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Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
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Die Seelenbewirtschaftung der Industrie

Die Expropriateure geben Geld für Institutionen aus, die ihnen keinerlei unmittelbaren realen Profit abwerfen, für Institutionen, die sich lediglich mit der Psyche, man möchte fast sagen: mit der Stimmung der Expropriierten befassen. Sind die Leute plötzlich Arbeiterfreunde geworden? Früher war es doch immer so gewesen, daß nicht der Mensch, sondern nur der Mehrwert, den er produzierte, einer Beachtung gewürdigt wurde. Das bißchen verbleibende Seele konnte man getrost den Schulmeistern, Priestern und anderen Erzeugern von Fetischen überlassen. Ein Industrieller braucht sich doch um dergleichen nicht zu kümmern.

Heute ist es damit anders geworden. Der Klassenfeind hat das heraufdämmernde Klassenbewußtsein als respektable Gefahr visiert. Er hat erkannt, daß schon heute seine Position zu schwach ist, um sich mit Gewalt und brutaler Macht allein halten zu lassen. Er hat bemerkt, daß die alten Verneblungsapparate aufgefrischt werden müssen. Er greift zu neuen Listen und Künsten.

Das Dinta wurde im Mai 1925 auf Anregung Dr. Vöglers in Bonn gegründet und konnte bereits ein Jahr darauf in Düsseldorf ein eigenes, neuerbautes Haus beziehen. Der sonst so oft betonte Zwang zur Sparsamkeit scheint für das Dinta nicht zu bestehen. Auch um seine Rentabilität macht sich kein Mensch Sorgen.

Von Unternehmerseite wird sehr bescheiden zugegeben, daß Dinta-Arbeit nur selten zahlenmäßig zu erfassen sei, daß aber doch die Schaffung von 100 Lehrbetrieben und 80 Werkzeitungen mit rund einer halben Millionen Auflage sichtbare Erfolge wären.

Wie ist das aber? Werkzeitungen werden doch gratis abgegeben, und Lehrbetriebe bringen auch nichts ein!?

Das Dinta (Deutsches Institut für technische Arbeitsschulung) ist das Mutterhaus eines ganz neuartigen Ordens; die sichtbare pädagogische Spitze jener Strebungen deutscher Industriellen, die auch den Radau-Faschismus auf der Straße finanzieren. Bei näherem Zusehen wird sich leicht erkennen lassen, daß alle ihre Kulturtaten untereinander blutsverwandt sind!

Was von dem Arbeitsplan des Dinta öffentlich bekannt gegeben wird, hört sich so an:

Durchführung der Menschenökonomie in Industrie und Bergbau. – Werbung und Beratung auf diesem Gebiet. – Praktische Ausführung der erforderlichen Einrichtungen in den Betrieben sowie deren sachgemäße Überwachung und Ausbau. – Heranbildung von Führern und Unterführern für die praktische Durchführung dieser Aufgaben. – Theoretische Zusammenfassung der Ergebnisse der soziologischen und psychologischen Arbeit des Instituts.

Die »Menschenökonomie in Industrie und Bergbau« ist also durchaus das Schlagwort, das den springenden Punkt der ganzen Sache umschreibt.

Was nun tut das Dinta »zur Durchführung der Menschenökonomie in Industrie und Bergbau«, welche sind die praktischen Aufgaben, die es sich stellt?

Bis jetzt hat das Institut seine Tätigkeit auf dem Gebiet der Menschenökonomie in folgende Arbeitsfelder zerlegt:

Psychotechnische Auswahl, Eingruppierung von Arbeitern und Beamten, Heranbildung von Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern in Lehrwerkstätten, Werk- und Industrieschulen, sowie Ertüchtigung der Jugend durch Turnen, Sport und Jugendpflege, Praktische Schulung von Arbeitern in Anlernwerkstätten, Systematische Hinleitung zum wirtschaftlichen Denken und zur Werksgemeinschaft durch Werkzeitungen, Erziehung der weiblichen Angehörigen der Werkmitglieder zur hauswirtschaftlichen Tüchtigkeit durch Haushaltungsschulen, Zusammenfassung aller Bestrebungen auf dem Gebiete der Unfallbekämpfung in den Betrieben.

