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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Das Weib spricht

Wenn ich das Weib nicht schon an und für sich liebte mit der idealen Verehrung, die als Erbteil der Mutter in jedem Mannesherz bleiben muß, und mit der unbezwingbaren Leidenschaft der Natur, die immer und überall nach der Ergänzung, nach der Lösung jedes Dualismus in eine Einheit strebt, so müßte ich es lieben um des heroischen Anteils willen, den es an den Befreiungskämpfen der Menschheit, an den Revolutionen nimmt. Der gesunde Mann muß von Haus aus Revolutionär sein. Mag seine Erziehung eine noch so autoritäre sein, das Bild der Geschichte, das man ihm nicht vorenthalten kann, zeigt ihm in den erhabensten Momenten die Verneinung der Autorität, und indem an seinen Mut und an seine Stärke appelliert wird, muß er sich nach und nach bewußt werden, daß die Gesellschaft, selbst in ihren Verboten, die Revolution, die Geburtshelferin der Evolution, geradezu von ihm verlangt. Das Weib aber wurde in allen bisherigen Religionen und Gesellschaftsformen zur Niedertracht erzogen.

Wenn den Herren Philosophen vor den Konsequenzen ihrer eigenen Argumente bange wurde, blieb ihnen immer das Weib als das konservative Prinzip, die Garantie für die Ruhe, welche immer die erste Bürgerpflicht sein wird. Heine macht die kühnsten Witze über die Versuche, auf Grundlage der Religion die Welt zu erklären und die Menschheit mit dem Dasein zu versöhnen, aber es war doch sein innerstes Fühlen, wenn er niederschrieb: Ein Weib ohne Religion ist wie eine Blume ohne Duft. Der Feinschmecker merkte es gar nicht, daß er sich in den Hautgout vernarrt hatte, der den Damen der Welt, welche mit ihren Reizen nicht mehr hausieren gehen können, vorzüglich eigen ist. Dieser Hautgout ist, namentlich seit dem Auftreten des Christentums, dem weiblichen Geschlechte mit solcher Hartnäckigkeit imprägniert worden, daß man gewissermaßen sagen darf: er wird schon mit den weiblichen Kindern geboren.

Es war eine nicht unschöne, aber doch im krassesten Egoismus wurzelnde Kindlichkeit, wenn mich des Glückes ganze Fülle überschauerte, als mir des Pfarrers Töchterlein gestand, daß sie für mich gebetet habe. Aber all die frommen Positionen in der Kirche, die in Millionen von Bildern verherrlichte Andacht mit den himmelaufwärts geschlagenen Augen sind doch nur der Hautgout, den sämtliche Priester und Priestersklaven, sämtliche Treibhausmenschen mit Heine »Duft« nennen. Einem Menschen, der im alleinigen Umgang mit der Natur groß geworden, müßten die Manieren einer Andächtigen gerade so verdächtig vorkommen wie diejenigen einer Hetäre; und die Worte, welche nach Hauffs Memoiren des Satans im Sezier-Saal ausgesprochen wurden, hörte ich einst aus dem Munde eines protestantischen Bäuerleins, als ihm zum erstenmal in einer katholischen Kirche der Weihrauch in die Nase stieg: Pfui Teufel, wie stinkt es hier!

Dieser Freude an dem Hautgout, welcher von allen Gesetzgebungen und Religionen der Männer so sorglich fortgepflanzt wird, liegt aber noch eine tiefere Absicht zu Grund. Der Mann, d. h. die durch Staat und Kirche im Manne großgezogene Bestie, will besitzen und herrschen; da aber der Natur der Sache nach nur eine Minorität der Männer andere beherrschen und ungerechtes Gut besitzen kann, so sind sie sich darin einig geworden, daß das Weib für Jeden Eigentum und Sklavin sei.

Was man so Liebe nennt, ist in den meisten Fällen nur die Wollust des Besitzes, die Genugtuung, Jemanden zu haben, der einem jederzeit zur Verfügung steht; und wo es sich um einen Kampf um das Weib handelt, sei es eine Tanzbodenprügelei oder ein trojanischer Krieg, kann nie von Liebe die Rede sein, sondern nur von der Bestialität der Besitz-Wut.

Die Angst um den Besitz des Weibes, um die Tyrannis über dieses Sklaventum, das noch keine Civilisation aufgehoben hat, ist es, welche die Erziehung des Weibes diktiert. Vor allen Dingen gilt es, in den heranwachsenden Mädchen das Gefühl der Abhängigkeit zu vertiefen, sie müssen es frühzeitig lernen, daß sie nur dazu da sind, erhalten und gehalten zu werden. Das wird nicht nur mit Bibelsprüchen in den Kirchenschulen, sondern auch in unsern ganz auf die Moral des Christentums aufgebauten öffentlichen Schulen bezweckt; und in feinerer Weise ist es doch nur der Grundton in den fashionablen Instituten, wo die Töchter der obersten Zehntausend das Eine zu erlernen haben: Wie man sich als »Lady« beträgt. In der Tat zeigt sich hier eine rührende Einigkeit von Arm und Reich, von Reaktionär und Revolutionär. Kein Pfaffe konnte sich wütender auf das mulier taceat in ecclesia berufen, als unser badischer Freiheitsmann Friedrich Hecker, und der Herr Professor, welcher von der Bestimmung des Weibes für die Familie doziert und dadurch jedes Mädchen, das nicht »heiratet«, zu einem Wesen stempelt, das »seinen Beruf verfehlt hat«, steht genau auf demselben Standpunkt wie der erbärmliche Schuft der untersten Stufe, der dir für einen Schnaps die Schuhe beleckt, aber immer noch Mann genug ist, ein Weib zu tyrannisieren.

