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König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
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Am Wahltage war es über mich gekommen. An dem warmen kalifornischen Nachmittage war ich von der Ranch nach dem Mondtal geritten, um im Dörfchen für oder gegen eine Menge beantragter Änderungen in der Verfassung des amerikanischen Staates Kalifornien zu stimmen. Der Wärme wegen hatte ich schon vor der Abstimmung mehrere Gläser getrunken, und hinterher kamen noch verschiedene. Dann ritt ich über die weinbewachsenen Höhen und wogenden Weiden heim und kam gerade rechtzeitig, um noch ein Glas zum Abendbrot zu bekommen.

»Wie hast du zum Frauenwahlrecht gestimmt?« fragte Charmian Die zweite Frau Jack Londons..

»Dafür.«

Sie ließ einen überraschten Ausruf hören. Denn ich will nicht verschweigen, daß ich in meinen jüngeren Jahren, obgleich glühender Demokrat, stets gegen das Wahlrecht der Frauen gestimmt hatte. Als ich später toleranter wurde, erkannte ich in ihm ohne Begeisterung ein unumgängliches Glied in der sozialen Entwicklung.

»Wieso hast du denn dafür gestimmt?« fragte Charmian.

Ich antwortete. Ich antwortete ausführlich. Ich antwortete ärgerlich. Je mehr ich antwortete, desto ärgerlicher wurde ich. (Nein, ich war nicht betrunken. Der Gaul, den ich geritten hatte, hieß nicht ohne Grund der ›Geächtete‹. Ich möchte den Betrunkenen sehen, der den reiten könnte.)

Und doch war ich – wie soll ich es nennen? – in gehobener Stimmung, ich fühlte mich ›sauwohl‹, hatte einen kleinen Schwips.

»Wenn die Frauen das Wahlrecht erhalten, stimmen sie für die Prohibition (Enthaltsamkeitsgesetz)«, sagte ich. »Die Frauen, Schwestern und Mütter, und nur sie sind es, die die Nägel in den Sarg König Alkohols schlagen werden – –«

»Aber ich glaubte, du seist ein Freund König Alkohols«, warf Charmian ein.

»Das bin ich. Ich war es. Ich bin es nicht. Ich war es nie. Nie bin ich weniger sein Freund, als wenn wir beisammensitzen und anscheinend die besten Freunde sind. Er ist der König der Lügner. Keiner sagt die Wahrheit so offen wie er. Er ist der erhabenste Begleiter; mit ihm wandert man wie mit Göttern. Er ist auch mit dem ›Nasenlosen‹ verbündet. Sein Weg führt zur nackten Wahrheit und zum Tode. Er schenkt klare Gesichte und trübe Träume. Er ist der Feind des Lebens und der Lehrer der Weisheit jenseits der Weisheit des Lebens. Er ist ein blutiger Mörder, und er tötet die Jugend.«

Charmian blickte mich an, und ich merkte, wie sie sich wunderte, woher ich meine Weisheit haben mochte.

Ich redete weiter. Wie gesagt, ich befand mich in etwas gehobener Stimmung. Aber in meinem Hirn war jeder Gedanke an Ort und Stelle. Jeder Gedanke stand völlig bekleidet sprungbereit hinter der Tür seiner kleinen Zelle, wie Gefangene, die mitternächtlich auf das Ausbrechen warten. Und jeder Gedanke war eine Vision, klar und deutlich, scharfgeschnitten, unverkennbar. Mein Hirn war von dem klaren, weißen Licht des Alkohols erleuchtet. König Alkohol hatte einen Anfall von Wahrheitssucht und gab die tiefsten Geheimnisse über sich selbst zum besten. Und ich war sein Sprecher. Die Scharen der Erinnerungen aus meinem früheren Leben rückten vor, alle in Reih' und Glied, wie die Soldaten bei einer riesigen Parade. Ich brauchte nur hineinzugreifen und zu wählen. Ich war der Herr meiner Gedanken, der Meister meines Wortschatzes und der Summe meiner Erfahrungen: konnte unfehlbar meine Daten wählen und meine Darstellung aufbauen. Denn so weiß König Alkohol zu verführen und auch zu schmeicheln, indem er die Würmer des Verstandes wühlen lallt, verhängnisvolle Wahrheitsoffenbarungen einflüstert und Purpur über die Monotonie des Alltags wirft.

Ich schilderte Charmian mein Leben und erklärte ihr das Wesen meiner Konstitution. Ich war kein erblich belasteter Alkoholiker. War nicht mit einer organischen, chemischen Veranlagung für den Alkohol geboren. In dieser Beziehung war meine Familie völlig normal. Der Geschmack am Alkohol war erworben. Alkohol war mir schrecklich zuwider, war mir ekelhafter als irgendeine Medizin gewesen. Selbst jetzt konnte ich seinen Geschmack nicht ausstehen. Ich trank ihn nur, weil er anregte. Und von meinem fünften bis zu meinem fünfundzwanzigsten Jahre hatte ich noch nicht gelernt, mir etwas aus dieser Anregung zu machen. Zwanzig Lehrjahre voll Widerstreben waren nötig gewesen, meinen Organismus in empörendem Maße duldsam gegen den Alkohol und mich von ganzer Seele begierig auf ihn zu machen.

