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Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
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So fast as Düöpm

Dortmund ... Das ist keine von den im amerikanischen Tempo aufgeblühten Industriestädten, sondern ein Gemeinwesen, dem man seine Jahrhunderte alte Geschichte und Tradition auf Schritt und Tritt anmerkt. Dortmund war seit dem Jahre 1220 eine freie Reichs- und Hansestadt, und seine Bedeutung als Sitz des westfälischen Femgerichtes mit dem berühmten Dortmunder Freistuhl reicht sogar noch weiter in die Vergangenheit zurück.

Diese Femgerichte, nachts und heimlich unter einer Linde von unkenntlich vermummten Richtern abgehalten, wahrten die Selbstjustiz der Roten Erde. Ein westfälischer Protest gegen das schlecht gehandhabte römische Recht im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation waren sie und ein Überbleibsel der alten germanischen Rechtsordnungen. Es ist noch gar nicht so lange her, daß die alte »Vehmlinde« als ein Wahrzeichen Dortmunds, wenn auch im Stamm verdorrt und von eisernen Bändern zusammengehalten, ihre dürren Äste mitten in der Stadt in die Luft reckte. Vor etwa zwei Jahrzehnten mußte der Opferstein und der historische Baum dem Bahnhofsneubau weichen. Einen Ableger von der Vehmlinde kann man heute noch, von getreuen Nachbildungen der alten Steinbänke des Femgerichts umstellt, im Volkspark von Dortmund sehen.

Am alten Dortmunder Rathaus, das aus dem dreizehnten Jahrhundert stammt, liest man in vergoldeten Buchstaben am schmiedeeisernen Tor: »So fast as Düöpm!« Das heißt soviel wie: So stehen wir da! oder: Uns kann keiner! Dieser Wahlspruch wurde im Mittelalter auch auf die Goldmünzen geprägt, die sich die freie Reichs- und Hansestadt selbst schlug, während ihre wohlbefestigten Mauern und Zinnen der Berennung und Belagerung durch die kriegerischen Heere des feindselig neidischen Erzbischofs von Köln trotzten. Schließlich steht, wenn auch nicht so deutlich leserlich, heute noch der gleiche Wahlspruch auf allem Geld, das in Dortmund und anderswo durch Unternehmerhände geht.

Überdies besaß Dortmund als wehrhafte Stadt damals sogar eine eigene Kriegsflotte. Einer ihrer Kommandanten war der Admiral Klepping, der, als er eines Tages vom Rat der Stadt den Auftrag bekam, den Holländern Waffendienste gegen die Engländer zu leisten, kurz und heldenhaft einen anderen Wahlspruch der Stadt zum besten gab: »Dat welt wi woll maken!« Der wackere Recke, nach dem eine Straße in Dortmund benannt ist, liefert heute noch dann und wann das Gesprächsthema stadtchronik-belesener, heimatstolzer Spießbürger am Stammtisch. Seine Forschheit haben sich Herren von der rationalisierten Ruhr-Industrie zum Vorbild genommen.

Immerhin ist es heute nicht mehr so, daß Köln mit Dortmund Krieg führt, und das kann einem in dem manchmal etwas wankend werdenden Glauben an die Menschheit bestärken. Gewisse kleine Fortschritte haben wir seit dem Mittelalter eben doch schon gemacht! In jedem alten Stadtarchiv kann man zur Kenntnis nehmen, in welchem Ausmaß noch vor hundert oder hundertfünfzig Jahren Deutschland das Schlachtfeld, das deutsche Volk der blutige Spielball für vielerlei fürstliche und kirchliche Geldsäcke war.

Das Dortmund von heute interessiert uns mehr.

Schon vom Zug aus sieht man die Riesensilhouette des Eisen- und Stahlwerkes Hoesch mit seinen gigantischen Hochöfen, Walzwerken und Gießereien. Dieser Betrieb schluckt eine Menge Menschen. Ein Drittel aller Dortmunder Metallarbeiter ist bei Hoesch beschäftigt.

