem Wunsche liegen,
Denn ich bezeug, er ward erfüllt.

Surrey. Nun, Freude
Und Heil dem Bund!

Suffolk. Mein Amen auch!

Norfolk. Und aller! –

Suffolk. Befehle sind schon da zu ihrer Krönung;
Dies ist noch frisch, mein Treu, und nicht gemacht
Für aller Ohr. Doch in der Tat, ihr Herrn,
Sie ist ein lieblich Wesen, tadelsfrei
An Geist und Zügen; ja, ich ahn, es wird
Dem Reich ein Segen noch entblühn durch sie
Für späte Zeiten.

Surrey. Aber wird der König
Das Schreiben unsers Kardinals verdaun?
Gott wend es ab! –

Norfolk. Amen, sag ich.

Suffolk. Nein! nein!
Ihm summen noch mehr Wespen vor dem Ohr,
Die diesen Stich beschleun'gen. Kardinal Campejus
Ist heimlich abgereist nach Rom, ohn Abschied
Und ohne dies Geschäft zu schlichten: er
Ist fortgeschickt als Wolseys Unterhändler,
Um dessen List zu fördern. Ich versichr' euch,
Der Herr, als ers erfuhr, rief: Ha! –

Lord-Kämmerer. Nun, Gott
Entzünd ihn, laß ihn, ha! noch lauter rufen!

Norfolk. Doch wann, Mylord, kehrt Cranmer wieder heim?

Suffolk. Er ist schon hier, der alten Meinung treu:
Und die, samt allen Fakultäten fast
Der Christenheit, rechtfertigt den Monarchen
Hinsichtlich seiner Scheidung. Kurz, ich glaube,
Sein zweites Ehbett, ihre Krönung, werden
Dem Volk verkündigt; Katharinen bleibt
Der königliche Titel nicht, sie wird
Die Witwe des Prinz Artur künftig heißen.

Norfolk. Der Cranmer ist ein tüchtger Mensch und hat
Sich in des Königes Geschäft gar sehr
Bemüht.

Suffolk. Gewiß; auch sehn wir ihn dafür
Sehr bald als Erzbischof.

Norfolk. So hör ich.

Suffolk. Ja,
So ists. – Der Kardinal –

Wolsey und Cromwell treten auf.

Norfolk. Seht, wie verstimmt! –

Wolsey. Und gabt Ihr, Cromwell, das Paket dem König?

Cromwell. Zu eigner Hand in seinem Schlafgemach.

Wolsey. Sah er den Inhalt an?

Cromwell. Ja, augenblicklich
Entsiegelt' ers: was er zuerst ergriff,
Las er mit Ernst, es lag auf seinen Zügen
Gespannte Achtsamkeit. Er hieß Euch drauf
Heut früh ihn hier erwarten.

Wolsey. Ist er schon
Fertig gekleidet?

Cromwell. Jetzo, denk ich wohl.

Wolsey. Laßt mich ein Weilchen. –
Die Herzogin von Alençon solls sein,
Die Schwester Königs Franz; die soll er frein –
Anna Bullen! – Nein! keine Anna Bullens will ich für ihn! –
Ein schön Gesicht reicht hier nicht hin – Wie! Bullen?
Wir wollen keine Bullen! Hätt ich nur
Nachricht von Rom! – Die Markgräfin von Pembroke!

Norfolk. Er ist sehr mißvergnügt.

Suffolk. Vielleicht vernahm er,
Wie gegen ihn der König wetzt den Zorn.

Surrey. Recht scharf nur, Himmel, wenn gerecht du bist!

Wolsey. Der Königin Fräulein! Eines Ritters Tochter
Der Herrin Herrin! Ihrer Königin Königin!
Dies Licht brennt trüb; an mir ists, es zu schneuzen;
So; dann gehts aus. – Ist sie gleich tugendhaft
Und ehrenwert, doch kenn ich sie als heftge
Luthranerin; nicht heilsam unsrer Sache,
Daß sie am Busen sollte ruhn von unserm
Nur schwer regierten Herrn. Dann noch ein Ketzer
Schoß auf, ein arger Ketzer, jener Cranmer,
Der eingeschlichen in des Königs Gunst
Und sein Orakel ist.

