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König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
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Wenn ich mich auch erst nach und nach zum schweren Trinker unter den Austernräubern entwickelte, so kam das wirkliche Laster doch ganz plötzlich und hatte seine Ursache nicht in einem Verlangen nach Alkohol, sondern in reinen Vernunftsgründen.

Je mehr ich dieses Leben kennenlernte, desto begeisterter war ich von ihm. Nie werde ich die Glückseligkeit vergessen, als ich in der ersten Nacht an einem gemeinsamen Zug an Bord der ›Annie‹ teilnahm, mit rauhen, großen und unerschrockenen Männern, alten Hafenratten, von denen mehr als eine schon im Zuchthause gesessen hatte, und die alle auf gespanntem Fuße mit dem Gesetz standen und das Gefängnis verdienten. Sie trugen Seestiefel und Ölzeug, sprachen leise in barschem Ton miteinander, und der ›Große‹, Georg, hatte sich sogar einen Revolver umgeschnallt, um zu zeigen, daß es Ernst war.

Oh, wenn ich jetzt zurückblicke, weiß ich wohl, daß das alles gemein und dumm war. Aber damals, als ich Schulter an Schulter mit König Alkohol wanderte und ihn anzuerkennen begann, damals blickte ich nicht zurück. Das Leben war prächtig und wild, und ich erlebte die Abenteuer, von denen ich so viel gelesen hatte.

Nelson, ›der junge Fuchs‹, wie er zur Unterscheidung von seinem Vater, dem ›alten Fuchs‹, genannt wurde, fuhr die Schaluppe ›Renntier‹ mit seinem Partner, ›die Muschel‹. Die Muschel war ein Waghals, Nelson aber geradezu verrückt. Er war zwanzig Jahre alt und hatte den Körper eines Herkules. Als er einige Jahre später in Benicia erschossen wurde, sagte der Totenbeschauer, er sei der breitschultrigste Mann, den er je auf dem Brett habe liegen sehen.

Nelson konnte weder lesen noch schreiben. Sein Vater hatte ihn an der Bucht von San Francisco ›erzogen‹, und Segeln war ihm zur zweiten Natur geworden. Seine Kraft war ungeheuer, und er war an der ganzen Küste als gewalttätig berüchtigt. Er geriet hin und wieder in Berserkerwut und verübte dann schreckliche Untaten. Ich machte seine Bekanntschaft auf meinem ersten Zuge mit der ›Razzle Dazzle‹ und sah, wie er mit dem ›Renntier‹ im Sturm ausfuhr und Austern fischte, während wir andern vor Anker lagen, da wir uns fürchteten, bei solchem Wetter in See zu gehen.

Das war ein Mann, dieser Nelson! Und als er mich eines Tages, als ich bei der ›Letzten Chance‹ vorbeikam, ansprach, fühlte ich mich sehr geehrt. Aber wer kann sich meinen Stolz vorstellen, als er mich geradeheraus zu einem Glase einlud? Ich stand am Schenktisch, trank ein Glas Bier mit ihm, und wir sprachen wie Männer über Austern und Boote und die rätselhafte Geschichte, wie jemand neulich eine Ladung Schrot durch das Großsegel der ›Annie‹ geschickt hatte.

Wir blieben am Schenktisch stehen und schwatzten weiter. Ich fand es merkwürdig, daß wir stehenblieben. Wir hatten ja unser Bier getrunken. Aber wie konnte ich aufbrechen, wenn der große Nelson sich noch an den Schenktisch lehnen wollte? Nach einigen Minuten fragte er mich zu meiner Überraschung, ob ich noch ein Glas trinken wolle, und ich sagte ja. Und wir redeten weiter, und Nelson machte nicht die geringste Miene, aufzubrechen.

Habt Nachsicht mit mir, wenn ich euch meinen Gedankengang und meine Unschuld erkläre. Vor allem war ich sehr stolz auf die Gesellschaft Nelsons, des größten Helden unter den Austernräubern und Abenteurern der Bucht. Zum Schaden meines Magens und meiner Schleimhäute hatte Nelson den merkwürdigen Einfall gehabt, mich zu seinem Vergnügen mit Bier zu traktieren. Ich hegte keine moralische Abneigung gegen das Bier, und der Umstand, daß ich den Geschmack und die Schwere des Getränks nicht leiden mochte, war kein Grund, daß ich die Ehre seiner Gesellschaft hätte ausschlagen sollen. Er hatte nun einmal Lust, Bier zu trinken, und ich sollte ihm dabei Gesellschaft leisten. Da mußte ich eben die vorübergehende Unannehmlichkeit mit in Kauf nehmen. So blieben wir also am Schenktisch stehen und schwatzten und tranken Bier, das Nelson bestellte und bezahlte. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, nehme ich an, daß Nelson neugierig war. Er wollte herausbekommen, wes Geistes Kind ich war. Und er wollte wohl auch sehen, wie oft ich ihn Bier ausgeben ließ, ohne mich zu revanchieren.

Nachdem ich ein halbes Dutzend Glas getrunken hatte, fand ich, meines Entschlusses, nie zuviel zu trinken, gedenkend, daß ich für diesmal genug hätte. Ich bemerkte daher, daß ich an Bord der ›Razzle Dazzle‹ gehen wolle, die am städtischen Bollwerk, kaum hundert Meter entfernt lag.

Ich verabschiedete mich von Nelson und machte mich auf den Weg. Aber ich hatte sechs Glas Bier getrunken, und König Alkohol ging mit mir. Mein Hirn tönte und sprühte vor Leben. Die Erkenntnis meiner Mannhaftigkeit erhob mich. Ich sollte jetzt als echter Austernräuber an Bord meines eigenen Schiffes gehen, nachdem ich mit Nelson, dem größten aller Austernräuber, in der ›Letzten Chance‹ getrunken hatte. In mein Gehirn eingeprägt war das Bild, wie wir beide uns über den Schenktisch lehnten und Bier tranken. Und merkwürdig erschien mir dieser Einfall eines erwachsenen und erfahrenen Mannes, dem es Spaß machte, gutes Geld auf Bier für einen Burschen wie mich zu verschwenden, der es nicht einmal mochte.

Während ich hierüber nachdachte, fiel mir ein, daß verschiedene Männer in die ›Letzte Chance‹ gekommen waren und, erst der eine, dann der andere, eine Runde geschmissen hatten. Mir fiel auch ein, daß bei dem Gelage auf dem ›Faulpelz‹ Scotty, der Harpunierer, und ich selbst alles Geld, das wir besaßen, zusammengekratzt hatten, um Whisky zu kaufen. Dann tauchten auch die Regeln auf, die für uns Knaben gegolten hatten: Wenn ein Knabe eines Tages einem andern eine ›Kanonenkugel‹ oder eine Tafel Kaukonfekt schenkte, erwartete er dafür an einem andern Tage seinerseits eine ›Kanonenkugel‹ oder Kaukonfekt zu bekommen.

Deshalb war Nelson am Schenktisch stehengeblieben. Nachdem er mir ein Glas spendiert hatte, wartete er, daß ich ihm eins spendieren sollte. Ich hatte ihn sechs Glas bezahlen lassen und mich nicht ein einziges Mal revanchiert. Und er war der große Nelson! Ich konnte fühlen, wie ich vor Scham errötete. Ich setzte mich auf einen Pfahl am Kai und verbarg mein Gesicht in den Händen. Und meine Scham brannte bis in den Nacken, bis in meine Wangen und meine Stirn. Ich bin oft in meinem Leben errötet, aber nie so heftig wie damals.