Der Hoesch-Konzern ist auch ein Beweis dafür, wie schlecht den Arbeitern und wie gut den Unternehmern die Rationalisierung bekommen ist. In jener Zeit, in der der Rationalisierung genannte Unternehmervorstoß am energischsten betrieben wurde, von August 1925 bis Dezember 1926, hat man bei Hoesch eintausendneunundvierzig Arbeiter abgekämmt. Das waren 14½ Prozent der alten Belegschaft. Wo sind diese eintausendneunundvierzig Menschen mit ihren Familien geblieben? Da man auf anderen Werken ebenso rigoros vorging, gab es für die aus dem Produktionsprozeß Ausgestoßenen keine andere Zuflucht: sie mußten sich im Laufe der Jahre zu den Ausgesteuerten gesellen, die von Krisen- und Wohlfahrtsunterstützungen ein demütigend jämmerliches Hungerdasein fristen. Den Aktionären des Hoesch-Konzerns hat die Rationalisierung sicherlich besser behagt. Sie konnten aus den Geschäftsberichten ersehen, daß die Produktion, die im August 1925 achtundvierzigtausend Tonnen betragen hatte, im Dezember 1926 um fünfzehntausend Tonnen gesteigert worden war.

Aber die nach den neuesten Eingemeindungen an Flächeninhalt zweitgrößte Stadt Preußens hat noch ein zweites großes Eisenwerk, die Union, das den Vereinigten Stahlwerken zugehört. Und auch die Dortmunder Union hat es verstanden, bei der Rationalisierung tüchtig abzurahmen. Sie hat im gleichen Zeitraum und mit ähnlicher Energie wie Hoesch ihre Belegschaft um 9,6 Prozent verringert und dabei trotzdem eine Produktionssteigerung von 22,9 Prozent erzielt.

An manchen Arbeitern allerdings – ob es nun Rebellen oder Revolutionäre waren – biß sich das stählerne Räderwerk der Rationalisierung doch einige seiner Zähne aus. Bei Hoesch erzählte mir ein Arbeiter im Walzwerk eine illustrative kleine Geschichte. Einem Arbeiter wurde der ehrenvolle Auftrag erteilt, mit Kontrollbuch und Stoppuhr die Arbeitsgänge seiner Kollegen daraufhin zu kontrollieren, ob es auch wirklich Höchstleistungen waren. Eines Tages hatte er es dick. Er hämmerte die Stoppuhr auf einer Schiene so platt wie eine Briefmarke und schrieb ins Kontrollbuch: »Ich geh jetzt mit Höchstleistung scheißen.« Der Mann wurde zwar wegen Sachbeschädigung und ungebührlichen Benehmens entlassen, aber die Leitung des Werkes ging in Zukunft etwas sparsamer mit ihren Stoppuhren und Kontrollbüchern um.

Über dem Verwaltungsgebäude der Dortmunder Union prangt wieder ein Spruch: »Es lobt den Mann die Arbeit und die Tat!« So drückt die schrankenlose Ichsucht der Besitzenden ihren Glauben an die Männer von der starken Faust aus, die angeblich allein imstande sind, die Wirtschaft zu retten. Wenn Tausende, die zu Arbeit und Tat wohl fähig wären, verhungern müssen, das macht den Trägern des individualistischen Wirtschaftsgedankens nicht viel Kopfschmerzen: das ist dann die natürliche Auswahl der Anpassungsfähigsten und Brauchbarsten.

Und dieser Kampfgeist, der in den Direktionsburgen triumphiert, ist es auch, der das Stadtbild Dortmunds geformt hat: die Straßen und die Plätze, die muffigen Mietskasernen der Arbeiterviertel und die reizenden Villen zwischen blühendem Grün, die modernen, komfortablen Bürohäuser und die verschmutzten, ungesunden Baracken neben den großen Industriewerken. Die einstmals roten Backsteine sind durch die Abdämpfe der Hochöfen und Schornsteine grau und bröckelig geworden. Die säuregesättigte Luft hat den Mörtel zwischen den Bausteinen herausgefressen, und hier und dort reißen Bodensenkungen neue klaffende Risse ins Gemäuer. Da vierhundert Meter tiefer sich die Stollen und Querschläge der Zechen durch die Erde schlagen, sackt immer wieder das darüberliegende Erdreich durch, und es entstehen Verrutschungen, die die ohnedies baufälligen Häuser auf das schwerste gefährden.

