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Knaben und Mörder

Herrmann Ungar: Knaben und Mörder - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKnaben und Mörder
authorHermann Ungar
firstpub1920
year1993
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
addressReinbek
isbn3-499-40079-0
titleKnaben und Mörder
created20051018
sendergerd.bouillon
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Geschichte eines Mordes

Ich weiß nicht, ob meine Abneigung gegen bucklige Menschen die Folge meiner tiefen Abneigung gegen den buckligen Friseur in unserer Stadt gewesen ist oder ob, umgekehrt, meine ursprüngliche Abneigung gegen Verwachsene sich in diesem Menschen bestätigt hat. Mir will scheinen, daß ich von jeher einen unüberwindlichen Widerwillen gegen alles von Gott mit Höcker, Geschwür, Aussatz, Flechten und ähnlichem Makel Gezeichnete empfunden habe, ja, im Grunde sogar gegen alles Schwache und Zarte, selbst gegen Tiere, soweit sie eben von Natur aus nicht mit Stärke und Kraft versehen waren.

Nach diesem könnte man annehmen, daß ich selbst immer ein kräftiger und gesundheitsstrotzender Mensch gewesen bin. Ich möchte nun gleich erklären, daß gerade das Gegenteil davon wahr ist. Ich war so schwächlich, daß ich aus der Kadettenschule, in die ich durch Inanspruchnahme aller Beziehungen meines Vaters endlich aufgenommen wurde, bereits nach etwa einem halben Jahre ausscheiden mußte. Ich war immer klein, mager, schmal, mein Gesicht war stets bleich wie Wachs, meine Schultern waren so hoch, daß ich den Eindruck leichter Verwachsenheit hervorrufen konnte, um die Augen hatte ich stets dunkelblaue Ringe, meine Gelenke und meine Knochen waren immer und sind noch heute zart. Wundert man sich, daß ich trotzdem alles Schwache haßte? Ist es nicht vielmehr wahr, daß man nichts so aus der Tiefe seines Herzens hassen kann und verachten als sich selbst oder sein Spiegelbild?

Ich werde die Geschichte einer Tat erzählen, die die Geschichte meiner Jugend ist. Meine Knabenjahre sind nicht von Liebe umgeben gewesen wie die anderer Menschen. Niemand war je gütig zu mir. Bloß einmal hat ein Mensch wie zu einem Menschen zu mir gesprochen, wenn auch nur in einem Brief. Ich werde erzählen, wie ich an diesem Menschen gehandelt habe. Meine Richter waren erbarmungslos zu mir und selbst mein Anwalt nannte mich einen durch das Elend äußerer Umstände, durch Abstammung von einem moralisch minderwertigen Vater selbst moralisch minderwertigen und verhärteten Menschen. Die Richter verurteilten mich zu zwanzigjähriger schwerer Kerkerstrafe, der höchsten Strafe, die sie bei meinem Alter über mich verhängen konnten. Damals war ich siebzehn Jahre alt. Nun bin ich einunddreißig.

Ich bin nicht unglücklich in diesem Haus und nicht ungeduldig. Ich freue mich der Strenge meiner Aufseher, ich freue mich des Zwanges zu Regelmäßigkeit in Schlaf, Arbeit, Spaziergang, dem ich unterworfen bin. Ich liebe solch ein Leben und manchmal ist mir, als sei ich nicht Sträfling, sondern Soldat, ein einfacher gehorchender Soldat, was ich gerne geworden wäre. Ich liebe es, zu gehorchen.

In sechs Jahren werde ich dieses Haus verlassen. Man sagt, daß in der Regel die Menschen, die nach Jahren, Jahrzehnten der Gefangenschaft aus dem Kerker gehen, nicht als brauchbare Glieder in die Gesellschaft der Menschen zurückkehren. Allein ich glaube, ich werde den Kerker nicht gebrochen verlassen. Ruhig werde ich über die Schwelle dieses Hauses gehen und nicht, um eine lang entbehrte Freiheit ungebunden bis zur Neige zu genießen. Ich werde einen Dienst nehmen, eine Arbeit. Hier habe ich das Drechslerhandwerk gelernt und so viel Geschick gezeigt, daß sogar der Direktor des Hauses manchen Gegenstand für seinen eigenen Gebrauch von mir anfertigen ließ. Ich hoffe, mich mit dieser Fertigkeit ernähren zu können, wenn meine Strafe um sein wird.

Ich habe gesagt, daß mir hier manchmal ist, als sei ich Soldat. Nun will ich hinzufügen, daß dieses Wort nicht ganz das und nicht alles, was ich hier fühle, umfaßt. Wenn ich abends in meiner Zelle sitze und zu dem kleinen vergitterten Fenster hinaufsehe, scheint es mir oft, als sei ich nicht Sträfling, sondern Mönch. Ein kleiner, unbekannter, stiller Mönch, ein einfältiger Mönch, mit dem sein Oberer zufrieden ist, und ich lächle und bisweilen falte ich über den Knien meine Hände. Nein, es ist so gar nicht Sehnsucht nach der Welt in mir, nur Geduld, Ruhe, Zufriedenheit. Wenn mich meine Richter, der Anwalt und die Frauen, die bei meinem Prozesse Zuhörerinnen waren, so sähen, gewiß würden sie wieder sagen, ich sei ein verhärteter, verstockter und moralisch minderwertiger Mensch. Ich sitze da und lächle. Ein Mörder! Und sitze da und lächle wie ein zufriedener frommer Mönch.

Bin ich wirklich ein Mörder? Ich habe einen Menschen getötet. Aber mir ist, als habe ich sie gar nicht selbst getan, so fern, so fremd ist mir diese Tat. Mir ist sie wie eine klösterliche Geißelung, die ich einmal über mich, nicht über den Ermordeten, verhängt habe. Als sei die Narbe noch auf meinem Rücken. Doch verheilt. Noch koste ich die Erinnerung an diese Geißelung meines Fleisches und freue mich ihrer, da ich kein Instrument in meiner armen Zelle habe, den durch Askese abgehärmten Körper von neuem zu strafen, nicht aus Haß, nicht aus Rache zu strafen, nicht um die Lust der Sinne aus ihm zu jagen, aus einem Gefühl vielmehr, das ich nicht klar umschreiben kann: ich nenne es Gehorsam.

Aber ich will nicht mich in Betrachtungen über mein derzeitiges Leben verlieren, vielmehr so kurz, wie ich es vermag, die Geschichte meines Lebens mitteilen. Ich war erst siebzehn Jahre alt, als es geschah, und hatte nicht viel gesehen und erlebt, da ich, abgesehen von meiner kurzen Kadettenzeit, nicht aus der kleinen Stadt herausgekommen war, in die, wenige Jahre nach meiner Geburt, nach seinem Abschied und nach dem Tode meiner Mutter, mein Vater mit mir übersiedelte. In einem einstöckigen schmalen Hause, das am unteren Ende des etwas ansteigenden Marktplatzes neben der Kirche lag und dessen erstes Stockwerk ich mit meinem Vater bewohnte, wuchs ich auf.

Ich habe meinen Vater so deutlich in Erinnerung, als stünde er lebend vor mir. Wenn auch unmittelbar vor dem Ereignis sein Äußeres verfiel, hatte er selbst da noch die aufrechte soldatische Haltung des Oberkörpers, trug noch immer den schwarzen, langen, nun nicht mehr ganz sauberen Rock hoch geschlossen. Ich weiß, daß früher täglich meines Vaters erster Weg in die Rasierstube führte, wo er sich das Kinn sauber ausrasieren, den Backenbart frisieren und den Schnurrbart einbinden ließ trotz unserer ärmlichen Verhältnisse, die meinen Vater sicherlich stark bedrückten.

