Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Schwarz >

Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
Schließen

Navigation:

Das stählerne Gerüst Deutschlands

Mit stählerner Faust – auch im übertragenen Sinn des Wortes – wird heute das Wirtschaftsleben an der Ruhr, ja das Wirtschaftsleben ganz Deutschlands von einer der gewaltigsten Dachorganisationen der Welt gelenkt. Diese Organisation nennt sich Vereinigte Stahlwerke AG., und ihr sind unmittelbar oder mittelbar mehr als 400 der größten Produktions- und Handelsgesellschaften und Unternehmungen, mit zusammen etwa 4,550 Millionen Kapital, untertänig. Außerdem verfügen die Vereinigten Stahlwerke über Sitz und Stimme – und wer zöge das Gewicht einer solchen Stimme in Frage? – in über hundert der wichtigsten Kartelle, Syndikate, Unternehmerverbände und in fast allen regionalen und staatsumfassenden Wirtschaftskörperschaften. Der Vergleich mit dem größten Trust der Welt, mit der United States Steel Corporation, zeigt zwei einander ebenbürtige Größen und macht klar, welchen mächtigen Kontrahenten auch für Übersee die Vereinigten Stahlwerke AG. darstellen.

Hier hat sich eine Entwicklung vollzogen, die mit allen überkommenen Begriffen und Gesetzen von Nachfrage und Angebot, von einer Preispolitik auf der Basis der Gestehungskosten, von der Willensfreiheit des einzelnen Wirtschaftssubjektes, von dem allgemeinen Menschenrecht auf Arbeit, von der Staatsgewalt, die vom Volke ausgeht, von dem gesetzlichen Schutz, den das Leben jedes einzelnen Staatsbürgers genießt, von den patriotischen Pflichten des Unternehmertums gründlich aufgeräumt hat. Die freie Konkurrenz, die der Kapitalismus propagierte, solange er noch Neuland zu erobern fand, scheint endgültig zu den Akten gelegt worden zu sein. So ist auch längst statt der umsichtigen, vielseitigen; fachkundigen Einzelpersönlichkeit mit der kühnen Initiative die unsichtbare Aktiengesellschaft auf den Führerposten gekommen. Sie wird von einem Stab von Direktoren betreut, denen die Gesetze ihres Handelns von der Generalversammlung der Aktionäre, sprich: von den paar großen Haifischen und kühnen Jobbern, diktiert werden, die in allen Aufsichtsräten sitzen und vom Betrieb und dessen Produkten selbst gar nichts mehr zu verstehen brauchen.

Langsam verblassen die Namen jener Gründer, die wenigstens noch selbst Kontakt mit den Werken hatten, die sie leiteten. Grollend und zurückgezogen lebt in seinen Mülheimer Wäldern der Schöpfer des Kohlensyndikats, Emil Kirdof, für die nüchternen Wirtschaftsführer heute fast ein Mythos. Als Kirdorf als Direktor der Gelsenkirchener Bergwerksaktiengesellschaft das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat schuf und damit den Individualismus der planlosen Konkurrenz auf dem Kohlenmarkt überwand, verhalf er der deutschen Kohle zu einer europäischen Stellung. Und Kirdorfs Werk, das 1893 gegründete Kohlensyndikat, das, um nur eine illustrative Stichzahl zu nennen, 1910 95,4 Prozent der gesamten deutschen Kohlenförderung lieferte, dieses Kohlensyndikat war die Basis für den Sieg der monopolkapitalistischen Wirtschaftsform in der Montanindustrie Deutschlands. Dieser Sieg aber formte das Gesicht und das Wesen des heutigen Ruhrgebiets.

Ein anderer von den Stammvätern, einer, der auch zielstrebig sein ganzes Leben für die Konzentration der Kapitalmacht, für die einheitliche Zusammenfassung aller Großbetriebe an der Ruhr gearbeitet hatte, August Thyssen, lag auf dem Totenbett, als seine Idee des großen Stahltrusts verwirklicht wurde. Dieser Selfmademan hatte mit 70 Arbeitern zu produzieren angefangen und hinterließ ein Unternehmen, das noch heute das Kernstück der Vereinigten Stahlwerke AG. darstellt und nach amerikanischen Schätzungen mit einer Milliarde Mark nicht überzahlt wäre. Mit Thyssens Hütten und Zechen wuchsen auf bäuerlichem Land am Rhein aus dem Nichts im Verlauf weniger Jahre ganze große Städte wie Hamborn und Dinslaken empor; für so viele Zehntausende Menschen boten die Werke Existenz.

