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König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
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Aber die Schuld mußte bezahlt werden. König Alkohol begann zu mahnen, und er forderte weniger vom Leib als von der Seele. Die alte langwierige, rein geistige Krankheit brach wieder aus. Die längst entschwundenen Gespenster hoben wieder die Köpfe. Aber sie waren schrecklich verändert. Früher hatte ich sie, die ihren Ursprung im Geiste hatten, leicht durch eine gesunde, normale Logik bannen können; jetzt aber steckte die Weiße Logik König Alkohols dahinter, und die Geister, die König Alkohol einmal gerufen hat, sind nicht wieder zu bannen. Gegen diese Krankheit, diesen Pessimismus gibt es nur ein einziges Mittel: Weitertrinken! Weitertrinken, um im Rausch die Betäubung zu suchen, die König Alkohol verspricht, aber nie gibt.

Wie soll ich dem, der sie nie kennengelernt hat, diese Weiße Logik beschreiben? Ist es nicht besser, erst einmal zu zeigen, wie unbeschreiblich sie ist? Denkt an das Traumland des Haschischs, das Land, in dem alle Schranken von Zeit und Raum gefallen sind. In früheren Jahren habe ich zwei denkwürdige Reisen in dieses Reich unternommen, und die Abenteuer, die ich dort erlebt, sind mit unauslöschlicher Klarheit meinem Hirn eingeätzt. Aber es wäre vergebliche Mühe, auch nur das Geringste von diesen Erlebnissen jemand erklären zu wollen, der nicht selbst die Reise gemacht hat.

Selbst die ausschweifendsten Bilder können nicht zum Ausdruck bringen, wie zwischen den einzelnen Tönen eines lustigen, auf dem Klavier geklimperten Tanzes Jahrhunderte liegen – unfaßbare Abgründe von Schrecken und Todesangst. Stundenlang kann ich reden, um nur diese eine Phase des Haschischrausches darzustellen, und am Ende hat der Zuhörer doch nichts verstanden. Und kann ich nicht einmal dies eine Atom von all den Schrecken und Wundern des Haschischlandes erzählen – wie soll ich dann einen Begriff von dem Ganzen geben? Spreche ich aber mit jemand, der auch dieses Zauberland besucht hat, dann wird er mich sofort verstehen. Ein Satz, ein einziges Wort lassen in seinem Hirn die Vorstellung erstehen, die stundenlanges Erzählen dem, der nicht dagewesen, nicht geben könnte. Und ganz ebenso verhält es sich mit König Alkohols Reich, dem Herrschersitz der Weißen Logik. Wer nie selbst dort war, dem müssen die Berichte unfaßbar und phantastisch erscheinen. Ich kann ihn daher nur bitten, das, was ich jetzt berichten will, auf Treu und Glauben hinzunehmen.

Denn es sind verhängnisvolle Wahrheiten im Alkohol verborgen. In dieser Frage kann der Nüchterne für den Trunkenen zeugen. Es scheint Wahrheit verschiedener Art in der Welt zu geben – die eine ist wahrer als die andere. Manche Wahrheit aber ist Lüge, und gerade sie ist es, die Wert für das Leben hat, die der Mensch gebrauchen kann. Auf einmal siehst du, du nicht bereister Leser, wie toll, wie gotteslästerlich das Reich ist, das ich dir so gern beschreiben möchte. Aber ich kann es nur in der Sprache König Alkohols, und die verstehst du nicht, denn sie wird nicht von deinesgleichen gesprochen. Ihr meidet die Straße des Todes und zieht nur die des Lebens. Denn wie es vielerlei Wahrheiten gibt, so auch vielerlei Wege. Aber Geduld! Vielleicht wirst du doch schließlich durch das scheinbare Chaos meiner Worte in der Ferne die Umrisse eines andern Landes, eines andern Volkes sichten.

König Alkohol spricht die Wahrheit, aber seine Wahrheit ist nicht die alltägliche. Diese, die alltägliche, ist eine besondere, geringere Art der Wahrheit. Denk zum Beispiel an einen Karrengaul. In allen Wechselfällen seines Lebens muß er auf unfaßbaren, dunklen Pfaden vom Anfang bis ans Ende glauben, daß das Leben gut sei; daß die Plackerei im Geschirr gut sei; daß der Tod, mit welch blindem Instinkt er ihn auch auffaßt, ein schrecklicher Riese, das Leben aber wohltuend und wertvoll, und daß das Alter schließlich etwas Köstliches sei, obwohl es für ihn ja nur bedeutet, daß er als magere Schindmähre vor den Wagen des Trödlers gespannt wird, um bei jedem Schlage, den er erhält, der langsamen Auflösung, dem Ende näher zu kommen – dem Ende, das darin besteht, daß alle die verschiedenen Teile seines Körpers auf verschiedene Weise verwandt werden (sein herrliches Fleisch, seine hellrosa, geschmeidigen Knochen, seine Säfte und Fermente und die Sinne, die dem allem Leben verliehen), daß sie in Gerbereien, Knochenmühlen und Leimsiedereien wandern. Bis zum letzten Schritt muß dieser Karrengaul bei den Geboten der geringeren Wahrheit verharren, dieser Wahrheit des Lebens, die das Leben erst erträglich macht.

