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Kohlenpott 1931

Georg Schwarz: Kohlenpott 1931 - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorGeorg Schwarz
titleKohlenpott 1931
publisherKlartext-Verlag
printrun1. Auflage
year1986
isbn3884743163
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorherbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20150115
modified20150625
projectid5055d782
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Grubenunglück – eins von vielen

Die Zeche »Minister Stein« ist eine Zeche wie jede andere. Sie liegt in dem Dortmunder Vorort Eving, der ein Vorort ist wie die meisten anderen Proletariervororte der Ruhrstädte: Enge, ungepflegte Straßen, gesäumt von jenen verwohnt, versorgt und verbraucht aussehenden vierstöckigen Wohnställen, aus denen es unabänderlich nach gebratenen Fischen und trocknenden Windeln riecht; nach nicht absolut frischen Fischen, die mit Mehl paniert und in etwas ranzigem Rüböl gebacken werden, und nach benützten Windeln, die, ehe sie trocknen, nicht allzuviel mit Seife in Berührung gekommen sind. Diese Meinung ergibt das Arme-Leute-Odeur der Arbeiterviertel an der Ruhr, das wie eine grausame Fügung die Straßenschluchten erfüllt, einfach da ist und dazugehört zu diesen rissigen Häusern, wie diskretes Juchtenparfüm zum eleganten Mann der Welt.

Die Zeche »Minister Stein« liegt an einer staubigen Landstraße hinter einer endlosen, übermannshohen Ziegelsteinmauer. Sie hat das gleiche Fördergerüst, das gleiche Kesselhaus, die gleiche Markenbude und Waschkaue, die gleichen Kühltürme wie alle Zechen hier nah und fern. Auch die Zechentore bieten keinerlei ungewohnte Sensationen. Da die Zeche an der Grenze der Stadt liegt, schieben sich ihr schon Vorposten bäuerlichen Lebens entgegen; ein Waldstreifen, einige Bauernhäuser mit Scheunen daneben, zwischen deren Brettern sich Stroh vordrängt, ein paar Ziegen, die an verstaubten Grasbüscheln knabbern.

Vor dem schmiedeeisernen Tor zu Schacht III geht es sogar besonders wenig sensationell zu, weil es am weitesten draußen liegt. Abgesehen von dem normalen Aus und Ein der Kohlenkarren und der Lastautomobile der Firmen, die den Kohlenhandel betreiben, und wenn nicht gerade die Schicht wechselt, ist es hier wie ausgestorben, öde und menschenleer. Und doch könnte dieses Zechentor eine grausame Geschichte erzählen, und wer es am 11. Februar 1925 gesehen hat, dem werden seine gleichgültig verschrägten Eisenstangen auch in der Alltagsverlassenheit wie das Gebiß einer heimtückisch lauernden Menschenfalle erscheinen.

 

Am 11. Februar 1925 war diese Zechenmauer zu einer Klagemauer geworden. Eine dunkle Menschenwoge brandete gegen Tor und Backsteinwand, und die neblige Luft wurde von lautem Schreien und Schluchzen und von leise verhaltenem Weinen zerrissen. Frauen suchten ihre Gatten, Kinder ihre Väter, Mütter ihre Söhne – und so viele suchten vergebens! Schlagende Wetter waren durch die Stollen und Querschläge des Schachtes III von »Minister Stein« gerast und hatten mit ihrem giftigen, flammenden, sprengenden Brodem alles Leben niedergemäht, erstickt und verbrannt. Hilflos wie Engerlinge wurden die Kumpel in ihrem Stollen vom Flammenblitz erschlagen und gebraten. Und jene die der Tod rasch ereilte, hatten noch ein beneidenswertes Schicksal gefunden, im Vergleich zu denen, die blutend und halbzerquetscht zwischen gebrochenen Balken und einstürzendem Geröll langsam erstickten. Einer, den man mit einem kleinen Trupp toter Kameraden tot aus dem hintersten Winkel eines geborstenen Stollens zwischen zwei eingedrückten Wettertüren herausholte, hatte – noch Stunden nach der Explosion – mit Kreide an eine Schüttelrutsche geschrieben: »Jetzt ist es 11 Uhr. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen.« Viele Stunden schon arbeitet die Rettungsmannschaft mit Rauchhelm bewehrt und den Sauerstoffbehälter vor der Brust, und immer länger wird die Reihe der grauenvollen dunklen, länglichen Bündel, die noch vor wenigen Stunden arbeitsrüstige Männer waren.

