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Knaben und Mörder

Herrmann Ungar: Knaben und Mörder - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKnaben und Mörder
authorHermann Ungar
firstpub1920
year1993
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
addressReinbek
isbn3-499-40079-0
titleKnaben und Mörder
created20051018
sendergerd.bouillon
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Als ich eintrat, war mein Vater schon mitten in seiner Erzählung.

»Also wir liegen ruhig und denken schon, heute nacht geht's an uns vorbei. Tags zuvor der Sturm auf den Friedhof hatte fünfundzwanzig Tote und siebenunddreißig Verwundete gekostet. Immerhin, fünfundzwanzig Tote. Von den Verwundeten waren einige so schwer daran, ganze Füße weg, einfach weggerissen. Meine Herren! Verbluteten mir unter der Hand!«

»Wem?« fragte der Friseur.

»Verbluteten mir unter der Hand, sage ich.«

»Herrn General? Wo war denn der Arzt?« fragte der Friseur. »Der Feigling war wohl...!«

Mein Vater geriet in Zorn.

»Feigling? Wer ist da Feigling? Immer dabei! Ich habe die Verwundeten nie verlassen!«

»Herr General!« sagte der Friseur mit Nachdruck.

Mein Vater schien zu fühlen, daß er sich irgendwie versprochen habe, wenn auch nicht zu wissen, worin. Er sah verständnislos, verlegen und ratlos zugleich den Friseur an. Dann sank er zusammen, als habe ihn eine große Müdigkeit befallen und sagte wie geistesabwesend:

»Ja, ja!«

»Herr General«, sagte nun wieder der Friseur, »ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis zu einer kleinen Zwischenbemerkung. Ich habe erzählen gehört, Herr General seien in allen Feldzügen ein solcher Freund der Soldaten gewesen, die die Ehre hatten, unter Herrn Generals Befehl gegen den Feind zu ziehen, daß Herr General beim Verbinden der Verwundeten, wenn Eile nötig war, oft selbst Hand anzulegen geruhten.«

Mein Vater richtete sich wieder auf.

»Meine Herren, so war es. Selbst Hand anzulegen beim Verbinden der Verwundeten. Selbst. Also, wo war ich?«

»Sie lagen in einer Mulde. Tags zuvor der Sturm auf den Friedhof mit großen Verlusten. Sie dachten schon, daß es diese Nacht vorbeigehen würde.«

»Falsch gedacht! Falsch gedacht, meine Herren! Wir liegen in der Mulde. Vor uns das Dorf und von links und rechts Plänklerfeuer. Zur Sicherung lasse ich eine starke Patrouille, Offizierspatrouille, meine Herren, gegen den Dorfrand vorgehen. Man muß immer vorsichtig sein, meine Herren. Ich warne sie vor Unachtsamkeit, auch bei größter Müdigkeit. Habe Fälle erlebt, wo ganze Armeen infolge mangelnder Sicherung durch ein Detachement von hundert Reitern unter Führung eines schneidigen Offiziers vernichtet wurden. Auf Ehre, meine Herren! Vorsicht ist die wichtigste Tugend des Führers. Nach der Kaltblütigkeit und Tapferkeit, versteht sich. Bekomme Meldung von Patrouille: Dorflisiere vom Feinde nicht besetzt. Befehle darauf der Patrouille, aufgelöst, aufgelöst, das ist wichtig, meine Herren, bis zur Dorfmitte vorzustoßen, dort bis Morgengrauen zu verharren, Vorfallenheiten melden, bei Tagesanbruch einrücken. Ich selbst denke: nun empfehle deine Seele Gott, hast siebzehn Nächte nicht geschlafen, gute Nacht! Oho! Kommt Meldung vom Oberst. Mein Freund Oberst Kopal, meine Herren! Mein Freund und Vorgesetzter. In Temesvar, als Leutnant täglich mit ihm Billard gespielt, zehn Points einen Kreuzer. Treffe ihn fünfundfünfzig als Hauptmann in Mantua. Alter Haudegen. Na, ja; Meldung: Oberst Kopal an Magenschmerzen erkrankt. Ich habe Bataillonskommando zu übernehmen. Bittet mich, falls Ruhe, um Besuch. Was antworte ich: Herr Oberst, ich habe das Kommando des Jägerbataillons übernommen. Ich verlasse mein Bataillon als Toter, aber nicht, um Krankenbesuch zu machen. Wie Oberst Kopal die Meldung liest, bricht er in Tränen aus. ›Ein Soldat!‹ ruft er, meine Herren, ›das Muster eines Soldaten! Gott erhalte ihn der Armee!‹«

»Herr General«, sagte der Friseur, »ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, Herrn General unterbrechen zu dürfen. Ich habe nämlich gehört, daß Herr General den italienischen Feldzug beim Regiment Alt-Starhemberg mitgemacht haben!«

»Jawohl«, erwiderte mein Vater, »bei dem altehrwürdigen Regiment Alt-Starhemberg, dessen Fahne ich in Schlachten, Gefechten und Stürmen als junger Offizier zu tragen und mit meinem Leib zu decken die Ehre hatte. Ich habe sie um den Leib gebunden und so den Po durchschwommen, der aus seinem Bett getreten war, daß man die Ufer nicht sehen konnte. Und gerettet, meine Herren !«

»Ich bitte gehorsamst um Entschuldigung«, sagte wieder der Friseur, »ich verstehe nicht...«

Er unterbrach sich und machte eine ehrerbietige Verneigung. Der Fremde war eingetreten und erwiderte mit flüchtigem Nicken den Gruß des Buckligen. Er setzte sich an einen Ecktisch, der vor dem Tisch, an dem die Gesellschaft um meinen Vater saß, wie von meinem Tisch am weitesten entfernt war und bestellte sein Abendessen, das ihm sogleich gebracht wurde. Das Gespräch an meines Vaters Tisch war verstummt, alle sahen neugierig den Fremden an. Mein Vater saß zusammengekauert da, als wollte er sich hinter den Rücken der anderen vor dem Fremden verbergen. Dieser aber schenkte den Gästen in der Stube keinerlei Aufmerksamkeit. Nur einmal hob er den Blick und richtete ihn musternd einen Augenblick gegen den Tisch meines Vaters. Das war, als der Friseur sagte: »Also das verstehe ich nicht, Herr General!«, wobei der Bucklige dem Titel, den er meinem Vater beilegte, durch Steigerung der Stimme besonderen Nachdruck verlieh.

Mein Vater aber schien noch mehr in sich zusammengesunken und schwieg.

Der Fremde aß rasch, erhob sich und verließ die Stube. Wieder grüßte der Friseur ergeben. Auch ich stand auf und ging.

