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König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
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Während meiner Wanderung durch die Vereinigten Staaten ging mir bald eine neue Erkenntnis auf. Als Vagabund befand ich mich hinter den Kulissen der Gesellschaft – ja, ganz unten im Maschinenkeller. Ich sah, wie die Schwungräder der sozialen Maschine sich drehten, und erkannte, daß es sich mit der Würde körperlicher Arbeit doch etwas anders verhielt, als Lehrer, Geistliche oder Politiker mir erzählt hatten. Leute ohne Fachausbildung waren hilflos wie das liebe Vieh. Lernte aber jemand ein Handwerk, so war er genötigt, einer Gewerkschaft beizutreten, um in seinem Fach überhaupt Arbeit zu finden. Und die Gewerkschaft wieder war genötigt, die Arbeitgeberverbände einzuschüchtern und auf sie loszuschlagen, um die Löhne herauf- und die Arbeitszeit herunterzusetzen. Die Arbeitgeberverbände machten es ihrerseits umgekehrt. Wo blieb da die Würde? Ich konnte sie beim besten Willen nicht entdecken. Und wenn ein Arbeiter alt wurde oder zu Schaden kam, so flog er auf den Müllhaufen wie eine ausgediente Maschine. Ich sah zu viele, die ihr Leben ganz anders als würdig beendeten.

So kam ich denn zu der Erkenntnis, daß körperliche Arbeit unwürdig war und sich nicht lohnte. Keine Fachausbildung und keine Oberingenieurstochter! lautete mein Entschluß. Nur das Gehirn machte sich bezahlt, nicht der Körper, und ich beschloß, nie mehr meine Muskeln auf dem Sklavenmarkt auszubieten.

Ich kehrte also nach Kalifornien mit dem festen Entschluß zurück, mein Gehirn zu entwickeln. Das bedeutete: Schule. Ich hatte vor langer Zeit die Gemeindeschule absolviert und konnte daher jetzt das Oaklander Gymnasium besuchen. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, nahm ich eine Stellung als Pförtner an. Meine Schwester half mir; und ich war nicht darüber erhaben, in fremden Gärten Gras zu mähen oder Teppiche zu klopfen, wenn ich einmal einen halben Tag Zeit hatte. Ich arbeitete, um von der Arbeit loszukommen, und tauchte darin unter mit einem grimmigen Verständnis des Widersinnigen meines Geschickes.

Die Liebe des Knaben lag hinter mir, und damit auch Haydee, Louis Shattuck und die Spaziergänge früh am Abend. Ich hatte keine Zeit mehr für dergleichen. Ich trat in den Henry-Clay-Diskussionsklub ein. Einige der Mitglieder empfingen mich in ihrem Heim, wo ich Mädchen traf, denen die Röcke bis zum Boden reichten. Ich beteiligte mich an kleinen Zirkeln, in denen Poesie, Kunst und Sprachlehre erörtert wurden. Ich besuchte die Sitzungen der Sozialisten, wo man über Wirtschaft, Philosophie und Politik redete. Ich besaß ein halbes Dutzend Mitgliederkarten zur Volksbibliothek und las unglaublich viel in meiner freien Zeit.

Und anderthalb Jahre lang trank ich nicht einen Tropfen Alkohol. Ich hatte einfach keine Zeit dazu und verspürte auch keinen Drang danach. Meine Pförtnerstellung, meine Studien und meine unschuldigen Vergnügungen, wie hin und wieder eine Partie Schach, ließen mir nicht einen Augenblick dafür übrig. Ich entdeckte eine neue Welt, und meine Leidenschaft, sie zu erforschen, war so groß, daß die alte Welt König Alkohols keine Lockungen mehr für mich bot.

Aber, um bei der Wahrheit zu bleiben: ich besuchte doch manchmal eine Kneipe; nämlich die Johnny Heinholds, die ›Letzte Chance‹, und lieh mir etwas Geld vom Wirt. Und hier stoßen wir auf eine neue Seite von König Alkohol. Wirte sind immer gute Kameraden. Im großen und ganzen kann man wohl sagen, daß sie anständiger sind als Geschäftsleute. Brauchte ich einmal notwendig zehn Dollar und wußte nicht, wo ich sie herbekommen sollte, so ging ich zu Johnny Heinhold. Es waren Jahre vergangen, seit ich Stammgast bei ihm gewesen und manchen Cent hinter seinem Schenktisch gelassen hatte. Und als ich jetzt zu ihm kam, um mir zehn Dollar zu borgen, gab er sie mir ohne Sicherheit und ohne Zinsen, obgleich ich obendrein auch nicht das geringste bei ihm trank.

In der kurzen Zeit, die ich um meine Ausbildung kämpfte, mußte ich mehr als einmal Johnny Heinhold um Geld angehen. Als ich auf die Universität kam, lieh ich mir vierzig Dollar von ihm, ohne Zinsen, ohne Sicherheit, ohne etwas zu trinken. Und doch – und das ist Ehrensache –, als es mir nach Jahren gut ging, machte ich manches liebe Mal einen tüchtigen Umweg, um an Johnny Heinholds Schenktisch noch nachträglich die Zinsen für seine Darlehen zu vergüten. Nicht, daß Johnny Heinhold mich gemahnt oder es von mir erwartet hätte. Ich tat es in Beobachtung der Ehrengesetze, die ich im Verkehr mit König Alkohol gelernt hatte. In der Not, wenn man nicht mehr weiß, an wen man sich wenden soll, und einem hartherzigen Pfandleiher nicht die geringste Sicherheit zu bieten hat, kann man zu einem Kneipenwirt gehen, den man kennt. Dankbarkeit liegt in der menschlichen Natur. Wenn der Mann, dem der Wirt so geholfen hat, wieder Geld hat, wird er sicher einen Teil davon in der Kneipe ausgeben, deren Wirt sein Freund ist.

Ach, ich entsinne mich der ersten Tage meiner Schriftstellerlaufbahn, als die kleinen Beträge, die ich bei den Zeitschriften verdiente, mit tragischer Unregelmäßigkeit eintrafen, während ich mich mit einer immer wachsenden Familie durchschlagen mußte – einer Frau, Kindern, meiner Mutter, einem Neffen und meiner Mammy Jennie und ihrem Manne, die auf ihre alten Tage in Not geraten waren. Es gab zwei Stellen, wo ich mir Geld leihen konnte: eine Barbierstube und eine Kneipe. Der Barbier nahm fünf Prozent Zinsen monatlich. Das heißt, wenn ich mir hundert Dollar lieh, bekam ich nur fünfundneunzig. Die restlichen fünf behielt er als Zinsen für den ersten Monat zurück. Und im zweiten Monat bezahlte ich ihm noch fünf Dollar, und so ging es weiter, bis ich einen entscheidenden Schlag gegen die Redaktionen führte und das Darlehen zurückzahlte.

Die andere Stelle, an die ich mich in der Verlegenheit wenden konnte, war eine Kneipe. Den Kellner kannte ich seit einer Reihe von Jahren von Ansehen. Ich hatte nie Geld bei ihm ausgegeben und tat es nicht einmal, als ich ihn anpumpte. Aber er bewilligte mir jede Summe, um die ich ihn bat. Unglücklicherweise zog er in eine andere Stadt, ehe ich zu Geld kam. Und bis auf den heutigen Tag tut es mir leid, daß er fortzog. Wüßte ich, wo er sich aufhält, so ginge ich gelegentlich zu ihm und gäbe einige Dollars aus Freundschaft und Dankbarkeit aus, so verlangen es die Gesetze der Ehre.