Aber »das großzügige Vorwärtsdrängen der Stadt findet seinen Ausdruck in einer Fülle moderner Bauten, unter denen viele Hoch- und Turmhäuser im Entstehen sind«, wie der Werbeprospekt des städtischen Verkehrs- und Presseamtes Dortmunds sagt. Der gleiche Prospekt stellt auch die Frage: »Ist Ihnen übrigens bekannt, daß Dortmund herrliche Parks und buntschillernde Blütengärten hat? Alte Schlösser und efeuumrankte Wasserburgen verträumen ihr Dasein unter den Kronen grüner Bäume ...«

 

Man ist als gewissenhafter Schilderer, der sich in allen Ecken dieser Stadt umgesehen hat, versucht, diese Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten: »Ist Ihnen übrigens auch bekannt, daß Dortmund einen Kuhstall hat, in dem 67 Arbeiterfamilien wohnen?« Dieses langgestreckte, nicht unterkellerte Gebäude ist innen durch Holzverschläge abgeteilt wie eine riesige Hühnersteige. An den Seitenwänden streckt sich aus jedem Verschlag ein blechernes Schornsteinrohr in die Luft. Denn man kocht hier auf Kohlen, und jede Familie gruppiert sich um den eigenen goldeswerten Herd.

Eine weise und vorsorgliche Stadtverwaltung hat dafür gesorgt, daß es auch den Bewohnern der Elendsquartiere nicht langweilig zu werden braucht, wenn sie das Geld haben, sich zu amüsieren. Just am entgegengesetzten Ende der Stadt liegt die »Westfalenhalle«, der weltberühmte Monumentalbau, ein riesiges, überdachtes Amphitheater, mit breiten Glasfenstern, das 10 000 Personen faßt und für Boxkämpfe, Sechstagerennen, Hallensportfeste und Massenversammlungen bestimmt ist.

Heute Thälmann, morgen Hitler, einmal Reichsbanner, dann der Jungdo, so marschieren die Bünde und Parteien hier durch, wenn sie Generalmusterung ihrer Getreuen im Ruhrgebiet abhalten. Im Ring der Westfalenhalle war es auch, wo sich Deutschlands Box-Heros, Max Schmeling, seinen ersten europäischen Triumph: die Meisterschaft im Halbschwergewicht, holte.

Aber der Höhepunkt der Volksbelustigungen ist doch jedes Jahr wieder das Sechstagerennen. Da wird der Sport zum grandiosen Massenschauspiel wie bei den alten Römern. Die buntzusammengewürfelte Bevölkerung, die der Bergbau ins Ruhrgebiet zog, hat eben eine große Vorliebe für nervenaufpeitschende Vergnügungen. Ein Sechstagerennen in diesem brodelnden Schmelztiegel der Rassen trägt ein ganz anderes Gesicht als in anderen Städten. Hier wird ein Volksfest daraus.

Jede Sechstagenacht ist ausverkauft. Tausende stehen vor den Hallentoren und bekommen keinen Einlaß. Auf dem großen Parkplatz scheinen sich nicht nur sämtliche Automobilbesitzer des Ruhrgebiets, vom Bergwerksdirektor und Fabrikanten abwärts, ein Stelldichein gegeben zu haben; hier warten, neben mehr oder weniger luxuriösen Privatautomobilen und einem Heer von Autodroschken, auch ganze Kolonnen von Lastwagen und eine Legion Fahrräder. Aus den Bergarbeiterdörfern zwischen Emscher und Lippe und aus dem Tale der Ruhr rückt man gleich in ganzen Trupps und Horden an, eine wahre Völkerwanderung zum teuer bezahlten Rauschparadies einer durchfieberten Nacht.

Und betrittst du die Halle, wo dir der heiße Dunst von 10 000 Menschen entgegenschlägt, wo sich der Schweißgeruch schwerarbeitender Männer von der Galerie mit dem Parfüm der Damen aus den Logen unten zu einem eigenartigen Aroma mischt, wo erregte, brünstige, leidenschaftliche Schreie gegen die Riesenkuppel branden, dann merkst du, die Leute nehmen das ja ernst. Sie gehen mit. Es ist ihnen über alle Maßen wichtig, wer »siegt« oder »besiegt« wird.

Für den Berliner ist das Sechstagerennen ein Riesenzirkus, Akrobatik, ein witziges Abbild des Großstadttempos; hier ist es Herzenssache, der Traum eines arbeitsreichen Jahres und aller Opfer wert; ein tolles Ding, zusammengebraut aus rheinischem Karneval und westfälischer Schwerfälligkeit mit einem hitzigen Einschlag von polnischem Temperament, das die zugewanderten Hochofenarbeiter und Schlepper beisteuern.

