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König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
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Aber ich war noch nicht so weit, daß ich Arm in Arm mit König Alkohol weiterzog. Ja, als ich in dieser Zeit in einen Morast von Kleinmut zu versinken drohte, dachte ich doch nicht einen Augenblick daran, mich an ihn um Hilfe zu wenden.

Was mir widerfuhr, war nichts Ungewöhnliches: Ich hatte in meinem jugendlichen Eifer die Wahrheit zu unerbittlich geliebt, ihr alle Schleier vom Antlitz gezogen und war nun von ihrem schrecklichen Antlitz erstarrt. An nichts glaubte ich mehr, es sei denn an ›die Menschheit‹, und die Menschheit, an die ich noch glaubte, war wirklich sehr, sehr menschlich.

Ich will diesen langwierigen Anfall von Weltschmerz nicht näher beschreiben, er ist zu bekannt. Aber es sei gesagt, daß es mir herzlich schlecht ging. Ich überlegte ganz ernst und kaltblütig, wie ein griechischer Philosoph, ob ich mir das Leben nehmen sollte. Leider aber waren zu viele von mir abhängig, denen ich Nahrung und Wohnung schaffen mußte, als daß ich ein Recht zum Selbstmord gehabt hätte. Das waren jedoch rein moralische Betrachtungen. Was mich in Wirklichkeit rettete, war die einzige Illusion, die mir noch geblieben war: das Volk.

Alles, wofür ich gekämpft und in den Nächten mein Öl verbrannt hatte, war eine Enttäuschung gewesen. Erfolg – ich verachtete ihn. Anerkennung – nichts als ausgebrannte Asche. Gesellschaft, Männer und Frauen, die sich über den Pöbel der Wasserkante und des Vorderkastells erhaben fühlten – mich ekelte ihre lieblose Mittelmäßigkeit. Frauenliebe – nicht besser als alles übrige, Geld – ich konnte nur in einem Bett auf einmal schlafen, und welchen Wert hatte es, wenn ich mir hundertmal am Tage Mittagessen kaufen und doch nur einmal essen konnte? Kunst, Kultur – angesichts der eisernen Tatsachen der Biologie waren derartige Dinge lächerlich, ihre Exponenten noch lächerlicher. Man kann hieraus ersehen, wie krank ich war.

Ich war der geborene Kämpfer. Aber die Dinge, für die ich gekämpft, hatten sich des Kampfes nicht wert gezeigt. Mein Kampf war beendet, aber eines gab es noch, wofür es zu kämpfen lohnte – das Volk.

Aber während ich dieses eine letzte Band entdeckte, das mich ans Leben fesselte, und wie ich so in meiner äußersten Not, in den Tiefen der Hoffnungslosigkeit durch das Tal der Schatten wanderte, waren meine Ohren taub für den Ruf König Alkohols. Nichts flüsterte in meinem Innern, daß König Alkohol Vergessen schenke und mit dem Vergessen das Leben. Nur eine Möglichkeit stand vor meinem Geiste – mit dem Revolver mir den Weg in die ewige Finsternis zu bahnen.

Aber die strahlende Vision des ›Volkes‹ rettete mich. Das ›Volk‹ fesselte mich ans Leben. Den Kampf um dieses Ideal mußte ich noch kämpfen, und dieser Kampf lohnte sich. Ich ließ alle Vorsicht beiseite, stürzte mich mit brennendem Eifer ins Gefecht für den Sozialismus und verlachte die Redakteure und Verleger, die mich warnten und die doch die Quellen meines Wohlstandes waren. Als die ›Gemäßigten Radikalen‹ zum Angriff schritten, waren meine Anstrengungen so gewaltig, unvorsichtig und unvernünftig, so ultrarevolutionär, daß ich die sozialistische Bewegung in den Vereinigten Staaten wenigstens um fünf Jahre verzögerte. Aber – vielleicht habe ich sie trotzdem um fünf Minuten beschleunigt.

Dem ›Volk‹ und nicht König Alkohol verdanke ich die Heilung von meiner langen Krankheit. Und als ich zu gesunden begann, vollendete die Liebe einer Frau die Genesung und senkte meinen Pessimismus für lange Zeit in Schlaf, bis – König Alkohol ihn wieder weckte. In dieser Zwischenzeit hielt ich mich weniger streng an die Wahrheit und zog nicht den letzten Schleier beiseite, wenn meine Hand ihn auch berührte. Ich hatte nicht mehr den Wunsch, das nackte Antlitz zu sehen. Und selbst die Erinnerung an das, was ich damals gesehen, löschte ich entschlossen aus.

Nun war ich glücklich. Das Leben lächelte mir, und ich freute mich an kleinen Dingen; die großen wollte ich nicht mehr so ernst nehmen. Ich las wohl noch Bücher, aber nicht mit dem früheren Eifer. Ich lese auch heute noch Bücher, aber ich werde sie nie mehr mit der herrlichen Leidenschaft der Jugend lesen wie damals, als ich der Stimme lauschte, die mich flüsternd zum Ikarusflug in die Sternenwelt der Mysterien lockte.

Das Entscheidende aber ist, daß ich die lange Krankheit, die ja die meisten von uns einmal befällt, überstand, ohne König Alkohols Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Liebe, der Sozialismus, das Volk – die heilbringenden Schöpfungen des menschlichen Geistes waren es, die auch mich heilten und retteten. Wenn je ein Mann kein geborener Alkoholiker war, so glaube ich, dieser Mann gewesen zu sein. Und doch – nun ja, laßt die folgenden Kapitel selbst reden, denn in ihnen wird gezeigt, wie ich den Tribut für meinen ein Vierteljahrhundert langen Verkehr mit dem stets zugänglichen König Alkohol erlegte.

*

Auch nach meiner langen Krankheit trank ich nur bei festlichen Gelegenheiten. Aber unmerklich nahm mein Verlangen nach Alkohol feste Gestalt an und begann zu wachsen. Es war jedoch kein körperlicher Drang. Ich boxte, schwamm, segelte, ritt, lebte ein gesundes Freiluftleben und bestand mit fliegenden Fahnen alle Untersuchungen der Lebensversicherungen. Wenn ich jetzt zurückblicke, ist es mir klar, daß dieser Drang nach Alkohol rein geistigen Ursprungs, ein nervöses Verlangen, ein Drang nach Entspannung war. Wie soll ich es erklären?

