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Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
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Grau in Grau

Wo konnte der Sozialismus füglicher eingreifen als bei der Familie? Dieses letzte Bollwerk des Gemeinschaftsgedankens muß vergesellschaftet werden. Entbindungshäuser, Säuglingshäuser, Erziehungshäuser, freie Schule und freie Liebe sind die Sprengstoffe, die der Sozialismus an den Bau der christlichen Familie legt. Wohin wird dieser Weg führen? Er wird die Gesellschaft in eine Summe genußsüchtiger egoistischer Vagabunden verwandeln, deren Nervenunruhe und Überreizung uns allzu viele Kandidaten für die Irrenhäuser schafft.

Domkapitular Prof. Dr. Thielemann in »Der Hammer«, Jugendschrift des Christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands.

 

Außer den wenigen Paradewerkswohnungen und Kolonien, mit denen die Industrie bei Besichtigungen protzt, um zu zeigen, daß sie sich auch um das Wohl der Arbeiter kümmert, gibt es in endlosen Reihen die unabsehbaren, trostlosen Mietshäuser der Arbeiterviertel. Allzu langsam entstehen die neuen Wohnviertel im Vorgelände der Städte. Die Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten und andere Heimstätten-Organisationen bemühen sich um gesunde Wohnungen außerhalb der luft- und sonnenlosen Fabrikstraßen; der Siedlungsverband für den Ruhrkohlenbezirk macht sich um den Bau von modernen Kleinwohnungen außerhalb der Stadtkerne verdient; leider fehlen allen diesen Strebungen ausreichende Mittel. Durch die paar tausend Wohnungen, die jährlich entstehen, wird die Frage von der Speisung der 5000 »Was soll das unter so viele?« leider nicht so befriedigend gelöst, wie das Jesu mit den Fischen und Broten gelang. Die Zahl der Familien im Ruhrbezirk, die dringend einer neuen Wohnung bedürfen, soll, niedrig geschätzt, an die 600 000 sein. Die Einwohnerzahl des Industriegebietes ist eben in den letzten fünfzig Jahren um das Fünffache gestiegen, wogegen sich die Einwohnerschaft Preußens in der gleichen Zeit knapp verdoppelte. Leider sind auch die Mieten in den neu entstehenden von den Bauvereinen errichteten Wohnvierteln, die die Stadtverwaltungen finanzieren, so hoch, daß kein Arbeiter sie erschwingen kann. Wer vermag einen ganzen Wochenlohn dreinzugeben, um einen Monat zu wohnen? Und so hausen die Kumpels und Metallproleten in den Städten immer noch in den verelendeten, verkommenden Etagehäusern mit den blinden Scheiben, vor denen vom Fabrikrauch grau verschmutzte Gardinenfragmente hängen. Gerade sie, denen nach der auspowernden Schicht im dunklen Stollen Wohnräume wohl zu gönnen wären, in die nicht nur Sonne, sondern auch der Ozon naheliegender Wälder freien Zutritt hat ...

Der Zuzug der Industriehungrigen aus Polen, aus dem Osten und aus anderen Agrargebieten Deutschlands ließ in den Gründerjahren jene Zechenkolonien entstehen, die heute noch, trotz allem, den Typ für stark Dreiviertel aller Arbeiterwohnungen im Ruhrbezirk darstellen. In diesen Kolonien, die von den Schachtgerüsten der Zechen drohend überschattet werden, sieht ein Haus wie das andere aus. Höchstens daß der Schweinestall im Hof, das kümmerliche Gärtchen und die kleine Holzbude mit der Tür, aus der ein Herz herausgeschnitten ist, ein wenig Abwechslung in das Ganze bringen.

Das einzige, was schmuck an diesen Wohnstätten ist, ist die recht oft frisch gescheuerte Steintreppe vor dem Haustor. Sie spielt hier die Rolle der Bank vor dem Bauernhaus. Hier sitzen in ihren Feierstunden die Bewohner und halten einen Plausch über ihre kleinen und großen Sorgen; über die Winterkartoffeln, die von der Zeche bezogen werden können, über die Qualität des Hausbrandes, das alte Deputatsrecht der Bergleute, und über das Kinderkriegen.