Ist es nicht wirklich ganz interessant, sich die Durchführung dieser verschiedenen Aufgaben einmal näher anzusehen?

Als erstes die psychotechnische Auswahl!

Alle psychotechnischen Eignungsprüfungen, wie sie Staat und Unternehmer heute anwenden, sind durchaus ungeeignet, wirkliche selbständige Fähigkeiten und Begabungen auszufinden. Jene Begabungen, die eine einfache Organgeschicklichkeit übersteigen, sind auch durchaus nicht gefragt. Anpassungsfähigkeit, ja, das ist die gesuchteste Fähigkeit, und auch Fixigkeit wird geschätzt. Denn: »die Auslese ist die große Waffe gegen den Marxismus«, wie Professor Horneffer in einem Vortrag vor den Dinta-Ingenieuren dozierte, wobei sich die Gesichtspunkte dieser Auslese aus der Angst vor selbständig denkenden, unbotmäßiggründlichen Menschen-Exemplaren von selbst ergeben.

Die jungen wendigen Kräfte sollen erfaßt und systematisch geschult werden. Nicht nur in ihren Leistungen, auch in ihrer Gesinnung. Der Arbeiternachwuchs wird nicht mehr als dumpfe, träge Masse angesehen, an der man völlig uninteressiert ist. Das war früher einmal so. Jetzt erforscht man die Psyche des Lehrlings, und der Dinta-Stab von Organisations- und Ausbildungs-Ingenieuren wendet die besten Finten seiner Pädagogik an ihn. So sind neben den Werkzeitungen die Lehrlingswerkstätten jene Arbeitsgebiete des Dinta, die in ihrer praktischen Verwirklichung am weitesten vorwärtsgeschritten sind. Sie sind auch dem Führer und Praktiker des Dinta, dem Oberingenieur Arnhold, besonders ans Herz gewachsen.

Arnhold ist der erste Wirtschaftspädagoge der Schwerindustrie. Schon von der Volksschule fordert er, daß sie »positive Einstellung zur Handarbeit, sowohl praktisch wie seelisch und eine bejahende Einstellung zu der Gesamtwirtschaft« vermittle. Die Ethik, mit der schon der Volksschüler geimpft werden soll, wünscht sich Arnhold als »Verankerung der Grundlage sittlichen Empfindens durch Erweckung von Sinn für Pflichtgefühl, Ehrlichkeit, Berufsstolz. Bei allem Persönlichkeitsideal muß oberster Grundsatz Gefühl für Ordnung und Einordnung in das Gesamte bleiben«. Um die Volksschule instand zu setzen, diese hohen Ideale der Volksbildung zu erreichen, muß, nach Arnhold, »die Lehrer-Ausbildung verbessert werden, weniger in bezug auf Hochschulstudium, vielmehr mit dem Ziel des Hineinwachsens in die Wirtschaft und in die Gesellschaftkreise der Ingenieure und Betriebsführer«.

Wenn schon an die Volksschule solch »hohe« Anforderungen gestellt werden, wie werden dann erst die Lehrlingswerkstätten aussehen, in denen man ganz allein Herr und Richtungsgeber ist? Selbstverständlich gibt sich die Dinta-Pädagogik mit der Auslese allein nicht zufrieden. So leicht wird es heutzutage den armen Unternehmern in dem schweren Klassenkampf nicht mehr gemacht. Man hört Professor Horneffer und die, die seines Geistes sind, heimlich seufzen und fluchen, wenn er also fortfährt: »Was bei den erwachsenen Arbeitern ergebnislose Mühe ist, hat bei den jungen Arbeitern in den Lehrwerkstätten Aussicht auf Erfolg. Die erwachsenen Arbeiter unterstehen zu sehr und zu lange den rebellierenden Einflüssen ihrer Klassenvertretungen und der Ideologie des Marxismus ...«

Darum also gilt die große Liebe den Lehrlingen und den jungen Arbeitern, und darum hat das Dinta für sie Lehrwerkstätten und Anlernwerkstätten eingerichtet.