Dieser Karrengaul ist wie alle Pferde, wie alle Tiere überhaupt, den Menschen einbegriffen, vom Leben verblendet, von seinen Sinnen umgarnt. Er will leben – um jeden Preis leben. Das Leben ist gut trotz aller Schmerzen, die es bringt. Das Spiel ist gut, wenn auch alles Lebende schließlich verlieren muß. Das ist die Wahrheit, die zwar nicht für das Universum gilt, wohl aber für die Geschöpfe, die eine Zeitlang bestehen wollen, ehe sie vergehen. Mag diese Wahrheit nun falsch sein oder nicht – sie ist die gesunde, normale, die vernunftgemäße Wahrheit, an die alles Lebende glauben muß, wenn es leben will!

Von allen Wesen aber hat der Mensch allein das furchtbare Privilegium der Vernunft erhalten. Das menschliche Hirn ist imstande, den berauschenden Schein der Dinge zu durchdringen und ihren überirdischen Zusammenhang ohne Rücksicht auf sich selbst und seine Träume zu erkennen. Das kann der Mensch, aber es ist nicht gut für ihn, wenn er es tut. Um zu leben, in Fülle zu leben, um wirklich lebendig zu sein (das heißt zu sein, was er ist), muß auch er sich vom Leben blenden, von seinen Sinnen umgarnen lassen. Was gut ist, ist wahr. Und ist dies auch nur eine von den geringeren Wahrheiten, so muß der Mensch sie doch kennen, muß sich von ihr in der unabweisbaren Gewißheit leiten lassen, daß sie die absolute Wahrheit ist, daß es außer ihr keine Wahrheit auf der Welt gibt. Es ist gut, wenn der Mensch den Trug der Sinne und die Fallstricke des Fleisches als vollwertig hinnimmt und in nebelhaftem Empfinden den Listen und Lügen der Leidenschaften folgt. Es ist gut, daß er nie den Schatten und die Leere sieht und entsetzt zurückbebt vor seinen eignen Lüsten und Begierden.

Zahllose Männer haben die andere, wahrere Wahrheit erblickt und sind vor ihr zurückgewichen. Zahllose Männer sind von der langen Krankheit ergriffen worden, und sie haben gelebt, um von ihr zu erzählen, und haben sich bemüht, sie bis an ihr Lebensende zu vergessen. Sie lebten weiter. Sie lebten sich aus, sie waren das Leben. Sie hatten recht.

Und da kommt König Alkohol mit seinem Fluche, den er auf den herabruft, der Einbildungskraft besitzt, der das Leben liebt und leben will. König Alkohol schickt seine Weiße Logik, den silbernen Boten der Wahrheit jenseits der Wahrheit, den Widerpart des Lebens, grausam und öde wie ein sternenloser Raum, regungslos und eisig wie der absolute Nullpunkt, blendend durch die Kälte unentrinnbarer Folgerichtigkeit und unvergeßlicher Tatsachen. König Alkohol läßt den Träumer nicht träumen, den Denker nicht denken. Er vernichtet Geburt und Tod und löst selbst das Paradox des Seins in Nebel auf, bis das Opfer schreit: »Unser Leben ist Trug, unser Tod ein schwarzer Abgrund.« Und das Opfer dieser schrecklichen Vertraulichkeit wandert den Weg des Todes.

*

Doch zurück zu meinen persönlichen Erfahrungen und den Wirkungen, die König Alkohols Weiße Logik damals auf mich ausübte. Auf meinem prächtigen Gute im Mondtal lebe ich jetzt, das Hirn getränkt vom Alkohol vieler Monate und niedergeschlagen vom Weltschmerz, der zu allen Zeiten ein Erbe der Menschheit gewesen. Und ich frage mich vergebens nach seinem Grunde. Meine Nächte sind warm, mein Dach ist dicht, ich habe Speise im Überfluß, und kann alle Launen meines Gaumens befriedigen, mir jede erdenkliche Bequemlichkeit leisten. Mein Körper kennt nicht Schmerz und Qualen, die alte Maschinerie arbeitet glatt. Weder Hirn noch Muskeln sind überanstrengt. Ich habe Grundbesitz, Geld, Macht, die Anerkennung der ganzen Welt, das Bewußtsein, andern Wohltaten erwiesen zu haben, eine Frau, die ich liebe, Kinder von meinem Fleisch und Blut. Ich habe getan und tue noch, was einem guten Weltbürger ziemt. Ich habe zahlreiche Häuser erbaut, viele Morgen Land bestellt. Und habe ich nicht hunderttausend Bäume gepflanzt? Aus jedem Fenster meines Hauses kann ich diese Bäume sehen, die jetzt aufrecht und stark der Sonne entgegenwachsen.