Die tiefschwarz glänzenden Augenlider verraten die Bergleute. Der hartnäckige Kohlenstaub zeichnet scharfe Konturen um die Augen. Frech nistet er sich überall ein; fährt der Kumpel nach dem Bad mit dem Kamm durch das Haar, sitzt er körnig auf den Zinken. Die Männer tragen ihre Werktagskleider; das sind die Anzüge, die man auf dem Weg zur Arbeit trägt, ausrangierter Sonntagsstaat mit Beulen an den Knien der vor Alter glänzenden Konfektionshosen, und spiegelige Röcke, an denen Nähte geplatzt sind. Die eigentliche Arbeitskluft, die Grubenschuhe, das braune Grubenhemd und die von der Kohle steif und speckig gewordene Arbeitshose, hängt an der Kette in der Waschkaue. An Wochentagen tragen die wenigsten Kragen und Schlips. Hier gilt es als schicker, die Makkohemden einzuschlagen, so daß die nackte Brust zu sehen ist. Sauber gewaschen ist sie noch von der Kaue her, sauber und glänzend wie die täglich mit warmem Wasser unter der Brause abgeschrubbten Gesichter.

Hin und her gehen die Worte der Menschen. Feierabendstimmung macht redselig. Du hast dich dazugesetzt und hörst ein bißchen zu. Einer erzählt, die andern nicken beifällig oder fallen ihm ins Wort. Das geht reihum, nicht in einem bestimmten Turnus, aber jeder hat was auf dem Herzen und will es loswerden.

»Ich und mein Kamerad Jupp«, fängt einer an, »wir haben wohl schon tausend Schichten miteinander verfahren, aber so 'nen fiesen Krach wie heute mit dem Steiger haben wir noch nicht gehabt. Ist ihm schlecht bekommen, dem zahmen Schleicher. Wollte uns die Nummern verhängen, hätt' uns beinah 'ne Schicht gekostet, weil wir wußten, da ist en Bruch, und unsere Knochen nicht drangeben wollten. Er hüpfte rum wie verrückt und schrie man immerzu: »Bleibt zu Hause, wenn ihr solche Bangehasen seid. Haut ab! Das soll en Bruch sein?! Da leg' ich mich noch acht Tage zum Schlafen runter!!« Und tut es uns gleich vor, der Tropf. Mit dem Schlafen ist's aber nichts geworden. En Knistern, en Krach, und der Brocken löst sich und fällt dem Kapitalsknecht ins Kreuz. Den Jammer hättet ihr hören sollen. Zu viert haben wir ihn dann rausgebuddelt, und jetzt liegt er im Bergmannsheil. Wird vielleicht lebenslang seinen Denkzettel haben.«

 

Die Zuhörer bleiben gleichmütig. Wer antreibt und die anderen ins Unglück hetzen will, darf nicht auf Mitleid rechnen, wenn ihm selbst etwas passiert. Wenn's trifft, denn trifft's; und meistens trifft es ja doch die, die mit dem Grubenlämpchen die Stollen bäuchlings durchkriechen und die Kohle hacken. Es gehört schon eine Portion Fatalismus dazu, Bergmann zu sein. Im Jahre 1928 hat jeder fünfte deutsche Bergmann einen schweren Unfall erlitten und jeder hundertste Kumpel hat den Unfallstod sterben müssen.

Aber nicht nur der Bergmann trägt sein Blut, seine geraden Knochen und sein ganzes lebendiges Leben mit der Ware Arbeitskraft zu Markt. Auch ein Metallarbeiter kommt zu Wort und weiß dem Fremden zu diesem Thema was zu erzählen.

»Ja, wenn unsereins mal nur en bißken schlapp macht, dann kann ihm das gleich Hals und Kragen kosten. Meinen kleinen Finger und die bessere Hälfte vom Ringfinger hab' ich auch an der Drehbank gelassen; aber was mein jüngerer Bruder war, das ist jetzt schon über ein Jahr her, und war ein so feiner Kerl, der Junge, zweiundzwanzig Jahre alt und immer offen (au fait) und immer voll Gedanken: Wir möchten auch mal leben wie ein Mensch, und was lernen, und die Schinderei nur für die andern wird mal ein End' haben und der Arbeitsmann wird sich besinnen und sich selber helfen, weil ihm die andern doch nicht helfen; nur weil die allermeisten schlafen und so feige Hunde sind, geht's damit nicht voran. Solche Gedanken machte sich der Junge immer.