Im Orte nannte man ihn nicht anders als den General. Dieser Name wurde ihm anfangs gewiß beigelegt, um den alten Herrn mit den soldatischen Allüren zu verspotten. Später bürgerte sich dieser Name für meinen Vater so ein, daß niemand ihn anders ansprach, gleichsam als gebühre meinem Vater dieser Titel. In der ersten Zeit wohl mochte mein Vater dies als Verhöhnung empfunden haben, doch da er bemerkte, daß die Leute – vielleicht bloß, um nachher um so herzlicher über ihn lachen zu können – ernst blieben, begann er wohl, sich geschmeichelt zu fühlen, und es ist möglich, daß er zuletzt selbst an seinen Rang geglaubt hat. Jedenfalls hätte es ihn dann auf das tiefste beleidigt, wenn ihm jemand diesen Titel verweigert hätte. In Wirklichkeit war mein Vater niemals General gewesen, hätte es auch nicht werden können, da er gar nicht Offizier, sondern Militärarzt gewesen war und als Oberstabsarzt den Dienst quittiert hatte. Dazu war er nicht durch Alter oder Krankheit gezwungen gewesen, sondern durch den Umstand, daß man ihn auf Unregelmäßigkeiten in der Verwaltung der ihm in seiner Eigenschaft als Kommandanten eines großen Militärkrankenhauses anvertrauten Gelder gekommen war. Wohl gelang es meinem Vater mit Hilfe eines Verwandten meiner Mutter, die fehlenden Beträge zu ersetzen und die Sache soweit zu vertuschen, daß es zu keiner Untersuchung kam. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als um seine Pensionierung einzureichen.

Meine Mutter, die schon seit Jahren leidend war, scheinen diese Aufregungen so angegriffen zu haben, daß sie starb. Mein Vater entschloß sich, die Stadt, in der er zuletzt Dienst gemacht hatte, zu verlassen und in den kleinen Ort zu übersiedeln, in dem er als Sohn eines Beamten geboren worden war. Zu dieser Übersiedlung mochte ihn ebenso der Wunsch, dem Aufsehen, das sein plötzlicher Abschied machen mußte, aus dem Wege zu gehen, wie die Notwendigkeit größter Einschränkung der Lebenshaltung veranlaßt haben. Seine Pension war gering und zudem mußte er noch von dieser Summe monatlich einen ansehnlichen Teil als Abschlagszahlung dem Verwandten überweisen, der es ihm durch ein verhältnismäßig großes Darlehen ermöglicht hatte, die von ihm verwalteten Beträge in Ordnung zu übergeben.

Wir bewohnten in dem schmalen, dunklen Hause neben der Kirche eine Wohnung, die aus Küche und zwei Zimmern bestand. Zuerst hielten wir ein Mädchen, das die notwendigen Arbeiten verrichtete und unsere Mahlzeiten zubereitete. Doch ward mein Vater des Speisens und des Aufenthaltes in unseren dunklen und ärmlich eingerichteten Zimmern bald überdrüssig und begann im Gasthaus seine Mahlzeiten einzunehmen. In der Folge wurde das Mädchen entlassen. Eine Aufwartefrau kam nun täglich morgens, die Betten in Ordnung zu bringen sowie Kleider und Schuhe zu putzen. Ich erhielt meine Mahlzeiten in der Küche des Gasthauses verabreicht, indes mein Vater immer mehr sich an den Aufenthalt in der Gaststube gewöhnte. Zu Hause war es einsam, die Malerei der Wände war alt und schadhaft, auf Schränken und Kästen lag der Staub in dicken Schichten, alles machte einen so verwahrlosten Eindruck, daß auch ich lieber auf der finsteren Holztreppe saß als in der Wohnung.

Von frühester Jugend an mied ich jeden Verkehr. Nach Schluß der Schulstunden ging ich nicht mit meinen Kameraden nach Hause und niemals spielte ich mit ihnen. Da ich kein Hehl daraus machte, daß ich Soldat, Offizier werden wollte, nannten sie mich hänselnd den kleinen Soldaten. Ich beachtete ihre Hänseleien nicht, und meine Mitschüler nannten mich stolz. Nur einmal habe ich mich mit einem Schulkameraden in einen Raufhandel eingelassen, in dem ich als der Schwächere naturgemäß unterlag, zumal alle anderen Kameraden gegen mich Partei nahmen. Das war, als mich einer der Jungen höhnisch lachend fragte, weswegen ich eigentlich so stolz sei, ob etwa deswegen, weil mein Vater es bis zum General gebracht habe.

War ich damals stolz? Nun weiß ich, daß ich bloß unglücklich war. Der Makel auf meinem Vater, der den Soldatenrock so wenig ehrenvoll hatte ausziehen müssen und der nun, alt und grau, eine so lächerliche Rolle in der Stadt spielte, stieß mich von allem zurück, erfüllte mich mit tiefer Bitterkeit und machte mich einsam. Ich habe diesen alten Mann geliebt, der immer tiefer sich verlor und dessen würdiges und Ehrfurcht vor seinem Range heischendes Auftreten ihn um so lächerlicher machte, je tiefer er sank. Ich weiß nicht, ob er sich seiner Wirkung jemals bewußt wurde, ob er ahnte, daß die Menschen ihm seine Haltung und seine Erzählungen nicht glaubten, ob er wußte, daß sie heimlich über ihn lächelten, wenn sie tief den Hut vor ihm zogen und ihn mit »Herr General« anredeten, oder ob er etwa, dies alles durchschauend, die schmerzliche Tragik eines Schicksals auf sich nahm, unter dessen Maske vielleicht allein ihm das Leben noch möglich war. Ich weiß es nicht. Mir ist, als fürchtete er mich, der ich als einziger ihn so ganz durchschaute. Voll Grauen erinnere ich mich – und diese Erinnerungen gehören zu den schwersten meiner Jugend – erinnere ich mich der seltenen Stunden, in denen ich mit meinem Vater allein war. Meist schlief ich oder ich tat, als schliefe ich, wenn er spät abends unsicheren Schrittes heimkehrte, ängstlich behutsam auftretend, um mich nicht zu wecken. Wenn er aber manchmal nicht aus dem Hause konnte, weil die Gicht ihn peinigte, saßen wir beisammen. Sein Blick verbarg sich vor dem meinen. Er sprach kein Wort, der sonst nicht müde wurde zu erzählen. Die Würde war aus dem Gesicht verschwunden, das nur Furcht ausdrückte und hilflose Unsicherheit. Es war, als sei sein Herz voll entsetzlicher Angst, ich, der ich alles wisse, könne den Mund öffnen und sprechen. Sprach er mit jemandem auf der Straße mit seiner lauten, weit vernehmbaren Stimme und ich, der Sohn, kam in die Nähe, verstummte er und blickte scheu zu Boden. Und bei dem allen fühlte ich, daß die Scheu vor mir in meinem Vater sich in Feindschaft gegen mich verwandelte, der ich sein Mitwisser war, nicht der Mitwisser der Gründe seines Abschieds – die kannte die ganze Stadt –, sondern der einzige Mensch, dessen Blick ihm verriet, daß er wisse, wie wenig er, der »General« selbst, an seine traurige Rolle glaube, die er so stolz und so erheiternd spielte. Später, als mein Vater vielleicht wirklich sich in das Spiel, das man ihm aufgezwungen, eingelebt hatte, daß er, der kaum noch nüchtern war, das Martyrium einer ursprünglich bewußten Verstellung schon für Wirklichkeit nahm, war er mein Feind und blieb es. Seine Scheu vor mir wich da wohl, damit aber auch die Schranke, die seiner Feindschaft im Wege gewesen war, und er ward hart gegen mich und schonte mich nicht.