Diese moderne Lehrlingserziehung ist etwas grundlegend anderes; als Lehrlingserziehung noch vor 10 Jahren gewesen war. Aus dem Prügelknaben für die älteren Arbeiter ist heute der Lehrling zu einem Gleichen unter Gleichen avanciert. Ingenieure und verschiedene Meister beschäftigen sich mit ihm. Er wird mit wohlüberlegter Pädagogik und Psychologie angepackt. Sein Ehrgeiz wird geweckt. Gerade ihn brauche die deutsche Wirtschaft, um wieder hochzukommen. Er besucht Bastelkurse (um ein wohlfeiler »Erfinder« zu werden). Er wird nach erprobtem (militärischem) System körperlich ertüchtigt. Er ist Mitglied eines Turn- und Spielvereins, der natürlich der nationalistischen »Deutschen Turnerschaft« angegliedert ist. Er geht in Theater und Konzerte, erhält auf Wunsch Musikunterricht (die Entwicklung des rhythmischen Gefühls erhöht die Muskelleistungen), und er denkt natürlich nicht daran, sich gewerkschaftlich oder politisch zu organisieren, obwohl das nicht verboten ist (denn so dumm ist man selbstverständlich nicht!). Warum soll man dem Lehrling etwas verbieten, wozu er ohnedies keine Zeit hat. Dafür übernimmt der Vater oder Erziehungsberechtigte mit Unterzeichnung des Lehrvertrages die Verpflichtung, »den Lehrling anzuhalten, die von dem Leiter des Ausbildungswesens für Lehrlinge im Interesse der geistigen und körperlichen Ertüchtigung des Berg- und Hüttenlehrlings angesetzten Veranstaltungen an den verschiedenen Abenden der Woche regelmäßig zu besuchen.«

Und wenn der Vater oder Erziehungsberechtigte nicht richtig funktioniert, nun, da hat man einen Paragraphen im Lehrvertrag, der lautet: »Der gesetzliche Vertreter erklärt sich damit einverstanden, sein Erziehungsrecht auf die mit der Ausbildung des Lehrlings betrauten Personen zu übertragen.«

Und wer sind diese Führer und Unterführer für die praktische Durchführung der wirtschaftsfriedlichen Menschenökonomie in Industrie und Bergbau, und unter welchen Bedingungen arbeiten sie bei den von dem Dinta »erfaßten« Betrieben? Die Dinta-Ingenieure und Dinta-Werkmeister, die die Pläne des Dinta in den ihm zugeteilten Werken und Industriezweigen durchzuführen haben, werden zwar von den Werken bezahlt, dem Dinta bleibt jedoch das Recht der Versetzung und Abberufung, ihr Generalissimus also bleibt Arnhold, ihre oberste Instanz das Dinta.

Die Unternehmer verstehen zu zentralisieren und zu organisieren! Sie verstehen es, gewonnene Erkenntnisse von oben her aufzuzwingen, damit keiner aus der Reihe tanzt.

Und sie denken an alle, die sie auszubeuten haben, nicht etwa nur an die Lehrlinge, nein, auch an den Arbeiter selbst, an seine Frau, seine Kinder und sogar an die Greise.

Für den Arbeiter, natürlich nur solange er noch jung ist und es sich lohnt, in ihm Kapital zu investieren, gibt es die Anlernwerkstätten.

Der ständige Prozeß der Veränderung in der Industrie, die immer weiter fortschreitende Vervollkommnung der Produktionsmethoden, das verlangt andere Arbeiter als in früheren Jahrzehnten, wo der geistig unbewegliche, abgestumpfte, nur zu wenigen rein mechanischen Handgriffen fähige Fabrikarbeiter niedrigster Ausbildung genügte. Die Rationalisierung stellt heute an den Arbeiter die höchsten Anforderungen; er wird ausgepumpt und ausgebeutet wie noch nie zuvor. »Die Praxis hat gelehrt, daß mit der Einführung der Maschinen in unseren deutschen Betrieben nur dann ein wirtschaftlicher Vorteil verbunden ist, wenn der Arbeiter Herr der Maschinen und Steuermann des Mechanismus bleibt« ...