Den ganzen Tag war mir schon so komisch im Betrieb. Der ganze Rummel und das Gekrach und Gesurre ging mir an dem Tag so komisch auf die Nieren. Na, an meiner Drehbank, da ging's um den Akkord. Da läßt man keenen Blick von der Zeichnung und hält sich dran, bis dann die Klingel gellt. Arbeitpause! Gott sei Dank! denkt man und stellt den verfluchten Schnurrkasten ab. Mein Bruder war Fräser im gleichen Betrieb. Mit einemal schickt er mir 'nen Jungen, ihm war so übel, ich sollte nach ihm sehen. Nur wußte ich, daß mit seine Braut irgend was nicht in Ordnung war, sie bekamen keine Wohnung, und was die Mutter von der Braut war, die wollte meinen Bruder nicht ins Haus nehmen, und bei uns da war auch alles knüppelhagelvoll und auch kein Plätzchen frei für das junge Glück. Also ich stauch' ihn zusamm' und sag' ihm, er könnt nicht so einfach blau machen, wo der Vater schon, wer weiß wie lang, ohne Arbeit, und wir haben ja auch noch Stücker vier jüngere Geschwister, und eines geht in die Handelsschule, und er soll keine Fisimatenten machen wegen seiner Martha. Und dann war die Pause auch schon rum. Aber so gegen 12 Uhr, da steht plötzlich der Werkmeister hinter mir und sagt: ›Kommen Sie, es ist ein Unglück passiert.‹ Wie ein Blitzschlag hat's mich durchruckt, und was ich in der Fräserei zu sehen kriegte, das war schaurig.

Auf dem nackten Boden lag der arme Junge, das Blut lief aus ihm raus wie aus der Wasserleitung. Ein Arm war ausgerissen, der andere gebrochen und die Beine ganz zerquetscht. Und guckt mich hilfeflehend an und wimmert ein bißchen. Keiner konnte helfen. Nicht mal ne Bahre war im Betrieb. Auf ein Brett mußten wir ihn legen. Er ist aber doch nicht einmal lebendig ins Krankenhaus gekommen.«

Auf der Treppe ist man plötzlich still und schweigsam geworden. »Ja, ja, so geht's! So stirbt der Arbeitsmann«, sagt eine junge Frau aus der Runde und starrt vor sich hin.

»Na, und wenn es einem nicht die Knochen zermalmt und das Fleisch vom Leibe reißt, so kostet es einem sonstwie die Gesundheit, daß man für die Herren Aktionäre das gute Leben verdienen darf. Hier, ich will euch mal was aus der Arbeiterzeitung vorlesen. Daß jeder Buchstabe davon wahr ist, kann ich bezeugen, denn ich war mit von der Partie, mit dem, der die Sache geschrieben hat; bloß daß ich mich nicht so ausdrücken kann. Also hört zu.«

Und ein junger Arbeiter, sehnig und mager, mit scharfen Zügen entfaltet ein zerknittertes Zeitungsblatt und beginnt zu lesen, erst eintönig und stockend, bis er sich in immer größere Erregung hineinsteigert. Alles hört aufmerksam zu und nickt nur hin und wieder bekräftigend.

»Eine heiße Nacht in einem Stahlwerk des Ruhrgebiets«, so lautet der Titel, und die Schilderung erschien auch uns zu lebenswahr, so eindrucksvoll und so aufschlußreich in all ihrer Kraßheit, daß ich sie beinahe wörtlich hier niederschreiben will.

»Verflucht! War das eine Nacht. Vor vier Tagen begann die Schinderei. Ein Martinofen war zusammengefallen, und wir, die Martinmaurer und Handlanger mußten den Ofen reparieren. Ein anderer Ofen war auch gerade in Reparatur, und die Walzwerke schrien nach Blöcken. Jetzt ging vorgestern abend auch noch dieser Ofen kaputt! Die Flamme hatte ein Loch ins Gewölbe gefressen. Ein Träger über dem Ofen fing schon an zu schmoren. Vorarbeiter, Meister und Obermeister liefen aufgeregt hin und her, und auch die Schmelzer rannten aufgeregt herum, als gehöre der Ofen ihnen. Der Obermeister sprang ans Telephon, und in einer halben Stunde waren Chef und Ingenieur zur Stelle. Es war schon abends 9 Uhr, aber hier war der Profit in Gefahr. Sie besahen sich das Loch, aus dem meterhoch die Flamme schlug. Und dann ein Befehl: die Charge muß fertig werden!