Dies sage ich nicht zum Ruhm der Kellner. Ich habe es geschrieben, um die Macht König Alkohols zu rühmen und noch einen der Myriaden Wege zu zeigen, auf denen ein Mann mit König Alkohol zusammengeführt wird, bis er schließlich zu der Erkenntnis gelangt, daß er nicht mehr ohne ihn leben kann.

Aber zurück zu meinem Bericht. Fern von Abenteuerwegen, tief in Studien versenkt und immer tätig, lebte ich, ohne an König Alkohols Existenz zu denken. Niemand trank in meiner Umgebung. Das war mein Glück – denn hätte es jemand getan und mich zum Trinken aufgefordert, ich hätte sicher auch getrunken. So aber verwandte ich meine freie Zeit darauf, Schach zu spielen, mit hübschen jungen Mädchen, die selbst studierten, spazierenzugehen, oder zu radeln, wenn mein Rad nicht gerade beim Pfandleiher war.

Was ich immer wieder betonen möchte, ist, daß ich nicht den geringsten Drang nach Alkohol verspürte, und das trotz meiner langen Lehrzeit bei König Alkohol. Ich war zurückgekehrt von der andern Seite des Daseins und begeisterte mich an der arkadischen Einfachheit des studentischen Lebens. Dazu hatte ich meinen Weg in das Reich des Geistes gefunden und war im Begriff, mich am Safte seiner Trauben zu berauschen. Aber ach, wie ich später erfahren sollte, hat auch der Rausch des Geistes seinen Katzenjammer.

*

Drei Jahre erforderte der Besuch des Gymnasiums. Ich verlor schließlich die Geduld. Dazu wurde mir das Studium auf die Dauer finanziell unmöglich. Ich konnte das Geld nicht länger aufbringen und sehnte mich danach, endlich auf die Universität zu kommen. So beschloß ich denn nach einem Jahre, die Zeit abzukürzen. Ich lieh mir das nötige Geld und trat in die oberste Klasse einer ›Presse‹ ein. Man meinte, daß ich bereits nach vier Monaten mein Abiturium machen könnte, wodurch ich zwei Jahre sparen würde.

Und wie ich paukte! In vier Monaten hatte ich die Arbeit von zwei Jahren zu leisten. Fünf Wochen lang ochste ich, bis mir die mathematischen Gleichungen und die chemischen Formeln vor den Augen tanzten. Dann nahm mich der Direktor der Anstalt beiseite. Es täte ihm sehr leid, aber er sei genötigt, mir mein Geld zurückzugeben und mich zu bitten, die Schule zu verlassen. Es handele sich nicht um meine Leistungen. Ich sei einer der Besten in meiner Klasse, und wenn er mir das Abgangszeugnis erteile, würde ich sicher auf der Universität gut weiterkommen. Aber ... kurz, die Sache war die: Man fürchtete einen Skandal, wenn man es zuließ, daß ein Zögling ein Pensum, das regulär zwei Jahre Arbeit erforderte, in vier Monaten erledigte, und sah voraus, daß die Universitäten ihre Ansprüche an die Vorbereitungsanstalten erhöhen würden, wenn etwas Derartiges geschehe. Deshalb also sollte ich so liebenswürdig sein und gehen.

Ich ging auch. Und ich bezahlte das geliehene Geld zurück, biß die Zähne zusammen und begann auf eigene Faust zu arbeiten. Es waren noch drei Monate, bis die Aufnahmeprüfungen der Universitäten begannen. Ohne Laboratorium, ohne Anleitung setzte ich mich in meine Schlafkammer und begann mir in den beiden noch übrigen Monaten den Kopf mit den Kenntnissen zweier Jahre vollzupfropfen, während ich gleichzeitig noch die Arbeit des ersten Jahres wiederholte.

Neunzehn Stunden täglich arbeitete ich. Drei Monate lang büffelte ich in diesem Tempo und unterbrach die Arbeit nur bei besonderen Gelegenheiten. Ich erschlaffte körperlich und geistig, aber ich blieb dabei. Meine Augen trübten sich, aber ich hielt durch. Ja, ich glaube, mein Verstand begann sich zu verwirren, denn ich war überzeugt, die Formel für die Quadratur des Kreises gefunden zu haben.

Dann kamen die Examenstage, und nun schloß ich kaum ein Auge, sondern büffelte und repetierte jede Minute. Und als ich meine letzte Arbeit einlieferte, war ich geistig vollkommen zusammengebrochen. Ich wollte kein Buch mehr sehen, ich war nicht mehr fähig, auch nur den geringsten Gedanken zu fassen.

Dagegen gab es nur ein Rezept, und das verschrieb ich mir – Abenteuer. Ich wartete das Ergebnis meines Examens nicht ab. Ich verstaute einen Ballen Decken und einige Nahrungsmittel in einem geliehenen Boot und segelte los. Der letzte Teil einer frühen Morgenebbe sah mich auf der Reede von Oakland, und zu Beginn der Flut befand ich mich auf der Bucht, vor einer schnell wachsenden Brise dahinjagend. Die San-Pablo-Bucht ging hoch, und die Carquinez-Straße bei der Selby-Gießerei schäumte, als ich in sie hineinsteuerte und die alten Landmarken hinter mir ließ, die ich bei den Fahrten mit dem ungerefften ›Renntier‹ durch Nelson kennengelernt hatte.

Benicia zeigte sich vor mir. Ich lief in die Bucht bei Turners Werft, fuhr um die Mole von Solano und glitt langsam durch die Reihen der Fischerboote dorthin, wo ich in alten Tagen gelebt und manchen tiefen Trunk getan hatte.

Und gerade hier sollte etwas geschehen, dessen Bedeutung mir erst nach Jahren klar wurde. Ich hatte nicht die Absicht gehabt, bei Benicia anzulegen. Die Flut war mir günstig, ein prachtvoller scharfer Wind wehte – es war ein herrliches Wetter für einen Seemann. Bull Head und Army Points tauchten vor mir auf und zeigten die Einfahrt zur Suisun-Bucht, die, wie ich wußte, hochging. Und doch – als ich diese Fischerboote sah, die in den kleinen Buchten am Strande lagen, legte ich sofort, ohne zu zögern, das Ruder um, holte die Schoot ein und fuhr auf die Küste los. Auf einmal wußte ich aus der Tiefe meines überanstrengten Hirns, was ich wollte. Ich wollte trinken. Ich wollte mich berauschen.

Der Drang war unwiderstehlich. Es gab kein Zaudern. Gebieterisch forderte mein zerrütteter, mißhandelter Kopf Entspannung, und ich kannte nur eine Art, diese Entspannung zu erreichen. Und hier liegt das Entscheidende: Zum erstenmal in meinem Leben verlangte mich ganz bewußt nach Alkohol und Alkoholrausch. Das war eine völlig neue Offenbarung der Macht König Alkohols. Nicht mein Körper brauchte seinen Zauber, sondern mein Geist. Mein überarbeiteter, abgehetzter Kopf suchte Vergessen.

