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Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
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Einst kommt der Tag ...

Der Mangel wird für sie gekocht,
aber ihr Jammer wird verzehrt als Speise

(Bert Brecht: »Die Maßnahme«)

Im November 1930, zwölf Jahre nach jenen Novembertagen, die dem deutschen Volk die Staatsumwälzung brachten mit den Parolen: Frieden, Freiheit, Brot! Die Sozialisierung marschiert! – veröffentlichte der Verband der Bergbau-Industriearbeiter Deutschlands, die freie Gewerkschaft der Bergarbeiter, im Anschluß an eine Reichskonferenz, die in Berlin stattfand, eine Denkschrift, die feststellt, daß im Ruhrbergbau seit Kriegsende 10 000 Bergleute bei ihrer Arbeit den Tod fanden, und über 700 000 (siebenhunderttausend!) Bergleute im Pütt Unfälle erlitten. Dennoch ist »dieses Meer von Blut und Tränen« nur ein kleiner Teil all des Jammers, den die werktätigen Schichten auch im Ruhrgebiet zu »Deutschlands Wiederaufbau« beigetragen haben.

1918, da sah es für die Kumpel und Metallproleten an der Ruhr eine Zeitlang so aus, als ob die wüste Ausbeuterei, die Blut- und Knochenmühle sich abstellen lassen würde. Mit den ungeheizten Zügen, in den verwahrlosten Abteilen, aus denen man die Lederriemen von den zerbrochenen Fenstern schon längst für Schuhreparaturen weggeholt hatte, kamen Soldaten und Matrosen an, die alle Betriebe stillsetzten.

Rote Binden trugen die Matrosen auf ihren blauen Ärmeln, und an den Mützen mit den keck flatternden Mützenbändern leuchteten rote Kokarden. Sie zogen an die Zechentore und viel Volk mit ihnen. Keiner stellte sich dem Trupp entgegen, denn die Matrosen trugen schwere Mauserpistolen in den Gürteln, und die Großkopfeten hatten – beweglich und schlau, wie sie sind – zwar ihre Sache nicht aufgegeben, aber sich doch auf Abwarten eingestellt. So war kein Betriebsführer zu sehen und auch sonst keiner von den Herren, die sonst eine so verdammt große Klappe haben. Die Matrosen aber sandten eine Botschaft in den Schacht hinunter: »Jetzt hört mal auf da unten, kommt raus aus euerm schwarzen Loch. Jetzt wird Revolution gemacht. Wilhelm ist abgehauen, und jetzt werden wir Proleten den Laden schmeißen. Uns gehören die Betriebe, uns gehört Deutschland, uns gehört die Welt.«

 

Und sie alle kamen heraus aus ihrem schwarzen Loch; denn in der Grube da waren die vier Jahre der großen, gußeisernen Zeit grauenhaft und beinahe so mörderisch gewesen wie draußen in den Gräben. Rackern mußte man, noch viel strammer als sonst, und das Futter war organisierter Hungertod. Für einen armen Kumpel gab es nichts zu kaufen. Der hatte sein bißchen Hindenburgfett für die Woche, graues Kriegsbrot mit Sägespänen, Marmelade undefinierbarer Herkunft und als Hauptmahlzeit in Wasser gekochte Steckrüben. In der Grube fehlte es an richtig gelernten Hauern. Es wurde wie an dem ganzen Volk so auch in den Gruben ein beispielloser Raubbau betrieben, wie nur ein Bankrotteur ihn treiben kann. Man kann sich vorstellen, wie die Sicherheitsvorschriften eingehalten wurden, wenn man nicht mal mehr das in den Gruben investierte Kapital schonte. »Immer raus mit der Kohle!« hieß es, auch wenn die Bergwerke draufgehen. Die Kohle muß in die Koksöfen, denn die Hochöfen warten auf Kolk; man braucht Roheisen. Aus dem Roheisen wird Stahl, aus Stahl Kanonen und Granaten. Immer feste druff. Ein Hundsfott, wer jetzt streikt. Das Vaterland ist in Not!