Ich deutete kurz meine erste Begegnung mit dem Alkohol an, erzählte von meinem ersten Rausch und meinem ersten Widerwillen und wies immer wieder auf das einzige hin, was mich schließlich überwunden hatte – die leichte Zugänglichkeit des Alkohols. Und nicht nur war er stets zugänglich gewesen, alle meine Interessen hatten mich auf meiner Lebensbahn geradeswegs zu ihm gezogen. Als Zeitungsjunge auf den Straßen, als Goldgräber, als Wanderer in fernen Ländern, überall, wo Männer zusammentrafen, um Gedanken auszutauschen, zu lachen, zu prahlen, zu wagen, zu ruhen, die stumpfe Plackerei mühseliger Tage und Nächte zu vergessen, überall trafen sie sich beim Alkohol. Die Kneipe war ihre Versammlungsstätte. Männer kamen dort zusammen, wie die Männer bei den Wilden am Feuer des Lagerplatzes oder vor dem Eingang der Höhle zusammenkommen.

Ich erinnerte Charmian an die Kanuhäuser im Stillen Ozean, von denen sie ausgeschlossen gewesen, wo die wollköpfigen Kannibalen sich vor ihren Weibern versteckt hatten, um zu feiern und in Frieden trinken zu können, während die heilige Stätte für die Frauen bei Todesstrafe Tabu war. Als ich jung war, entrann ich nur mit Hilfe der Kneipen aus der Enge weiblichen Einflusses in die freie Welt der Männer. Alle Wege führten zur Kneipe. Die tausend Straßen von Abenteuern und Erlebnissen liefen in der Kneipe zusammen und führten von dort über die ganze Erde.

»Die Sache ist eben,« schloß ich meine Predigt, »daß die leichte Zugänglichkeit des Alkohols mich auf den Geschmack gebracht hat. Ich machte mir nichts aus ihm. Ich pflegte über ihn zu lachen. Und doch bin ich nun schließlich vom Verlangen des Trinkens besessen. Es dauerte zwanzig Jahre, bis mir dies Verlangen eingeimpft war, und in weiteren zehn Jahren ist es stark geworden. Und die Folgen davon, wenn man dies Verlangen befriedigt, sind alles eher als gut. Mein Temperament ist ruhig und lustig. Wandere ich aber mit König Alkohol zusammen, so fühle ich alle Verdammnis der Melancholie.

»Aber«, fügte ich schnell hinzu (ich füge immer irgend etwas schnell hinzu), »König Alkohol soll haben, was ihm gebührt. Er spricht stets die Wahrheit. Und das ist sein Fluch. Die sogenannten Wahrheiten des Lebens sind nicht wahr. Sie sind notwendige Lügen, die dem Lebenden das Leben möglich machen, und König Alkohol beweist, daß sie Lügen sind.«

»Was nicht zum Leben führt«, sagte Charmian.

»Sehr richtig«, antwortete ich. »Und das ist das Allerschlimmste. König Alkohol führt zum Tode. Deshalb stimmte ich heute für das Frauenwahlrecht. Ich blickte auf mein Leben zurück und sah, wie ich durch die leichte Zugänglichkeit des Alkohols Geschmack an ihm bekommen hatte. Sieh, es werden verhältnismäßig wenige Alkoholiker in einer Generation geboren. Unter einem Alkoholiker verstehe ich einen Mann, dessen Organismus Alkohol verlangt und ihn ihm widerstandslos in die Arme treibt. Die große Mehrzahl sind Gewohnheitstrinker, die nicht nur ohne Drang nach dem Alkohol, sondern sogar mit ausgesprochenem Widerwillen gegen ihn geboren sind. Weder das erste, noch das zwanzigste oder das hundertste Glas vermag ihnen die Neigung zu geben. Aber sie haben es allmählich gelernt, geradeso wie man rauchen lernt – nur daß rauchen entschieden leichter als trinken ist. Sie haben es gelernt, weil der Alkohol so leicht zugänglich ist. Die Frauen wissen das. Sie bezahlen dafür – die Frauen, Schwestern und Mütter. Und wenn sie das Wahlrecht erhalten, werden sie für die Prohibition stimmen. Und das beste dabei ist, daß man der nächsten Generation gar keinen Zwang anzutun braucht. Da ihnen der Alkohol nicht zugänglich ist und sie keine ererbte Neigung für ihn besitzen, werden sie ihn nie entbehren. Das wird das Leben reicher für diese Jungen machen, wenn sie zu Männern herangewachsen sind – und auch glücklicher für die jungen Mädchen, die geboren und herangewachsen sind, um das Leben dieser jungen Männer zu teilen.«

»Warum willst du nicht dies alles aufschreiben zum Nutzen der kommenden jungen Männer und Frauen?« fragte Charmian. »Warum es nicht aufschreiben, um Frauen, Schwestern und Müttern den Weg zu weisen, den sie gehen müssen, wenn sie einmal stimmen sollen?«

»›Erinnerungen eines Säufers‹«, höhnte ich – oder besser ›König Alkohol‹; denn er saß neben mir am Tische in Gestalt meiner frohen, menschenfreundlichen, etwas gehobenen Stimmung, und es gehört zu seinen eigentümlichen Gewohnheiten, so plötzlich und unvermittelt den Scherz in Hohn überschlagen zu lassen.

»Nein«, sagte Charmian, ohne die Grobheit König Alkohols zu beachten, wie so viele Frauen es gelernt haben. »Du hast gezeigt, daß du selbst kein Alkoholiker bist, sondern nur ein Gewohnheitstrinker, einer, der die Bekanntschaft König Alkohols gemacht hat, als er jahrelang Schulter an Schulter mit ihm marschierte. Schreib es auf und nenn' es ›König Alkohol‹.«

*

Ehe ich jedoch beginne, muß ich den Leser bitten, mir mit Sympathie zu folgen; und da Sympathie ja nichts als Verständnis ist, so möge er beginnen mit seinem Verständnis für mich, für den und für das, worüber ich schreibe. Vor allem: Ich bin nur allein durch Gewohnheit zum Trinker geworden. Ich bin nicht mit dem Verlangen nach Alkohol geboren. Ich bin nicht schwachsinnig. Ich bin kein Tier. Ich verstehe die Kunst, zu trinken, von A bis Z, und ich trinke mit Verstand. Ich brauche nie ins Bett gebracht zu werden. Ich schwanke auch nie. Kurz, ich bin ein ganz gewöhnlicher, normaler Mensch, und ich trinke auf die gewöhnliche, normale Art und Weise. Und dies ist der Kernpunkt: Ich schreibe über die Wirkungen des Alkohols auf einen gewöhnlichen, normalen Menschen. Auf den unendlich gleichgültigen Trunkenbold, der kein Maß kennt, will ich nicht ein einziges Wort verschwenden.