Ich glaube, daß an der Entwicklung des Verhältnisses meines Vaters zu mir nicht zuletzt auch der bucklige Friseur Josef Haschek Schuld getragen hat. Immer, wenn ich an diese Zeit meines Lebens, an die Zeit vor dem Verbrechen überhaupt zurückdenke, steht Josef Hascheks Gestalt vor mir, und gewiß war auch dies der Grund, daß ich, der ich nicht geübt bin in der schriftlichen Darstellung von Ereignissen, von diesem Menschen ausging, als ich diese Niederschrift begann. Der häßliche, bucklige Mensch, dessen lange Arme fast bis zu den Knien herabhingen, ist mir wie das Sinnbild dieser häßlichen, einsamen und unglücklichen Zeit.

Josef Hascheks Oberkörper hatte die Form eines nach oben etwas abgeflachten, auf der Spitze stehenden Würfels. Sowohl aus der Brust wie aus dem Rücken ragte je eine Ecke dieses Würfels weit heraus. Ohne Hals saß der Kopf, der beim Gehen ganz eigentümlich schaukelte, in den Schultern. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhange einer Uhr, die im Laden eines Uhrmachers auf dem Marktplatz im Fenster hing und von uns Kindern angestaunt wurde. Es war eine Pendeluhr, die an ihrem oberen Rand einen Mohrenkopf mit beweglichen Augen trug. Dieser Kopf war wohl mit dem Pendel verbunden und wurde von diesem in gleichmäßige Bewegung gesetzt. Auch saß er nicht etwa auf einem Hals, sondern ragte kaum mit dem Kinn hervor, ein Umstand, der den Bewegungen dieses Kopfes, wie mich dünkt, etwas Grauenvoll-Komisches gab und es mit sich brachte, daß ich mich seiner bei der Schilderung von des Friseurs schaukelndem Kopf erinnere.

Ich weiß nicht, wodurch es dem Friseur Haschek gelang, zuerst das Vertrauen meines Vaters zu erringen, immer größeren Einfluß auf ihn zu gewinnen, ja ihn endlich völlig zu beherrschen. In meinem Prozeß ist Haschek als einer der Hauptzeugen aufgetreten und nicht zuletzt ihm ist es zuzuschreiben, daß die Herzen meiner Richter sich gegen mich verhärteten und daß ich vor ihnen stand als ein keiner sittlichen Regung fähiges Geschöpf. Alles, was mich in den Augen derjenigen, die über mich urteilen sollten, verwerflich erscheinen lassen konnte, trug er ihnen vor und er erreichte seinen Zweck. Er war mein Feind, seit ich denke.

Ich habe berichtet, wie widerwärtig mir stets alles Schwache, Kranke und Bresthafte gewesen ist. Es mag sein, daß der Friseur meine Abneigung dunkel fühlte und daß dies zuerst Regungen des Hasses gegen mich in ihm weckte. Hierzu mag gekommen sein, daß er die stille Ablehnung bemerkte, die ich für die Entwicklung der immer innigeren Freundschaft zwischen ihm und meinem Vater zeigte. Gewiß hat auch er, wie alle anderen, mein Schweigen, meine trotzige Einsamkeit, die die Folgen meines Unglückes waren, als Stolz gedeutet, und es mag diesen häßlichen Menschen gekränkt haben, daß ich mich nicht zu ihm setzte, mit ihm zu sprechen und seinem Geschwätz zuzuhören. Vielleicht fühlte er, daß ich diesen Umgang meines Vaters als seine tiefste Erniedrigung empfand. Denn solche Menschen pflegen zu sein wie ein Mörder auf der Flucht, der ein trockenes Blatt vom Baume fallen hört und erschrickt. Solche Menschen, sage ich, und ich muß befürchten, daß man mich nicht versteht. Habe ich doch bisher nur gesagt, daß der Friseur bucklig, schwach und häßlich gewesen ist und daß sein Kopf beim Gehen sonderbar in den Schultern schaukelte.

Solche Menschen sind gewalttätig, herrisch, schonungslos und grausam gegen alles, was schwächer ist als sie und in ihre Macht kommt. Solche Menschen, solche häßliche, verwachsene und schwache Menschen sind unterwürfig und demütig gegen alles, was stärker ist als sie. Aber sie hassen es und sie wissen es zu vernichten, wenn es sich eine Blöße gibt oder in ihre Gewalt fällt. Solche Menschen sind klug. Sie sind klüger als die Starken, Gesunden, Geradegewachsenen. Sie lachen über die Ruhe dieser Gesunden, die ihrer guten Verdauung entspringt, sie verhöhnen im Innern ihren aufrechten Gang, die Würde, in der sie einherschreiten, das Produkt ihrer Mittelmäßigkeit. Aber ihre Klugheit hebt solche Menschen nicht über diese Mittelmäßigen, Gesunden. Ihr Lachen ist nicht erkennende Ironie, es ist eine verwundende Waffe, deren Schärfe sich nach innen kehrt und schmerzend das eigene Fleisch stachelt. Solche Menschen leben unter dem Drucke einer beständigen Furcht, wie der Verbrecher auf der Flucht, denn haben sie gleich kein Verbrechen begangen, so ist doch alles in ihnen bereit, es jederzeit zu tun. In solchen Menschen ist der Verdacht immer wach, daß man sie verachte, sie häßlich finde, über ihre Häßlichkeit lächle, daß man Ekel empfinde vor ihnen. Sie sind eitler als die schönen Menschen. Sie lieben es, sich auffallend zu kleiden, ja eine Blume ins Knopfloch zu stecken, gleichsam verwegen den Spott herausfordernd, vielleicht weil es ihnen Qual bereitet, den armseligen, abgezehrten Körper den Blicken auszustellen, diesen Körper, den sie selbst hassen und verachten, mehr als die andern ihn verachten, mehr als sie selbst irgend etwas in der Welt hassen und verachten.

Vielleicht ist der Friseur darum besonders mein Feind gewesen, weil ich ja im Grunde seinesgleichen war und doch mich von ihm unterschied. Denn ich hatte mich noch nicht aufgegeben. Er war dem Bewußtsein seiner Schwäche und Bresthaftigkeit schon erlegen, wenn er je dagegen gekämpft hat. Ich aber war beherrscht von dem Gedanken an ein Ziel, der mich bis zu meiner Tat nicht verließ, und so war ich noch nicht besiegt. Vielleicht war es die Gewißheit dieses Gedankens, die meine Glücklosigkeit wie Stolz erscheinen ließ und mich einsam machte. Meine Einsamkeit machte den Friseur zu meinem Feind, nicht allein weil er die Einsamen haßte, sondern weil ich war wie er und doch einsam. Denn Menschen seiner Art sind nicht einsam. Sie wollen Menschen, die ihnen zuhören, vor denen sie sich entblößen, sich schänden, in Worten, in Lachen, Tränen und Bewegungen schänden, aus Sucht, ihre eigene Kläglichkeit noch zu quälen und den Gedanken der Rache an denen, die ihnen zuhören, nicht sterben zu lassen.