Norfolk. Es wurmt ihn was.

Surrey. Zernagt' es ihm die stärkste Sehne doch,
Des Herzens Ader! –

Der König, der einen Zettel liest, und Lovell treten auf.

Suffolk. Der König kommt, der König! –

König. Welch eine Masse Golds hat er gehäuft
Als Eigentum! Und welch ein Aufwand
Entströmt ihm stündlich! Wie, in Gewinstes Namen,
Scharrt er all das zusammen! – Nun, ihr Herrn,
Saht ihr den Kardinal?

Norfolk. Wir standen, Herr,
Hier, gaben acht auf ihn. Seltsamer Aufruhr
Ist ihm im Hirn: er beißt die Lipp, fährt auf,
Hält plötzlich an den Schritt, blickt auf die Erde,
Legt dann die Finger an die Schläfe; stracks
Springt wieder auf, läuft schnell, steht wieder still,
Schlägt heftig seine Brust; und gleich drauf wirft er
Die Augen auf zum Mond: seltsame Stellung
Sahn wir hier an ihm wechseln.

König. Möglich wohl,
Daß sein Gemüt in Aufruhr. Diesen Morgen
Schickt' er zur Durchsicht mir, wie ich gefordert,
Staatsschriften; und, wißt ihr, was ich gefunden,
Gewiß nur unbewußt dazu gelegt?
Ein Inventar, wahrhaftig, so bedeutend –
Von allen Schätzen, silbernen Geschirren,
Goldstoffen, Prunkgerät, solch Übermaß,
Daß es Besitz des Untertanen, mein ich,
Weit übersteigt.

Norfolk. Es ist des Himmels Wille;
Ein Geist schob dieses Blatt in das Paket,
Eur Aug mit ihm zu segnen.

König. Dächten wir,
Sein Sinnen schwebt' anschauend jetzt gen Himmel,
Geheftet auf das innre Licht, dann möcht er
In seinem Brüten bleiben; doch ich fürchte,
Es weilt sein Trachten unterm Mond, unwert
So eifriger Beratung.

(Der König setzt sich und redet mit Lovell, der zum Kardinal geht.)

Wolsey. Gott verzeih mir! –
Der Himmel segn Eur Hoheit!

König. Werter Lord,
Ihr seid erfüllt von geistgen Schätzen, tragt
Ein Inventar der reichsten Gnad im Herzen,
Das Ihr wohl eben durchlast, und Ihr habt
Kaum Zeit, der frommen Muß ein kurzes Scherflein
Für irdsche Buchführung zu rauben. Traun,
Ihr scheint mir darin fast ein schlechter Hauswirt,
Und freut michs, meinesgleichen Euch zu finden.

Wolsey. Ich habe meine Zeit, Herr, für die Andacht,
Zeit für den Anteil an Geschäften, die ich
Dem Staate schuldig: endlich heischt Natur
Für ihr Erhalten eine Zeit, die leider
Ich, ihr hinfällger Sohn, ihr pflichten muß.
Wie jeder Sterbliche.

König. Sehr wohl gesprochen.

Wolsey. Mög Eure Hoheit stets,
Wie ichs verdienen will, mein gutes Reden
Mit guter Tat gepaart an mir erfinden!

König. Aufs neue wohl gesagt;
Und 's ist 'ne Art, gut handeln, gut zu reden,
Obgleich das Wort noch keine Tat. Mein Vater
Liebt' Euch, er sagt' es Euch und hat sein Wort
Mit seiner Tat gekrönt. Und seit ich ihm
Gefolgt, wart Ihr der Liebste mir; ich braucht Euch,
Wo Euch der höchste Vorteil sicher traf,
Ja, ich entzogs der eignen Hab, um Wohltat
Auf Euch zu häufen.

