Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jack London >

König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
Schließen

Navigation:

So verließ ich Benicia, wo König Alkohol fast mit mir fertig geworden wäre, und zog weiter in die Welt hinaus, der verführerischen Lockung meines Innern nach. Aber wohin ich auch zog, überall war der Weg von Alkohol getränkt. Die Männer versammelten sich in den Kneipen. Das waren die Klubs der Armen, die einzigen, zu denen sie Zutritt hatten. Dort konnte ich Bekanntschaften machen. Ich konnte in die Kneipe gehen und mit jedermann sprechen. In fremden Orten und Städten, in die mich mein Weg führte, war die Kneipe die einzige Stätte, die sich mir gastlich öffnete. Sobald ich die Kneipe betrat, war ich kein Fremder mehr.

Und hier möchte ich einige Erfahrungen einschalten, die ich erst im letzten Jahre gemacht habe. Ich spannte vier Pferde vor einen leichten Wagen, nahm Charmian mit und durchstreifte drei und einen halben Monat lang die wildesten Berge von Kalifornien und Oregon. Jeden Morgen erledigte ich das schriftstellerische Pensum, das ich mir vorgenommen hatte. Wenn das getan war, fuhr ich weiter von Mittag bis in den Nachmittag hinein zum nächsten Halteplatz. Aber die Unregelmäßigkeit dieser Halteplätze in schwierigem Gelände erforderte, daß ich schon am Tage zuvor einen genauen Plan für Fahrt und Arbeit festsetzte. Ich mußte wissen, wann ich aufbrechen sollte, um wiederum zu berechnen, wann ich mit Schreiben beginnen mußte, damit das Pensum des Tages geschafft wurde. Gab es eine lange Fahrt, so mußte ich daher schon um fünf Uhr früh auf sein und schreiben. An andern Tagen, wenn der Weg kürzer war, brauchte ich erst um neun Uhr mit Schreiben anzufangen.

Aber wie sollte ich den Plan legen? Sobald ich in einer Ortschaft angekommen war und die Pferde in den Stall gebracht hatte, begab ich mich auf dem Wege vom Stall nach dem Hotel in irgendeine Kneipe. Das erste war natürlich, daß ich etwas trank – gewiß, ich trank, aber man darf nicht vergessen, daß ich es lediglich tat, um etwas zu erfahren. »Trinken Sie auch ein Glas«, sage ich zum Kellner, und wenn wir dann trinken, lege ich los und erkundige mich nach Wegen und Halteplätzen. »Warten Sie,« sagt der Kellner dann, »da ist der Weg über den Tarwater-Paß. Der ist gut. Ich bin vor drei Jahren drüben gewesen. Aber dieses Frühjahr war er gesperrt. Hören Sie, ich will Ihnen was sagen: Ich werde Jerry fragen –«, und der Kellner dreht sich um und wendet sich an einen Mann, der am Tische sitzt oder sich weiter hin an die Bar lehnt, und der Jerry, Tom oder Bill heißen mag. »Sag', Jerry, wie steht es mit dem Tarwater-Weg? Du warst ja vorige Woche drüben bei Wilkins.«

Und während Bill, Jerry oder Tom nun seinen Denk- und Sprechapparat in Bewegung setzt, schlage ich ihm vor, ein Glas mitzutrinken. Dann entsteht eine Diskussion über Wege, Haltestellen, Forellenbäche usw., immer mehr Leute beteiligen sich dann an dieser Diskussion, und den Abschluß bilden weitere Getränke.

Noch zwei oder drei Kneipen, und ich habe einen kleinen Schwips, aber ich weiß auch Bescheid über all und jeden in der Stadt und über die ganze Umgegend. Ich kenne die Rechtsanwälte, Redakteure, Geschäftsleute, Lokalpolitiker, die Gutsbesitzer, Jäger und Minenarbeiter, so daß Charmian, wenn wir abends durch die Hauptstraße schlendern, ganz verblüfft ist über die Zahl meiner Bekanntschaften in dieser vollkommen fremden Gegend.

Hier haben wir einen Dienst gesehen, den König Alkohol erweist, einen Dienst, durch den er seine Macht über die Menschen vermehrt. Und wohin ich auch in all diesen Jahren kam, überall fand ich das gleiche. Mochte es nun ein Kabarett im Quartier Latin, ein Café in einer obskuren italienischen Ortschaft, eine Schnapskneipe in einer Hafenstadt oder der Klub mit seinem Whisky-Soda sein, überall, wo König Alkohol herrschte, kam ich sofort mit den Leuten in Berührung und lernte Neues kennen. Und kommen einmal die guten Zeiten, da König Alkohol mit den andern Resten der Barbarei in die Verbannung gehen muß, dann müssen an Stelle der Kneipen andere Gelegenheiten geschaffen werden, wo die Menschen miteinander in Berührung kommen und etwas Neues erfahren können.

Aber zurück zu meiner Erzählung: Als ich Benicia den Rücken gekehrt, führte mein Weg mich wieder durch die Kneipe. Ich hatte mir immer noch keine Moraltheorie gegen das Trinken gebildet, aber der Geschmack aller Spirituosen war mir nach wie vor zuwider. Ich hatte eher ein achtungsvolles Mißtrauen gegen König Alkohol gefaßt, denn ich konnte immer noch nicht den Streich vergessen, den er mir gespielt hatte – mir, der ich nie den Wunsch gehabt hatte zu sterben. Ich trank daher weiter, beobachtete dabei aber König Alkohol scharf, fest entschlossen, jedem Selbstmordgedanken, der mich etwa beschleichen sollte, in Zukunft zu widerstehen. In fremden Städten schloß ich sofort neue Bekanntschaften in den Kneipen. Wenn ich umherstreifte und kein Geld für ein Nachtlogis hatte, war die Kneipe der einzige Ort, wo ich aufgenommen wurde und ein Plätzchen am Ofen erhielt. Ich konnte in eine Kneipe gehen, mich waschen, mein Zeug bürsten und mein Haar kämmen. Und die Kneipen lagen immer so verflucht bequem. Bei uns im Westen waren sie überall zu finden. Zu den Wohnungen fremder Menschen hatte ich keinen Zutritt; die waren mir immer noch verschlossen, an ihrem Herd gab es keinen Platz für mich. Kirchen und Geistliche sah ich nie, und da ich nichts von ihnen wußte, fühlte ich mich nicht von ihnen angezogen – außerdem waren sie nicht von einem Duft von Romantik, von spannenden Abenteuern umgeben. In ihrer Gesellschaft ereignete sich nichts; sie lebten und blieben stets an derselben Stelle, waren Sklaven des Wortes und der Systematisierung, klein, eng, beschränkt. Sie waren jeder Größe bar, besaßen nicht die leiseste Andeutung von Phantasie, nicht das geringste kameradschaftliche Gefühl. Und gerade die guten Kameraden, die munteren und ermunternden, die verwegenen und – wenn nötig – auch tollkühnen Männer waren es, die ich mir zu Gefährten wünschte – Gefährten, die hochherzig und edelmütig waren, keine Hasenherzen.