Auch der alte Hugo Stinnes ist längst zu seinen Ahnen versammelt. Der von ihm mit Hilfe der Inflation zusammengeraffte Trust, die Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union, war der erste Versuch größeren Stils, in Deutschland einen Vertikaltrust zu schaffen. Schiffahrt, Schiffbau, Elektrizität, alles, was mit der Kohle auch noch so entfernt zusammenhängt, wollte Stinnes bis in die feinsten Spitzen und Verästelungen in seine Hand bringen. Die Montanwerke bildeten die Basis dieses babylonischen Turmes, und sie sind fast alle der Vereinigten Stahlwerke AG., auch kurz der deutsche Stahltrust genannt, eingegliedert worden.

Nachdem Versailles die Begehrlichkeit der deutschen Annexionisten in bezug auf die französischen Erzbecken enttäuschte, haben sich die deutschen Großindustriellen vorläufig »bescheiden« müssen. Sie müssen weiter das Erz zur Kohle kommen lassen. So behielt und steigerte das Ruhrrevier seine wirtschaftliche Bedeutung, obgleich seine Kohlenproduktion allein ihm diese Vormachtstellung nicht mehr bewahren würde.

An den Schachtgerüsten erstaunlich vieler und der größten Zechen hängt heute groß und weithin sichtbar das Firmenschild: Vereinigte Stahlwerke AG. Aus der These-Antithese Kohle-Erz wurde die beherrschende Synthese Stahl, der man allerdings schon heute ohne große Weissagergabe prophezeien kann, daß ihr der Umschlag von der Quantität in die Qualität in Gestalt der chemischen Industrie drohend auf den Leib rückt.

Die modernen Anlagen an der Ruhr bewältigen mehr als 80 Prozent der gesamten deutschen Stahlerzeugung, und so kann man nach dem heutigen Stand der Technik und der kapitalistischen Machtverteilung wohl sagen: ohne Ruhrkoks kein Stahl, ohne die Kohlenbasis der Ruhrgruben kein deutscher Stahltrust, wenigstens keiner in den riesigen Ausmaßen der Vereinigten Stahlwerke AG.

In wenigen Jahren hat sich der deutsche Kapitalismus besonders im Ruhrgebiet jene höchstentwickelte Organisationsform geschaffen, die wir als Monopolkapitalismus bezeichnen. Und der Monopolkapitalismus ist's, der in seiner engen Verbindung mit den ebenfalls monopolisierten Banken die imperialistische Außen- und die reaktionäre Innenpolitik erzwingt.

Von dem Direktionsbau der Vereinigten Stahlwerke AG. werden mit leichtem Fingerdruck die Hebel gestellt, die das wohlfunktionierende Uhrwerk der deutschen Produktion und Geldwirtschaft steuern: zu immer höheren Profiten einer Handvoll Wirtschafts- und Bankmagnaten. Wenn man den Vergleich fortführen will, so ist das Ruhrgebiet die Stahlfeder dieses Uhrwerks. Die Macht, die in den Händen ruht, die diese Feder spannen oder entspannen, ist unvorstellbar groß. Die Stahltrustgewaltigen halten die Direktoren der riesigsten Betriebe an ihren Drähten wie Puppen. Kein Direktionsbüro, das nicht vor ihnen zitterte, keine aktive Bilanz, die sie nicht in eine passive verwandeln könnten.