Der erste Schmelzer sprang an den Hebel, um Vollgas zu geben, denn die Charge war erst kurze Zeit im Ofen. Die Flamme, die aus dem Loch schlug, malte den Himmel blutrot, und der Träger schmorte; aber es waren 110 Tonnen Stahl im Ofen! In den Walzwerken knirschten die letzten Blöcke Stahl durch die Walzen. Die Telephone rasselten: Schickt Blöcke! Aber die Charge wollte nicht gar werden. Und von dem Träger schmorte Stück um Stück. Aber was soll das, 110 Tonnen Stahl waren im Ofen. Das heißt Profit! Dann wurde die erste Probe genommen: noch nicht fertig. Dann die zweite Probe: immer noch nicht. Endlich die dritte; die Charge war fertig. Der Träger über dem Ofen war durchgeschmort. Die Signalglocke am Ofen wurde in Bewegung gesetzt, sie läutete, als ob der Himmel am Einstürzen wäre. Der riesige Gießkran in der Halle setzte sich klirrend in Bewegung, packte mit seinen großen eisernen Armen eine Gießpfanne und fuhr damit vor die Abflußrinne am Ofen. Noch drei ohrenzerreißende Signale. Der Oberschmelzer reißt eine Kurbel herum. Die Motore beginnen zu arbeiten, und langsam neigt sich der Ofen zur Seite, und 110 Tonnen Stahl ergießen sich brodelnd und sprühend in die Gießpfanne. Dann wurden die fünf Türen des Ofens hochgezogen, damit der Ofen verkühle.

... Es war Feierabend.

Aber schnell verging die kurze Freizeit. Punkt 6 Uhr abends begann von neuem die Schufterei. Der Meister teilte die Leute ein. Alle Mann an den defekten Ofen. Und wir klapperten mit unsern Holzschuhen, die wir uns ins weiser Voraussicht statt der Lederschuhe angezogen hatten, zum Ofen. Wir nahmen unser Werkzeug, lange Stahlspitzen und schwere Vorhämmer, und kletterten auf das Gewölbe. Die Spitzen wurden in die Fugen gestemmt, dann hieß es dran biegen und rütteln und zerren, und Stück um Stück, Quadratmeter um Quadratmeter des Gewölbes kollerte in den Ofen, und jedesmal schlug uns eine Staub- und Hitzewolke ins Gesicht. Eine Stunde Arbeit, und 80 Quadratmeter Gewölbe lagen im Ofen.

Der ganze Ofen war noch unglaublich heiß. Die Bretter, die wir uns unter die Füße gelegt hatten, begannen zu brennen. Um 8 Uhr war eine halbe Stunde Pause. Das Brot wollte nicht schmecken. Nur der Kaffee wurde in großen Zügen getrunken. Und dann von neuem an die Arbeit. Die Vorderwand des Ofens mußte in dieser Nacht noch fallen; so hatte es der Obermeister bestellt. Die Alten nahmen die Spitzen, wir Jungen die Vorhämmer. Und tack, tack, tack, hallte es durch den Ofen. Die Funken sprühten, denn die Steine waren so festgebrannt wie Stahl. Der Schweiß rann von der Stirn, Hände und Füße schwollen an vor Hitze. Vor 16 Stunden waren noch über 3000 Grad Hitze in dem Ofen gewesen.

Dann kam die Mittagspause. Unmöglich, das trockene Brot durch die trockene Kehle zu würgen. Nur den Kaffee goß man in sich hinein, um den Brand zu löschen. Schnell warf man sich auf die harte Bank, um die Glieder, die einem wie zerschlagen waren, von sich zu strecken. Noch im Traum sah ich ein feuriges Loch, riesige Hämmer und dampfende Menschenleiber. Schnell waren die anderthalb Stunden herum, und wieder ging es in Staub und Hitze. Noch vier und eine halbe Stunde. Aber auch die vergingen. Das eintönige Tack-Tack-Tack, das zuletzt immer schwächer geworden war, klang mir noch weiter in den Ohren. Müde, zerschlagen, wie gerädert torkelte man zum Waschraum. Das Herz klopfte, als wollte es aus der Brust, das Blut siedete, und die trockenen Augen stierten in Leere. Unter der kalten Brause kühlte man etwas ab. Der Weg nach Hause wurde lang, denn die Füße versagten fast den Dienst. Schnell lag man im Bett. Wie das kühlte! Und wieder träumte ich von einem feurigen Loch, von riesigen Hämmern und glühenden Menschenleibern, und der Himmel über allen Zechen und Hütten begann sich rot zu malen.