Und wie ich so in meiner Scham auf dem Pfahl saß, dachte ich über vieles nach und schuf Werte um. Ich war ein armes Kind gewesen. Arm hatte ich gelebt. Ich hatte auch gehungert. Nie hatte ich ein Spielzeug besessen wie andre Kinder. Meine ersten Lebenseindrücke waren von der Armut geprägt. Das Gepräge der Armut war chronisch gewesen. Ich war acht Jahre alt, als ich mein erstes Hemd aus einem Ausverkauf bekam. Und das war nur ein winziges Hemdchen. Wenn es schmutzig war, mußte ich, bis es gewaschen war, zu den schrecklichen heimgearbeiteten Dingern zurückkehren. Ich war so stolz darauf gewesen, daß ich nichts anderes darüber hatte anziehen wollen. Zum erstenmal war ich aufsässig gegen meine Mutter geworden – hatte mich bis zum Wahnsinn erregt, bis meine Mutter mich dieses gekaufte Hemd so tragen ließ, daß alle Leute es sehen konnten.

Nur wer gehungert hat, weiß, was Essen wert ist; nur Seeleute und Wüstenwanderer wissen frisches Wasser zu schätzen. Und nur ein Kind mit der Einbildungskraft des Kindes vermag die Bedeutung der Dinge zu fassen, die ihm lange vorenthalten werden. Ich entdeckte früh, daß ich nur die Dinge erhalten konnte, die ich mir selbst verschaffte. Meine kümmerliche Kindheit entwickelte auch Kümmerlichkeit. Die ersten Dinge, die ich mir selbst verschaffen konnte, waren Zigarettenbilder, Zigarettenplakate und Zigarettenalbums. Von dem Geld, das ich regulär verdiente, konnte ich sie mir nicht leisten, und so verkaufte ich ›Extra‹-Zeitungen, um diese Schätze zu erstehen. Ich tauschte Dubletten mit andern Knaben, und da das Austragen der Zeitungen mich durch die ganze Stadt führte, hatte ich mehr Gelegenheit zum Erwerb und Tausch als andere.

Nicht lange, so besaß ich alle Serien sämtlicher Zigarettenfabriken vollständig – ›Berühmte Rennpferde‹, ›Pariser Schönheiten‹, ›Frauen aller Völker‹, ›Flaggen aller Nationen‹, ›Bekannte Schauspieler‹, ›Championboxer‹ usw. Und jede Serie besaß ich dreimal: in den der Packung beiliegenden Karten, in Plakaten und im Album.

Dann begann ich Dubletten und Dublettenalbums zu sammeln. Ich tauschte sie ein gegen andere Dinge, auf die die Jungen Wert legten und die sie gewöhnlich mit Geld bezahlten, das ihre Eltern ihnen gegeben hatten. Natürlich hatten sie nicht den ausgesprochenen Sinn für den Wert der Dinge wie ich, der nie Geld bekommen hatte, um sich etwas zu kaufen. Ich handelte mit Briefmarken, Mineralien, Kuriositäten, Vogeleiern, Murmeln (ich hatte die prächtigste Sammlung von Achatmurmeln, die je im Besitze eines Knaben gewesen ist), und das Hauptstück der Sammlung bildete ›eine Handvoll‹, die wenigstens drei Dollar wert war. Ich bekam sie als Sicherheit für zwanzig Cent, die ich einem Botenjungen lieh; bevor er sie einlösen konnte, wurde er in eine Erziehungsanstalt geschickt.

Ich handelte und tauschte all und jedes und setzte es auf dutzenderlei Art wieder um. Ich war berühmt als Händler, berüchtigt als Geizhals. Ich konnte selbst einen chinesischen Matrosen zum Weinen bringen, wenn ich Geschäfte mit ihm machte. Andere Jungen baten mich, den Verkauf ihrer Sammlungen mit Flaschen, Lumpen, altem Eisen, Korn- und Mehlsäcken und Fünf-Liter-Ölflaschen zu vermitteln, und zahlten mir Provision dafür.

Und dieser sparsame, knauserige Junge, der gewohnt war, für zehn Cent die Stunde an der Maschine zu fronen, saß nun auf dem Pfahl und stellte Betrachtungen an über das Bier, das fünf Cent das Glas kostete und im Nu verschwunden war, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ich lebte jetzt mit Männern zusammen, die ich bewunderte. Ich war stolz darauf, daß ich mit ihnen zusammen sein durfte. Hatte all mein Sparen und Zusammenscharren mir auch nur einen Schauer von Glück verschafft, wie ich so viele erlebte, seit ich unter die Austernräuber gekommen war? Was war also mehr wert – Geld oder Glücksschauer? Diese Männer machten sich nichts daraus, einen Groschen oder auch viele Groschen wegzuwerfen. Wie gleichgültig mußte das Geld ihnen sein, wenn sie acht Mann zu Whisky, zehn Cent das Glas, einluden, wie Franzosen-Frank getan hatte. Und Nelson erst, der sechzig Cent für uns beide allein ausgegeben hatte! Was sollte ich also tun? Ich war mir klar darüber, daß ich im Begriffe stand, einen bedeutungsvollen Entschluß zu fassen. Ich sollte wählen zwischen Geld und Männern, zwischen Geiz und Romantik. Entweder mußte ich alle meine bisherigen Begriffe von Geld über Bord werfen und es als etwas betrachten, was man mit vollen Händen um sich wirft, oder ich mußte auf die Kameradschaft mit diesen Männern verzichten, deren merkwürdige Launen sie starke Getränke lieben ließen.

Ich ging daher vom Kai nach der ›Letzten Chance‹ zurück, vor der Nelson noch stand. »Komm, laß uns ein Glas Bier trinken«, lud ich ein. Wieder standen wir am Schenktisch, tranken und schwatzten, aber diesmal war ich es, der die zehn Cent bezahlte! Eine ganze Stunde Arbeit an der Maschine ging drauf für ein Getränk, das ich nicht mochte und das muffig schmeckte. Aber es war nicht schwer. Ich hatte einen Entschluß gefaßt: Geld spielte keine Rolle mehr. Die Kameradschaft war das Wahre. »Noch eins?« fragte ich. Und wir tranken noch eins, und ich bezahlte. Nelson sagte mit der Weisheit des erfahrenen Trinkers zum Kellner: »Mir ein Kleines, Johnny.« Johnny nickte und gab ihm ein Glas, das nur ein Drittel soviel wie die Gläser enthielt, aus denen wir bisher getrunken hatten. Aber der Preis war derselbe – fünf Cent.

Jetzt begann der Alkohol zu wirken, und meine Verschwendung tat mir nicht mehr weh. Dazu lernte ich etwas: Bei diesem Trinken kam es nicht allein auf die Menge an. Ich merkte mir das. Es gab ein Stadium, in dem nicht das Bier selbst die Hauptsache war, sondern eben der Geist der Kameradschaftlichkeit. Und, ja! – noch etwas! Ich konnte auch kleine Gläser Bier verlangen und dadurch die abscheuliche Bürde, die die Kameradschaftlichkeit einem auferlegte, um zwei Drittel vermindern.

»Ich mußte an Bord, um mir etwas Geld zu holen«, bemerkte ich beiläufig, als wir tranken, in der Hoffnung, Nelson würde das als Entschuldigung dafür gelten lassen, daß ich ihn sechsmal hintereinander hatte bezahlen lassen.

»Oh, das war nicht nötig«, antwortete er. »Johnny gibt einem Kerl wie dir gern Kredit – nicht wahr, Johnny!«

»Gewiß«, versicherte Johnny lächelnd.

»Wieviel bin ich dir schuldig?« fragte Nelson.

Johnny nahm das Buch heraus, das er hinter dem Schenktisch aufbewahrte, fand Nelsons Seite und rechnete eine Summe von mehreren Dollar zusammen. Auf einmal wurde ich von dem Wunsche ergriffen, ebenfalls eine Seite in diesem Buche zu haben. Das erschien mir als der Gipfel der Männlichkeit.