Die heilloseste Angst ist es, welche die Erziehung und die Rechtsstellung des Weibes selbst in der Republik diktiert, ja ich habe manchen Roten gekannt, aus dessen brüllendem Löwengesicht sofort die Hammelsnase heraustrat, wenn von den Rechtsansprüchen des Weibes die Rede war. Man läßt sich schließlich allerlei Revolutionen gefallen, und wenn es nicht anders geht, macht man selber mit; aber wenn es einmal den Weibern einfallen würde, gegen die altheilige Institution des Küssens und Prügelns, des Poussierens und Tyrannisierens zu rebellieren, das wäre dann doch eine zu ungemütliche Revolution!

Die wahnsinnige Angst vor dieser Umwälzung, welche den häuslichen Frieden aller Laren und Penaten des Philistertums bedroht, ging sogar so weit, daß man die körperliche Schwäche des Weibes zu einem Gegenstand poetischer Verehrung machte. Recht zart, recht ätherisch, nur so hingegossen, ein Herzfehler, eine leichte Anlage zur Schwindsucht ersetzt allenfalls den so beliebten Hautgout der Religion, so daß sie der starke männliche Arm stützen und heben kann, nicht zu groß, das Köpfchen ruhe an des Mannes Brust, des Mannes Herrscherhaupt muß immer auf sie herabsehen können. Schönheit und Stärke – eine fatale Kombination, angenommen sie würde sich wehren?! Dieser Geschmack der Männer, der sich in der Erziehung äußert, hat es sogar so weit gebracht, daß starke Weiber sich ihrer Stärke schämen und von Schwächlingen von Ehegatten, die sie mit einer Handbewegung an die Wand schmeißen könnten, sich Tränen der Erniedrigung entpressen lassen.

Aber ich habe bis jetzt nur von dem Weibe im Allgemeinen geschrieben. Unsere Zeit ist eine wunderbare, sie hat nicht nur durch die Elektrizität die rohere Gewalt des Dampfes überflügelt, sie hat auch in der tiefsten Tiefe des Sklaventums die Forderung der Freiheit erweckt. Das Weib spricht als Anklägerin vor allen Gerichtshöfen der Wissenschaft, spricht, wo Männer sich mit der Feigheit des Schweigens umhüllen. Das ist das schönste Gebild, das uns an des Jahrhunderts Neige entgegentritt: das freie Weib! Ein revolutionäres Weib, wie auch ihre Tätigkeit sich äußern mag, selbst wenn sie nur in den engen Rahmen der amerikanischen Frauenrechtlerinnen sich einfügt, ist ein größerer Triumph der immer nach Freiheit strebenden Natur als hundert revolutionäre Männer; denn sie hatte eine Welt zu überwinden, und wenn sie ihre Erkenntnis abgibt und ihre Forderung erhebt, hat sie immer noch eine Welt gegen sich. »Und geht es zu des Bösen Haus, das Weib ist tausend Schritt voraus«, steht im Faust geschrieben. Das Böse ist aber heutzutage das Befreiende, das die Autorität jedes Tyrannentums Zerschmetternde. Und da gibt es Frauen, für welche die geistigen Schranken, an denen die vorwärts strebenden Männer mühsam herumklettern, gar nicht existieren. Wenn ein Strahl der Sonne in ihr Herz gedrungen, gibt es für sie keine Dämmerung mehr, es ist auf einmal ganzer Tag. Wenn sie die Berechtigung zum vollen Lebensgenuß erkannt haben, blüht auch in ihnen der Mut auf, alles zu verlangen.

»Was die Weiber wollen, setzen sie schließlich doch durch«, jammern ja auch die braven Herren der Schöpfung. Nun denn, sie wollen, diejenigen unter ihnen, welche überhaupt wollen können (die willenlose weibliche Plebs hat schließlich in der Weltgeschichte so wenig zu bedeuten wie das männliche Philistertum) und ihr Wollen ist längst über die Emanzipation des Geschlechtes hinausgegangen, sie wollen, was jeder Kämpfer der Freiheit auf seine Fahne schrieb: Zerstörung aller Schranken, welche der freien Entwicklung des Individuums im Wege stehen, die kein andres Gesetz kennt als die Gerechtigkeit für Alle.

Und ihr Wille wird Tat werden. Zieht euch die Schlafmütze über die Ohren, ihr ehrsamen Bürger! Es wird eine Gardinenpredigt geben, die Niemand vergißt, der sie gehört. Legt euch lieber ins stille, kühle Grab, es bricht eine Zeit an, welche dem Menschengeschlecht den Beweis liefern wird, daß nicht umsonst die Griechen die höchsten Ideale: die Schönheit, die Wahrheit und die Freiheit, in weiblicher Gestaltung personifiziert haben.

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