Es gibt gewiß viele Menschen und gewiß auch viele alte Soldaten und sicherlich sind sie schon oft genug und besser als ich es vermag, von Schriftstellern dargestellt worden, Menschen, die die Befriedigung einer rätselhaften Lust darin finden, die Mitmenschen in Erstaunen zu setzen durch Erfindung unwahrer Geschichten, an deren Wahrheit sie keinen Zweifel dulden und an die sie selbst unbedingt glauben wollen. Ich weiß nicht, worauf diese Lust zurückzuführen ist, ob auf den Alkohol oder eine krankhafte Veranlagung, und es fehlt mir an Wissen und Erfahrung, dieser Erscheinung auf den Grund zu gehen. Aber ich glaube, daß mein Vater nicht ganz diesen oft geschilderten Figuren der Romane und Theaterstücke zuzuzählen ist, deren eine oder mehrere wohl jeder auch im Leben kennenzulernen reichlich Gelegenheit gefunden hat. Ich möchte diese Leute »freiwillige Lügner« nennen, da sie nichts zur Erdichtung ihrer Lügen treibt, als die eigene Lust, und meinen Vater einen unfreiwilligen Lügner, einen Lügner aus Schwäche, einen Lügner aus Scham, der nicht wie jene eine lustige Figur für eine Komödie, sondern eher eine tragische für ein Trauerspiel abzugeben geeignet wäre. Mein Vater fing sich in den Fallen, die der Bucklige ihm mit aller List vor die Füße legte. Er sah keinen Ausweg, um Ruhe zu gewinnen, als die Lüge und er ergab sich ihr, unfreiwillig und widerwillig und mit Scham im Herzen. Mir ist, als wenn diese Scham, so sehr auch er sie in Alkohol zu ersäufen suchte, noch immer in seinem Herzen gebrannt habe, auch als er sich schon ganz in seiner Lüge verloren hatte, als sei die Furcht, einem Fremden zu begegnen, nichts anderes gewesen als eben diese Scham, die, neben dem unbestimmten Schuldbewußtsein, ihn davor zurückscheuen ließ, wieder vor einem neuen Menschen seine Schande zu enthüllen.

Man wird mich fragen, wieso es kam, daß ich, der ich schon damals so viel von den Verhältnissen, in die mein Vater verstrickt war, durchschaute, nicht hinging und meinen Vater seinem Schicksal entriß. Warum ich den Buckligen, als er sein erlogenes Gespräch mit dem Fremden schilderte, nicht als Lügner entlarvte. Warum ich im Wirtshaus, als ich ihn hilflos in die Enge getrieben, gequält, beschämt und verlacht sah, meinem Vater nicht zu Hilfe gekommen sei und ihn seinem Quäler, dem Buckligen, nicht entrissen habe. Vielleicht wenn ich vor meinem Vater und allen Zeugen, laut und ohne mich dessen zu schämen, die Wahrheit gestanden hätte, daß er kein ruhmbedeckter General sei, sondern ein wegen Unregelmäßigkeiten in den Kassen verabschiedeter Militärarzt, der sich nun zu Spott und Hohn hergebe, hätte ich ihn erinnern, ihn retten können. Ich schwieg. Ich fürchtete mich, zu sprechen. Ich war stumm geworden unter dem Haß, der mich umgab, des Friseurs, Miladas, meines Vaters Haß. Vielleicht auch, o Gott, daß neben der Furcht ein anderes noch mich zum Schweigen zwang. Vielleicht war es mein Los, mein Schicksal, des buckligen Friseurs Genosse zu sein und so das Werkzeug der Vernichtung.

Mein Vater vermied es in der Folge, dem Fremden zu begegnen. Er schlich vormittags so lange um den Friseurladen herum, bis er den Fremden ihn verlassen sah, um ihn ja nicht anzutreffen. Seine Angst, mit dem Unbekannten zusammenzukommen, vergrößerte sich von Tag zu Tag. Der Friseur hatte die Erregung, in der mein Vater sich befand, nicht nur bemerkt, er wußte sie auch zu vergrößern. Gewöhnlich erzählte er meinem Vater, daß der »Offizier« – so nannte der Friseur den Fremden – nach ihm gefragt habe.

»Nach mir gefragt?« Mein Vater schien bestürzt. »Nach mir gefragt? Haschek, was will er denn von mir? So will er etwas von mir, Haschek?«

»Ich weiß nichts«, erwiderte der Friseur, »ich weiß nichts darüber, Herr General. Er fragte nur so etwa: ›Was macht denn der alte General?‹ Aber mehr hat er nicht gesagt.«

»Mehr nicht, lieber Haschek, mehr nicht?«

Einmal empfing Haschek den General freudestrahlend. Nun endlich habe ihn der Offizier seines vollen Vertrauens gewürdigt. Er habe ihm alles erzählt, allerdings ihn durch feierliches Versprechen des Stillschweigens gebunden, das er nicht brechen werde. Nie würde er jemandem davon, was der Offizier über den Zweck seines Aufenthaltes in der Stadt erzählt habe, Mitteilung machen.

»Auch mir nicht, Haschek?« fragte mein Vater.

»Herr General, ich bitte gehorsamst um Entschuldigung. Auch Herrn General nicht. Zumal es ja eine Sache ist, die Herrn General nicht angeht, wenn sie auch interessant ist, sehr interessant.«

»Geht mich nicht an, lieber Haschek? Mich nicht? Na, dann gut, lieber Haschek!« Mein Vater lächelte. Er wollte gewiß nicht weiter forschen. Er war zufrieden. Was ging ihn der Fremde an, wenn er ihn in Ruhe ließ? Nun konnte er wieder aufatmen. Der Bucklige aber schien erwartet zu haben, er werde die Neugierde meines Vaters durch so verschleierte Andeutungen unfehlbarer wecken. Da er sich nun enttäuscht sah, schwieg er eine Weile, um dann von neuem zu beginnen. Er hatte das Kinn meines Vaters eingeseift, als er sich nahe zu seinem Ohr beugte:

»Es handelt sich um einen abgesetzten Offizier oder dergleichen«, sagte er.

Meines Vaters freudiger Gesichtsausdruck verschwand. Er schien vor Schreck wie gelähmt.

»Abgesetzt?«

»Ja, wegen Unregelmäßigkeiten abgesetzt. Er soll sich hier irgendwo aufhalten, Herr General. Aber ich darf nichts sagen, Herr General.«

»Was ist es, Haschek?«

»Ich darf es nicht erzählen, Herr General. Ich habe es ihm in die Hand versprochen, Herr General.«

»Erzählen Sie!«

»Ich melde gehorsamst, Herr General, ich darf nicht erzählen. Nicht einmal, wenn Herr General befehlen würden, ausdrücklich befehlen...«

»Ich befehle, Haschek«, sagte leise mein Vater.

»O Gott, warum habe ich nur davon begonnen!« Der Bucklige machte ein hilfloses Gesicht. »Nun bleibt mir nichts übrig, als... Aber Herr General möchte ich gehorsamst bitten, die Sache für sich zu behalten. Ein Amtsgeheimnis, Herr General. – Also ein abgesetzter Offizier soll da sein, abgesetzt wegen Kassaunregelmäßigkeiten und der fremde Offizier ist gekommen, um ihn hier zu beobachten und Material gegen ihn...«

»Material gegen ihn?«

»Material gegen ihn zu sammeln.«

Mein Vater saß im Rasierstuhl unbeweglich mit herabhängenden Armen. Er sah den Buckligen an mit einem kindlichen, furchtsamen, hilfesuchenden Blick.

»Lieber Haschek«, sagte er leise, »lieber Haschek.«

Nie habe ich mehr Schmerz um meinen Vater und mehr Mitleid mit ihm empfunden, als in diesem Augenblick.