Wolsey (beiseite).
Wo will dies hinaus?

Surrey (beiseite).
Gott gebe gut Gedeihen!

König. Hob ich Euch
Nicht zu des Reiches erster Würd? – Ich bitt Euch,
Sagt, wenn Euch Wahrheit dünkt, was ich jetzt rede,
Und wollt Ihrs eingestehn, so sagt zugleich,
Ob Ihr Verbindlichkeit uns habt, ob nicht?
Was meint Ihr? –

Wolsey. Ja, ich gesteh, mein Fürst, die hohen Gnaden,
Täglich auf mich geschüttet, waren mehr,
Als all mein emsig Sinnen mocht erwidern,
Wie menschliches Bemühn dies überstieg.
Mein Tun war wen'ger stets als meine Wünsche,
Doch meinen Kräften gleich. Was ich mir suchte,
War so nur mein, daß es stets zielt' aufs Beste
Eurer geheiligten Person, wie auf
Des Staates Vorteil. Jenen hohen Gnaden,
Auf mich gehäuft, den Armen, Unverdienten,
Kann nur mein unterwürfger Dank erwidern
Und mein inbrünstiges Gebet: die Treue,
Die immer wuchs, und stets noch wachsen soll,
Bis Tod sie, jener Winter, hinrafft.

König. Schön.
Die Antwort schildert ganz den Untertan,
Den treuen: Ehre dem, der also wandelt;
So wie das Gegenteil die Schande straft.
Nun glaub ich, daß, wie meine Hand Euch offen,
Liebe mein Herz, mein Thron Euch Ehren schenkte,
Euch mehr denn irgendwem: so müßten auch
Eur Herz und Hirn und Hand und jede Kraft,
Außer der allgemeinen Pflicht der Treue
Noch, sozusagen, in besondrer Liebe
Mir, mehr als andern hingegeben sein.

Wolsey. Auch hehl ichs nicht, wie Eurer Hoheit Wohl
Mir mehr als meines stets am Herzen lag;
So bin, so halt ichs, und so will ich bleiben,
Ob auch die ganze Welt den Eid Euch bräche
Und aus der Brust ihn bannt'; und ob Gefahren
Sich häuften, dichter, als sichs denken läßt,
Und in entsetzlichern Gestalten: dennoch,
Wie Felsen in den stürmschen Wogen, würde
Mein treues Herz dem wilden Strom ein Damm sein,
Und Euer bleiben sonder Wanken –

König. Trefflich
Geredet; merkt, ihr Herrn, welch treues Herz!
Denn offen saht ihrs. – (Gibt ihm Papiere.) Lest dies durch!
Und darauf dies: und dann zum Morgenimbiß,
Mit soviel Eßlust Euch noch bleibt.

(Der König geht ab und wirft einen zornigen Blick auf Wolsey. Die Hofleute drängen sich ihm nach und flüstern und lächeln untereinander.)

Wolsey. Was war dies?
Welch jähe Laun', und wie erweckt ich sie?
Er ging in Zorn von mir, als sprühte Tod
Aus seinem Blick: so schaut der grimme Löwe,
Wenn ihn der kühne Jägersmann verletzt,
Vertilgt ihn dann. Lesen muß ich das Blatt:
Die Ursach, fürcht ich, seines Zorns. – So ists.
Dies Blatt hat mich vernichtet – 's ist die Summe
Des unermeßnen Reichtums, den ich sparte
Zu meinem Zweck: im Grunde für das Papsttum,
Die Freund in Rom zu zahlen. Nachlässigkeit,
Durch die ein Narr nur stürzt! Welch böser Teufel
Schob mir dies Hauptgeheimnis ins Paket,
Das ich dem König gab? Kein Weg zur Heilung?
Kein Kunstgriff, ders ihm aus dem Sinne schlüge?
Ich weiß, es reizt ihn heftig; doch ich finde
Noch einen Weg, der mich dem Glück zum Trotz
Herausziehn soll. –Was seh ich? – «An den Papst?»
Der Brief, bei Gott! die ganze Unterhandlung,
Wie ichs dem Papst vertraut. – Nun, dann ists aus!
Ich stand auf meiner Größe höchster Sprosse,
Und von der Mittagslinie meines Ruhms
Eil ich zum Niedergang. Ich werde fallen,
Wie in der Nacht ein glänzend Meteor,
Und niemand mehr mich sehn. –