Endlich, nach einem Tag und einer Nacht todesmutiger Rettungsarbeit kann man das Fazit ziehen, und die Frauen, die immer noch gehofft hatten, daß gerade der unter den Lebenden sein würde, der für sie der Wichtigste ist, wissen Bescheid. 136 Kumpelleichen hat man zutage gefördert. Viele sind versengt und angekohlt. Die Arbeitskleider hängen zerfetzt und blutgetränkt um die geschwärzten Leiber. Die Hände sind verkrampft. Da liegen sie, die Opfer eines Systems, dem der Profit wichtiger ist als der Schutz von Menschenleben!

Dieser Leichenberg von 136 Toten hat das Bewußtsein des Reviers und von ganz Deutschland, vielleicht von der ganzen Welt, für ein paar Tage wenigstens, etwas wachgerüttelt. Vor diesem vielstimmigen Anklageschrei konnte man so leicht nicht die Ohren verschließen; man konnte nicht anders, man mußte dem Bergmann wieder einige Aufmerksamkeit schenken: dem armseligen nackten Menschenwurm, der seine Tage damit verbringt, viele hundert Meter unter der Erde die Kohlenbrocken loszuhacken, der, sein Grubenlicht in der Hand, auf dem Bauch durch den Querschlag kriecht, dem bei der Arbeit Ströme Schweiß über die geschwärzte Haut rieseln und der in jeder seiner unzählig vielen und unsäglich bitteren Arbeitsminuten vom Tode bedroht ist.

Dennoch sind es nicht die großen Katastrophen, die die meisten Todesopfer kosten. Wozu hält sich das Kapital seine Presse, wenn einer breiteren Öffentlichkeit nicht bestens verschleiert würde, daß die Unglücksfälle, die nur einzeln treffen, zusammengerechnet weit mehr Tote fordern als die weithin sichtbaren Massenkatastrophen. Nur läßt sich der einzelne tägliche Arbeitertod im Dienste des Grubenkapitals eben leichter vertuschen. Wohin sollte es auch führen, viel Aufhebens um einen Arbeitertod zu machen, der schließlich doch schicksalsbestimmt ist? So trösten sich die Herrschenden, die ja eine genügend große Reservearmee kräftiger Arbeiter haben, um solche »schicksalbestimmte« Lücken rasch auszufüllen. Eine Hekatombe von 136 Leichen, von einem Schlag dahingerafft, die ist allerdings peinlich sichtbar. Das Grubenunglück auf »Minister Stein« machte Aufsehen. Fettgedruckte Schlagzeilen in den Zeitungen, Anklagen gegen die Zechendirektion in der Arbeiterpresse, große Begräbnisfeier, kleine Witwenpensionen, ein armseliges mageres Gnadenbrot für die Krüppel.

Im tausendköpfigen Trauergeleit für die Erschlagenen von »Minister Stein« trugen radikale Arbeiter ein Transparent, worauf geschrieben stand: »Ins Zuchthaus mit den Schuldigen!«

Wie aber in einem so raffinierten System von höheren und niederen und noch niederen Vorgesetzten, in dem jeder sich auf seinem Posten nur halten kann, wenn er nach oben katzbuckelt und nach unten tritt, einen Schuldigen finden? Gewiß, die Direktion hat es nicht an Vorschriften zur Unfallverhütung fehlen lassen. Aber »Akkord ist Mord«, lautet ein altes Sprichwort der Arbeiterbewegung, und im Bergbau wird fast nur im Akkord gearbeitet. Darum bleiben die Unfallverhütungsvorschriften hübsch auf dem Papier stehen, auf dem alles so ordentlich zugeht; in der Grube unten aber sieht es längst nicht so ordentlich aus. Treffenderes, als schon 1909 der Bergarbeiteragitator Frank Pokorny zur Unfallverhütung im Bergbau sagte, läßt sich über dieses Problem nicht sagen: »Wenn ein Gesetz erlassen würde, wonach es auf jeden Todesfall im Bergbau drei Monate Gefängnis für die Grubenherren setzt, ich bin sicher, wir würden nicht den zehnten Teil an Todesfällen haben.«