Und dies ist eine neue Anklage gegen König Alkohol. Gerade die besten Kameraden holt er sich – die Feuerköpfe, die Größe und Wärme und die edelsten der menschlichen Schwächen besitzen. Und König Alkohol erstickt ihr Feuer, untergräbt ihre Tatkraft, und wenn er sie nicht gleich vernichtet und zu Narren macht, vergröbert und verrät er sie, entstellt und verkrüppelt er die ursprüngliche Güte und Feinheit ihrer Natur.

Ich spreche aus reicher Erfahrung – der Himmel bewahre euch vor den großen Haufen der Durchschnittsmenschen, vor denen, die nicht gute Kameraden sind, die kalten Herzens und kalten Verstandes sind, die weder rauchen, noch trinken, noch fluchen, die keiner kühnen Tat der Leidenschaft, der Liebe und des Hasses fähig sind, weil ihre schwachen Nerven nie den Stachel, das Feuer des Lebens spürten, dieses Feuer, das sie über alle Grenzen hinaus treibt und teuflisch und kühn macht. Diese Leute trifft man nicht in den Kneipen, sie ziehen nicht freudig in den Kampf um verlorene Güter, lodern nicht auf den Pfaden des Abenteuers und lieben nicht wie die trunkenen, tollen Lieblinge Gottes. Sie kennen nur die Sorge für ihre trockenen Füße, sie achten ängstlich auf ihren Herzschlag und schaffen sich ohne einen Funken von Liebe in ihrem kleinlichen Herzen durch ihre geistige Mittelmäßigkeit kleine Triumphe.

Aber darum ist meine Anklage gegen König Alkohol so schwer und wuchtig. Denn gerade die guten Kameraden, die wertvollen, die Burschen mit der Schwäche allzu großer Kraft, die geistreichen, feurigen und von prachtvoller Tollheit entflammten, gerade die verführt und verdirbt er am liebsten. Selbstverständlich vernichtet er Schwächlinge; aber mit denen beschäftigen wir uns hier nicht. Ich behaupte, daß es gerade die Besten von uns sind, die König Alkohol vernichtet. Und der Grund, daß diese Besten vernichtet werden, ist der, daß König Alkohol an jeder Straße und jedem Wege mit offenen Armen unter dem Schutz der Gesetze und achtungsvoll von der Polizei gegrüßt steht, daß er jeden anspricht und ihn an der Hand dorthin führt, wo die guten Kameraden und die verwegenen Burschen sich treffen und stark trinken. Räumte man König Alkohol aus dem Wege, diese waghalsigen Burschen würden dennoch geboren, und dann würden sie Großtaten verrichten, statt wie jetzt zugrunde zu gehen.

Überall traf ich die Kameradschaft trinkend. Ich gehe das Eisenbahngleis entlang zum Wassertank, um mich dort hinzulegen und auf einen Güterzug zu warten, und ich treffe eine Bande Trunkenbolde von der Sorte, die alles bis zum Brennsprit hinunterspülen. Sofort werde ich willkommen geheißen und in die Brüderschaft aufgenommen. Man reicht mir eine Branntweinflasche, und bald darauf bin ich von der allgemeinen Heiterkeit angesteckt, die Fliegen schwirren durch mein Hirn, und König Alkohol flüstert mir ins Ohr, wie herrlich dies Leben doch ist, daß wir alle prachtvolle Menschen sind – freie Seelen, die sich wie sorglose Götter im Grase wälzen und die ganze konventionelle, fertig zugeschnittene Welt zum Teufel wünschen.

*

Als ich von meinen Wanderungen wieder nach Oakland zurückgekehrt war, nahm ich das Leben am Wasser und die Kameradschaft mit Nelson wieder auf, der jetzt immer an Land war und verrückter als je lebte. Auch ich vergeudete mit ihm meine Zeit an Land, und nur gelegentlich war ich ein paar Tage auf der Bucht und half auf einem zu schwach bemannten Leichter aus. Die Folge war, daß ich tatsächlich in den Kneipen lebte und von morgens bis abends dort zu finden war.

In wenigen Monaten sollte ich mein siebzehntes Lebensjahr vollenden; jeden Gedanken an feste Arbeit wies ich mit Verachtung weit von mir. Ich hielt mich für den zähesten unter diesen doch wahrlich zähen Männern, und fast noch ein Knabe, der freilich nie eine rechte Kindheit gehabt, war ich in dieser Zeit altkluger Männlichkeit von harter, schmerzvoller Weisheit erfüllt. Obwohl ich noch nie die Liebe eines Weibes kennengelernt hatte, war ich doch in solche Tiefen gedrungen, daß ich meiner festen Überzeugung nach das letzte Wort von Leben und Liebe zu kennen glaubte. Und das war kein angenehmes Wissen. Ohne Pessimist zu sein, war ich mir vollkommen klar darüber, daß das Leben arm und wertlos sei.

Die früheren Schärfen und Spitzen meines Geistes stumpften ab. Die Neugier verließ mich. Was ging es mich an, was auf der andern Seite der Welt geschah? Männer und Frauen dort glichen zweifellos ganz denen, die ich hier kannte. Und bis zur andern Seite der Welt war ein weiter Weg; zu weit, um einen Trunk dafür zu opfern. Hier brauchte ich nur um die Ecke zu Joe Vigy zu gehen und bekam alles, was ich wünschte. Und Johnny Heinhold hatte immer noch die ›Letzte Chance‹.