Das Regierungsgebäude des deutschen Stahltrust steht in Düsseldorf. Es ist ein in der Inflation gebautes Turmhaus, das das übrige Kleinvolk rund herum hoch überragt. Das größte Privatunternehmen Deutschlands hat seine Direktion in Düsseldorf, in der Rentnerstadt, der Kunststadt, inmitten einer landschaftlich und architektonisch reizvollen Umgebung. Um Düsseldorf gibt es viel Wald und viele idyllische Vororte mit schönen Villen; keine Industrie ist hier zu sehen, sie liegt hinter den Ruhrbergen; nach Hösel zu gibt es überhaupt nur Wald. Hier lebt es sich ruhiger und honetter als im Revier mit seinem Ruß und Dreck und Schweiß. Hier paßt der Kommandoturm her, das Gehirn der in dem Dreieck zwischen Rhein, Ruhr und Lippe schuftenden Organe.

Die paar Dutzend Direktoren und leitenden Herren, Deutschlands mächtigste Pointeure an jenem Spieltisch, der imperialistisch das Schicksal der Welt erwürfelt, die hausen in Düsseldorf am Rhein. In dieser Atmosphäre kann man frei und klar denken, in aller Ruhe disponieren. Die Werke laufen von selbst, für die hat man Fachleute, man braucht sich nicht durch den Anblick der Arbeitenden und Arbeitslosen den Appetit verderben zu lassen. Auch wenn man gerade mit dem »Erbfeind« gegen das eigene Volk ein wenig das Glück der Karten für sich korrigiert hat, so werden die patriotischen Gefühle darum um nichts weniger hoch durch den breit und majestätisch dahinfließenden Rheinstrom erhoben. Man kann Verdauungsspaziergänge im Hofgarten machen, unter Bäumen, die so alt sind, daß sie schon den Knaben Heinrich Heine in ihrem Schatten sahen. Hier gibt es breite Straßen und herrliche Alleen – nicht diese lumpigen Armeleute-Baracken wie im Arbeitsrevier. Und die fixen Düsseldorfer Gassenjungen sind untertänige Spaßmacher. »Herr, jiff me 'ne Jroschen, dann schlog ich ens Rad!« Das ist der Lockruf der Düsseldorfer Rangen, auch Rabauen genannt. Und für zehn Pfennig kann man ein Kind des Volkes Rad schlagen sehen, prächtig schön!

In der Gegend zwischen Kettwig und Hösel, wo die Ruhr landschaftlich am schönsten ist, von wo man Düsseldorf und Essen mit schnellen Automobilen in einer guten halben Stunde erreichen kann, da strahlt von einer Höhe ein wunderbares Schloß. Es wurde von vielen Arbeitern gebaut, weil es ganz schnell fertig werden mußte, und kein zweiter Palast, der sich mit ihm vergleichen dürfte, steht an der Ruhr. Das ist die Residenz des neuen Stahlkönigs Friedrich Flick, der mit dicken Aktienpaketen in den Stahltrust einzog und die schon etwas senilen Herren der zweiten Industriellengarnitur aus der Führung verdrängte.

Herr Friedrich Flick kann leicht den Arbeitermassen als mysteriöse Persönlichkeit erscheinen; seine Rolle ist nicht so sinnfällig wie die der Wirtschaftskapitäne alten Schlages.

Die Arbeiter von der Ruhr können sich immerhin bei Sonntagsausflügen in den Höseler Wald anschauen, wie heute ein Zwing-Uri aussieht. Wie man ohne einen Handgriff schaffender Arbeit zu solcher Macht kommt, werden gerade jene am schwersten verstehen können, die für das bißchen nackte Leben sich so hart mühen müssen.