Es gibt, ganz allgemein gesprochen, zwei Typen von Trinkern: Erstens den Mann, den wir alle kennen, stumpfsinnig, ohne Einbildungskraft, dessen Hirn nur ein schlaffer Klumpen von dumpfen Empfindungen ist; der mit weitausladenden Bewegungen, spreizbeinig und unsicher daherschwankt und gewöhnlich im Rinnstein endet oder, auf der Höhe seiner Ekstase, blaue Mäuse und rote Elefanten sieht. Das ist der Typ, von dem die Witzblätter leben.

Der andere Trinkertyp hingegen hat Einbildungskraft und Visionen. Selbst im schwersten Rausche geht er aufrecht und gerade, schwankt und fällt nicht, sondern weiß immer genau, wo er ist und was er tut. Nicht sein Körper ist trunken, sondern sein Hirn. Er kann vor Geist strahlen, von Kameradschaftlichkeit überströmen. Oder er kann jene Gespenster und Visionen des Geistes sehen, die natürliche und logische Zusammenhänge und die Gestalt von Vernunftsschlüssen annehmen. In diesem Zustand streift er die Schale von den gesundesten Illusionen des Lebens und betrachtet ernsthaft den eisernen Reif der Notwendigkeit, der um den Hals seiner Seele geschmiedet ist. Das ist die Stunde, da König Alkohol seine feinsten Kräfte entfaltet. Es ist kein Kunststück, in den Rinnstein zu fallen. Aber es ist eine schreckliche Feuerprobe für einen Mann, aufrecht und sicher auf den Beinen zu stehen und festzustellen, daß es auf der ganzen Welt nur eine einzige Art und Weise gibt, wie man seine Freiheit gewinnen kann – nämlich, seinem Todestage vorzugreifen. Dann hat dieser Mann die Stunde der weißen Logik (darüber später mehr) erreicht, und dann weiß er, daß er nur die Gesetze, nie aber ihren Sinn erkennen kann. Das ist seine gefährlichste Stunde. Dann beschreitet er den Weg, der ins Grab führt.

Alles ist ihm klar. All dieses törichte Streben nach Unsterblichkeit ist nur das Angstgeschrei von Seelen, die in der Furcht vor dem Tode zittern und verdammt sind mit dem dreifach verdammten Geschenk der Einbildungskraft. Ihnen fehlt der Instinkt des Todes; sie ermangeln des Willens zum Sterben, wenn die Zeit zum Sterben gekommen ist. Sie täuschen sich selbst den Glauben vor, daß sie dem Spiele Trotz bieten und eine Zukunft gewinnen könnten, während sie doch alle andern Geschöpfe der Finsternis des Grabes oder dem vernichtenden Feuer des Krematoriums verfallen sehen. Aber er, dieser Mann in der Stunde der weißen Logik, weiß, daß sie nur sich selber täuschen und trotzen. Der eine Ausgang ist allen sicher. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, nicht einmal das ersehnte Spielzeug für schwache Seelen: die Unsterblichkeit. Ja, er weiß es, er, der hier aufrecht, ohne zu schwanken auf seinen Füßen steht. Er besteht aus Fleisch, Wein und Funken, aus Sonnen- und Weltenstaub, ein zerbrechlicher Mechanismus, geschaffen, um eine Spanne zu laufen, um von Seelen- und Leibesärzten verpfuscht und zuletzt auf den Kehricht geworfen zu werden.

Natürlich ist alles das nur Seelenkrankheit, Lebenskrankheit. Das ist die Buße, die der Mann mit der Einbildungskraft für seine Freundschaft mit König Alkohol erlegen muß. Die Buße, die der Stumpfsinnige bezahlen muß, ist einfacher, leichter. Er trinkt sich in viehische Bewußtlosigkeit. Er schläft einen vergifteten Schlaf, und wenn er träumt, sind seine Träume unklar und unzusammenhängend. Aber dem Mann mit der Einbildungskraft schickt König Alkohol die unerbittlichen visionären Folgerungen der weißen Logik. Er betrachtet das Leben und alle seine Angelegenheiten mit dem scheelen Blick eines pessimistischen deutschen Philosophen. Er durchschaut alle Illusionen. Er überschätzt alle Werte. Gutes ist schlecht, Wahrheit Lüge und das Leben ein Witz. Von den Höhen seines stillen Wahnsinns betrachtet er mit der unfehlbaren Sicherheit eines Gottes alles Leben als Übel. Gattin, Kinder, Freunde – in dem klaren, weißen Licht seiner Logik lösen sie sich auf in Trug und Schein. Er durchschaut sie und sieht ihre Schwäche, ihre Kleinlichkeit, ihren Schmutz und ihre Kläglichkeit. Sie narren ihn nicht mehr. Sie sind elende kleine Egoisten, wie all die andern kleinen Sterblichen, die wie Eintagsfliegen eine Stunde lang durch ihren Lebenstanz flattern. Sie kennen keine Freiheit. Sie sind Puppen des Schicksals. Das ist er auch. Das weiß er. Und er erkennt, wie er frei werden kann: er muß dem Tode vorgreifen. Aber dies alles ist nicht gut für einen Mann, der geboren ist, um zu leben, zu lieben und geliebt zu werden. Selbstmord, schneller oder langsamer, ein plötzlicher Sturz oder ein jahrelanges allmähliches Zerrinnen – das ist der Preis, den König Alkohol fordert. Keiner seiner Freunde entrinnt je der Bezahlung seiner Schuld.