Das blies man auch den Ruhrproleten in die Ohren, den Metalldrehern bei Krupp und den Kriegerfrauen bei der Geschoßrevision und den ausgemergelten Kumpels vor Kohle. Sie alle mußten schuften, was haste, was kannste. Burgfrieden in Deutschland. Keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Der Burgfrieden sah so aus, daß die Grubenherren womöglich noch fettere Kriegsextraprofite in ihre weiten Taschen steckten wie die Rüstungsindustriellen und dafür Schichtzeitverlängerungen diktierten, als Draufgabe zu dem Kriegsjammerfraß; um ein übriges zu tun, wurden die Löhne gekürzt. Wehe dem, der aufzumucken wagte. Ein Wink an das Bezirkskommando, schon hatte der Rebell seinen Gestellungsbefehl auf dem Tisch liegen, und sechs Wochen später, da lag er wohl bereits im flandrischen Massengrab.

Aber die Zuchthausarbeit in den Gruben war so unerträglich, daß es Kumpel gab, die ihr den Kriegsdienst vorzogen. Nicht nur Jupp Bierwirth, Koch auf einem der Großkampfschiffe der Hochseeflotte, ist es so ergangen; wenn auch der arme Jupp mit seinem Lebendgewicht von 180 Pfund ohne Knochen uns ein besonders anschauliches Beispiel für die Kumpel-Diät während des Krieges vordemonstrierte. Jupp war, wie gesagt, wirklich fett; erstens, weil er klein war, und zweitens, weil bei der Zubereitung der Eintopfgerichte für des Kaisers blaue Jungens sicher manch guter Happenpappen für ihn abfiel; dennoch behagte es ihm an Bord gar nicht. Wasser hat keine Balken. Bei einem Vorstoß in die deutsche Bucht hatte er gemerkt, was es heißt, unter Panzerdeck abgeschottet zu sitzen und auf die Treffer zu warten, die einen absaufen lassen. So verschwand er eines Tages mit seinem Kleidersack von Bord. Er stammte aus Gelsenkirchen und hatte sich von seinem heimatlichen Pütt zum Kohlenhacken reklamieren lassen.

Zwei Monate vergehen schnell oder langsam. Auf unserm dicken Pott, der draußen auf der Außenjade lag, vergingen sie jedenfalls ziemlich ereignislos. Wir mochten also kaum unsern Augen trauen, als nach so kurzer Zeit vom Tender, der täglich Post, Lebensmittel und Kommandierte brachte, ein Matrose über das Fallreep an Bord kam, dem die Uniform um sein Knochengestell schlotterte und der unser Koch Jupp Bierwirth war. Was er uns nachher von der Kriegsarbeit im Pütt erzählte, das machte uns schon begreiflich, was ihm das Fett so zum Laufen gebracht hatte und warum Jupp sich lieber mit dem Absaufen und dem Füttern der Fische abfinden wollte als mit dem Kriegsdienst vor Kohle. So ging 1918 die revolutionäre Initiative von den roten Kulis aus und nicht von den dreiviertel verhungerten Kumpels in den Gruben. Aber als die Matrosen kamen, da brauchten sie nicht lange zu bitten; die roten Banner der Arbeitermacht wehten bald von den Zechentürmen, genau an denselben Fahnenstangen, mit denen man heute wieder schwarzweißrot flaggt; denn natürlich gehören die Grubenherren zu den Frondeuren gegen die Farben der Republik, obgleich sie auch dieses Banner unter seinem Schutz ganz gut verdienen läßt.