Damals wußte ich noch nicht, weshalb der Fremde sich in unserer Stadt aufhielt, doch ich wußte es wenige Tage darauf, als ein Ereignis mich veranlaßte, hinter dem Fremden her zu sein und ihn zu beobachten. Ich komme damit zu jenem Punkt in meiner Schilderung, wo der Entschluß fortzufahren mir schwer wird. Mir scheint das, was ich nun mitteilen werde, und nicht die Tat, um deretwillen ich verurteilt wurde, das Niedrigste zu enthüllen, das in meiner Seele war. Aber ich kann nicht anders, als ohne ein Wort der Beschönigung die Tatsachen berichten und hinzufügen, wie groß die Scham darüber in meinem Herzen ist.

Seit früher Jugend schon, besonders aber seit ich aus der Kadettenanstalt zurückgekehrt war, empfand ich Lust daran, Tiere zu quälen. Gewöhnlich waren meine Opfer Katzen. Seltener Hunde und da nur ganz junge, noch zahnlose. Bellende Hunde fürchtete ich, sonst waren sie mir gleichgültig. Die kleinen, noch weichen, zahnlosen Hundejungen aber, die rund und dick wie kleine Maulwürfe sind, besonders solange sie noch blind sind, waren mir fast so lieb wie Katzen.

Bei Katzen machte ich keinerlei Unterschiede.

Ich glaube, in diesen Jahren hat es in unserer Stadt wenige Katzen gegeben, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Die Mehrzahl gewiß wurde von mir zu Tode gequält. Ich hatte verschiedene Systeme. Am einfachsten war das Ertränken. Dazu hatte ich einen eigenen Platz an einem Tümpel unweit der Stadt. Ich verfuhr hiebei so: Ich zog aus dem Tümpel ein Brett, an das der Leichnam einer von mir schon früher getöteten, verwesten Katze gebunden war, und befestigte über dieser toten Katze meine noch lebende. Dann tauchte ich das Brett ein, und zwar so, daß die Katze mit dem Unterleib zuerst ins Wasser kam. Ganz allmählich – es dauerte oft eine Stunde oder noch länger, bis die Katze ertrunken war – ließ ich sie dann im Wasser versinken. Ein anderes System bestand darin, daß ich die Schwänze zweier lebender Katzen an einem Brett aufeinandernagelte, dieses Brett an einem weit aus einer Mauer hervorstehenden Nagel befestigte und die beiden Katzen dann frei herabhängen ließ. Da sie nichts hatten, an das sie sich hätten klammern können, griffen sie nacheinander, begannen zu schwingen, sich immer fester ineinander zu verkrallen, bis sie sich endlich gegenseitig zerfleischten. Bei einer dritten Methode ging ich so vor, daß ich das Opfer in ein von mir angefertigtes schraubstockartiges Instrument spannte und darin dehnte, bis es seinen Qualen erlag.

Ich könnte seitenlang in solchen Schilderungen fortfahren, doch ich denke, es ist genug. Ich bete, daß man aus diesem erkenne, nicht wie mein Herz voll Grausamkeit war, sondern wie unglücklich ich war und wie einsam. Erst hier, im Kerker, hat mein Herz aus Unglück und Vereinsamtsein den Weg zu Ruhe, Milde und Versöhnung gefunden; doch zu diesem Weg war es schon damals bereit, als es sich unter den Stößen eines harten Erlebens in solche Bitterkeit verirrte.

Dieses mein Verhalten zu Tieren hat den Anlaß zu dem Zusammentreffen mit dem Fremden gegeben, von dem nachher so viel die Rede sein sollte. Das trug sich so zu:

Wenn ich einer Katze nachstellte, pflegte ich sie erst längere Zeit, wie ein Jäger sein Wild, zu beobachten. Um diese Zeit verfolgte ich einen Kater, ein schwarz- und braungeflecktes dickes Tier, dessen Gesichtszüge sich mir wegen des Vorfalles, zu dem er die Veranlassung gab und, weil er mein letztes Opfer gewesen ist, besonders deutlich eingeprägt haben. Auch Katzengesichter gleichen einander nicht, ebensowenig wie die Gesichter der Menschen. Das Gesicht dieses Katers nun machte einen gütigen Eindruck wie manchmal die Gesichter dicker Menschen. Man soll nicht lächeln, wenn ich so von Tieren spreche, als wären sie Menschen. Denn nicht anders wie bei Menschen lassen ihre Gesichter Schmerz, Freude, Zorn und Angst erkennen, nur sind die wenigsten Menschen imstande, in den Gesichtern der Tiere zu lesen. Ich habe Haß gegen mich aus den Zügen meiner Opfer gelesen, Ergebung in das Schicksal, manchmal einen Strahl der Hoffnung in ihren Augen gesehen. Im Gesichte dieses Katers nun war Güte und als er mit verletzten Gliedern vor mir am Boden lag, war nicht Zorn in seinem Antlitz und Haß, sondern wie zu schmerzvollem Weinen war es verzogen.

Ich hatte beobachtet, daß dieser Kater jeden Abend über das Dach des Hauses ging, das an den Gasthof grenzte. Ich wußte genau seinen Weg, der etwa in der Mitte der Dachfläche, einen Meter vielleicht unter den Dachluken, vorbeiführte. Ich schlich mich auf den Boden des Hauses, legte eine Schlinge auf des Katers Weg, befestigte sie dort mit einem Stein und ließ das andere Ende des Seiles auf die Straße fallen. Dann verließ ich den Boden und stellte mich auf der Straße auf die Lauer. Das Ende der Schlinge hielt ich in der Hand. Mehrere Tage wartete ich vergebens. Immer hörte ich im stillen Abend die Schritte des Katers auf dem Dach, allein noch hatte er sich nicht gefangen. Endlich, etwa am vierten Tag, fühlte ich ein leises Zerren am Seil, ich zog an, überwand mit einem Ruck den Widerstand und schon im nächsten Augenblick flog im Bogen eine dunkle Masse vom Dach auf das Steinpflaster des Ringplatzes. Ich trat rasch hinzu. Der Kater winselte leise. Die Schlinge hatte sich um seine Schultern gelegt. Ich betrachtete mein Opfer einen Augenblick, indem ich mich zu ihm hinabbückte. Dann hob ich das Seil, schwang es mit der Last einigemal durch die Luft und ließ es wieder zur Erde fallen. Ich wußte nicht, daß jemand mich beobachte. Als ich gerade mit dem Fuß auf den Schwanz meines Opfers trat und zugleich am Seil zog, die Schlinge möglichst festzuziehen, trat der Fremde auf mich zu.

Der Fremde sah mich einen Augenblick fest an. Vielleicht erwartete er, ich würde, ertappt, sogleich innehalten oder davonlaufen. Ich aber wich seinem Blick nicht aus und unterbrach auch mein Vorhaben keineswegs. Da hob der Fremde die Hand und schlug sie mir zweimal ins Gesicht. Dann wandte er sich, stumm, wie er gekommen war, und ging. Zugleich hörte ich hinter mir lautes Lachen. Ich sah den Buckligen, der wohl gerade ins Wirtshaus ging und so Zeuge dieser Szene geworden war.

Ich wußte nichts anderes zu tun, als dem Kater mit dem Absatz meines Stiefels den Kopf zu zertreten.