Und mit dem Staub und Dreck, der sich in meine Haut einbrannte, ist auch eines in mir festgebrannt: ein brennender Haß, gegen jene, die uns zwingen, zehn Stunden am Tag solche Arbeit zu machen.«

»Wenigstens mal einer, der es so richtig sagen kann, was unsereiner durchzumachen hat«, und »Wenn das bloß schon alle die Betschwestern und Betbrüder einsehen täten, dann wären wir schon weiter«, so kommen die zustimmenden Worte aus der Runde.

 

Sich am heißen Ofen, in der heißen Form die Lungenschwindsucht holen, in die Fräsmaschine geraten, wenn einer mal dem Moloch, dem er jeden Tag acht oder zehn unermeßliche Stunden lang dient, mit ein wenig geringerer Hingabe und mit nicht ganz straff gespannten Nerven aufwartet, das alles ist höhere Gewalt. Wer kann dafür? Die Unternehmer doch sicherlich nicht!

Das Leben gilt den Richtern nur als unverletzlich, wenn es eine Bergmannsfrau im dritten Monat abtreibt und nicht in diese Jammerwelt hineinsetzen will.

Dabei ist der Kinderreichtum dieser Leute ohnedies erdrückend, und um so erdrückender, weil er wirklich und wahrhaftig ihr einziger Reichtum ist. In den Höfen, im Straßenstaub, auf den Treppen wimmeln, krabbeln, quarren, plantschen und kreischen diese kleinen Menschenwesen. Es ist dafür gesorgt, daß der Beruf des Bergmanns nicht ausstirbt! Trotzdem es eigentlich überflüssig ist, gerade darauf so über die Maßen viel Fürsorge zu verschwenden, denn es gibt erwachsene Bergmänner schon viel zu viele. Und was einmal aus all den kleinen Bergmannssprößlingen werden soll, das mag der Stahltrust wissen. Sogar dem mag aber manchmal Angst werden vor so reichlichem Rekrutenersatz für seine Erwerbslosen -Armee. Oder denkt er doch noch an eine andere Armee?

Es ist abendlich kühl geworden, und die Einladung, ein Glas Bier mitzutrinken, wird von so vielen Seiten und mit so aufrichtiger selbstverständlicher Gastlichkeit vorgebracht, daß man sie gerne annimmt.

Drei Generationen wohnen in dem Haus, das ursprünglich für eine gedacht war. Und das älteste Mädel der jüngsten Generation sieht so aus, als ob auch sie bald Frauenglück und Frauennot auf sich nehmen müßte. Die schmalen Kammern sind mit vielen Betten vollgeräumt, Schlafburschen hat man in dieser Familie keine, weil von den drei arbeitsfähigen Männern immerhin sogar zwei wirklich Arbeit haben. Es gibt aber auch Haushaltungen, in denen in den Betten umschichtig geschlafen wird. Wenn es mit den Wechselschichten der Männer gerade so paßt, ist sogar auch das noch für den Junggesellen heimeliger und bequemer, als das Hausen in den trostlosen nüchternen Ledigenheimen, die man hier bloß Bullenkloster nennt.

Im täglichen Nahkampf um die nackteste Lebensnotdurft hat das Proletariat noch keine Zeit gehabt, eigene Geschmackskultur zu entwickeln. Wo Ansätze zum Wohnkomfort zu sehen sind, streben sie nach der falschen, bürgerlichen Seite. Auch meine Gastgeber führen mich in ihr »gutes« Zimmer, mit dem Umbau-Sofa und dem Vertiko auf Abzahlung, in das Zimmer, das der Illusion eines bürgerlichen Wohlanstandes und der dazugehörigen bürgerlichen Lebenssicherheit dient und sonst kaum einem anderen Zweck.

