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Kometentanz

Paul Scheerbart: Kometentanz - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleKometentanz
authorPaul Scheerbart
year1990
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38152-0
titleKometentanz
pages93-94
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Zweiter Aufzug

Der Tanz der drei großen Kometen

Der König befindet sich noch wie gegen Ende des ersten Aufzuges mit seinen Hofleuten und seinen Haremsdamen im Hintergrunde der Bühne.

Die Sterne des Himmels fallen immer noch senkrecht vom Himmel hernieder; der Fliesenboden mit den nebenstehenden Gebüschen und dem ganzen Hofe steigt noch immer höher in den Himmel hinauf.

Der Dichter hat sich jetzt mit seinen Ketten rechts auf der Marmorbank sorglos hingelegt und starrt die niederfallenden Sterne an.

Die Diener mit den Stocklaternen stehen unregelmäßig verteilt teils seitwärts, teils hinten. Der ganze Hof hat dem Publikum den Rücken gekehrt.

Einige Diener tragen auf Befehl des Zauberers den Himmelsglobus nach vorn und stellen ihn dort links vor dem großen Fernrohr hin. Da erscheint ein großer Komet am Himmel. Und die Sterne des Himmels stehen still.

Die Frauen fliehen mit hellem Aufschrei beim Anblicke des Kometen nach vorn; die Männer versuchen, die Frauen zu beruhigen.

Der König lehnt sich ganz vorne an seinen Himmelsglobus.

Währenddem schwebt der Komet hernieder und erscheint hinten auf der Bühne.

Alle stehen in Furcht und Entsetzen wie Bildsäulen mit offenem Munde da.

Der Zauberer besänftigt die Gemüter, indem er mit seinen Pfauenfedern den Erschrockenen über die Köpfe fährt.

Der Komet kommt nach vorn und verbeugt sich vor dem Könige, der nur mit Mühe seine Fassung wiedergewinnt.

Der Dichter steht auf, verbeugt sich vor dem Kometen und rasselt mit seinen Ketten.

Die beiden anderen Kometen kommen hinter einander wie der erste auf die Bühne, und die Begrüßung spielt sich auch genau so ab wie vorhin.

Die Sphärenmusik klingt sehr milde, hingebend und weich.

Die Männer und Frauen haben sich allmählich beruhigt, der Zauberer weist die Diener an, rechts und links bunte Decken auf den Fliesen auszubreiten.

Und die Frauen lassen sich auf den Decken nieder.

Die Männer stellen sich hinter den Frauen auf.

Der König steht auf seinen Globus gestützt vorne links neben dem Scharfrichter, der sich auf sein Schwert stützt.

Vorne rechts auf der Marmorbank sitzt der Dichter und die lustige Person.

Die Sphärenmusik geht in Tanzmelodien über.

Und die Kometen tanzen.

Die Kometen werden von Menschen dargestellt, deren Kopf unsichtbar ist. Die Füße und die menschlichen Gliedmaßen sind ebenfalls unsichtbar. Ein Strahlenbündel schießt an Stelle des Kopfes wie ein elektrischer Scheinwerfer in die Höhe; kleinere Strahlenbündel springen hinten zwischen den menschlichen Schultern hervor. Der menschliche Körper wird von grätenartigen glitzernden steifen Zweigen umhüllt. Die Strahlenbündel auf dem Kopfe und zwischen den Schultern lassen sich leicht bewegen, und die glitzernden Zweige lassen sich leicht knicken und wie Spinnenbeine handhaben – sie glitzern beim Geknicktwerden wie durchsichtiges Email in unzähligen bunten Farben.

Sämtliche Strahlenbündel stehen beim Tanze der Kometen immer wieder unter anderen Winkeln zu einander und verharren so öfters für ein paar Sekunden – wodurch etwas Zuckendes in dem Tanze zum Ausdrucke gelangt. Der König verfolgt das Tanzspiel mit weit vorgebeugtem Oberkörper.

Die Sphärenmusik wird glänzend.

Der Tanz der drei großen Kometen mit den sieben kleineren Sternen

Die Sphärenmusik wird unvermittelt sehr lärmend.

Und unter Geknall und Gepuff erscheinen die sieben kleineren Sterne hinter einander am Himmel; sie haben oben doppelte Mondgröße und kommen auch einzeln wie die Kometen auf die Bühne: die Begrüßung des Königs spielt sich sehr einfach – beinahe pietätlos ab.