Wahrlich: mein Leben ist glücklich. Nicht hundert von einer Million haben Glück gehabt wie ich. Und trotz alledem bin ich traurig. Ich bin es, weil König Alkohol bei mir ist. Und er ist bei mir, weil ich in einem Jahrhundert geboren bin, das spätere Zeiten das dunkle Jahrhundert vor der Epoche der vernunftgemäßen Zivilisation nennen werden. König Alkohol ist bei mir, weil er mir in den Tagen meiner unwissenden Jugend stets erreichbar war, weil er an jeder Ecke rief und mich einlud. Die Scheinzivilisation, unter der ich geboren bin, bewilligte jeden Ausschank des Seelengiftes. Das Leben war so organisiert, daß ich (und Millionen mit mir) in diese Giftläden gelockt, gezogen und getrieben wurde.

Begleitet mich, wandert mit mir eine der tausend Straßen der Traurigkeit, die König Alkohol uns führt! Ich reite über mein schönes Gut, ein edles Pferd zwischen den Schenkeln. Die Luft ist wie Wein. Die Trauben auf den Hügeln flammen in herbstlichem Rot. Hinter den Sonomabergen wallen die Nebel des Meeres auf. Die Nachmittagssonne schwelt am schläfrigen Himmel. Alles müßte mich lebensfroh stimmen. Ich bin von Träumen und Mysterien erfüllt, bin ganz Sonne, Luft und Funken. Ich lebe und wirke. Ich bewege mich, habe die Macht der Bewegung für mich und die Geschöpfe, die mir gehören. Ich bin voll vom Gepränge des Seins, bin geschwellt von stolzen Leidenschaften. Ich bin zehntausendfach erhaben über das Leben. Ich bin ein König im Reiche der Empfindung und trete den ergebenen Staub mit meinen Füßen ...

Und doch blicke ich scheelen Auges auf alle Schönheit, alle Wunder um mich her und betrachte mit Bitternis meine klägliche Rolle in dieser Welt, die so lange ohne mich bestanden hat und so lange ohne mich bestehen wird. Und plötzlich muß ich an die Menschen denken, die sich auf dem widerspenstigen Boden, der jetzt mein ist, zu Tode gerackert haben. Als könnte dem Vergänglichen Unvergängliches gehören! Diese Männer sind nicht mehr, und auch ich werde eines Tages nicht mehr sein. Sie mühten sich ab, rodeten, pflanzten und starrten, wenn sie ihre steifen Glieder ausruhten, schmerzenden Auges in dieselben Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, in dieselbe herbstliche Pracht der Trauben und in dieselben Nebel, die hinter den Bergen hervorwallten. Und sie sind dahingegangen. Wie auch ich eines Tages – bald – gegangen sein werde.

Gegangen? Bin ich nicht schon auf dem Wege? Mein Kiefer birgt künstliche Gebilde des Zahnarztes zum Ersatz der Teile, die schon gegangen sind. Die Daumen meiner Jugend sind dahin. Alte Schlägereien und Ringkämpfe haben sie unwiderruflich verdorben. Der Schlag auf den Kopf eines Mannes – seinen Namen habe ich vergessen – hat den einen für immer erledigt, ein Griff im Ringkampf den andern. Mein schlanker Leib ist nur noch eine Erinnerung. Meine Beine haben ihre alte Spannkraft verloren, mit der ich sie in wilden Nächten und arbeitsreichen Tagen bog und schwang. Nie mehr werde ich in schwindelnde Höhe klettern, nie mehr mein ganzes stolzes Leben in der sausenden Finsternis des Sturmes einem einzigen Tauknoten anvertrauen. Und nie mehr werde ich mit meinen Schlittenhunden die endlosen Wege des Nordens bezwingen.

Ich weiß, daß ich in diesem zerfallenden, seit seiner Geburt absterbenden Körper ein Skelett trage, daß unter der Fleischschicht, die ich mein Gesicht nenne, der nasenlose Totenkopf grinst. Aber das schreckt mich nicht: sich fürchten heißt gesund sein. Todesfurcht führt zum Leben, der Fluch der Weißen Logik aber ist, daß sie die Furcht tötet. Der Weltschmerz der Weißen Logik lacht dem großen Nasenlosen ins Gesicht und höhnt aller Gaukelbilder des Lebens.