Da hat zum Beispiel der Bergkamener Junggesellenklub mehrere übereinanderliegende Reihen Sitzplätze in einem Sektor des Zuschauerraums gepachtet. Die Mitglieder tragen bunte Mützchen und rufen im Sprechchor den Namen des Bergkamener Favoriten, der als Sklave des Pedals mit 25 anderen Sklaven sechs Tage und sechs Nächte lang die Riesenellipse der Holzbahn umrundet; einmal rechts tritt, einmal links, einmal rechts mit dem Kopf nickt, einmal links, immerzu, immerzu.

Wenn dann ein Spurt kommt, brüllt, schreit, johlt, pfeift, rollt und donnert es durch die Halle. Frauen kreischen und jaulen; aus kantigen, vom Taumel der Sechstagenacht berauschten Arbeitergesichtern spucken harte westfälische Flüche oder Zärtlichkeiten, je nachdem ob der Liebling versagt oder durchhält.

Um halb drei Uhr nachts erscheint auf der weißen Wand, auf der die ganze Nacht Reklametexte, Benachrichtigungen des Renngerichts und Mitteilungen aus dem Publikum flimmern, der Aufruf: »Die Dattelner sammeln sich nach der letzten Wertung im Goldsaal.« Dann weiß man, der goldene Saal ist das Restaurant in der Westfalenhalle, wo man essen, trinken und sogar zu den Klängen einer Tangokapelle tanzen kann. Und man weiß auch, Datteln, das ist ein Nest im Kreise Recklinghausen, trist, grau, öde, wo die Zeche Emscher-Lippe jeden Tag ein paar tausend Mann in die Tiefe schickt zum Kohlenhacken. Ein großer Teil dieser Belegschaft hat sich für eine Nacht vom Dienste des Profits in der Grube losgeeist, um dem Profit auf andere Weise zu dienen. Sie haben ein Lastautomobil gechartert und sind vor dem Rattern der Schüttelrutsche und dem nervenzerreißenden Geknatter der Abbauhämmer in das tolle Brausen der Sechstagenacht im Riesen-Bienenkorb der Westfalenhalle geflüchtet. Um sechs Uhr früh, wenn die Neutralisation des Rennens einsetzt, beginnt wieder ihre Schicht.

In den die Halle umsäumenden Wandelgängen stehen lange Büfette, die Ströme Dortmunder Bieres ausschenken. Der umhergewirbelte Staub macht die Kehlen trocken. Schreien macht hungrig. Wieviel Kilometer heiße Würstchen werden im Laufe eines Sechstagerennens geschlungen? Man ißt, trinkt, scherzt, kokettiert, während auf der Bahn die unermüdlichen Antriebsräder und Pedale surren.

Der Inhaber des großen Konfektionsgeschäftes auf der Hauptstraße stiftet zwischendurch für das siegreiche Paar eines Spurts zwei seidene Schlafanzüge, und im Innenraum schmeißt ein Enthusiast eine Lage für die Musik, damit sie das Westfalenlied spielt, weil Anton, Dortmunds Lokalmatador, soeben einen Spurt gegen eine Welt von Feinden gewonnen hat.

Im alten Rom stachen sich die Gladiatoren mit allerlei prunkvollem Gewaffne ab; hier strampeln die Sklaven über die blanken Bretter. Die Leistungen der Männer in bunten Trikots aber werden ebenso unbarmherzig gewogen wie die Waffentaten der Gladiatoren. Aber erst wenn es zu einem Sturz komme, wenn ein Knäuel verwirrter Menschenleiber zerschunden und blutend zwischen verbogenen Radspeichen liegt, erst dann geht jenes Aufstöhnen durch die Zehntausend, das wirklich Brunst und Rausch ist. Wie im alten Rom ist man auch heute nur dann richtig berauscht, wenn das Blut der Kämpfer fließt. Und dieser Rausch ist der Kitt, der in der Westfalenhalle Bergkumpel, Metallarbeiter, Gastwirte, Handwerksmeister, Schauspieler, Grubendirektoren, Polizeipräsidenten, Zuhälter, Bürgerfrauen, Backfische, Dirnen, Bürodamen, Verkäuferinnen zu jenem unvergeßlichen Kollektiv zusammenleimt, das eben nur in einer Nacht des Sechstagerennens in Dortmund Leben bekommen kann.

