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Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
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Der alte Siegel

Wir stehen in der Bibliothek im Verbandshause der Bergarbeiter.

In dem großen, hellen Raum, in dem 12 000 Bände Fachliteratur hinter Glas stehen, haben wir einige historische Raritäten gefunden, die uns näherer Betrachtung wert erschienen. In einer Vitrine sind bibliographische Kostbarkeiten aus der Geschichte des Bergbaus ausgelegt: vergriffene Kampfbroschüren aus der Frühzeit des Verbandes, Jahrhunderte alte Bergordnungen aus allen deutschen Kohlengebieten und andere alte Urkunden, alte technische Werke und Zunft-Chroniken.

In einer anderen Vitrine steht eine Anthrazitplatte, aus der ein Bergmann ein Porträt des ersten Reichspräsidenten der Deutschen Republik im Relief geschnitten hat. Auch eine interessante Mineraliensammlung ist hier zu sehen und beweist, daß die Kumpel offene Augen für ihre unterirdische Welt haben.

In den Bücherschränken reihen sich, systematisch geordnet, die Werke, die das theoretische Rüstzeug der modernen Arbeiterbewegung bilden, technische, naturwissenschaftliche, bergbaugeschichtliche und allgemein gesellschaftskritische Bücher. Der Bibliothekar zeigt mit Stolz eine stattliche Reihe von Doktor-Dissertationen, die mit Hilfe des reichhaltigen Archivs und der mustergültig zusammengestellten Bibliothek des Bergarbeiterverbandes entstanden sind. Hier werden Waffen für den Befreiungskampf geschmiedet, die geistigen Waffen, deren Kraft und zwingende Logik über das Rüstzeug der Unterdrücker siegen werden. Hier holen sich die Führer des Verbandes die Unterlagen für ihre Vorträge und die Abgeordneten des Reichstages und der Landesparlamente ihre statistischen Belege, der marxistische Forscher seine besten Beweise, der Statistiker des Verbandes erdrückendes Zahlenmaterial über das Steigen der Profitrate gegen Unternehmerdenkschriften zum Rationalisierungsproblem.

Während wir uns noch mit dem Reichstagsabgeordneten Limbertz unterhielten, dem Redakteur des offiziellen Verbandsorgans der freigewerkschaftlichen Bergbauarbeiter – der Wochenschrift »Die Bergbauindustrie« –, war der letzte noch lebende Gründer des Verbandes, August Siegel, gekommen, um uns zu begrüßen. Er kann sich mit Recht hier in der Bibliothek wie zu Hause fühlen, denn er hat hier in den Jahren nach dem Kriege bis zu seiner vor kurzem erfolgten Pensionierung als Bibliothekar gewirkt.

Obgleich August Siegel fast 75 Jahre alt ist und wahrhaftig kein leichtes Leben hinter sich hat, wird man nicht so leicht der frischen, aufrechten Gestalt, dem jugendlich geröteten Gesicht und dem vollen, weißen Haar und Bart dreiviertel Jahrhundert ansehen. Im Knopfloch des sauber gebürsteten blauen Anzuges steckt ein roter Emaillewimpel, das Abzeichen der englischen Independent Labour Party, deren Mitgliedschaft Siegel während seines jahrzehntelangen Arbeitens und Kämpfens im englischen und schottischen Bergbau erwarb. Und er spricht auch von dem kleinen, sieghaften Abzeichen und versichert: »Dieses Ding werde ich immer tragen, denn ich habe mein ganzes Leben unter der roten Fahne gekämpft.«

Mehr als vierzig Jahre steht der prächtige Alte in der vordersten Front der Bewegung: sein Mut ist ungebrochen, sein Glaube an das Befreiungswerk des Proletariats unerschüttert. Er erzählt lebendig und anschaulich aus seinem Leben, und so schlicht auch seine Worte sind, einfach und ungekünstelt, liefern sie dennoch einen heroischen Beitrag zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung.