Die Herzöge von Norfolk und Suffolk, der Graf von Surrey und der Lord-Kämmerer treten auf

Norfolk. Vernehmt des Königs
Gefallen, Kardinal: er heißt Euch, schleunig
Das große Siegel an uns abzuliefern
Zu eigner Hand, und Euch zurückzuziehn
Nach Asherhouse, als Eurem Bischofssitz,
Bis Ihr ein Weitres werdet hören.

Wolsey. Halt!
Wo habt Ihr Vollmacht? Nimmer tragen Worte
Solch wichtgen Auftrag.

Suffolk. Wer darf widersprechen,
Wenn sie aus Königs Mund Befehle senden?

Wolsey. Bis ich mehr seh als Absicht nur und Worte
Und Eure Falschheit: wißt, geschäftge Lords,
Daß ichs verweigern werd und muß. Jetzt merk ich,
Aus welchem schnöden Erz ihr seid gegossen,
Aus Neid. Wie emsig meinem Fall ihr folget,
Als nährt' er euch! und wie so weich und glatt
Ihr alles heuchelt, bringt mirs nur Verderben! –
Folgt eurer tückschen Art, Männer der Bosheit!
Stützt euch auf euer christlich Recht, es wird
Zu seiner Zeit euch wohl belohnt. Das Siegel,
Das ihr so heftig fordert, gab der König
(Mein Herr und eurer) mir mit eigner Hand,
Verhieß es mir, zugleich mit Würd und Amt,
Aufs Leben: und, zu festgen seine Gnade,
Bestätigt' ers durch offnen Brief. Wer nimmts mir?

Surrey. Der König, ders Euch gab.

Wolsey. So tu ers selber.

Surrey. Du bist ein stolzer Hochverräter, Pfaff! –

Wolsey. Das lügst du, stolzer Lord!
Vor vierzig Stunden hätte Surrey lieber
Die Zunge weggebrannt, als dies gesagt.

Surrey. Dein Ehrgeiz, du scharlachne Sünd, entriß
Uns Weinenden den edlen Buckingham.
Die Häupter aller Kardinäl auf Erden,
Und dich und all das Best an dir dazu,
Ersetzten noch kein Haar von ihm. Fluch Euch!
Ihr schicktet als Regenten mich nach Irland,
Vom König fern, von seiner Hilf und allem,
Was Gnad dem Fehl, den du erfandst, konnt schaffen,
Indes aus heilgem Mitleid Eur Erbarmen
Mit einem Beil ihn absolviert.

Wolsey. Dies alles,
Und was des Lords Geschwätz mir Weitres mag
Vorwerfen, ist nur Lug. Nach Rechten fand
Der Herzog seinen Tod: und daß ich schuldlos sei
An seinem Fall durch niedern Haß, bewähren
Die schlechte Sach und seine edlen Richter.
Liebt' ich viel Worte, Lord, ich könnt Euch zeigen,
Wie Ihr sowenig Ehr als Gradheit habt:
Und daß ich auf des treuen Rechttuns Pfad
Dem König, meinem stets erhabnen Herrn,
Mich besser nennen darf, als Surrey ist
Und alle Freunde seiner Torheit.