»Auch die Rationalisierung, insbesondere wie sie in Deutschland betrieben wird, fordert gebieterisch den geschulten Arbeiter. In einer Wirtschaft, die sinnvoll geleitet wird, in der kein Griff und kein Schritt umsonst getan werden soll, in der man versucht, einen Leerlauf zu unterbinden und die Verlustquellen zu verstopfen, braucht man sachkundige und denkende Menschen.« (C. Arnhold und F. Senft, Arbeitsschulung. »Dinta« Heft 3, 1930.)

Man braucht heute keine nur Schmiede oder Dreher oder Fräser mehr, man braucht den industriellen Metallarbeiter, der Einblick in mehrere industrielle Produktionsvorgänge hat. Selbst zum Beruf des Kohlenhauers ist heutzutage eine so gründliche theoretische Vorbildung vonnöten, daß die Kumpel für ihre Anlernwerkstätten den netten Namen »Pannschüppen-Akademie« erfunden haben.

Die Heranbildung dieser der heutigen Industrie unentbehrlichen Arbeiter-Aristokratie, die den ganzen Produktionsprozeß durchschaut und nicht nur ein simples Rädchen an der Maschine ist, hat zweifellos ihre großen Gefahren für die Unternehmer. Und so sind die Anlernwerkstätten des Dinta nicht nur dazu da, »vielseitige Arbeitskräfte zu erziehen, die sich reibungslos an veränderte technische Verhältnisse anpassen können und den Herstellungsprozeß technisch begreifen«, sondern ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Arbeiter den »Herstellungsprozeß auch wirtschaftlich begreifen zu lassen«, um ihn anzuspornen, »an ihm hochwertig mitzuwirken«. »In letzter Stunde sind wir daran gegangen, diesen wichtigsten Faktor, der die Hemmungen in der Produktion hervorgebracht hat, den Menschen zu bewirtschaften, in ihm Triebkräfte mobil zu machen, die sich ebenfalls wirtschaftlich auswirken sollen. Das Kernproblem heißt: Verbesserung und Verbilligung der Produktion.« (Arnhold.) Auf deutsch: Man will den Arbeiter dahin bringen, daß er freiwillig den Profit seines Ausbeuters vergrößert, ohne auch nur mit einem Pfennig an seiner gesteigerten Leistung beteiligt zu sein.

Weil gerade der vielseitig ausgebildete, geistig geweckte Arbeiter einen besonders gefährlichen Klassenkämpfer abgeben würde, muß ihm mit jeder Dosis technischer Ausbildung die entsprechende Dosis Dinta-Gift gereicht werden. Der wirtschaftsfriedliche gelbe Vorhang soll ihm seine Klassenlage verhängen. Die faschistischen Dinta-Phrasen sollen ihn blind machen dafür, daß auch für die höherwertige Ware Arbeitskraft kein höherer Preis bezahlt, daß auch die geistige Beweglichkeit und das geschulte Fachwissen des Arbeiters nur zur Erhöhung der Profitrate, zur Verschärfung der Ausbeutung benützt wird. Das Dinta will zu Werkfrieden und Arbeitsfreudigkeit erziehen!

Wie träumt Dr. Vögler? »Wenn es gelingen sollte, der Arbeit wieder den Wert zu geben, den sie haben muß, um zu einem Teil der Freude am Leben zu werden, dann wäre viel gewonnen.« Aber ehe es wieder so schön wird in diesem irdischen Jammertal, ist nötig: »der Kampf gegen die falschen Propheten, die sich nur darin austoben, den Menschen die Freude an der Arbeit zu nehmen und sie zum Fluch des Lebens herunterzudrücken«.

Und derselbe Dr. Vögler rechnet der deutschen Industrie vor, »daß das Unternehmertum in der Arbeiterfrage festgelaufen sei«, denn sonst würde es etwas dagegen tun, daß die große Masse der Arbeiter dem Werk und dem Prozeß im Werk fremd, selbst feindlich gegenübersteht. Für solche Schwierigkeiten, in denen man festgefahren ist, hat man sein Dinta, das aus dem Munde eines seiner Theoretiker, Professor Dunkmann, lehrt: »Es muß alles ferngehalten werden, was die Masse unnötig reizt, jede unsachliche Haltung, jede unnötige Verbitterung muß vermieden werden.« So werden »die nicht organisierten Elemente nutzbar, willig und dienstbar gemacht«, denn »die organisierte Masse« taugt nicht gut, von Seiten der Unternehmer »zu einem Objekt des Vorstoßes oder Angriffs gemacht zu werden«.