Und hier ist ein Punkt, auf den ich ganz besonders hinweisen möchte: Trotz der Überanstrengung meines Hirns würde mir der Gedanke an Trinken nie gekommen sein, hätte ich früher nicht schon getrunken. Und wäre ich nicht so lange an den Alkohol gewöhnt gewesen, so wäre dies Verlangen jetzt nicht in mir erwacht. Ich wäre nicht landwärts gesteuert, sondern am Bull Head vorbei in die schäumenden Wogen der Suisun-Bucht gefahren, hinaus in das Sausen des Windes, der die Segel füllt und Leib und Seele verjüngt.

So fuhr ich denn an den Strand, machte das Boot fest und eilte zu den Fischerbooten. Charley Le Grand fiel mir um den Hals. Lizzie, seine Frau, preßte mich an ihren umfangreichen Busen. Billy Murphy, Joe Lloyd und alle die andern Überlebenden von der alten Garde scharten sich um mich, und ich ging aus einem Arm in den andern. Charley nahm eine Kanne und lief damit nach Jorgensens Kneipe auf der andern Seite des Eisenbahngleises. Das bedeutete Bier. Aber ich wollte Whisky haben, und so rief ich ihm nach, daß er eine Flasche bringen solle.

Viele Male wanderte diese Flasche über das Gleis und zurück. Immer mehr Freunde aus der alten freien, leichtlebigen Zeit kamen hinzu, Fischer, Griechen, Franzosen und Russen. Alle tranken sie froh mit, und jeder gab dafür seine Runde aus. Sie kamen und gingen, aber ich blieb und trank mit allen. Ich füllte mir den Bauch. Ich goß den Schnaps hinunter und freute mich, als die Würmer in meinem Gehirn zu kriechen begannen.

Und die ›Muschel‹ kam, der vor mir Nelsons Partner gewesen war, hübsch wie immer, aber halb verrückt, vom Whisky verbrannt. Er hatte gerade einen Streit mit seinem Partner auf der Schaluppe ›Gazelle‹ gehabt, die Messer waren aus den Gürteln geflogen, es war Blut geflossen, und jetzt war er bemüht, sein Fieber durch immer mehr Whisky noch zu erhöhen. Und während wir ihn hinuntergossen, gedachten wir Nelsons, der seine breiten Schultern in ebendieser Stadt Benicia zum letzten Schlaf gebettet hatte; und wir beweinten ihn und erinnerten uns all seiner guten Seiten, ließen die Flasche von neuem füllen und tranken wieder.

Sie wollten mich zum Bleiben überreden, aber durch die offene Tür sah ich den herrlichen Wind die Wogen jagen, und meine Ohren wurden von seinem Rauschen erfüllt. Und während ich vergaß, daß ich drei Monate lang neunzehn Stunden täglich über den Büchern gebüffelt hatte, schaffte Charley Le Grand meine Sachen in ein großes Columbia-River-Lachsboot. Er brachte noch Holzkohle, eine Fischerpfanne, eine Kaffeekanne, eine Bratpfanne, Kaffee, Fleisch und einen frisch aus dem Wasser gezogenen Seebarsch.

Sie mußten mir das baufällige Bollwerk hinunterhelfen, damit ich in das Lachsboot kam. Dann setzten sie Groß- und Sprietsegel für mich, bis sie wie ein Brett standen. Einige waren ängstlich, das Sprietsegel zu setzen, aber ich bestand darauf, und Charley hatte keine Bedenken. Er kannte mich von früher und wußte, daß ich segeln konnte, solange mir die Augen nicht zufielen. Sie warfen meine Fangleine los. Ich faßte das Ruder, legte mich vor den Wind, und obwohl es mir vor den Augen flimmerte, steuerte ich das Boot sicher auf seinem Kurs und winkte Lebewohl.

Die Ebbe war gekommen und lief mit starker Strömung der steifen Brise gerade entgegen, so daß ein schwerer, unsteter Wellengang aufkam. Die Suisun-Bucht war weiß von Schaum und Sturzseen. Aber ein Lachsboot kann segeln, und ich verstand mich darauf. So jagte ich denn geradeswegs hinein, hindurch, hinüber, hielt laute Selbstgespräche und sang meine Verachtung für Bücher und Schulen in alle Winde. Schwere Seen füllten mein Boot etwa einen Fuß hoch mit Wasser, aber ich lachte, als es meine Füße umplätscherte, und sang auch meine Verachtung für Wind und Wasser hinaus. Ich fühlte mich als Herrn des Lebens, der auf dem Rücken des ungezügelten Elements dahinritt, und König Alkohol ritt mit mir. Inmitten von Abhandlungen über Mathematik und Philosophie, zwischen Deklamationen und Zitaten sang ich die alten Lieder, die ich in den Tagen gelernt hatte, als ich von der Gießerei zu den Austernbooten gekommen war, um Pirat zu sein – Lieder wie: ›Schwarze Lulu‹, ›Die treibende Wolke‹, ›Sei gut zu meinem Töchterlein‹, ›Der Einbrecher von Boston‹, ›Ich wollt', ich wär' ein Vöglein‹, ›Shenandoah‹ und ›Los, Jungens, los!‹.

Stunden später, in den Flammen des Sonnenunterganges, schlug ich dort, wo der Sacramento und der San Joaquin ihre schlammigen Gewässer vereinen, den New-York-Richtweg ein, glitt über die kleine geschlossene Wasserfläche hinter Black Diamond in den San Joaquin und fuhr flußauf bis Antioch, wo ich mich, inzwischen ernüchtert und prachtvoll hungrig, längsseits neben eine große Kartoffelschaluppe legte, deren Takelung mir bekannt vorkam. Es waren alte Freunde an Bord, die mir meinen Barsch in Olivenöl brieten. Ferner gab es kräftiges, delikat mit Knoblauch angemachtes Schmorfleisch und grobes italienisches Brot ohne Butter, und das Ganze wurde mit Mengen schweren, berauschenden Klaretts hinuntergespült.

Mein Lachsboot war wie ein Schwamm, aber in der gemütlichen Kajüte der Schaluppe bekam ich trockene Decken und eine trockene Koje. Und wir lagen da, rauchten und schwatzten von alten Tagen, während über unsern Köpfen der Wind durch das Tauwerk pfiff und straffe Leinen gegen den Mast trommelten.

*

Meine Fahrt mit dem Lachsboot dauerte eine Woche, und als ich zurückkehrte, war ich bereit, die Universität zu beziehen. In dieser ganzen Woche trank ich nicht mehr. Mein ermüdetes Hirn hatte sich erholt. Ich verspürte weder Reue noch Scham, noch machte ich mir irgendwelchen Kummer über die Orgie des ersten Tages in Benicia, und als ich froh zu meinen Büchern und meinen Studien zurückkehrte, dachte ich gar nicht mehr daran.

Lange Jahre sollten vergehen, ehe ich mich wieder auf jenen Tag besann und mir seine eigentliche Bedeutung klar wurde. Damals – und noch lange darauf – betrachtete ich die Sache nur als einen lustigen Streich. Noch später jedoch, als ich im Sumpf geistiger Schlaffheit und Erschöpfung zu ersticken drohte, mußte ich wieder daran denken und verstand jenen Drang nach Betäubung.