Zwei Kometen stellen sich dann rechts und links und einer hinten auf und beugen sich etwas nach vorn, sodaß die Strahlenbündel ihrer Köpfe oben in einem Punkte sich kreuzend zusammenschließen.

Und unter diesen drei Strahlenbündeln tanzen die sieben kleineren Sterne zuerst allein.

Von den sieben kleineren Sternen sind die größten nicht über zwei Meter hoch. Einige Sterne sind zackig, andere würfelförmig, rund oder vierkantig, einige leuchten stark oder glänzen wie farbige Brillanten, andere wie Gold oder Silber oder wie Opal und Perle. Ihre Bewegungsfähigkeit besteht hauptsächlich nur im funkelnden Sichdrehen und im Hin- und Herpendeln; sie können aber rasch ihren Standpunkt verändern und springen. Füße und menschliche Gliedmaßen sind auch bei diesen kleineren Sternen nicht zu bemerken.

Schließlich tanzen die Kometen mit den kleineren Sternen zusammen; das Farben- und Lichterspiel wird immer lebhafter. Die Kometen, die ihre Spinnenfinger stets in Bewegung halten, bilden mit den Sternen die verschiedensten Glanzornamente, die nur anfangs noch zuweilen zuckend festbleiben, nachher jedoch wie ein unaufhörlich sich drehendes Kaleidoskop wirken – voll heftigster Beweglichkeit.

Die Tänze werden von der gewaltigsten Sphärenmusik begleitet; feierliche Orgeltöne durchbrechen oft die Tanzmelodien.

Wie die Sterne und Kometen plötzlich ganz still stehen – die Kometen mit senkrecht emporstehenden Kopfstrahlen – wird die Sphärenmusik wieder ganz sanft.

Die Hofleute und Haremsdamen bewegen sich – als wären sie von einem Banne befreit.

Das Pas de deux

Den beiden Gemahlinnen des Königs gefallen die Beleuchtungseffekte der astralen Tänze ganz außerordentlich – und die beiden wollen mit den Kometen und Sternen zusammen tanzen und bitten den König pantomimisch, das zu gestatten.

Der König nickt dazu und denkt an Andres mit weit aufgerissenen Augen.

Wie sich nun die beiden Damen den Kometen nähern, gehen diese in den Hintergrund und legen sich dort glatt auf den Boden, sodaß von den hellen Kometenschweifen nicht mehr viel zu sehen ist.

Die Königinnen wundern sich hierüber und wollen nun mit den sieben kleinen Sternen tanzen, doch die treten seitwärts und in den Hintergrund, wobei die Hofleute und Haremsdamen nicht wenig inkommodiert werden.

Hiernach tanzen die beiden Damen den Sternen zunächst mal allein was vor, um ihnen zu zeigen, daß zwei Königinnen wohl würdig wären, auch mit Sternen zu tanzen. Die Spielleute spielen, so gut sie können; die Sphärenmusik klingt zurückhaltend und spöttisch.

Alle wundern sich sehr.

Der König fragt den Zauberer pantomimisch, wie das kommt. Der Zauberer zuckt die Achseln.

Die Königinnen hören zu tanzen auf und tun sehr beleidigt und ärgerlich – so recht pikiert.

Das Pas seul

Da will die Zofe die Ehre des königlichen Harems retten; sie erscheint ganz in feinen dünnen schneeweißen Gewändern; eine schneeweiße Mondsichel, deren Hörner neben den Ohren runtergehen, trägt die Zofe als Hut, und in den Händen hat sie einen langen Staubwedel, dessen Federn ebenfalls schneeweiß sind. Farbige flimmernde Lichter machen die Zofe zeitweise farbig und auch bunt – in schottischer Musterung.

Die Zofe tanzt und giebt ihrer Sehnsucht nach den Sternen, die seitwärts halb in den Gebüschen stehen, und besonders ihrer Sehnsucht nach den im Hintergrunde liegenden Kometen ergreifenden Ausdruck.

Die Kometen richten sich zuweilen ein wenig empor, legen sich aber immer wieder hin; die Zofe tanzt oft mit dem Rücken gegen das Publikum, wobei die schottische Musterung stark zur Geltung kommt.

Von den Dienern mit den Stocklaternen sind nur drei oder vier hinten und seitwärts zu sehen.

Die Sterne bleiben an ihren Plätzen.

Die Zofe wird schließlich sehr traurig und geht kopfschüttelnd zum Könige, dem sie schluchzend zu Füßen sinkt. Ihr Schmerz wirkt aber so, daß sich die Hofleute ein Lächeln nicht verbeißen können.