Im Reiten blicke ich mich um, und sehe überall die unbarmherzige, unendliche Verschwendung der natürlichen Zuchtwahl. Die Weiße Logik öffnet längst geschlossene Bücher und führt Seiten- und kapitellange Beweise, daß all das Schöne, Wunderbare, das meine Augen sehen, nichts als Leere und Staub ist. Rings um mich summt und murmelt es: der Mückenschwarm des Lebens durchschwirrt für ein Weilchen die Luft mit seinem zarten Klingen. Ich kehre um. Es ist Dämmerung, und die Raubtiere sind unterwegs. Ich beobachte das klägliche Trauerspiel des Lebens, das sich vom Leben nährt. Hier gibt es keine Moral. Nur der Mensch besitzt sie, der Mensch, der sie geschaffen – als ein Gesetz für alles Tun und Lassen, ein Gesetz, das lebenerhaltend, aber doch nur eine der geringeren Wahrheiten ist. Doch alles das wußte ich schon früher, in den müden Tagen meiner langen Krankheit. Durch lange Übung vergaß ich schließlich die höheren Wahrheiten, sie, die so ernst waren, daß ich sie nicht ernst nehmen wollte, und so lustig, oh, so lustig mit ihnen spielte! Jenseits des Bewußtseins ließ ich sie schlafen wie Hunde, die ich nicht zu wecken wagte. Ich ließ sie liegen, um sie nicht zu reizen. Ich war zu klug, allzu klug, um sie zu wecken. Aber die Weiße Logik hat sie geweckt, ob ich wollte oder nicht, die Weiße Logik, dieser Kämpe, der kein irdisches Traumungetüm fürchtet. »Laß die Gelehrten aller Schulen mich verdammen«, höre ich im Weiterreiten das Wispern der Weißen Logik. »Was tut das? Ich bin ja die Wahrheit. Das weißt du gut. Du kannst nicht gegen mich ankämpfen. Man sagt, ich führe zum Tode. Sei es! Aber der Tod ist die Wahrheit, und das Leben lügt, muß lügen, damit man es ertragen kann. Das ganze Leben ist eine einzige Reihe von Lügen, es ist ein toller Tanz im Reiche des ewig Fließenden, wo die Erscheinungen im mächtigen Auf und Ab von Ebbe und Flut kommen und gehen, abhängig von den Drehungen eines Mondes jenseits unseres Gesichtskreises. Erscheinungen sind Gespenster. Das Leben ist ein Gespensterland, wo die Erscheinungen wechseln, sich und alle andern durchdringen und umbilden; sie sind und sind doch nicht, sie flackern auf, verblassen und schwinden, nur um als neue Erscheinungen wiederzukehren. Du selbst bist nichts als eine solche Erscheinung, gebildet aus andern Erscheinungen der Vergangenheit. Und alles, was eine Erscheinung fassen kann, ist nur Fata Morgana. Du faßt nur die Fata Morgana des Verlangens. Diese Luftspiegelungen sind das undenkbare, unberechenbare Gemisch von Erscheinungen, die sich in dir angehäuft haben und dich aus der Vergangenheit heraus formen, die sich aber einmal wieder auflösen und dich als Teilchen neuer undenkbarer, unberechenbarer Mischerscheinungen über die ganze Welt ausstreuen werden, um die Welt zu bevölkern. Dieses Leben ist nur ein Scheinleben, das wieder vergeht. Du bist nur eine Erscheinung. Über alle Erscheinungen, die dich hervorbrachten und die Teile von dir sind, erhobst du dich schnatternd aus dem Urschlamm. Schnatternd verschwindest du wieder, durchdringst die Prozession der Erscheinungen, die dir folgen, und vermischst dich mit ihnen.«

Hierauf kann ich natürlich nichts antworten, und im Weiterreiten durch die Schatten des Abends lache ich über den ›Großen Fetisch‹, wie Comte die Welt genannt hat. Und mir fällt die Äußerung eines andern empfindsamen Pessimisten ein: »Alles vergeht. Wer geboren wird, muß sterben, und wer tot ist, freut sich der Ruhe.«

Aber da kommt einer durch die Dämmerung gegangen, der sich nicht der Ruhe freut: Ein Arbeiter vom Gute, ein alter italienischer Auswanderer. Er zieht beflissen den Hut vor mir – nun ja, für ihn bin ich der Herr des Lebens. Für ihn bedeute ich Nahrung, Unterkunft, Existenz. Er hat all seine Tage geschuftet wie ein Vieh, aber meine Pferde haben es in der reichlichen Spreu ihres Stalles besser als er. Die Arbeit hat ihn zum Krüppel gemacht. Er hinkt. Seine Schultern sind schief, seine Hände knotige, abscheuliche, abstoßende Klauen. Selbst als Gespenst stellt er nur ein elendes Exemplar dar. Sein Hirn ist ebenso stumpf, wie sein Körper häßlich.

»Er ahnt nicht,« flüstert die Weiße Logik mir zu, »daß er nur ein Gespenst ist, so stumpf ist sein Hirn. Er ist sinnenberauscht, ist nichts als ein Sklave seines Lebenstraumes. Übervernünftige Bestätigungen und Anfechtungen haben sich in seinem Kopfe angehäuft. Er glaubt an eine jenseitige Überwelt. Er hat den Grillen der Propheten gelauscht, glaubt ihren prächtigen Schwindel vom Paradies. Er fühlt sich unbegreiflich verwandt unwirklichen, von ihm selbst beschworenen Wesen. Er hat verschwommene Visionen von sich selbst, sieht Erscheinungen, die Tag und Nacht phantastisch von Stern zu Stern durch den Raum jagen. Ohne auch nur den Schatten eines Zweifels zu hegen, ist er vollkommen überzeugt, daß das Universum einzig für ihn erschaffen, und daß er dazu bestimmt ist, ewig in dem wesenlosen, übersinnlichen Reiche zu leben, das er selbst und seinesgleichen aus Schein und Trug aufgebaut haben.