Was hängt an den Wänden? Ein Bild von Vater Bebel und auf imitierter Ebenholzplatte Lenin, in Neusilber gestanzt, für zwölf Mark und Stottern. Man hat dem großlinigen Tatarenschädel dabei eine Kartoffelnase verpaßt. Dafür klebt Bebel handtellergroß in der Mitte eines Formats von Küchentischgröße. Rundherum ranken sich – wie sinnig – gepreßte Edelweiß, rote Fähnchen und der Spruch: »Nicht betteln, nicht bitten, nur mutig gestritten! Es kämpft sich nicht schlecht für Freiheit und Recht.«

Warum sollte der Arbeiter, der seine Führer liebt, sich ihre Porträts nicht an die Wand hängen? Obgleich es vielleicht besser wäre, wenn auch hier mit der Heroisierung von Autoritäten Schluß gemacht würde. Was dem einen sein Trotzki, ist dem andern sein Wilhelm eins oder zwo. Aber warum können es nicht eindrucksvoll klare Drucke sein? Nun, die Geschmacklosigkeit der Fabrikanten hält eben nur mit ihrer Geschäftstüchtigkeit Schritt, und alle diese Hausgreuel sind zu Tausenden und Tausenden vertrieben worden, genau so, wie der nicht minder geschmacklose Haussegen der von frommen Eltern erzogenen Frau, dem auch der anders orientierte Ehemann den Ehrenplatz nicht strittig machen mag oder kann.

Über einen zentimeterbreiten Riß, der von der Decke zum Estrich geht, kommt das Gespräch auf die Bergschäden. Der Grubenbetrieb unter Tag bringt immer wieder aufs neue die Fundamente der Häuser zum Rutschen oder Einsacken, so daß die Mauern auseinanderplatzen. Wird die Einsturzgefahr gar zu drohend und helfen auch abstützende Streben nicht mehr, das rissige Gemäuer zusammenzuhalten, dann verfügt die Polizei die Räumung. Die Zechen haften zwar für die entstehenden Bergschäden, aber davon hat nur der Hausbesitzer etwas; um die einzelnen Mieter kümmern sich weder die Zechen- noch die Hausherren. Aber selbst wenn es nicht ganz so schlimm kommt, machen klaffende Risse in den Mauern ein Heim nicht gerade gemütlicher und der Gesundheit zuträglicher. Eine Bergarbeiterfrau führt mich in ihre blitzblank sauber gehaltene Wohnung und zeigt mir in der Wand einen Riß, der bis ins Nebenhaus durchgeht und mit aller Sorgfalt nicht dicht gemacht werden kann, weil er bis in die Grundmauern reicht. Legionen von Wanzen benützen dies als Einfallstor, um von der Nachbarwohnung aus die Zimmer der reinlichen Hausfrau zu verseuchen.

Du kannst die Feststellung nicht für dich behalten, wie hart und bitter es sein muß, nach der Arbeit in Ruß und Schweiß, hunderte Meter unter der Erde, in den von Grubenherrn lieblos hingepflanzten, engen rissigen Löchern zu wohnen; da kommt auch endlich ein älterer Mann zu Wort, der schon öfters angesetzt hatte, seine Meinung zu äußern, und immer wieder gedrückt und bescheiden still schwieg, obgleich diese gedrückte Bescheidenheit eigentlich schlecht zu seiner kräftigen gedrungenen Statur und zu dem slawisch breitknochigen Gesicht mit gesträubtem Schnauzbart paßte.

»Lieber würde ich meine acht Stunden vor Kohle liegen«, sagt er, »da weiß man wenigstens, was man hat, und daß man was nütze ist.« Das Stempeln und die Krisenunterstützung und das erbärmliche Fechten bei der Wohlfahrt, wo sie dir die blutige Seele aus dem Leib fragen und dir kaum den Bettelpfennig hinschmeißen, der zum Verhungern zuviel und zum Leben zuwenig ist, das ist noch tausendmal bitterer. Kohle brauchen alle, ohne Kohle dreht sich kein Rad und brennt kein Licht. Die Kohle hat's in sich. Wenn du 'nen richtigen fetten Brocken abdrückst, hast du doch deine Freude dran. Wie ich das letztemal einfuhr, ist mir so windelweich vor Abschied geworden, als ob ich mein eigen Grund und Boden lassen sollte. Aber sie haben ja jetzt alle so neue Maschinen unten; Schrämmmaschinen und Preßluftbohrer und Abbauhämmer. Da kann der Bergmann mit seiner Keilhau nach Hause schleichen, und wenn er mit seinen fünfunddreißig oder vierzig Jahren auch noch so gutes Schmalz in den Knochen hat. Denn der Mensch, der sich schinden muß, daß ihm die Schwarte platzt, ist doch nicht mehr als ein Nümmerchen in der Liste vom Lohnbuchhalter.