O Gott, o Gott! Mir ist, als habe ich, indes ich glaubte, den Friseur zu schildern, auch mich selbst, wie ich damals war, beschrieben. All das, wovon ich sagte, daß es in ihm gewesen sei, o Gott, auch in mir ist es gewesen. Auch ich war klein und schwach, bleich, kränklich und wie alles Kranke häßlich, man konnte denken, daß ich verwachsen sei, wenn ich auch keinen Höcker hatte. War nicht auch ich gewalttätig und grausam gegen alles Schwächere, das in meine Gewalt fiel? Ich werde erzählen, wie ich Tiere gequält habe. War ich nicht unterwürfig und demütig gegen den Starken und haßte ihn zugleich? Wie hätte ich sonst schweigen können, als der Fremde mir Schmach antat, ihn hassen, beneiden und schweigen? Dann aber, als er in meine Gewalt kam, wie ward ich da, erst jetzt begreife ich es, das Werkzeug der Rache an ihm, der Rache des häßlichen Wurmes an dem Riesen! Nein, nein, mir ist nun, als sei dies alles doch nicht bloß in der Verkettung der Zufälle gelegen. Als habe ich so getan, weil ich, so geboren, so tun mußte. Auch in mir doch ist die Unsicherheit und Ruhelosigkeit beständiger Furcht gewesen, als könne jede Stunde mir bringen, was mich so restlos demütigt, daß ich die Kraft nicht habe, diese Stunde zu überleben, was mich entlarvt, was mich enthüllt, ganz sichtbar macht, meine Lüge, mein Verbrechen entschleiert. Auch ich Verbrecher auf der Flucht. Und habe noch nicht gelogen und noch nicht verbrochen. Noch nicht! Doch das Verbrechen ist auf dem Weg. O Gott, nun, vierzehn Jahre lang Sträfling, wie weiß ich doch erst jetzt, wie alles, was geschah, nicht Zufall war. War der Verdacht, daß man mich verachte, nicht in mir? Und war nicht er es eigentlich, der mir mein Ziel gab? War ich nicht eitel? Schmückte der Friseur den Rock mit einer Blume, aus welchem Grunde denn, wenn nicht aus Eitelkeit, trug ich noch immer, lange nachdem ich die Kadettenschule verlassen hatte, den anliegenden, bunten Militärrock mit gelben Tressen und Knöpfen? Und empfand ich nicht Abneigung gegen den Friseur aus demselben Grunde, aus dem er mein Feind war, weil wir in einander uns selbst erkannten?

Ich weiß nicht, wer diese Niederschrift einmal lesen wird. Vielleicht wird er nicht verstehen, was ich sagen will, und vieles widerspruchsvoll finden. Mir aber ist, daß alle Widersprüche nur scheinbar sind. Man soll daran denken, daß nichts, was aus uns kommt, aus einer einzigen Wurzel wächst.

Da der Friseur das Vertrauen meines Vaters errungen hatte, benützte er es, mich aus seinem Herzen zu drängen. Ich glaube, ihm ist es zuzuschreiben, daß ich lange meine Mahlzeiten in der Küche des Gasthauses mit Gesinde und Bettlern einnehmen mußte, daß mein Vater jedes Vertrauen zu mir verlor und, je tiefer er sank und je öfter er sich betrank, desto mehr und schmerzhafter mich schlug. Vor Gericht gab Haschek an, der Grund von meines Vaters Freundschaft für ihn sei gewesen, daß der alte Mann ein kaum verständliches Interesse für des Friseurs Nichte Milada gehabt habe, die Haschek die Wirtschaft führte und in der Frisierstube aushalf. Auch das Kind der Milada sei des Generals Kind, der trotz seines Alters, wie der Friseur des öfteren zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, noch gut bei Kräften gewesen sei. Der Friseur wollte sich über diese Beobachtungen weiter verbreiten, allein der Vorsitzende des Gerichtes hieß ihn schweigen. Milada selbst verweigerte über diesen Punkt die Aussage. Sie schämte sich, die Wahrheit zu sagen, und ließ lieber die Lüge bestehen. Denn der Bucklige hatte gelogen. Ich weiß es. Denn ich hatte alles mit angesehen.

Ich war nach meiner Rückkehr aus der Kadettenschule trotz meines standhaften Widerspruches zu Haschek als Lehrling gekommen. Ich empfand dies als tiefste Schmach, die mir angetan werden konnte. Allein der Beruf war mir widerwärtig. Ich konnte niemals ohne innere Überwindung mich dem borstigen Gesicht eines Mannes nähern, die Haut mit weißem Seifenschaum geschmeidig zu machen. Später, als ich selbst das Messer führte, fühlte ich oft beim Schaben der Bartstoppeln die Versuchung, in die Haut zu schneiden, daß das rote Blut über die eingeseiften Wangen hinabrinne. Dazu kam, daß ich diesen Beruf beim buckligen Friseur erlernen mußte. Ich will nicht die Leiden beschreiben, die ich in meiner Lehrzeit von Haschek, der mich schlug und zu Diensten niederster Art zwang, ertragen habe. Ich will bloß erwähnen, daß ich gezwungen wurde, täglich am Morgen, wenn ich von zu Hause in die Rasierstube kam, zuerst in das hinten gelegene Zimmer, in dem der Friseur schlief, zu gehen und Hascheks Nachtgeschirr unter dem Bett hervorziehen, um es in den Abtritt zu entleeren. Nie ließ sich der Bucklige den Genuß entgehen, mich bei dieser Tätigkeit genau zu beobachten. Noch heute, hier in meiner Zelle, fühle ich den ekelhaften Geruch von fetten Pomaden und Tinkturen, nach denen die Stube stank, in meiner Nase. Mein Trost war, daß diese Zeit vorübergehen und daß ich doch noch Soldat sein würde.

Ich wußte, daß der Bucklige log, aber ich sagte anfangs nichts davon vor Gericht. Denn mir war, als werde das Andenken meines Vaters durch solche Auseinandersetzungen nur noch mehr beschmutzt. Erst als mein Urteil verkündet war, und also die Verhandlung schon beendet, sagte ich leise, aber in der Stille, die ringsum war, konnten die Worte deutlich vernommen werden: »Mein Vater ist nicht der Vater des Kindes gewesen«, und als ich sah, daß mich alles verständnislos ansah, wohl weil alle schon diese unwichtige Episode des Prozesses, die zudem schon einen Tag zurücklag, vergessen hatten, wiederholte ich es deutlicher: »Der General war nicht der Vater von Miladas Kind.« Dann führte man mich ab.

Der Vater von Miladas Kind war Miladas Onkel, der Bucklige. Milada war die Tochter von Hascheks Schwester und elternlos. Sie war schlank, groß, hatte blonde Haare und kleine, aber gut geformte Brüste. Als ich bei dem Friseur eintrat, war sie etwa fünfundzwanzig Jahre alt und ein Jahr im Hause. Trotzdem sie noch nicht alt war, war ihr Gesicht verblüht, wohl durch Armut und Entbehrungen, die sie früher ertragen hatte. Bald nach meinem Eintritt bei Haschek bemerkte ich, daß etwas zwischen den beiden vorging, wenn auch weder der Friseur noch Milada auch nur durch ein Wort sich verrieten. Ich bemerkte es an Miladas geröteten Augen, wie auch daran, daß ich sie bisweilen beim Weinen überraschte. Ich erkannte, daß auch sie unter dem Buckligen litt, in dessen Gewalt sie war, da doch er sie jederzeit wieder mittellos aus seinem Hause stoßen konnte. Ich sah, daß sie gegen ihn kämpfte und daß sie von Tag zu Tag stiller wurde, demütiger und ergebener. Sie unterlag. Doch bevor sie unterlag, sollte sie noch an mir enttäuscht werden.

Vielleicht wäre Milada nicht unterlegen, wenn diese Enttäuschung nicht gewesen wäre. Vielleicht hatte sie bis zu dieser Enttäuschung gehofft und erst sich ergeben, als sie sich ganz allein sah: vielleicht trage also auch ich Schuld daran.

Eines Tages, da der Bucklige weggegangen war, fand ich Milada im dunklen Flur sitzend, der zwischen den beiden Wohnkammern und der Rasierstube lag. Sie weinte. Ich weiß nicht mehr, was mich bewog, auf sie zuzutreten und sie zu fragen, was ihr geschehen sei. Milada hob das Gesicht und sah mich einen Augenblick lang an. Sie mochte in dieser Minute den Leidensgenossen in mir fühlen, den Bundesgenossen, der unter demselben Menschen zu leiden hatte wie sie. Ich beugte mich zu ihr hinab. Sie aber streckte, schluchzend, die Arme nach mir aus, umfing mich und drückte mich an sich. Da machte ich mich los, stieß Milada unsanft zurück, daß sie fast gefallen wäre, und lief davon.