Physiologisch, vom Standpunkt des Geschmackes aus, war mir der Alkohol so zuwider wie je, so ekelhaft wie das Bier, das ich mit fünf, oder der saure Rotwein, den ich mit sieben Jahren getrunken hatte. Wenn ich allein war, schrieb oder studierte, spürte ich kein Verlangen. Aber – ich wurde alt oder weise, oder alles beides, oder senil – ich überlasse dem Leser die Wahl. Wenn ich mich in Gesellschaft befand, so hatte ich weniger Freude, weniger Interesse an dem, was gesagt und getan wurde. Scherz und Witz schienen mir wertlos; es war eine Qual für mich, die Albernheiten der Damen, die eingebildeten Redensarten dieser Männlein anhören zu müssen. Leben, Licht und die Freude an menschlicher Gesellschaft schwanden mir dahin.

Ich war zu hoch zu den Sternen geklommen, oder hatte vielleicht zu tief geschlafen. Aber ich war weder überreizt noch überanstrengt. Mein Puls ging ganz normal. Mein Herz war gesund, daß die Versicherungsärzte staunten, und meine Lungen versetzten sie in Ekstase. Ich schrieb hundert Zeilen täglich, turnte froh und freudig und schlief nachts wie ein Kind. Aber –

Aber sobald ich mit andern zusammen war, neigte ich gleich zu Melancholie und inneren Tränen. Ich konnte es nicht scherzhaft nehmen, wenn Dummköpfe großspurig daherredeten, und konnte über blöden Weiberklatsch nicht lachen.

Und dabei war ich kein Pessimist. Ich schwöre, daß ich kein Pessimist war. Ich langweilte mich nur. Ich hatte dasselbe Schauspiel schon zu oft gesehen, hatte zu oft denselben Liedern, denselben Scherzen gelauscht. Ich wußte zu gut Bescheid mit der Billettkasse und hinter den Kulissen; das Spiel auf der Bühne, das Lachen und Singen im Rampenlicht konnte in meinen Ohren nicht mehr das Knarren der Maschinerie übertönen.

Andererseits muß festgestellt werden, daß ich gelegentlich, freilich nur sehr gelegentlich, prächtige Menschen oder Leute traf, die ebenso große Toren waren wie ich, und mit ihnen verbrachte ich manche herrliche Stunde zwischen den Sternen oder im Paradies der Narren. Ich war verheiratet mit solch einem seltenen Wesen, oder einer Närrin, die mich nie langweilte und mir eine Quelle immer neuer Überraschung und nie endenden Entzückens war. Aber gleichwohl: die Gesellschaft erhob gebieterische Forderungen; ich hatte erfolgreiche Bücher geschrieben, und die Gesellschaft verlangt ihren Anteil an den freien Stunden eines Bücherschreibers. Hier rief eine Pflicht, und nichts konnte mich von ihr entbinden.

Und jetzt nähern wir uns dem Kernpunkt der Sache. Wer hilft gesellschaftliche Pflichten ertragen, wenn der Glanz verblaßt ist? König Alkohol. Dieser stets Geduldige hatte ein Vierteljahrhundert und länger gewartet, daß ich die Hand ausstreckte und ihn um Hilfe bäte. Seine tausend Versuche waren fehlgeschlagen dank meiner Konstitution und meinem Glück, aber er hatte noch mehr Pfeile in seinem Köcher. Ein Cocktail, zwei oder noch mehr, erwiesen sich als sehr geeignet, mir die Narretei der Narren erträglich zu machen. Ein Cocktail oder mehrere vor dem Essen befähigten mich, herzlich über die Dinge zu lachen, die längst aufgehört hatten, lachenswert zu sein. Der Cocktail war Stachel, Sporn und Anreiz für meinen übermüdeten Kopf und meine gepeinigten Lebensgeister.

Ohne Cocktail ein trauriger Gesellschafter, wurde ich lebhaft und unterhaltend mit ihm. Mit seiner Hilfe betäubte ich alle Elemente schlechter Laune in mir. Und so unmerklich begann es, daß ich, ein alter Freund König Alkohols, mir nicht träumen ließ, wohin die Fahrt ging. Ich begann, nach Musik und Wein zu rufen; bald sollte ich nach tollerer Musik, nach mehr Wein rufen.

Zu dieser Zeit entdeckte ich, daß ich mit Sehnsucht auf den Cocktail vor dem Essen wartete. Ich verspürte ein Verlangen danach, und ich war mir dieses Verlangens klar bewußt. Ich weiß noch, wie ich mich als Kriegskorrespondent im fernen Osten immer unwiderstehlich in ein gewisses Heim gezogen fühlte. Ich nahm jede Einladung zum Essen an und ließ mich außerdem fast jeden Abend dort sehen. Nun war die Hausfrau zwar eine scharmante Dame, aber ihretwegen war ich doch nicht so oft unter ihrem Dache. Aber sie bereitete den besten Cocktail der ganzen großen Stadt, wo doch das Mixen in der Fremdenkolonie zu einer wahren Kunst entwickelt war. Weder im Klub, noch in den Hotels, noch in irgendeinem andern Privathause gab es solche Getränke. Ihre Cocktails waren herrlich. Sie waren Meisterwerke. Sie waren meinem Gaumen nicht im allergeringsten zuwider und erzeugten den prachtvollsten Rausch. Und doch liebte ich auch ihre Cocktails nur um der Gesellschaft willen, um mich selbst in gesellige Stimmung zu versetzen. Als ich die Stadt verließ und Hunderte von Meilen durch Reisfelder und Berge ritt, und in den Monaten, da ich im Felde war und mit den siegreichen Japanern in die Mandschurei einrückte, trank ich nichts. Mehrere Flaschen Whisky befanden sich stets auf dem Rücken meiner Packpferde. Aber ich brach von selber nie einer Flasche den Hals, trank nie von selber einen Schluck und hatte nie das Verlangen danach. O ja, wenn ein weißer Mann in mein Lager kam, öffnete ich eine Flasche, und wir tranken zusammen, wie es Männern geziemt, wie auch er eine Flasche geöffnet und mit mir getrunken hätte, wenn ich zu ihm gekommen wäre. Ich führte den Whisky aus geselligen Rücksichten bei mir und ließ ihn mir deshalb auch von meiner Zeitung unter Repräsentationskosten vergüten.

Erst jetzt, wenn ich auf diese Zeiten zurückblicke, kann ich sehen, wie das Verlangen unmerklich in mir wuchs. Es gab kleine Andeutungen, die ich nicht verstand, Kleinigkeiten, die ich nicht sah, kleine Geschehnisse, deren Bedeutung ich nicht erfaßte.