*

Mit fünf Jahren war ich zum ersten Male berauscht. Es war ein heißer Tag, und mein Vater pflügte auf dem Felde. Ich wurde eine halbe Meile weit fortgeschickt, um ihm einen Krug Bier zu holen. »Und paß auf, daß du es nicht verschüttest«, ermahnte er mich, als ich ging. Ich weiß noch genau, daß das Gefäß schwer, oben sehr weit war und keinen Deckel hatte. Als ich lostrottete, schwappte das Bier über den Rand und tropfte mir auf die Beine. Und wie ich so dahinzottelte, dachte ich nach. Bier war etwas sehr Kostbares. Mir kam der Gedanke, daß es etwas ganz Wunderbares sein müßte. Warum durfte ich sonst nie zu Hause davon kosten? Was die Erwachsenen mir verboten, hatte ich immer gut gefunden. Also war dies auch etwas Gutes. Auf die Erwachsenen konnte man sich verlassen. Die wußten Bescheid. Und zudem war die Kanne übervoll. Ich goß es nur über meine Beine und verschüttete es auf den Boden. Warum es vergeuden? Keiner würde sehen, ob ich es getrunken oder verschüttet hätte.

Ich war so klein, daß ich mich, um an das Bier zu gelangen, hinsetzen und die Kanne auf den Schoß nehmen mußte. Zuerst schlürfte ich den Schaum. Ich war enttäuscht. Ich begriff nicht das Wunderbare daran. Offenbar steckte es nicht im Schaum. Der schmeckte gar nicht gut. Dann erinnerte ich mich, gesehen zu haben, daß die Erwachsenen den Schaum fortbliesen, bevor sie tranken. Ich steckte das Gesicht in den Schaum und leckte an dem schweren Getränk darunter. Das schmeckte auch nicht. Aber ich trank doch. Die Erwachsenen mußten doch wissen, was sie taten. Klein, wie ich war, und mit der Kanne auf dem Schoße und mit angehaltenem Atem das Gesicht bis zu den Ohren im Schaum vergraben, konnte ich schwer entscheiden, wieviel ich trank. Ich schluckte es wie Medizin so schnell wie möglich hinunter, um die schreckliche Prüfung zu überstehen.

Ich schüttelte mich, als ich weiterging, und dachte, daß der gute Geschmack wohl hinterher kommen würde. Ich versuchte es noch mehrmals während dieser langen halben Meile. Als ich dann erschrocken merkte, wieviel von dem Bier fehlte, fiel mir ein, daß ich gesehen hatte, wie man abgestandenes Bier wieder zum Schäumen bringen konnte. Ich nahm einen Stock und rührte den Rest um, bis der Schaum wieder ganz an den Rand reichte.

Und mein Vater hat es nie entdeckt. Er leerte den Krug mit dem starken Durst des schwitzenden Pflügers, gab ihn mir zurück und machte sich wieder ans Pflügen. Ich versuchte neben den Pferden zu gehen. Ich weiß noch, wie ich über ihre Hufe stolperte und gerade vor die schimmernde Pflugschar fiel, und wie mein Vater so heftig die Zügel zurückriß, daß die Pferde sich beinahe auf mich gesetzt hätten. Er erzählte mir später, es hätten nur wenige Zoll gefehlt, daß mir der Leib aufgeschlitzt worden wäre. Undeutlich erinnere ich mich auch, wie mein Vater mich in seinen Armen nach dem Rande des Feldes trug, während die ganze Welt rings um mich schaukelte und schwankte, und ich todkrank vor Übelkeit war und dazu noch ein schrecklich schlechtes Gewissen hatte.

Den Nachmittag verschlief ich unter den Bäumen, und als mein Vater mich bei Sonnenuntergang weckte, war es ein sehr kranker kleiner Junge, der aufstand und sich müde heimwärts schleppte. Ich war vollkommen erschöpft, das Gewicht meiner Glieder drückte mich zu Boden, und im Leibe spürte ich ein seltsames, harfenartiges Zittern, das sich bis in die Kehle und ins Gehirn fortsetzte. Ich war in einem Zustande, als hätte ich einen Kampf mit Gift ausgefochten. Und wirklich: Ich war ja vergiftet gewesen.

In den folgenden Wochen und Monaten interessierte ich mich für Bier nicht mehr als für den Küchenherd, nachdem ich mich einmal an ihm verbrannt hatte. Die Erwachsenen hatten recht. Bier war nichts für Kinder. Die Erwachsenen merkten es nicht; aber die merkten es auch nicht, wenn sie Pillen und Rizinusöl nahmen. Was mich betraf, so konnte ich ausgezeichnet ohne Bier auskommen. Ja, ich hätte es sehr gut bis zu meinem Todestage entbehren können. Aber das Schicksal wollte es anders. Bei jedem Schritt durch die Welt, in der ich lebte, winkte mir König Alkohol. Es gab kein Entrinnen. Alle Wege führten zu ihm. Aber es dauerte zwanzig Jahre, in denen ich ihm immer wieder begegnete, Grüße mit ihm wechselte und schweigend vorbeiging, bis sich der Schurke in mein Herz geschlichen hatte.