Sicherlich wird ein solches Gesetz niemals erlassen werden, solange man noch Kohle fördert, nicht um der Allgemeinheit zu dienen, sondern um den Kuxeninhabern und Aktionären Dividende auszuschütten. Was liegt an Menschenleben, an Menschengesundheit in einer Zeit, in der es die Machthaber vorziehen, Hunderttausende, Millionen Arbeiter brotlos zu machen, statt die natürliche und vernünftige Konsequenz einer verkürzten Arbeitszeit auf sich zu nehmen. Wenn Menschenleben so billig sind, warum sollten denn da die »Verantwortlichen« irgendwelches Gewicht auf ihre Sicherheit legen, für ihre Erhaltung sich große Umstände auferlegen? Erfindungen werden nur gemacht und realisiert, wenn Nachfrage nach ihnen besteht. Und darum haben wir heute im »Zeitalter der Technik« außerordentlich leistungsfähige Kanonen und erstaunlich primitive Einrichtungen für Hygiene und den Schutz des arbeitenden Menschen.

Und selbst das wenige, was die Technik heute zur Sicherung des Arbeiters leistet, sogar dieser spärliche Schutz krankt an Verschleppung und Verschlampung und daran, daß er meistens nur als eine jener Vorschriften besteht, die ernst zu nehmen keinem Menschen einfällt, weil sie kein Mensch ernst nehmen kann, ohne die simpelsten Gesetze der Psychologie umzukehren. Die Schutzmaßnahmen erfüllen nur in einer Hinsicht ihren Zweck, sie decken die Verantwortlichen. Dem im Akkord arbeitenden Kumpel fehlt es an Zeit und an Kraft, den an einer hohen Kohlenförderung mit Prozenten beteiligten Aufsichtspersonen fehlt es an Interesse und Initiative, der Bergbaudirektion fehlt es an Lust und Liebe zu solch »unproduktiven« Maßnahmen. – Der Zustand der Bergwerke und ihrer Schutzvorrichtungen ist danach! Erst wenn das Unglück, das geschah, so groß ist, daß man es nicht vertuschen kann, erst dann wird dies oder jenes, was zum Schutz des Bergmanns dient, notdürftig in Ordnung gebracht. Auch nur annähernd so großzügig wie bei den Kapitalanlagen zur Steigerung der Rentabilität des Betriebes kann dabei natürlich nicht vorgegangen werden.

Daß das Hetztempo der Arbeit, das die von der Direktion angespornten Steiger zu erzwingen wissen, die Hauptschuld auch an dem Unglück auf »Minister Stein« trägt, dafür kann man in einem Blatt, dem man so was gar nicht recht zutrauen möchte, den klaren Beweis finden. Man muß diese Art Publizistik nur richtig zu lesen verstehen. Genau einen Monat vor der Katastrophe bekam der Pütt »Minister Stein«, der damals noch Stinnes gehörte, in der Zechenzeitung der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft in Fettdruck zwischen Balken folgende Belobigung:

»Minister Stein«, Rekordzahl der Förderung:

Am 9. Dezember 1924: 3358 t, am 19. Februar 1925: 3370 t.
Ein Bravo der Belegschaft!

Es war auch schon beim preußischen Kommiß so, daß die lobende Erwähnung bei der Parolenausgabe die Korporäle aneiferte, noch mehr aus ihrer Korporalschaft herauszupressen, noch mehr ihrer Leute in den Tod zu hetzen. Warum sollten die Korporäle der Industrie, wenn man sie auf die psychologische Art nimmt, anders reagieren, wo doch die Systeme von Militär und Industrie einander so verwandt sind?

Die Steiger wollen Kohle sehen, und darum wurde auch auf »Minister Stein«, Schacht III, feste weiter geschuftet und der Warnungen nicht geachtet, die der gereizte Bauch der Erde von sich gab. »Bereits am Tage vor der Katastrophe ist in dem Unglücksrevier eine kleine Explosion erfolgt. Der Fahrsteiger wurde davon verständigt, aber er erklärte, das wäre nur die Folge des Generaldruckes des Gebirges«, so berichtet ein Kumpel, der die Katastrophe miterlebte.

Und immer noch blieben die geförderten Kohlen das Wichtigere, und die Menschen, die sie fördern, billige und leicht ersetzliche Nebensache, auch als am Morgen des Unglückstages eine Wetterexplosion als weitere das Mauerwerk zum Teil erdrückte. »Auch diese ganze Angelegenheit ist mit Stillschweigen übergangen worden«, versicherte der dem giftgasigen Tod entwischte Zeuge.