Es mag sein, daß der verhaßte Pomadengeruch, der Milada anhaftete wie allem, selbst jedem Möbel, jedem Gerät bei Haschek, mir, da sie mich an sich zog, entgegenschlug und mich abstieß. Es mag sein – ich war mir dessen niemals bewußt –, daß ich ihr, der Gesunden, Geradegewachsenen, Bundesgenosse nicht sein konnte gegen den Buckligen, wenn auch er mein Feind war. Daß ich den Ekel, den Widerwillen, den sie vor dem Buckligen empfand, als Ekel auch vor mir verstand, wenn auch sie mich in diesem Augenblick der Not als das kleinere und ungefährlichere Übel umarmte, mehr in schwesterlicher vielleicht als in weiblicher Umarmung. Es mag aber auch etwas anderes der Grund für dieses mein Verhalten zu Milada gewesen sein und das ist, daß ich niemals in einem anderen Verhältnis als dem kühler Ablehnung zu Frauen gestanden habe. Allerdings war ich damals noch jung und seither, seit meinem siebzehnten Lebensjahre, habe ich keine Gelegenheit mehr gehabt, dieses mein Verhältnis zu prüfen. Allein nie in den Jahren meiner Strafe ist mir auch nur der Gedanke gekommen, eine solche Prüfung für wünschenswert zu halten. Ich habe gehört, daß Knaben in dem Alter, in dem ich damals stand, ja, daß Männer von Frauen und geschlechtlichen Orgien träumten. Nie in meinen Träumen habe ich davon etwas gesehen.

Kurz nachdem ich Milada im Stiche gelassen hatte, gewahrte ich eine Veränderung, die mit ihr vorgegangen war und die ich, so unerfahren ich damals auch war, sogleich begriff. Sie schien mit dem Buckligen vollkommen versöhnt, es war, als habe sie den Ekel überwunden. Sie scherzte mit ihm, war fröhlich und niemand, der sie jetzt sah, hätte gedacht, daß sie noch vor wenigen Tagen wie eine demütige und furchtsame Dienerin durch diese Räume gegangen sei. Und noch etwas konnte ich bemerken und auch hierfür waren mir die Gründe sogleich klar. Nun begann auch Milada, die bisher mir freundlich entgegengekommen war, mich mit ihrer Feindseligkeit zu verfolgen, sie klagte dem Buckligen über meine Faulheit, meinen Ungehorsam, sie billigte es, wenn er mich schlug, stachelte ihn gar an, es zu tun und erdachte selbst manches, mich damit zu kränken und zu quälen. Auch ihr Nachtgeschirr, das sie gar, nicht wie sonst gesunde Menschen, zu allen ihren Bedürfnissen benützte, mußte ich säubern und entleeren. Ich verstand sie. Ich hatte sie zurückgestoßen und dadurch dem Buckligen ausgeliefert. Ich war schuld daran. Wohl hatte sie den Widerwillen gegen ihn überwunden, aber vielleicht nur dadurch, daß sie mich gefunden hatte, ihren Haß auf mich zu wälzen.

Zweimal schon habe ich versucht, mitzuteilen, was ich für den Grund der Entwicklung des sonderbaren Verhältnisses zwischen dem Friseur und meinem Vater halte, und beidemal war es meine Ungeübtheit im Erzählen, die mich von der geraden Linie des Berichtes abweichen ließ. Nun aber gehe ich daran, mein Versäumnis nachzuholen.

Als mein Vater als weggejagter Militärarzt in die Stadt kam, in der er seit seiner Jugend nicht mehr gewesen war, hatte er hier keinerlei Bekannte. Der erste Mensch, den er in der Stadt kennenlernte, war der bucklige Friseur. Mein Vater war gewöhnt, auf sein Äußeres, wie das in der großen Stadt und ganz besonders in militärischen Kreisen üblich ist, große Sorgfalt zu verwenden und täglich, vor allem anderen, eine Rasierstube aufzusuchen. Trotzdem nun mein Vater nicht mehr den Militärrock trug und auch nicht in einem Kreise mehr lebte, in dem besondere Sorgfalt nötig gewesen wäre, gab er die Pflege seines Äußeren bis in die letzte Zeit vor dem Ereignis nicht auf und erst damals hätte man an ihm Zeichen der Vernachlässigung bemerken können. Gewiß hat mein Vater schon am Tage seiner Ankunft den Friseurladen des Haschek aufgesucht und diesen Besuch dann täglich wiederholt. Damals schon begann man meinen Vater den General zu nennen, wenn auch noch nicht öffentlich. Doch mochte das Gerücht hievon schon bis zu ihm gedrungen sein. Josef Haschek war der erste, der ihm diesen Titel in direkter Anrede gab. Man wird nicht verstehen, wie eine solche Anrede, die der alte und geprüfte Mann damals gewiß noch als blutigen Hohn auffassen mußte, der Ausgangspunkt einer Freundschaft werden konnte. Wenn ich auch nicht dabei war, so ist mir doch, als sähe ich den Buckligen vor dem grauhaarigen Greis stehen und das Messer ansetzen, um mit dem Rasieren der Bartstoppeln auf dem von Backenbart umrahmten Kinn zu beginnen. Und plötzlich sagt er es, hängt es irgend einer Frage an, etwa der, ob mein Vater gut geschlafen habe. »Herr General«. Mein Vater blickt auf und sieht die demütigen, hündisch ergebenen Augen dieses armseligen Menschen, die ihn anschauen, als wäre nichts geschehen, was nicht jeder erwartet hätte. In diesem Augenblick vollzieht sich die große Entscheidung. Soll mein Vater aufstehen und diesen Zwerg mit einem Schlag zu Boden werfen? Soll er es sich wenigstens strengstens verbieten, mit einem Titel angesprochen zu werden, der ihm nicht gebührt? Der Mann scheint zu glauben, was er sagt, und schon spricht er harmlos von etwas anderem. Und mein Vater zögert, ob er ihn aufklären soll, erinnert sich dann vielleicht, daß Kellner und Friseure es in der Gewohnheit haben, Standeserhöhungen und Rangerhöhungen eigenmächtig vorzunehmen, Bürgerliche als Barone, Studenten als Doktoren, vielleicht auch pensionierte Militärs als Generale anzusprechen. Noch einmal etwa vergewissert er sich, ob kein Hohn im Blick sei und kein Hohn in der Stimme. Dann schweigt mein Vater und mit diesem Schweigen hat er alles auf sich genommen.