Der neue Herr von zirka zweimalhunderttausend Proleten ist der Typus des modernen Industriematadors, der mit den alten Führerpersönlichkeiten der Industrie, die noch in Schornsteinen und Schächten dachten, nicht mehr viel gemein hat. Heute denkt man in Aktienpaketen und Interessengemeinschaften. Zehn Jahre hat dieser robuste und ellenbogengewandte Westfale gebraucht, um sich vom Direktionspult eines kleinen westdeutschen Hüttenwerkes in den goldenen Sattel des Stahlkönigs zu schwingen. Aus Schutt und Asche der Inflation stieg er empor: ein strahlender Phönix. »Er handelte mit Bergwerken, wie man mit alten Kleidern handelt: Einkauf zu niedrigsten, Verkauf zu höchsten Preisen, wie es die Konzernkaufleute der Inflation halt machten«, sagt Morus. Flick ist heute der Chef des Herrn Vogler und wird ihn sicherlich in mancher Beziehung an seinen verstorbenen Brotherrn Stinnes erinnern. Denn wohlgemerkt: heute handeln solche Größen mit Bergwerken, sie schaffen sie nicht! Die Schlotgewaltigen der Generationen vorher haben den alten Bau der Erde aufgestockt und unterkellert. Sie schufen neuen Raum für neue Menschen. Sie errichteten die Werke, sie ließen die Schächte niedertreiben, mit denen heute gehandelt wird. Das Kapital vermag nun kein Neuland mehr zu erobern, es kann nur noch neue Formen der Bewirtschaftung aussinnen. Und diese neuen Formen der Bewirtschaftung taugen nur dazu, immer mehr Menschen zu verarmen, in immer weniger Hände immer größere Reichtümer zu legen. Heute sieht der Kapitalist seine Aufgabe darin, veraltete Produktionsanlagen zu erdrosseln und die leistungsfähigsten zusammenzuschließen, um sie auf den modernen Höchststand zu bringen, die Erzeugung zu kontingentieren, den Absatz unter die kleine Gruppe der Mächtigsten zu verteilen, damit die diktieren können, wie und was sie wollen. Auf diese Weise fließt von der Arbeit der Millionen unvorstellbar hoher Profit in möglichst wenige Taschen.

Sie halten die Rohstoffe und das Halbzeug in der Faust. Nach ihrem Gutdünken liefern sie uns die unentbehrlichen Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs. Von ihnen hängt es ab, ob sich der Arbeiter in Hamburg in einer verzinkten Weißblech-Volksbadewanne baden darf, ob sich der Berliner Laubenkolonist einen Kanonenofen kaufen kann. Ja noch mehr: Jedes Stück Brot, jedes Kleidungsstück, jeder Theaterabend, alles, alles, was uns umgibt, hängt von Kohle und Eisen ab, hängt von den Preisen ab, die von den großen Verkaufskartellen der deutschen Eisen- und Stahlindustrie für ihre Erzeugnisse festgesetzt werden. Und die Eisen- und Stahlindustrie, das ist heute der Stahltrust. Die wenigen eisenerzeugenden Firmen, die offiziell noch außerhalb des Trustes stehen, sind durch so viele unterirdische Kanäle mit ihm verbunden, daß ihre Selbständigkeit eigentlich nur eine Angelegenheit der Repräsentanten, ein leeres Zeremoniell ist.

Wer aber den Stahl hat, der hat unbeschränkte Macht über mehr als die Preispolitik eines Landes. »Stahl ist bekanntlich das Barometer der wirtschaftlichen Situation eines Volkes. Stahl regiert die Parlamente, Stahlinteressen haben schon Kriege dekretiert, haben Friedensschlüsse erzwungen.« So schrieb eine Zeitung im Heimatsort Henry Fords in den Tagen des Einmarsches der französischen Truppen ins Ruhrrevier, im Januar 1923.

Ja, Stahl ist eine Größe, deren Macht in der heutigen Gesellschaft sich kaum noch konkret umreißen läßt. Die Herren vom Stahltrust können bestimmen, ob jene Erfindung der Ingenieure und Techniker, die dem Wohle der Menschheit dienen, oder die andern, die die Menschen auszurotten imstande sind, fabriziert werden sollen. Sie verfügen, ob eine Politik gemacht wird, die zur Befriedung Europas führt, oder eine, die einen neuen Weltbrand anheizt.

Wer das alles sieht, wie es ist, für den ist es nicht gerade beruhigend, auch noch zu wissen, daß sich an Kanonen und Granaten, an Panzerkreuzern und Torpedos besonders gut verdienen läßt, daß die Verwertung der Produktionsanlagen für Rüstungszwecke eine besonders sichere und besonders gute Profitrate abwirft. Zu keinen Zeiten wird mit Stahl mehr Geld verdient als während des Krieges. Im Krieg gibt es das Gespenst der Überkapazität der Werke nicht. Da darf man endlich soviel produzieren, als man nur produzieren kann.