Aufruhr flammte 1918 durchs Revier und auch noch das ganze Jahr 1919. Alle diese Bergarbeiter und Metallarbeiter wollten den versprochenen Sozialismus und wußten doch nicht so recht, wo anpacken und wie. Es fehlte die Schulung, die Erfahrung. Da war zu viel Gefühl, zu wenig klarer Kopf. In Berlin tagte die Sozialisierungskommission, in der Professoren und so große Reden schwangen. In den Ämtern aber saßen die ehemalig kaiserlichen Beamten, und der ganze alte Apparat lief in den alten Geleisen weiter. Viele der Ausgebeuteten aus Schächten und Hütten des Ruhrgebiets aber, die jetzt die neue Ordnung schaffen sollten, waren erst durch die letzten Ereignisse mit den Ideen und Theorien des proletarischen Befreiungskampfes in Berührung gekommen. So fehlte, trotz aller gefühlsgeladenen Heftigkeit des Wunsches, Klarheit und Plan des Willens, und so vermochte die sachliche Unerbittlichkeit der feindlichen Klasse mit List oder blutigem Terror dem Proletariat Stück um Stück den Sieg aus der Hand zu schlagen. Mit Parolen wie: Nationalversammlung und Demokratie! Alle Macht den Räten! Sozialistische Republik Deutschland! wurde Zeit und Gelegenheit verloren; es kam nur zu Teilkämpfen, nur zu lokalisierten Putschen statt zur Sozialisierung der Betriebe. Truppen unter den reaktionären Fahnen des kaiserlichen Deutschlands marschierten ins Revier, und Arbeiterblut floß. Immer wieder flammten Kämpfe und isolierte Streiks auf, die ein einziges Mal ihre einheitliche Zusammenfassung unter einheitlichen Parolen in den ersten Tagen des Staatsstreiches von Kapp fanden.

Der auf die Herausforderung des Generallandschaftsdirektors Kapp in Berlin proklamierte Generalstreik schweißte das Ruhrgebiet zu einer Phalanx von ungeheurer Stoßkraft zusammen. Die Kumpels holten sich Waffen bei den städtischen Einwohnerwehren und formierten sich zum Kampf gegen die am Rande des Reviers stationierten Freikorps der Kondottiere vom Schlage des Hauptmann Lichtschlag oder des Majors Schulz, der in Mülheim ostentativ die schwarzweißrote Fahne setzen ließ. Die Arbeiter hatten die Landsknechte bald auf den Trab gebracht. Innerhalb weniger Tage lag alle bewaffnete Macht in den Händen der Proleten, die vollziehende Gewalt ging auf die Aktionsausschüsse über, in denen Vertreter der verschiedensten Partei- und Gewerkschaftsrichtungen saßen. Die Rote Ruhrarmee rückte auf Wesel und ging vor gegen die militärische Zernierung des Reviers unter dem General Watter, der offenkundig mit Kapp sympathisierte.

Die Wiedereinsetzung der alten Regierung in Berlin und der Abschluß des Bielefelder Abkommens nahm dem Arbeiterheer die Waffen aus der Hand.

Inter arma silent leges! Zwischen den Waffen schweigen die Gesetze, so nennt Carl Severing, der ehemalige Reichs- und Staatskommissar im industriellen Westen, ein Kapitel seines Buches »Im Wetter- und Watterwinkel«. In diesem Kapitel schildert Severing das Verhalten der nach der Entwaffnung der Arbeiter im Ruhrgebiet einmarschierten Truppen. Es genügt zu erwähnen, daß an der Spitze einer Brigade der nachmalige nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete General von Epp stand, um diese Truppen als geübte Arbeiterjäger zu charakterisieren. Da sorgten Formationen für Ruhe und Ordnung und die Anerkennung der verfassungsmäßigen Regierung, die noch vor ein paar Wochen für Kapp durchs Brandenburger Tor eingezogen waren. Mit Hakenkreuz am Stahlhelm und dem Lied vom Arbeiterschwein, das gekillt werden muß, hauste der weiße Schrecken im Ruhrland. Standrechtliche Erschießungen ohne Gerichtsverfahren, Fluchtversuch als Todesursache, Mißhandlungen, hunderte Jahre Kerker, das waren auch hier die weißen Methoden.

Die Niederknüppelung des Ruhraufstandes war kein Friedensschluß im Klassenkrieg, sie hat nur die kurze heroische Phase des revolutionären Vormarsches der Ruhrarbeiterschaft zurückverwandelt in den täglichen Kleinkampf gegen die Reaktion.