Ich beendete mein erstes Semester und begann im Januar 1897 mein zweites. Als aber zu dem drückenden Geldmangel noch die Überzeugung kam, daß mir die Universität in der Zeit, die ich dazu bestimmt hatte, nicht geben konnte, was ich wünschte, entschloß ich mich ohne sonderliche Enttäuschung, sie zu verlassen. Ich hatte zwei Jahre studiert und – was das Wichtigste war – meine Sprache in Wort und Schrift gebildet.

Ich entschloß mich, unverzüglich eine neue Laufbahn zu beginnen. Ich hatte vier Interessen: Erstens Musik, zweitens Poesie, drittens das Schreiben philosophischer, ökonomischer und politischer Aufsätze, und viertens – am letzten und wenigsten – Romanschriftstellerei. Die Musik setzte ich entschlossen als unmöglich beiseite, ließ mich in meiner Schlafkammer nieder und befaßte mich nun mit den drei andern Möglichkeiten. Du lieber Himmel, wie ich schrieb! Nie hat es ein schöpferisches Fieber wie das meine gegeben, und es glückte mir, ihm täglich die unheilvollsten Ergebnisse zu entringen. Die Art und Weise, wie ich arbeitete, hätte allein genügt, mein Hirn völlig zu erschöpfen und mich reif für die Irrenanstalt zu machen. Ich schrieb einfach drauflos, ich schrieb all und jedes – gewichtige Essays, wissenschaftliche und soziologische Aufsätze, Humoresken, Verse aller Art, von Terzinen und Sonetten bis zu Trauerspielen in Jamben, und ungeheuren Epen in Spencerschen Stanzen. Es gab Zeiten, in denen ich unaufhörlich tagein, tagaus fünfzehn Stunden täglich dichtete. Zuweilen vergaß ich zu essen oder weigerte mich, meine leidenschaftlichen Ergüsse nur um des Essens willen zu unterbrechen.

Und dann das Maschinenschreiben! Mein Schwager besaß eine Schreibmaschine, die er am Tage gebrauchte. Nachts durfte ich sie benutzen. Diese Maschine war ein Wunder. Ich könnte noch heute weinen, wenn ich mir meine Kämpfe mit ihr ins Gedächtnis zurückrufe; sie war ein vorsintflutliches Modell, ihr Alphabet bestand nur aus großen Buchstaben. Wie von einem bösen Geist besessen, gehorchte sie keinem der bekannten Naturgesetze und warf die uralte Regel völlig über den Haufen, daß gleiche Dinge mit gleichen Mitteln verrichtet, stets das gleiche Ergebnis bringen müssen. Ich lege jeden Eid darauf ab, daß diese Maschine nie dasselbe vollbrachte, wenn man zweimal dasselbe auf ihr tat. Wie mein Rücken schmerzte, wenn ich an ihr saß! Bisher war er jeder, auch der schlimmsten Anforderung gewachsen gewesen, die mein gewiß nicht weicher Lebenspfad an ihn gestellt hatte. Aber diese Schreibmaschine machte mir klar, daß mein Rückgrat schwach wie ein Pfeifenrohr war. Sie arbeitete mit dumpfem Dröhnen wie ein Güterzug, und ihre Tastatur ging so schwer, daß ich oft versucht war, sie mit Hammerschlägen in Bewegung zu setzen.

Es war eine Riesenaufgabe, die Gedanken in der Handschrift zu formen und gleichzeitig dieses Monstrum von Maschine zu meistern. Und dabei schrieb ich täglich viele Tausende von Wörtern, denn – die Redakteure warteten!

Oh, diese Pausen zwischen Hand- und Maschinenschreiben! Hirn und Nerven brachen zusammen, und der Körper nicht weniger, und doch: im Himmel meines Schöpferdranges war ich selig! Ich brauchte kein Betäubungsmittel, ich fühlte kein Verlangen nach Alkohol, die Kraft der Illusionen hielt mich aufrecht; denn noch glaubte ich an die Liebe zwischen Mann und Weib, an Elternliebe, an menschliche Gerechtigkeit und an die Kunst.

Aber die wartenden Redakteure zogen es vor, weiter zu warten. Meine Manuskripte machten Rundreiserekorde zwischen dem Stillen und dem Atlantischen Ozean. Sicher hat ihr merkwürdiges Aussehen die Annahme verhindert. Und, der Himmel weiß, ihr Inhalt war nicht weniger merkwürdig als ihr Äußeres. Ich verdiente also nichts und mußte meine schwer erstandenen Lehrbücher für lächerliche Beträge an Antiquare verkaufen. Ich lieh mir öfters kleine Summen und ließ mich von meinem alten Vater ernähren, obwohl er bei seiner schwindenden Arbeitskraft nur geringe Einnahmen hatte. Es dauerte nicht lange, nur ein paar Wochen, bis ich nachgeben und wieder an die körperliche Arbeit gehen mußte. Aber ich brauchte immer noch kein Betäubungsmittel, und ich war auch nicht enttäuscht. Meine Laufbahn verzögerte sich etwas, das war alles. Vielleicht mußte ich mich erst noch mehr vorbereiten. Ich war belesen genug, um zu wissen, daß ich erst den Saum am Gewande des Wissens berührt hatte.

*

Ich ging aufs Land nach Belmont, wo die Akademie ist, und arbeitete in der kleinen, vorzüglich eingerichteten Dampfwäscherei der Anstalt. Ein anderer Bursche und ich verrichteten die ganze Arbeit, vom Sortieren und Waschen bis zum Plätten von Oberhemden, Kragen und Manschetten und der feinen gestärkten Wäsche der Lehrerfrauen. Wir arbeiteten mit der Leidenschaft der Tiger, namentlich als der Sommer kam und die Schüler der Akademie weiße Leinenhosen trugen. Es ist ein langwieriges Unternehmen, ein Paar weiße Leinenhosen zu plätten. Und es waren unendlich viele Leinenhosen. Wir schwitzten uns durch lange heiße Wochen hindurch bei endloser Plackerei, und manche Nacht schufteten wir unter der elektrischen Lampe an der Dampfrolle oder an dem Plättbrett, während die Schüler in ihren Betten schnarchten.

Die Arbeitszeit war lang, die Arbeit schwer, obwohl wir bald eine wahre Meisterschaft darin erlangten, jede überflüssige Bewegung zu sparen. Und ich erhielt dreißig Dollar monatlich und Kost und Logis – freilich nur ein geringer Fortschritt gegen die Tage, da ich Kohlen schaufelte und in der Gießerei arbeitete; dabei bedeutete die Verpflegung nur eine geringe Ausgabe für den Unternehmer, denn wir aßen in der Küche; ich aber sparte so immerhin etwa zwanzig Dollar monatlich. Meine große Zunahme an Kraft, Fertigkeit und allem, was ich aus den Büchern gelernt hatte, entsprach also einer Mehreinnahme von zwanzig Dollar. Nach diesem Fortschritt zu urteilen, durfte ich hoffen, noch vor meinem Tode Nachtwächter mit sechzig Dollar monatlich, oder Schutzmann mit hundert Dollar und Sporteln zu werden.