 

Der Westfalenhalle – die dem Volksvergnügen und jenen Veranstaltungen dient, bei denen die politischen Führer dem Volke Brot versprechen –, dem weißen Riesenrund gerade gegenüber, hat die wissenschaftliche Forschung ihre Stätte gefunden. Da steht das neue Arbeitsphysiologische Institut, über das aus unerfindlichen Gründen auch in der Republik ein Kaiser Wilhelm die Patronanz ausübt. Gleich neben diesem Institut steht die Pädagogische Akademie. Beides sehr komfortable, lichtdurchflutete Baulichkeiten, denen man Zweckmäßigkeit und gepflegte Sachlichkeit ihrer Inneneinrichtung schon von außen ansieht. Sie liegen geräumig und von allen Selten frei an einer breiten Avenue, die der Anfahrt der Automobile bei Veranstaltungen in der Westfalenhalle dient.

Hier draußen entsteht auf dem Vormarsch in die Natur ein modernes Wohnviertel mit Etagenblocks und typisierten Reihenkleinhäusern. Der Expansionstrieb der Stadt schuf sich ein Vorgelände, das bis an die Hügel des »Haarstrangs« heranreicht. In einem Tal hinter der Westfalenhalle, das von der trüben Emscher träge durchflossen wird, gibt's eine große Sportplatzanlage, die Kampfbahn »Rote Erde«. Von der Terrasse der Riesensporthalle aus genießen kaffeetrinkende Ausflügler an schönen Sommertagen den Anblick des Stadions unten im Tal, mit seinen Aschenbahnen für die Schnelläufer, den Tribünen für die Zuschauer bei Wettkämpfen, dem Sprungturm des Schwimmbassins.

Über ein Meer blühender Rosen schweift der Blick und wird durch eine baumbestandene Hügelkette (eben den Haarstrang) am Horizont festgehalten. Dort liegt auf einer Anhöhe das Dorf Brüninghausen, ein beliebtes Ausflugsziel für den Sonntag. Das gleichnamige Schloß, mitten in einen schönen Park eingebettet und wie eine Burg von einem Wassergraben umgeben, gehörte, bevor es in den Besitz der Stadt Dortmund überging, dem Adelsgeschlecht derer von Romberg. Die jeweiligen Chefs dieser im Münsterland auf einer großen Klitsche residierenden Familie gelten seit einem Jahrhundert als ganz besonders tolle Hühner. Ihre eulenspiegeligen Schnurren und Schwänke haben sich bis heute im Volksmunde erhalten und dem rheinischen Dichter Josef Winckler den Stoff für sein Buch »Der tolle Bomberg« geliefert.

Eine schöne Gegend hier draußen. Hier sollten die neuen Wohnviertel der Schaffenden erstehen, denn hier ist genügend Raum zu Besiedelung vorhanden. Die Arbeiterhäuser um die Fabriken herum zu bauen, hoch und eng, ohne Licht und Luft, das erschien der industriellen Produktion zweckmäßig. So hatte man die Arbeiter hübsch nah an der Stange. Eine neue Baugesinnung will mit den Wohnhöllen aufräumen. Und sie kann das, wenn die Fortschritte der Verkehrstechnik für die arbeitenden Menschen nutzbar gemacht werden.

Immerhin läßt sich trotz der düsteren Kontraste zwischen arm und reich heute schon nicht ableugnen, daß man in Dortmund von oben herunter manchmal auch großzügig ist, und daß für die Arbeiterschaft etwas getan wird. Kommt man aus dem vermickerten Norden und Nordosten der Stadt, wo die Arbeiterfamilien wie Ameisen durcheinanderwimmeln, in den Süden und Südosten, so fallen einem die Ansätze einer planvollen Stadtgestaltung doppelt angenehm auf. Das liegt daran, daß die Arbeitervertreter im Dortmunder Magistrat sehr weitgehenden Einfluß haben. Das Dortmunder Proletariat hat eine langjährige sozialistische Tradition, und diese Tradition hat sich mehr als einmal in der Nachkriegszeit im Stadtparlament Arbeitermehrheiten geschaffen.

Zwischen dem Proletariat und der herrschenden Großbourgeoisie schwabbelt auch in Dortmund der Brei des Kleinbürgertums, der von einem wichtigen Erzeugnis der alten Hansestadt immer wieder frisch angefeuchtet wird: dem Dortmunder Bier.