Surrey. Priester! –
Dich schützt dein langes Kleid, sonst fühltest du
Mein Schwert in deinem Herzblut. Werte Herrn,
Ertragt ihrs, solchen Hochmut anzuhören
Von diesem Menschen? Sind wir erst so zahm,
Daß uns ein Scharlachmantel höhnt und zwickt,
Dann, Adel, fahre wohl; dann, Bischof, vorwärts! –
Scheuch uns mit deiner Kappe, gleichwie Lerchen! –

Wolsey. Dir wird zum Gift die Frommheit selbst verkehrt.

Surrey. Die Frommheit, die des ganzen Landes Mark
In Eurer Hand vereint hat durch Erpressung,
Die Frommheit jener aufgefangnen Blätter,
Die Ihr dem Papst geschrieben, Eure Frommheit,
Weil Ihr mich reizet, werd höchst offenkundig.
Lord Norfolk – wenn Ihr stammt aus hohem Blut,
Wenn Euch gemeines Wohl am Herzen liegt,
Des Adels Kränkung, unsrer Söhne Heil,
Die, lebt er, kaum noch Edle werden heißen –
Verlest sein Schuldregister, seines Wirkens
Gesammelt Unheil. – Schrecken will ich Euch
Mehr denn die Meßglock, wenn Eur braunes Mädchen
Euch küssend lag im Arm, Lord-Kardinal.

Wolsey. Wie sehr doch möcht ich diesen Mann verachten,
Bewahrte mich die Nächstenliebe nicht!

Norfolk. Es liegt, Mylord, die Klage selbst beim König.
Und sie erscheint sehr häßlich.

Wolsey. Um so schöner
Und fleckenlos soll meine Unschuld leuchten,
Wenn er die Wahrheit hört.

Surrey. Das hilft Euch nichts;
Ich hab ein gut Gedächtnis; ich behielt
Verschiedne Punkt' und diese sollt Ihr hören.
Errötet nun, ruft «schuldig!», Kardinal,
So zeigt Ihr noch ein wenig Tugend.

Wolsey. Sprecht nur,
Trotz jeder Klag; erröt ich, so geschiehts,
Den Edlen hier zu sehn, dem Sitte fehlt.

Surrey. Die miß ich lieber als den Kopf. So hört denn
Zuerst, daß ohne Königs Will und Wissen
Ihr Euch bestrebtet, hier Legat zu werden
Und der Prälaten Recht im Land zu lähmen.

Norfolk. Dann, daß Ihr Briefe schriebt nach Rom und sonstwärts
An fremde Höf und stets die Form gebraucht:
Ego et rex meus: was den König dartat
Als Euren Diener.

Suffolk. Dann, daß ohne Kenntnis
Des Königs, noch des Rats, Ihr Euch erkühnt,
Als Ihr zum Kaiser wurdet abgesandt,
Des Reichs Sigill nach Flandern mitzuführen.

Surrey. Sodann gabt Ihr weitläufge Vollmacht hin
An den Gregor von Cassalis, zum Abschluß
Des Bundes Seiner Hoheit mit Ferrara,
Wovon nicht Staat noch König unterrichtet.

Suffolk. Dann, daß aus eitel Ehrsucht Euern Hut
Ihr prägen ließt auf unsers Königs Münze.

Surrey. Dann, daß Ihr unermeßlich Gold gesandt
(Und wie erworben, ist Euch wohl bewußt),
Rom zu bestechen, und den Weg zu bahnen
Für höhre Würden; alles dies zum Unheil
Dem ganzen Land. Noch gibts der Dinge mehr,
Die, weil von Euch sie und abscheulich sind,
Den Mund wir nicht entweihen solln.

Lord-Kämmerer. O Herr,
Drängt den Gefallnen nicht so hart, 's ist unrecht;
Sein Fall liegt offen dem Gesetz, es strafe
Das Recht, nicht Ihr. Fast weint mein Herz, zu schaun
Die Trümmer solcher Hoheit!

Surrey. Ich vergeb ihm.