So unbarmherzig packten wir, mein Kamerad und ich, die Arbeit an, daß wir am Sonnabend abend vollkommen fertig waren. Ich war also wieder das alte gedankenlose Arbeitstier! Die Bücher blieben mir verschlossen. Ich hatte zwar einen ganzen Koffer voll mitgebracht, war aber nicht imstande, sie zu lesen. Sobald ich es versuchte, schlief ich ein; und glückte es mir, mehrere Seiten lang die Augen offen zu halten, so wußte ich hinterher nicht, was ich gelesen hatte. Ich gab jeden Versuch auf, mich mit ernsthaften Studien, wie Rechtswissenschaft, Nationalökonomie und Biologie, zu beschäftigen, und versuchte es mit leichterem Stoff, wie Geschichte. Auch hierbei schlief ich ein. Ich versuchte es mit Literatur und schlief ein. Und als ich schließlich sogar über den interessantesten Erzählungen einschlief, verzichtete ich ganz. In der Zeit meiner Wäschereiarbeit las ich nicht ein einziges Buch.

Von Sonnabend abend bis Montag morgen ruhte die Arbeit, und da hatte ich dann außer dem Wunsch, zu schlafen, nur ein einziges Verlangen: mich zu betrinken. Dies war das zweitemal in meinem Leben, daß ich den unverkennbaren Ruf König Alkohols vernahm. Das erstemal war der Grund geistige Überreizung gewesen und jetzt das Gegenteil – die dumpfe Gefühllosigkeit eines arbeitslosen Hirns. Und das Schlimmste war, daß mein Geist, erweckt durch die Wunder der Bildung, nun das ganze Elend seiner Stockung und Untätigkeit doppelt fühlte.

Und da ich lange Zeit der Busenfreund König Alkohols gewesen war, wußte ich genau, was er mir versprach – Ausschweifungen der Phantasie, Machtträume, Vergessen, kurz alles andere als das ewige Waschen und Rollen, die schnurrenden Zentrifugal-Wringmaschinen und die unendlichen Prozessionen weißer Leinenhosen, die dampfend unter mein blitzschnelles Eisen zogen. Und das ist es eben. König Alkohol appelliert an Schwäche und Verfall, an Müdigkeit und Erschöpfung. Er lenkt uns ab. Und dazu lügt er beständig. Er leiht dem Körper Scheinkraft, dem Geist Scheinhöhe, gibt den Dingen einen trügerischen Schimmer, der sie weit schöner erscheinen läßt, als sie sind.

Aber man darf nicht vergessen, daß König Alkohol verwandlungsfähig wie Proteus ist. Er naht sich als Helfer dem Schwachen und Erschöpften, als froher Kamerad dem Lebenslustigen und Unternehmenden, als aufrüttelnder Mahner dem Müßiggänger. Er kann jeden auf andere Art am Arm nehmen. Er tauscht alte Lumpen gegen neue, die Flitter der Einbildung gegen die derben Kleider der Wirklichkeit, und schließlich betrügt er alle seine Anhänger.

Nun, ich betrank mich nicht; aus dem einfachen Grunde, weil es anderthalb Meilen bis zur nächsten Kneipe waren. Das Verlangen nach dem Rausche ertönte also doch nicht laut genug in meinen Ohren. Wie die Dinge lagen, begnügte ich mich damit, an meinem Ruhetage ausgestreckt im Schatten zu liegen und mir die Zeit mit den Sonntagsblättern zu vertreiben. Aber selbst dazu war ich zu müde. Die humoristische Beilage vermochte nur ein schwaches Lächeln auf mein Gesicht zu zwingen, und dann schlief ich ein.

Wenn ich also in der Zeit meiner Wäschereiarbeit König Alkohol auch nicht verfiel – etwas war ihm doch gelungen. Ich hatte seinen Ruf vernommen, das Verlangen gespürt, mich nach Betäubung gesehnt. So war ich vorbereitet für den mächtigen Drang späterer Jahre.

Und das Seltsame war, daß diese Entwicklung des Verlangens vom Gehirn ausging. Mein Körper forderte keinen Alkohol; ihm war er wie immer zuwider. Als ich beim Kohlenschaufeln mich körperlich erschöpft hatte, war mir der Gedanke an Trinken nie in den Sinn gekommen. Nach der geistigen Erschlaffung des Abituriums aber betrank ich mich sofort. Nun war die Ermüdung in meiner Wäschereizeit gewiß auch körperlicher Natur und – wenn auch bei weitem nicht so groß – doch der beim Kohlenschaufeln recht ähnlich. Aber es gab einen Unterschied. Als ich Kohlen schaufelte, war mein Geist noch nicht erwacht. Nun aber hatte er einen Blick in die Welt der Bildung getan und litt bei der mechanischen Tätigkeit in der Wäscherei die Folterqualen erzwungenen Müßigganges.

Aber ob ich nun trank, wie in Benicia, oder es nicht tat, wie in der Wäscherei: das Verlangen nach Alkohol hatte in meiner Seele Wurzel gefaßt.

*

Als ich die Wäscherei überstanden hatte, rüsteten meine Schwester und ihr Mann mich für Klondike aus. Der erste Goldgräbersturm hatte in diesem Frühherbst 1897 begonnen. Ich war mit meinen einundzwanzig Jahren in glänzender Körperverfassung. Auf der achtundzwanzig Meilen langen Strecke von Dyca Beach über den Chilcoot-Paß nach Lake Linderman nahm ich es mit jedem Indianer auf. Das letzte Stück nach Linderman betrug drei Meilen. Ich machte den Weg viermal an einem Tage hin und zurück und schleppte jedesmal auf dem Hinwege hundertfünfzig Pfund. Das heißt, daß ich auf den schlechtesten Wegen vierundzwanzig Meilen machte, darunter zwölf unter der Last von anderthalb Zentner.

Ja, ich hatte meine ›Laufbahn‹ zum Teufel gehen lassen, war wieder auf Abenteuer aus und suchte das Glück. Und dabei stieß ich natürlich auf König Alkohol. Hier traf ich wieder diese Prachtkerle, Freibeuter und Abenteurer, und während sie Hunger gar nicht zu fühlen schienen, konnten sie ohne Whisky nicht leben. Und der Whisky kam mit, während das Mehl unberührt am Wegrande liegenblieb.

Ein freundliches Geschick wollte, daß die drei Mann, mit denen ich zusammen reiste, keine Trinker waren. Deshalb trank ich nur selten einmal, wenn ich mit andern Männern zusammentraf. In meinem eigenen Medizinkasten befand sich eine Flasche Whisky. Ich rührte jedoch den Pfropfen nicht an und zog ihn erst sechs Monate später in einem einsamen Lager heraus, wo der Arzt einen Mann ohne Betäubungsmittel operieren mußte. Arzt und Patient leerten meine Flasche miteinander und schritten dann an die Operation.

Als ich ein Jahr darauf skorbutkrank wieder nach Kalifornien zurückkehrte, war mein Vater gestorben, und damit war ich das Oberhaupt und der einzige Ernährer der Familie geworden. Ich fuhr als Heizer auf einem Dampfer von der Beringsee nach Britisch-Kolumbien und von dort als Zwischendeckpassagier nach San Francisco; allein daraus kann man entnehmen, daß ich außer meinem Skorbut nichts aus Klondike mit nach Hause gebracht hatte.

Es waren schwere Zeiten. Arbeit war kaum zu bekommen. Und Arbeit suchte ich, ganz gleich welcher Art; ich mußte nehmen, was sich mir bot, war ich doch noch ungelernter Arbeiter. An meine ›Laufbahn‹ dachte ich nicht mehr. Das war aus und vorbei. Ich mußte Brot schaffen für zwei Münder, außer meinem eigenen, und dafür sorgen, daß wir ein Dach über dem Kopfe hatten.