Von vornherein empfand ich gegen den Fremden, diesen schlanken, gutgebauten, eleganten und selbstsicheren Menschen, Abneigung. Allein dieser Vorfall, der meine Abneigung vielleicht erhöhte, verwandelte dieses Gefühl doch keineswegs in Zorn, als hielte ich es im Grunde für selbstverständlich, daß es einem solchen Menschen wie dem Fremden zustände, einen Menschen wie mich zu züchtigen. In den nun folgenden Tagen aber beobachtete ich den Fremden aufmerksam und benützte jede freie Stunde, ihm unauffällig zu folgen. Vielleicht wollte ich bloß etwas Näheres über ihn erfahren, meine Neugierde zu befriedigen, vielleicht hoffte ich, es würde sich so mir eine Waffe gegen ihn bieten, vielleicht aber auch, daß gerade die Lust mich anzog, in der Nähe des Stärkeren zu sein, in Haß und Liebe seinem Schritt zu folgen, der Gefahr, ihm zu begegnen, mich auszusetzen.

Ich fand bald den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt. Ich verfolgte ihn auf Spaziergängen in den Wald, bei denen er mit einer Frau, die ich kannte, zusammentraf. Ich beobachtete, daß manchmal abends diese Frau vom Fremden durch den hinteren, in einer unbelebten schmalen Seitengasse gelegenen Eingang in den Gasthof eingelassen wurde. Diese Frau hätte, wenn ich ihren Namen vor Gericht genannt hätte, aussagen müssen, daß ich nicht in der Absicht, einen Mord zu begehen, zu dem Fremden gekommen war an demselben Tage, an dessen weiteren Verlauf der Mord geschah, daß nicht mein Vater mir, wie der Bucklige aussagte, sondern ich meinem Vater nachgeeilt war. Denn diese Frau befand sich bei dem Fremden, als wir, mein Vater und ich, bei ihm waren. Nur ich wußte es. Aber ich nannte ihren Namen nicht.

Ich weiß nicht, ob der Fremde bemerkt hatte, daß ich ihn verfolge, und fürchtete, ich könnte ihn verraten, oder ob wirklich Reue über sein Verhalten gegen mich und Mitleid mit mir ihn bewogen, mir den Brief zu schreiben, der bewirkte, daß ich meine Beobachtungen einstellte und daß meine Abneigung gegen ihn sich in schüchterne Ergebenheit wandelte. Dieser Brief hatte auch zur Folge, daß ich niemals mehr mich an Tieren verging.

Dieser Brief war der einzige, den ich je in meinem Leben empfangen habe. Der Postbote brachte ihn, etwa eine Woche nach meinem Zusammentreffen mit dem Fremden, an einem Morgen, bevor noch der Bucklige den Laden betreten hatte. Als er nachträglich davon erfuhr, wollte er den Brief sehen. Die schwangere Milada und er drangen in mich, ihnen zu sagen, wer mir geschrieben habe und den Brief zu zeigen. Ich aber weigerte mich. Da schlugen sie mich, warfen mich auf die Erde und durchsuchten meine Taschen. Ich aber hatte den Brief in einer Ritze des Fußbodens versteckt.

Der Brief war gerichtet an den kleinen Soldaten im Laden des Friseurs Haschek und lautete:

Lieber kleiner Soldat!

Man scheint Dich unter keinem anderen Namen hier zu kennen. Falls dieser Name Dich sonst kränkt, nimm ihn mir nicht übel, der ich ihn in bester Absicht niederschreibe, da ich Deinen wahren Namen noch nicht erfahren habe und auch nicht weiter nach ihm forschen will.

Wundere Dich nicht, daß ich Dir schreibe. Ich könnte ja auch zu Dir sprechen, da ich Dich doch täglich in dem Laden, in dem Du tätig bist, sehe. Allein, teils fällt es mir leichter, was ich Dir sagen will, zu schreiben, teils möchte ich nicht, daß der Meister, der weder Dich noch mich zu lieben scheint, von dem, was zwischen uns beiden vorgeht, irgend etwas erfährt. Zeige ihm, auch wenn er Dich darum angeht, diesen Brief nicht! Vielleicht denkst Du, kleiner Soldat, ich sei ein glücklicher Mensch, weil ich Dich geschlagen habe. Weil ich so, ohne Dich zu kennen, ohne etwas von Dir zu ahnen, einfach hinging und Dich schlug. So sorglos schlagen, denkst Du, können gewiß nur glückliche Menschen. Aber, kleiner Soldat, auch ich bin kein glücklicher Mensch, sowie gewiß – mir ist, als wisse ich es – auch Du unglücklich bist. Verzeih mir, daß ich Dich schlug, anstatt mit Dir zu sprechen. Ich weiß nicht, welche Trauer, welcher Schmerz, welche Einsamkeit, welche Verlassenheit in Dir ist, daß Du hingehst und unschuldige Tiere zu Tode quälst. Ich habe gestern in meinem Zimmer aus Schmerz und Kummer Bücher und Wäsche zerrissen. Da war mir mit einem Mal, als verstünde ich Dich. Und ich beschloß, Dir zu schreiben, damit Du mir verzeihst.

Mir graute vor Dir, als ich Dich mit der armen Katze sah. Ich will nicht fragen, was weiter aus ihr geworden ist. Aber doch glaube ich nicht, daß Du ein Mörder bist, sondern ein armes unglückliches heimatloses Kind. Vielleicht hast Du nie eine Mutter gehabt. Ich möchte fast zu Gott beten um Dich, daß er Dich lehre, Deinem Unglück und Dir selbst zu verzeihen.

Ich hörte, Du wolltest Soldat werden und habest noch immer den Gedanken daran nicht aufgegeben. Ich hoffe, Deine Wünsche, kleiner Soldat, gehen in Erfüllung. (Hier war etwas gestrichen. Ich konnte es nicht entziffern. Dann ging der Text weiter:) Wo aber es Dir nicht gelingt, lerne verstehen, daß die Zeit der Hoffnung reicher ist, als die Zeit der Erfüllung.

Du wirst nicht begreifen, warum ich Dir schreibe, zumal vielleicht manches von dem, was ich geschrieben habe, unklar und unverständlich ist. Aber auch ich, der ich in meinem Zimmer sitze und an Dich denke, Dich mit mir vergleiche, kann nicht alles begründen, denn auch in mir ist nicht alles so sicher und klar, wie es Dir scheinen mag.

Ich grüße Dich, kleiner Soldat.
Quäle keine Tiere mehr!

Ich zeigte Milada und dem Friseur den Brief nicht. Es stand darin: Zeige ihm, auch wenn er Dich darum angeht, diesen Brief nicht! Und nie, und wenn sie mir mit dem Tod gedroht hätten, hätte ich den Brief gezeigt. Der Fremde wußte nicht, was ich so, lange noch, um ihn litt. Ich aber war froh, um ihn zu leiden.

Ich habe nie ein Wort mit dem Fremden gewechselt, nie auf diesen Brief, weder mündlich noch schriftlich, erwidert. Ich fing eine junge kleine Katze, band ihr eine Masche um den Hals, legte sie in eine Schachtel, bettete sie auf Sägespäne und stellte dazu ein kleines Töpfchen mit Milch. Das alles legte ich dem Fremden vor die Tür.