In den folgenden Jahren wurde die arbeitende Bevölkerung immer mehr in die Defensive gedrängt, bis mit Ruhrbesetzung und Inflation durch List und Betrug das Kapital nicht nur seine alte Machtposition wiedergewann, sondern sie stärker ausbaute denn je.

Es ging wieder einmal um die Vermählung der Erzschätze von Brie und Longwy mit der so gut verkokbaren Ruhrkohle. Frankreich bestand auf dem Reparationsabkommen, Deutschland erklärte sich außerstande, die Kohle zu liefern. Der Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebiet begann. Schon vor dem französischen Einmarsch verriet der Ruhrkrieg sein wahres Gesicht. Es mag vielleicht nur eine Kleinigkeit gewesen sein – sicherlich war sie symptomatisch. Die Kohlenhalden lagen voll. In ein paar Stunden werden die Franzosen da sein. Unmöglich, die Kohle in dieser Eile ins unbesetzte Gebiet zu retten. Dennoch lehnen die Unternehmer den Vorschlag ab, die Kohle unter die Bevölkerung zu verteilen. Die Tanks der horizontblauen Armee fauchten krachend durch die Städte. Militär zog durch die düstern Straßenschluchten. Die Bevölkerung verharrte in eisiger Abwehr. In diesem Land ist man auf Militär nicht gut zu sprechen. Das hat schon das kaiserliche Deutschland gewußt, und darum niemals Truppen in das eigentliche Kernrevier gelegt, so stark der eiserne Ring militärischer und polizeilicher Streitkräfte auch war, den man im Norden, Osten und Süden um den Industriebezirk schmiedete.

Am 13. Januar 1923 wurde mit großem nationalistischem Brimborium der passive Widerstand proklamiert. Die Gewerkschaften schlossen sich ihm an. Die Unternehmer redeten große Töne, von auf Gedeih und Verderb mit der gesamten Bevölkerung Verbundensein. Aber nicht sie zahlten die Zeche, sondern die Arbeiter bezahlten und die kleinen mittelständischen Sparer. Die Notenpresse rotierte, die Industrie bekam Steuerstundung und Wechselkredite und Gelder aus staatlichen Hilfsfonds noch und noch. 95 Prozent aller Einkommensteuern brachten im Frühjahr 1923 die Lohn- und Gehaltsempfänger auf. Der Dollar stieg, der Lohn entwertete sich. Das ganze Volksvermögen floß in der Form von Staatskrediten, die später in entwerteten Papiermark zurückgezahlt wurden, in die Kassenschränke der Großindustriellen. Niemals zuvor ist ein Volk so bis aufs Hemd von einer kleinen Oberschicht ausgeplündert worden, wie damals das deutsche.

Im Revier aber waren die Zustände noch entsetzlicher als im übrigen Reich. Die Lebensmittelzufuhr stockte. Die Franzosen ließen die Berliner Inflations-Papierflut nicht herein. Da druckten die Betriebe eigenes Notgeld, von dem sie die Löhne bezahlten, die ihnen wertbeständig angerechnet wurden. Wenn aber ein Kumpel fünf Minuten in der Elektrischen gefahren war, dann galt sein Geld nichts mehr. So hungerten die Werktätigen, dafür durften sie in den Kämpfen gegen die Separatisten und in allen Wirren und nationalistischen Gewaltmaßnahmen ihre Haut zu Markte tragen.

Der passive Widerstand wurde erst abgebrochen, als die Unternehmer das ganze Volksvermögen in ihren Besitz gebracht hatten, Not und Verzweiflung der werktätigen Massen auf die Spitze getrieben waren und der Volkszorn die Regierung Cuno hinwegfegte.