Natürlich stoßen die guten pädagogischen Lehren des Dinta: wie man durch die Kunst der Menschenbehandlung unbilliger Lohnforderungen vorbeugt, wie man das Zugehörigkeitsgefühl des Arbeiters zu »seinem« Betrieb weckt, um ihn für die Ausbeutung gefügiger zu machen, alle diese Psychologie, die den Vorteil der Wohlfeilheit hat, durchaus nicht auf taube Unternehmer-Ohren. Im Krupp-Betrieb zum Beispiel hat man auf alle überflüssigen Titulaturen verzichtet. Der allgewaltige Herr von Bohlen ist kein Herr Generaldirektor, sondern ein schlichter Herr von Bohlen. So kann ihn jeder Arbeiter ansprechen. Kein Direktor ist ein Herr Direktor, sondern ein einfacher Herr Müller oder Herr Schultze, der die Arbeiter mit einem freundlichen Wort und einem vertraulichen Gruß ölt. Ein billiges und in vielen Fällen wirksames Mittel gegen das Klassenbewußtsein.

Natürlich hat das Dinta auch seine praktischen Rezepte zur Aufrechterhaltung und Vertiefung »der deutlichen sozialen Kerbe« zwischen Arbeitern und Angestellten, die den Unternehmern so nützlich ist. Das »Standesgefühl« der Stehkragenproletarier, ihr »Zusammenhalt, ihr Sichabschließen gegen hinabziehende Einflüsse«, lauter preiswerte und bei Sklavenhaltern und Anpeitschern für den Unternehmer profitbringende Fetische müssen herhalten, und, soweit sie nach dem Krieg gelitten haben, renoviert werden.

Sozialsekretär Windschuh empfiehlt in seinem vom Dinta-Geist getragenen Werk »Praktische Werkspolitik«, was die Beamten und kleinen Angestellten angeht: »Wohlfahrtseinrichtungen, insbesondere ein etwa vorhandenes Kasino, das Vereinswesen u. a. in den Dienst dieser Tendenz zu stellen.« »Gerade das Vereinsleben, Gesang-, Kegel-, Sport-, Schach-, Theater-, Bildungsvereine usw.« hält Windschuh für besonders geeignet »zur Bindung an den Betrieb auch außerhalb des Arbeitsverhältnisses, zum Hineinwachsen in die Werktradition«.

Daß die hauswirtschaftliche Tüchtigkeit, die den Frauen unter Mitwirkung vaterländischer Frauenvereine beigebracht wird, auch keine Wohltat um Gotteslohn ist, sondern eine raffiniert gemischte Brühe zur Verwässerung des Klassenkampf-Gedankens, das versteht sich nach allem, was wir bis jetzt vom Dinta wissen, von selbst. Und auch die Unfallbekämpfung atmet echten Dinta-Geist: heuchlerisch-bieder an das Verantwortungsgefühl des Arbeiters (!) appellierend und dabei Geld sparend. Das durch die Rationalisierung erzwungene schnellere Arbeitstempo könnte die Unfallkassen der Berufsgenossenschaften allzusehr belasten. So gibt das Dinta die Anregung zu bunten, blickfangenden Plakaten: »Kommt ausgeruht zur Arbeit!« »Meidet den Alkohol!« Oder man malt zuckende Blitze und lodernde Flammen, um die Raucher zu warnen, oder man mahnt: »Bei Bunkerarbeiten anseilen!«

Besonders stolz war Herr Arnhold, als er noch in Gelsenkirchen residierte, auf das Alterswerk. Wer lange und werkfriedlich genug im normalen Produktionsprozeß gestanden hat und nun nicht mehr »wendig« genug ist, der kommt – wenn er Glück hat – nicht auf die Straße, sondern in die Alterswerkstätte. Hier stehen die Arbeitsveteranen an der Drehbank oder beschäftigen sich damit, Werkzeug herzustellen oder ein Arbeitsstück zusammenzusetzen. Die Anforderungen werden so gestellt, daß sie dem körperlichen Zustand der Alten angepaßt sind und trotzdem vollen Arbeitsertrag ergeben. »Die alten Leute sollen eben nicht glauben, daß sie das Gnadenbrot bei uns essen, sondern sich als vollwertige Arbeiter fühlen«, erklärte Herr Arnhold bei einer Besichtigung den Betriebsräten des Schalcker-Vereins.