Unterdessen hatte sich der Zustand meines Vaters wesentlich geändert, was auch äußerlich zu erkennen war. Eine große Unruhe schien sich seiner bemächtigt zu haben, die ihn nicht sitzen und nicht still stehen ließ. Seine Augen, deren Blick sonst fast starr war, blickten unruhig, sein Gang, sonst gemessen und würdig, war hastig, seine Rede unterbrach sich, die Stimme war gedämpft meist bis zum Flüstern, Bart und Anzug waren vernachlässigt. Nahezu den ganzen Tag über hielt sich mein Vater in der Nähe der Rasierstube, um, wenn der Laden leer war, hineinzuschleichen und mit dem Buckligen zu flüstern. Wenn der Fremde morgens den Laden verließ, trat, vorsichtig sich umsehend, mein Vater ein und blickte ängstlich nach dem Friseur. Haschek winkte ihn zu sich in eine Ecke und teilte ihm leise, so daß ich es nicht hören konnte, etwas mit, was allem Anschein nach meinen Vater von neuem mit Angst erfüllte.

Ich glaube, der Bucklige flüsterte meinem Vater nicht bloß deshalb das, was er ihm sagen wollte, so leise ins Ohr, um den Eindruck des Geheimnisvollen zu erhöhen, sondern auch, weil er nun, wo er den kaum erwarteten Erfolg bei meinem Vater sah, fürchten mochte, ich würde seine Pläne durchkreuzen. Ich will zugeben, daß der Bucklige wohl kaum alles, wie es kam, voraussah. Sein Plan war, meinen Vater durch Angst und Schreck vor Enthüllungen immer tiefer zu erniedrigen, werde daraus, was daraus werden wolle.

Wie groß die Erregung war, die sich in dieser Zeit meines Vaters bemächtigt hatte, bemerkte ich eines Abends im Gasthaus. Wieder saß ich bei dem Tisch bei der Tür, mein Vater war damals an dem Tisch mir quergegenüber. Der Friseur saß einige Stühle weit von ihm an demselben Tisch, mit dem Rücken gegen das Fenster. An der Unterhaltung beteiligte sich anfangs mein Vater nicht. Er saß da und lächelte nach allen Seiten wie entschuldigend. Dieses Lächeln ließ sein Gesicht hilflos erscheinen und dümmer als sonst.

Die Herren an meines Vaters Tisch tuschelten untereinander und kicherten. Der Friseur hatte sie wahrscheinlich auf das, was mit meinem Vater vorging, aufmerksam gemacht. Einer sagte:

»Sie sind so still, Herr General!«

Mein Vater antwortete nicht, sondern lächelte unverändert weiter.

»Wir wollen doch zusammen eins trinken, meine Herren«, sagte wieder der Herr. »Der Herr General scheint mir nicht in Stimmung zu sein. Nicht in rechter Stimmung!«

Sie ließen einige Flaschen Wein kommen und schenkten meinem Vater ein, der rasch und gierig trank. Alle tranken ihm zu. Nach einer Weile erhob sich der Friseur und verließ das Zimmer. Nach etwa einer Viertelstunde kehrte er zurück. Sein Gesicht war ernst und er blickte meinen Vater an, aus dessen Antlitz nun das starre Lächeln gewichen war. Der hatte schon viel getrunken und seine Hände zitterten, wenn er das Glas an den Mund führte. Er hatte die Füße von sich gestreckt, und hielt die Hände, wenn er nicht trank, in den Hosentaschen. Der Weingenuß hatte ihn wieder selbstsicherer gemacht. Nun er den Friseur sah, der mit so ernster Miene eintrat, ward der Blick, der frei in die Runde gesehen hatte, von neuem ängstlich.

»Was gibt's, Haschek?« fragte mein Vater.

»Ach, der Fremde...« sagte wegwerfend und ärgerlich der Bucklige.

»Was gibt's?«

»Sprechen wir nicht davon! Trinken wir! Herr General, ich erlaube mir ganz gehorsamst!«

Mein Vater führte wie mechanisch das Glas an den Mund. Doch seine Hände zitterten so, daß er den ganzen Wein auf seine Weste vergoß. Er fuhr zusammen, machte eine ungeschickte Bewegung, als wollte er die Flüssigkeit, die schon über die Kleider rann, noch zurückhalten und ließ dabei das Glas fallen, das klirrend zerbrach. Die Herren lachten.

»Herr General!«

Mein Vater war aufgestanden und sah den Buckligen an, indes einer von der Tischgesellschaft meines Vaters Kleider mit einem Tuch reinigte.

»Was gibt's?« fragte mein Vater wieder. »Lieber Haschek, was gibt's?«

Jemand drückte meinen Vater zurück auf seinen Platz.

»Meine Herren«, sagte der Friseur, »ein alter, verdienstvoller Offizier weilt in unserer Mitte, ein Mann, der nun unter uns der verdienten Ruhe lebt. Aber sein Herz scheint heute von Kümmernissen bedrückt. Meine Herren, geben wir uns Mühe, die Mienen des verdienten Herrn General zu erheitern. Stoßen wir an mit ihm auf sein Wohl.«

»Was gibt's, lieber Haschek?«

Die Herren stießen mit meinem Vater an, der hastig einige Gläser leerte. Es waren Beamte von den Ämtern des Bezirkes, vom Gericht, der Notar unseres Ortes und zwei größere Kaufleute. Ich glaube, diese Herren hätten sich sonst nicht mit dem Buckligen an einen Tisch gesetzt, keinesfalls aber gestattet, daß er in ihrer Gesellschaft das große Wort führe. Da aber er meinen Vater am besten zu behandeln, ihn am besten in seiner Lächerlichkeit zu demonstrieren verstand, ließen sie es wohl zu und fügten sich sogar seinen Anleitungen, so etwa wie man sich den Anordnungen eines Dompteurs fügt, der ein gezähmtes Tier vorführt, weil man so am sichersten das erhoffte Vergnügen zu finden glaubt.

»Meine Herren«, fuhr der Bucklige fort, »glauben Sie mir, daß sich mein Herz zusammenkrampft, wenn ich daran denke, womit Tapferkeit, Verdienst, Aufopferung und Treue belohnt werden! Ich habe Gelegenheit gehabt, einen Fall kennenzulernen, allerdings ohne die Namen der Beteiligten zu wissen. Einem bejahrten Offizier wird nachgestellt, Untersuchungen werden ihm an den Hals gehetzt. Warum, frage ich Sie, warum? Weil die, die dem alten Herren während seines Dienstes nachgestellt haben, in ihren Verfolgungen kein Halt machen vor dem bescheidenen anspruchslosen Glück seiner zurückgezogenen Ruhe. Warum? Weil sie den Aufrechten hassen, der lieber den in Ehren getragenen Rock auszog, als sich zu beugen! Herr General, ich bitte gehorsamst um Entschuldigung, wenn ich ohne Erlaubnis so viel spreche. Ich bin gleich am Ende. Es drängt mich, zu sagen, was ich glaube. Meine Herren! Ich glaube, daß auch der Herr General die Angelegenheit kennt, die ich angedeutet habe und daß sein edles Herz Mitleid empfindet mit dem unschuldigen Opfer ehrgeiziger Intrigen. Darum ist der Herr General still. Vielleicht, meine Herren, denkt er auch: was heute dir geschieht, Kamerad – wie leicht ist es möglich, daß das Opfer der Genosse seiner Tapferkeiten gewesen ist, neben ihm stand in den Stunden des Todes auf den Schlachtfeldern Europas! –, was heute dir geschieht, Kamerad, kann morgen mir geschehen! Und wer wird neben mir stehen, wenn man mich anfällt? Meine Herren, versichern Sie den Herrn General Ihrer Treue! Meiner Ergebenheit kann er gewiß sein. Aber was kann ich, ein Bartscherer, ihm nützen? Sie stehen in angesehenen Stellungen. Erheben Sie sich, treten Sie auf diesen verdienstvollen Mann zu, geloben Sie ihm in die Hand, daß Sie an ihn glauben und ihm zur Seite stehen wollen. Er hat es um uns alle verdient. Ohne ihn vielleicht hätte der Feind unsere Heimat verwüstet und uns als Jünglinge und Knaben gemordet.«