*

Meine nächste Begegnung mit König Alkohol fand statt, als ich sieben Jahre alt war. Diesmal verleitete mich meine Einbildungskraft und meine Furcht zu dem Zusammenstoß. Mein Vater war zwar noch Farmer, wir waren aber nach der rauhen Küste von San Mateo, südlich von San Francisco, gezogen. Es war damals eine wilde, primitive Gegend; und ich hörte oft meine Mutter damit prahlen, daß wir aus einer alten amerikanischen Familie und keine irischen und italienischen Einwanderer wie unsre Nachbarn seien. In unserm ganzen Distrikt gab es nur noch eine altamerikanische Familie.

Eines Sonntags morgens befand ich mich – wie und warum weiß ich nicht mehr – auf Morriseys Ranch. Eine Anzahl junger Leute war dort von den umliegenden Höfen zusammengekommen. Übrigens waren auch die Älteren da, tranken seit dem frühen Morgen, und einige sogar seit dem vorangegangenen Abend. Die Morriseys waren eine große Familie mit vielen stämmigen Söhnen und Onkeln, Männern in schweren Stiefeln, mit mächtigen Fäusten und rauhen Stimmen.

Plötzlich kreischten und schrien die Mädchen: »Sie prügeln sich!« Ein Getöse entstand. Die Männer stürzten aus der Küche hinaus. Zwei Riesen mit rotem Gesicht und grauem Haar hielten sich dicht umschlungen. Der eine war der schwarze Matt, der, wie man sagte, einmal zwei Männer erschlagen hatte. Die Frauen kreischten leise, bekreuzten sich oder stammelten Stoßgebete, während sie die Hände vors Gesicht schlugen und durch die Finger sahen. Aber ich nicht. Ich war ungelogen der eifrigste Zuschauer. Vielleicht wollte ich das Wunderbare sehen: wie ein Mann getötet wurde. Jedenfalls wollte ich einen Kampf zwischen Männern sehen. Meine Enttäuschung war groß. Der schwarze Matt und Tom Morrisey hielten sich nur fest und lüfteten ihre plump bestiefelten Füße wie bei einem grotesken Elefantentanz. Sie waren zu betrunken, um zu kämpfen. Dann bekamen die Friedensvermittler sie zu fassen und führten sie in die Küche zurück, wo sie ihre neue Freundschaft begossen.

Bald schwatzten sie beide durcheinander, polternd und laut, wie es die Art der Freiluftmänner ist, wenn der Whisky ihrer Schweigsamkeit erst einmal ein Ende gemacht hat. Und ich, ein siebenjähriger Knirps, stand dabei, das Herz im Halse und den Körper zum Sprunge gespannt wie ein fluchtbereiter Hirsch, spähte verwundert durch die offene Tür und lernte wieder etwas von der Seltsamkeit der Menschen. Und ich staunte über den Schwarzen Matt und Tom Morrisey, die, einer den Arm um den Hals des andern, der Länge nach auf dem Tische lagen und vor Liebe weinten.

In der Küche wurde weitergetrunken, und die Mädchen draußen wurden ängstlich. Sie wußten, was bei dem Trinken herauskam, und waren alle sicher, daß irgend etwas Schreckliches geschehen würde. Sie erklärten, daß sie nicht dabei sein wollten, wenn es geschähe, und einige von ihnen schlugen vor, nach einer vier Meilen entfernten großen italienischen Ranch zu gehen, wo getanzt wurde. Unverzüglich ordnete man sich zu Paaren und machte sich auf den Weg. Und jeder Bursche ging mit seiner Liebsten – soweit man einem Siebenjährigen zutrauen kann, daß er die Liebesangelegenheiten der Umgegend erlauscht hat und kennt. Und selbst ich kleiner Bursche hatte mein Mädel. Ein kleines irisches Mädchen in meinem Alter wurde mir zugesellt. Wir waren die einzigen Kinder bei diesem unvorbereiteten Auftritt. Die ältesten Paare mochten vielleicht zwanzig sein. Es waren völlig entwickelte Bälger von vierzehn und sechzehn mit ihren Liebsten dabei. Aber wir waren doch noch viel jünger, die kleine Irin und ich, und wir gingen Hand in Hand, und zuweilen schlang ich nach dem Vorbild der älteren meinen Arm um ihren Leib. Bequem war das allerdings nicht. Aber ich war doch sehr stolz, wie ich so an jenem hellen Sonntagmorgen den langen öden Weg zwischen den Sandhügeln daherschritt. Ich hatte auch mein Mädel und war ein kleiner Mann.

Auf der italienischen Ranch gab es nur Junggesellen. Unser Besuch wurde daher mit Jubel begrüßt. Es wurde Rotwein für alle eingeschenkt und das große Eßzimmer zum Tanzen ausgeräumt. Und die jungen Männer tranken und tanzten zu den Tönen einer Harmonika mit den Mädchen. In meinen Ohren war die Musik göttlich. Nie hatte ich etwas so Wunderbares gehört. Der junge italienische Musikant wollte auch ein Tänzchen machen, und so spielte er, die Arme um ein Mädchen, hinter ihrem Rücken auf seiner Harmonika. Für mich war das alles wundervoll, ich tanzte nicht, sondern saß mit weit aufgerissenen Augen an einem Tisch und starrte auf das erstaunliche Treiben. Ich war nur ein kleines Bürschchen, und es gab noch soviel im Leben für mich zu lernen. Wie die Zeit verstrich, begannen die irischen Burschen selbst ihre Gläser wieder zu füllen, und Lustigkeit und Freude herrschten. Ich sah, wie einige von ihnen mitten im Tanze schwankten und hinfielen, während andere in irgendeinem Winkel eingeschlafen waren. Einige der jungen Mädchen beklagten sich auch und wollten gehen, andere hingegen kicherten zufrieden und waren zu allem bereit.