Du aber hast die Bücher geöffnet und bist meiner furchtbaren Vertraulichkeit teilhaftig geworden, und nun erkennst du ihn als das, was er in Wahrheit ist: Dein Bruder und der Bruder des Staubes, ein kosmischer Witz, ein Tier in Kleidern, das sich dank einer Zehe, die sich den andern gegenübergestellt hat, aus dem Haufen der heulenden Tierheit hob. Er ist der Bruder des Gorillas und des Schimpansen. In der Wut schlägt er sich die Brust und bebt in kataleptischer Wildheit. Er hat ungeheuerliche atavistische Eingebungen, ist ein Gemisch jeder Art bodenloser vergessener Instinkte.«

»Und doch träumt er von Unsterblichkeit«, wende ich schwach ein. »Ist es nicht wunderbar, daß dieser stumpfsinnige Erdkloß auf den Schultern der Zeit zur Ewigkeit reitet?«

»Pah!« lautet die Antwort. »Möchtest du etwa die Bücher zerschlagen und tauschen mit diesem Geschöpf, das nur aus Hunger und Gier besteht und nur noch ein Spielball seines Bauches und seiner Lenden ist?«

»Stumpf sein heißt glücklich sein«, behaupte ich. »Dann wäre also dein Ideal, ein gallertartiger Organismus zu sein, der in einem unbeweglichen lauen Zwielichtmeere schwimmt, wie?«

Ach, wer könnte König Alkohol widerlegen!

»Nur ein Schritt vom seligen Nichts, vom Nirwana Buddhas«, fügte die Weiße Logik hinzu. »Ha, nun sind wir zu Hause! Kopf hoch und trink ein Glas! Du und ich, wir sind die Erleuchteten, wir kennen die ganze Torheit, den ganzen Schwindel.«

Und hinter meinen Bücherwänden, in diesem Mausoleum menschlichen Wissens trinke ich, trinke und jage die schlummernden Hunde auf, die in meinem Hirn versteckt lagen, daß sie über die Hindernisse des Vorurteils auf den verschlungenen Pfaden des Glaubens und Aberglaubens in alle Winde stieben.

»Trink!« sagt die Weiße Logik. »Die Griechen glaubten, die Götter hätten ihnen den Wein geschenkt, daß sie das Elend des Daseins vergäßen. Und weißt du noch, wie Heine sagt?«

Ich besinne mich – ja, so etwa lauten die Worte des flammenden Juden: Mit dem letzten Atemzuge ist alles vorbei: Freude, Liebe, Trauer, Makkaroni, Theater, Lindenbäume, Himbeerbonbons, die Macht menschlicher Beziehungen, Klatsch, Hundegebell, Champagner.

»Dein klares weißes Licht ist Krankheit«, sage ich zur Weißen Logik. »Du lügst.«

»Weil ich dir zu harte Wahrheiten sage«, gibt sie zurück.

»Ach ja, so hirnverbrannt ist das Dasein«, räume ich traurig ein.

»Liu Ling war weiser als du«, höhnt die Weiße Logik. »Erinnerst du dich seiner?«

Ich nicke – Liu Ling war ein Trunkenbold, einer jener dem Trunk ergebenen Poeten, die sich ›die sieben Weisen aus dem Bambushain‹ nannten, und die vor vielen Jahrhunderten in China lebten.

»Liu Ling«, verkündet die Weiße Logik, »erklärte, daß einem Berauschten die Dinge dieser Welt nicht wertvoller erschienen als die Wasserlinse auf dem Flusse. Wohlan, trinke und lasse Schein und Trug Wasserlinse auf dem Flusse sein!«

Und während ich meinen Whisky einschenke und trinke, kommt mir ein anderer chinesischer Philosoph in den Sinn, Tschuang Tze, der vier Jahrhunderte vor Christus das Traumland dieser Welt verwarf und sprach: »Wie denn kann ich wissen, ob die Toten nicht bereuen, einmal am Leben gehangen zu haben? Die von Fest und Freude träumen, erwachen zu Jammer und Klage. Die von Jammer und Klage träumen, erwachen zu den Freuden der Jagd. Sie träumen und wissen nicht, daß sie träumen. Mancher will sogar den Traum erklären, den er träumt, und erst, wenn er erwacht, weiß er, daß es ein Traum gewesen ... Toren glauben, sie wachten jetzt, und schmeicheln sich mit dem Bewußtsein, daß sie wirklich Fürsten oder Bauern seien. Confucius und du – ihr seid beide nur Traumbilder, und ich, der ich dir sage, daß du ein Traumbild bist, bin selbst nur eines.

