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Kleiner Mann - Was nun?

Hans Fallada: Kleiner Mann - Was nun? - Kapitel 33
Quellenangabe
type
authorHans Fallada
titleKleiner Mann - Was nun?
publisherrororo
printrun109.-133. Tausend
editor
year1953
isbn
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150322
projectid991df15b
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Pinneberg macht einen Besuch und läßt sich zur Nacktheit verführen

Schließlich muß man gehen. Das Schreien ist nicht wiedergekommen oder es ist von der doppelten Polstertür abgefangen. Jedenfalls weiß man nun: auch Lämmchen wird so schreien. Es ist eigentlich etwas, was man gar nicht anders hätte erwarten sollen, man zahlt für alles, warum sollte man gerade dafür nicht zahlen?

Pinneberg steht unentschlossen auf der Straße. Die Laternen brennen schon, hinten im Ufa-Theater leuchtet es festlich, all das ist da und geht weiter, mit Lämmchen und ohne Lämmchen. Mit Pinnebergs und ohne. Es ist nicht so einfach, sich das richtig klar zu machen, es ist fast nicht möglich.

Kann man mit solchen Gedanken nach Haus gehen? Da ist diese leere Wohnung, so schrecklich leer, grade weil alles an Lämmchen erinnert ... Da sind die beiden Betten, man hat sich abends die Hand über die Bettgasse gegeben, das war so gut. Das gibt es heute nicht. Vielleicht gibt es das nie mehr. Aber wohin?

Trinken, nein, das geht nicht. Es kostet Geld, und dann muß er ja noch um elf oder zwölf anrufen, es ist unwürdig, wenn er betrunken anruft. Es ist unwürdig, wenn er sich betrinkt, während Lämmchen dies durchmacht. Nein, er will sich nicht drücken, er will wenigstens an die Schreie denken, indes Lämmchen sie schreit.

Aber wohin? Vier Stunden durch die Straßen laufen? Das kann er nicht. Er geht vorbei an dem Kino, über dem seine Wohnung liegt, er geht vorbei an dem Ausgang der Spenerstraße, in der seine Mutter wohnt. Nein, das kommt alles nicht in Frage.

Langsam geht er weiter. Dies ist das Kriminalgericht und das sind Zellen. Vielleicht sitzen Menschen hinter dunklen Gitterfenstern und quälen sich auch, man müßte von sowas wissen, vielleicht wäre das Leben leichter, wenn man all sowas wüßte, aber man weiß nichts. Man bast so vor sich hin, man ist schrecklich allein, an einem solchen Abend wie heute weiß man nicht, wohin gehen.

Und plötzlich weiß er es. Er sieht auf die Uhr, er muß fahren, sonst sind die Häuser zu, bis er hinkommt.

Er fährt ein Stück mit der Elektrischen, dann steigt er um und fährt ein Stück mit einer anderen Elektrischen. Jetzt freut er sich schon auf seinen Besuch, mit jedem Kilometer, den er sich vom Krankenhause entfernt, entschwindet Lämmchen mit dem zu gebärenden Murkel weiter, wird schattenhaft, nicht mehr recht wirklich.

Nein, er ist kein Held, in keiner Richtung, weder im Angriff, noch im Sichselbstquälen, er ist ein ganz durchschnittlicher junger Mann. Er tut seine Pflicht, er findet es unwürdig, sich zu besaufen. Aber einen Besuch bei einem Freund kann man machen und man kann sich sogar auf den Besuch freuen, das ist nichts Unwürdiges.

Er hat Glück: »Jawohl, Herr Heilbutt ist zu Haus.«

Heilbutt ißt zu Abend und er wäre natürlich nicht Heilbutt, wenn er sich über diesen späten Besuch irgendwie wundern würde: »Pinneberg? Schön, daß du kommst. Hast du schon gegessen? Nein, natürlich nicht. Es ist ja noch nicht acht. Komm, iß mit.«

Er fragt Pinneberg nichts. Pinneberg ärgert sich darüber, aber nein, Heilbutt fragt nichts.

»Das ist mal eine vernünftige Idee, daß du gekommen bist. Sieh dich ruhig um, es ist eine Bude wie alle, scheußlich im Grunde, aber mir tut es nichts. Sie geht mich nichts an.«

Er macht eine Pause.