In den ersten Jahren ihrer Beziehung hat Josef Haschek niemals, wenn er abends zugleich mit meinem Vater im Gasthaus war, sich an den Tisch des Generals gesetzt. Mein Vater pflegte allein an einem Ecktisch zu sitzen, später bisweilen auch am Tisch der Beamten. Erst wenn alles die Wirtsstube verlassen hatte, kroch der Bucklige, das Bierglas in der Hand haltend, aus seinem Winkel hervor, stellte sich in Positur und bat ihn, in militärischem Ton, »gehorsamst« um Erlaubnis, an seinem Tisch Platz nehmen zu dürfen, worauf mein Vater gnädig lächelte und herablassend eine einladende Handbewegung machte. Bis in die allerletzte Zeit, da also schon mein Vater vom Friseur geradezu beherrscht war, vergaß der Friseur nie, gleichsam die Haltung des untergeordneten Soldaten einzunehmen, wenn er mit meinem Vater sprach. Immer bat und meldete er gehorsam, riß die Tür auf, durch die mein Vater treten sollte, und nahm nicht Platz, ohne hiezu aufgefordert worden zu sein. Dabei war sein Antlitz ernst und voll Würde, niemals hätte man darauf ein Lächeln des Hohnes sehen können. Ich glaube, daß dieses Verhalten des Buckligen meinem Vater Sicherheit gegeben hat und daß der Ernst, der in diesem Spiel lag, meinen Vater im Lauf der Jahre allmählich an die Wirklichkeit dessen, was er zuerst wohl nur widerwillig über sich hatte ergehen lassen, glauben ließ. Der Friseur war es auch, der ihn dazu brachte, vom schweigenden Erdulden der Lüge zum Sprechen überzugehen. Er zwang ihn zu lügen. Wenn sie allein im Wirtshaus beieinander saßen, drang er unabweisbar, wenn auch in bescheidener Form, in meinen Vater, ihm doch aus dem Schatz seiner soldatischen Erfahrung, seiner Erlebnisse in den Feldzügen zu erzählen, zumal er, der Bucklige, schon soviel von anderen über meines Vaters Tüchtigkeit und Tapferkeit gehört habe und es ihn, der für nichts größeres Interesse, ja Liebe hege, als für den Soldatenstand, gelüste, hievon aus meines Vaters Munde zu hören. Es ist wahr, daß mein Vater Feldzüge, und zwar die gegen Dänemark und gegen Preußen, mitgemacht hat, allerdings als Arzt. Der Friseur aber wollte hören, wie er die Truppen zum Sturm geführt habe.

Es ist anzunehmen, daß mein Vater zuerst auf die Bitten des Friseurs nicht eingegangen ist. Daß seine unablässige Zudringlichkeit ihn erst zum Reden bewegte. Daß er hoffte, sich dadurch Ruhe verschaffen zu können. Vielleicht auch hat einmal der Alkohol seine Zunge gelöst. Doch, wenn er etwa gehofft hatte, der Bucklige werde zufrieden sein, wenn er einmal erzählte, täuschte er sich. Haschek verbreitete sofort, was mein Vater ihm erzählt hatte, so daß nun, sich an seinen Lügen zu belustigen, schon am nächsten Abend alle Besucher des Wirtshauses in meinen Vater drangen, auch ihnen von seinen Taten und Erlebnissen mitzuteilen. Was konnte meinem armen Vater da übrig bleiben, als den einmal beschrittenen Weg fortzuschreiten? Er war nicht stark genug, gegen sein Schicksal zu kämpfen, nicht weise genug, den Geist in gelassener Ironie über die Niedrigkeit seines Schicksals und die Niedrigkeit ringsum zu erheben, nicht groß genug auch, wie ein Dulder die Passionen des Kreuzwegs auf sich zu nehmen, in ihnen demütig Ruhe und Versöhnung des Herzens zu finden. Und es ist, daß in diesem Licht sein trauriger Hang zum Trinken, der ihn immer tiefer sinken, aber auch vergessen ließ, den Glanz etwa eines gütigen Ausgleichs durch die Vorsehung gewinnt. Ich habe damals nur seinen Rausch und seine Erniedrigung vor den Menschen gesehen. Sie erfüllten mein Herz mit Bitterkeit. Denn ich weiß erst jetzt, daß sie gerade es waren, die meinen Vater bewahrten, sein Leid in seiner ganzen Schwere zu erfassen.

Man könnte nun glauben, daß der bucklige Friseur all dies an meinem Vater nicht aus bösem Trieb getan habe. Man könnte glauben, daß er wirklich sich ihm in aufrichtiger Ehrerbietung genähert habe. Oh, man vergesse nicht, daß in solchen Menschen keine Ehrerbietung für Menschen vom Schlage meines Vaters sein kann. Mein Vater war stolz, groß, sah auf Sauberkeit seines Aussehens, hielt sich wie ein Soldat, dessen Brust gewölbt ist und dessen Schenkel gewöhnt sind, ein Pferd zu regieren. Er sprach kurz, laut und in befehlendem Tone. Mußte der Friseur nicht sein Feind sein? Mein Vater war gewiß nicht sehr klug, gewiß lange nicht so klug wie der Friseur. Und war doch groß, trotz der unglücklichen Geschichte seiner Pensionierung, stolz, sprach laut und in befehlendem Tone. Man sagt, der Bucklige habe nicht die Spur eines Lächelns gezeigt, wenn er mit ihm gesprochen habe. Man vergißt die Klugheit solcher Menschen. Er wußte, daß er sein Opfer verlieren müsse, wenn nur der Schatten eines Lächelns über sein Gesicht gehe. Solche Menschen haben eine asketische Klugheit. Sie lächeln nicht, aber ihre Seele badet im Bewußtsein des Hohnes, den sie antun.

 

Ich habe eine arme Jugend gehabt. Und doch war auch sie erhellt von einem Licht: dem Gedanken an mein Ziel. Ich wollte Soldat werden. Vielleicht, daß irgendwo in meinem armseligen Knabenkörper, mir nicht bewußt, die Hoffnung war, daß ich groß, gesund, stark sein würde, wie alle Soldaten, wenn ich erst mein Ziel erreicht hätte. Vielleicht war es diese Hoffnung, die es vermochte, daß ein an sich einfacher Gedanke von so außerordentlicher Bedeutung für mich geworden ist.

Vor allem aber sagte ich mir, daß ich Soldat werden müsse, weil es meine Pflicht sei, meinen Vater zu rechtfertigen. Nicht etwa durch den Nachweis, daß ihm Unrecht widerfahren sei. Ich zweifelte nie an seiner Schuld. Ich wollte ihn rechtfertigen durch ein Leben des Gehorsams, der Treue, der äußersten Pflichterfüllung, gerade in dem Beruf, in dem er gesündigt hatte. Durch mein Leben wollte ich mich wie ihn von seinen Verfehlungen nicht nur im Dienst, sondern auch von seiner Schande nachher, in der er unaufhaltsam immer tiefer versank, reinwaschen. Ich konnte in einem Winkel unseres dunklen Stiegenhauses weinen, wenn ich an meinen Vater dachte und an meinen Entschluß, ihn zu entsühnen. Nicht bloß, weil mein Vater diesem Stand als Arzt angehört hatte, wollte ich Soldat sein, zugleich trieb mich zu diesem Beruf seine Härte und Strenge. Denn es war mir, als könne nur der rücksichtsloseste Dienst, die schonungslosen Strapazen und Leiden von Verwundungen, der bis in den Tod unkündbare und unbedingte Gehorsam, mir Befreiung von der Schmach und dem Makel bringen, die mein Vater über sich und über mich gebracht hatte.

Ich war keineswegs über meine körperlichen Eignungen im Zweifel. Aber dieses Wissen hinderte meinen Willen nicht, sich auf dieses Ziel zu richten. Ich kannte die Geschichte vieler Heerführer und am meisten bewunderte ich drei, die ich für die größten Soldaten hielt. Das waren der Prinz von Savoyen, der König Friedrich der Zweite von Preußen und der Kaiser Napoleon Bonaparte; der bucklige kleine Prinz Eugen, dessen Dienste ein König von Frankreich ausgeschlagen hatte, Friedrich der Große, der hagere, häßliche Mann, dessen auf den Stock gestützter Körper ebenso den Eindruck der Verwachsenheit erwecken mochte wie mein eigener, Napoleon, der klein und dick war und auf dem Rücken seines Pferdes hing, daß die, die ihn sahen, lachten! Ich glaube auch heute noch, daß ein Höcker, sei er auch noch so groß, keineswegs ein Hindernis für eine Feldherrnlaufbahn ist. Zum wirklich großen Feldherrn gehört Grausamkeit, die Grausamkeit der Entscheidung über das Leben Vieler. Der große Feldherr ist ohne Gnade. Ohne Gnade auch gegen sich selbst. Ich glaube, daß man verwachsen sein muß, von einem bösen Muttermal entstellt, um die Macht ganz zu begreifen, die einem in die Hand gegeben ist.

