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König Alkohol

Jack London: König Alkohol - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJack London
titleKönig Alkohol
publisherUniversitas
year1926
printrun42. ? 61. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171019
projectid16b30c22
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Das Vorstehende ist nur eine kleine Probe von einer Wanderung mit der Weißen Logik durch die Dämmerung meiner Seele. So gut ich es konnte, habe ich versucht, dem Leser einen Begriff davon zu geben, was in der tiefsten Seele eines Mannes wohnt, der an König Alkohol gekettet ist. Und der Leser darf nicht vergessen, daß die Laune, von der er jetzt eine Viertelstunde lang gelesen hat, nur eine von den Myriaden Launen König Alkohols ist, und daß alle vierundzwanzig Stunden des Tages wochen- und monatelang von solchen Launen erfüllt sein können.

Meine Aufzeichnungen nähern sich ihrem Ende. Wie jeder starke, erfahrene Trinker, kann ich sagen: Wenn ich heute noch auf diesem Planeten lebe, so habe ich das ausschließlich meinem Glück zu verdanken, einem unverdienten Glück, das in meiner starken Brust, meinen breiten Schultern, meiner eisernen Konstitution begründet ist. Ich darf wohl sagen, daß nur ein geringer Prozentsatz von jungen Leuten in der Entwickelungsperiode zwischen fünfzehn und siebzehn das gewaltsame Trinken wie ich überstanden hätte; daß ein nicht bedeutender Prozentsatz von Männern den Alkohol, den ich in meinen Mannesjahren getrunken habe, hätte vertilgen und doch lange genug leben können, um davon zu berichten. Wenn ich heute noch lebe, so verdanke ich das keineswegs irgendwelcher persönlichen Tugend, sondern nur dem Umstand, daß ich nicht die Konstitution eines Säufers habe, und der außerordentlichen Widerstandskraft meines Organismus gegen die Verheerungen, die König Alkohol anrichtet. Aber während ich am Leben blieb, sah ich alle die andern, die nicht so glücklich waren, die lange, traurige Straße wandern und sterben.

Also nur mein unendliches, unbedingtes Glück, mein gnädiges Geschick, meine gütige Vorsehung – nennt es, wie ihr wollt – brachte mich unversehrt durch das Fegefeuer König Alkohols. Mein Leben, meine Laufbahn, meine Lebensfreude sind nicht vernichtet. Ein wenig angesengt sind sie freilich, aber wie die Überlebenden einer Freiwilligenschar auf verlorenem Posten sind sie auf unfaßbare, wundersame Weise dem Kampf entronnen und wundern sich nun über die Zahl der Gefallenen.

Und wie ein solcher Überlebender aus den alten Indianerkriegen ausrief: »Nie wieder Krieg!«, so rufe ich: »Setzt unsere Jugend nicht mehr dem Kampf mit dem Gifte aus!« Wollt ihr dem Kriege Einhalt gebieten, so tut es auch! Und ebenso macht es mit dem Trinken! China gebot dem allgemeinen Gebrauch des Opiums Einhalt, indem es den Anbau und die Einfuhr unterband. Die Philosophen, Priester und Ärzte Chinas hätten sich zu Tode predigen können, ohne daß sich der Verbrauch des Opiums auch nur im geringsten vermindert hätte, solange es so leicht erhältlich war. Und bei uns ist es nicht anders, das ist alles.

Wir haben glücklich durchgesetzt, daß Arsenik und Strychnin, Typhusbazillen und Tuberkeln nicht mehr frei herumliegen und unsere Kinder vergiften. Macht es ebenso mit König Alkohol. Gebietet ihm Einhalt! Laßt ihn nicht los, daß er sich unter dem Schutz von Gesetzen und Polizei auf unsere Jugend stürzt. Nicht über und nicht für Alkoholiker schreibe ich, sondern für die Jugend, für jene, die nichts König Alkohol in die Arme treiben könnte als Abenteuerlust und die geistige Veranlagung, die geselligen Mannesimpulse, die unsere barbarische Zivilisation auf Irrwege geführt hat, diese Zivilisation, die sie an jeder Straßenecke mit Gift füttert. Die gesunden, normalen Jungen meiner Zeit – für sie schreibe ich!

Mehr aus diesem als aus irgendeinem andern Grunde war ich jetzt, schon ein wenig benebelt, durch das Mondtal geritten und hatte für das gleiche Stimmrecht von Männern und Frauen gestimmt. Ich hatte für das Stimmrecht der Frauen gestimmt, weil ich wußte, daß sie, die Gattinnen und Mütter meiner Rasse, König Alkohol zum Tode verurteilen und in den Vorhof zu den andern längst vergangenen Zeiten mit ihren so barbarischen Bräuchen verweisen würden. Sollte es jetzt so aussehen, als jammerte einer, der selbst zu Schaden gekommen, so bitte ich den Leser, sich zu erinnern, daß es mir wirklich recht schlimm ergangen ist, und daß ich den Gedanken nicht ertragen kann, meine Söhne und Töchter ebenso leiden zu sehen.