Die lockende Stimme des Lebens wurde immer undeutlicher, je mehr mein Geist und mein Körper erschlafften. Die alte Unrast meines Blutes entschlummerte. Es war gleich, ob ich hier in Oakland oder anderswo verkam und starb. So wäre ich auch beinahe verkommen und gestorben – und in dem Tempo, das König Alkohol einschlug, hätte es nicht lange gedauert. Ich lernte, was Appetitlosigkeit ist. Ich lernte, was es heißt, des Morgens wankend, mit zitterndem Magen und starren Fingern aufzustehen, vom Drange des Säufers nach einem Glase trockenen Whiskys gefoltert, um nur auf die Beine zu kommen. König Alkohol ist ein wunderlicher Zauberer. Er verleiht Kräfte mit dem vernichtenden Gift!

Eines freilich wurde mir klar, daß selbst meine prächtige Konstitution Grenzen hatte. In einer oder zwei kurzen Stunden war ich bisweilen erledigt. König Alkohol triumphierte über meinen starken Kopf, meine breiten Schultern und meinen tiefen Brustkasten, er zwang mich auf den Rücken – mein Leben hing an seinem teuflischen Griff ...

Ich saß mit Nelson im Oberlandhaus. Es war noch früh am Abend, und der einzige Grund, daß wir da saßen, war neben dem Umstand, daß Wahltag war, die Tatsache, daß wir kein Geld hatten. Am Wahltage kommen nämlich die Lokalpolitiker, die Anwärter auf Ämter, in die Kneipen, um Wähler zu gewinnen und freizuhalten. Man sitzt mit trockener Kehle an einem Tisch und wartet darauf, daß einer kommt und zum Trinken einladet, oder überlegt, wenn man in einer andern Kneipe noch Kredit hat, ob es den weiten Weg dorthin lohnt. Plötzlich wird die Tür der Wirtschaft weit aufgerissen, und eine Schar gutgekleideter Männer strömt herein, sofort eine Atmosphäre von Wohlwollen und Kameradschaftlichkeit ausstrahlend.

Sie haben Lächeln und Gruß für jedermann – selbst für dich, der sein Glas Bier nicht bezahlen kann, ja selbst für den ängstlichen Landstreicher, der im Winkel lauert und gar kein Stimmrecht hat. Und wenn diese Politiker die Türen weit öffnen und breitschultrig, breitbrüstig und mit den dicken Bäuchen der Optimisten und Herren des Lebens hereinkommen, ja, dann lebt man auf. Dann keimt die Hoffnung, daß es doch noch ein warmer Abend wird und man wenigstens ein paar Glas Bier kriegt. Und – wer weiß? Vielleicht sind die Götter dir freundlich gesinnt; ein Glas folgt dem andern, und die Nacht endet in Glanz und Pracht. Und das nächste ist, daß du am Schenktisch stehst, Getränke durch die Kehle gießt und die Namen der Herren und die Ämter, die sie erstreben, erfährst.

In dieser politischen Periode aber erhielt ich eine bittere Lehre und verlor ein gut Teil meiner Illusionen – ich, der ich bebend vor Aufregung den ›König der Ausbrecher‹ und ›Vom Waisenknaben zum Präsidenten‹ studiert hatte. Ja, ich lernte, wie vornehm Politik und Politiker sind.

In dieser Nacht saßen also Nelson und ich, ohne Geld, durstig, aber mit dem Vertrauen des Trinkers, doch noch unerwartet zu einem Glase zu kommen, im Oberlandhaus und warteten, daß irgend jemand auftauchen sollte, in erster Reihe natürlich ein Politiker. Und da trat Joe Goose ein – er mit dem unlöschlichen Durst, den schalkhaften Augen, der schiefen Nase und der geblümten Weste.

»Los, Jungens – Freibier – soviel ihr wollt. Ohne euch geht's nicht.«

»Wo?« erkundigten wir uns.

»Los! Das erzähl' ich euch unterwegs. Wir haben keine Minute zu verlieren.« Und als wir schleunigst hinausliefen, erklärte Joe Goose: »Es ist die Hancock-Feuerwehr. Ihr habt nichts weiter zu tun, als ein rotes Hemd anzuziehen, einen Helm aufzusetzen und eine Fackel zu tragen. Wir fahren mit einem Extrazug zur Parade nach Haywards.«

Ich glaube, es war Haywards, aber es kann auch San Leandro oder Nildes gewesen sein. Und ich weiß auch nicht mehr genau, ob die Hancock-Feuerwehr eine demokratische oder republikanische Einrichtung war. Aber wie dem auch sein mag, so brauchten jedenfalls die Politiker, die damit zu tun hatten, Fackelträger, und jeder, der die Parade mitmachte, konnte sich so vollsaufen, wie er wollte. »Überall gibt es was –« fuhr Joe Goose fort. »Schnaps? Wird in Strömen fließen, als wäre es Wasser. Die Politiker haben die ganzen Vorräte in den Wirtschaften aufgekauft. Wir brauchen nichts zu bezahlen. Ihr braucht nur hineinzugehen und zu sagen, was ihr haben wollt.«

In der Feuerwehrhalle an der Achten Straße beim Broadway bekamen wir die Hemden und Helme, wurden mit Fackeln ausgestattet und murrend, weil wir nicht ein einziges Glas zu trinken bekamen, zur Bahn gebracht. Oh, diese Politiker hatten nicht das erstemal mit Leuten unseres Schlages zu tun. In Haywards gab es auch nichts zu trinken. Erst die Parade, verdient euch euern Schnaps! lautete die Parole.

Wir hielten die Parade ab. Dann wurden die Kneipen geöffnet. Extrakellner waren angestellt, und die Trinker standen in sechs Reihen vor den schmutzigen, besudelten Schenktischen. Es war keine Zeit, die Schenktische abzuwischen, die Gläser auszuwaschen oder irgend etwas zu tun, außer einzuschenken.

