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König Heinrich der Achte

William Shakespeare: König Heinrich der Achte - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleKönig Heinrich der Achte
pages107-210
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug

Erste Szene

Zimmer der Königin

Die Königin und ihre Frauen, an der Arbeit

Königin. Nimm deine Laute, Kind, mich trübt der Kummer;
Zerstreu ihn, wenn du kannst; laß deine Arbeit.

Lied.

Orpheus' Laute hieß die Wipfel,
Wüster Berge kalte Gipfel,
    Niedersteigen, wenn er sang.

Pflanz und Blüt und Frühlingssegen
Sproßt', als folgten Sonn und Regen
    Ewig nur dem Wunderklang.

Alle Wesen, so ihn hörten,
Wogen selbst, die sturmempörten,
    Neigten still ihr Haupt herab.

Solche Macht ward süßen Tönen;
Herzensweh und tödlich Sehnen
    Wiegten sie in Schlaf und Grab.

Ein Edelmann tritt auf

Königin. Was ist?

Edelmann. Geruht' Eur Hoheit, draußen warten
Die beiden großen Kardinäle.

Königin. Wollen
Sie mit mir reden?

Edelmann. Ihr Begehren war,
Eur Hoheit sie zu melden.

Königin. Bittet sie,
Hereinzutreten. (Edelmann ab.) Was nur führt die zwei
Zu mir, der armen, gunstverstoßnen Frau? –
Ich lieb ihr Kommen nicht, bedenk ichs recht!
Sie sollten fromm sein, würdig ist ihr Amt;
Allein die Kappe macht den Mönch nicht aus.

Die Kardinäle Wolsey und Campejus treten auf.

Wolsey. Fried Eurer Hoheit!

Königin. Eure Gnaden sehn
In einer Hausfrau Weise mich beschäftigt;
Das Schlimmste fürchtend, denk ich gern auf alles
Was steht zu eurem Dienst, hochwürdge Herrn?

Wolsey. Gefällts Euch, edle Frau, mit uns allein
In Euer Kabinett zu gehn, so sollt Ihr
Vernehmen unsrer Ankunft Ursach.

Königin. Sagt mirs
Nur immer hier: noch hab ich, Gott sei Dank,
Nichts je verübt, das Winkel müßte suchen,
Und allen Fraun wünscht ich ein solch Gewissen.
Mich kümmerts wenig – dieses Glück, Mylords,
Ward mir vor vielen andern – ob mein Tun
Auf aller Zungen wohnt, in aller Augen,
Ob Arglist, bös Geschwätz auf mich gehetzt wird;
So rein war stets mein Leben. Kamt ihr her,
Wie ich als Weib gewandelt, auszuforschen,
Nur dreist heraus damit, Wahrheit ist schlicht und grade.

Wolsey. Tanta est erga te mentis integritas, regina serenissimaSo rechtschaffen meint es mein Sinn mit Euch, gestrengste Königin.

Königin. Oh, kein Latein, Mylord;
Ich war so müßig nicht, seit meiner Ankunft,
Die Sprach, in der ich lebte, nicht zu lernen.
In fremder Zunge scheint mein Fall noch fremder,
Verdächtger noch; sprecht, bitt Euch, Englisch, mancher
Weiß Euch hier Dank, wenn Ihr die Wahrheit redet,
Um seiner armen Herrin willen. Glaubt mirs,
Man tut ihr sehr zu nah. Lord-Kardinal,
Ihr könnt, selbst was ich je gefehlt mit Vorsatz,
Gewiß in Englisch absolvieren.

Wolsey. Fürstin,
Es dünkt mich hart, daß meine Redlichkeit,
Mein Eifer, unserm Herrn und Euch zu dienen,
Bei solcher Treu soviel Verdacht erzeugt.
Wir nahn nicht auf dem Wege der Beschuldgung
Die Ehr zu schmähn, die alle Frommen segnen,
Noch irgend neuem Gram Euch auszuliefern;
Ihr habt zuviel schon, edle Frau; vielmehr
Zu forschen Eure Wünsch und wahre Meinung
In jenem wichtgen Zwist, und Euch dagegen
Redlich und frei auch unsre Sinnesansicht
Und Tröstung zu erteilen.