Als ich die vierte Gymnasialklasse absolviert hatte, ging ich daran, meine Pläne auszuführen. Ich wandte mich brieflich an den Verwandten meiner verstorbenen Mutter, denselben, der meinem Vater schon einmal geholfen hatte, und bat ihn, mir mit seinem Einfluß bei der Aufnahme in eine Kadettenschule behilflich zu sein und mir so die Möglichkeit einer mit geringen Kosten verbundenen Laufbahn zu verschaffen. Mit Drängen und Bitten erreichte ich auch bei meinem Vater, daß dieser sich entschloß, an einige alte Kameraden zu schreiben und sie zu ersuchen, meiner Bitte um Gewährung eines Freiplatzes Nachdruck zu verleihen, besonders aber mir einen Brief an den Militärarzt, der mich auf meine Tauglichkeit prüfen sollte, mitzugeben. Ich glaube, daß ich nur auf diesen Brief meines Vaters hin tauglich befunden wurde.

Die Zeit, die ich in der Kadettenschule zubrachte, war die einzig glückliche meiner Jugend. Mit leidenschaftlicher Hingabe leistete ich den Dienst und keineswegs zog es mich mehr zu den theoretischen Fächern als zu den körperlichen Übungen. Im Gegenteil: ich setzte allen Ehrgeiz daran, im Exerzieren und Turnen mit den größten und stärksten Kameraden zu wetteifern und wäre lieber ohnmächtig zusammengefallen, ehe ich irgend jemandem meine Müdigkeit eingestanden hätte. Denn mich zu ermüden, brauchte es nicht viel. Allein ich biß die Zähne aufeinander und bezwang mich. Es freute mich, wenn der Offizier einen direkten Befehl an mich richtete. Zwar war ja alles durchdrungen von der Atmosphäre des Gehorsams. Allein so, wenn das Auge des Vorgesetzten auf mich fiel und ich, seinem Befehl mich zu fügen, unbeweglich dastand, ward mir, als durchdringe mich, qualvoll und beseligend zugleich, die große Lust des Gehorchens. Vielleicht, daß, wer herrschen will, alle Bereitschaft zur tiefen Demütigung des Gehorchens an sich hat, wenn er die Gewalt findet, die stärker ist als er, ja, vielleicht, daß sein Leben nichts ist als marterndes Suchen nach dieser Gewalt.

Meine militärische Laufbahn fand bald ein Ende. Ich war erst wenige Monate in der Kadettenanstalt, als ich nach einem langen Marsch ohnmächtig zusammenfiel und ins Lazarett geschafft werden mußte, wo ich einige Zeit lang in heftigem Fieber lag. Vom Lazarett aus kehrte ich nicht mehr in die Schule zurück, sondern wurde wieder nach Hause geschickt, um hier nach hartem, aber vergeblichen Widerstand als Lehrling beim Friseur Haschek einzutreten. Trotzdem gab ich den Gedanken an eine militärische Laufbahn nicht auf. Ich rechnete damit, nach Erreichung des vorgeschriebenen Alters als einfacher Mann in das Heer aufgenommen zu werden. Und ich hoffte, daß es mir gelingen werde, durch Tapferkeit und Pflichterfüllung selbst als einfacher Soldat auf der Stufenleiter des Standes höher zu kommen.

Trotzdem ich vorläufig nichts war als ein entlassener Militärzögling und Lehrling bei einem Friseur, trug ich meine enganliegende Soldatenbluse weiter, als wollte ich den Spott der Menschen herausfordern, vielleicht weil der Groll, den der Hohn der Leute in mir erweckte, mir doch eine Freude brachte, die Freude, an ihm meinen Willen immer von neuem anfachen zu können.

 

Als ich etwa ein Jahr lang als Lehrling in der Friseurstube des Haschek war, erschien der Fremde in unserer Stadt. Ich nenne ihn den Fremden, weil er von niemandem in der Stadt anders genannt wurde und weil auch im Prozeß ihn alle Zeugen so nannten. Ich selbst erfuhr seinen Namen spät, lange nach dem Ereignis, im Laufe der Untersuchung. Das Eintreffen des Fremden, der sich scheinbar zu längerem Aufenthalt bei uns einrichtete, machte in der Stadt, in die nur selten einmal ein Reisender auf wenige Stunden sich verirrte, großes Aufsehen. Lange und viel wurde über ihn im Wirtshaus und von den Kunden, die in unseren Laden kamen, gesprochen und eifrig erwogen, was für ein Geschäft ihn veranlaßt haben mochte, die Stadt, die abseits von den großen Straßen des Verkehrs lag, zu besuchen.

Der Fremde war im Gasthof am Marktplatz, schräg gegenüber dem Hause, in dem ich mit meinem Vater wohnte, abgestiegen, im selben Gasthof, dessen Wirtsstube von meinem Vater besucht wurde. Über den Zweck seines Aufenthaltes vom neugierigen Wirt befragt, hatte er eine ausweichende Antwort gegeben und bloß erklärt, daß er längere Zeit sich in der Stadt aufzuhalten gedenke. Ich habe keinen Anlaß, auseinanderzusetzen, was ich für den Grund ansehe, der den Fremden bewog, zu uns zu kommen, zumal dieser Grund mit dem Ereignis nur in einem losen Zusammenhang steht und ich mich nicht für berechtigt halte, Geheimnisse anderer offenbar zu machen. So werde ich nur, soweit es zum Verständnis meiner eigenen Geschichte unbedingt notwendig ist, die Schleier vom Geheimnis des Fremden lüften und keineswegs unschuldige Menschen bei ihrem Namen nennen und so ihre Beziehungen der Öffentlichkeit preisgeben. Ich werde diese Versuchung, mag sie auch noch so groß sein, in diesen Aufzeichnungen ebenso widerstehen, wie ich ihr in der Untersuchung und Verhandlung des Gerichtes widerstanden habe, obgleich mir damals die Mitteilung aller Umstände hätte von Nutzen sein können.

An demselben Morgen schon, an dem er in die Stadt gekommen war, suchte der Fremde den Raseurladen auf. Er war nicht so gekleidet wie die Männer in der Stadt, an dem Schnitt seines gutsitzenden Anzuges erkannte man den Großstädter, der viel Sorgfalt auf die Auswahl seiner Kleidung verwendet. Die Haare des Fremden waren schwarz und von metallischem Glanz, an den Seiten kurz geschoren und in der Mitte gescheitelt. Der Schnurrbart war kurz, Backen und Kinn bartlos. Von Gestalt war der Fremde groß und schlank, seine Bewegungen waren ruhig, von leichter Nachlässigkeit wie sein Gang, und es war vielleicht gerade diese nachlässige Ruhe in allem, die die Vorstellung eines gesunden, schönen, in allen Muskeln gleichmäßig entwickelten Körpers hervorrief. Ich hatte den Fremden schon früher, als ich gerade vom Hause über den Marktplatz in die Friseurstube ging, gesehen. Der Wagen, in dem er saß, hielt gerade vor dem Wirtshaus. Ich blieb stehen, aber der Fremde erhob sich nicht sogleich, wie ich und wohl manch anderer getan hätte, um, ans Ziel gelangt, den Wagen zu verlassen. Er sah sich erst einen Augenblick lang um. Dann begann er die Reisedecke, die sorgfältig um seine Füße gelegt war, langsam zu entfernen und übergab sie dem Kutscher, der indes seinen Bock verlassen hatte. Und jetzt erst erhob er sich und entstieg dem Wagen.