Der König streichelt der Zofe beide Wangen und hebt die Knieende auf.

Die Freundschafts-Pantomime

Der Haremsdamen aber bemächtigt sich eine ungeheure Erregung; sie gestikulieren sehr deutlich und erheben sich alle von ihren Plätzen, ballen die bunten Tücher grimmvoll zusammen und werfen sie den Dienern und Hofleuten an den Kopf.

Und anitzo tanzen alle Damen einen Tanz, der ein großes Verlangen nach Freundschaft ausdrücken will und hauptsächlich in Arm- und Fingerbewegungen besteht.

Kunstvolle Bewegungen des ganzen Körpers kommen hin und wider hinzu. Beine und Füße bleiben aber absichtlich ziemlich unbeweglich und machen nur gelegentlich ein paar Schritte, um den Standpunkt zu verändern.

Als auch dieser Tanz die Kometen und Sterne nicht zu rühren vermag, lacht der König seinen Harem aus.

Die Spielleute spielen nicht mehr.

Die Sphärenmusik ist wieder zu hören und klingt rauh – unnahbar.

Die Frauen wollen hierauf – gereizt durch ihren König, der gar nicht aufhört, über seinen Frauen zu lachen – die himmlischen Tänzer mit Gewalt zum Mittanzen zwingen. Dabei verbrennen sie sich aber die Finger und laufen schleunigst zur Mitte und nach vorn.

Der König lacht nicht mehr, da er manchmal sehr mitleidig sein kann; er geht jetzt hinüber zur Marmorbank und setzt sich dort hin und betrachtet wieder aufmerksam seine Lackstiefelspitzen.

Die Verzweiflungs-Pantomime

Die Frauen bestreuen sich gegenseitig die Brandwunden mit Mehl und verbinden sich die Finger mit Taschentüchern und bewegen sich stehend, sitzend und liegend in Verzweiflungslinien; die bunten Decken sind wieder da.

Die Körper und Gliedmaßen werden derartig hin- und hergewunden, daß ein Zusammenklang der Bewegungen stattfindet und eine allgemeine Schmerzempfindung zur Darstellung gelangt; die Gesichter müssen dabei sehr wirkungsvoll mitspielen.

Und ähnlich äußert der Zauberer seine Verzweiflung über die Sprödigkeit der astralen Lebewesen.

Der Zauberer fällt auf ein Knie vor dem König und fleht um Gnade, zuckt mit den Schultern und deutet durch eine ganze Reihe von Hand- und Armbewegungen an, daß er die Himmlischen nicht zwingen könne. Diese Bewegungen bilden ein Pendant zu den verzweiflungsvollen Bewegungen der Haremsdamen.

Die Sphärenmusik verfällt in dumpfes Gebrumm.

Der König aber deutet durch viele lächelnde Gesten an, daß er die Sterne wohl verstehen könne. Der König würde auch nicht mit seinen Haremsdamen tanzen.

Da müssen natürlich alle Hofleute mit verschmitzter Herzlichkeit lachen – die Frauen verstehen natürlich weder ihren König – noch das Lachen der Männer.

Der Zauberer verbeugt sich sieben Mal lächelnd vor seinem Könige und faltet sieben Mal zum Zeichen des Dankes seine weißen Hände in einander.

Das Pas de trois

Auf den Zehen schleicht die lustige Person in die Mitte der Bühne, schneidet bedeutungsvolle Grimassen und deutet auf alle mögliche Art sehr selbstbewußt pantomimisch an, daß eine lustige Person sehr wohl die Sterne zum Mittanzen verführen könne.

Und der lustigen Person gelingt, was allen Damen nicht gelang. Nach einem wilden Klownstanz, den die Spielleute in lärmender Weise begleiten, kommt der goldene und der silberne Stern in die Nähe der lustigen Person. Und die Drei fangen zu tanzen an, daß sich alle Frauen trotz ihrer verbundenen Finger auf dem Boden wälzen vor Lachen; die Frauen versuchen mit ihren verbrannten Fingern Beifall zu klatschen, – was natürlich nicht geht.

Das Pas de trois findet aber, als die Drei gerade im Hintergrunde sind, einen unvermittelten Abschluß dadurch, daß die beiden Sterne die lustige Person zwischen sich einklemmen und mit ihr in den Himmel schweben.

Die Säbel-Pantomime

Diese Himmelfahrt bringt die ganze Gesellschaft vollends aus dem Text.