Campejus. Hohe Fürstin,
Mylord von York, in seiner edlen Art
Und warmen Treu, so er Euch stets geweiht,
Denkt wohlgesinnt des letzten Angriffs nicht
Auf seine Ehr und ihn – Ihr gingt zu weit –
Und beut, wie ich, als Zeichen der Versöhnung,
Euch Dienst und Beistand.

Königin (beiseite).
Um mich zu verraten. –
(Laut.) Mylords, ich dank euch euren guten Willen,
Ihr sprecht wie Ehrenmänner: (Gott geb, ihr seids)!
Doch hastge Antwort gleich bereit zu halten
In so gewichtgem Fall, so nah der Ehre
(Vielleicht dem Leben näher noch), mit meinem
Geringen Witz, und Männern so gelehrt
Und ernst – das weiß ich nicht. Ich war in Arbeit
Mit meinen Fraun, Gott weiß, mich wenig fassend
Auf solcherlei Besuch, noch solch Geschäft.
Ihr drum zuliebe, die ich war – ich fühle
Der Hoheit letzte Regung; werte Herrn –
Gönnt mir für meine Sache Zeit und Rat.
Ich bin ein Weib – ach, freundlos, hoffnungslos! –

Wolsey. Erhabne Frau, Ihr kränkt des Königs Liebe
Mit solcher Furcht; Eur Hoffen, Eure Freunde
Sind noch unendlich.

Königin. Hier in England kaum
Von Nutzen; glaubt ihr selbst, Mylords, es wage
Ein einzger Englischer mir Rat zu geben?
Mir offen Freund zu sein, dem Herrn entgegen?
Wollt einer so verzweifelnd ehrlich sein
Als Untertan, er lebte? Nein, die Freunde,
Die meines Kummers ganze Last nachfühlen,
Auf die ich trauen darf, sie sind nicht hier,
Sie sind, wie all mein Trost, weit, weit von hier,
In meinem Vaterlande.

Campejus. Gnädge Frau, ich wünschte,
Ihr ließt den Gram und hörtet mich.

Königin. Was meint Ihr?

Campejus. Stellt Euren ganzen Fall des Königs Schutz
Anheim, er ist liebreich und gut: so wärs
Für Eure Ehr und Euren Vorteil günstger.
Denn wenn des Rechtes Ausspruch Euch verdammt,
Dann scheidet Ihr mit Schmach.

Wolsey. Er rät Euch gut.

Königin. Er rät mir, was ihr beide wünscht – Verderben!
Ist das christlicher Beistand? Schand auf euch!
Noch steht der Himmel, droben thront ein Richter,
Den nie ein Fürst besticht.

Campejus. Eur Zorn verkennt uns.

Königin. So schmählicher für euch; – Ihr wähnt euch heilig,
Zwei kardinale Tugenden; jetzt find ich
Nur kardinale Laster, hohle Herzen.
O schämt und bessert euch! Ist dies eur Trost?
Die Herzensstärkung der gebeugten Fürstin?
Der Frau, durch euch gestürzt, verlacht, verhöhnt?
Ich wünsch euch nicht die Hälfte meines Elends,
Ich bin zu gut – doch sagt, ich warnt euch einst!
Habt acht! um Gott, habt acht, daß plötzlich nicht
Die Bürde meiner Sorgen auf euch falle! –

Wolsey. Fürstin, Ihr scheint in Wahrheit außer Euch;
In Arglist wandelt Ihr die gute Meinung.

Königin. Ihr aber wandelt mich in nichts. Weh euch!
Weh allen Gleisnern! Wie! ihr ratet mir
(Wenn euch noch irgend Güt' und Mitleid blieb,
Wenn ihr mehr seid als Kleider nur des Priesters),
Mein krankes Recht dem Todfeind zu vertraun?
Ach! schon verbannt' er mich aus seinem Bett,
Aus seiner Liebe längst: – ich werde alt,
Und was mir noch von Ehgemeinschaft bleibt,
Ist mein Gehorsam. Was kann Schlimmres mir
Als dieses Elend kommen? All eur Streben
Bringt mir den Fluch.