Rasch waren die Phrasen von der Volksgemeinschaft verstummt, der mit einer ideologischen vaterländischen Kulisse verhüllte Klassenkampf stand wieder nackt und kraß da. Stinnes marschierte sofort nach der Liquidierung des Ruhrkampfes ins französische Hauptquartier zum General Degoutte und forderte von ihm Unterstützung, um die Verlängerung der Arbeitszeit in den Zechen und Hütten zu erzwingen. Der General ließ allerdings den großen Expropriateur abblitzen, aber der hatte mittlerweile schon alle militärischen Maßnahmen überholt. Die Verständigung zwischen dem Comité des Forges und der Rohstahlgemeinschaft hatte sich angebahnt, die deutschen und französischen Montanherren hatten sich verständigt. Jetzt konnte man seine Kraft wieder ungeteilt dem Klassenkampf, der Ausbeutung widmen.

Eines guten Tages zogen die Franzosen ab. Mit Musik und Geschmetter der Clairons und dem dumpfen Ton der französischen Trommeln. Zum letztenmal sah man den Tambour seinen Stab lustig durch die verrauchte Luft wirbeln, meterhoch, ihn wieder auffangen und marschmäßig so weiter taktieren. Zum letztenmal zogen die Poilus durch dieses verrußte, graue Land, das ihnen so unheimlich gewesen war. Sie marschierten ab – und hereinmarschierte, mit Glockengeläut und Blumensträußen empfangen, die preußische Schutzpolizei.

Und jetzt redeten die französischen und die deutschen Finanzgewaltigen weiter in Wirtschaftszahlen miteinander und wurden sich ganz ohne Klamauk einig. Jetzt kamen der Ruhrkoks und die Minette doch noch zusammen. Es gab keinen Erbfeind mehr, der Stahl schuf sich in einer kontinentalen Rohstahlgemeinschaft sein Paneuropa: das deutsche Rohstahlkartell hat die Landesgrenzen gesprengt.

Wenn es auch mit den deutschen Dumping-Preisen der Inflation aus war, so hatte man doch zu all dem andern Inflationsprofit noch vom Reichskanzler Luther 715 Millionen Mark geschenkt bekommen als Ruhrentschädigung für das heroische Ausharren im Kampf gegen den Erbfeind, und so konnte man flott und mit aller notwendigen Energie an die Rationalisierung der ausgepowerten, heruntergewirtschafteten Betriebe gehen. Man mußte, wohlig aufseufzend, feststellen, daß die Jahre zwar aufregend und abenteuerlich, aber durchaus nicht unlukrativ verlaufen waren. Jetzt hatten die Techniker, die Betriebspsychologen, das Personalbüro das Wort. Das Heer der Arbeitslosen kümmert einen nichts; die Betriebe sind rationalisiert.

Jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend rufen die Sirenen zur Arbeit. Niemals ist Stillstand, ununterbrochen läuft das gutgeölte Räderwerk der Industrie an der Ruhr. Hunderttausende gehen täglich zur Arbeit, fahren täglich in die Grube, schreiten bei Arbeitsbeginn über das Gleisgewirr der Werkbahn, fluten in Massen nach Schichtschluß aus weitgeöffneten Fabriktoren, wie ein Strom, der breites Hochwasser führt. Ob du Straßenbahn fährst oder den Reichsbahnzug benutzt, ob du zu Fuß läufst oder im Auto sitzt: überall ist Masse Mensch, und der Mensch der Masse ist es, dessen Schicksal das Revier unerbittlich bestimmt.

Es ist aber auch die Masse Mensch, für deren Verbrauch hier die ganze Arbeit getan wird. Für die Masse werden die Kohlen aus der Erde geholt, für die Masse wird die Synthese aus Kohle und Erz: der Stahl. Die Kohle und der Stahl sind Unterbau und Träger des ganzen heutigen Lebensaufbaues. Aus ihnen wird Leben, Frucht, Fortschritt, Kraft. Aus Stahl lassen sich Pflugscharen bauen und Traktoren, der Wohnraum wird um ein stählernes Skelett herumgebaut, auf den stählernen Schienen rasen die stählernen Lokomotiven durch das Land, aus Stahl sind die Maschinen, die den elektrischen Strom zähmen und sammeln; ohne Geräte aus Stahl kein Handwerk, keine Industrie, keine Wissenschaft, keine Kunst.