 

Muß man dabei nicht an Henry Ford denken, der in seinem Buch schildert, wie er sogar die Arbeiter, die krank in seinem Krankenhaus liegen, zur Arbeit anspannt?

Niemand kann es bezweifeln, und die Unternehmer denken auch gar nicht daran, es abzuleugnen, daß die Lehrlingswerkstätten, Anlernwerkstätten, Alterswerkstätten und Hauswirtschaftskurse vor allem anderen eines »produzieren« sollen: nämlich betriebsfaschistische Elemente, die an eine von oben zu erwartende Ausgießung des heiligen Geistes der Wirtschaftsdemokratie glauben, und die man bei Streiks gegen die übrige Arbeiterschaft einsetzen kann.

Aber das Dinta begnügt sich nicht damit, im Ruhrgebiet die Arbeiterschaft in den Betrieben von ihren schwachen Flanken her, bei den ganz jungen und den ganz alten Leuten, anzupacken, es beehrt auch ihr Privatleben mit penetrantem Gasangriff. Nicht nur die Arbeit im Betrieb, auch das Privatleben soll genormt werden. In der Dinta-Sprache heißt das: »die Hebung des Zusammengehörigkeitsgefühls der Arbeiter mit dem Werk«. Das kontrollierte Privatleben der amerikanischen Arbeiter bei Henry Ford »sehen wir mit Neid«, meint Generaldirektor Dr. Esser. »Wir sehen mit Neid, was geleistet werden kann, wenn die Atmosphäre entgiftet, wenn der Mensch wieder im Betrieb mit ehrlicher aufrichtiger Freude an seiner Arbeit erfüllt ist« (nach der Deutschen Bergwerkszeitung).

Und wie kommt man am leichtesten und nachhaltigsten mitten hinein in ein fremdes Familienleben? Durch das geschriebene und gedruckte Wort! Und deshalb ist kein Programmpunkt des Dinta schon so weit verwirklicht, wie der von Professor Dunkmann also formulierte: »Systematische Hinleitung zum wirtschaftlichen Denken und zur Werkgemeinschaft durch Werkzeitungen.«

Jeden Samstag wird den Berg- und Hüttenleuten an der Ruhr eine Werkzeitung in die Hand gedrückt. Im Anfang wurden sie von den aufgeklärteren Köpfen der Belegschaft gesammelt und auf einem Scheiterhaufen verbrannt – aber Papier ist in einem Arbeiterhaushalt ein begehrter Artikel, besonders wenn es fester als Zeitungspapier ist. Und nur 30-40 Prozent aller Arbeiter des Ruhrgebiets sind gewerkschaftlich organisiert, und die Redakteure der Werkzeitungen kennen ihr Publikum und sind psychologisch geschulte Dinta-Köpfe. Heute bringt der Arbeiter die Werkzeitung seiner Frau und den Kindern mit, »die lesen sie gerne«, und so findet die uniformierte Gesinnung der Spießbürgerlichkeit und Wirtschaftsfriedlichkeit in fast einer halben Million Auflage jede Woche den Weg in proletarische Haushaltungen.

Es erscheinen über 80 Werkzeitungen, die fast alle in Düsseldorf redigiert werden. Schon die Namen dieser Zeitungen sind kleine psychologische Meisterstücke. Sie erwachsen aus der Betriebsatmosphäre und verzichten auf allen Bombast. Man weiß, daß der Arbeiter das Schlichte liebt. »Hentschelblätter« nennt die Henrichshütte in Hattingen ihr Organ, während die Gute-Hoffnung-Hütte in Oberhausen »GHH« an den Kopf setzt. Jeder weiß Bescheid, denn so kürzt man den Werknamen im Volksmunde ab. Dutzende Zeitungen nennen sich einfach »Zechenzeitung der Zeche ...« (folgt Name der Schachtanlage). Die vereinigten industriellen Werke von Dortmund und Umgebung firmieren ihr Blatt »Nach der Schicht«. Muß man dabei nicht an Filzpantoffel und lange Pfeife denken? »Schlägel und Eisen« geht ebenfalls gut ein. Nur die sehr exklusive Firma Krupp verzichtet auf die Düsseldorfer Dinta-Redaktion und gibt ihr im zwanzigsten Jahrgang erscheinendes Blatt »Kruppsche Mitteilungen« selbst heraus. Sie legt ihm eine technisch vollendete Kupfertiefdruck-Bildzeitung bei, wie man sie mancher Tageszeitung in gleicher Qualität wünschen könnte. Der Geist natürlich ist auch bei den Kruppschen Mitteilungen Dinta-Geist.