Campejus. Das Schlimmst ist Eure Furcht.

Königin. Lebt ich so lang (ja, laßt mich selber reden,
Tugend hat keinen Freund!) ein treues Weib,
Ein Weib – (ich darfs beteuern ohne Ruhmsucht),
Zu keiner Zeit erreichbar dem Verdacht?
Begegnet ich mit ganzer, voller Neigung
Dem König stets, liebt' ihn nächst Gott, gehorcht' ihm,
War ich aus Zärtlichkeit ihm abergläubisch,
Vergaß, ihn zu erfreun, fast mein Gebet,
Und werd ich so belohnt? Oh, das ist hart!
Zeigt mir ein Weib, das, ihrem Ehherrn treu,
Nie keine Freude träumte als sein Wohlsein;
Und wenn sie alles tat, so hab ich doch
Noch einen Kranz voraus – große Geduld! –

Wolsey. Weg flieht Ihr von dem Gut, das wir Euch gönnten. –

Königin. Mylord, ich lade nie die Schuld auf mich,
Dem edlen Rang freiwillig zu entsagen,
Dem euer Herr mich hat vermählt: nur Tod
Soll von dem Thron mich scheiden.

Wolsey. Hört, ich bitt Euch –

Königin. Hätt ich doch nie dies britsche Land betreten,
Noch seiner Schmeicheleien Frucht gekostet –
Ihr habt der Engel Antlitz, doch die Herzen
Kennt Gott. Was wird aus mir, der ärmsten Frau?
Der unglückseligsten in aller Welt? (Zu ihren Frauen.)
Ihr Armen, ach! Wo bleibt auch euer Glück?
An einem Strand gescheitert, wo kein Mitleid,
Kein Freund, kein Hoffen; wo kein Blutsfreund weint,
Man kaum ein Grab mir gönnt! – Der Lilie gleich,
Die einst der Fluren Herrin war und blühte,
Neigt sich mein Haupt und stirbt.

Wolsey. Wüßt ich nur erst
Eur Gnaden überzeugt, wir meintens redlich,
Das gäb Euch Trost! Weshalb nur, werte Fürstin,
Zu welchem End Euch kränken? Unsre Würde,
Die Weise unsers Amts verbeut es schon;
Wir solln den Kummer heilen, nicht ihn säen.
Erwägt um 's Himmels willen, was Ihr tut;
Wie Ihr Euch selbst könnt schaden, ja durchaus
Dem König Euch durch dieses Tun, entfremden.
Der Fürsten Herzen küssen den Gehorsam,
So lieblich dünkt es ihnen; doch die Starrheit
Schwellt sie empor, reißt sie zu Ungewittern.
Ich weiß, Ihr habt ein adlig mild Gemüt,
Sanft, gleich der Meeresstille; glaubt uns ja
Nach unserm Amt Ruhstifter, Freunde, Diener.

Campejus. So sollt Ihr uns erfinden. Eure Tugend
Kränkt Ihr durch Weiberfurcht. Ein hoher Geist,
Wie Ihr ihn hegt, wirft solche Zweifel weit
Wie falsche Münze weg. Der König liebt Euch;
Gebt acht, daß Ihr dies nicht verliert. Gefällts Euch,
Uns zu vertraun, sind wir für Euch erbötig,
Das Äußerste in Eurem Dienst zu tun.

Königin. Tut, was ihr wollt, ihr Herrn; und mir verzeiht,
Wenn ich nicht höflich gegen euch gewesen.
Ihr wißt, ich bin ein Weib, mir fehlt die Kunst,
Mit euresgleichen wie's geziemt zu reden.
Bringt Seiner Hoheit meine Ehrfurcht dar,
Er hat mein Herz, auch mein Gebet ist sein,
Solang ich lebe. Kommt, hochwürdge Väter,
Enthüllt mir euren Rat – es bittet jetzt,
Die nicht geahnt, als sie betrat dies Land,
Für welchen Preis sie ihre Kron erstand. – (Alle ab.)

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