Der ungelernte Arbeiter ist der erste, der die Härte schlechter Zeiten zu fühlen bekommt, und ich hatte nichts gelernt als Segeln und Waschen. Bei der Verantwortung, die jetzt auf mir ruhte, wagte ich nicht, zur See zu gehen, und bei einer Wäscherei konnte ich nicht ankommen. Ich konnte überhaupt nirgends ankommen. In fünf Stellenvermittlungsbureaus war mein Name vorgemerkt. In drei Zeitungen annoncierte ich. Ich suchte die wenigen Freunde auf, von denen ich annahm, daß sie mir vielleicht Arbeit verschaffen könnten; aber sie interessierten sich entweder zu wenig für die Sache oder waren nicht imstande, mir zu helfen.

Die Lage war verzweifelt. Ich versetzte meine Uhr, mein Fahrrad und einen Regenmantel, auf den mein Vater sehr stolz gewesen war, und den er mir hinterlassen hatte; das einzige Erbteil, das mir in dieser Welt je zugefallen ist. Er hatte fünfzehn Dollar gekostet, und der Pfandleiher gab mir zwei darauf. Und – ja richtig – eines Tages erschien plötzlich ein alter Kamerad von der Wasserkante mit einem in Zeitungspapier gepackten Frack. Er konnte keine befriedigende Erklärung abgeben, wie er zu dem Zeug gekommen war, und ich bestand auch nicht auf einer Erklärung. Ich wollte den Frack haben. Nein, nicht, um ihn zu tragen. Ich gab ihm dafür eine ganze Menge altes Gerümpel, das für mich wertlos war, da es sich nicht versetzen ließ. Er verkaufte es für einige Dollar, während ich den Frack bei meinem Pfandleiher für fünf Dollar versetzte. Und soviel ich weiß, hat der Pfandleiher den Frack noch heute. Ich jedenfalls habe nie daran gedacht, ihn einzulösen.

Aber ich konnte keine Arbeit bekommen. Und doch war ich gute Ware auf dem Arbeitsmarkt. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, wog ausgekleidet hundertfünfundsechzig; die letzten Spuren des Skorbuts waren nach einer Kur mit rohen Kartoffeln verschwunden. Jede Arbeit war mir recht. Ich versuchte, Modell zu werden, aber in diesem Beruf gab es zu viele gutgebaute junge Männer. Ich schrieb auf Annoncen, in denen ältere Invaliden Begleiter suchten. Und schließlich bekam ich eine Stellung als Nähmaschinenagent, jedoch nur mit Provision, ohne festes Gehalt. Aber arme Leute kauften keine Nähmaschinen in den schweren Zeiten, so daß ich auch diesen Beruf wieder aufgeben mußte.

Allerdings muß man wissen, daß ich neben solchen wertlosen Beschäftigungen auch Arbeit als Rausschmeißer, Schauermann und Botenjunge suchte. Aber der Winter kam, und das Heer der Arbeitslosen strömte in die Städte. Und dazu kam, daß ich, der ich mich so unbedachtsam in allen Ländern der Welt und im Reiche der Gedanken herumgetrieben hatte, keinem Verband angehörte.

Ich versuchte, Gelegenheitsarbeit zu bekommen. Ich arbeitete tage- und halbtageweise, wo sich nur etwas bot. Ich mähte Rasen, beschnitt Hecken, klopfte Teppiche. Ferner meldete ich mich zum Postbeamtenexamen und bestand es glänzend. Aber ach! es war keine Stellung frei, und so mußte ich warten. Und während ich wartete, versuchte ich mir zwischen der Gelegenheitsarbeit zehn Dollar zu verdienen, indem ich einen Zeitungsartikel über eine Reise schrieb, die ich in offenem Boot den Yukon hinab gemacht, und auf der ich in neunzehn Tagen neunzehnhundert Meilen zurückgelegt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie es bei Zeitungen zugeht, hatte aber den festen Glauben, daß ich zehn Dollar für meinen Aufsatz bekommen würde.

Aber ich bekam sie nicht. Die erste San-Franciscoer Zeitung, der ich ihn einsandte, bestätigte nie den Empfang des Manuskriptes, behielt es aber. Und je länger sie es behielt, desto sicherer war ich, daß es angenommen sei.

Und nun kommt etwas Merkwürdiges. Manche Menschen sind zum Glück geboren, es liegt ihnen gerade vor der Nase. Mich aber stieß es in die bittere Notwendigkeit hinein. Ich hatte längst jeden Glauben an meine Laufbahn als Schriftsteller verloren. Als ich den Aufsatz schrieb, hatte ich lediglich die ehrenwerte Absicht, zehn Dollar zu verdienen. Weiter gingen meine Hoffnungen nicht. Es sollte mir über die Zeit der Arbeitslosigkeit hinweghelfen. Wäre damals eine Stelle bei der Post frei geworden, so hätte ich sie sofort angetreten.

Aber die Stelle wurde nicht frei, und ich fand auch sonst keine feste Beschäftigung; und so benutzte ich die Zeit zwischen zwei Gelegenheitsarbeiten und schrieb eine Artikelserie von zweitausend Zeilen für die »Youths Companion«. Ich entwarf und tippte sie in sieben Tagen.

Es dauerte einige Zeit, bis das Manuskript zurückkam, und inzwischen versuchte ich mich in Kurzgeschichten. Ich verkaufte eine an die ›Overland Monthly‹ für vier Dollar. Die ›Black Cat‹ gab mir vierzig Dollar, zahlbar bei Erscheinen, für jede Geschichte, die ich lieferte. Ich löste mein Fahrrad, meine Uhr und den Regenmantel meines Vaters ein und mietete mir eine Schreibmaschine. Ferner bezahlte ich die Kaufleute, die mir Kredit gewährt hatten. Ich entsinne mich noch des portugiesischen Krämers, der nie zuließ, daß meine Rechnung vier Dollar überstieg. Hopkins, ein anderer Kaufmann, machte erst bei fünf Dollar Schluß.

Und gerade jetzt bot die Post mir eine Stelle an. Das setzte mich in die peinlichste Verlegenheit. Die fünfundsechzig Dollar, die ich regelmäßig jeden Monat verdienen konnte, waren eine schreckliche Versuchung. Ich konnte keinen Entschluß fassen. Und ich werde dem Postdirektor von Oakland nie verzeihen können. Ich ging zu ihm und sprach wie ein Mann mit ihm. Ich setzte ihm offen meine Lage auseinander. Es sähe aus, als ob ich eine Zukunft als Schriftsteller hätte. Die Aussichten wären gut, aber nicht sicher. Nun wollte ich ihn fragen, ob er mich nicht diesmal übergehen, die Stelle dem folgenden Anwärter und mir erst die nächste Stelle geben wolle –

Aber er schnitt mir das Wort ab: »Sie wollen also die Stelle nicht?«

»Das schon«, protestierte ich. »Aber sehen Sie, wenn Sie mich nur diesmal übergehen wollten – –«

»Wenn Sie die Stelle haben wollen, so nehmen Sie sie gefälligst«, sagte er kalt.

Glücklicherweise machte mich die Brutalität des Mannes wütend.