Wenn unsere italienischen Wirte mir wieder andern Wein anboten, dankte ich. Meine Erfahrung mit dem Bier genügte, und ich verspürte nicht die geringste Lust, die Bekanntschaft mit dieser oder einer ähnlichen Flüssigkeit zu erneuern. Unglücklicherweise sah mich ein junger Italiener, Pietro, ein Teufelskerl, allein dasitzen und hatte den Einfall, ein Glas halb mit Wein zu füllen und es mir anzubieten. Er saß mir gerade gegenüber am Tische. Ich dankte. Er runzelte die Brauen und bot mir wieder den Wein an. Und da ergriff mich Entsetzen – ein Entsetzen, das ich erklären muß.

Meine Mutter hatte ihre Theorien. Erstens behauptete sie fest und steif, daß brünette Menschen und überhaupt alle dunkeläugigen falsch wären. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß meine Mutter blond war. Ferner war sie überzeugt, daß die dunkeläugigen lateinischen Rassen äußerst empfindlich, äußerst treulos und äußerst mordgierig seien. Immer wieder hatte ich sie, wie ich von ihren Lippen Lehren über die Seltsamkeit und Gefährlichkeit der Welt trank, feststellen hören, daß ein Italiener, den man – einerlei, ob leicht oder schwer, mit oder ohne Vorsatz – beleidigt hatte, sich ganz bestimmt früher oder später rächen und einen hinterrücks erdolchen würde. Das war ihr ständiger Ausdruck – ›hinterrücks erdolchen‹.

Obwohl ich nun heute morgen sehr darauf erpicht gewesen war, zu sehen, wie Tom Morrisey getötet wurde, hatte ich doch nicht die geringste Lust, den Tanzenden den Anblick eines Messers in meinem eigenen Rücken zu verschaffen. Ich hatte noch nicht gelernt, zwischen Tatsachen und Theorien zu unterscheiden. Ich hegte blindes Vertrauen zu den Erklärungen meiner Mutter bezüglich des Charakters der Italiener. Dazu kam, daß ich eine dunkle Ahnung von der Heiligkeit der Gastfreundschaft hatte. Hier bot mir nun ein treuloser, empfindlicher, mordgieriger Italiener Gastfreundschaft. Beleidigte ich ihn, so stieß er mich mit seinem Messer nieder, so sicher, wie ein Pferd ausschlug, wenn man ihm zu nahe kam und es reizte. Dazu hatte dieser Pietro gerade die schrecklichen schwarzen Augen, von denen meine Mutter gesprochen. Seine Augen waren ganz anders als die Augen, die ich kannte, von den blauen, grauen und nußbraunen meiner eigenen Familie bis zu den blaßblauen, ausdrucksvollen der Iren. Vielleicht hatte Pietro zuviel getrunken. Jedenfalls waren seine Augen glänzend schwarz und funkelten vor Teufelei. Sie waren rätselhaft geheimnisvoll, und wie konnte ich, ein Siebenjähriger, sie erforschen und die Schelmerei in ihnen erkennen? Ich sah in ihnen meinen plötzlichen Tod und schlug den Wein nur zögernd aus. Der Ausdruck in seinen Augen änderte sich. Sie wurden finster und gebieterisch, und er schob mir das Glas wieder hin.

Was sollte ich tun? Ich habe seither manches Mal dem Tode ins Auge geblickt, aber nie wieder habe ich eine solche Todesangst verspürt. Ich setzte das Glas an meine Lippen, und Pietros Augen wurden milder. Ich sah, daß er mich nicht gleich töten wollte. Das war eine Erleichterung. Aber der Wein war kein Vergnügen. Es war ein billiger junger Wein, bitter und sauer, aus den Resten und Abfällen der Weinberge und Fässer bereitet, und er schmeckte weit schlimmer als das Bier. Es gibt nur eine Art und Weise, wie man Medizin nehmen kann – und das ist eben: sie zu nehmen. Und so machte ich es auch mit dem Wein. Ich lehnte den Kopf zurück und goß das Getränk hinunter. Ich mußte nochmals schlucken, um das Gift bei mir zu behalten, denn für Organe eines Kindes war es Gift.

Wenn ich jetzt zurückdenke, kann ich mir vorstellen, wie erstaunt Pietro war. Er füllte ein zweites Glas zur Hälfte und schob es mir über den Tisch zu. Starr vor Angst, verzweifelt über das furchtbare Geschick, das mich betroffen hatte, stürzte ich das zweite Glas hinunter wie das erste. Das war zuviel für Pietro. Er mußte den andern auch das Wunderkind zeigen, das er entdeckt hatte. Er rief Dominico, einen jungen schnurrbärtigen Italiener, daß er mich sehen sollte. Diesmal gab man mir ein volles Glas. Aber was tut man nicht, um sein Leben zu retten! Ich nahm mich zusammen, überwand die in meinem Halse aufsteigende Übelkeit und stürzte die Flüssigkeit hinunter.

Ein so tapferes Kind hatte Dominico noch nie gesehen. Zweimal füllte er das Glas bis zum Rande und sah den Inhalt durch meine Kehle verschwinden. Jetzt erregten meine Leistungen Aufsehen. Ältere italienische Arbeiter, Bauern von drüben, die kein Wort Englisch sprachen und nicht mit den irischen Mädchen tanzen konnten, sammelten sich um mich. Sie waren braunhäutig und wildäugig; sie trugen Gürtel und rote Hemden; und ich wußte, daß sie Messer bei sich hatten. Und sie umringten mich wie eine Räuberbande. Und Pietro und Dominico führten mich ihnen vor.