Sicher ist das Schuften nicht lecker, so im Pfeiler, wenn man auf dem Bauch oder auf der Seite liegt, und das Teufelszeug von Maschinenkram macht einen Krach, ein Gebullere und Gekreisch und Geratter, daß dir jeder Vertell mit den Kameraden von selber abgeschnitten wird und du erst gar nicht auf den Steiger wartest, daß er dir was von den Herren aus der Verwaltung vorkürt, wo du dir sowieso kaum zum Dubbeln Zeit läßt. Das Fördersoll ist eben eine harte Nuß, und du hast keine Lust, dir deine paar sauren Groschen noch für Strafen flötengehen zu lassen. Aber lieber Kohlenstaub schlucken und rackern, als den ganzen Tag so rumlungern, daß du dir selbst vorkommst wie tauber Stein. Wenn du deine Schicht abgerissen hast, und du hast es geschafft und kannst wieder in den Korb steigen, da wird dir ganz wohl und warm. Eng ist's zwar im Korb, aber das ist eine andere Einigkeit als in den Stempelbüros, wo du unter lauter Elend eingequetscht wirst. Und wenn du in der Waschkau unter der warmen Brause stehst und ein Kamerad rubbelt dir den Buckel ab, und dann läßt du die Kette runter und nimmst deine Klamotten vom Haken, ziehst dich an und haust ab mitsamt deiner leeren Kaffee-Töte, das ist schöner und schmeckt dir besser als das Herumsitzen und Herumstehen um das lumpige Stempelgeld.«

»Und wegen Wohnen haben Sie gesagt, und daß es hier nicht so schön ist wie in dem Herrn Zechendirektor seiner Villa«, wandte sich der abgebaute Bergmann, der sich ganz in Hitze geredet hatte, an mich. »Da sollten Sie mal sehen, wie die Leute wohnen, die ihre Miete nicht mehr aufbringen können und die man auf die Straße setzt. Ja, buchstäblich auf die Straße setzt! Und wie die sich dann in Erdlöchern einnisten oder in einem Keller von einem Haus mit Bergschaden, oder wie sie ihre Betten auf dem Trottoir aufschlagen, als wär's noch eine Stube; und Wind und Wetter machen ihnen ihre elenden paar Plünnen kaputt, und die Arbeiterzeitungen müssen oft den Behörden erst die Nase draufstoßen, daß für die Leute was geschehen muß. Und was ist's, was dann für sie geschieht? Sie kommen ins Barackenlager. Und das sehen Sie sich am besten morgen bei Tage selbst mal an, sonst glauben Sie mir doch nicht, daß es so was gibt.«

Und so tat ich denn auch am nächsten Morgen.

Es war gleich eine ganze Barackenstadt, in die ich da kam. Möglich, daß die Barackenlager anderer Ruhrstädte nicht so umfangreich sind, aber ähnlich sehen sie einander alle. Während der glorreichen Zeit des Stahlbades hatte man Kriegsgefangene, die man der Gratis-Mitarbeit an der deutschen Industrie für würdig hielt, in diesen Holzställen gehalten. Als dann die Ruhrbesetzung kam, wurden die braven Poilus des Herrn Poincare hier einquartiert. Der Barackenkomplex wurde richtig kriegerisch zurechtgemacht mit Drahtverhau und Schilderhäusern um das einfache mannshohe Brettertor herum, vor dem die Jungens in der horizontblauen Uniform mit ihren Stahlhelmen, die gegen die reckenhaft dräuende deutsche Stahlhelmzier immer noch flott und elegant wirken, bajonettaufgepflanzt Wache schoben.