So hatte ich zum Beispiel die Gewohnheit, jeden Winter sechs bis acht Wochen auf der Bucht von San Francisco zu kreuzen. Meine wackere Jacht, der ›Gischt‹, hatte eine behagliche Kajüte mit einem Kohlenherd. Ein koreanischer Boy besorgte das Kochen, und ich nahm gewöhnlich einen Freund mit, um die Freuden der Fahrt zu teilen. Auch meine Schreibmaschine nahm ich mit und schrieb meine hundert Zeilen täglich. Auf der Fahrt, von der hier die Rede ist, begleiteten mich zwei Freunde, Cloudesley und Toddy. Toddy war zum erstenmal mit. Cloudesley hatte auf früheren Fahrten nur Bier getrunken; daher hatte ich die Jacht nur mit Bier versorgt, das ich mit ihm trank. Aber diesmal war es anders. Toddy hatte seinen Beinamen nicht umsonst; er besaß eine fabelhafte Geschicklichkeit im Grogmischen. Daher nahm ich Whisky mit – ein paar Gallonen. Ach! ich kaufte noch viele Gallonen, denn Cloudesley und ich verfielen der Gewohnheit, einen gewissen heißen Grog zu trinken, einen Grog, der wirklich begeisternd schmeckte und den herrlichsten Rausch hervorrief. Ich liebte diese Grogs. Ich begann mich auf sie zu freuen. Wir tranken regelmäßig, einen vor dem Frühstück, einen vor dem Mittagessen, einen vor dem Abendbrot, und schließlich noch einen vor dem Schlafengehen. Wir waren nie betrunken. Aber ich kann wohl sagen, daß wir uns einen großen Teil des Tages in gehobener Stimmung befanden. Und als Toddy, mitten auf der Fahrt, geschäftlich nach San Francisco zurückgerufen wurde, sorgten Cloudesley und ich dafür, daß der koreanische Boy die Grogs regelmäßig nach Toddys Rezept mischte. Das war an Bord. Wieder daheim, nahm ich keinen Appetitanreger vor dem Frühstück, keinen Schlummergrog vor dem Schlafengehen mehr. Und ich habe seither keinen Grog mehr getrunken, obwohl seitdem schon manches Jahr verging. Aber die Hauptsache ist, daß ich eben diese Grogs liebte. Die Anregung, die sie brachten, war herrlich. Sie waren auf ihre bescheidene, stille Art und Weise wahrlich beredte Agitatoren für König Alkohol. Sie waren die Anfänge von einem gewissen Etwas, das zu tödlichem und täglichem Verlangen wachsen sollte. Und ich wußte nichts davon, ließ mir nichts davon träumen – ich, der ich so viele Jahre mit König Alkohol zusammengelebt und seine vergeblichen Versuche, mich zu gewinnen, verlacht hatte.

*

Als ich mich von meiner langen Krankheit zu erholen begann, war ich der Stadt überdrüssig geworden. Auf meinem Gut, im Mondtal, fand ich mein Paradies. Alles, was die Stadt mir noch bieten konnte, war Musik, Theater und türkisches Bad. Eine Zeit des Glückes brach an. Ich arbeitete schwer und trieb viel Sport; las mehr zu meiner Unterhaltung als aus Bildungsgründen und studierte nicht ein Zehntel von dem, was ich früher studiert hatte. An die fundamentalen Probleme des Lebens rührte ich nur mit Vorsicht, denn ich hatte mir seinerzeit die Finger verbrannt. Eine gewisse Heuchelei und Unaufrichtigkeit zog in mein Wesen ein – ich kann es nicht leugnen, aber sie sind dem Menschen zum Leben nötig. Ich wiederhole es: ich war sehr glücklich. Und ich füge hinzu, daß mir, wenn ich mein ganzes Leben klar überblicke, diese Zeit als die glücklichste erscheint.

Aber die Zeit näherte sich – soweit ich sehen kann, ohne irgendwelchen wahrnehmbaren Grund –, die zur Buße für meinen langjährigen Umgang mit König Alkohol bestimmt war.

Ich erinnere mich, wie Charmian und ich eines Tages einen weiten Ritt über die Berge machten. Die Dienstboten hatten für diesen Tag Urlaub erhalten, und wir kehrten erst spät am Abend zu einem gemütlichen Abendbrot heim. Oh, schönes Leben, wie wir so in der Küche standen und das Abendbrot zubereiteten. Ich befand mich in glänzender körperlicher Verfassung und spürte eine gesunde Müdigkeit nach dem langen Ritt. Es war ein herrlicher Tag gewesen, und der Abend war ebenso herrlich. Mit der Frau, die ich liebte, und die meine Gattin war, befand ich mich hier in wundersamer Einsamkeit. Ich hatte keine Sorgen. Alle Rechnungen waren bezahlt, und das Geld strömte mir zu. Die Zukunft lag weit offen vor mir. Und hier, in der Küche, brodelten leckere Gerichte über dem Feuer, unser Lachen tönte, und mein Magen spürte einen prachtvollen Hunger.

Ich befand mich so wohl, daß irgendwie, irgendwo in mir ein unstillbarer Drang erstand, mich noch besser zu fühlen. Ich war so glücklich, daß ich mein Glück noch zu erhöhen wünschte. Und ich wußte, wie! Zehntausendfache Berührung mit König Alkohol hatte es mich gelehrt. Mehrmals machte ich den Gang von der Küche zur Cocktailflasche, und jedesmal verminderte sich der Inhalt der Flasche um einen ausgewachsenen Cocktail. Das Ergebnis war prachtvoll. Ich war nicht berauscht, nicht einmal angeheitert; aber ich war warm geworden, ich glühte, und mein Glück war unermeßlich. So herrlich das Leben auch schon vorher war, ich hatte es noch herrlicher gemacht. Es war eine große Stunde – eine meiner größten. Aber ich mußte dafür bezahlen, viel später, wie man sehen wird. Man vergißt solche Erfahrungen nicht, wohl aber vergißt die menschliche Torheit, daß es kein Gesetz gibt, nach dem die gleiche Ursache stets die gleichen Folgen haben muß. Gäbe es ein solches Gesetz, so würde die tausendste Opiumpfeife dasselbe Entzücken hervorrufen wie die erste; so würde ein einziger Cocktail selbst nach jahrelanger Gewohnheit immer noch dieselbe Glut entfachen, statt daß allmählich immer mehr dazu gehören.

Eines Tages nahm ich einen Cocktail vor dem Essen, nachdem ich meine Morgenarbeit beendet hatte, ohne daß ein Gast da war. Und jetzt hielt König Alkohol mich an der Kehle. Ich hatte damit begonnen, regelmäßig zu trinken, allein zu trinken, nicht um der Geselligkeit willen, nicht aus Geschmack an der Sache, sondern der Wirkung wegen. Ich brauchte diesen täglichen Cocktail vor Tisch. Und es kam mir nie in den Sinn, daß ich ihn aus irgendeinem Grunde nicht trinken sollte. Was war ein Cocktail – ein einziger Cocktail – für mich, der bei so vielen Gelegenheiten vor so vielen Jahren unbeschränkte Mengen viel stärkerer Getränke getrunken hatte, ohne Schaden zu nehmen?