Hätte ich nicht Einbildungskraft genug besessen, wäre ich stumpfsinnig und eigensinnig gewesen und hätte mich geweigert, ihrem Begehr Folge zu leisten, ich wäre nie in diese Klemme geraten. Und dazu tanzten die Burschen und Mädel, und es war keine Hilfe von ihnen zu erwarten. Wieviel ich trank, weiß ich nicht. Aber in meiner Erinnerung bedeutet dieser Abend für mich jahrhundertelange Todesangst inmitten einer mordgierigen Räuberbande und eine unendliche Reihe von Gläsern mit Rotwein, die mir über den weinbefleckten bloßen Tisch zugeschoben wurden und durch meine brennende Kehle verschwanden. So schlecht der Wein auch war, war er immerhin noch besser als ein Messer im Rücken, und ich wollte mein Leben um jeden Preis retten.

Wenn ich heute mit der Erfahrung eines Trinkers auf jenen Abend zurückblicke, weiß ich, wie es überhaupt kommen konnte, daß ich nicht bewußtlos unter den Tisch fiel. Wie gesagt: ich war ganz starr, ich war gelähmt durch die Furcht. Die einzige Bewegung, die ich machte, war, daß ich die nicht endende Reihe von Gläsern an die Lippen führte. Ich war ein vergiftetes, unbewegliches Gefäß für diese ungeheure Menge von Wein. Er lag unbeweglich in meinem vor Schrecken ebenfalls unbeweglichen Magen. Ich war zu entsetzt, um mich erbrechen zu können. Daher kam es, daß die ganze Bande von Italienern sich belustigen konnte über dieses Phänomen von einem Kinde, das Wein mit der Kaltblütigkeit eines Automaten hinuntergoß. Ohne zu prahlen, kann ich wohl behaupten, daß sie noch nie so etwas gesehen hatten.

Es wurde Zeit zu gehen. Die trunkenen Possen der Burschen bewogen die Mehrheit der nüchtern gebliebenen Mädchen zum Aufbruch. Ich fand mich an der Tür neben meinem kleinen Mädchen. Sie hatte nicht derartige Erfahrungen wie ich gemacht und war daher nüchtern. Sie war begeistert von dem Schwanken und Torkeln der Burschen, die neben ihren Auserwählten zu gehen versuchten, und begann sie nachzuahmen. Das schien mir ein prachtvolles Spiel zu sein, und ich begann ebenfalls zu torkeln, als ob ich berauscht wäre. Aber sie hatte ja keinen Wein bekommen und blieb ruhig, während meine Bewegungen mir bald den Dunst zu Kopfe steigen ließen. Ich sah, wie einer der Burschen einige Schritte vorwärts taumelte, dann am Wegrande stehenblieb, ernsthaft in den Graben starrte und erst, nachdem er sich die Sache offenbar reiflich überlegt hatte, hineinfiel. Ich fand das außerordentlich komisch. Ich torkelte bis zum Rande des Grabens mit dem festen Vorsatz, dort anzuhalten. Ich kam erst wieder zu mir, als ich im Graben lag und einige erschrockene Mädchen sich mühten, mich herauszuziehen.

Ich hatte keine Lust mehr, den Betrunkenen zu spielen. Es war kein Humor mehr in mir. Meine Augen begannen zu schwimmen, und mit weit offenem Munde schnappte ich nach Luft. Ein junges Mädchen nahm mich bei der Hand, aber meine Beine waren schwer wie Blei. Der Alkohol, den ich getrunken, hatte mein Herz und mein Gehirn wie mit einer Keule getroffen. Wäre ich ein schwächliches Kind gewesen, so bin ich überzeugt, daß er mich getötet haben würde. Aber auch so war ich, das weiß ich, dem Tode näher, als eines der erschrockenen Mädchen sich träumen ließ. Ich konnte hören, wie sie sich stritten, wer die Schuld hätte; einige weinten – über sich, über mich und über die schändliche Art und Weise, wie ihre Liebsten sich benommen hatten. Aber mich interessierte das nicht. Ich drohte zu ersticken und schnappte nach Luft. Gehen war tödliche Qual, es vermehrte noch meine Atemnot. Aber die Mädchen ließen mich immer weiter gehen, und es waren vier Meilen bis nach Hause. Vier Meilen! Ich entsinne mich, wie meine schwimmenden Augen in unendlich weiter Ferne eine schmale Brücke über den Weg erblickten. Tatsächlich war sie keine hundert Fuß entfernt. Als ich die erreichte, brach ich zusammen und blieb stöhnend auf dem Rücken liegen. Die Mädchen versuchten mich aufzuheben, aber ich war völlig hilflos und nahe am Ersticken. Ihr Hilfegeschrei rief indessen Larry herbei, einen betrunkenen Bengel von siebzehn Jahren, der mich zum Aufstehen bewegen wollte, indem er mir auf der Brust herumtrampelte. Ich erinnere mich dessen dunkel, ebenso des Geschreis der Mädchen, als sie mit ihm rangen, um ihn fortzuziehen. Und dann weiß ich nichts mehr, hörte aber später, daß Larry unter der Brücke liegengeblieben war und die Nacht dort verbracht hatte.

Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel. Bewußtlos war ich die vier Meilen heimgetragen und gleich ins Bett gesteckt worden. Ich war ein krankes Kind, und trotz der furchtbaren Anstrengung meines Herzens und meines ganzen Organismus verfiel ich noch immer wieder in das furchtbare Delirium. Aller Schrecken und alles Grauen meiner kindlichen Phantasie überkam mich. Die fürchterlichsten Visionen wurden mir zur Wirklichkeit. Ich sah Morde vor meinen Augen begehen und wurde selbst von Mördern verfolgt. Ich schrie, raste und tobte. Meine Leiden waren ungeheuerlich. Als ich einmal aus einem solchen Anfall erwachte, hörte ich meine Mutter sagen: ›Er wird den Verstand verlieren!‹ Und wieder ins Delirium versinkend, verfolgte mich dieser Gedanke, und ich sah mich eingemauert im Tollhaus, von den Wächtern geschlagen und von heulenden Irren umgeben.