»Du siehst die Aktfotos? Ja, ich habe eine ziemliche Kollektion. Damit hat es eine besondere Bewandtnis. Zuerst sind meine Wirtinnen immer entsetzt, wenn ich einziehe und mache die Bilder an der Wand an. Manche wollen, daß ich sofort wieder ausziehe.«

Er macht erneut eine Pause. Er sieht sich um. »Ja, zuerst gibt es Krach«, sagt Heilbutt. »Diese Wirtinnen sind ja meistens unglaublich spießig. Aber dann überzeuge ich sie. Man muß ja bedenken, daß Nacktheit an sich das einzig Sittliche ist. Und damit überzeuge ich sie.« – Wieder Pause. »Hier, meine Wirtin zum Beispiel, du hast sie ja gesehen, die dicke Witt, was war die aufgeregt! Legen Sie sie in die Kommode, hat sie gesagt, regen Sie sich auf daran, so viel Sie wollen, aber nicht vor meinen Augen ...«

Heilbutt sieht Pinneberg ernst an: »Ich habe sie dann überzeugt. Du mußt bedenken, Pinneberg, ich bin ein geborener Freiluftmensch, ich sage zur Witten: Gut, beschlafen Sie sich die Sache, wenn Sie morgen früh noch wollen, daß ich die Bilder abnehme, schön. Kaffee bitte um sieben. Nun gut, morgens um sieben klopft sie, ich sage: Herein, sie kommt herein mit dem Kaffeetablett in der Hand, ich stehe hier ganz nackt und mache meine Morgenübungen. Ich sage zu ihr: Frau Witt, sehen Sie mich an, sehen Sie mich genau an. Erregt Sie das? Regt Sie das auf? Natürliche Nacktheit ist ohne Scham, auch Sie schämen sich nicht. – Und nun ist sie überzeugt. Sie sagt nichts mehr gegen die Bilder, sie findet es richtig.«

Heilbutt sieht vor sich hin: »Die Menschen müßten es nur wissen, Pinneberg, es wird ihnen nicht richtig gesagt. Du solltest es auch tun, Pinneberg, und deine Frau auch. Es würde euch gut sein, Pinneberg.«

»Meine Frau ...« fängt Pinneberg an.

Aber Heilbutt ist nicht zu hemmen, der dunkle, verhaltene Heilbutt, der vornehme Heilbutt, siehe da, auch er hat seinen Sparren, wie jeder. Heilbutt sagt: »Sieh mal, diese Aktfotos. Es ist eine Sammlung, wie du sie in ganz Berlin nicht zu sehen bekommst. Es gibt Aktfotoversandgeschäfte«, er verzieht den Mund, »dutzendweis, das ist nichts, häßliche Modelle mit häßlichen Körpern, gar nichts. Dies alles, was du hier siehst, sind Privataufnahmen. Es sind Damen darunter«, Heilbutts Stimme wird feierlich, »aus der höchsten Gesellschaft: sie bekennen sich zu unserer Lehre.« Mit erhobener Stimme: »Wir sind freie Menschen, Pinneberg.«

»Ja, ich kann mir das denken«, antwortet Pinneberg verlegen.

»Glaubst du«, flüstert Heilbutt und beugt sich ganz nahe zu Pinneberg hin, »ich könnte das aushalten, dies ewige Verkaufen und die albernen Kollegen und diese Schweine von Vorgesetzten«, er macht eine Bewegung gegen das Fenster, »und all das da draußen, diesen ganzen Mist in Deutschland, wenn ich das nicht hätte –? Man müßte ja verzweifeln, aber so weiß ich, es wird einmal anders werden. Das hilft, Pinneberg. Das hilft. Du solltest es auch versuchen, du und deine Frau.« Aber er wartet die Antwort nicht ab, sondern steht auf und ruft aus der Tür: »Frau Witt, Sie können abräumen!«

»Bücher«, sagt Heilbutt zurückkommend, »und Sport und Theater und Mädchen und Politik, und alles, was die Kollegen machen, das sind alles nur Betäubungsmittel, das ist alles nichts. In Wirklichkeit ...«

»Aber ...«, fängt Pinneberg an und kommt nicht weiter, denn Frau Witt tritt mit dem Tablett ein.