»Schön«, sagte ich. »Ich verzichte!«

*

So hatte ich denn meine Schiffe hinter mir verbrannt und stürzte mich aufs Schreiben. Maßhalten ist gegen meine Natur: Früh und spät saß ich an der Arbeit – schrieb, tippte, studierte Grammatik, studierte Literatur und alle ihre Formen, und studierte die erfolgreichen Autoren, um herauszufinden, was die Ursache ihres Erfolges war. Ich begnügte mich mit fünf Stunden Schlaf täglich und arbeitete fast die ganzen neunzehn Stunden, die übrigblieben. Mein Licht brannte bis zwei und drei Uhr morgens.

Das Schlimme für einen beginnenden Schriftsteller sind die langen, harten Pausen, wenn kein Geld von den Redaktionen kommt und nichts Versetzbares mehr vorhanden ist. Ich trug meinen Sommeranzug den ganzen Winter hindurch, und in dem folgenden Sommer erlebte ich die längste und härteste Pause, als die wohlhabenden Leute an der Küste waren und die Manuskripte bis nach den Ferien in den Redaktionen lagen.

Und dabei kannte ich niemand, der mich hätte beraten können. Ich kannte keine Menschenseele, die ›schrieb‹ oder auch nur den Versuch gemacht hatte, zu ›schreiben‹. Ich kannte nicht einmal einen Reporter. Ferner merkte ich, daß ich, wenn ich mich als Schriftsteller durchschlagen wollte, alles vergessen mußte, was die Gymnasiallehrer und Literaturprofessoren mich gelehrt hatten. Damals ärgerte ich mich darüber, aber jetzt verstehe ich es. Sie konnten ja nicht die Kniffe kennen, die man in den Jahren 1895 und 1896 brauchte, um Erfolg zu haben. Sie wußten alles über Bret Harte und Burns; aber die amerikanischen Redakteure vom Jahre 1899 kümmerten sich den Teufel um die Vergangenheit. Sie brauchten das, was die Leute 1899 lesen wollten, und boten so gute Honorare dafür, daß die Lehrer und Professoren gern ihre Stellungen aufgegeben hätten, wenn sie hätten schreiben können.

Ich kämpfte weiter, ließ Schlächter und Krämer warten, versetzte wieder meine Uhr, mein Fahrrad und meines Vaters Regenmantel und arbeitete. Ich arbeitete wirklich und setzte meinen Schlaf auf schmale Rationen. Einige Kritiker haben die kurze Ausbildung einer meiner Gestalten, Martin Edens, beanstandet. In drei Jahren machte ich ihn vom einfachen Matrosen mit Volksschulbildung zum erfolgreichen Schriftsteller. Die Kritiker sagten, das sei unmöglich. Aber ich war selbst Martin Eden. Am Ende der drei arbeitsreichen Jahre, von denen zwei dem Gymnasium und der Universität und das dritte dem Schreiben – alle drei unter ungeheurem, intensivstem Studium – gewidmet waren, veröffentlichte ich Erzählungen in Zeitschriften, wie der ›Atlantic Monthly‹, las die Korrekturbogen zu meinem ersten Buch, das bei Hougthon, Mifflin & Co. erschien, schrieb soziologische Aufsätze für den ›Cosmopolitan‹ und ›McClures‹, hatte das telegraphische Angebot eines Redakteurpostens in New York abgelehnt und stand im Begriff, mich zu verheiraten. Hatten die vorhergegangenen Jahre schon Arbeit bedeutet, und namentlich das letzte, in dem ich meinen Beruf als Schriftsteller lernte, so erst recht dieses. Ich schlief kaum, spannte mein Hirn bis zum Springen an und trank nicht einen Tropfen. So erschöpft ich war: Alkohol existierte nicht für mich. Ich kam nie auf den Gedanken, daß er mir helfen könne. Du lieber Himmel! Annahmeschreiben und Schecks der Redaktionen waren alles, was ich brauchte. Ein dünner Briefumschlag von einem Redakteur mit der Morgenpost war anregender als ein halbes Dutzend Cocktails. Und wenn dann aus dem Briefumschlag ein anständiger Scheck zum Vorschein kam, so bedeutete das einen wahren Rausch für mich.

Übrigens wußte ich zu jener Zeit noch gar nicht, was ein Cocktail war. Ich weiß noch, wie mich verschiedene Freunde von Alaska, als mein erstes Buch erschien, eines Abends in den Bohemianklub einluden, dessen Mitglieder sie waren. Wir saßen in den wundervollsten Ledersesseln, und es wurden Getränke bestellt. Nie hatte ich geahnt, daß es solche Liköre und solche raffinierten Arten von Whisky gäbe. Ich kannte ja nur die Getränke des armen Mannes, den Schnaps des Grenzers und Seemanns – billiges Bier und noch billigeren Whisky, der es tatsächlich nur dem Namen nach war. Ich geriet in Verlegenheit, als ich meine Wahl treffen sollte, und der Klubdiener wäre fast umgefallen, als ich mir Rotwein als Abendgetränk bestellte.

*

Mit dem Erfolg hob sich meine Lebensweise und erweiterte sich mein Horizont. Ich beschränkte mich darauf, hundert Zeilen täglich zu tippen, einschließlich Sonn- und Feiertags; dabei studierte ich immer noch fleißig, wenn auch nicht mehr so angestrengt wie früher, und gestattete mir fünfeinhalb Stunden Schlaf täglich. Auch nahm ich mir Zeit für den Sport. Ich radelte eifriger, hauptsächlich freilich, weil das Rad nicht mehr ständig beim Pfandleiher war; ich boxte und focht, ging auf den Händen, übte Hoch- und Weitsprung, Kugelstoßen, Gerwerfen und schwamm. Und ich merkte bald, daß körperliche Anstrengung mehr Schlaf erfordert als geistige. Es gab Abende, an denen ich, körperlich ermüdet, sechs Stunden hintereinander schlief, und nach sehr anstrengenden Übungen brauchte ich bisweilen sieben Stunden Schlaf. Aber solche Schlaforgien waren nicht häufig. Es gab so viel zu lernen, so viel zu tun, daß ich verstimmt war, wenn ich sieben Stunden geschlafen hatte. Und ich segnete den Erfinder der Weckuhr. Und immer noch kein Verlangen nach Alkohol! Ich hatte damals noch zuviel Glauben, lebte auf zu hohen Zinnen, war Sozialist und gedachte, die Welt zu retten; und Alkohol konnte jene Flamme nicht entfachen, die Ideen und Ideale entzünden. Meine Stimme hatte inzwischen Gewicht erhalten, das glaubte ich wenigstens; jedenfalls verschaffte mir mein Ruf als Schriftsteller ein Publikum, das ich als Redner nie hätte um mich sammeln können. Ich wurde in Klubs und Vereine geladen, um dort meine Botschaft zu verkünden. Ich kämpfte für das Gute, während ich weiter fleißig studierte und schrieb.

Bis jetzt hatte ich nur einen sehr begrenzten Freundeskreis. Aber nun wurde es anders. Man lud mich ein, namentlich zum Essen, und so bekam ich viele Freunde und Bekannte, die sorgloser lebten, als ich es bisher getan hatte. Und viele von ihnen tranken, wenn auch keiner als Trinker gelten konnte. Im Gegenteil, sie tranken mäßig, und ich trank ebenfalls mäßig mit ihnen als Kamerad und gern gesehener Gast.