Der Bucklige hielt inne. Und die Herren standen auf und traten mit gravitätischem Schritt und ernsten Mienen, einer um den anderen, auf meinen Vater zu und drückten ihm die Hand. Mein Vater schien zuerst nicht zu wissen, was da geschehe, und erhob sich in großer Verlegenheit von seinem Platz. Mit einem Male begann er zu weinen.

Als alle ihm die Hand geschüttelt hatten, begann wieder der Bucklige:

»Und auch ich, Herr General, wenn auch ich eben nur ein Friseur bin und niemals, wegen der Gebrechen meines Körpers, würdig befunden wurde, auch nur als gemeiner Mann den Rock zu tragen, den durch Jahrzehnte Herr General getragen haben, bitte gehorsamst um die Erlaubnis, als letzter des Herrn General Hand ergreifen und schütteln zu dürfen.«

Er trat auf meinen Vater zu, sah ihn fest und ernst an und schüttelte meines Vaters Hand:

»Die Hand eines verdienstvollen Mannes!«

Mein Vater wischte sich die Tränen von den Wangen.

»Ja, ja«, sagte er. »Immerhin.«

Man setzte sich wieder und begann zu trinken. Meines Vaters Stimmung hatte sich, vielleicht durch die Vertrauenskundgebung der Anwesenden, vielleicht durch den Genuß des Weines, gehoben. Die anderen, durch die Aussicht auf Unterhaltung, die dieser Abend, der so vielversprechend begonnen hatte, noch bringen konnte, waren in bester Laune. Der Friseur, der den Undank der Welt an einem berühmten Beispiel illustrieren wollte, sprach von Benedek.

»Wir alle haben von ihm gehört!« sagte er.

»Wir haben von ihm gehört«, sagte mein Vater.

»Von Benedek?« fragte der Bucklige. »Herr General haben von Benedek...? Benedek hat Herrn General geschrieben?«

»Hat geschrieben, lieber Haschek.«

»Ich bitte gehorsamst, einen Brief?«

»Einen Brief geschrieben! Vor acht Tagen einen Brief.«

»Meine Herren, haben Sie gehört: Benedek hat – vor acht Tagen – an den Herrn General einen Brief geschrieben. Wird wohl gewiß ein alter Kriegskamerad sein, der sich Trost holen wollte, ein Freund vielleicht...«

»Vielleicht, ja, ja.«

»Herr General, ich melde gehorsamst, Herr General haben uns nichts davon erzählt.«

»Nichts erzählt, mein lieber Haschek. Aber immerhin. Alter Kamerad! Manche Nacht, lieber Haschek, in einem Bett geschlafen, aus einer Flasche getrunken, meine Herren, den letzten Schluck geteilt.«

»Und nun, zwei solche Männer«, rief der Bucklige und rang die Hände, »statt daß man ihre Dienste für uns alle weiter nützt, schickt man sie nach Hause, ja, man stellt ihnen noch nach!«

»Ja, meine Herren, verdiente Männer und man stellt ihnen nach!« sagte mein Vater mit schon schwerer Zunge. »Verdiente Männer! Schlachten, meine Herren, Gefechte, Tod ins Auge gesehen! Man macht nicht Halt davor! Wie hat Benedek geweint, als er mir von der Untersuchung erzählte wegen der Gelder. Dreihundert Gulden, meine Herren. Alles bezahlt, aber sie machen nicht Halt, möchten ihm noch im Grabe den Säbel zerbrechen.«

»Untersuchung? Gegen Benedek?« fragte der Bucklige. »Ich bitte gehorsamst, Herr General, also wann hat er das erzählt?«

»Vor acht Tagen, meine Herren! Vor acht Tagen. Ich traue meinen Ohren nicht! Was wollt ihr? Was wollt ihr von einem verdienten Mann, der nicht gewöhnt war, Kassenbücher zu führen, dessen Brust von oben bis unten mit Orden bedeckt sein sollte«, mein Vater hatte sich erhoben, »jawohl, von oben bis unten bedeckt mit dem höchsten Orden sollte sie sein, diese Brust!«

In diesem Augenblick trat der Fremde ein und ging geradewegs auf den Tisch zu, an dem er täglich sein Abendessen aß. Mein Vater aber wandte sich zu ihm und schritt ihm nach. Die Füße hoben sich schwer vom Boden und er schwankte. Doch er hielt sich hochaufgerichtet.

»Jawohl«, rief er und sah den Fremden an, »was wollen Sie! Diese Brust sollte mit Orden geschmückt sein, mein Herr, jawohl, die Brust eines alten Offiziers, jawohl, immerhin... die Brust eines verdienten Offiziers. Was verfolgen Sie ihn, Herr, was verfolgen Sie ihn! Wie viele Kriegszüge, bevor Sie noch auf der Welt waren... ja, und Sie, was schleichen Sie hinter ihm? Glauben Sie ihm, daß er unschuldig ist und nichts will, nichts, nur Ruhe, Herr, Ruhe, geben Sie ihm Ruhe, lassen Sie ihn, ich beschwöre Sie, lassen Sie ihn!«

Mein Vater stand dicht vor dem Tisch des Fremden. Seine Stimme schien nun von Tränen erstickt.

»Immerhin, doch ein verdienter Offizier!... Zeugen? Hier sitzen sie! Sie werden mich beschützen. Kommt, meine Freunde, nun ist es Zeit, tretet näher, beschützt ihn nun, euren Freund! Denn das ist er, euer Freund und ein verdienter Offizier, immerhin.«

Der Fremde sah meinen Vater, den er für verrückt halten mochte, erstaunt an. Da mein Vater sich immer näher zu ihm beugte und nicht innehielt, erhob er sich, wohl um die peinliche Szene zu beenden, und ging, an meinem Tisch vorbei, rasch in die Küche. Mein Vater, der die Arme ausgestreckt hatte, als wollte er den Fremden umarmen, blieb unbeweglich stehen und sah ihm erschrocken und erstaunt nach. Für einen Augenblick verzog sich sein Gesicht wieder zu jenem hilflosen und um Verzeihung bittenden Lächeln, dann aber brach mein Vater auf dem Stuhl, auf dem eben noch der Fremde gesessen hatte, schluchzend zusammen.