Suffolk. Dann ist des Königs Will, Herr Kardinal,
Weil alles, was vorletzt durch Euch begonnen,
Kraft des Legatenamts in diesem Reich,
In den Bereich des Praemunire fällt,
Daß gegen Euch ein Achtsbefehl ergeh,
Der Eurer Güter, Länderein und Lehn
Und Eurer Schlösser Euch verlustig spricht,
Gesetzlos Euch erklärt. Dies ist mein Auftrag.

Norfolk. Und somit habt Ihr Raum zu Selbstbeschauung
Und frommem Wandel. Jene störrische Antwort
Von wegen des verlangten großen Siegels
Erfährt der König jetzt und dankts Euch sicher.
Fahrt wohl dann ferner, Ihr mein kleiner guter
Lord-Kardinal! (Alle ab außer Wolsey.)

Wolsey. Fahrwohl dem kleinen Guten,
Das mir von euch gekommen ist! Fahrwohl,
Ein langes «Fahre wohl» all meiner Größe! –
So ist des Menschen Treiben: heute sprießen
Der Hoffnung zarte Knospen, morgen blühn sie
Und kleiden ihn in dichten Blumenschmuck;
Und übermorgen, tödlich, kommt ein Frost,
Und wenn er wähnt, der gute sichre Mann,
Die Größe reife – nagt ihm der die Wurzel
Und fällt ihn so wie mich. Ich trieb dahin
Gleich wilden Knaben, die auf Blasen schwimmen,
So manchen Sommer auf der Ehrsucht Wogen,
Doch viel zu weit: mein hochgeschwellter Stolz
Brach endlich unter mir und gibt mich jetzt,
Müd und im Dienst ergraut, der Willkür hin
Des wüsten Stroms, der ewig nun mich birgt.
Ich haß euch, eitler Pomp und Glanz der Welt,
Mein Herz erschließt sich neu. O traurig Los
Des Armen, der an Fürstengunst gebunden!
Denn zwischen jenem Lächeln, so ersehnt,
Der Fürsten Huld, und unserm Abgrund liegt
Mehr Qual und Angst, als Krieg und Weiber haben;
Und wenn er fällt, fällt er wie Luzifer,
Der Hoffnung ewig bar – – –

Cromwell tritt auf, voll Bestürzung.

Was ist dir, Cromwell?

Cromwell. Mir stockt die Sprache, Herr!

Wolsey. Wie, so bestürzt.
Ob meinem Unglück? Kanns dich wundern, wenn
Ein großer Mann hinsinkt? Nein, wenn du weinst,
Dann fiel ich wirklich.

Cromwell. Herr, wie gehts Euch?

Wolsey. Wohl;
Noch nie so wahrhaft glücklich, guter Cromwell.
Jetzt kenn ich selber mich, jetzt fühl ich Frieden
In mir, hoch über aller irdschen Würde
Ein ruhig, still Gewissen. Diese Heilung
Dank ich dem König demutsvoll, er nahm
Mitleidig dieser Schultern morschen Säulen
Die Last, die Schiffe senkte – zuviel Ehre.
Oh, 's ist 'ne Bürde, Cromwell, eine Bürde
Zu schwer dem Mann, der auf den Himmel hofft!

Cromwell. Mich freuts, Mylord, daß Ihrs so richtig nehmt.

Wolsey. Ich hoff, ich tu's; mich dünkt, ich sei bereit,
Durch meiner Seele neu empfundne Stärke
Mehr Leiden zu erdulden, und viel größre,
Als mir die schwachen Feinde können drohn.
Was gibt es Neues?

Cromwell. Nun, das Härtste bleibt:
Des Königs Ungunst wider Euch.

Wolsey. Gott schütz ihn!

Cromwell. Dann, daß Sir Thomas Morus Kanzler ward
An Eurer Statt.