Schon ganz früh erwachte in dem ausgebeuten Knaben das Bewußtsein seiner Lage und das Gefühl für seine Klasse. Damals mußten die Kinder im sächsischen Kohlenrevier vom zehnten Jahr an in die Grube. Zwölf Stunden arbeitete der Kleine unter Tag und bekam dafür 40 Pfennig für die Schicht. »So trieb man's mit den Kindern«, erzählt uns der alte Siegel, »aber die älteren Arbeiter mußten in den 70er Jahren in meiner Heimat oft 36 Stunden im Schacht bleiben. Diese blutige Fron hat mich zum Sozialisten gemacht, hat meinen Willen zur Tat und für die gewerkschaftliche Organisation erweckt und wach gehalten: und daran hat keine Not, keine Maßregelung, kein Gefängnis, kein Hin- und Hergejagtwerden etwas ändern können.

16 Jahre habe ich in Deutschland als Bergmann gearbeitet. Wie oft ich den Arbeitsplatz wechseln mußte, das weiß ich heut selbst nicht mehr so rasch zu herzuzählen. Ihr könnt mir glauben, daß die Zeiten damals härter waren als heute. Man hat mir Knast über Knast aufgebrummt, in zwei Jahren liefen 14 Anklagen gegen mich. Daß man dabei auf der schwarzen Liste stand, versteht sich.

Um nicht verhungern zu müssen und um wieder einigermaßen Arbeit zu kriegen, ging ich nach England. Der schöne Steckbrief, den sie hinter mit hergeschickt und 19 Jahre aufrechterhalten haben, hat ihnen nichts genützt.

Rosig ist es mir allerdings in England auch nicht ergangen, denn auch die englischen Grubenherren verstanden es, uns den Brotkorb hoch zu hängen. So ging der alte Kampf weiter, und es hagelte wieder Maßregelungen, die einen um die Arbeit brachten. 23 Jahre habe ich den Kram mit den englischen Brüdern mitgemacht. Wenn's hoch kam, verdiente man 20 Schilling die Woche, aber dafür mußte man schon den letzten Tropfen Schweiß hergeben. Es gab auch welche, die brachten es nur auf 12 oder 15 Schilling die Woche, und manche gingen am Lohntage mit 9 oder gar nur mit 7 Schilling nach Hause. In den Familien, wo ein großer Junge mitmachte, da ging es ja noch, da wurden sie immerhin satt. Bei meinen 6 Kindern – heute arbeiten drei von ihnen in Australien als Bergleute, aber damals waren sie noch ganz klein -, da reichten die 58 Arbeitsstunden pro Woche nicht aus, um soviel zu verdienen, daß man genug zu essen hatte.

So ging das weiter, bis ich 58 Jahre alt war und der Krieg kam. Auch in England war der Krieg für einen deutschen Arbeiter kein Honiglecken. Gleich nach dem Krieg wurde ich als lästiger Ausländer und gefährlicher Agitator aus England ausgewiesen, und seitdem bin ich wieder in Deutschland ... Komisch dabei, daß die britische Presse behauptete, ich sei ein ganz gefährlicher Spion und hätte schon mal mit dem deutschen Kaiser zu Mittag gegessen. Die hatten was läuten gehört und wußten nicht, wo die Glocken hingen.«

Dieser einfache, kurze Tatsachenbericht schöpft natürlich das Leben des alten Führers nicht aus. Es ist durch den Gang der Ereignisse historisch geworden und gehört der Geschichte jener Bewegung an, der es mit seinem Auf und Ab in Kampf und Arbeit gewidmet war.

Unter dem Terror des Sozialistengesetzes Streikorganisator gewesen zu sein, das bedeutet nicht wenig. Dennoch vermochte die schamlose Verfolgung, die damals jeder erfuhr, der für die Geknechteten die simpelsten Menschenrechte verlangte, den kämpferischen Elan Siegels nicht zu brechen.