Nach mehreren Gläsern, die ich bestellte und bezahlte, entschloß Nelson sich zu gehen. Wir schieden wahrhaft kameradschaftlich, und ich wanderte den Kai hinunter zur ›Razzle Dazzle‹. Die Spinne machte gerade Feuer, um das Abendessen zu kochen. »Wo hast du dir denn den geholt?« grinste er mir durch die offene Kajütsklappe entgegen.

»Ach, ich war mit Nelson zusammen«, sagte ich nachlässig, indem ich meinen Stolz zu verbergen suchte.

Dann kam mir ein Einfall. Hier war noch einer. Jetzt hatte ich meinen Entschluß gefaßt, und da wollte ich ihn auch folgerichtig durchführen. »Komm mit zu Johnny,« sagte ich, »und laß uns eins genehmigen.«

Als wir den Kai entlang gingen, kam die Muschel uns entgegen. Die Muschel war Nelsons Partner, ein feiner, tüchtiger, hübscher, schnurrbärtiger Dreißigjähriger – kurz, nichts von dem, was sein Spitzname ausdrückte. »Komm,« sagte ich, »wir wollen eins trinken.« Er kam mit. Als wir in die ›Letzte Chance‹ eintraten, war Pat, der Bruder der Königin, gerade im Begriff zu gehen.

»Was hast du für Eile?« begrüßte ich ihn. »Wir wollen eins trinken. Los, komm mit.«

»Ich hab' gerade eins getrunken«, brummte er.

»Was tut das? Wir wollen jetzt eins genehmigen«, erwiderte ich. Und Pat entschloß sich mitzukommen, und ich bahnte mir mit einigen Gläsern Bier den Weg in sein Herz. Oh, an diesem Nachmittage lernte ich König Alkohol kennen! Es war doch mehr an ihm als der schlechte Geschmack, wenn man das widerliche Getränk durch die Kehle goß. Da verwandelte sich für den elenden Preis von zehn Cent ein finsteres, heimtückisches Individuum, das zum Feinde zu werden drohte, in einen guten Freund. Er wurde ganz liebenswürdig, seine Blicke waren freundlich, und unsere Stimmen verschmolzen sich, als wir Hafen- und Austernbankgeschichten erzählten.

»Mir ein Kleines, Johnny«, sagte ich, als die andern sich große Gläser bestellt hatten. Ja, und das sagte ich wie ein geübter Trinker, nachlässig, beiläufig, als wäre es mir plötzlich so eingefallen. Wenn ich heute zurückdenke, so bin ich überzeugt, daß der einzige, der erriet, daß ich Neuling im Trinken war, Johnny Heinhold gewesen ist.

»Wo hat er sich den Schwips geholt?« hörte ich die Spinne vertraulich Johnny fragen.

»Oh, er hat den ganzen Nachmittag hier mit Nelson gekneipt«, lautete Johnnys Antwort.

Ich habe nie verraten, daß ich es hörte, aber stolz war ich. Sogar der Wirt gab mir also das Zeugnis, daß ich ein Mann war. »Er hat den ganzen Nachmittag hier mit Nelson gekneipt.« Zauberworte! Der Ritterschlag, von einem Gastwirt mit einem Bierglas erteilt!

Ich erinnerte mich, daß Franzosen-Frank an dem Tage, als ich die ›Razzle Dazzle‹ kaufte, Johnny traktiert hatte. Die Gläser waren gefüllt, und wir schickten uns zum Trinken an. »Trink selbst doch auch was, Johnny«, sagte ich mit einer Miene, als hätte ich es schon längst sagen wollen und wäre nur durch das fesselnde Gespräch mit der Muschel und Pat daran verhindert worden.

Johnny warf mir einen kurzen scharfen Blick zu, ich bin sicher, er ahnte die Fortschritte, die ich in meiner Erziehung machte. Dann schenkte er sich ein Glas Whisky aus einer privaten Flasche ein. Das traf mich einen Augenblick an meinem wunden Punkt. Er hatte sich ein Getränk für zehn Cent genommen, während wir andern Bier für fünf Cent das Glas tranken! Aber der Schmerz währte nur einen Augenblick. Ich überwand ihn als niedrig, erinnerte mich meines Entschlusses und verriet mich nicht.

»Schreib es lieber auf«, sagte ich, als er ausgetrunken hatte. Und ich hatte die Genugtuung zu sehen, wie eine neue Seite meinem Namen geweiht und mir der Betrag für eine Runde mit dreißig Cent angeschrieben wurde. Und wie durch einen goldenen Nebel erblickte ich die Zukunft, in der auf dieser Seite viel angeschrieben, durchgestrichen und wieder belastet wurde.

Ich gab noch eine Runde aus, und dann machte Johnny zu meinem Erstaunen die Geschichte mit dem Zehn-Cent-Getränk wieder gut. Von seinem Platz hinter dem Schenktisch aus traktierte er uns, und ich sah, daß er auf die netteste Art mathematisch genau abgerechnet hatte.

»Laßt uns nach dem St.-Louis-Haus gehen«, schlug die Spinne vor, als wir ins Freie traten. Pat, der den ganzen Tag Kohlen geschaufelt hatte, war nach Hause gegangen, und die Muschel hatte sich nach dem ›Renntier‹ begeben, das Abendessen zu kochen. So ging ich denn mit der Spinne nach dem St.-Louis-Haus, einem mächtigen Lokal, das ich noch nicht kannte, und wo ungefähr fünfzig Männer, meist Schauerleute, versammelt waren. Und hier traf ich Soup Kennedy zum zweitenmal und Bill Kelley. Und Smith von der ›Annie‹ kam herein – der mit dem umgeschnallten Revolver. Auch Nelson ließ sich blicken. Und noch andere traf ich, wie die Brüder Vigy, denen das Lokal gehörte, und vor allem Joe Goose mit den schalkhaften Augen, der schiefen Nase und der geblümten Weste, der die Harmonika wie ein gefallener Engel spielte und so gräßlich soff, daß selbst der Hafen von Oakland nicht seinesgleichen kannte und ihn bewunderte. Als ich eine Runde ausgab – die andern spendierten natürlich auch –, schoß mir der Gedanke durch den Kopf, daß Mammy Jennie diese Woche nicht viel von ihrem Darlehen zurückerhalten würde. Aber was macht das? dachte ich, oder vielmehr König Alkohol dachte es für mich. Du bist ein Mann, und du hast die Bekanntschaft von Männern gemacht. Mammy Jennie braucht das Geld nicht so nötig. Dies alles ist wichtiger. Sie darbt nicht. Das weißt du ja. Sie hat noch mehr Geld auf der Bank. Laß sie warten und bezahl' es ihr nach und nach.

Und so lernte ich noch einen Zug König Alkohols kennen. Er hemmt die Moral. Schlechtigkeiten, die dem Nüchternen unmöglich sind, erscheinen dem Betrunkenen ganz einfach und leicht. Wirklich, man kann gar nicht anders, denn König Alkohol errichtet eine Mauer zwischen den eigensten Wünschen und der angelernten Moral.

Ich ließ den Gedanken an meine Schulden bei Mammy Jennie fahren und machte weitere Bekanntschaften mittels der nichtigen Verschwendung von etwas Kleingeld und eines Rausches, der unangenehm wuchs. Wer mich in der Nacht an Bord brachte und mir ins Bett half, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß es die Spinne war.

*

Und so erwarb ich mir die Sporen meiner Mannhaftigkeit. Meine Stellung im Hafen und unter den Austernräubern wurde mit einem Schlage ausgezeichnet. Man betrachtete mich als guten Kameraden und nicht als Duckmäuser. Und wie es nun gekommen sein mag: Seit dem Tage, als ich auf dem Pfahl am Kai von Oakland saß und meinen Entschluß faßte, habe ich mir nie mehr viel aus Geld gemacht. Keiner hat mich je als Geizhals angesehen, im Gegenteil, meine Sorglosigkeit in Geldsachen ist für ein paar Menschen, die mich kennen, eine Quelle der Angst und Sorge geworden.