Einst träumte mir, ich, Tschuang Tze, sei ein Schmetterling und flatterte hierhin und dorthin, wie Schmetterlinge tun. In meiner Einbildung war ich ein Schmetterling und wußte nicht, daß ich ein Mensch war. Plötzlich erwachte ich, und da lag ich und war wieder Tschuang Tze. Jetzt weiß ich nicht, ob ich damals ein Mensch war, der träumte, er sei ein Schmetterling, oder ob ich jetzt ein Schmetterling bin, der träumt, er sei ein Mensch.«

*

»Komm und vergiß diese alten asiatischen Träumer«, sagt die Weiße Logik. »Schenk ein und laß uns einen Blick in die Pergamente der Träumer von gestern werfen, die ihre Träume hier in deinen eigenen sonnigen Bergen träumten!«

Ich brüte über einem Auszuge des Grundbuches, auf dem die Besitzer des zu Petaluma gehörenden Weingutes Tokay verzeichnet sind. Es ist eine traurig lange Liste, beginnend mit Manuel Micheltoreno. Einst mexikanischer ›Gouverneur, kommandierender General und Inspektor des Departements Kalifornien‹, verschrieb er dem Obersten Don Mariano Guadalupe Vallejo zehn Quadratmeilen geraubten Indianerlandes für Dienste, die der Oberst seinem Vaterlande geleistet und die Löhnung, die er zehn Jahre lang für seine Soldaten verauslagt hatte.

Dieser vergilbte Inbegriff menschlicher Gier nach Grundbesitz läßt indessen sofort das Bild eines heißen Kampfes vor mir erstehen – des ohnmächtigen Kampfes gegen den Staub. Da sind Schuldverschreibungen, Hypotheken, Verkaufsdokumente, Übertragungen, Urteile, Pfändungsurkunden, Steuerscheine, Verwaltungsbestallungen und Ausstückungsdekrete. Er ist ein nie bezwungenes Ungeheuer, dieser hartnäckige Boden, der, jetzt in der Spätsommersonne träumend, alle überlebt hat – alle die Männer, die seine Oberfläche geritzt haben und wieder verschwunden sind. Wer mag der Mann mit dem seltsamen Namen ›James King of William‹ gewesen sein? Selbst der älteste Ansiedler im Mondtal hat ihn nicht gekannt. Und doch ist es erst sechzig Jahre her, daß er Mariano Guadalupe Vallejo achtzehntausend Dollar gegen Sicherheit in gewissen Grundstücken lieh, unter denen sich auch das Weingut befand, das heute noch Tokay genannt wird. Woher kam Peter O'Connor, und wohin zog er wieder, nachdem er seinen Namen für eine kurze Zeitspanne eingetragen hatte als Besitzer jenes Waldlandes, das später zum Weingut werden sollte? Dann erscheint Louis Csomortanyi, ein Name, mit dem man Geister beschwören möchte. Ihm sind mehrere Seiten dieses Dokuments von der Duldsamkeit der Erde gewidmet.

Es kamen alte amerikanische Familien, die durstend durch die große amerikanische Wüste, auf Maultieren über den Isthmus, vor rasenden Stürmen um Kap Horn gezogen kamen und ihre kurzen, längst vergessenen Namen in die Liste eintrugen. Sie sind verweht wie die zehntausend Generationen von Indianern, die Namen wie Halleck, Hastings, Swett, Tait, Denman, Tracy, Grimwood, Carlton, Temple. Kein ähnlicher ist heute mehr im Mondtal zu finden. Ein Name folgt dem andern in reißender Hast, taucht auf und verschwindet so schnell, wie er kam. Aber immer bleibt die ewige Erde, auf daß andere sie ritzen können. Es kommen Menschen, von denen ich selbst gehört habe, ohne sie jedoch zu kennen. Kohler und Frohling, die die große steinerne Kelterei auf dem Weingut Tokay bauten, sie jedoch oben auf dem Berge errichteten, wohin die andern Weinbauern ihre Trauben nicht schleppen wollten. So mußten Kohler und Frohling denn das Land verlassen. Das Erdbeben von 1906 zerstörte die Kelterei, und in ihren Ruinen lebe ich jetzt.

La Motte – er pflügte den Boden, pflanzte Weinstöcke und Obstbäume, legte Fischteiche an, baute ein seinerzeit viel besprochenes Haus, wurde von der Erde überwunden und zog fort. Und für ein kurzes Weilchen taucht mein Name auf. Neben La Mottes Obstbäumen und Weinstöcken, neben seinem stolzen Hause und seinen Fischteichen habe ich mich selbst eingeschrieben mit fünfzigtausend Eukalyptusbäumen.

Cooper und Greenlaw – auf dem ›Berghof‹ hinterließen sie zwei ihrer Toten, ›Klein-Lilly‹ und ›Klein-David‹, die heute noch hinter einer kleinen Einzäunung aus roh zugehauenen Pfählen liegen. Cooper und Greenlaw rodeten auch den jungfräulichen Wald auf eine Strecke von vierzig Morgen. Jetzt bin ich der Besitzer der drei auf diesem Boden entstandenen Felder, ich habe sie mit kanadischen Erbsen bepflanzt, die im nächsten Frühling als Gründüngung untergepflügt werden sollen.