Und die intellektuellen Urheber des Mordes sacken mit einem »Bravo!« den Blutprofit ein und lassen sich bei der Beerdigung der braven Knappen am Grabe vertreten.

Ich sehe ihn noch heute vor mir, den dicken Berliner Bankier, wie er auf der Altane der Dortmunder Leichenverbrennungsanstalt stand. Es regnete, dicke Tropfen klatschten auf seine Glatze, und er versicherte die schwarzgekleideten, schluchzenden Angehörigen der Erschlagenen des Mitgefühls der Direktion und der Aktionäre. Niemand warf mit Steinen nach ihm, kein Hohngelächter verschlang seine heuchlerischen Worte, denn vor ihm hatten sich die Sendboten Christi von beiden Konfessionen – Bischof und Superintendent – auf den »unerforschlichen Ratschluß« des Höchsten berufen und gegen die »Losung aus der Tiefe« (sie meinten den Klassenkampf) gewettert. Die »Losung aus der Tiefe« fand aber dann doch auch einen Sprecher in dem Bergarbeiterführer Fritz Husemann, der mehr Schutz für den lebenden Bergmann und nicht nur verlogene Teilnahme bei Massenbeerdigungen forderte.

Mit den heutigen Einrichtungen können Rekordzahlen eben nur gefördert werden, wenn die Sicherheits- und Vorbeugungsmaßregeln, die man mit so gesalbten Worten – und nicht nur mit Worten – propagiert, nicht zuviel Zeit und nicht zuviel Geld kosten. Sind die Kohlenwagen nicht genügend gefüllt, gibt es empfindliche Strafen wegen Mindermaß. Darum müssen immer wieder arme Menschen elend zugrunde gehen.

Gerade in der Zeit der Katastrophe hatten die Betriebsräte von »Minister Stein« einen Streit mit der Zechenverwaltung, die einen strengen Ukas erlassen hatte, daß die Kohlenwagen besser gefüllt werden müßten. Mit schikanösen Mitteln hatte man es damals sogar zuwege gebracht, den Vertretern der Arbeiterschaft das ihnen zustehende Recht der Revierbefahrung zu rauben. Dieses Verfahren veranlaßte die Gesamtbelegschaft zu einer Protestversammlung – nur wenige Tage vor der Schlagwetterexplosion – gegen die Beschneidung der Rechte ihrer Betriebsräte, »die beauftragt seien, Leben und Gesundheit des Kumpels zu schützen und die bergpolizeilichen Vorschriften zu überwachen«.

An dieser einen Katastrophe von Schacht III auf »Minister Stein« schon läßt sich mit eindeutiger Klarheit feststellen, wie Bergwerksunglücke entstehen, entstehen müssen und immer wieder entstehen werden, solange dem System der Ausbeutung selbst nicht eine große Katastrophe zustößt. Mit den »Naturgewalten«, die an allem Schuld sein sollen, kann man sich nur dann ausreden, wenn man auch den Kapitalismus als Naturgewalt ansieht.

Auch seit dem Tod der 136 Kumpel auf »Minister Stein« ist die Kette der kleinen und großen Grubenkatastrophen nicht abgerissen. Und der tägliche Einzeltod im Untertagebetrieb ist immer noch der »unerforschliche Ratschluß des Höchsten«, und »unabänderliches Schicksal des Bergmanns.« Nicht umsonst schwärmte ein lyrisch angehauchter Lokalberichterstatter der schwerindustriellen Rheinisch-Westfälischen Zeitung einen Tag nach dem Unglück, daß »die Zechen Kaiserstuhl I, Scharnhorst, Preußen I und II, Gneisenau, Minister Achenbach wie ein trotzig eisernes ›Und dennoch!‹ ihre Fördertürme gegen den Himmel recken«, und daß das alles Namen wären, »die in der Geschichte des Ruhrbergbaues ungefähr ebenso ruhmvoll klingen wie die Namen berühmter Schlachtschauplätze«. Die innere Verwandtschaft zwischen Schacht und Schlacht ist also auch dem Montankapital schon aufgefallen – Schlachthäuser für die »gemeine Mannschaft«!

Die metaphysischen Tröstungen um das »unabänderliche Bergmannsschicksal« herum sind jedenfalls billiger als jene Einrichtungen und Maßregeln, die es sehr wohl ändern könnten!

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