So völlig brach ich mit meiner sparsamen Vergangenheit, daß ich meiner Mutter schrieb, sie möchte alle meine Sammlungen unter die Jungen aus der Nachbarschaft verteilen. Ich habe mich später nie darum gekümmert, in welcher Weise die Verteilung stattgefunden hat. Ich war jetzt ein Mann, und ich machte reinen Tisch mit allem, das mich an meine Knabenzeit band.

Mein Ansehen wuchs. Als die Geschichte im Hafen herumkam, wie Franzosen-Frank versucht hatte, mich mit seinem Schoner zu überrennen, und ich an Deck der ›Razzle Dazzle‹ mit einer gespannten doppelläufigen Schrotbüchse gestanden, sie mit den Füßen gesteuert und ihn so gezwungen hatte, das Ruder umzulegen und sich aus dem Staube zu machen, entschied der ganze Hafen, daß ich trotz meiner Jugend Haare auf den Zähnen hätte. Und ich fuhr fort, ihnen zu zeigen, daß ich Haare auf den Zähnen hatte. Es gab Tage, an denen ich mehr Austern auf der ›Razzle Dazzle‹ einbrachte, als irgendein anderes Boot mit zwei Mann Besatzung. Da war der Tag, als wir weit unten in der Unterbucht segelten und mein Boot das einzige war, das sich bei Tagesanbruch wieder auf dem Ankerplatz bei den Spargelinseln befand. Da war jene Donnerstagnacht, als wir um die Wette fuhren, wer zuerst zum Markt käme, und ich die ›Razzle Dazzle‹ ohne Ruder und doch als erste von der ganzen Flotte hereinbrachte und ich beim Freitagsmorgenverkauf die Sahne abschöpfte; und da war der andere Tag, als ich von der Oberbucht nur mit dem Klüver hereinkam, weil Scotty mir das Großsegel verbrannt hatte. (Ja, Scotty von dem Abenteuer auf dem ›Faulpelz‹.) Der Ire hatte die Spinne an Bord der ›Razzle Dazzle‹ abgelöst, und als Scotty wieder auftauchte, hatte er die Stelle des Iren eingenommen.

Aber meine Taten zur See waren es nicht allein, die mir den großen Ruf verschafften. Was allem erst die Krone aufsetzte und mir den Titel ›Fürst der Austernbänke‹ einbrachte, war der Umstand, daß ich mich an Land stets als guter Kamerad erwies, und daß ich Geld ausgab und wie ein Mann trank. Ich ließ mir nicht träumen, daß eine Zeit kommen sollte, da ich der Hafenwelt in Oakland, die mir zuerst so imponiert hatte, selbst imponieren und sie in Aufregung versetzen sollte durch die Teufeleien, die ich beging.

Aber stets war das Leben mit Trinken verknüpft. Die Kneipen sind die Klubs des armen Mannes. Wir trafen uns stets in irgendeiner Kneipe. Wir feierten unsere Erfolge und beweinten unser Mißgeschick in der Kneipe. Vor allem machten wir aber Bekanntschaften in der Kneipe.

Werde ich je den Nachmittag vergessen, als ich den ›Alten Fuchs‹, Nelsons Vater, traf? Er war in der ›Letzten Chance‹. Johnny Heinhold vermittelte die Bekanntschaft. Daß der ›Alte Fuchs‹ Nelsons Vater war, war schon bemerkenswert genug. Aber er war mehr als das. Er war der Besitzer und Kapitän des Schoners ›Annie Mine‹, und ich konnte vielleicht eines Tages als Matrose mit ihm fahren. Mehr noch, er war die Verkörperung der Romantik. Er war ein blauäugiger, gelbhaariger, knochiger Wikinger, groß und trotz seines Alters muskulös. Und er hatte die Meere auf Schiffen aller Nationen in den wilden Tagen der Vergangenheit befahren.

Ich hatte viele seltsame Geschichten über ihn gehört und betete ihn aus der Ferne an. Der Kneipe war es vorbehalten, uns zusammenzubringen. Aber selbst da wäre es nur zu einem Händedruck und ein paar Worten gekommen – er war ein wortkarger alter Bursche –, wäre das Trinken nicht gewesen. »Lassen Sie uns eins trinken«, sagte ich bereitwillig nach der Pause, die, wie ich gelernt hatte, nach den Gesetzen der Kneipe zum guten Ton gehörte. Während wir das Bier tranken, das ich bezahlt hatte, mußte er natürlich anhören, was ich sagte, und mit mir reden. Und Johnny machte als tüchtiger Wirt taktvolle Bemerkungen, die uns gemeinsame Berührungspunkte finden ließen. Und nachdem wir mein Bier getrunken hatten, kam Kapitän Nelson natürlich an die Reihe. Das führte zu weiterer Unterhaltung, an der Johnny nicht teilnehmen konnte, da er andere Gäste bedienen mußte.

Je mehr Kapitän Nelson und ich tranken, desto bekannter wurden wir. Er fand in mir einen aufmerksamen Zuhörer, der, dank dem Bücherlesen, viel von dem Seemannsleben wußte, das er gelebt hatte. So kehrte er dann zu den Tagen seiner wilden Jagd zurück und spann so manches Garn für mich, während wir den ganzen langen Sommernachmittag hindurch Glas auf Glas tranken. Und nur König Alkohol ermöglichte an diesem Nachmittage mein langes Zusammensein mit dem alten Seebären.

Es war Johnny Heinhold, der mir im geheimen vom Schenktisch aus ein Zeichen machte, daß ich anfinge, zuviel zu bekommen, und kleine Gläser nehmen sollte. Aber solange Kapitän Nelson große Gläser trank, verbot mein Stolz mir, es anders zu machen. Und erst als der Schiffer ein kleines Glas verlangte, bestellte ich auch für mich eins. Als wir uns endlich zögernd und warm voneinander verabschiedeten, war ich betrunken. Aber ich hatte die Genugtuung, daß der ›Alte Fuchs‹, wie ich sah, ebenso betrunken war. Meine jugendliche Bescheidenheit verbot mir zu glauben, daß er sogar noch betrunkener war.

Und hinterher hörte ich von der Spinne, von Pat, der Muschel und von Johnny Heinhold, daß ich dem ›Alten Fuchs‹ gefallen und daß er sich sehr schmeichelhaft über den feinen Kerl, der ich war, ausgesprochen hatte; was um so bemerkenswerter war, als man ihn als einen wilden alten Krakeeler kannte, der keinen ausstehen konnte. Und seine Freundschaft hatte ich nur König Alkohol zu verdanken. Ich habe diesen Fall hauptsächlich als ein Beispiel von der Mannigfaltigkeit der Lock- und Reizmittel und Dienste berichtet, durch die König Alkohol sich Anhänger gewinnt.

*

Und doch spürte ich kein Verlangen, keinen physischen Drang nach Alkohol. In vielen Jahren schweren Trinkens erzeugte das Trinken doch kein Verlangen. Trinken gehörte zu dem Leben, das ich führte, zu dem Leben der Männer, mit denen ich lebte. Während meiner Fahrten auf der Bucht nahm ich keinen Alkohol zu mir; und niemals kreuzte, wenn ich auf der Bucht war, der Gedanke an Trinken und der Wunsch danach mein Hirn. Erst wenn ich die ›Razzle Dazzle‹ am Kai vertäute und die Versammlungsstätten der Männer, wo das Trinken blühte, aufsuchte, empfand ich es als soziale Pflicht und als Ritus der Männlichkeit, Getränke für andere Männer zu bezahlen oder von andern Männern anzunehmen.