Die Hofleute halten es jetzt für ihre Pflicht, tatkräftig in den Gang der Handlung einzugreifen.

Alle Hofleute tragen wie auf Verabredung eine ungeheure Entrüstung zur Schau; sie ziehen ihre blanken Säbel und fuchteln mit ihnen funkelnd in der Luft herum.

Und es entwickelt sich eine sehr lebhafte Säbelpantomime, die recht bedrohlich aussieht; es hat den Anschein, als wollten die Hofleute mit ihren blanken Säbeln den ganzen Himmel angreifen – bloß um die lustige Person zurückzukriegen.

Der Zauberer rennt händeringend umher und versucht, die Erregten kniefällig zu beschwichtigen; es gelingt ihm das erst nach großer Anstrengung.

Die Kometen haben sich beim Säbelblitzen ein paar Mal verwundert aufgerichtet.

Durch die Sphärenmusik gingen wunderbare Metallklänge.

Der König hat lange mit erhobenen Armen der lustigen Person nachgestarrt.

Der Vollmond

Es wird allmählich still.

Die Nachtigallen schlagen wieder.

Die Sphärenmusik säuselt dazu wie ferne Wiegenlieder.

Wiederum hebt der Zauberer seine Pfauenfedern gegen den Himmel empor und beschreibt mit ihnen lange Beschwörungslinien. Und nach der Beschwörung erscheint ein lachender Vollmond am Himmel; er kommt majestätisch aus höheren Regionen herunter. Der Vollmond steigt auch auf die Bühne herunter und tanzt zu den Nachtigallentönen einen drolligen Wackeltanz mit kleinen Sprüngen, die den ganzen Hof wieder in gute Stimmung versetzen; die Säbel der Hofleute fliegen rasselnd in ihre Scheiden. Der Mond hat ein außerordentlich lustiges Gesicht; es ist derselbe, der am Ende des ersten Aufzuges in den Wolken erschien; sein Hinterkopf besteht aus lauter dunkelvioletten Locken, die beim Tanze hin- und herfliegen; sein Gesicht ist dick und goldgelb.

Am Ende des Tanzes wirft der Mond die lustige Person aus seinen Haaren heraus.

Und während der Mond ruhig wie ein Himmelsglobus in der Mitte der Bühne stehen bleibt, hilft man der lustigen Person wieder auf die Beine – sie hat in beiden Händen große Büschel dunkelvioletter Locken.

Das Mondlocken-Bacchanale

Die lustige Person verteilt die violetten Mondlocken unter den Haremsdamen, Hofleuten und Dienern.

Und die Locken haben eine berauschende Kraft in sich – sodaß Alles im höchsten Übermute herumspringt – und ein echtes Bacchanale aufführt, bei dem nur der Wein fehlt.

Der König, der Dichter, der Zauberer, die Zofe und einzelne würdevolle Herren und Damen haben keine Locken angenommen und stehen nun höchst trübselig da, während die Berauschten den Mond umtanzen – in sehr ungezügelter höchst lächerlicher Weise – die Diener und die Spielleute tanzen sämtlich mit.

Die weißen Laternen in Oktaëderform schwirren wie Glühwürmer durch die Luft.

Die fünf kleineren Sterne rühren sich anfangs nicht; aber wie die Wildheit des Bacchanals nachläßt, kommen sie in die Nähe des Mondes und verbeugen sich vor ihm ein wenig. Und darüber lachen alle.

Die Zofe will sich hierauf in die violetten Haare des Mondes hängen, doch der schüttelt sein Haupt so mächtig, daß die Zofe dem Scharfrichter in die Arme geschleudert wird. Da wird in dem König ein großer Entschluß lebendig und voll Tatsucht: der König will selber in den Haaren des Mondes gen Himmel fahren. Doch kaum macht er dazu ernstliche Anstalten, so reißt der Mond den Mund auf und pustet den König so stark an, daß der zurücktaumelt.

Und der Vollmond schreit gräßlich laut auf wie ein Esel, geht rückwärts und steigt, während eine Nachtigall, die sich auf seine Nase setzt, sehr laut zu hören ist, im Hintergrunde wieder zu den Sternen empor – in den violetten Haaren hat augenscheinlich eben höchstens eine lustige Person Platz.

Der König versteht das Alles nicht, und die Haremsfrauen und Hofleute verstehen es auch nicht – sie schlagen die Hände über dem Kopfe zusammen und stehen wieder mal wie Bildsäulen da – die violetten Haare wirken nicht mehr.

Das Bacchanale ist zu Ende.