Und wie katzenfreundlich und fuchslistig sind alle diese Zeitungen gemacht! Schon die politischen Informationen! Wer etwa glaubt, daß der Leitartikel einer Werkszeitung offen gegen den Sozialismus hetzt, oder gar die antibolschewistische Walze so plump dreht, daß die Arbeiter stutzig werden, der irrt sich gewaltig. Das Geschäft wird viel feiner besorgt und so, daß es auf Arbeiter Eindruck machen muß. So schreiben die Hentschel-Blätter am 26. April 1929: »Schauen Sie nach Rußland! Vor kurzem ist in Moskau die Brotkarte eingeführt worden. Eine Regierung hat sich zu dieser Maßnahme entschließen müssen, deren höchste Forderung, deren ehrlichstes Bemühen die Hebung des Proletarierstandes war. Vernichtung des kapitalistischen Systems erschien ihr der beste und einzigste Weg zu diesem Ziel zu sein. Und der Erfolg dieser Bemühungen?« So freigebig ist der Finanzfachmann Dr. h.c. Robert Pferdemenges mit dem Attest der bona fides für die russischen Bolschewiki, um zu dem Schluß zu kommen, daß jetzt auch sie einsehen müssen, »daß jede Wirtschaftsverfassung, auf welchen Grundanschauungen sie auch beruhen mag, sich auf die Dauer den ehernen kapitalistischen Gesetzen nicht zu entziehen vermag«. Mit solchen Formulierungen kann man nach längerer Zeit jeden Durchschnittsarbeiter für »wirtschaftliches Denken« im Sinne des Dinta empfänglich machen. Schließlich nehmen ja auch »Gebildete« die Farbe der Ergüsse an, die sie regelmäßig von ihrem Leib- und Magenblättchen als politische Leitartikel vorgesetzt bekommen, und in den Werkzeitungen wird noch dazu die Politik – wie listig! – hinter Bezeichnungen wie »Wirtschaftliche Rundschau« oder »Zur wirtschaftlichen Lage« versteckt.

Einen breiten Raum nimmt auch in der Werkzeitung die Propaganda der Unfallverhütung ein. In Balken und Schlagzeilen springen dem Leser auf jeder Seite beste Ratschläge in die Augen, die bekanntlich billiger als Brombeeren sind, nach väterlicher Fürsorge aussehen und von Verantwortung entlasten. »Unfall bracht noch keinem Freud' – So war es früher, so ist es heut!«, oder: »Wir stehen kurz vor dem Weihnachtsfeste – Schützt Euch vor Unfall, das ist das Beste«, heißt es da in gefühlvoller Unternehmer-Lyrik.

Auch was sonst an Lyrik geboten wird, preist in schlechten oder noch schlechteren Versen jene Güter dieser Erde, deren Genuß nicht mit größeren Kosten verbunden ist, wie Sonne, frische Luft, kristallklares Wasser und vor allem Arbeitsfreude und nochmals Arbeitsfreude.