Mir ist all das noch ziemlich gegenwärtig. Besonders erinnere ich mich der Sorgfalt und wichtigen Ruhe, mit der der Fremde die Reisedecke von seinen Füßen entfernte. Ich erinnere mich auch, daß das Aussehen des Fremden, seine Ruhe wie seine selbstsichere Nachlässigkeit mich vom ersten Augenblick an mit dem Gefühl der Ablehnung gegen ihn erfüllten, ein Gefühl, das sich in mir verdichtete, als ich das spöttische Lächeln um den Mund des Fremden sah, da in der Rasierstube sein Blick auf mich fiel, der ich die Militärbluse trug.

Der Fremde wurde von Haschek bedient, der sich vergeblich und rastlos bemühte, mit dem schweigsamen Gast in ein Gespräch zu kommen. Der Fremde gab kurze, ausweichende Antworten. Ich weiß nicht, ob es bloß seiner Gewohnheit widersprach, mit einem Friseur mehr als das gerade Notwendige zu sprechen oder ob er aus anderen Gründen beschlossen hatte, durch Gespräche keinerlei Anhaltspunkte zu geben, aus denen Schlüsse auf den Zweck seines Hierseins gezogen werden könnten.

Ich stand unweit von Haschek und dem Fremden und zog auf dem Abziehleder Rasiermesser ab. Ich hörte, daß der Fremde, während der Bucklige mit dem Messer über seine Backe fuhr, plötzlich, wohl weil er das Gefühl hatte, daß Haschek ihn in die Wange geschnitten habe, die Hand wie zur Abwehr hebend »Halt« rief. In diesem Augenblick ging ein verstehendes Lächeln über des Friseurs Gesicht:

»Bitte gehorsamst«, sagte er, »es ist nichts geschehen.«

Und indem er das Rasiermesser wieder ansetzte, fuhr er fort: »Ich habe es mir gleich gedacht. Ich habe ja schon so viele von den Herrn bedient. Wenn auch ich selbst nie dabei war. Wegen... Können ja selbst sehen. Nun aber brauchen mir nichts mehr zu sagen, bitte gehorsamst. Der Herr sind Offizier. Ich weiß, wie ich mich...«

Er wollte weiter sprechen, doch der Fremde unterbrach ihn: »Ich möchte Sie bitten, mich in Ruhe zu lassen.«

»Bitte gehorsamst.«

Haschek verneigte sich und lächelte.

Ich weiß wirklich nicht, ob Haschek in dem Fremden den Offizier zu erkennen glaubte, oder ob er nur hoffte, auf diese Weise von dem unbekannten Gast die Wahrheit erfahren zu können. Jedenfalls, als, kurz nachdem der Fremde die Rasierstube verlassen hatte, mein Vater eintrat, tat er so, als habe der Fremde sich mit ihm in ein längeres Gespräch eingelassen und ihm, wenn auch unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, anvertraut, daß er Offizier sei. Welche Gründe den Fremden bewogen, seinen Stand zu verbergen, warum er sich hier eine Zeit aufzuhalten gedenke, habe der Friseur noch nicht erfahren, vor allem deswegen nicht, weil er nicht danach gefragt habe. Es sei ihm unpassend erschienen, den Fremden gleich beim ersten Zusammentreffen mit Fragen zu belästigen, die den Eindruck zudringlicher Neugierde hätten erwecken können, und so habe er nur erfahren, was der Fremde ungefragt gesagt habe. Es werde sich aber gewiß Gelegenheit geben, alles Wissenswerte zu erfahren, zumal anzunehmen sei, daß das Verhältnis des Vertrauens zwischen ihm, dem Buckligen, und dem fremden Offizier, das schon beim ersten Zusammentreffen so erfreulich klar gewesen sei, sich Schritt für Schritt weiterentwickeln werde.

Es schien, als ob die Mitteilung des Friseurs auf meinen Vater tiefen Eindruck mache. Wenn auch mein Vater damals wohl schon tief genug gesunken war, um das Traurige und Lächerliche seines Spiels nicht mehr zu fühlen, mag immerhin ein unklares, doch drückendes Schuldbewußtsein in ihm geblieben sein, das sich vor allen Dingen in einem von Tag zu Tag größer werdenden Mißtrauen äußerte. Ich habe an meinem Vater beobachtet, daß er erschrak, wenn eine Tür geöffnet wurde, um wie befreit zu lächeln, wenn er einen Bekannten eintreten sah. Es war, als fürchte er eine Entdeckung, eine Überraschung, jede Veränderung, trotzdem er sich des Spiels, dessen Hauptperson er war, wohl nicht mehr bewußt wurde. Sicherlich hatte er eine geheimnisvolle Scheu vor Unbekannten. Er näherte sich ihnen nur, wenn es nicht anders ging und mit einer Art ängstlicher und schlauer Vorsicht, um dann, wenn er fühlen mochte, daß sie nicht gekommen seien, seine Seele aus dem Gleichgewicht zu bringen, gleichsam in Siegerlaune, um so toller und zügelloser seine Rolle zu spielen. Daß der Fremde, dessen Eintritt in den Kreis seines Lebens nun drohte, Offizier war, mochte ihn, den General, besonders unsicher machen und mit unbestimmten Befürchtungen erfüllen.

Mein Vater sah den Friseur, da dieser seinen Bericht über die Unterredung mit dem Fremden geendet hatte, furchtsam an und sagte tonlos:

»Ein Offizier? Ein Offizier?«

»Jawohl, Herr General!«

»Hat er von... Haben Sie von mir gesprochen?«

»Jawohl, Herr General. Selbstverständlich habe ich die Anwesenheit eines verdienten Generals in unserer Stadt erwähnt.«

Mein Vater machte einen Schritt auf den Friseur los. Sein Gesicht, seine Gestalt drückten Hilflosigkeit aus.

»Kennt er mich, Haschek?!... Kennt er mich?«

Ich glaube, daß dieser Augenblick es war, in dem jene Idee im Buckligen entstand, die so viel Verderben nach sich ziehen sollte.

»Ich melde gehorsamst, Herr General, er scheint von Herrn General gehört zu haben.«

»Sagte er das, Haschek? Sagte er das so?«

» Als ich ihm vom Herrn General erzählte, meinte er: ›So, so!‹ So wie man sagt: Du willst mir Neuigkeiten erzählen, wie, aber ich weiß das alles besser als du.«

»›So, so‹, sagte er, Haschek? Sonst nichts?«

»Sonst nichts. Ich bitte gehorsamst, Platz zu nehmen, Herr General.«

Ich setzte mich an diesem Abend im Gasthaus an einen Tisch unweit der Küchentür. Mein Vater saß in einem Kreis von Bürgern und Beamten am entgegengesetzten Ende der Wirtshausstube. Der Friseur stand neben dem Tisch und beteiligte sich am Gespräch. Mein Vater war an diesem Abend besonders aufgeräumt. Er erzählte die Geschichte eines Gefechtes bei einem Dorf, dessen italienisch klingenden Namen ich vergessen habe. Ich glaube nicht, daß die Kriegsgeschichten, die mein Vater zu erzählen pflegte, frei erfunden waren, vielmehr, daß er sie im Laufe seines Dienstes von Offizieren, die sie wirklich erlebt hatten, gehört hatte. Denn ich glaube nicht, daß mein Vater Phantasie und Einbildungskraft genug besessen habe, solche Schilderungen zu erfinden. Von ihm selbst stammen nur die oft dummdreisten Ausschmückungen seiner Erzählung sowie die Einflechtung seiner eigenen Person als Helden des betreffenden kriegerischen Erlebnisses. Der Friseur hörte immer mit größter Aufmerksamkeit zu und es schien ihm Vergnügen zu bereiten, kleine Ungenauigkeiten in der Erzählung zu entdecken, Widersprüchen durch Zwischenfragen nachzugehen und sie, wenn mein Vater nicht ein noch aus wußte, womöglich selbst zu erklären.

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