Diese Methode, Queue zu stehen und sich vorn um die Gläser zu reißen, ging uns zu langsam. Die Getränke gehörten uns. Die Politiker hatten sie für uns gekauft. Hatten wir nicht die Parade abgehalten und sie uns sauer verdient, wie? So machten wir denn einen Flankenangriff auf den Schenktisch, schoben die protestierenden Kellner beiseite und versorgten uns selbst mit Flaschen.

Draußen brachen wir den Flaschen die Hälse am Straßenpflaster und tranken. Nun hatten Joe Goose und Nelson gelernt, vorsichtig zu sein, wenn es um trockenen Whisky in größeren Mengen ging. Das hatte ich leider nicht. Ich war immer noch in dem Irrtum befangen, daß man alles trinken müßte, namentlich wenn es nichts kostete. Wir teilten den Inhalt unserer Flaschen mit andern, tranken selbst auch ein Teil, und ich selbst am allermeisten. Ich trank, wie ich mit fünf Jahren Bier, mit sieben Wein getrunken hatte; unaufhörlich, aber mit Widerwillen. Ich beherrschte meinen Ekel und schluckte es wie Medizin. Und wenn wir neue Flaschen haben wollten, gingen wir eben in andere Kneipen, wo es auch nichts kostete, und bedienten uns selbst.

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wieviel ich getrunken hatte – es konnten zwei Liter sein, oder auch fünf.

Die Politiker waren indessen zu klug, als daß sie die ganze Stadt voller betrunkener Seeleute aus Oakland gelassen hätten. Als die Fahrzeit der Züge kam, wurden wir in den Kneipen zusammengelesen. Schon fühlte ich die Wirkung des Whiskys. Nelson und ich wurden aus einer Kneipe hinausgeworfen und sahen uns gleich darauf im letzten Glied einer sehr ungeordneten Heerschar. Ich taumelte heldenmütig vorwärts, mit immer mehr schwindendem Bewußtsein, mit wankenden Beinen, schwindelndem Kopf, hämmerndem Herzen und keuchenden Lungen.

Meine Hilflosigkeit überkam mich so schnell und plötzlich, daß mein schwindelndes Hirn mir sagte, wenn ich im letzten Gliede bliebe, würde ich unterwegs liegenbleiben und nie zur Bahn kommen. Ich verließ daher meinen Platz und lief unter schattigen Bäumen neben dem Wege weiter. Nelson folgte mir, aus vollem Halse lachend. Gewisse Einzelheiten sind mir wie Alpdrücken im Gedächtnis geblieben. Ganz besonders erinnere ich mich der Bäume und meines verzweifelten Laufens unter ihnen, und wie jedesmal, wenn ich hinfiel, ein brausendes Gelächter die Reihen der andern Betrunkenen durchlief. Sie glaubten, ich hätte nichts als einen tüchtigen Rausch. Sie ließen sich nicht träumen, daß König Alkohol mich mit einem tödlichen Griff an der Kehle gepackt hatte. Aber ich wußte es. Ich erinnere mich noch der Bitterkeit, die mich erfüllte, als ich erkannte, daß ich mit dem Tode kämpfte, und daß die andern nichts davon ahnten. Mir war, als ertränke ich vor den Augen von Zuschauern, die glaubten, daß ich ihnen nur etwas zu ihrer Unterhaltung vorspielte.

Und während ich unter den Bäumen dahinlief, fiel ich hin und verlor das Bewußtsein. Was dann geschah, weiß ich, mit Ausnahme eines undeutlichen Schimmers, nur aus dem, was mir später erzählt wurde. Nelson hob mich mit seinen mächtigen Kräften auf und schleppte mich mit zum Zuge. Trotz seines eigenen Rausches sah er, daß es schlecht um mich stand. Und ich weiß jetzt, daß ich dem Tode niemals näher gewesen bin, als gerade in diesem Augenblick.

Ich verbrannte innerlich und röchelte nach Luft. Ich hatte einen wahnsinnigen Drang nach Luft, aber mein Versuch, das Fenster zu öffnen, war vergeblich, weil alle Fenster im Zuge festgeschraubt waren. Nelson hatte Leute gesehen, die im Rausch wahnsinnig geworden waren, und er glaubte, daß ich mich zum Fenster hinausstürzen wollte. Er versuchte mich zurückzuhalten, aber ich schlug um mich. Ich riß einem andern die Fackel aus der Hand und schlug die Scheibe ein.

Nun gab es unter uns Parteien für und wider Nelson, und berauschte Mitglieder beider Parteien füllten den Wagen. Als ich die Scheibe zerschlug, war das ein Signal für die Gegenpartei. Einer von ihnen langte nach mir aus und streckte mich zu Boden, und damit begann der Kampf, von dem ich nichts weiß, außer dem, was mir hinterher erzählt wurde. Der Mann, der mich schlug, fiel über mich, Nelson folgte ihm, und bei dem jetzt beginnenden Gefecht ging der Wagen in Trümmer.

Die Schlacht war geschlagen, man hob mich auf – aber ich kam noch nicht zu mir. Ich habe keine Erinnerung an das, was ich tat, aber ich schrie so anhaltend ›Luft! Luft!‹, daß es schließlich selbst Nelson klar wurde, daß ich nicht an Selbstmord dachte. Daher entfernte er die Scherben der zerbrochenen Scheibe aus dem Fensterrahmen und ließ mich Kopf und Schultern hinausstrecken. Er erkannte den Ernst meines Zustanden und hielt mich fest um den Leib, um zu verhindern, daß ich hinausfiel. Und den Rest der Fahrt bis nach Oakland hielt ich Kopf und Schultern zum Fenster hinaus und kämpfte wie ein Wahnsinniger dagegen an, so oft mich einer hineinzuziehen versuchte.

Und jetzt begann es in meinem Bewußtsein zu dämmern. Meine einzige Erinnerung von dem Augenblick, als ich unter den Bäumen hinfiel, bis zu meinem Erwachen am nächsten Abend ist, wie ich meinen Kopf zum Fenster hinaushielt, das Gesicht gegen den Luftzug gekehrt, den die Fahrt des Zuges verursachte. Mein ganzer Wille konzentrierte sich darauf, Luft zu schöpfen. Es ging auf Leben und Tod, ich war Schwimmer und Taucher und wußte das. Selbst in den furchtbarsten Erstickungsanfällen war ich mir hierüber klar, und wandte das Gesicht daher gegen Zug und Kohlenstaub und atmete ums Leben.