Das Programm meines Landlebens war folgendermaßen: Jeden Morgen um halb neun ging ich an die Arbeit, nachdem ich schon seit vier oder fünf Uhr im Bett Bücher oder Korrektur gelesen hatte. Kleinigkeiten, wie Korrespondenz und Notizen, beschäftigten mich bis neun, und unveränderlich Punkt neun saß ich am Schreibtisch. Um elf, zuweilen einige Minuten früher oder später, waren meine hundert Zeilen fertig. Eine halbe Stunde nahm das Aufräumen meines Schreibtisches in Anspruch, und dann war mein Tagewerk vollbracht, so daß ich mich um halb zwölf mit der Post und den Morgenzeitungen in eine Hängematte unter den Bäumen legte. Um halb eins aß ich Mittag, und nachmittags schwamm oder ritt ich. Eines Morgens nahm ich schon um halb zwölf, ehe ich mich in die Hängematte legte, einen Cocktail; und von nun an wiederholte ich das jeden Morgen; außerdem trank ich noch einen Cocktail eben vor dem Mittagessen. Bald verspürte ich mitten in den hundert Zeilen bereits Sehnsucht nach dem Halbzwölfuhr-Whisky.

Ja, ich spürte ein Verlangen nach Alkohol. Aber was schadete das? Ich fürchtete ihn nicht; zu lange war ich sein Genosse gewesen. Ich hatte die Weisheit des Trinkens erfaßt. Ich war vorsichtig. Alles, was ich wünschte und was ich tun wollte, war, mich zu erwärmen und anzuregen, damit das Lachen in meine Kehle kam und die Würmer der Einbildungskraft in meinem Hirn zu kriechen begannen.

Oh, ich war noch Herr über mich und über König Alkohol!

*

Nun nahm das Verhängnis seinen Lauf. Nach und nach merkte ich, daß ein einzelner Cocktail nicht mehr genügte, mich in Stimmung zu bringen. Er schenkte weder Glut noch Lachen. Um die Wirkung hervorzurufen, die ursprünglich ein Cocktail getan hatte, bedurfte es jetzt zweier oder dreier. Und ich brauchte diese Wirkung. Ich trank meinen ersten Cocktail um halb zwölf, wenn ich mich mit der Morgenpost in die Hängematte legte, und meinen zweiten eine Stunde später, unmittelbar vor dem Essen. Ich gewöhnte mir an, zehn Minuten früher aus der Hängematte zu klettern, um mit mehr Anstand statt des einen zwei Cocktails vor dem Essen zu trinken. Das wurde die Regel – drei Cocktails in der Stunde zwischen der Arbeit und dem Mittagessen. Und das sind zwei der gefährlichsten Gewohnheiten, die ein Trinker annehmen kann: regelmäßig und allein trinken.

Besuchte mich jemand, so war ich stets bereit, ein Glas mit ihm zu trinken. Kam keiner, so trank ich allein. Dann ging ich noch einen Schritt weiter. Besuchte mich jemand, der wenig trank, so trank ich zwei Glas für jedes, das er nahm – eines mit ihm, das andere ohne ihn, und ohne daß er etwas davon merkte. Ich stahl mir das eine Glas, und, schlimmer als das, ich gewöhnte mir an, heimlich zu trinken, wenn ich einen Gast, einen Mann, einen Kameraden hatte, mit dem ich hätte trinken können. Aber König Alkohol ersann sich eine Entschuldigung für mich: es ginge nicht an, einen Gast zu übertriebenem Mittrinken anzuregen; vornehme Rücksichtnahme gebot dem Gastgeber, jedes zweite Glas im geheimen zu trinken.

So entwickelte ich mich zum Trinker, ich – der ich weder ein Dummkopf noch ein Schwächling bin, vielmehr, nach dem Urteil der Welt, ein erfolgreicher Mann, und ein Mann, der den Erfolg nicht zum wenigsten seiner Willenskraft und seinem kräftigen Körper verdankt, der durchhielt, wo Schwächere wie die Fliegen starben. Und doch ging es mir und meinem Körper so – wie ich berichten werde.

Groß ist die Macht König Alkohols, dieses wilden Tieres, dem wir gestatten, frei umherzuschweifen, und dem wir tödlichen Tribut entrichten vom Besten, was wir haben: Jugend, Kraft und Edelmut.

Nach einem prachtvollen Nachmittag im Schwimmbassin, gefolgt von einem herrlichen Ritt über die Berge und durch das Mondtal, war mir so wohl zu Mute, daß mich die Lust anwandelte, mein Wohlbefinden noch zu steigern. Ich wußte, wie. Ein Cocktail vor dem Abendbrot hatte keinen Zweck, ich brauchte wenigstens zwei oder drei. Und ich trank sie. Warum nicht? Das hieß leben! Ich hatte immer das Leben geliebt. So wurde mir auch das zur Regel.

Von jetzt an fand ich für Extra-Cocktails immer Entschuldigungen; es gab ja so viele: vergnügte Gesellschaft; oder ein Wutanfall; oder der Tod meines Lieblingspferdes, das im Stacheldrahtverhau hängen geblieben war; oder gute Nachrichten von Verlegern und Redakteuren – ganz einerlei, den Vorwand fand ich, wenn der Wunsch erst in mir erwacht war. Nach all den Jahren, in denen ich mit ihm gespielt, war ich jetzt vom Alkohol abhängig. Und meine Stärke war meine Schwäche geworden. Ich brauchte zwei, drei oder vier Glas, um eine Wirkung zu erzielen, die die meisten mit einem einzigen erreichten.

Eine Regel beobachtete ich allerdings mit Strenge. Ich trank nie, ehe mein Tagewerk von hundert Zeilen getan war. Und wenn es getan war, errichteten die Cocktails gewissermaßen eine Mauer in meinem Hirn zwischen der getanen Arbeit und dem kommenden Vergnügen. Die Arbeit verschwand aus meinem Bewußtsein. Nicht ein Gedanke daran verblieb in meinem Hirn bis zum nächsten Morgen um neun, wenn ich wieder an meinem Schreibtisch saß und meine hundert Zeilen begann. Welch ein angenehmer Zustand! Ich sparte mit Hilfe des Alkohols meine Energie auf. König Alkohol war doch nicht so schwarz, wie er gemalt wurde! Er leistete seinen Anhängern manchen Dienst, und dies war nicht der kleinste.