Die Entführung

Die Kometen richten sich wieder im Hintergrunde ein wenig auf, sodaß ihre Kopfstrahlen schräge stehen; zeitweise heben und senken sich die Kopfstrahlen.

Der König fragt pantomimisch in vielen Formen die lustige Person, wie's im Himmel war.

Da gehen die fünf kleineren Sterne in den Hintergrund und schweben dort einzeln nach einander empor.

Und der König wird schrecklich erregt; er will, während sich seine Hofleute und Haremsdamen ermattet auf den Fliesenboden legen, die Sterne zurückhalten und fordert sie pantomimisch mit flehenden Armbewegungen und kniefällig auf, doch bei ihm an seinem Hofe zu bleiben.

Und die fünf kleinen Sterne bleiben nicht. Da packt den König die Angst – er fürchtet, auch die Kometen könnten ihn verlassen.

Der Zauberer soll die Kometen festhalten mit seinen Pfauenfedern, und das kann der Zauberer nicht.

Da will der König die Pfauenfedern selber haben.

Jedoch der Zauberer will die Federn nicht hergeben und giebt wieder seine Verzweiflungspantomime zum besten.

Da wird der König zornig und winkt seinem Scharfrichter und seinen Henkersknechten und nimmt sich die Federn mit Gewalt. Der Zauberer wird gefesselt und mit dem Dichter zusammen in knieende Stellung gebracht, während der König mit den Pfauenfedern die drei Kometen zu beschwören sucht.

Und die Federn verbrennen.

Und der König will nun Zauberer und Dichter köpfen lassen, wenn sie nicht im stande sind, die drei großen Kometen zum Dableiben zu zwingen.

Und die Beiden müssen kopfreckend und augenrollend mit den Achseln zucken.

Wie der Scharfrichter demnach wieder sein Schwert schleifen läßt und zum Losschlagen Anstalten macht, wandeln die Kometen langsam mit den hohen Kopfstrahlen hin- und herpendelnd in den Vordergrund, lösen den beiden Verurteilten mit ihren glitzernden Spinnenfingern die Ketten, daß die klirrend abfallen, nehmen den König, den Scharfrichter und die Zofe in ihre Mitte, gehen mit den Dreien, obgleich sich der Scharfrichter sehr sträubt, in den Hintergrund – und steigen dort mit den Dreien langsam in den Sternenraum empor.

Der König wird gleich ganz ausgelassen vor Freude, grüßt seinen Hof mit der Smaragdkrone, als wärs eine Mütze, schneidet seinem Hof eine lange Nase und zeigt den Zurückgebliebenen seine Zunge und lacht aus vollem Halse.

Der Scharfrichter ist natürlich schauderhaft wütend, und die Zofe natürlich ganz und gar begeistert. Die Drei verschwinden oben zwischen den Sternen.

Wolken qualmen aus dem Fliesenboden und Flammen schlagen auf, und die Bühne versinkt unter Donner und Blitz mit den Zurückgebliebenen in die Tiefe, während ganz vorn nicht weit von den Lampen eine alte Mauer, die so lang ist wie die Bühne breit ist, langsam einen guten Meter hoch aus dem Boden herauswächst.

Die Verzückten

Die Sphärenmusik wird rauschend; es klingt oft, als würden in der Tiefe Felsen zerschmettert.

Und es erscheinen die Wandelsterne – ein bis fünf Meter hohe runde Weltkugeln in verschiedenen Farben; der schwarze Saturn mit seinen grauen Ringen zeigt diese unter verschiedenen Winkeln.

Langsam schweben die großen Weltkugeln auf und nieder; im Hintergrunde zieht der lachende Vollmond vorbei.

Die Stimme einer Nachtigall tönt, solange der Mond zu sehen ist, heftig in die Sphärenmusik hinein.

Die Wolken verschwinden allmählich, und die Fixsterne werden sichtbar; einzelne von diesen sind viel größer als sonst und seltsam in Form und Farbe.

Der König, der Scharfrichter und die Zofe erscheinen vorne vor der Mauer und sehen mit höchstem Entzücken, während sie dem Publikum den Rücken kehren, die Wandelsterne an.

Der Scharfrichter hat das Bewundern bald satt, aber seine beiden Begleiter werden nicht müde, ihrer Begeisterung mit Arm- und Kopf- und Körperbewegung Ausdruck zu geben.

Langsam gehen die Drei an der Mauer entlang von rechts nach links; die beiden Männer sind jetzt unbewaffnet.