Dann geschah es wohl auch, wenn ich am Kai oder auf der andern Seite der Bucht an der Landzunge lag, daß die Königin, ihre Schwester, ihr Bruder Pat und Frau Hadley an Bord kamen. Es war mein Boot, ich der Wirt, und ich konnte der Gastfreundschaft nur in der Weise Genüge tun, wie sie sie verstanden. So schickte ich denn die Spinne oder den Iren oder Scotty, oder wer sonst meine Besatzung war, mit einer Kanne um Bier und einer Korbflasche um Rotwein. Und endlich gab es dunkle Abende, wenn ich meine Austern am Kai ablieferte und große Polizisten und Männer in Zivil sich im Zwielicht an Bord stahlen. Und weil wir im Schatten der Polizei lebten, öffneten wir Austern für sie, bereiteten Pfeffersoße dazu und holten in aller Eile Bier oder stärkeren Stoff.

Aber ich mochte trinken, soviel ich wollte, ich konnte König Alkohol nicht liebgewinnen. Ich schätzte ihn außerordentlich wegen seiner Beziehungen, aber nicht wegen seines eigenen Geschmacks. Stets bestrebte ich mich, ein Mann zu sein, und stets sehnte ich mich heimlich nach Bonbons. Aber ich schämte mich dessen so, daß ich lieber gestorben wäre, als daß ich jemand meinen Wunsch hätte ahnen lassen. Ich pflegte mich dieser Lust in einsamen Schwelgereien hinzugeben, in Nächten, wenn ich wußte, daß meine Mannschaft an Land gegangen war, um sich schlafen zu legen. Dann ging ich in die Volksbibliothek, tauschte meine Bücher, kaufte mir dann für einen viertel Dollar alle möglichen Bonbons, aber nur solche, die lange vorhielten, und schlich mich dann auf die ›Razzle Dazzle‹, wo ich mich in der Kajüte einschloß, zu Bett ging und lange glückliche Stunden, lesend und Bonbons lutschend, dalag. Und das waren die einzigen Stunden, in denen ich fühlte, daß ich wirklich etwas von meinem Gelde hatte. Noch so viele Dollars konnten am Schenktisch nicht die Befriedigung erkaufen, die mir diese fünfundzwanzig Cents in einem Konfitürengeschäft verschafften.

Als ich mehr zu trinken begann, bemerkte ich immer häufiger bei diesen Trinkgelagen jenen Purpurschimmer. Ein Rausch war stets etwas Bemerkenswertes. In diesen Stunden ereignete sich etwas. Männer wie Joe Goose berechneten die Zeit nach ihren Räuschen. Die Schauerleute warteten die ganze Woche auf ihren Sonnabendabendrausch. Wir von den Austernbooten warteten, bis wir unsre Ladung abgesetzt hatten, ehe wir richtig loslegten, wenn uns auch eine gelegentliche Begegnung mit Freunden hin und wieder einen Schwips verschaffte.

Auf gewisse Weise waren die zufälligen Räusche die besten. Seltsamere und aufregendere Dinge geschahen in solchen Stunden. Wie zum Beispiel an jenem Sonntag, als Nelson, Franzosen-Frank und Kapitän Spink dem Griechen-Nicky das gestohlene Lachsboot stahlen. In der Bemannung der Austernboote waren Veränderungen eingetreten. Nelson war mit Bill Kelley auf der ›Annie‹ in eine Prügelei geraten und hatte eine Kugel durch die linke Hand bekommen. Da er sich auch mit der Muschel verkracht und die Kompanieschaft aufgehoben hatte, war er, die verletzte Hand in der Binde, und mit einer Mannschaft, die nur aus zwei Hochseematrosen bestand, mit dem ›Renntier‹ draußen gewesen und so wahnsinnig gefahren, daß seine beiden Leute vor Schrecken wieder an Land gingen. Seine Rücksichtslosigkeit war so bekannt, daß kein Mensch im Hafen mehr mit Nelson fahren wollte. Daher hatte das ›Renntier‹ keine Mannschaft und lag auf der andern Seite der Bucht an der Landzunge. Übrigens lag hier auch die ›Razzle Dazzle‹ mit verbranntem Großsegel und mit Scotty und mir an Bord. Whisky-Bob hatte sich mit Franzosen-Frank verkracht und einen Abstecher mit dem Griechen-Nicky den Fluß hinauf gemacht.

Das Ergebnis dieses Abstechers war ein funkelnagelneues Columbia-Lachsboot, das sie einem italienischen Fischer gestohlen hatten. Wir Austernräuber wurden alle von dem Italiener bei seiner Nachforschung aufgesucht, und nach allem, was wir vom Whisky-Bob und dem Griechen-Nicky wußten, waren wir überzeugt, daß sie die Täter waren. Aber wo war das Lachsboot? Hunderte von griechischen und italienischen Fischern am Flusse und an der Bucht hatten jeden Sumpf, jede Schilfwiese nach ihm durchsucht. Als aber der Besitzer in seiner Verzweiflung einen Finderlohn von fünfzig Dollar aussetzte, wuchs unser Interesse, und das Mysterium wurde immer größer.

Eines Sonntagmorgens stattete mir der alte Kapitän Spink einen Besuch ab. Die Unterredung war vertraulich. Er hatte gerade mit seinem Boot im Fahrwasser der alten Alemedafähre gefischt. Bei Eintritt der Ebbe hatte er ein Seil entdeckt, das unter Wasser an einem Pfahl befestigt war und in der Richtung der Strömung lief. Er hatte vergebens versucht, das, was am andern Ende befestigt war, zu heben. Weiterhin hatte er ein ähnliches Seil gefunden, das ebenfalls an einem Pfahl befestigt war und sich auch nicht herausziehen ließ. Zweifellos war das das vermißte Lachsboot. Wenn wir es seinem gesetzmäßigen Eigentümer wiederbrachten, hatten wir fünfzig Dollar verdient. Ich hatte indessen merkwürdige moralische Bedenken und schlug es ab, etwas mit der Geschichte zu tun zu haben.

Franzosen-Frank war jedoch mit Whisky-Bob uneins geworden, und Nelson war auch sein Feind. (Armer Whisky-Bob! Ohne Lasterhaftigkeit, gutmütig, freigebig, war er doch schwach, in Armut aufgewachsen, und hatte einen unwiderstehlichen Drang nach Alkohol. Er konnte den Lockungen des Buchträubertums nicht widerstehen, und kurz nach diesen Begebenheiten wurde seine Leiche, von vielen Kugeln durchbohrt, aus dem Wasser gezogen.) Kaum eine Stunde, nachdem ich Kapitän Spinks Vorschlag abgelehnt hatte, sah ich ihn mit Nelson an Bord des ›Renntiers‹ durch die Bucht segeln. Franzosen-Frank folgte ihnen an Bord seines Schoners.

Es dauerte nicht lange, so kamen sie zurück, merkwürdigerweise Seite an Seite. Als sie die Landzunge rundeten, kam das Lachsboot in Sicht, bis zur Reling im Wasser und nur mit Hilfe von Seilen zwischen dem Schoner und der Schaluppe über Wasser gehalten. Die Ebbe war halb vorbei, sie fuhren geradeswegs auf den Sand los und liefen in einer Reihe, mit dem Lachsboot in der Mitte, auf. Unmittelbar darauf saß Hans, einer der Leute des Franzosen-Frank, in einer Jolle und ruderte schleunigst nach der Nordküste. Die dicke Korbflasche achtern im Boot verriet seinen Auftrag. Sie konnten es nicht erwarten, die fünfzig Dollar zu feiern, die sie so leicht verdient hatten. So machen es die Untertanen König Alkohols nun mal: Haben sie Glück, so trinken sie, haben sie keins, so trinken sie auch, in der Hoffnung, daß es kommen soll. Treffen sie einen Freund, so trinken sie. Geraten sie mit einem Freunde in Streit und verlieren ihn, so trinken sie. Ist ihr Freien mit Erfolg gekrönt, so ist ihr Glück so groß, daß sie unbedingt trinken müssen. Werden sie abgewiesen, so trinken sie aus dem entgegengesetzten Grund. Und wenn nichts von alledem der Fall ist, nun, so trinken sie doch in der sicheren Erkenntnis, daß sie nur erst eine genügende Anzahl Gläser getrunken haben müssen, damit die Würmer in ihrem Hirn zu kriechen beginnen und sie alle Hände voll zu tun haben werden. Sind sie nüchtern, so möchten sie trinken; und wenn sie berauscht sind, möchten sie noch mehr trinken.