In den sechs Großbrauereien arbeiten annähernd zweiundeinhalb Tausend Arbeiter und Angestellte und produzieren jährlich so um die zwei Millionen Hektoliter Bier. Diese zweihundert Millionen Liter Bier werden natürlich nicht allein in Dortmund getrunken. Solch ein riesiger Dauerrausch ist ja gar nicht auszudenken! Der Dortmunder Gerstensaft ist ein Exportartikel. Man trinkt ihn in Berlin und Kairo, am Nordkap und in Kapstadt, in Schanghai und in Buenos Aires, im letzten pommerschen Dorf und in den Schweizer Bergen.

 

Allerdings soll damit nicht behauptet werden, daß die Dortmunder es nicht auch verstünden, ihren Humpen zu schwingen. Die halbverschlafene, halbstreitsüchtige Biergemütlichkeit der pfeifenverqualmten, muffigkühlen Kneipen, mit ihren blankgescheuerten Tischen, alten Stichen an den Wänden, zinnernen Kannen und Tellern auf dem Paneel, mit ihren vorwiegend männlichen Besuchern mit den harten, kantigen Schädeln, dem vierschrötigen Knochenbau der Westfalen und sanft gerundeten satten Bäuchen – diese staatserhaltende Biergemütlichkeit ist sogar sehr bestimmend für die Atmosphäre Dortmunds; einer Stadt, die nicht so sehr nach Industriestadt aussieht, sondern in vielen Teilen viel eher den Eindruck macht, als ob der Handelsgeist der Hanse sie noch durchpulse. Die Dortmunder Bürgerfrauen frequentieren fleißig die großen Kaffeehäuser und Konditoreien der City und beinahe ebenso fleißig die Kirchen. Die Hälfte der Bewohner ist katholisch, und ihr Katholizismus macht sich mit Prozessionen, Tagungen, vielen Kirchen, Gesellenhäusern, Jungfrauenbünden und Mysterienspielen recht bemerkbar.

Auch viel bäuerlicher Besuch und der Landadel kommt aus dem nahen Münsterlande nach Dortmund, um hier seine Einkäufe zu machen. Industrielle halten in den repräsentativen Hotels ihre Konferenzen ab und finden sich zum Abendschoppen im Industrieklub zusammen. Fortwährend tagen die großen Verbände aus Industrie und Handel in den Sälen jener »gutbürgerlichen« Etablissements, die teils der Stadt, teils den Großbrauereien gehören. Die Herren Beamten von der Justiz und der Verwaltung haben ihren Faß-Verein, eine gehobene Form des Stammtisches. Der vaterländische Frauenverein veranstaltet Wohltätigkeitsfeste mit Modenschauen, bei denen es nach Steinhäger riecht. Zu diesem Nationalgetränk muß man Pumpernickel und westfälischen Schinken verspeisen. Das alljährliche Pfeffer-Potthast-Essen der Vereine, Kegelklubs und Stammtische wird mit innerer Spannung und sakraler Weihe getätigt.

Wenn Dortmund heute auch keine Kriegsflotte mehr hat wie einstens, so würde Admiral Klepping doch seine helle Freude haben, wenn er wieder auf die Welt käme, denn jetzt liegt Dortmund am Wasser. Der Dortmund-Ems-Kanal wurde hier zum viertgrößten Binnenhafen Deutschlands ausgebaut. Sein Umschlagverkehr bewältigt an die vier Millionen Tonnen Güter im Jahr. Die Waren, die hier aus- und eingeladen werden, sind sehr mannigfaltig. Es werden von Dortmund aus via Emden Kohle und Eisen auf dem Wasserwege verfrachtet, und in umgekehrter Richtung schwedische Erze zur Verhüttung in den Hochöfen auf dem Kanal herangeschafft. Friedlich liegen die Schleppzüge an den Trossen der Schlepper und gleiten sanft dahin. Vom kriegerischen Geist der alten Hansestadt ist nach außen nichts mehr zu spüren. Er tobt sich in Klassenkämpfen aus. Ab und zu zischt eine Barkasse des Staatswasserschutzes durch das schmutzig-graue Wasser des Hafens. Auch die blau uniformierten Mannen dieser staatlichen Institution wahren den Geist Kleppings und sorgen für Ruhe und Ordnung unter der Devise: »Dat welt wi woll maken!«

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