Etwas, was einen starken Eindruck auf mich gemacht hatte, waren die Erzählungen meiner Eltern über die Lasterhöhlen im Chinesenviertel von San Francisco. In meinen Fieberträumen wanderte ich nun tief unter der Erde durch Tausende solcher Höhlen, wurde hinter verschlossenen Eisentüren gefoltert und starb tausend Tode. Und wenn ich dann zu meinem Vater wollte, der an einem Tisch in diesen unterirdischen Gewölben saß und mit Chinesen um große Haufen von Gold spielte, machte sich meine Erbitterung in den gemeinsten Flüchen Luft. Ich versuchte, aus dem Bett zu springen, kämpfte mit den Händen, die mich festhielten, und verfluchte meinen Vater, daß die Wände zitterten. All die unbegreiflichen Unflätigkeiten, die ein Kind beim Herumstreifen in einer primitiven Gegend von Männern hört, kannte ich; und obgleich ich noch nie gewagt hatte, diese furchtbaren Flüche auszusprechen, entströmten sie mir jetzt mit der vollen Kraft meiner Lunge, als ich meinen Vater verfluchte, der hier in den unterirdischen Höhlen saß und mit langhaarigen, langnägligen Chinesen spielte.

Es ist ein Wunder, daß weder mein Herz noch mein Gehirn in jener Nacht barst. Die Arterien und Nervenzentren eines siebenjährigen Kindes sind kaum den furchtbaren Krämpfen gewachsen, die mich erschütterten. Niemand schlief jene Nacht, als König Alkohol sein Spiel mit mir trieb, in dem schlechten Fachwerkbau. Aber Larry, der unter der Brücke lag, hatte kein Delirium wie ich. Ich bin überzeugt, daß er fest und traumlos schlief, daß er am nächsten Tage nur mit einem Katzenjammer und schlechter Laune erwachte, und daß er sich, wenn er heute noch lebt, überhaupt nicht mehr jener Nacht erinnert, ein so nebensächliches Erlebnis war es für ihn. Aber in mein Hirn prägte sie unverlöschbare Spuren. Während ich dies, dreißig Jahre später, niederschreibe, sehe ich alles so scharf und deutlich und fühle jeden Schmerz so lebendig und schrecklich wie in jener Nacht.

Ich war tagelang krank, und es bedurfte nicht der Ermahnungen meiner Mutter, König Alkohol in Zukunft zu meiden. Meine Mutter hatte einen furchtbaren Schrecken bekommen. Sie behauptete, ich hätte ein großes Unrecht begangen und gerade das Gegenteil von dem getan, was sie mich gelehrt hatte. Und wie hätte ich, der nie antworten durfte, und dem die Worte fehlten, das auszudrücken, was sich in ihm regte – wie hätte ich meiner Mutter erzählen können, daß gerade ihre Lehre verantwortlich für meine Trunkenheit war? Wären ihre Theorien von schwarzen Augen und dem Charakter der Italiener nicht gewesen, so hätte ich meine Lippen nie mit dem sauren, bitteren Wein benetzt. Und erst als erwachsener Mann erzählte ich ihr den wahren Zusammenhang jener unglückseligen Geschichte.

In den Tagen nach der Krankheit war ich in einigen Punkten wirr, in andern dagegen ganz klar. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, zugleich aber das Gefühl, daß man mir Unrecht getan hätte. Es war nicht meine Schuld gewesen, und doch hatte ich ein Unrecht begangen. Sehr klar aber war mein Entschluß, nie ein Getränk mehr anzurühren. Kein toller Hund konnte sich mehr vor Wasser fürchten, als ich vor Alkohol.

Aber ich möchte doch besonders darauf aufmerksam machen, daß selbst diese Erfahrung, so schrecklich sie auch war, mich auf die Dauer nicht abhalten konnte, König Alkohols bester Freund zu werden. Schon damals waren rings um mich Kräfte in Bewegung, um mich ihm zuzutreiben. Vor allem schien es mir, daß mit Ausnahme meiner Mutter, die in ihren Ansichten immer sehr extrem war, alle Erwachsenen die Begebenheit sehr nachsichtig beurteilten. Das Geschehene war ein Spaß, etwas Lustiges. Es war keine Schande dabei. Soweit ich sehen konnte, war keine Schande dabei. Es war mal etwas anderes und verteufelt Lustiges gewesen – eine prachtvolle Episode in der Eintönigkeit von Leben und Arbeit an dieser traurigen, nebligen Küste.

Die irischen Bauern neckten mich gutmütig mit meinen Taten und klapsten mich auf den Hintern, bis ich fühlte, daß ich eine Heldentat vollbracht hatte. Pietro und Dominico und die andern Italiener waren stolz auf meine Trunkfestigkeit. Moralische Entrüstung über das Trinken gab es nicht; tranken doch alle. In der ganzen Gegend gab es nicht einen Abstinenzler. Sogar der Lehrer in unserer kleinen Landschule, ein ergrauter Mann in den Fünfzigern, gab uns Ferien, wenn er mit König Alkohol rang und von ihm geworfen wurde. Es gab keinen Abscheu vor dem Alkohol. Meine Abneigung gegen ihn war rein physisch. Ich mochte das verdammte Getränk nicht leiden.

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