Natürlich wurden Scotty und ich als Kameraden an Bord gerufen, um mitzutrinken. Wir halfen, ein Loch in die fünfzig Dollar zu machen, die sie noch gar nicht bekommen hatten. Aus einem ganz gewöhnlichen Sommernachmittage wurde ein purpurstrahlender Abend. Wir redeten und sangen und schrien und brüllten, und beständig schenkten Franzosen-Frank und Nelson ein. Wir lagen weithin sichtbar auf der Reede von Oakland, und der Lärm unseres Gelages rief Freunde herbei. Jolle auf Jolle kam über die Bucht und fuhr auf die Landzunge, während Hans nichts zu tun hatte, als andauernd hin und her zu gondeln, um die Nachfrage nach dem Stoff zu befriedigen.

Da erschienen Whisky-Bob und der Griechen-Nicky, nüchtern, gekränkt, empört, daß ihre Raubgenossen ihre Beute ans Licht gebracht hatten. Franzosen-Frank hielt mit Hilfe König Alkohols eine heuchlerische Rede über Tugend und Redlichkeit und warf trotz seiner fünfzig Jahre Whisky-Bob in den Sand, wo er ihn gehörig verprügelte. Als der Griechen-Nicky Whisky-Bob mit einer kurzen Schaufel zu Hilfe kam, machte Hans kurzen Prozeß mit ihm. Und als die blutenden Überreste von Bob und Nicky in ihre Jolle gepackt waren, mußte das Ergebnis natürlich wieder gefeiert werden.

Jetzt hatten sich zahlreiche Besucher eingestellt, wir waren eine große Menge Leute aus vielen Nationen und von verschiedenartigstem Temperament, alle angefeuert von König Alkohol, so daß sie jede Zurückhaltung abwarfen. Alte Streitigkeiten wurden wieder aufgefrischt, alter Haß flammte auf. Kampf lag in der Luft. Und sobald einem Schauermann etwas einfiel, was er gegen einen Matrosen hatte, oder umgekehrt, oder wenn ein Austernräuber sich eines alten Streites erinnerte, fuhr eine Faust heraus, und ein neuer Kampf begann. Und jeder Kampf endete damit, daß wieder getrunken wurde, wobei die kämpfenden Parteien, unterstützt von allen andern, sich umarmten und ewige Freundschaft schworen.

Und ausgerechnet jetzt mußte Soup Kennedy kommen und ein altes Hemd zurückverlangen, das er nach einer Fahrt mit der Muschel auf dem ›Renntier‹ vergessen hatte. Bei dem Streit mit Nelson hatte er sich auf die Seite der Muschel gestellt. Er war übrigens auch im St.-Louis-Haus gewesen und hatte getrunken, so daß es König Alkohol war, der ihn nach der Landzunge führte und nach dem alten Hemd fragen ließ. Wenige Worte genügten, um die Bombe zum Platzen zu bringen. In der Cockpit des ›Renntiers‹ fuhr er auf Nelson los, und in dem Wirrwarr entging er nur mit knapper Not einer Eisenstange, mit der der wütende Franzosen-Frank nach ihm schlug – wütend, weil ein Mann mit zwei gesunden Händen einen andern angriff, der nur eine gebrauchen konnte. (Wenn das ›Renntier‹ noch auf dem Wasser schwimmt, muß die Spur der Eisenstange noch an ihrer Cockpit zu sehen sein.)

Aber Nelson riß seine verbundene, durchschossene Hand aus der Binde, und während wir ihn festhielten, weinte und brüllte er in seiner Berserkerwut, selbst mit der einen Hand könne er noch mit Soup Kennedy fertig werden. Und da ließen wir sie auf dem Sande los. Einmal, als es schlimm für Nelson aussah, griffen Franzosen-Frank und König Alkohol in wenig fairer Weise in den Kampf ein. Scotty protestierte und langte nach Franzosen-Frank aus, der sich auf ihn stürzte und ihn, nachdem sie zwanzig Fuß weit über den Sand gerollt waren, unter seine Brust begrub. Bei dem Versuch, diese beiden zu trennen, entstand ein halbes Dutzend Kämpfe unter uns übrigen. Diese Kämpfe wurden irgendwie beendet, oder wir brachten die Kämpfenden mit Hilfe von Alkohol auseinander – aber die ganze Zeit dauerte der Kampf zwischen Nelson und Soup Kennedy an. Hin und wieder wandten wir ihnen wieder unser Interesse zu, erteilten ihnen Ratschläge, wie zum Beispiel, wenn sie erschöpft im Sande lagen, außerstande, einen Schlag zu tun: »Wirf ihm Sand in die Augen.« Und sie warfen sich Sand in die Augen, fingen dann wieder an und kämpften, bis sie wieder nicht weiter konnten.

Und nun versucht euch vorzustellen, was dies alles, so scheußlich, lächerlich und einfach tierisch es war, für mich bedeutete, einen noch nicht sechzehnjährigen Bengel, der vor Abenteuerlust brannte und den Kopf voll hatte von Seeräubergeschichten, Plünderungen und Kämpfen zwischen bewaffneten Männern, und dessen Phantasie aufs äußerste gereizt war durch schlechten Fusel, den er getrunken hatte. Das war das Leben, nackt und roh, wild und frei – das einzige Leben, das erstrebenswert war. Und mehr als das. Es enthielt ein Versprechen, war nur der Anfang. Von der Landzunge führte der Weg durch das goldene Tor zu einem Überfluß an Abenteuern in der ganzen Welt, wo Schlachten ausgefochten werden, nicht um alte Hemden und gestohlene Lachsboote, sondern um hohe Zwecke und romantische Ziele.

Und weil ich Scotty meine Meinung darüber sagte, daß er sich von einem alten Manne wie Franzosen-Frank hatte verprügeln lassen, gerieten auch wir aneinander und trugen zur Erhöhung der Feststimmung bei. Und Scotty kündigte mir seine Stellung und verschwand noch in derselben Nacht mit einem Paar Decken, die mir gehörten. Die ganze Nacht hindurch schwammen der Schoner und das ›Renntier‹ auf der Flut und zerrten an ihren Ankern, während die Austernräuber besinnungslos in ihren Kojen lagen. Das noch mit Steinen und Wasser gefüllte Lachsboot blieb auf dem Grunde. Früh am Morgen hörte ich wildes Geschrei vom ›Renntier‹ und taumelte in den kalten Nebel hinaus, um zu sehen, was los sei. Das schöne Lachsboot lag auf dem harten Sande, flachgepreßt wie ein Pfannkuchen durch Franzosen-Franks Schoner und das ›Renntier‹. Unglücklicherweise waren zwei Planken des ›Renntiers‹ von dem schweren Steven des Lachsbootes eingedrückt. Die steigende Flut war durch das Leck eingedrungen und hatte Nelson in seiner Koje geweckt. Ich half ihm, und wir pumpten das ›Renntier‹ lenz und besserten den Schaden aus.

Dann kochte Nelson Frühstück, und während wir aßen, erörterten wir die Situation. Er war ganz gebrochen, und ich auch. Für das elende Wrack neben uns auf dem Sande bekam er im Leben nicht die fünfzig Dollar. Er hatte eine verwundete Hand und keine Mannschaft. Ich hatte ein verbranntes Großsegel und auch keine Mannschaft. »Was meinst du, wenn wir uns zusammentäten?« fragte Nelson. »Ich bin dabei«, lautete meine Antwort, und so wurde ich der Partner des ›Jungen Fuchses‹, Nelsons, des wildesten und tollsten von allen. Wir borgten uns Geld von Johnny Heinhold, um unsern Proviant zu ergänzen, und segelten noch am selben Tage nach den Austernbänken.