Die Verrückten

Die runden Wandelsterne gehen zur Seite – neue Wandelsterne kommen aus der Fixsternwelt heraus.

Die Sphärenmusik wird immer hastiger und rast bald im wildesten Tempo dahin.

Die neuen Wandelsterne haben nicht mehr Kugelgestalt; sie haben die Gestalt riesiger Diamanten und vielkantiger phosphoreszierender Krystallkörper – einige bestehen aus unförmlichen Schlauchgebilden, die wie Seifenblasen schillern und an Polypen erinnern, andere ähneln erstarrten Flammen – die meisten sind sehr farbenprächtig und formenreich. Aus Sonnen, die riesigen Schaumkronen gleichen, schlagen bunte Lichter wie Scheinwerfer heraus und durchglänzen die neue Sternenwelt. Alle Sterne bewegen sich auf und nieder, und die kugelrunden Wandelsterne kommen auch wieder vor und gesellen sich zu den reicher geformten Weltkörpern. Die Wandelsterne gehen oftmals ganz tief in den Hintergrund zu den Fixsternen, sodaß immer andre Sterne im Vordergrunde sind. Die drei Menschen steigen links auf einer schmalen holprigen Steintreppe, die an der linken Seitenkulisse weiter nach hinten führt, zu einem Felsenkegel empor, auf dessen Spitze sich ein burgartiges Gemäuer mit einem Söller befindet.

Von der hohen Stein-Balustrade des Söllers werden die drei Menschen zeitweise verdeckt. Ihre Begeisterung hat jetzt jedes Maß überschritten, ihr Wesen wird immer toller – nur der Scharfrichter spielt den kalten Verstandesmenschen.

Und so ist ganz natürlich, daß sie an einander geraten und sich schließlich prügeln. Der Scharfrichter ist leider der Stärkere, und es gelingt ihm, seine beiden Gegner, nachdem er sie hinter der Steinbalustrade niedergeworfen hat, kopfüber in die Sternenwelt hineinzuwerfen – erst den König und dann die Zofe. Gleich nach diesem Fall erscheint oben der Vollmond, dem jetzt die Haare zu Berge stehen – er sinkt sehr schnell herunter, als eile er den Gefallenen zu Hilfe; die Nachtigall ist wieder zu hören; sie sitzt wieder auf der Nase des Mondes.

Ein dicker Kugelstern stößt vorne links gegen die schmale Treppe und wirft sie nebst dem Felsenkegel mit dem Scharfrichter in die Seitenkulisse.

Donnertöne gehen durch die Sphärenmusik.

Die Sterne des Himmels

Abermals kommen neue Wandelsterne aus der Fixsternwelt heraus – gasartige Lichtgestalten, die durcheinander gehen – wie Schatten. Immerzu flackern bunte Blitze auf. Es entwickelt sich eine berauschende zitternde Fülle ungeheurer Lichtspiele.

Kometen, die Flammenschwertern gleichen, sausen durch das chaotische Weltenreich.

Glühende Bandmeteore schlängeln sich wie Feueraale überall durch.

Die runden und die reicher geformten Wandelsterne, die oft zur Seite schweben, aber nur selten ganz verschwinden, werden oft in allen möglichen Farben von durchziehenden Kometenschweifen beleuchtet.

Die Sphärenmusik erreicht die größte Klangstärke und klingt zuweilen so, als würden alte Felsen von Riesenkrallen zerkratzt. In diese aufgeregte Licht- und Farben- und Formenwelt schweben aus der Tiefe kommend die drei großen Kometen mit senkrecht in die Höhe stehendem Kopflicht langsam hinein und hinauf – die drei Kometen haben wieder die drei Menschen, die von ihnen in den Himmel entführt wurden, in den glitzernden Armen.

Alle Sterne schweben seitwärts und in den Hintergrund und machen Platz.

Die Kometen schweben mit dem König und der Zofe und dem Scharfrichter, die jetzt ruhig ihren Kopf nach allen Seiten drehen, langsam nach oben in noch höhere Sphären, die unsichtbar sind. Die Sphärenmusik wird immer leiser und weicher.

Der Mond steigt auch aus der Tiefe wieder heraus und schwebt lächelnd ganz langsam nach oben den Kometen und Menschen nach. Wie der Mond beinahe oben ist, fällt langsam der Vorhang.

Und die Sphärenmusik klingt ganz leise wie aus weiter weiter Ferne.

Und die Stimme der Nachtigall tönt auch wie aus weiter weiter Ferne.

 
Finis

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