Und dennoch ist die Frage noch ungelöst, die ich mir selbst tausendmal stellte: Warum trank ich eigentlich? Was zwang mich denn dazu? Ich war glücklich. War ich zu glücklich? Ich war stark. War ich zu stark? Besaß ich zuviel Lebenskraft? Ich weiß nicht, warum ich trank. Ich kann nicht antworten, wenn ich auch einen Verdacht aussprechen kann, der immer stärker in mir wurde: Ich hatte jahrelang in zu enger Verbindung mit König Alkohol gestanden. Ein Linkshänder kann durch lange Gewohnheit zum Rechtshänder werden. War ich, der Antialkoholiker, durch lange Gewohnheit zum Alkoholiker geworden?

Ich war so glücklich. Durch meine lange Krankheit hatte ich die mich ganz erfüllende Liebe eines Weibes errungen. Ich verdiente immer mehr Geld mit immer geringerer Mühe. Ich strotzte von Gesundheit. Ich schlief wie ein Kind. Ich schrieb immer neue erfolgreiche Bücher, und in soziologischen Fragen sah ich, wie meine Gegner durch die Entwicklung besiegt wurden, die meinen Standpunkt täglich mehr festigte. Ein Tag nach dem andern verging ohne Sorgen, ohne Störungen, ohne Verdruß. Ich war immer glücklich. Das Leben war ein unendliches Lied. Ich war eifersüchtig auf die Stunden, die ich verschlief, weil sie mir so viel von der Freude des Wachseins raubten. Und doch trank ich. Und ohne daß ich es ahnte, pflanzte König Alkohol den Keim für eine Krankheit, die ich nur ihm verdankte.

Je mehr ich trank, desto mehr mußte ich trinken, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Wenn ich das Mondtal verließ, in die Stadt fuhr und dort Mittag aß, war der eine Cocktail, der bei Tische serviert wurde, ganz zwecklos. Er versetzte mich nicht in die rechte Stimmung. Wenn ich daher zum Essen ging, war ich, um mich in Stimmung zu bringen, gezwungen, zwei, drei und, wenn ich Bekannte traf, vier, fünf oder sechs Cocktails zu nehmen; auf ein paar mehr oder weniger kam es nicht an. Einmal hatte ich große Eile. Ich hatte keine Zeit, vorsichtig einen Cocktail nach dem andern zu trinken. Da hatte ich einen großartigen Einfall. Ich ließ mir von dem Barkeeper einen doppelten Cocktail mischen. Dadurch sparte ich Zeit. Eine Folge dieses regelmäßigen starken Trinkens war, daß ich abstumpfte. Mein Kopf gewöhnte sich daran, nur unter dem Einfluß künstlicher Mittel zu arbeiten. Der Alkohol wurde mir immer unentbehrlicher, ich konnte seinen Anreiz, seine Ermunterung, seine Glut, seinen Stachel, sein Lächeln nicht mehr missen.

Eine andere Folge war, daß König Alkohol begann, mir Fallen zu stellen. Er erzeugte einen neuen Anfall meiner langen Krankheit, verleitete mich wieder, die Wahrheit zu verfolgen und ihr den Schleier abzureißen, verlockte mich, der Wirklichkeit gerade ins Angesicht zu sehen. Aber das kam ganz allmählich. Meine Gedanken wurden wieder bitter, wenn es auch langsam geschah.

Hin und wieder kreuzte ein warnender Gedanke meinen Sinn. Wo führte dies beständige Trinken hin? Aber versucht es, König Alkohol solche Fragen zu stellen! »Komm, trink eins, und ich erzähle dir alles«, sagt er. Und er behält recht. Ein Beispiel: Ich hatte einen Unfall erlitten, der eine schwierige Operation nötig machte. Eine Woche später lag ich eines Morgens müde und matt in meinem Krankenhausbett. Mein sonnenverbranntes Gesicht war gebleicht, auf meinen Wangen starrte ein struppiger Bart. Der Arzt stand neben mir, im Begriff, sich zu entfernen. Er sah mißbilligend auf die Zigarette, die ich rauchte.

»Das sollten Sie lieber lassen«, belehrte er mich. »Es bringt Sie zuletzt um. Sehen Sie mich mal an.« Ich sah ihn an. Er war ungefähr in meinem Alter, mit breiten Schultern, gewölbter Brust, funkelnden Augen, rotwangig vor Gesundheit. Einen prächtigeren Mann konnte man sich nicht vorstellen.

»Ich rauchte früher«, fuhr er fort, »Zigarren. Aber ich hab' es ganz aufgegeben. Und nun sehen Sie mich an.«

Der Mann war selbstbewußt, und mit Recht, wie er, strahlend von Wohlwollen und gutem Gewissen, dastand. Und ehe ein Monat verstrichen, war er tot. Nicht infolge eines Unfalls. Ein halbes Dutzend verschiedener Bazillen mit langen wissenschaftlichen Namen hatte ihn angegriffen und untergekriegt. Die Komplikationen waren erstaunlich und äußerst schmerzhaft, und tagelang hörte man weithin seine Todesschreie.

»Da siehst du«, flüsterte König Alkohol. »Er nahm sich in acht. Er rauchte nicht einmal. Und was hatte er davon? Durch und durch faul! Keine Vorsicht hat genützt, gegen den Tod ist nun mal kein Kraut gewachsen. Willst du entbehren? Es hilft dir nichts. Es gibt keine Gerechtigkeit! Ich aber lege das Lächeln der Lüge über die Fratze des Lebens. Lächele und lache mit mir! Auch du mußt einmal sterben, aber jetzt lache! Es ist eine verdammt schwarze Welt. Ich erhelle sie dir. Trink noch eins und vergiß!«

Und so trank ich noch eins. Jedesmal, wenn König Alkohol mich an das Geschehene erinnerte, trank ich noch eins. Aber ich trank vernünftig, nur vom Allerbesten. Ich suchte lediglich den Anreiz und ›die Mauer‹ und mied die schlimmen Folgen schlechter Getränke. Ja, ein Mann, der anfängt, vernünftig zu trinken, ist schon weit auf dem Wege!

Ich blieb indessen bei meiner Regel, nie etwas zu trinken, ehe ich meine hundert Zeilen geschrieben hatte.

Hin und wieder leistete ich mir jedoch einen Tag Ferien. Dann nahm ich es nicht so genau mit dem ersten Glase, denn ich übertrat die Regel ja nicht. Wer nie selbst zu trinken versucht hat, kann nicht begreifen, wie König Alkohol einen immer tiefer in seine Netze ziehen kann!