Haska – eine legendäre Gestalt, die vor einer Generation hier lebte. Er war über die Berge gekommen und rodete sechs Morgen Busch in dem engen, nach ihm benannten Tal. Er pflügte den Boden, errichtete steinerne Mauern, baute ein Haus und pflanzte Apfelbäume. Und heute kann man schon nicht mehr sehen, wo das Haus stand, kann die Lage der Mauern nur noch aus den Umrissen des Geländes erraten. Jetzt nehme ich den Kampf wieder auf und lasse das Buschwerk, das Haskas Rodungen überwuchert und seine Apfelbäume erstickt hat, von meinen Angoraziegen fressen. So werden denn auch meine kurzen Mühen dem Boden ihr Gepräge verleihen, und so wird eine Seite des Dokuments meinen Namen tragen, ehe ich verschwinde und das Blatt vergilbt.

»Nichts als Träumer und Gespenster«, kichert die Weiße Logik.

»Aber all die Mühe war doch nicht ganz umsonst«, wende ich ein.

»Sie war auf Illusionen begründet und ist Lüge.«

»Eine Lebenslüge«, entgegne ich.

»Bitte, was ist eine Lebenslüge anders als eben eine Lüge?« sagt die Weiße Logik herausfordernd. »Komm, schenk ein und laß uns einmal diese Lebenslügen näher betrachten, die in deinen Bücherregalen stehen. Nimm einmal William James heraus.«

»Ein gesunder Mensch«, sage ich. »Den Stein der Weisen können wir kaum von ihm verlangen, aber wir werden letzten Endes einige kräftige Dinge finden, auf die wir bauen können.«

»Zu Gefühl verschnittene Vernunft«, grinst die Weiße Logik. »Sein ganzes Denken klammert sich an den Unsterblichkeitsgedanken. Tatsachen verwandeln sich im Destillierkolben der Hoffnung in Glaubenssätze. Die reifste Frucht der Vernunft ist die Verdummung. Vom höchsten Gipfel der Vernunft aus predigt James, daß man sich der Vernunft entschlagen und mit dem frohen Glauben begnügen solle, daß alles gut sei und sein werde – dieser alte, ach so uralte Akrobatentrick der Metaphysiker, mit dem sie die Vernunft forträsonierten, um dem Pessimismus, der natürlichen Folge jeder ehrlichen Anwendung der Vernunft, zu entgehen. Ist dieses Fleisch wirklich dein Ich? Oder ist es etwas rein Äußerliches, über das du nur das Verfügungsrecht besitzest? Und dein Leib – was ist das? Nur eine Maschine, um äußere Antriebe in Reaktionen zu verwandeln. Reizmittel und Reaktionen sind unvergeßlich; sie bilden die Erfahrung. Und du bist in deinem Bewußtsein identisch mit diesen Erfahrungen. In jedem Augenblick bist du nur, was du gerade denkst. Dein Ich ist sowohl Subjekt wie Objekt; du sprichst etwas aus und bist gleichzeitig das Ausgesprochene. Denker und Gedanke sind eins, der Wissende ist, was er weiß, der Besitzer, was er besitzt.

Alles in allem ist der Mensch, wie du wohl weißt, ein Strom von Bewußtseinszuständen, ein Fluß von gleitenden Gedanken, jeder Gedanke des Ichs ist ein anderes Ich, Myriaden Gedanken – Myriaden Ichs ein stetes Werden, aber Nie-Sein, ein Irrlichtgeflimmer von Gespenstern aus dem Geisterlande. Aber das will der Mensch nicht glauben. Er sträubt sich gegen die Erkenntnis, daß er nur kommt und geht. Er will nicht gehen. Er will auferstehen, wenn er dazu auch sterben muß.

Er schleppt Atome und Lichtstrahlen, ferne Nebelflecken, Wassertropfen, Schlammklumpen von Empfindungsschleim und kosmische Welten zusammen, mischt das alles mit Perlen von Glauben, Frauenliebe, eingebildeter Würde, furchtbaren Ahnungen und prahlerischer Frechheit und baut sich daraus eine Unsterblichkeit, um die Himmel zu schrecken und die Unermeßlichkeiten zu täuschen. Er krümmt sich auf seinem Misthaufen, und wie ein Kind, das sich in der Dunkelheit zwischen Kobolde verirrt hat, schreit er den Göttern zu, daß er ihr jüngerer Bruder, ein armer Gefangener des Fleisches und von Urbeginn an ausersehen sei, ebenso frei zu sein wie sie – ein Monument der Selbstvergötterung, errichtet von den Nacherscheinungen; Träume und der Staub von Träumen, die schwinden, wenn der Träumer selbst schwindet, und nicht mehr sind, wenn er selbst nicht mehr ist.

Sie erzählen nichts Neues, diese Lebenslügen, die die Menschen sich einbilden und wie Zauberformeln als Schutz vor den Mächten der Nacht murmeln. Wudus, Medizinmänner und Teufelsaustreiber waren die Vorfahren aller Metaphysiker. Die Nacht und der große Nasenlose waren Kobolde, die den Weg des Lichtes und des Lebens verlegten. Und die Metaphysiker können nur vorbeigelangen, wenn sie ihnen etwas vorlügen. Sie sind übel daran infolge des eisernen Gesetzes der Pfaffen, daß die Menschen sterben wie die Tiere auf dem Felde, und daß ihr Ende stets das gleiche sei. Ihr Glaubensbekenntnis war ihr System, ihre Religion ihr Geheimmittel, ihre Philosophie ihr Kniff, durch den sie, wie sie halbwegs glaubten, dem großen Nasenlosen und der Nacht entwischen konnten.