Alles andere ist Finsternis. Ich kam zu mir am nächsten Abend in einem Logishaus am Strande. Ich war allein. Einen Arzt hatte man nicht gerufen. Und ich hätte dort gut sterben können, ohne jede Hilfe, denn Nelson und die andern meinten, ich schliefe nur meinen Rausch aus, und hatten mich hier siebzehn Stunden in einer Art Starrkrampf liegenlassen.

Jedem Arzt ist es bekannt, daß mancher an der plötzlichen Wirkung von einem Liter Whisky oder mehr gestorben ist. Gewöhnlich liest man von Trinkern, die infolge einer Wette auf diese Art ums Leben gekommen sind. Aber ich wußte es damals noch nicht. Jetzt erst lernte ich es. Wieder hatte meine Konstitution über König Alkohol triumphiert.

Zum zweitenmal entging ich somit dem Tode, schleppte mich durch einen neuen Morast und erwarb mir mit Lebensgefahr die Vorsicht, die mich befähigte, mit größerer Klugheit noch viele Jahre lang zu trinken.

Lieber Himmel! Das ist jetzt zwanzig Jahre her, und ich bin immer noch sehr lebendig; ich habe viel gesehen, viel getan, viel erlebt in der dazwischenliegenden Reihe von Jahren. Und mir graust, wenn ich daran denke, wie dicht das Messer mir an der Kehle saß, wie wenig gefehlt hätte, daß ich das herrliche Vierteljahrhundert verlor, das nun mein ist. Und es war wirklich nicht König Alkohols Schuld, daß er nicht in jener Nacht mit mir fertig wurde, als ich zur Hancock-Feuerwehr gehörte.

*

Früh im Winter des Jahres 1892 beschloß ich, zur See zu gehen. Mein Erlebnis mit der Hancock-Feuerwehr hatte nur sehr wenig damit zu tun. Ich trank immer noch und besuchte die Kneipen – lebte eigentlich in der Kneipe. Whisky war meiner Meinung nach zwar gefährlich, aber nichts Schlimmes. Er war nicht gefährlicher als andere Dinge in dieser Welt. Männer starben an Whisky, aber es waren ja auch schon Fischer gekentert und ertrunken, Vagabunden vom Zuge überfahren und in Stücke geschnitten. Wollte man sich mit Wind und Wogen, mit Eisenbahnen und Kneipen messen, so mußte man seinen Verstand gebrauchen. Nach Männerart zu trinken, war ganz in Ordnung, aber man mußte es mit Vorsicht tun. Literweise wollte ich den Whisky nicht mehr versuchen.

Was mich besonders dazu bestimmte, war die erste Vision des Weges, auf dem König Alkohol seine Untertanen zum Tode führt. Es war zwar keine deutliche Erkenntnis, es waren zwei Phasen, die ineinander übergingen. Wenn ich meine Kameraden beobachtete, fiel mir auf, daß das Leben, das wir führten, vernichtender war als das anderer Männer. Indem König Alkohol die Moral untergrub, förderte er das Verbrechen. Überall sah ich Betrunkene Dinge tun, die sie sich nüchtern nicht hätten träumen lassen. Und das war noch nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste war die Strafe, die bezahlt werden mußte. Verbrechen war vernichtend. Kneipenbesucher, mit denen ich trank, die nüchtern gute Kameraden und harmlose Menschen waren, taten in der Trunkenheit die wildesten, unberechenbarsten Dinge.

Und dann kriegte die Polizei sie am Kragen, und sie verschwanden aus unserm Gesichtskreis. Zuweilen besuchte ich sie im Untersuchungsgefängnis und sagte ihnen Lebewohl, ehe sie die Reise über die Bucht antraten, um die gestreifte Tracht anzuziehen. Und immer wieder hörte ich denselben Ruf: »Wäre ich nicht betrunken gewesen, so hätte ich es nie im Leben getan.« Und manchmal waren im Bann König Alkohols die furchtbarsten Dinge verübt worden – Dinge, die sogar meine verhärtete Seele vor Entsetzen erstarren ließen.

Die andere Phase des Todesweges war die der Gewohnheitstrinker, die ohne besonderen Anlaß um die Ecke gingen. Wurden sie krank, so waren sie einfach erledigt, wenn ihre Krankheit auch so unbedeutend war, daß jeder gewöhnliche Sterbliche ohne weiteres durchkam. Manchmal wurden sie unerwartet tot in ihrem Bett gefunden; gelegentlich wurden ihre Leichen aus dem Wasser gezogen; und zuweilen begegnete ihnen ein einfacher Unglücksfall, wie Bill Kelley, dem beim Löschen ein Finger abgeschnitten wurde, weil er betrunken war, was unter diesen Umständen ebensogut mit seinem Kopf hätte geschehen können.

Ich überdachte meine Lage und kam zu der Erkenntnis, daß ich einen schlechten Lebensweg eingeschlagen hatte. Er führte schneller zum Tode, als meiner Jugend und meiner Lebenslust angemessen war. Und es gab nur noch die eine Möglichkeit, dieser gefährlichen Lebensweise zu entgehen: fortzuziehen.

Die Robbenfängerflotte überwinterte in der Bucht von San Francisco, und in den Kneipen traf ich Schiffer, Maate, Jäger, Bootsmänner und Matrosen. Ich traf den Robbenjäger Peter Holt und verabredete mit ihm, daß ich mich als Matrose auf seinem Schoner anheuern lassen würde. Und ich mußte gleich ein halbes Dutzend Gläser mit Peter Holt genehmigen, um das Abkommen zu besiegeln.

Und auf einmal erwachte all meine alte Unrast, die König Alkohol so lange eingeschläfert hatte. Ich fand mich in diesem Augenblick von dem Leben im Oaklander Hafen angewidert und verstand deshalb nicht, was ich je Verlockendes darin gefunden hatte.

Ich begann zu fürchten, daß mir etwas zustoßen würde, ehe es fortging, da die Ausreise erst auf den Januar festgesetzt war. Deshalb lebte ich umsichtiger, trank weniger und blieb häufiger daheim. Wenn das Gelage zu wild wurde, entfernte ich mich: wenn Nelson seine Tollheitsanfälle hatte, mied ich ihn.