*

Als die ›Snark‹ ihre lange Fahrt in San Francisco antrat, war nichts Trinkbares an Bord. Oder vielmehr, wir hatten keine Ahnung, daß es etwas Trinkbares gab, und entdeckten es erst nach Monaten. Es war ein boshafter Einfall von mir gewesen, mit einem ›trockenen‹ Schiff zu fahren. Ich hatte König Alkohol einen Streich gespielt. Und hieraus ersieht man, daß ich den Warnungen doch lauschte, die, wenn auch noch so leise, in meinem Innern laut wurden.

Wir brauchten siebenundzwanzig Tage für die Überfahrt von San Francisco nach Honolulu. Vom ersten Tage an machte mir der Gedanke an Trinken keine Unruhe mehr. Zuweilen freilich konnte es, wenn ich Ausschau hielt, geschehen, daß ich mit Freude an die herrlichen ›Lanai‹-Frühstücke und Mittagessen von Hawai (ich war früher schon einmal dort gewesen) und dabei natürlich auch an die Getränke dachte, die diese Mahlzeiten einleiten. Ich dachte an diese Dinge nicht etwa mit Sehnsucht oder Ungeduld. Ich gedachte ihrer nur als einer hübschen und angenehmen Beigabe jener Mahlzeiten, deren Stimmung sie mir oft erhöht hatten. Gegen fünf Monate verbrachten wir auf den verschiedenen Inseln der Hawai-Gruppe. Wenn ich an Land war, trank ich. Ich trank sogar ein klein wenig mehr, als es meine Gewohnheit in Kalifornien vor der Reise gewesen war. Aber man trinkt in Hawai eben allgemein mehr als in gemäßigteren Breiten. Nun ist Hawai nur subtropisch, und je tiefer wir in die Tropen kamen, desto mehr wurde getrunken, und desto mehr trank ich selber.

Von Hawai fuhren wir nach den Marquesas. Die Überfahrt dauerte sechzig Tage. Sechzig Tage lang sahen wir weder Land noch ein Segel, noch den Rauch eines Dampfers. Aber gleich zu Beginn dieser sechzig Tage machte der Koch bei Überholung der Kombüse einen Fund. Auf dem Grunde eines tiefen Kastens fand er ein Dutzend Flaschen Angelika und Muskateller. Sie waren vom Gutskeller mit eingemachten Marmeladen und Früchten an Bord gebracht worden. Die sechs Monate in der Hitze der Kombüse hatten eine Art Veränderung bei dem dicken süßen Wein bewirkt – ihn gebrannt, glaube ich.

Ich schmecke. Prachtvoll! Und von jetzt an trank ich jeden Tag um zwölf Uhr, wenn wir die Beobachtungen gemacht und die Lage der ›Snark‹ bestimmt hatten, ein halbes Glas. Es hatte eine seltsame Wirkung. Es erwärmte mich bis ans Herz und erhöhte noch den wunderbaren Schimmer des Meeres. Und wenn ich morgens meine hundert Zeilen schrieb, freute ich mich stets schon auf das Zwölfuhr-Ereignis des Tages.

Das Dumme war, daß ich rationieren mußte, denn niemand wußte, wie lange die Fahrt dauern würde, und es waren nicht mehr als ein Dutzend Flaschen. Und als sie leer waren, ärgerte ich mich, daß ich andern etwas davon abgegeben hatte. Ich schmachtete nach Alkohol und hatte große Eile, nach den Marquesas zu kommen.

So kam ich denn mit einem tüchtigen Männerdurst auf den Marquesas an. Und auf den Marquesas gab es verschiedene Weiße, ein Häufchen schwächlicher Eingeborener, viel prachtvolle Szenerie, eine Menge Rum, ungeheure Quantitäten Absinth, aber weder Whisky noch Genever. Der Rum verbrannte einem den Mund. Ich weiß es, denn ich versuchte ihn. Aber ich war stets anpassungsfähig, und so hielt ich mich an den Absinth. Das Unangenehme war, daß ich so riesige Mengen davon trinken mußte, um überhaupt auch nur die leiseste Wirkung zu verspüren. Von den Marquesas fuhren wir mit hinreichendem Ballast an Absinth nach Tahiti, wo ich mich mit schottischem und amerikanischem Whisky versorgte, und von da an gab es keine trockenen Strecken mehr zwischen den verschiedenen Häfen. Aber ich bitte zu beachten: Was man gewöhnlich unter Trunkenheit versteht, gab es nicht – kein Torkeln und Fallen, keine Umnachtung der Sinne. Der erfahrene, kluge Trinker mit einer starken Konstitution wird nie so weit sinken. Er trinkt, um sich wohlzufühlen, um ›in Stimmung‹ zu kommen. Er nimmt sich sorgfältig in acht vor dem Übelbefinden, den schlimmen Folgen, der Hilflosigkeit und der Erniedrigung des Zuvieltrinkens.

Was der kluge, erfahrene Trinker bezweckt, ist ein diskreter, angenehmer Halbrausch. Und den hat er zwölf Monate im Jahr, scheinbar, ohne dafür büßen zu müssen. Es gibt heute Hunderttausende von Männern dieser Art in den Vereinigten Staaten, in Klubs, Hotels und in ihrem Heim – Männer, die nie betrunken und, wenn sie es auch entrüstet leugnen werden, selten nüchtern sind. Und sie alle glauben, wie ich es tat, daß sie Herren über das Verlangen sind.

Auf See war ich enthaltsamer, aber an Land trank ich mehr. In den Tropen schien der Reiz stets größer. Das ist eine alte Erfahrung, denn der übertriebene Alkoholverbrauch der Weißen in den Tropen ist eine unumstößliche Tatsache. Die Tropen sind kein Aufenthalt für weißhäutige Menschen. Ihr Hautpigment schützt sie nicht vor dem überstarken weißen Licht der Sonne. Die ultravioletten und andere unsichtbare Strahlen von hoher Geschwindigkeit vom oberen Ende des Spektrums reißen und zerren an ihren Geweben, gerade wie die X-Strahlen an den Geweben mancher Wissenschaftler rissen und zerrten, ehe sie die Gefahr kennenlernten.

Die Natur der Weißen unterliegt in den Tropen einer durchgreifenden Veränderung. Sie werden roh und unbarmherzig. Sie begehen scheußliche Grausamkeiten, die sie sich in dem gemäßigten Klima ihrer Heimat nicht träumen lassen würden. Sie werden nervös, reizbar, unmoralisch. Und sie trinken! Trinken ist eine der vielen Degenerationsformen, die eintreten, wenn Weiße zu lange dem überstarken weißen Licht ausgesetzt sind.