»Sehen Sie, Frau Witt«, sagt Heilbutt. »Das ist mein Freund Pinneberg. Den will ich heute abend mal zu unserem Kulturabend mitnehmen.«

Frau Witt ist eine kleine, runde, ältere Frau. »Tun Sie das man, Herr Heilbutt«, sagt sie. »Das wird dem jungen Herrn Spaß machen. Sie brauchen keine Angst zu haben«, beruhigt sie Pinneberg. »Sie müssen sich nicht ausziehen, wenn Sie nicht wollen. Ich habe mich auch nicht ausgezogen, als Herr Heilbutt mich mitgenommen hat ...«

»Ich ...«, fängt Pinneberg an.

»Komisch ist es ja«, erzählt Frau Witt, »wenn da alle nackig rumlaufen und unterhalten sich mit einem ganz nackig, ältere Herren mit Bart und Brille, und man hat seine Kleider an. Man geniert sich mächtig.«

»Sehen Sie«, sagt Heilbutt. »Und wir genieren uns nicht.«

»Na ja«, sagt die ältliche, rundliche Frau Witt. »Für jüngere Herren mag es ja ganz nett sein. Was die Mädchen sind, die verstehe ich ja nicht so, aber die jungen Herren, die finden da sicher netten Anschluß. Die kaufen die Katze nicht im Sack.«

»Ihre Ansicht, Frau Witt«, sagt Heilbutt kurz und es ist ersichtlich, daß er sich ärgert. »Wenn Sie denn also abräumen wollen.«

»Ihnen ist es nicht recht, Herr Heilbutt, wenn ich das sage«, und sie schiebt das Abendbrotgeschirr zusammen, »aber was wahr ist, muß wahr sein. Manche gingen doch ganz ungeniert miteinander in die Zellen.«

»Das verstehen Sie nicht, Frau Witt«, «sagt Heilbutt. »Guten Abend, Frau Witt.«

»Guten Abend, die Herren«, sagt Frau Witt und schiebt mit ihrem Tablett ab, bleibt aber doch noch einmal unter der Tür stehen. »Natürlich versteh ich das nicht. Aber billiger als ins Café gehen ist es doch.«

Und damit ist sie fort und Heilbutt betrachtet böse die braune, lackierte Tür.

»Man kann«, sagt er dann, »es der Frau nicht übel nehmen«, und er nimmt es ihr gewaltig übel. »Sie versteht es nicht besser. Natürlich, Pinneberg«, sagt er, »natürlich ergeben sich Beziehungen, aber die ergeben sich überall, wo junge Menschen zusammen sind, das hat mit unserer Bewegung gar nichts zu tun.« Er bricht ab. »Nun, du wirst ja selbst sehen. Du hast doch Zeit, nicht wahr, du kommst mit?«

»Ich weiß nicht recht«, sagt Pinneberg und ist verlegen. »Ich muß noch mal telephonieren. Meine Frau ist nämlich im Krankenhaus.«

»Oh«, sagt er bedauernd. Und dann versteht er: »Ist es so weit?«

»Ja«, sagt Pinneberg, »ich habe sie heute nachmittag hingebracht. Heute nacht wird's wohl passieren. Und, Heilbutt ...« er möchte weiterreden, von seinen Kümmernissen, seinen Sorgen, aber er kommt nicht dazu.

»Telephonieren kannst du auch von der Badeanstalt aus«, sagt Heilbutt, »Du meinst doch nicht, daß deine Frau was dagegen haben könnte?«

»Nein, nein, das glaube ich nicht. Nur, es kommt einem so komisch vor, sie liegt da im Entbindungshaus, Kreißsaal heißt das, da gebären sie drin, und es scheint gar nicht leicht zu sein, ich habe eine schreien hören ... schrecklich.«

»Na ja, es tut wohl weh«, sagt Heilbutt mit aller Gemütsruhe des Unbeteiligten, »aber es geht doch eigentlich immer glatt. Ihr müßt ja schließlich auch froh sein, wenn es überstanden ist. Und, wie gesagt, auszuziehen brauchst du dich nicht.«

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