Wolsey. Das find ich etwas schnell,
Doch ists ein kundger Mann. Erhalt er sich
Des Königs Gunst noch lang und warte recht
Nach Wahrheit und Gesetz', daß seinem Staub,
Wenn er den Lauf vollbracht und ruht in Gott,
Ein Grabmal werde von der Waisen Tränen!
Was mehr?

Cromwell. Die Rückkunft Cranmers, seine Gunst
Und Wahl zum Erzbischof von Canterbury.

Wolsey. Wohl ist das neu!

Cromwell. Dann endlich, daß man heut
Die Lady Anna, schon vorlängst dem König
Heimlich vermählt, als Königin offenbar
Zur Kirche gehen sah, und jetzt allein
Von ihrer Krönung das Gerücht ergeht.

Wolsey. Das war die Last, der ich erlag. Oh, Cromwell,
Der König täuschte mich, all meine Würden
Verlor ich durch dies eine Weib auf immer.
Nie führt ein Morgen meinen Glanz zurück,
Vergoldet je die edlen Scharen wieder,
Die meines Lächelns harrten. Geh nur, Cromwell,
Ich bin ein armer Mann, gestürzt und unwert
Dein Herr zu sein und Meister. Geh zum König!
Die Sonne, hoff ich, sinkt nicht! – Ich erzählt ihm,
Wer und wie treu du seist; er wird dich fördern,
Ein klein Erinnern meiner wird ihn treiben;
Sein Sinn ist edel, sicher weist er nicht
So hoffnungsvolle Dienste ab. Mein Cromwell,
Vermeid ihn nicht; benutz ihn jetzt und sorge
Für deine künftge Sicherheit.

Cromwell. O Herr,
So muß ich von Euch weichen? muß durchaus
Solch guten, edlen, echten Herrn verlieren?
Sei Zeuge, wer kein Herz von Eisen trägt,
Wie traurig Cromwell seinen Herrn verläßt.
Dem König widm' ich meinen Dienst; doch Euch
Für immerdar und ewig mein Gebet.

Wolsey. Ich dachte keine Träne zu vergießen
All meinem Elend; doch du zwangst mich eben
In deiner schlichten Treu, das Weib zu spielen.
Trocknen wir uns die Augen; hör mich, Cromwell.
Wenn ich vergessen bin – und das ist bald –
Und schlaf im stummen, kalten Stein, wo niemand
Mich nennen wird – dann sag, ich lehrt es dich –
Sag, Wolsey – der einst ging des Ruhmes Pfad,
Der Ehre Bänk und Klippen all erkundet –
Fand dir den Weg zur Höh aus seinem Schiffbruch,
Den wahren, sichern, den er selbst verlor.
Denk nur an meinen Fall, und was mich stürzte!
Cromwell, bei deinem Heil, wirf Ehrsucht von dir!
Die Sünde hat die Engel selbst betört,
Wie frommte sie dem Menschen, Gottes Bilde?
Fleuch Eigenliebe, segne selbst die Feinde;
Bestechung führt dich weiter nicht als Treu.
Stets in der Rechten halte milden Frieden,
Dann schweigt die Bosheit. Handle recht, nichts fürchte;
Dein Ziel sei immer Ziel auch deines Landes,
Wie deines Gottes und der Wahrheit: dann,
O Cromwell! wenn du fällst, fällst du im Tod
Als sel'ger Märtyrer. Dem König diene,
Und – bitt dich, führe mich hinein:
Mach ein Verzeichnis dort all meines Guts,
Bis auf den letzten Pfennig; 's ist des Königs.
Mein Priesterkleid, und mein aufrichtig Herz
Vor Gott, mehr blieb mir nicht. Oh, Cromwell, Cromwell,
Hätt ich nur Gott gedient mit halb dem Eifer,
Den ich dem König weiht, er gäbe nicht
Im Alter nackt mich meinen Feinden preis! –

Cromwell. Geduldig, lieber Herr! –

Wolsey. Ich bins. Fahr hin,
Du Glanz des Hofs! Zum Himmel strebt mein Sinn.

(Gehn ab.)

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