Nun sind die Uniformträger längst wieder burgundische Weinbauern oder normannische Fischer geworden, aber ihre Drahtverhaue sind in Benützung geblieben, als müßte man die Menschen, für die die Erde keinen Platz und kein Brot hat, auch schon gleich für alle Augen sichtbar von den andern abtrennen, denen das Leben erlaubt ist.

 

In Frankreich deportiert man Schwerverbrecher in die Hölle von Guyana. Hier ist das Guyana für die erwerbslosen und darum zahlungsunfähigen Mieter. Da Erwerbslosigkeit im Ruhrgebiet für Zehntausende ein unausweichliches, unwiderrufliches Fatum ist, hat jede Stadt ihre Teufelsinsel, und alle diese Marterstätten sind dicht bevölkert. Ja, man muß sogar noch Miete zahlen, um zugelassen zu werden.

Schon in den Gängen umfängt einen der undefinierbare Gestank, der treue Begleiter der Not. Er legt sich ätzend und hart auf die Brust und erschwert das Atmen. Es sind die Ausdünstungen von über hundert Menschen, die da in einem Bretterkäfig zusammengepfercht sind, Säuglinge und Greise und Kranke und Wöchnerinnen. Ein Koksofen verbreitet übelriechende Wärme, die die Luft spröde und trocken macht. Männer rauchen aus kurzen Mutzpfeifen einen Tabak durchaus unedlen Wachstums. Frauen, mit verhärmten, scharfen Zügen und ins Bittere verzogenen Mundwinkeln, starren wie somnambul ins Leere. Was bleibt einem noch zu hoffen übrig nach jahrelangem Wohnen in einem Raum, der aus der Baracke mit Militärschranken abgeteilt wurde, ohne Fenster, ohne direktes Tageslicht, ohne frische Luft? Dennoch gibt es selbst unter diesen Ärmsten der Armen, die die grausamste Not hier zusammensperrte, noch beneidete Glückliche: jene, die eine Wohnecke am Fenster haben.

Die aus Brettern ineinandergefügten Wände haben Astlöcher, fingerhutgroß oder größer; solche Löcher gibt es viele an den Wänden. In ihnen wimmelt dunkelrotbraunes Leben – unzählbare Wanzen! Die einzigen Genießer in diesen Räumen. Auch an kleinen und kleinsten Kindern herrscht Überfluß. Der Zeugungstrieb des Menschen ist wohl auch dann noch stark, wenn die Lebensbedingungen nicht mehr menschlich sind. Was will Moral, Vernunft, Wohlanstand, wenn als letzte Daseinsfreude nur allein der Geschlechtsgenuß übrigbleibt? Wer ist pharisäisch genug, von diesen Menschen, denen alle Menschenrechte genommen sind, Maß, Beherrschung, Überlegung zu erwarten? Der Mensch läßt sich in stumpfer Gleichgültigkeit weitertreiben, wenn ihm kein besseres Blickfeld bleibt. Was hinterher kommt, ist Gebären in grauenvoller Not, hinter einem schmutzigen, durchlöcherten Vorhang, in Pestluft, inmitten schweratmender Menschen, die durch die Schreie der sich in Wehen windenden Mütter aus dem Schlaf geweckt werden, ist ein kleiner Sarg, oder ein neues kleines Menschenwesen, für das kein Brot und kein Raum da ist.

Den Kindern, die hier aufwachsen, bleibt keine Qual und kein Schmutz mitleidig verhüllt. Kein Bettchen ist ihr eigen. Auf Bänken und Kisten bereitet man ihnen allabendlich das Lager. Sie wissen, was das Leben für sie in Bereitschaft hat. Wundert man sich, daß zwischen verzweifelnden Erwachsenen und in so hoffnungslosem Elend Menschen heranwachsen, die für jede Art menschliche Gesellschaft zur Gefahr zu werden drohen?

 

»Hier entsteht ein neues Deutschland«, sagen die Leute gerne, wenn sie vom Ruhrgebiet sprechen. Denken sie dabei auch an die Barackenstädte, die wie ein Überbleibsel aus dem Dreißigjährigen Krieg anmuten und allein genügen würden, um unserer ganzen heutigen Kultur und Wirtschaftsordnung, allen Religionsgemeinschaften und allen Kunstinstituten die Daseinsberechtigung abzusprechen?

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