*

Ich habe auch nie die Monate wilder Teufelei bereut, die ich in Gemeinschaft mit Nelson verlebte. Der konnte wahrhaftig segeln, wenn er auch jeden abschreckte, der mit ihm fuhr. So zu steuern, daß man gerade noch im letzten Augenblick einer Katastrophe entging, machte ihm besonders viel Freude. Zu tun, was kein anderer zu tun wagte, darein setzte er seinen Stolz. Er hatte die Manie, nie zu reffen, und solange ich auf dem ›Renntier‹ fuhr, wurde auch nie gerefft. Auch trocken war das Schiff nie. Wir vertäuten es offen und fuhren es offen, immer und jederzeit. Und wir verließen die Gewässer von Oakland und fuhren weit hinaus auf Abenteuer. Und diese ganze rühmliche Periode meines Lebens ermöglichte mir König Alkohol. Und das ist meine Anklage gegen König Alkohol. Ich brannte vor Durst nach wildem Leben und Abenteuern, und der einzige Weg, der mich zu ihnen führte, war der, den König Alkohol mir wies. Es war der Weg von Männern, die das Leben lebten. Wollte auch ich dieses Leben leben, so mußte ich es ihnen gleichtun. Das Trinken machte mich zu Nelsons Partner und Kameraden. Hätte ich ihn stets bezahlen lassen, oder hätte ich seine Einladung ganz ausgeschlagen, so wäre ich nie von ihm zum Partner erwählt worden. Er brauchte einen Partner, der ihm ebenso als Trinkkumpan wie als Arbeitsgenosse zur Seite stand.

Ich ergab mich diesem Leben, ohne zu erkennen, daß es nur eine eiserne Konstitution ertragen konnte, und daß es schließlich doch zu Stumpfsinn und tierischer Bewußtlosigkeit führen müsse. Unfähig, Geschmack daran zu finden, trank ich nur, um mich zu betrinken, mich hoffnungslos, rettungslos zu betrinken. Und ich, der ich früher gespart und zusammengescharrt, wie ein Shylock gewuchert hatte und selbst einen Juden hätte rühren können, ich, der ganz entsetzt dagestanden hatte, als Franzosen-Frank auf einmal achtzig Cent für Whisky für acht Mann ausgab, ich verachtete das Geld jetzt mehr als irgendeiner von all den Verschwendern. Ich erinnere mich, wie ich eines Abends mit Nelson an Land ging. In meiner Tasche befanden sich hundertundachtzig Dollar. Ich hatte die Absicht, mir neues Zeug zu kaufen und dann etwas zu trinken. Ich brauchte das Zeug notwendig. Alles, was ich besaß, trug ich auf dem Leibe, und es bestand nur aus folgendem: einem Paar Seestiefel, das, dank der göttlichen Vorsehung, das Wasser ebenso schnell heraus- wie hineinlaufen ließ, einer Hose zu fünfzig, einem Wollhemd zu vierzig Cent und einem Südwester. Ich besaß keinen Hut und mußte daher mit dem Südwester gehen. Man wird bemerken, daß in diesem Verzeichnis weder Unterzeug noch Strümpfe aufgeführt sind: ich besaß weder das eine noch das andere.

Um zu den Geschäften zu kommen, wo man Zeug kaufen konnte, mußten wir an einem Dutzend Wirtschaften vorbei. Folglich begann ich gleich zu trinken. Ich kam nie zu den Kleidergeschäften. Gegen Morgen kam ich betrunken, arm, aber zufrieden wieder an Bord, und wir setzten Segel. Ich hatte nur die Kleidungsstücke, in denen ich an Land gegangen war, und von den hundertundachtzig Dollar war nicht ein Cent mehr übrig. Wer so etwas nie erlebt hat, wird es für unmöglich halten, daß man in zwölf Stunden hundertundachtzig Dollar vertrinken kann. Ich weiß es besser. Und ich bedauerte es nicht. Ich war stolz. Ich hatte gezeigt, daß ich es im Geldausgeben mit dem Besten aufnehmen konnte. Unter starken Männern hatte ich selbst meine Stärke erprobt. Ich hatte, wie schon so oft, meinen Fürstentitel wieder einmal behauptet. Mein Benehmen muß freilich auch als eine Reaktion gegen die Armut und die übertriebene Plackerei meiner Kindheit betrachtet werden. Möglicherweise dachte ich im Innersten so: besser, ein Fürst unter Saufbrüdern, als zwölf Stunden täglich an der Maschine bei zehn Cent Stundenverdienst. Über der Arbeit an der Maschine liegt kein Purpurschimmer. Wenn es aber nicht glorios ist, hundertundachtzig Dollar durchzubringen – dann weiß ich nicht!

Ich übergehe viele Einzelheiten meines Verkehrs mit König Alkohol in dieser Periode und will nur solche Ereignisse berichten, die dazu dienen können, Licht auf seine Wege zu werfen. Dreierlei ermöglichte es mir, in dieser wilden Trinkerei fortzufahren: erstens eine glänzende Konstitution; zweitens das gesunde, starke Freiluftleben auf dem Meere; und drittens die Tatsache, daß ich nicht regelmäßig trank. Auf See hatten wir nie etwas Trinkbares.

Die Welt stand im Begriff, sich mir weit zu öffnen. Schon kannte ich mehrere hundert Meilen ihrer Seewege und viele Plätze und Städte und Fischerdörfer an ihren Küsten. Aber es gab noch mehr, das meine Augen noch nicht gesehen – die Welt war weit! Aber für Nelson war sie zu weit. Er sehnte sich nach seinem geliebten Oakland, und als er sich entschloß, dorthin zurückzukehren, trennten wir uns in aller Freundschaft.

Jetzt machte ich die alte Stadt Benicia an der Carquinez-Straße zu meinem Hauptquartier. Zwischen einem Schwarm von Fischerbooten, die in den Schären an der Küste lagen, hielt sich eine ebenbürtige Bande von Säufern und Vagabunden auf, und ihr schloß ich mich an. Ich war oft längere Zeit an Land, vertrieb mir hin und wieder die Zeit mit Lachsfischen oder mit Fahrten durch die Bucht oder auf den Flüssen als Fischereipolizist, trank immer mehr und lernte das Trinken immer besser. Ich nahm es mit jedem auf und trank stets mehr, als mir guttat; nur um zu zeigen, welch ein Mann ich war. Wenn am nächsten Morgen dann mein bewußtloser Körper aus den Netzen auf den Trockengestellen entwirrt wurde, in die ich nachts in einem Zustand tierischen Stumpfsinns gekrochen war, und der ganze Hafen unter Grinsen, Lachen und erneutem Trinken darüber redete, war ich wirklich stolz. Es war eine Heldentat.

Und als ich einmal drei Wochen hintereinander nicht einen einzigen nüchternen Augenblick hatte, war ich überzeugt, den Gipfel erreicht zu haben. Sicher: in dieser Beziehung konnte man es nicht weiterbringen. Es war Zeit für mich, umzukehren. Denn ob ich berauscht oder nüchtern war: stets flüsterte mir etwas in meinem Unterbewußtsein zu, daß dieses Trinker- und Abenteurerdasein auf der Bucht denn doch nicht das ganze Leben sei. Dies Flüstern war mein Glück. Ich konnte es glücklicherweise vernehmen, ich hörte es über die ganze Welt. Nicht, daß ich mich deshalb loben möchte! Es war Neugier, Wißbegier, Unrast und das Suchen nach dem Wunderbaren, von dem ich einen Hauch gespürt zu haben meinte. Was sollte das Leben, fragte ich, wenn das alles war? Nein, in der Ferne mußte mehr winken! Und in Verbindung mit meiner viel späteren Entwicklung zum Trinker muß man dies Flüstern, diese leisen Verheißungen von Dingen an den Grenzen des Lebens wohl beachten, denn sie sollten eine unheimliche Rolle in meinen späteren Kämpfen mit König Alkohol spielen.