»Uns schert nicht die Sorge,
Uns drückt nicht das Alter;
Wir schaffen mit kräftigen Armen. – –
Wir hämmern, wir feilen,
Wir meißeln und eilen
Durch Tage zur Woche,
Durch Monat zum Jahr.«

Aus »Gesang d. Lehrlinge«, Hentschel-Blätter, Osternr. 1929

Natürlich versäumen die Redakteure der Werkzeitungen als gute Psychologen auch nicht, ihre Leser bei der Eitelkeit zu packen. Nur der allgemeine Teil wird in Düsseldorf über einen Leisten geschlagen. Alles andere ist den Sonderverhältnissen jedes Betriebes sorgfältigst angepaßt. Man bringt Bilder der Sportvereine, in denen Werkangehörige Mitglieder sind, Dienstjubiläen werden mit leutseligen Phrasen von Treue, Ehrlichkeit und Pflichtbewußtsein vermeldet, dem Lehrlingssportverein wird eine Rubrik eingeräumt. Der Bericht einer Quartals-Generalversammlung lautet da etwa so: »Der neue Vorsitzende, Herr Hilgenstock, begrüßte die Erschienenen.« Aus dem Lehrling, der im Betriebsjargon ein Lausejunge war, hat die Werkzeitung unter Vermeidung größerer Unkosten einen Herrn Hilgenstock gemacht, der Erschienene begrüßt.

Überdies kommt, damit für gemütvolle Unterhaltung und Humor gesorgt sei, neben den Anekdoten, die sorgfältig von der geringsten Spur einer Aufreizung zum Klassenkampf gereinigt sind, auch Herr Kauenwärter Oldepiep zu Wort, um seine Kriegserlebnisse als Bursche beim Zechendirektor zu schildern.

Oder – man stelle sich vor, wie derlei in einer Zechenkolonie wirkt, wo einige tausend Menschen einander ziemlich nahe kennen – in der Zechenzeitung steht eines Tages ein kleines, schmalziges Gedicht von der Bergmannsfrau Rositzki. »Donnerwetter«, heißt es beim Kirchgang am Sonntagmorgen, »das hätte ich der Rositzki gar nicht zugetraut.«

Überhaupt läßt man der Rubrik »Aus dem Reich der Frau« die höchste Sorgfalt angedeihen. »Praktische Ratschläge« wie »Ordnung in der Schublade« oder »Wie man aus Vaters altem Grubenhemd ein neues Sonntagskleid für Minchen machen kann« oder auch um die Weihnachtszeit ein Rezept für einen Stollen, zu dem man nicht viele Eier braucht, alles das ist wirklich nützlich, nämlich für die Unternehmer; denn eine sparsame und von kleinbürgerlichen »Idealen« erfüllte Hausfrau weiß sich auch mit wenig Geld einzurichten und hält auf »Ruhe und Ordnung«. Auch der Inseratenteil ihrer Presse verrät die überlegen geschickte Taktik der Dinta. Er wird von der Mitteilung eingeleitet, daß von Werkangehörigen kleine Anzeigen über Käufe, Verkäufe und Wohnungsangelegenheiten kostenlos aufgenommen werden. Damit sind sie von der Tagespresse unabhängig gemacht. Werkangehörige sollen keine Veranlassung haben, in eine Zeitung, die doch sozialistisch sein könnte, hineinzuschauen. Der Junggeselle kann eine Schlafstelle aus der Werkzeitung erfahren, und der Verheiratete, wo ein gebrauchter Kinderwagen zu verkaufen ist.

Man zwingt das Denken der Arbeiter, immer enger um den Betrieb zu kreisen, dank der geschickt aufgezogenen Dinta-Presse; so will man sich dem Ziel nähern, das Oberfinanzrat Bang in seiner Broschüre »Deutsche Wirtschaftsziele« so schön formuliert: »Mehr als das Heil der Wirtschaft ist davon abhängig, daß der Unternehmer wieder der Führer seines Betriebes und der Führer seiner Arbeiter wird, und zwar über die Belange seines Betriebes hinaus.«

Der siegreiche Monopolkapitalismus geht mit aller Macht an den Abbau der Demokratie; die sogenannten bürgerlichen Freiheiten sollen abgelöst werden durch den Faschismus. Das Dinta und sein Stab sind nur dazu da, jenen »Geist« zu züchten und zu verbreiten, der den Sklaven zu einem blinden Anbeter seiner Sklavenpeitsche macht; die Rechnung stimmt fabelhaft – bis auf einen Posten: die Erkenntnis der Klassenlage wird von den ökonomischen Verhältnissen erzwungen, trotz aller ideologischen Verneblungsversuche.

... Das Klassenbewußtsein marschiert.

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