Am 12. Januar 1893 wurde ich siebzehn Jahre alt, und am 20. Januar unterschrieb ich beim Heuerbas den Kontrakt mit dem Schiffer der ›Sophie Sutherland‹, einem Dreimastschoner, der nach der japanischen Küste bestimmt war. Und das mußten wir natürlich begießen. Joe Vigy gab mir Vorschuß, Peter Holt gab aus, ich gab aus, Joe Vigy gab aus, und andere Jäger ebenfalls. Nun ja, das war Männerart, und wie konnte ich, der eben Siebzehnjährige, es anders machen als diese prachtvollen, derben, erwachsenen Männer?

*

Auf der ›Sophie Sutherland‹ gab es nichts zu trinken, und wir hatten eine herrliche einundfünfzigtägige Fahrt auf der südlichen Route nach den Bonin-Inseln. Diese isolierte Gruppe, die Japan gehört, war zum Treffpunkt für die kanadische und amerikanische Robbenfängerflotte gewählt worden. Hier füllten sie ihre Wasserbehälter und reparierten, ehe sie zu ihrer hunderttägigen Jagd auf die Robbenherden die Nordküste von Japan entlang bis zum Beringmeer aufbrachen.

Diese prachtvolle einundfünfzigtägige Fahrt und die strenge Enthaltsamkeit hatten mich in glänzende Verfassung gebracht. Der Alkohol war aus meinem Körper herausgearbeitet, und von dem Augenblick an, da die Reise begann, hatte ich keinen Drang nach Trinken mehr verspürt. Ich zweifle, daß ich je auch nur an Trinken dachte. Oft drehte sich natürlich das Gespräch auf dem Vorderkastell um Trinken, und die Leute erzählten von seltsamen oder lustigen Gelagen oder erinnerten sich ihrer Räusche mit Vergnügen und größerem Entzücken als aller sonstigen Begebenheiten in ihrem abenteuerlichen Leben.

Der älteste Mann unter uns in der Back war Louis, ein dicker Fünfzigjähriger. Er war ein heruntergekommener Schiffer. König Alkohol hatte ihn auf dem Gewissen, und er beendete seine Laufbahn dort, wo er sie begonnen hatte: auf dem Vorderkastell. Sein Schicksal machte einen tiefen Eindruck auf mich. König Alkohol konnte also noch anderes als einen Mann töten. Er hatte Louis nicht getötet. Er hatte noch etwas viel Schlimmeres getan. Er hatte ihm Kraft, Stellung und Behaglichkeit geraubt, seinen Stolz ans Kreuz geschlagen und ihn zur schweren Arbeit eines gemeinen Matrosen verurteilt, und das sollte dauern, solange seine Gesundheit hielt, also aller Voraussicht nach noch sehr lange. Unsere Fahrt durch den Stillen Ozean ging zu Ende, wir sichteten die vulkanischen, bewaldeten Berge der Bonin-Inseln, fuhren durch die Riffe in den geschützten Hafen und ließen den Anker hinunterrasseln zwischen zwei Dutzend unseresgleichen. Der Duft der fremdartigen Vegetation wehte uns von dem tropischen Lande an. Eingeborene in sonderbaren Auslegerkanus und auch Japaner in noch sonderbareren Sampans kamen über die Bucht gepaddelt und kletterten an Bord. Es war das erste fremde Land, das ich kennenlernte; ich hatte die andere Seite der Welt erreicht, und nun wollte ich sehen, ob alles, was in den Büchern stand, stimmte. Ich brannte darauf, an Land zu kommen.

Victor, ein Schwede, Axel, ein Norweger, und ich wollten zusammenhalten. Und wir hielten tatsächlich derart zusammen, daß wir für den Rest der Reise nur ›die drei lustigen Gesellen‹ hießen. Victor machte einen Pfad ausfindig, der in einer wilden Schlucht verschwand, auf einer bloßen Lavastelle wieder auftauchte und darauf, immer höher klimmend, zwischen Palmen und Blumen wieder verschwand und wieder zum Vorschein kam. Er schlug vor, daß wir diesen Weg einschlagen sollten, und wir waren einverstanden und freuten uns, daß wir die herrliche Szenerie und Eingeborenendörfer sehen und schließlich Gott weiß was für Abenteuer erleben sollten. Axel wollte gern fischen. Und damit waren wir auch alle drei einverstanden. Wir wollten einen Sampan und ein paar japanische Fischer, die die Fischgründe kannten, mieten, und es sollte großartig werden. Mir war alles recht.

Und als wir nun unsern Plan gemacht hatten, ruderten wir über Riffe lebender Korallen an Land und zogen das Boot auf den weißen Strand aus Korallensand. Wir wanderten über den Strandstreifen unter Kokospalmen nach der kleinen Ortschaft und trafen dort mehrere Hundert losgelassener Seeleute aus aller Welt, die mächtig tranken, mächtig sangen und mächtig tanzten – und das alles mitten auf der Hauptstraße, zum Ärger der hilflosen japanischen Polizisten.

Victor und Axel meinten, daß wir ein Glas trinken müßten, ehe wir unsere lange Wanderung begännen. Konnte ich es abschlagen, mit diesen beiden tüchtigen Burschen zu trinken? Zusammen zu trinken, das Glas in der Hand, heißt die Kameradschaft besiegeln. Das war Lebensart. Unser Kapitän wurde ausgelacht und verspottet, weil er Antialkoholiker war. Ich hatte nicht die geringste Lust zum Trinken, aber ich wollte ein ordentlicher Kerl und ein guter Kamerad sein. Auch das Schicksal Louis' schreckte mich nicht, als ich das beißende, brennende Getränk die Kehle hinuntergoß. König Alkohol hatte Louis traurig zu Fall gebracht, aber ich war jung. Mein Blut floß heiß und rot; ich hatte eine eiserne Konstitution – und die Jugend lacht stets höhnisch über alte Wracks.