Was aber den unmittelbaren Anstoß zu meinem Entschluß, fortzuziehen, gab, war ein Streich, den König Alkohol mir spielte – ein schrecklicher, unglaublicher Streich, der mir bisher ungeahnte Abgründe enthüllte. Um ein Uhr morgens war ich nach einem gewaltigen Gelage im Begriff, an Bord der Schaluppe zu taumeln, um mich schlafen zu legen. Die Ebbe schoß wie ein Mühlbach durch die Carquinez-Straße, und sie hatte ihren Tiefstand erreicht, als ich über Bord fiel. Weder auf dem Bollwerk noch auf der Schaluppe war ein Mensch. Ich wurde von der Strömung fortgetragen, war jedoch keineswegs bestürzt. Das Abenteuer erschien mir prachtvoll. Ich war ein guter Schwimmer, und in meinem erhitzten Zustande fühlte ich die sanfte Berührung meiner Haut mit dem Wasser wie kühles Linnen.

Und da spielte König Alkohol mir seinen wahnsinnigsten Streich. Eine leise Ahnung ergriff mich plötzlich, daß ich durch die Ebbe entführt würde. Ich hatte nie an Sterben gedacht. Selbstmordgedanken lagen mir fern. Und als sie jetzt kamen, erschien dies mir als eine prachtvolle, glänzende Apotheose, als die Krönung meiner kurzen, aber strahlenden Laufbahn. Ich, der ich nie die Liebe eines Mädchens, die Liebe einer Gattin oder die Liebe von Kindern kennengelernt, der ich nie auf den weiten sonnigen Gefilden der Kunst gespielt, nie die sternenkalten Zinnen der Philosophie erklommen und noch nicht mehr als einen Stecknadelkopf von der gewaltigen Welt vor Augen gesehen hatte – ich stellte fest, daß ich alles kannte, alles gesehen und erlebt hatte, was überhaupt erlebenswert war, und daß es jetzt Zeit sei zu verschwinden. Das war der Streich, den König Alkohol mir spielte. Ja, er wußte zu überreden: hatte ich nicht alles im Leben erprobt? Und was war dabei herausgekommen? Die viehische Trunkenheit, in der ich seit Monaten lebte, von einem Gefühl der Erniedrigung und dem Bewußtsein der Sünde begleitet, sie war das Letzte und Beste gewesen, und ihren Wert konnte ich selbst ermessen. Ich sah sie vor mir, alle die verkommenen alten Bummler und Säufer, meine Gäste am Kneipentisch. Sollte ich werden wie sie? Tausendmal nein! Und ich weinte Tränen süßer Trauer über meine strahlende Jugend, die nun mit der Ebbe verrann ... Wer kennt nicht den weinenden Trunkenbold, den melancholischen Säufer? Man kann ihn in jeder Kneipe finden, selbst wenn er keinen andern Zuhörer hat als den Kellner, der bezahlt wird, um sich das Geplärr der Gäste anzuhören.

Das Wasser war herrlich. Das war ein Tod für einen Mann! König Alkohol schlug jetzt einen andern Ton in meinem trunkenen Hirn an. Fort mit Tränen und Klagen! Es war der Tod eines Helden, durch eigene Hand, durch eigenen Willen! So stimmte ich denn meinen Todesgesang an und ließ ihn aus ganzer Seele ertönen, bis das Gurgeln und Plätschern der Wellenwirbel mich doch erwachen ließen.

Unterhalb Benicias, bei der Solano-Mole, erweitert sich die Straße zu der von den Seeleuten so genannten ›Bucht von Turneers-Werft‹. Ich befand mich in der Küsten-Ebbströmung, die um die Mole herum in die Bucht schießt. Ich kannte von früher her die Macht des Sogs, der dadurch entsteht, daß die Ebbe um die Toteninsel herumströmt und direkt auf das Bollwerk losfährt. Es war keineswegs mein Wunsch, zwischen den Pfählen hindurchgerissen zu werden.

Ich entkleidete mich im Wasser und strich, den Strom im rechten Winkel kreuzend, mit mächtigen Zügen durch die Strömung. Ich hielt erst inne, als ich beim Schein der Bollwerklaterne sah, daß ich sicher war klarzukommen. Da legte ich mich auf den Rücken und ruhte mich aus. Es war eine Schwimmtour gewesen, die es in sich hatte, und ich brauchte Zeit, um wieder zu Atem zu kommen.

Stolz konnte ich sein, denn ich hatte den Sog bezwungen. Und noch einmal wollte ich meinen triumphierenden Totengesang anstimmen. Aber König Alkohol flüsterte mir zu: »Sing nicht – sing nicht. Solano ist die ganze Nacht wach. Auf dem Kai sind Eisenbahner. Sie werden dich hören, und dann kommen sie im Boot und retten dich!« Richtig, das war zu bedenken. Sollte ich mir meinen Heldentod nehmen lassen? Nie. Und ich schwamm auf dem Rücken im Sternenlicht, sah die wohlbekannten Kailichter rot, grün und weiß vorbeigleiten und sagte jedem ein wehmütiges Lebewohl.

Als ich aber wieder in der Mittelrinne war, fing ich von neuem an zu singen. Hin und wieder schwamm ich ein paar Stöße, beschränkte mich aber in der Hauptsache darauf, auf dem Wasser zu treiben und lange, trunkene Träume zu träumen. Vor Tagesanbruch hatten mich die Kühle des Wassers und die vielen verstrichenen Stunden so weit ernüchtert, daß ich mich zu fragen begann, in welchem Teil der Straße ich mich eigentlich befand und ob der Eintritt der Flut mich nicht zurücktreiben würde, ehe ich noch die San-Pablo-Bucht erreichen konnte.

Als nächstes entdeckte ich, daß ich sehr müde war und mächtig fror. Ich konnte die Selbygießerei an der Contra-Costa-Küste und das Leuchtfeuer auf der Mare-Insel erkennen. Ich begann nach dem Solano-Ufer zu schwimmen, war aber zu schwach und so erstarrt, daß ich es bald wieder aufgab, mich einfach treiben ließ und nur hin und wieder einen Zug tat, um in den Wirbeln, die sich an der Oberfläche bildeten, das Gleichgewicht zu behalten. Und jetzt kam die Angst. Ich war nüchtern und wollte nicht mehr sterben. Ich entdeckte Dutzende von Gründen, um weiterzuleben. Und je mehr Gründe ich entdeckte, desto wahrscheinlicher wurde es mir, daß ich trotz allem versinken müsse.

Das Tageslicht fand mich, nachdem ich vier Stunden im Wasser verbracht hatte, in einer recht schlimmen Verfassung in den Wirbeln beim Mare-Feuer; wo der Ebbstrom von der Vallejo-Straße auf den von der Carquinez-Straße stößt und gerade in diesem Augenblick von der Flutströmung getroffen wurde, die von der San-Pablo-Bucht heraufkam. Eine steife Brise war aufgekommen, die krausen, kleinen Wellen schlugen mir immer wieder in den Mund, und ich fing schon an, Salzwasser zu schlucken. Als erfahrener Schwimmer wußte ich, daß das Ende nahe war ...

Und da kam das Boot, ein griechischer Fischerkutter, der nach Vallejo wollte; und wieder hatten meine Konstitution und körperliche Kraft mich vor König Alkohol gerettet.

Nebenbei möchte ich bemerken, daß der verrückte Streich, den König Alkohol mir spielte, durchaus nicht ungewöhnlich war. Eine genaue Statistik der Selbstmorde, die König Alkohol auf dem Gewissen hat, müßte erschreckend sein.

* * *

 

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