Auch mich packte die Sonnenkrankheit. Ich trank viel, aber das Trinken war weder die Ursache der Krankheit noch der Grund, daß ich die Reise aufgab. Ich war stark wie ein Bulle, und monatelang kämpfte ich gegen die Sonnenkrankheit an, die an meiner Haut und an meinen Nerven zerrte und riß. Während der ganzen Fahrt über die Neuen Hebriden, die Salomoninseln und die vielen Atolle unterm Äquator, unter tropischer Sonne, von Malaria zerrüttet, und außerdem unter der Geißel verschiedener anderer Übel arbeitete ich für fünf. Im Fahrzeug durch die Riffe, Bänke, Rinnen und an den feuerlosen Küsten des Korallenmeeres vorbeizusteuern, erfordert an sich schon einen ganzen Mann. Ich war der einzige ausgebildete Seemann an Bord. Kein anderer konnte Beobachtungen machen, mit keinem konnte ich mich beraten auf der schwierigen Irrfahrt zwischen Riffen und Bänken, die auf keiner Karte verzeichnet waren. Ich hielt jede Wache. Ich war Steuermann und Kapitän in einer Person und obendrein Schiffsarzt. Und ich muß schon sagen: Doktor auf der ›Snark‹ zu sein, erforderte damals eine volle Kraft. Die ganze Besatzung litt an Malaria – der richtigen, tropischen Malaria, die einen Mann in drei Monaten umbringen kann. Alles an Bord litt an eitrigen Geschwüren und dem wahnsinnigen Jucken der Ngari-Ngari. Ein japanischer Koch wurde irrsinnig. Einer meiner polynesischen Matrosen lag auf den Tod mit Schwarzwasserfieber. O ja, das erforderte einen ganzen Mann, und ich verschrieb und dokterte, zog Zähne und brachte meine Patienten über milde Kleinigkeiten, wie Ptomainvergiftung, hinweg. Aber ich war auch noch Schriftsteller. Ich schwitzte meine hundert Zeilen täglich aus; Tag für Tag, außer wenn ich morgens vom Fieber, oder die ›Snark‹ von schweren Sturzseen überfallen wurde. Und schließlich war ich Herr und Eigentümer des Fahrzeugs, das fremde Orte besuchte, wo Besucher selten sind, und wo man viel mit ihnen hermacht. Ich hatte daher gesellige Pflichten, mußte Gäste an Bord empfangen und an Land Besuche abstatten bei Pflanzern, Händlern, Gouverneuren, Kriegsschiffskapitänen, streitbaren Kannibalenkönigen und ihren nackten Premierministern.

Natürlich trank ich. Ich trank mit meinen Gästen und meinen Wirten. Und ich trank auch allein. Die von mir allein verrichtete Fünfmännerarbeit gab mir meiner Meinung nach das Recht hierzu. Alkohol war gut für einen Mann, der sich überanstrengte. Ich merkte seine Wirkung an meiner kleinen Besatzung, wenn sie den Anker aus vierzig Faden Tiefe heißte und sich fast den Rücken dabei zerbrach und das Herz sprengte, nach einer halben Stunde, zitternd und nach Luft schnappend, einhalten mußte, aber mittels etwas steifen Grogs wieder zu Kräften kam. Dann atmeten die Leute wieder ruhig, wischten sich den Mund und packten wieder zu. Und als wir die ›Snark‹ einmal kielholten und, vom Fieber geschüttelt, bis an den Hals im Wasser arbeiten mußten, sah ich wieder, wie der starke Rum die Arbeit förderte.

Und hier lernen wir also wieder eine neue Seite des so vielseitigen Königs Alkohol kennen. Scheinbar gibt er etwas für nichts. Wo alle Kraft verbraucht ist, schenkt er neue Kraft. Der Müde erhebt sich zu neuer Anstrengung. Für einen Augenblick vermehrt er unzweifelhaft die Arbeitsfähigkeit. Einmal schleppten wir acht Tage hintereinander auf einem Ozeandampfer Kohlen – es war die Hölle. Damals bekamen wir Gratiswhisky, um unsere Arbeit tun zu können. Wir arbeiteten die ganze Zeit in halber Betrunkenheit. Und ohne den Whisky hätten wir die Kohlen unmöglich schleppen können. Und diese Kraft ist nicht eingebildet. Es ist wirkliche Kraft. Aber sie wird aus geheimen Quellen geschöpft, und zuletzt muß man dafür bezahlen, und das mit Zinsen. Aber welcher müde Mensch wird so weit vorausschauen? Er nimmt die scheinbar wundersame Kraftvermehrung hin und schätzt sie nach ihrem augenblicklichen Wert. Und mancher überlastete Geschäftsmann, Wissenschaftler und Arbeiter ist die Todesstraße König Alkohols aus diesem Irrtum gezogen.

*

In Australien angekommen, mußte ich ins Krankenhaus. Während der langen Wochen, die ich dort lag, entbehrte ich den Alkohol nicht einen einzigen Tag. Ich war so vollkommen Herr über König Alkohol, daß ich es überall mit ihm aufnehmen und ihn, wenn es mir beliebte, zur Tür hinausjagen konnte, so wie ich es mein ganzes Leben lang getan.

Als ich dann wieder auf die Beine kam, war meine Haut silbern wie Naamanns. Die mysteriöse Sonnenkrankheit, aus der die Ärzte nicht klug werden konnten, riß und zerrte an meinen Nerven. Die Malaria nagte noch an mir, warf mich in Delirien zu Boden und zwang mich, eine beabsichtigte Vortragsreise aufzugeben.

So gab ich denn die Weiterreise mit der ›Snark‹ auf und flüchtete in ein kühleres Klima. Und sofort fing ich mein früheres Trinken als etwas ganz Selbstverständliches wieder an. Ich trank Wein zu den Mahlzeiten. Ich trank Cocktails vor den Mahlzeiten. Ich trank Whisky, wenn sich dazu Gelegenheit bot. Als ich aber schließlich nach dem südlichen Teil von Tasmanien unter dem dreiundvierzigsten Breitengrad kam, befand ich mich an einem Ort, wo es nichts zu trinken gab. Und wiederum entbehrte ich es nicht. Ich sog begierig die kühle Luft und ritt und schrieb meine hundert Zeilen täglich, wenn ich des Morgens nicht vom Fieber geplagt war. Da man meinen könnte, das starke Trinken der vergangenen Jahre sei schuld an meiner Krankheit gewesen, so weise ich darauf hin, daß mein japanischer Kajütenjunge, Nakata, auch vom Fieber zerrüttet war, daß ferner Charmian sich von ihrer schweren Tropen-Neurasthenie erst nach langjährigem Aufenthalt in gemäßigtem Klima erholte, und daß weder sie noch Nakata trank oder je getrunken hatte.