Die aber, die Geburtshelfer des Stahles sind, deren Ohren von den Weheschreien der Materie bei ihrer Bändigung zerrissen werden, die, deren Körper vor den Stahlöfen dörren, sie sind die Sklaven des Stahls, wie die Männer unten in der Grube die Sklaven der Kohle sind. Das ganze ungeheure Heer, das in rhythmischen Stößen, in regelmäßigen Intervallen zur Arbeit strömt und von ihr hinwegfließt, immer ab und immer zu, es ist ein Geschlecht von Frönern, dem von dem Gewinn, den ihre Arbeit bringt, nur der geringste Teil als Lohn zugebilligt wird.

Zu Hause innerhalb seiner vier Wände mag sich jeder einzelne mit noch soviel täuschenden Ideologien einbilden, er sei eine Individualität, sei seinen eigenen, seiner freien Wahl überlassenen Gesetzen Untertan; draußen in der Hütte, im Stahlwerk, auf der Walzenstraße, in der Formerei, im Kohlenstollen, am Arbeitsnachweis und vor dem Wohlfahrtsamt, da werden sie alle zu einer Einheit, die nur einem Gesetz gehorcht: dem Gesetz des Profits!

Was hier an der Ruhr gearbeitet wird, kommt nicht der Masse zugute, hier wird nicht von Menschen für Menschen gesorgt. Hier dreht sich alles um eine dünne Schicht von Herren, die über Kohle und Stahl als über ihr privates Besitztum nach eigenem beliebigem Ermessen verfügen. Sie ernten von ihrem Monopol ununterbrochen enorme Gewinne, und diese Gewinne geben ihnen die Macht, immer größere Gewinne einzuheimsen. Der Mehrwert heckt immer neues Geld und neue Macht, die wieder Geld einbringt.

Diese Macht in so wenigen Händen zwingt die Besitzer, neue Anlagemöglichkeiten für ihre Kapitalien zu suchen. Nur Narren können es leugnen: Das Kapital drängt über die Landesgrenzen hinaus; es sucht Märkte und Herrschaft und Abenteuer. Drum müssen aus Stahl immer wieder Kanonen werden, und Panzerkreuzer, Granaten, Tanks und Motore für Bombenflugzeuge. Der Monopolkapitalismus ist ohne imperialistische Weltunterjochungspläne nicht zu denken. Der Kampf um die Absatzmärkte geht trotz der internationalen Kartelle und Preiskonventionen weiter.

Das Ruhrgebiet war schon einmal die Rüstkammer des deutschen Imperialismus; wer offene Augen hat, der sieht auch heute, wohin die Reise geht.

Die Massen beginnen zu sehen. Darum werden sie niedergehalten mit Lohnabbau, Beschneidung der Sozialpolitik, Werkfaschismus, gelben Betriebsvereinen, Gebärzwang, kirchlichen Jenseits-Tröstungen, volksgemeinschaftlicher Ideologie und allen Blendungs- und Verdummungs-Manövern, die sich die Herrschenden nur auszudenken vermögen.

Täglich vollzieht sich der Opfertanz der Arbeit. Die vielen Hunderttausende, denen im Takte der Hetzpeitsche die Schweißbäche von den Körpern rinnen, wissen nichts davon, daß sie für eine Gemeinschaft arbeiten. Sie spüren nichts von einer Einheit des Volkes und von Werkfrieden. Ihnen bleibt die Arbeit und Not und die Sorge für den nächsten Tag. Immer noch verkauft die proletarische Klasse all ihre Kraft als Lohnsklave der herrschenden Klasse. Und selbst wenn der Kessel, überheizt, einmal explodiert, wissen die Mächtigen daraus Gewinn zu ziehen und mit allen Mitteln der militärischen und politischen Taktik den Klassengegner zu zermürben, bis er noch schmerzlicher gefesselt, weiter Mehrwert zeugt.