Jetzt erhob sich der Bucklige und ging auf meinen Vater zu. –

Ich komme nun dazu, die Tat und die ihr unmittelbar vorhergehenden Ereignisse zu schildern. Alles vollzog sich schnell, in wenigen Stunden. Ich kann nicht mehr, als das Tatsächliche, wie es geschah, beschreiben. Denn alles geschah so schnell. Freude, Schmerz, Leidenschaft, Ekel, Ruhe und Haß wechselten in diesen Stunden so in meinem Herzen, daß es mir nicht möglich ist, ihre Folgen zu entdecken und verständlich zu machen. Mir ist, als seien in dieser kleinen Spanne Zeit alle Kräfte meines Lebens, die guten wie die bösen, lebendig gewesen. Und ich hoffe, wer aus diesen Aufzeichnungen mich versteht, wird alles erkennen, das, was ich sage, wie das, was ich, weil es mir selbst wie von Dämmerung verhüllt ist, nicht zu sagen vermag. Und begreifen, warum ich mich bemühen will, so kühl wie möglich den Hergang zu erzählen.

Es war wenige Tage nach der zuletzt beschriebenen Szene im Wirtshaus, als ich abends die Rolläden unseres Ladens schloß, um nach Hause zu gehen. Milada und der Friseur hatten das Haus schon vor einigen Stunden verlassen.

Unser Laden lag am oberen Ende des Marktplatzes. Langsam ging ich den leicht abfallenden Platz hinunter. Es war zum letzten Male. Wenige Stunden darauf war ich verhaftet.

Als ich etwa in der Mitte des Weges angelangt war, erblickte ich meinen Vater, der eilends den Platz überquerte. Ich zweifelte nicht daran, daß er ins Gasthaus gehe. Trotzdem blieb ich stehen und sah ihm nach. Wirklich schritt er rasch auf den Gasthof zu. Vor der Tür blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um. Er schien zu zaudern, ehe er wie in plötzlichem Entschluß in das Haus hineinlief.

Ich hatte schon den Weg fortgesetzt, als ich erschrocken stehen blieb. Plötzlich, vielleicht weil mir das merkwürdige Benehmen meines Vaters aufgefallen war, kam mir ein Gedanke, der sich sogleich in mir festsetzte und mich nicht mehr losließ. Am Ende, dachte ich, ist er gar nicht in die Wirtsstube gegangen, sondern hinauf! Und schon wandte ich mich und lief auf das Haus zu, in dem mein Vater verschwunden war. Ich wollte verhindern, daß mein Vater wieder sich vor dem Fremden erniedrige. Ich wollte nicht, daß der Fremde, dem ich mich damals restlos ergeben fühlte, nachdem er mich als grausamen Katzenmörder kennengelernt hatte, nun meinen Vater in seiner tiefen Gesunkenheit erkenne. Ich wollte nicht neuerlich beschämt sein vor dem Fremden durch meinen Vater.

Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Schon als ich in die weite Einfahrt des Gasthauses trat, hörte ich von oben die laute Stimme meines Vaters. Ich lief die Treppe hinauf und, ohne zu klopfen, trat ich durch die Tür.

Der Fremde, mit einem vornehmen Schlafanzug bekleidet, stand scheinbar ratlos meinem Vater gegenüber. Ich sah sofort, daß mein Vater getrunken hatte. Mein Blick fiel auf ein kleines Kätzchen, das in einer Ecke spielte, und ich freute mich. Doch schon sah ich auf einem Sessel Kleidungsstücke, die einer Frau gehören mußten, und erkannte, daß sich im Bette jemand verberge. Ich wußte, wer es war.

Der Fremde sah mich, als käme ich, ihm Rettung zu bringen, freudig an. Ich wich seinem Blick unwillig aus. Ich wußte, was ihn ängstigte: daß man die Frau in seinem Bett entdecken könne. In diesem Augenblick fühlte ich Widerwillen gegen ihn, der eben von dieser Frau aufgestanden war.

Auch mein Vater schien sich zu freuen, als ich eintrat.

»Sehen Sie!« rief er unter Tränen. »Mein Sohn, mein armes Kind! Wenn Sie nicht Mitleid mit dem Vater haben, schonen Sie seinen unglücklichen, armen, unschuldigen Sohn!«

Ich trat auf meinen Vater zu.

»Schweigen Sie!« sagte ich zornig.

»Aber was wollen Sie?« fragte der Fremde. »Was wollen Sie von mir!«

»Nichts als Mitleid, Gnade! Halten Sie ein, ich beschwöre Sie, und schonen Sie mich! Ja, ich bin ja schuldig! Aber Sie, Sie sind jung... Sie wissen es nicht! Wollen Sie nicht Richter sein! Über einen verdienten, in Schlachten erprobten... Glauben Sie einem in Schlachten erprobten Offizier! Ein graues Haupt, ein armes Kind, Herr, haben Sie Gnade, versprechen Sie mir...!«

» Aber, lieber Herr, ich habe nicht zu begnadigen...!«

Da warf sich mein Vater vor dem Fremden auf die Knie. Er streckte die Hände nach ihm. Der Fremde wich einen Schritt zurück.

»Gnade, verschonen Sie mich, ein graues Haupt, Herr, ein graues Haupt. Haben Sie Mitleid, Herr, mit dem Kind, Herr, mit dem Kind!«

Er rutschte schluchzend auf den Knien auf den Fremden zu und streckte seine Hand nach der Hand des Fremden. Der Fremde aber zog sie zurück. Da beugte mein Vater sein Haupt, so als wollte er die Schuhe des Fremden küssen.

Ich ergriff bebend meinen Vater am Arm.

»Stehen Sie auf und kommen Sie!« sagte ich.

Mein Vater sah mich unwillig an und versuchte, sich von meiner Hand zu befreien. Ich schüttelte ihn so, als wollte ich ihn wecken.

»Stehen Sie auf, Vater!« Ich war zornig und ich schämte mich.

»Nein, nein«, rief mein Vater, »erst begnadigen Sie mich. Ich bin schuldig, aber begnadigen Sie mich! Ich stehe nicht früher auf. Gnade... mein graues Haar!«

Wieder beugte sich mein Vater schluchzend zu den Füßen des Fremden, die in roten Pantoffeln steckten.

Ich riß meines Vaters Oberkörper hoch und sah in sein Gesicht. Ich sah Tränen aus den Augen in den Bart rinnen.

»Kommen Sie!« schrie ich und da er weiter schluchzte, schlug ich meinen Vater ins Gesicht.

Da stand mein Vater auf. Sein Gesicht war plötzlich ernst. Er faßte mich an.

» Komm!« sagte er, und wir gingen.

Als wir vor das Haus traten, blieb mein Vater, der mich noch immer hielt, stehen. »Du hast deinen Vater geschlagen«, sagte er. »Du bist des Todes. Komm!«

Wir gingen über den Platz auf unser Haus zu, und ich fürchtete mich nicht. Ich zweifelte nicht, daß mein Vater mich nun töten würde und doch fürchtete ich mich nicht. In mir war Freude. Ich dachte, daß nun mein Vater seine alte Dienstpistole, die ich so oft geputzt hatte, aus dem Schrank nehmen, sie laden und dann gegen mich richten würde. Ich freute mich, und ich dachte an römische Feldherren, die ihre Söhne getötet hatten.