Nach Hobart Town zurückgekehrt, trank ich natürlich wieder wie früher. Ebenso später in Australien. Als ich dagegen Australien auf einem Frachtdampfer verließ, dessen Kapitän Abstinenzler war, trank ich auf der dreiundvierzig Tage langen Reise nicht einen Tropfen. In Ecuador jedoch, wo die Menschen gerade unter der Sonne des Äquators an gelbem Fieber, an Pocken und Pest starben, trank ich sofort wieder – jedes Getränk, gleich welcher Art. Ich bekam keine dieser Krankheiten, allerdings Charmian und Nakata, die nicht tranken, auch nicht.

Trotz ihrer feindlichen Wirkung auf meine Gesundheit liebte ich die Tropen und machte daher mehrmals Aufenthalt, ehe ich schließlich nach dem herrlichen, milden Klima Kaliforniens zurückkehrte. Ich schrieb meine hundert Zeilen täglich, überwand meinen letzten schwachen Fieberanfall, sah meine Silberhaut schwinden, genas von der Sonnenkrankheit und trank, wie ein breitschultriger, kräftiger Mann nun einmal trinkt.

*

Daheim auf meinem Gute im Mondtal nahm ich das alte Programm wieder auf: morgens nichts; erstes Glas nach den hundert Zeilen. Aber zwischen ihm und dem Mittagessen war Zeit genug für so viele Gläser. Kein Mensch sah mich je betrunken, aus dem einfachen Grunde, weil ich es nie war. Aber einen kleinen Schwips hatte ich zweimal täglich; und die Alkoholmenge, die ich täglich genoß, hätte genügt, einen Mann, der des Trinkens nicht gewohnt war, umzubringen.

Es war die alte Geschichte. Je mehr ich trank, desto mehr mußte ich trinken, um eine Wirkung zu erzielen. Es kam die Zeit, da Cocktails nicht mehr genügten. Um so viele zu trinken, wie ich gebraucht hätte, hatte ich weder Zeit noch Platz in mir. Whisky wirkte bedeutend stärker und schneller trotz der geringeren Menge. So trank ich denn vor dem Mittagessen Whisky oder sorgsam abgelagerte Liköre, nachmittags dagegen Whisky und Soda.

Mein Schlaf, der früher so ausgezeichnet gewesen war, wurde jetzt etwas schlechter. Ich war gewohnt, mich in Schlaf zu lesen, aber jetzt begann dies Mittel fehlzuschlagen. Ich las bis zwei und drei Uhr morgens und merkte, daß ich so wach wie nur je war. Da fand ich heraus, daß ein Glas die gewünschte einschläfernde Wirkung tat; manchmal waren jedoch auch zwei oder drei Glas nötig.

Das verkürzte jedoch meinen Schlaf derart, daß der Alkohol, den ich nachts zu mir nahm, keine Zeit mehr hatte, zu verdunsten. Die Folge war, daß ich mit trockenem Mund und brennender Kehle, schwerem Kopf und einem leichten nervösen Zittern erwachte. Ich fühlte mich tatsächlich nicht zum besten. Ich litt an der Morgenkrankheit des schweren Gewohnheitstrinkers. Um mich auf die Beine zu bringen, bedurfte ich eines Nervenstärkers. Glaubt mir, König Alkohol hat schon den Widerstand manches Mannes gebrochen! Ich mußte also schon vor dem Frühstück ein Glas trinken – das alte Mittel: Schlangengift gegen den Schlangenbiß!

So war ich denn schließlich so weit, daß mein Organismus nie mehr frei von Alkohol war. Ich wagte mich auch nie weit fort vom Alkohol. Wenn ich nach entlegenen Orten reiste, nahm ich immer einige Flaschen mit, um nicht zu riskieren, daß ich ganz trockengelegt wurde. Früher hatte ich mich stets über derartige Maßnahmen bei andern Männern geärgert. Jetzt tat ich es selbst ganz schamlos. Und wenn ich mit meinen Kameraden zusammen war, kannte ich überhaupt kein Maß mehr. Ich trank, wenn sie tranken, was sie tranken und wie sie tranken.

Wohin ich auch kam, ich brachte einen herrlichen Alkoholbrand mit. Er nährte sich an seiner eigenen Hitze und flammte desto heller. Wenn ich wach war, gab es keinen Augenblick, da ich nicht das Verlangen hatte, etwas zu trinken. Bald wartete ich nicht mehr ab, bis ich meine hundert Zeilen geschrieben hatte, sondern trank schon nach fünfzig Zeilen ein Glas. Es dauerte nicht lange, und ich leitete die hundert Zeilen schon mit einem Glase ein. Ich war mir ganz klar über den Ernst der Lage. Ich schuf mir daher neue Regeln. Entschlossen wollte ich mich des Alkohols enthalten, bis meine Arbeit getan war. Aber da stellte sich ein neues, ganz teuflisches Hindernis ein. Die Arbeit ließ sich nicht ohne Trinken tun. Es ging einfach nicht. Erst mußte ich trinken. Jetzt begann ich den Kampf. Jetzt hatte das Verlangen sich zum Herrn über mich gemacht. Ich konnte an meinem Schreibtisch sitzen und mit dem Federhalter spielen, ohne daß mir ein Wort einfiel. Mein Hirn konnte keinen Gedanken mehr fassen, weil es unaufhörlich nur von dem einen besessen war: daß im Likörschrank nebenan König Alkohol wartete. Wenn ich dann schließlich in der Verzweiflung ein Glas trank, wurde es plötzlich hell in meinem Hirn, und die hundert Zeilen flossen mir in die Feder.

Als der Vorrat in meinem Hause in Oakland auf die Neige ging, beschloß ich, ihn nicht zu erneuern. Aber unglücklicherweise fand sich auf dem Boden des Schrankes noch ein Kasten Bier. Und nun mußte ich immer daran denken, daß im Schrank dieser Kasten Bier stand. Und erst als ich eine Flasche getrunken hatte, flossen mir die Worte in die Feder, und die hundert Zeilen wurden von dem Klange zahlreicher Flaschen begleitet.

Bald war der Schrank ganz leer, und ich füllte ihn nicht wieder. Mit wahrhaft heroischer Anstrengung glückte es mir, meine hundert Zeilen täglich ohne den Ansporn König Alkohols zu schreiben. Aber während ich schrieb, spürte ich andauernd das Verlangen nach einem Glase. Und nach getaner Morgenarbeit war ich auch schon aus dem Hause und unterwegs nach der Stadt, um mein erstes Glas zu bekommen.

Solch eine Macht hatte König Alkohol über mich gewonnen; was aber mag erst der wahre Alkoholiker auszustehen haben, der gegen rein körperlichen Zwang ankämpfen muß, der keiner Sympathie begegnet und überall von Hohn und Spott verfolgt wird?

* * *

 

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