Dennoch zittern die Herrschenden vor dem Tag, der den Ausgebeuteten die klare Erkenntnis ihrer Lage und damit Einigkeit und Sieg bringen wird. Sie haben kleine Kostproben davon zu schmecken bekommen, wie es im Ruhrgebiet zugeht, wenn alle Proleten einen Weg nach einem Ziel gehen.

Gegen den spontanen Aufbruch aus Schacht und Hütte hat es im Kapp-Putsch kein Mittel gegeben. Mit der Gewalt einer Lawine, die zu Tal geht, wälzte sich das proletarische Heer durch die Straßen und über die Plätze. Und schon bei den großen Vorkriegsstreiks im Ruhrgebiet hat es sich gezeigt, daß die Besonderheiten des Gebiets sich auch besondere Kampfmethoden im Klassenkrieg erzwingen. Wenn die Kumpel streiken, dann fahren sie aus den Schächten, nehmen ihr Gezähe mit und ziehen tagelang von Pütt zu Pütt, von Hütte zu Hütte. Das ganze Arbeitervolk ist auf der Straße, und die Möglichkeit, daß der wirtschaftliche Kampf in einen politischen umschlägt, ist jederzeit gegeben.

Nicht umsonst hat man immer gleich das Militär zur Hand gehabt, wenn die Massen des Ruhrgebiets in Fluß gerieten. Aus der Ausbeutung im Betrieb, aus der elenden Lebenshaltung wächst in den Menschen ein dumpfer, unversöhnlicher Haß, der plötzlich aus der Quantität der rebellierenden Gefühle seinen Umschlag in die Qualität der klassenmäßigen Erkenntnisse erfahren kann.

Alle Versuche des Unternehmertums, das Ruhrproletariat ideologisch zu spalten, es mit Dinta-Methoden und Faschismus dem Klassenkampf zu entfremden, es werkfriedlich gegeneinander auszuspielen, müssen fehlschlagen, weil trotz alledem der Arbeitsprozeß, das Wohngebiet, die Gewerkschaft, der Verein, die Partei, das gedrückte Lebensniveau die Arbeiter immer wieder zusammenführen und aus ihnen eine einheitliche, einheitlich entrechtete Masse schaffen. Gemeinsame Not, gemeinsame Sorgen, Lohnabbau, Abbau der Akkordsätze und der Gedingesätze, die alle treffen, Erwerbslosigkeit, der alle gewärtig sein können, schaffen immer wieder sozialistische Stoßkraft und vertiefen die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Änderung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

 

Die in jenen Novembertagen gewählte Parole von der Sozialisierung der Betriebe, für die tausende Proletarier mit der Waffe in der Hand ihr Leben eingesetzt haben, kann nie wieder vergessen werden.

Jeden Tag gehen sie in das Werk und in den Pütt. Jeden Tag fördern sie Kohle oder stechen Hochöfen ab. Immerzu dröhnt das Geräuschorchester der Industrie in ihre Ohren und zermürbt ihre Körper. Jeden Tag schlagen die Flammen aus den Bessemerbirnen in die diesige, raucherfüllte Luft, brodelt die Glut des Martinofens, glüht die Kohle zu Koks. Jeden Tag brennt auch in dem Herzen der Proletarier das Feuer seiner Entrechtung, seines Betrogenseins, seiner Profitsklaverei. Bis die rote Glut eines Tages hervorbrechen wird. Sie wird überquellen wie ein unwiderstehlicher Lavastrom und die Profitwirtschaft mit ihrem Hunger und ihrer Knechtung umschmelzen zu einer besseren Welt, zu einer sinnvolleren, gerechteren Menschengemeinschaft.

Einst kommt der Tag, der über alle künstlichen Hindernisse hinweg den Zusammenschluß der Massen bringt. Der Tag muß kommen, denn immer aufs neue erweist sich die unausrottbare Lebenskraft der aufsteigenden Klasse, immer unvereinbarlicher werden ihre Organisationen und bewußten Ziele mit der Anarchie der kapitalistischen Produktions- und Lebensverhältnisse.

Einst ... kommt der Tag!

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