Es war ein sonderbarer, starker Alkohol, den wir tranken. Keiner wußte, wie und wo er fabriziert war – vermutlich war es irgendein Gebräu der Eingeborenen. Aber es war heiß wie Feuer, klar wie Wasser und wirkte schnell wie ein Schlagfluß. Er befand sich in vierkantigen Flaschen, in denen früher holländischer Genever gewesen war und die noch die Aufschrift ›Ankerbrand‹ trugen. Und es ist nicht zu bestreiten, daß er uns verankerte. Wir kamen nie aus der Stadt heraus. Wir fischten nie im Sampan. Und obwohl wir zehn Tage dablieben, betraten wir doch nie jenen wilden Pfad zwischen Lavaklippen und Blumen.

Wir trafen alte Bekannte von den andern Schonern, Burschen, denen wir vor der Ausfahrt in den Kneipen von San Francisco begegnet waren. Und jede Begegnung bedeutete ein Gelage; es gab so viel, über das wir uns aussprechen mußten; und wieder trinken; und Lieder, die gesungen werden mußten; und lustige Streiche, die verübt werden mußten, bis die Würmer der Einbildungskraft zu kriechen begannen und mir alles groß und wunderbar erschien; diese lustigen, verwitterten Seebären, die hier am Korallenstrande zum Gelage versammelt waren, und zu denen ich jetzt gehörte. Alte Märchenbilder von Rittern an der Tafel im großen Bankettsaal, und von schmausenden Wikingern, die soeben kampfbereit vom Meere gekommen waren, kamen mir in den Sinn; und ich wußte, daß die alten Zeiten nicht tot waren, und daß wir selbst jenem alten Geschlecht angehörten.

Mitten in der Nacht wurde Victor toll vom Trinken und wollte sich mit all und jedem schlagen. Ich habe seither in den Zellen von Irrenanstalten Wahnsinnige gesehen, die sich in keiner Weise anders benahmen als Victor damals, höchstens daß er es noch ärger trieb. Axel und ich traten als Friedensvermittler dazwischen, erhielten im Gedränge manchen Schlag und Stoß, aber es gelang uns schließlich, mit unendlicher Vorsicht und Schlauheit, unsern Genossen ins Boot zu locken und an Bord des Schoners zu rudern.

Aber kaum hatte Victors Fuß das Deck berührt, als er das ganze Schiff auf den Kopf zu stellen begann. Er hatte Viermännerstärke und lief damit Amok. Ich entsinne mich namentlich eines Mannes, den er zu fassen bekam; er schlug nach ihm mit vernichtenden Schlägen, aber er schlug immer vorbei. Der Mann drehte und duckte sich, und Victor zerbrach sich die Knöchel beider Fäuste an den schweren Gliedern der Ankerkette. Als wir ihn endlich fortbekamen, schlug seine Tollheit um, und nun glaubte er, ein großer Schwimmer zu sein. Im nächsten Augenblick war er über Bord und bewies seine Fertigkeit, indem er wie eine kranke Schildkröte zappelte und viel Salzwasser schluckte.

Wir zogen ihn heraus, und als wir ihn endlich entkleidet und in seine Koje geschafft hatten, waren wir selber wie zerbrochen.

Aber Axel und ich hatten uns nun einmal vorgenommen, daß wir die Stadt sehen wollten, und fort zogen wir und ließen Victor schnarchend zurück. Komisch war übrigens das Urteil, das Victors Schiffskameraden, die selber tranken, über ihn fällten. Sie schüttelten mißbilligend die Köpfe und murmelten: »Solche Leute sollen nicht trinken.« Nun war Victor der tüchtigste Matrose und der beste Kamerad im Vorderkastell. Er war in jeder Beziehung ein prachtvoller Seemannstyp; seine Kameraden erkannten seinen Wert an, achteten ihn und hatten ihn gern. Und doch verwandelte König Alkohol ihn in einen gefährlichen Tollen. Und das meinten diese Trinker. Sie wußten, daß Trinken – und Seeleute übertreiben das Trinken immer – sie zwar toll machte, aber doch immer nur in erträglichem Maße. Diese wüste Tollheit war verwerflich, weil sie andern das Vergnügen verdarb und oft wie ein Trauerspiel endete. Von ihrem Standpunkt aus war gegen erträgliche Tollheit nichts einzuwenden. Aber ist vom Standpunkt der ganzen menschlichen Rasse aus nicht jede Tollheit verwerflich? Und wer schafft mehr Tollheit aller Art als König Alkohol?

Wieder an Land, in aller Gemütlichkeit in einem japanischen Vergnügungs-Etablissement, verglichen Axel und ich unsere Beulen und erörterten bei einem angenehmen Trunk die Begebenheiten des Tages. Die Milde des Getränkes gefiel uns, und wir bestellten uns ein zweites Glas. Ein Kamerad trat ein, mehrere kamen hinzu, und wir tranken immer mehr von diesem milden Getränk. Als wir zuletzt ein japanisches Orchester engagiert hatten und die ersten Töne der Samisen und Taikos erklangen, ertönte von der Straße ein wildes Geheul durch die Papierwände. Wir erkannten es. Noch heulend, alles, was Türen hieß, verachtend, brach Victor mit blutunterlaufenen Augen, mit den muskulösen Armen wild um sich schlagend, durch die dünnen Wände. Die Amokraserei war wieder über ihn gekommen, und er wollte Blut sehen, Menschenblut. Das Orchester flüchtete, und wir taten das gleiche. Wir liefen durch die Türen und mitten durch die Papierwände ...

Und als das Lokal halb zerstört war und wir uns verpflichtet hatten, den angerichteten Schaden zu bezahlen, ließen wir Victor teilweise bezwungen und mit Symptomen eines kommenden Starrkrampfes zurück, und Axel und ich machten uns auf die Suche nach einem ruhigeren Ort, um unser Gelage fortzusetzen. Die Hauptstraße war wie ein Tollhaus. Hunderte von Matrosen tobten hier in wilder Ausgelassenheit. Da der Polizeidirektor mit seiner kleinen Macht ganz hilflos war, hatte der Gouverneur der Kolonie den Kapitänen Order gegeben, daß alle Mannschaften vor Sonnenuntergang an Bord sein sollten.