Wenn man zu Gaste geladen wird, muß man natürlich auch die andern zu sich bitten. Und ich hatte ein Heim. Vergeßt nicht, daß meine Lebensweise sich gehoben hatte. Trank ich bei andern, so mußte ich natürlich in meinem eigenen Hause auch zu trinken geben. Ich schaffte mir daher einen Vorrat an Bier, Whisky und Rotwein an. Seitdem ist mein Haus stets wohlversorgt gewesen.

Doch auch hier trank ich nur, wenn andere tranken, und es war für mich nichts als ein Akt gesellschaftlicher Höflichkeit. Wenn keine Freunde zu mir kamen, nun, dann trank ich überhaupt nicht. Ich hatte immer Whisky in meinem Arbeitszimmer stehen, und doch habe ich monate- und jahrelang keinen Tropfen getrunken, wenn ich allein war.

Nein, ich fürchtete König Alkohol nicht mehr. Ich hatte das gefährlichste Stadium erreicht, in dem man glaubt, Herr über ihn zu sein. Ich war erprobt in den langen Jahren der Arbeit und des Studiums. Ich konnte trinken, wann ich wollte, trinken, ohne berauscht zu werden, und obendrein war ich durch und durch überzeugt, keinen Geschmack daran zu haben. In dieser Periode trank ich aus genau demselben Grunde wie damals, als ich mit Scotty und dem Harpunierer und mit den Austernräubern gezecht hatte – um als Mann unter Männern zu leben. Und auch die prächtigen Abenteurer des Geistes tranken. Schön. Es gab keinen Grund, daß ich nicht mit ihnen trinken sollte – ich, der ich so sicher war, daß ich nichts von König Alkohol zu fürchten hatte.

Leider geschah es auch, daß ich im Vertrauen auf die lange frühere Übung und meine gefährliche Furchtlosigkeit Trinkwetten einging. Das geschah auf meinen verschiedenen Fahrten durch die Welt, und es war eine Sache des Stolzes. Ein merkwürdiger Männerstolz, der zum Trinken verleitet! Aber dieser Männerstolz ist Tatsache.

So lud mich zum Beispiel einmal eine wilde Bande junger Revolutionäre ein, mich als Ehrengast an einem Bierwetttrinken zu beteiligen. Dies war übrigens das einzige Bierwetttrinken, bei dem ich je zugegen gewesen bin. Als ich die Einladung annahm, wußte ich noch nicht, um was es sich handelte. Ich dachte an einen erregten Diskussionsabend, und daß vielleicht einige von ihnen mehr trinken würden, als sie vertragen konnten, und ich beschloß, selbst mäßig zu bleiben. Aber anscheinend waren diese Bierwetttrinken ein beliebter Zeitvertreib dieser begabten jungen Leute. Vielleicht wollten sie ihren Lebensüberdruß bekämpfen, indem sie sich selbst über ihr besseres Ich lustig machten. Wie ich später hörte, hatten sie ihren letzten Ehrengast, einen prächtigen jungen Radikalen, ungeübt im Trinken, glatt unter den Tisch gebechert.

Als ich die Situation verstand, erhob sich der merkwürdige Männerstolz in mir. Ich wollte es ihnen schon zeigen, diesen jungen Umstürzlern! Ich wollte ihnen zeigen, wer den besten Magen und den stärksten Kopf hatte, wer sich betrinken konnte, ohne daß man etwas merkte. Diese Kindsköpfe wollten mich unter den Tisch trinken, mich!

Wie man sieht, war es eine Frage der Ausdauer, und kein Mann wünscht, sich von einem andern den Rang ablaufen zu lassen. Pfui, Teufel! Es war Lagerbier. Ich hatte Besseres trinken gelernt. Seit Jahren hatte ich kein Lagerbier mehr getrunken; wenn aber, dann hatte ich mit Männern getrunken, und ich gedachte, diesen Lämmern zu zeigen, was Biertrinken heißt. Und das Trinken begann, und ich mußte mit den Besten von ihnen trinken. Einige blieben zurück, aber der Ehrengast durfte nicht passen!

Und all meine harten Nächte bei der schwelenden Lampe, alle Bücher, die ich gelesen, alle Weisheit, die ich gesammelt hatte, alles verschwand vor dem Affen und dem Tiger in mir, die aus dem Abgrund meiner ererbten Urinstinkte hervorschlichen, gierig und brutal, lüstern und darauf versessen, schmutziger als die Schweine zu sein.

Und als die Sitzung beendet war, stand ich noch auf den Beinen und ging, ohne zu taumeln – was ich von manchem meiner Wirte nicht sagen konnte. Ich weiß noch, wie einer von ihnen an der Straßenecke stand und vor Wut weinte, weil ich noch nüchtern war. Er ließ sich nichts von dem eisernen, durch lange Übung erworbenen Griff träumen, durch den ich mein schwindelndes Hirn im Zaume hielt, die Herrschaft über meine Muskeln bewahrte und meine Übelkeit überwand, meine Stimme klar und meine Gedanken zu Folgerichtigkeit und Logik zwang. Ja, und dabei amüsierte ich mich im stillen. Es war ihnen nicht geglückt, mich in diesem edlen Wettstreit zu besiegen. Und ich war stolz auf diese Leistung. Und, verdammt noch mal, ich bin heute noch stolz darauf! So sind die Männer!

Aber am nächsten Tage konnte ich meine hundert Zeilen nicht schreiben. Ich war krank, vergiftet. Es war ein elender Tag. Abends sollte ich einen Vortrag halten. Ich hielt ihn auch, aber ich bin überzeugt, daß er ebenso schlecht war, wie ich mich fühlte. Einige meiner Wirte vom Abend zuvor saßen in der ersten Reihe, um zu sehen, ob man mir etwas anmerkte. Ich weiß nicht, ob sie mir etwas anmerkten, aber ich merkte ihnen etwas an und fand einigen Trost in dem Bewußtsein; daß sie ebenso krank waren wie ich.

Nie wieder, schwor ich. Und ich habe nie wieder ein Bierwetttrinken mitgemacht. Es war die letzte Trinkerei dieser Art. Gewiß, ich habe beständig seither getrunken, aber klüger, vorsichtiger und nie um die Wette. So gewinnt der geübte Trinker seine Erfahrung.

Um zu zeigen, daß ich in dieser Periode meines Lebens wirklich nur aus Kameradschaftlichkeit trank, will ich berichten, wie ich mit der alten ›Teutonic‹ über den Atlantischen Ozean fuhr. Das Schicksal wollte, daß ich gleich nach der Abreise die Bekanntschaft eines englischen Kabelingenieurs und des Juniorchefs einer spanischen Reederei machte. Nun war das einzige Getränk, aus dem sie sich etwas machten, ›Pferdehals‹ – ein kühles, mildes Getränk, in dem Apfel- oder Apfelsinenschale schwamm. Und auf der ganzen Reise trank ich nur Pferdehälse mit meinen beiden Kameraden. Anderseits würde ich sicher Whisky getrunken haben, wenn sie es getan hätten. Man darf aber hieraus nicht etwa schließen, daß ich ein Waschlappen war. Ich machte mir nichts daraus. Moralische Bedenken hatte ich nicht. Ich war jung, stark und unerschrocken, und Alkohol war eine äußerst nebensächliche Frage für mich.

* * *

 

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