»Irrlichter, Dämpfe von Mystizismus, psychische Obertöne, Seelenorgien, Jammern und Klagen unter den Schatten, zauberkundiger Gnostizismus, Schleier und Gewebe von Worten, schnatterndes Selbstbewußtsein, Tappen und Plappern, ontologische Phantasien, panpsychische Halluzinationen – das ist das Zeugs, das sind die Hirngespinste der Hoffnung, die deine Bücherregale füllen. Betrachte sie nur, all diese traurigen Geister trauriger Irrsinniger und leidenschaftlicher Rebellen – deine Schopenhauer, Tolstois und Nietzsches!

Komm! Dein Glas ist leer. Schenk ein und vergiß!« Ich gehorche, denn jetzt ist mein Hirn nichts als ein Tummelplatz für die Würmer des Alkohols. Ich trinke den traurigen Denkern auf meinen Bücherregalen zu und zitiere Richard Havey:

»Wozu enthaltsam! Leben, Liebe, Tag und Nacht
Bieten sich uns, wenn sie es wollen, nicht wir.
Nimm denn, wenn sie dir Überfluß gebracht,
Und denk: das Grab ist schon gerichtet dir.«

»Ich schlage dich doch!« schreit die Weiße Logik.

»Nein«, antworte ich, und die Würmer machen mich toll. »Ich kenne dich und fürchte dich nicht. Hinter deiner Maske von Genußsucht bist du selbst der große Nasenlose, und deine Wege führen in die Nacht. Die Genußsucht hat keinen Sinn. Auch sie ist Lüge, bestenfalls das saubere Kompromiß eines Feiglings – –«

»Und ich schlage dich doch!« unterbricht mich die Weiße Logik.

»Willst du dies arme Leben nicht vollenden,
So steht dir's frei, es, wenn du willst, zu enden,
Und fürchte kein Erwachen nach dem Tod.«

Und ich lache meinen Trotz heraus, denn jetzt, in diesem Augenblick weiß ich, daß die Weiße Logik, wenn sie mir vom Tode zuwispert, der größte Betrüger von allen ist. Sie selbst hat ihre Demaskierung verschuldet mit ihrer eigenen genialen Chemie, die sich gegen sie selber kehrt, mit ihren eigenen Würmern, die die alten Illusionen wieder erwecken und die alte Stimme jenseits meiner Jugend wieder ertönen lassen, diese Stimme, die mir erzählt, daß ich immer noch dieselben Möglichkeiten und Fähigkeiten habe, wenn auch Leben und Bücher mich lehrten, daß sie nicht existierten.

Und gerade, als ich mein Glas wieder bis zum Grunde geleert habe, ruft der Gong zum Essen. Der Weißen Logik spottend, setze ich mich mit meinen Gästen an den Tisch und diskutiere mit angenommenem Ernst die neuesten Zeitschriften und die lächerlichen Dinge, die in der Welt geschehen, reite mannigfache Einfälle und Entgegnungen in allen Gangarten des Paradoxes und der Persiflage. Und schlägt die Stimmung um, dann ist es am lustigsten, der Fetische des achtbaren, feigen Bürgertums zu spotten, die flüchtigen Gottgespenster und die Ausschweifungen und Torheiten der Weisheit zu verlachen und zu verhöhnen und dadurch den Gegner zu verwirren.

Den Clown brauchen wir! Den Clown! Fühlt jemand in sich den Drang zum Philosophen, so mag er ein Aristophanes sein! – Keiner bei Tische denkt, ich sei berauscht. Ich bin in Stimmung, das ist alles. Ich bin der Anstrengung des Denkens müde, und wenn die Tafel aufgehoben ist, veranstalte ich Belustigungen und Spiele, denen wir uns mit bukolischem Ungestüm hingeben.

Und zuletzt, wenn wir uns Gute Nacht gesagt haben, gehe ich zwischen meinen Bücherwänden hindurch in mein Schlafgemach zur Weißen Logik, die mich, unbesiegt, nie verlassen hat. Und während ich in einen schweren Schlummer sinke, höre ich die Jugend rufen, wie Harry Kemp sie gehört hat:

»Ich hörte den Ruf der Jugend in der Nacht:
›Fort ist die Freude, die ich an der Welt einst hatte;
Denn meine Füße finden keinen Halt;
Der Morgen gleitet in den Tag hinüber,
Er wagt nicht, einen Augenblick zu halten,
Er muß die Welt mit Licht erfüllen.
Vergänglicher als selbst die Rose
Mein Regenbogen kommt und schwindet
Und sendet seine Strahlen in die Wolken –
Ich bin die Jugend, weil ich sterben muß!‹«

* * *

 

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