Meine Stimmung änderte sich, als ich, noch immer von meinem Vater am Rockärmel geführt, die dunkle Treppe zu unserer Wohnung hinaufstieg. Ich hörte Stimmen, und ich erkannte Milada und den Friseur. Sie saßen in unserem Wohnzimmer. Auf dem Tische standen Flaschen und Gläser. Milada schien nicht mehr nüchtern zu sein. Wahrscheinlich hatte mein Vater, bevor er zum Fremden ging, mit ihnen getrunken.

Gleich als wir eintraten, sagte mein Vater:

»Er hat seinen Vater geschlagen. Er muß sterben!«

»Den Vater geschlagen? Du!« Der Bucklige stieß mich gegen die Brust. »Hast du gehört, du wirst sterben!«

Ich glaube nicht, daß der Friseur es hätte dazu kommen lassen.

Die betrunkene Milada drängte sich an mich. Ich stieß sie fort. Sie war schwanger und das erhöhte meinen Ekel vor ihr.

Mein Vater hatte seine Pistole aus dem Schrank genommen. Seine Hände zitterten so, daß er sie nicht laden konnte. Der Bucklige war in den Hintergrund des Zimmers getreten. Er hatte Angst vor Schußwaffen. So lud ich die Pistole und legte sie auf den Tisch. Jetzt kam Haschek aus seinem Winkel wieder hervor.

»Trinken wir!« sagte er.

»Und er?« Mein Vater wies auf mich.

»Er soll sterben. Aber zuerst trinken wir!«

»Er soll uns zusehen«, rief Milada, »wie wir trinken. Binden wir ihn an die Tür! Binden wir ihn!«

Sie drängte mich gegen die offene Tür der Schlafkammer. Der Bucklige fand einen Strick. Man legte mir den Strick um die Füße, zog ihn fest und band ihn um die Türangel. Erst schwankte ich und konnte so nicht stehen. Aber dann gewöhnte ich mich daran, wie auch die Füße mich schmerzten, und hielt mich aufrecht.

Sie schrien und tranken. Mein Vater war still geworden, allein auch er trank viel. Er saß auf dem alten Sofa, bis er umsank. Milada beschimpfte mich fortwährend. Einmal stand sie auf und spuckte mir ins Gesicht. Als ich ihren Speichel abwischen wollte, warf sie ein Weinglas nach mir, daß ich aus der Stirn blutete. Ich verhüllte mein Gesicht mit den Händen. Da schrie sie, ich dürfe mein Gesicht nicht verhüllen und suchte meine Hände von meinem Gesicht zu entfernen. Dabei berührte sie mit ihrem trächtigen Leib meinen Körper, daß mir graute. Sie rief den Buckligen, daß er ihr helfe. Dem Buckligen leistete ich keinen Widerstand. Doch sie stieß ich von mir.

Da schrie sie auf, befahl dem Friseur, mich zu halten und riß mir Rock und Hemd vom Körper. Sie stieß mir die Faust gegen die nackte Brust, daß mir der Atem verging. Dann öffnete sie meine Hosen, daß ich nackt war. Ich wand mich unter den Händen des Friseurs, die mich hielten. Milada betastete mich.

»Ein Mann«, rief sie, »seht mal, schon ein Mann!«

Sie lachte.

»Er ist aufgeregt! Man muß ihn abkühlen.«

Sie goß mir Wein über das Glied und lachte.

Sie lachte immer stärker, krampfartig und unheimlich. Der Bucklige ließ mich los. Ich zog meine Hosen hoch.

Milada aber begann sich zu drehen und zu schreien. Dann riß sie die Röcke von ihrem Leib und stürzte mit einem Aufschrei zu Boden.

Es geschah, daß sie in die Geburtswehen kam.

Der Bucklige durchschnitt rasch meine Fußfesseln.

»Gib acht!« sagte er. »Ich laufe um einen Arzt.«

Ich konnte erst nicht gehen, sondern fiel zu Boden. Dann erhob ich mich. Milada lag, sich windend, mit gespreizten Beinen am Boden. Das Hemd hatte sie gehoben und hielt den unteren Rand in den Zähnen, daß ihr aufgetriebener Leib sichtbar war. Ich sah Blut zwischen ihren Füßen. Sie warf sich in großen Schmerzen.

Ich nahm die Pistole vom Tisch. Mein Blick fiel auf meinen Vater.

Mein Vater lag mit geschlossenen Augen auf dem schwarzen Sofa. Sein Kopf hing zur Seite hinab. Ein schmaler grüner Streifen von Schleim und Speichel rann aus seinem offenen Mund. Mir war einen Augenblick lang, als müßte ich sogleich meinen Vater töten. Ich hätte das Leben dieses armen Mannes nur um drei Tage gekürzt.

Milada, deren Füße ich den Boden schlagen hörte, schrie auf. Dann war es still. Ich trat auf Milada zu.

Ein schmutziger blutiger Klumpen lag zwischen ihren Füßen in einer Lache von Blut und schlechtriechender Flüssigkeit. Ich sah das Kind an. Es winselte ganz dünn, daß man es kaum hören konnte. Ich mußte an ganz junge Katzen denken. Noch immer hielt ich die Pistole in der Hand.

Ich hörte Schritte auf der Treppe und dachte, der Bucklige komme zurück. Es wurde geklopft. Ich antwortete nicht.

Da wurde die Tür geöffnet, und der Fremde trat ein.

Ich erschrak und sah ihn an. Er trug Lackschuhe, gebügelte Hosen, einen enganliegenden Winterrock und einen grünen Filzhut. Ich stand da zwischen einem sinnlos betrunkenen Vater und einem neugeborenen Kind, das zwischen den gespreizten Beinen der bewußtlosen Mutter in Blut und Dreck lag und noch von ihr nicht gelöst war. Mein Oberkörper war blutig geschlagen und nackt. Der Fremde konnte meine flache Brust sehen und meinen schiefen Rücken. Ich dachte an seine roten Pantoffel. Ich hob die Pistole und schoß.

Der Fremde brach ohne Schrei zusammen. Ich nahm Watte, von der mein Vater täglich ein Stück in seine Ohren steckte, tauchte sie in Wasser und wusch damit vorsichtig Miladas Kind.

Der Bucklige trat mit dem Arzt ein. Sie stießen gleich auf den Fremden.

»Wer hat das getan?« fragte der Arzt.

»Dort.« Der Bucklige wies auf mich und lächelte.

»Holen Sie die Polizei!«

»Fürchten Sie sich nicht!«

Sie beugten sich über Milada.

»Man muß sie ins Bett legen«, sagte der Arzt. »Ich hole meine Sachen und verständige sogleich die Polizei.« Sein Blick fiel auf meinen Vater. »Was ist denn das?«

»Stinkbesoffen«, sagte der Friseur.

»Ja und da... die Pistole?«

»Können Sie liegen lassen. Es geschieht nichts. Ich bleibe da.«

Als der Arzt gegangen war, zog der Bucklige einen Geldschein aus der Tasche. »Lauf fort«, sagte er.

Ich aber lief nicht fort. Ich setzte mich an das Fenster und wartete.

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