Gerade in seiner heutigen Phase könnte der Stahltrust ein bißchen Rüstungsindustrie ganz gut gebrauchen. Die Rationalisierung ist nämlich zu weit getrieben worden, und so ist in der Ruhrindustrie eine gefährliche Überkapazität entstanden; das heißt: die Leistungsfähigkeit der eisen- und stahlerzeugenden Betriebe übertrifft bei weitem den möglichen Absatz. Darum wird die monopolistische Konzentration zur Überhöhung der Eisenpreise auf dem inländischen Markt benützt, und darum wieder muß die heimische Industrie durch hohe Zölle geschützt werden, wenn sie einigermaßen in Betrieb erhalten werden soll.

Die Überkapazität der Ruhrindustrie ist eine ähnlich beklagenswerte Katastrophe wie eine zu gute Ernte. Für simple Gemüter, die in die Finessen der modernen Geldwirtschaft nicht genügend eingeweiht sind, stellt sich die Sache so dar: erst muß gefront werden, um die Produktion zu erhöhen, und dann muß gehungert werden, um die Preise hochzuhalten.

 

Die Ruhrindustrie hat aus der Erhöhung der Leistungsfähigkeit ihrer Betriebe eine Senkung des Lohnanteils am Produkt selbst bei steigenden Löhnen herausrationalisiert. Der deutsche Enquete-Ausschuß (Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Industrie) weist in seiner Arbeit über die eisenerzeugende Industrie nach, daß die Arbeitskosten beim Rohstahl in den Jahren 1925 bis 1929 von 7,70 Mark auf 5,52 Mark für die Tonne dieses lebenswichtigen Rohstoffes gesunken sind. Und das war, man vergesse es nicht, zwischen 1925 und 1929 – also in einem Zeitraum, in dem die Gewerkschaften Lohnerhöhungen durchzudrücken vermochten. Trotzdem wissen die Großindustriellen an der Ruhr ganz genau, daß die hohen Löhne den Ruin der Wirtschaft herbeiführen.

Man hat die Betriebe allzu schnell, allzu gründlich, allzu protzig auf einen Stand gebracht, der den Absatzmöglichkeiten durchaus nicht entspricht und darum die Kapitalrente gefährdet. Jetzt heißt es: Herunter mit den Löhnen! Ein Lied, das sie uns so oft und in allen Tonarten gesungen haben, daß wir Weise, Text und Verfasser ausgezeichnet kennen. Solange es eine Kapitalmacht gibt, wird sie auf ihren seligsten Wunschtraum, ihr einziges reales Ideal, nicht verzichten: den Arbeiter zu einem Pauper zu machen, der bloß noch für sein bißchen Essen und Schlafen schuftet, der keine kulturellen Bedürfnisse hat, der nicht organisiert ist, der willig in Krieg und Frieden bis zum letzten Hauch von Mann und Roß der kapitalistischen Produktionsweise als gottgewolltes Gesetz in dumpfer Ergebung mit Leib und Seele, mit reichlicher Zeugung und frühem Tod dient.

Darum Stahltrust und Erweiterung der Macht – der ideologischen und der materiellen –, darum die Anhäufung von riesigen Fonds und Rücklagen für Arbeitskämpfe, darum Werkpolizei und Pinkertons in den Betrieben, darum Reaktion im Inland und darum aktive Außenpolitik, so äußert sich der Wille zur diktatorischen Herrschaft über die Massen. Das ist der Stahltrust und die von ihm geführte Industrie: Er diktiert dem eigenen Volk Preise, die er im Ausland weit unterbietet. Seinen Eisenpreisen und dem Geist, der sie diktiert, dankt man die hohen Mieten und die hohen Fahrpreise, die hohen Frachtsätze und die teuern Lebensmittel, das so rationell betriebene Auspumpen der Arbeitenden und die Erwerbslosigkeit und das ganze übrige Elend, das noch so drum und dran hängt.

Das ist die Macht des Monopolkapitalismus, die drückend auf jeglicher Lebensäußerung des Volkes lastet. Das stählerne Gerüst zermahlt uns!