Im Jahre 1889 hat er den großen historischen Streik der Ruhrbergarbeiter mit vorbereitet, jenen Kampf, der um das altverbriefte Recht der Knappen auf Achtstundenschicht ging. Das ganze Gebiet war in Aufruhr, die Arbeiter wagten es sogar, »Arbeitswillige von der Arbeit abzuhalten und der Militärmacht zu widerstehen«, wie Wilhelm II. den drei Arbeiterdelegierten Siegel, Schröder und Bunte höchstpersönlich vorrechnete, als sie bei jener denkwürdigen Audienz als erste Sozialisten vor sein erhabenes Antlitz treten durften.

Allerdings wußte S. M. damals nicht, daß es die Drei Sozialisten waren, und er durfte es auch, gottbehüte, nicht erfahren. Soweit konnte er sein Gottesgnadentum nicht profanieren. Für die »Wünsche« vaterlandsloser Gesellen gab es kein wohlwollendes kaiserliches Erwägen. Höchstpersönlich äußerte er den drei Arbeiterführern gegenüber, die nur als demütige Bittsteller von seinen Hofschranzen eingeführt waren: »Merke ich, daß sich sozialdemokratische Tendenzen in die Bewegung mischen und zu ungesetzlichem Widerstand aufreizen, so werde ich mit unnachsichtlicher Strenge einschreiten und die volle Gewalt, die mir zusteht – und dieselbe ist eine große –, zur Anwendung bringen.«

Daß dem gütigen Monarchen der Gedanke, auf seine lieben Landeskinder schießen zu lassen – wenn sie dahin strebten, die wehrlose Masse zu einer kämpferischen Einheit zusammenzuschmelzen –, nicht so sehr ferne lag, das geht aus einem von den drei Delegierten bezeugten Ausspruch deutlich hervor. Siegel versicherte uns in der Bibliothek des Verbandshauses nochmals ausdrücklich, daß der Doorner Pensionär der Deutschen Republik im Mai des Jahres 1889 bei jener denkwürdigen Zusammenkunft seine huldreiche Audienz mit den brutalen Worten schloß: »Ich werde alles über den Haufen schießen lassen, was sich mir widersetzt!«

Im August desselben Jahres noch wurde der alte Bergarbeiterverband gegründet und Siegel mit seiner Leitung beauftragt. Damit hatte er eine der stärksten Formationen der Millionenarmee der werktätigen Klasse schaffen geholfen, in deren Reihen er, nach mehr als 40 Jahren, noch heute steht.

Auch während der 23 Jahre in England hat Siegel nicht nur für die britischen Kuxenherren die Reichtümer aus der Erde gehackt, er hat auch dort seinen Gewerkschaftsgenossen in Kampf und Streit, in Not und Hunger, in großer Aktion und in zäher Kleinarbeit die Treue gehalten. Daß es keine nebensächliche Rolle war, die August Siegel, der deutsche Kumpel, in der großbritannischen Miners Federation spielte, beweisen seine Delegierten-Mandate zu den Generalversammlungen und zum großen internationalen Bergarbeiterkongreß, der 1911 in London tagte. Es mag schon ein Trost für manche Bitternis dieses harten Lebens gewesen sein, bei jener internationalen Zusammenkunft festzustellen, wie die Bewegung unaufhaltsam vorwärtsstieß, sich über die trennenden Grenzpfähle der Vaterländer hinweg verständigte und das Heer der Grubenarbeiter zu einem geschlossenen Kriegstrupp im internationalen Klassenkampf werden ließ. 21 Jahre war es her, seitdem August Siegel am ersten internationalen Bergarbeiterkongreß in Jolimont in Belgien teilgenommen hatte. Damals leitete die deutsche Polizei eine große Aktion in Belgien ein, um die Namen der deutschen Delegierten festzustellen. Die belgische Polizei machte brav mit und machte sich alle erdenkliche Mühe mit der Aktion gegen die Kumpel.

Im Jahre 1911 war immerhin aus einem kleinen Häuflein gehetzter, von ständigen Polizeischikanen bedrohter, verfemter Menschen ein Kongreßplenum geworden, das gehört werden mußte und mit dem die internationalen Kapitalmächte im Bergbau zu rechnen hatten.

Solche Leben gelebt haben, heißt nicht umsonst gelebt haben.

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