Die Frauen sind die wahren Erhalter der Rasse. Die Männer sind die Vernichter, Abenteurer und Spieler, und schließlich müssen die Frauen sie retten. Unter den ersten Versuchen des Mannes auf dem Gebiete der Chemie befand sich die Bereitung des Alkohols, und seither hat Generation auf Generation ihn erzeugt und getrunken. Und nie war ein Tag, an dem die Frau nicht den Alkoholverbrauch des Mannes mißbilligte, wenn sie auch nicht die Macht besaß, ihrem Worte besonderes Gewicht zu verleihen.

Sobald die Frau in irgendeiner Gemeinde das Stimmrecht erhält, wird sie sich dafür einsetzen, daß die Kneipen geschlossen werden, etwas, worauf tausend Generationen von Männern nicht verfallen werden, denn ebensogut könnte man von einem Morphinisten verlangen, daß er für das Verbot des Morphiums einträte.

Die Frauen wissen das. Sie haben einen unberechenbaren Preis in Schweiß und Tränen bezahlen müssen, damit die Männer ihren Alkohol hatten. Sie sind stets um das Wohl der Rasse besorgt, und darum werden sie zum Besten ihrer noch nicht geborenen Söhne stimmen, wie auch der Kinder ihrer Töchter, die doch wieder die Mütter, Frauen und Schwestern dieser Söhne sein sollen.

Und es wird ganz leicht gehen. Die einzigen, die darunter zu leiden haben, sind die Trunkenbolde und Gewohnheitstrinker einer einzigen Generation. Ich bin einer von ihnen, und auf Grund meiner langjährigen Bekanntschaft mit König Alkohol erkläre ich feierlich, daß es mir nicht sonderlich schwerfallen würde, das Trinken aufzugeben, wenn kein anderer mehr tränke, und wenn man nichts zu trinken bekäme. Andererseits sind die jungen Männer in überwiegender Mehrheit so normal veranlagt und neigen so wenig zum Alkohol, daß sie ihn nie entbehren werden, wenn er ihnen nicht zugänglich ist. Ihnen wird die Kneipe dann nur ein Blatt in der Geschichte der Menschheit bedeuten und als ein ebenso seltsamer alter Brauch erscheinen wie Stiergefechte und Hexenverbrennungen.

*

Natürlich ist ein persönliches Bekenntnis nicht vollständig, wenn es nicht bis zum letzten Augenblick durchgeführt ist. Aber leider kann ich nicht die Bekehrung eines Säufers berichten. Ich war nie ein Säufer, und ich bin nicht bekehrt worden. Vor einiger Zeit geschah es, daß ich eine Reise von hundertachtundvierzig Tagen mit einem Segelschiff um Kap Horn herum machte. Ich nahm persönlich keinen Vorrat an Alkohol mit, aber obgleich unter diesen hundertachtundvierzig Tagen nicht ein einziger war, an dem ich nicht von dem Kapitän etwas zu trinken hätte bekommen können, trank ich auf der ganzen Reise nicht einen Tropfen. Ich trank nicht, weil ich kein Verlangen danach hatte. Niemand an Bord trank. Die Atmosphäre war nicht zum Trinken geschaffen, und mein Organismus spürte kein Verlangen nach Alkohol. Ich brauchte ihn nicht.

Und da erhob sich vor mir ein Problem, ein klares, einfaches Problem: Es ist so leicht, warum es nicht auch lassen, wenn ich wieder an Land bin? Ich erwog dieses Problem sorgfältig. Ich erwog es fünf Monate lang und kam unterdessen überhaupt nicht mit dem Alkohol in Berührung. Und die Erfahrungen dieser Zeit ließen mich gewisse Schlüsse ziehen.

Erstens bin ich überzeugt, daß nicht einer von zehntausend, ja nicht einer von hunderttausend Männern mit einer organischen Veranlagung zum Trinken geboren ist. Das Trinken ist meiner Ansicht nach nichts als eine geistige Angewohnheit. Es geht damit nicht wie mit Tabak, Kokain, Morphium oder sonst einer dieser unzähligen Drogen. Das Verlangen nach Alkohol ist einzig und allein geistigen Ursprungs. Es ist eine Angelegenheit geistigen Trainings und Wachstums, ist großgezogen in der Geselligkeit. Von einer Million Trinker hat nicht einer allein angefangen zu trinken. Alle Trinker trinken zuerst in Gesellschaft, und dieses Trinken hat stets Folgen von allergrößter sozialer Reichweite, wie ich es im ersten Teil meiner Erinnerungen aus eigener Erfahrung geschildert habe. Diese sozialen Folgen sind die Grundlage für die Gewohnheit des Trinkens. Die Rolle, die der Alkohol selbst spielt, ist unbedeutend im Vergleich mit dem Anteil der sozialen Atmosphäre, in der das Trinken stattfindet. Selten wird heute ein Mensch geboren, dessen Organismus ohne lange Übung in Gesellschaft von Trinkern einen unstillbaren Drang nach Alkohol verspürt. Ich nehme zwar an, daß solche Individuen geboren werden, habe aber selbst nie eines getroffen.