Es gibt über fünftausend Unternehmerverbände in Deutschland, jeder unterhält einen oder auch mehrere Syndizi (gegen gutes Gehalt, versteht sich!), und jeder hat zur Wahrung seiner Belange ein regelmäßig erscheinendes Verbandsorgan. Was ist der Tenor ihrer Schreiberei und der Tenor der Syndizirede? Die Löhne sind zu hoch! Niemals die Gehälter der leitenden Direktoren, von denen der Stahltrust über ein halbes Hundert beschäftigt. Jeder einzelne von diesen Herren muß sich mit einem Einkommen begnügen, von dem Dutzende Proletarierfamilien leben könnten und möchten. Und dieser ganze Troß der Offiziere an Bord des Stahltrust-Riesenschiffes stimmt in den Chorus ein: Die Löhne sind zu hoch! Es sind ihrer nicht viel mehr als Stücker dreißig von jenen Herren, die den Stahltrust wirklich steuern; der »ärmste« von ihnen hat für sich allein so viel Einkommen wie einige hundert Proletarier zusammen. Was ist ihr größter Kummer und ihre brennendste Sorge? Die Löhne sind zu hoch.

Und die ganz Großen im Stahltrust, die Löwen des Aufsichtsrats, Menschen, die mit Milliarden jonglieren und die Millionenprofite einsacken, wie gewöhnliche Sterbliche einen Zehnmarkschein wechseln, Menschen, hinter denen phantastische Vermögen stehen, wie der Kronprinz des Hauses Thyssen, der stahlhelmfromme Dr. Fritz Thyssen, oder der Berliner Bankier Karl Fürstenberg, von dem man an der Börse so viele Anekdoten weiß, oder Jakob Goldschmidt, ebenfalls von Gnaden des raffenden Kapitals, oder der Hitlersche Idealtyp des sowohl deutschen als auch schaffenden Kapitalisten, der strenge Emil Kirdorf, sie alle meinen, daß die Löhne zu hoch sind. Und auch Louis Hagen, der in seiner Jugend mal Levy hieß und heute päpstlicher Ordensritter ist, meint es, und der Verbindungsmann der Ruhrindustrie zu den faschistischen Verbänden, der Fregattenkapitän a.D. Hans Hermann Krüger, meint es auch, und der rücksichtslose Dr. h.c. Vogler natürlich erst recht; und daß – last not least – der Stahlkönig Friedrich Flick höchstselbst keine Ketzereien gegen das grundlegende Unternehmerdogma in seinem Busen birgt, das wird man wohl annehmen müssen.

Und so einmütig sind die Kapitalisten, daß man bei ihnen keine Unterschiede zwischen Hakenkreuz und Davidstern kennt. Das sind bloß Spiegelfechtereien für die Massen, im Stahltrust sitzen sie, jeder eine Kapitalgroßmacht für sich, jeder ein Millionär und alle brüderlich vereint, und wirklich und aus gläubigem Herzen glauben sie alle nur an das eine Dogma: Die Löhne sind zu hoch!

Sie sind unsere ungekrönten Könige, absolutistischer als der Selbstherrscher aller Reußen war. Sie beherrschen das Industrie- und das Finanzkapital, sie sind die Herren der Monopole, die Beherrscher der Kartelle, und ihr Kapital ist es, das schwanger geht mit dem nächsten Kriege.

Die monopolistische Vertrustung des Kapitalismus hat die Widersprüchlichkeit dieses Systems vertieft. »Daß die Kartelle Krisen beseitigen«, sagt Lenin schon 1915, »ist ein Märchen bürgerlicher Nationalökonomen, die den Kapitalismus um jeden Preis rechtfertigen wollen. Im Gegenteil, das Monopolsystem, das in einigen Industriezweigen entsteht, vermehrt und verschärft das Chaos, das der ganzen kapitalistischen Produktion in ihrer Gesamtheit eigen ist.« Und weiter sagt Lenin in derselben Broschüre: »Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus«: »Friedensbündnisse bereiten diese (die imperialistischen) Kriege vor und erwachsen ihrerseits aus den Kriegen; beide bedingen sich gegenseitig und erzeugen den Formwechsel des friedlichen und unfriedlichen Kampfes aus einem und demselben Boden, dem der imperialistischen Verbindungen und Wechselbeziehungen der Weltwirtschaft und der Weltpolitik.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.