Wie! Sollte man sich das gefallen lassen? Als diese Neuigkeit auf den Schonern bekannt wurde, waren sie im Augenblick verlassen. Alle Mann gingen an Land. Leute, die gar nicht die Absicht gehabt hatten, an Land zu gehen, kletterten jetzt in die Boote. Es war bereits mehrere Stunden nach Sonnenuntergang, und die Männer wollten sehen, wer es wagen würde, sie an Bord zu bringen. Vor dem Hause des Gouverneurs sammelten sie sich in dichten Scharen, grölten Seemannslieder, ließen vierkantige Flaschen herumgehen und tanzten wilde Virginia-Reels und alte Volkstänze. Die Polizei stand mit allen Reserven in kleinen Gruppen bereit und wartete auf den Befehl, den zu geben der Gouverneur aber doch klugerweise vermied. Ich fand diese Saturnalien großartig. Es war, als wären die alten Tage der spanischen Seeherrschaft wiedergekehrt. Das war Freiheit, das waren Abenteuer! Und ich nahm teil daran, ein echter Seeräuber unter andern Seeräubern – zwischen japanischen Papierhäusern.

Der Gouverneur erteilte den Befehl zur Räumung der Straßen auch später nicht, und Axel und ich wanderten weiter von einem Gelage zum andern. Aber eines Tages, als ich selbst nicht mehr ganz nüchtern war, verlor ich ihn im Gedränge. Ich ließ mich weitertreiben, machte neue Bekanntschaften und trank immer mehr. Ich erinnere mich, daß ich irgendwo mit japanischen Fischern, kanadischen Bootsleuten von unsern eigenen Schiffen und einem jungen dänischen Matrosen zusammentraf, der eben erst in Argentinien Cowboy gewesen war und eine Schwäche für die Gewohnheiten und Zeremonien der Eingeborenen hatte. Mit Ernst und Gründlichkeit und unter dem verwickeltsten japanischen Zeremoniell tranken wir blassen, milden, lauen Sake aus winzigen Porzellantäßchen.

Und dann entsinne ich mich der durchgebrannten achtzehn- und zwanzigjährigen Schiffsjungen aus englischen Mittelstandsfamilien, die in verschiedenen Häfen der Welt desertiert und schließlich im Vorderkastell der Schoner gelandet waren. Sie waren kräftig, feinhäutig, helläugig, und sie waren jung – jung wie ich, und wollten lernen, sich als Männer durch die Welt zu schlagen. Und sie waren wirklich Männer. Für sie war der Sake zu mild, sie wollten die vierkantigen Flaschen, die mit ätzendem Feuer gefüllt waren, das durch ihre Adern flammte und in ihren Köpfen aufloderte. Ich erinnere mich eines schmelzenden Liedes, das sie sangen, und dessen Refrain lautete:

»Tis but a little golden ring,
I give it to thee with pride,
Wear it for your mother's sake
When you are on the tide.«

Sie weinten, als sie es sangen, diese gottverlassenen jungen Burschen, die alle den Stolz ihrer Mutter gebrochen hatten; und ich sang und weinte mit ihnen und schwelgte wie sie in Rührung. Und eines der letzten Bilder, deren ich mich entsinne, tritt sehr deutlich und klar aus dem Dunst hervor, der die andern Ereignisse einhüllte und bald in Finsternis übergehen sollte. Wir – die Schiffsjungen und ich – taumeln, uns gegenseitig stützend, im Schein der Sterne. Wir singen ein komisches Seemannslied, wir alle außer einem, der auf der Erde sitzt und weint; und wir markieren den Takt, indem wir die vierkantigen Flaschen schwingen. Straßauf und straßab ertönen im Chor die Stimmen von Seeleuten, die ähnliche Lieder singen, und das Leben ist groß, schön, romantisch und wie ein toller Traum.

Und dann, nach einer Finsternis, öffne ich die Augen und sehe, wie sich eine japanische Frau bei Tagesanbruch in ängstlicher Spannung über mich beugt. Es ist die Frau des Hafenlotsen, und ich liege in ihrer Tür. Ich zittere und bin krank von den Ausschweifungen des vorigen Tages ... Und – was ist mit mir geschehen? – ich bin so leicht bekleidet! Ach, diese durchgebrannten Schiffsjungen! Sie sind mit meinen Besitztümern durchgegangen! Meine Uhr ist fort. Meine paar Dollars sind fort. Meine Jacke ist fort. Und mein Gürtel auch. Und ja – sogar meine Schuhe.

Und der vergangene Tag war nur einer von den zehn, die ich auf den Bonin-Inseln verbringen sollte. Victor erholte sich von seiner Tollheit und schloß sich Axel und mir wieder an. Aber wir erstiegen nie den Lavaweg unter Blumen. Die Stadt und die vierkantigen Flaschen waren alles, was wir sahen. Wer sich am Feuer verbrannt hat, muß vor dem Feuer warnen. Ich hätte von den Bonin-Inseln mehr gesehen und mehr Freude von ihnen gehabt, hätte ich getan, was ich hätte tun sollen. Aber es geschieht eben das, was man tut – ob man es soll oder nicht soll. Das ist die unumstößliche Wahrheit. Und auch ich tat eben, was ich tat. Ich tat, was alle diese Männer auf den Bonin-Inseln taten. Ich tat, was Millionen von Menschen in der ganzen Welt im selben Augenblick taten. Ich tat es, weil ich nur ein Mensch unter Menschen war, das Erzeugnis meiner Umgebung, und weder ein Schwächling noch ein Gott. Ich war wie ein Kind, das am offenen Brunnen spielt. Es hat wenig Zweck, dem braven kleinen Jungen zu sagen, daß er nicht in der Nähe des offenen Brunnens spielen dürfe. Er tut es doch. Und alle tun es. Und so fallen viele in den Brunnen, die Kühnsten und Besten. Aber was soll man tun? Nun, wir wissen es schon – man soll den Brunnen zudecken!

Das ist die einzige Maßregel, die die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts ergreifen können, um eben dies zwanzigste Jahrhundert wirklich zu heller Gegenwart zu machen und alle Barbarei in das verdiente Dunkel der Vergangenheit zu verweisen, nicht nur die Hexenverbrennungen, die Intoleranz und den Fetischismus, sondern auch den Herrn der Hölle: König Alkohol!

* * *

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.