Auf dieser fünf Monate langen Reise fühlte ich bei allen sonstigen leiblichen Bedürfnissen nie den leisesten Drang nach Alkohol, und da wurde mir klar, daß dieser Drang rein mental und sozial war. Wenn ich an Alkohol dachte, fielen mir im selben Augenblick gute Kameraden ein. Dachte ich an gute Kameraden, so kam mir sofort der Alkohol in den Sinn. Kameradschaft und Alkohol waren siamesische Zwillinge. Sie waren unzertrennlich.

Lag ich zum Beispiel auf meinem Deckstuhl, las ich oder unterhielt mich mit andern, so weckte tatsächlich jede Erwähnung irgendeines Teiles der Welt sofort die Erinnerung an Trinken und gute Kameraden in mir. Große Tage, Nächte und Augenblicke, alle von Purpur und Freiheit überglänzt, tauchten vor mir auf. ›Venedig‹ starrt mir von der gedruckten Seite entgegen, und ich erinnere mich der Cafétische auf den Bürgersteigen. ›Die Schlacht von Santiago‹ – und ich: »Ja, ich war mit dabei!« Aber ich sehe nicht den Walplatz vor mir, nicht den Kettleberg oder den Friedensbaum. Was ich sehe, ist das Café Venus an der Plaza von Santiago, wo ich eine bewegte Nacht hindurch mit einem sterbenden Schwindsüchtigen sprach und trank.

›Londoner East End‹ lese ich, oder jemand spricht davon; und zu allererst ersteht vor meinen Augen das Bild der strahlenden Wirtshäuser, und in meinen Ohren ertönt das Echo der Rufe: »Zwei Bittere!« und »Drei Whiskys!« »Quartier Latin« – auf einmal bin ich in den Studenten-Kabaretts, sehe lustige Gesichter und kühne Geister um mich her, und wir nippen den kühlen, gut gemischten Absinth, und während unsere Stimmen steigen und sich aufschwingen, erörtern wir Gott und Kunst, Demokratie und alle Probleme des Lebens.

In einem Pampero auf dem La Plata zerbrachen wir uns den Kopf, ob wir Buenos Aires, das ›Paris Südamerikas‹, anlaufen sollen, falls wir Havarie erleiden, und ich sehe vor mir die sonnenbeschienenen Versammlungsstätten der Männer, die freudig erhobenen Gläser, das Singen und Summen lustiger Stimmen. Vorm Nordostpassat im Stillen Ozean versuchen wir unsern sterbenden Kapitän zu überreden, Honolulu anzulaufen, und wie ich mit ihm rede, sehe ich mich wieder an den kühlen Lanais und Fizzes draußen in Waikiki, wo die Brandung sich bricht, Cocktails trinken. Irgend jemand spricht davon, wie man in den San Franciscoer Restaurants Wildenten kocht, und das versetzt mich plötzlich wieder mitten in das Licht und das Klirren von vielen Tischen, wo ich alte Freunde durch den goldenen Schimmer langgestielter Rheinweingläser betrachte. – Und so erwog ich also das Problem. Nein, sollte ich all diese schönen Stellen der Erde wiedersehen, dann nur so wie einst: Das Glas in der Hand! Es liegt ein Zauber in diesen Worten. Sie bedeuten mehr, als alle Wörter eines Wörterbuches bedeuten können. Mein Geist hat sich an den Alkohol gewöhnt, ist ihm mein ganzes Leben lang angepaßt worden, und jetzt ist er ein Teil des Stoffes, aus dem ich selbst bestehe. Ich liebe den sprühenden Witz, das ausgelassene Lachen, die klangvollen Stimmen der Männer, wenn sie, das Glas in der Hand, die graue Welt abschütteln und ihr Hirn mit allem Scherz, aller Freude eines beschleunigten Pulses füllen.

Nein, entschied ich: Ich trinke weiter, wenn ich Gelegenheit dazu habe. Alle Bücher vor mir auf den Regalen, alle Gedanken der großen Denker, von meinem persönlichen Temperament beleuchtet, zur Hand, beschloß ich kühl und wohlüberlegt fortzufahren, wie ich es jetzt gewohnt war. Ich wollte trinken – nur bedächtiger, vorsichtiger als bisher. Nie mehr wollte ich einem wandernden Feuerbrand gleichen, nie mehr die Weiße Logik anrufen! Ich hatte gelernt, wie man es vermeidet, sie anzurufen. Jetzt liegt die Weiße Logik begraben neben der langen Krankheit. Keine von beiden wird mich je wieder überfallen. Es ist viele Jahre her, seit ich die lange Krankheit begrub; ihr Schlaf ist gesund. Und ebenso gesund ist der Schlaf der Weißen Logik. Aber jetzt kann ich wohl sagen: Ich wünschte, meine Vorfahren hätten König Alkohol lange vor meiner Zeit in Bann getan. Ich bedaure es, daß er in der Gemeinschaft blüht und gedeiht, in der ich geboren bin, so daß ich seine Bekanntschaft machen mußte und lange innig mit ihm verkehrt habe.

* * *

 

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