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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 5
Quellenangabe
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typetractate
authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Das letzte Ideal

Ich habe einmal einen Mann gekannt, dem wurde die von Kindheit auf geübte süße Gewohnheit des Kirchgangs auf einmal lästig; er hatte nämlich ein paar lustige Brüder gefunden, welche am Sonntagmorgen ihre Frühmesse in der Kneipe abhielten, und es kam ihm viel ergötzlicher vor, einen halben Dollar dem Frühschoppen zu opfern als einen Nickel dem Klingelbeutel. Anfänglich tat es ihm noch im Stillen weh, wenn man sich bei den Gelagen über die »Kaffern« lustig machte, welche die schönste Zeit in der Kirche versitzen; aber nachdem er einige Bücher gelesen, welche ihm die lustigen Brüder geliehen hatten, fühlte er festen Grund unter den Füßen und sprach mit – wie ein Alter. Ingersoll lieferte ihm die Witze über die Bibel, Corvin die saftigen Pfaffengeschichten und für wissenschaftliche Gespräche diente ihm als Spicker Büchners »Kraft und Stoff. Im Übrigen aber lief er als derselbe bornierte Kerl ins Wirtshaus, als welcher er in die Kirche gelaufen war. Er machte sich mit seiner Freidenkerei in den neuen Umgangskreisen noch viel wichtiger als früher mit seiner Frömmigkeit unter den Frommen, lachte wie von jeher über die dümmsten Witze aus vollem Halse und belächelte den Humor, und sein Butterbrot war ihm viel wichtiger als die Not seines Nebenmenschen. Das ist die Sorte, welche mir den Geschmack an dem Freidenkertum verdorben hat, wie einst das patriotische Saufen der Burschenschaft meinem Freund Heinrich Heine die schwarzrotgoldnen Farben zum Ekel gemacht haben. Das ist die Sorte, welcher es eine erwünschte Bequemlichkeit ist, kein Gewissen mehr haben zu müssen, weil sie dann mit größerer Gemütsruhe »Politik treiben«, ihre Mitmenschen unterdrücken und ausbeuten können. Das ist die Sorte, welche den Pfaffen den berechtigten Stoff zur Satire liefert, weil sie, wenn es mit dem Frühschöppeln Matthäi am letzten ist, in der Todesangst an die Märchen der Kindheit sich anklammern und denselben Priester an ihr Sterbebett holen lassen, dem sie vorher die Fenster eingeworfen haben.

Einst traf ich einen jungen Mann, der zum erstenmal in einer sozialistischen Versammlung das universale Recht der Arbeit hatte predigen hören. Der Vorhang vor der Zukunft war ihm mit einem Male gehoben, sein Mund überströmte von den guten Vorsätzen, die man um so leichter fassen kann, da es zu ihrer Ausführung der Mithilfe einiger Millionen anderer Menschen bedarf, und sein Antlitz glühte von dem schönen Enthusiasmus des ehrlichen Proselyten einer neuen Religion. Er vertiefte sich auch mit religiösem Eifer in die Schriften von Lassalle und Marx und hörte mit unendlicher Geduld die Reden der sozialdemokratischen Agitatoren an, die mit den Pfaffen das gemeinsam haben, daß sie immer dasselbe sagen. Aber er war jung und mutig. Nach jeder Orgie der sozialdemokratischen Langeweilerei summte es ihm durch den Kopf: Der Worte sind genug gewechselt!

Da ließ ihn der Anarchismus Taten ahnen. Sturz der Tyrannei mit allen Mitteln! Aufopferung des Einzelnen zum Wohle Aller! Nicht alle können Winkelriede sein, welche der Freiheit eine Gasse brechen, aber jeder kann einen Feind mit sich ins Grab reißen, – das macht den Boden wunderbar fett, aus welchem das emanzipierte Proletariat seine Früchte der Freiheit zieht. Aber er war weit vom Schauplatz der Taten; die Freiheitsdeklamationen langweilten ihn, sie kamen ihm vor wie Kriegslieder, welche die Festungssoldaten singen, während ihre Kameraden im Felde sich herumschlagen. Aber die Tat kam, die Bombe fiel und verbreitete ungeheuren Schrecken unter den Tyrannen und – Sklaven. Das Ideal, dem er zugejubelt, wurde am Galgen degradiert; noch hielt ihn der wütende Schmerz aufrecht und das Bewußtsein der Internationalität dieses Gefühles. Aber das Bewußtsein, einer für den Augenblick – und auf wie lange hinaus? – verlorenen Sache zu dienen, nagte an ihm, die Unannehmlichkeiten, welchen man durch die Vertretung einer solchen Sache im gesellschaftlichen, im geschäftlichen und schließlich im ehelichen Leben ausgesetzt ist, wurden ihm drückend, das ewige Rebellieren wurde ihm unbequem.

Da warf ihm der Zufall (ein höherer Frühschoppenbruder) den Nietzsche und den Stirner in den Weg. Er las – sein Busen klopft höher, sein Auge wird heller.

Fort mit den Idealen! fort mit den Pflichten! Die Welt ist für mich da, und ich muß mir sie erobern. Ich baue mir auf festem Land ein Haus; was gehen mich die an, die auf dem Wasser schwimmen oder im Sumpfe wohnen?! Keine Steuern, keine Zölle, auch keine der Freiheit und keine dem Begriff Menschheit, »die sich ja doch Niemand vorstellen kann!« Kein Mitleid, kein Enthusiasmus. Das ist das Freieste! und das Billigste! flüstert in ihm das Tier.

Ein tiefer Frieden lagert über meinem also Befreiten, eine absolute Selbstzufriedenheit versöhnt ihn mit allen seinen Transaktionen, selbst wenn sie nicht ganz reinlicher Natur sein sollten. Wie ein Gott lächelt er über das Jammern der Leidenden – wenn ein Gott sich für die Menschheit aufopfert, so kann dabei höchstens der Schwindel der christlichen Religion herauskommen. Götter sind dazu da, die Sterblichen zu genießen. Götter sind wie Goethe, der sich in seiner Audienzstube im Vorderhaus als Dichter und Geheimrat anstaunen ließ, während er in den Negligéstunden seinen Christianen das Hinterpförtchen des Gartens öffnete.

Ewiger Frieden, ruhige, naturgemäße Entwicklung! Man erinnert sich, in der Naturgeschichte gelesen zu haben, daß es einer Vorbereitung von unzähligen Jahrtausenden bedurfte, ein organisches Wesen zu schaffen. Erdrevolutionen haben nicht beschleunigt, im Gegenteil, sie haben die Entwickelung immer zurückgeworfen. Also man bleibe ihm mit Revolutionen in der menschlichen Gesellschaft vom Halse, dafern sich dieselben nicht vernunftgemäß, auf ein gegebenes Programm und so wie sie es ihm vorgeschrieben, vollziehen. Vor allen Dingen schone man das Blut, es ist der kostbarste Saft, nur Sklaven schlagen ihre Herren tot, vor dem »freien Manne« erzittere nicht!

Das ist die Sonnenhöhe, auf der ich auch gern stehen möchte, wenn sich nur nicht dort nach und nach auch das Gesindel eingedrängt hätte, welches aus Feigheit und Gewinnsucht der Propaganda der Tat die ethische Berechtigung abspricht!

Die ehemaligen Humanisten waren schon ganz so schlau; als sie zur Beteiligung am offenen Kampf gegen Rom aufgefordert wurden, und als der wüste Lärm der Bauernrebellion in ihr Ohr drang, da schlugen sie ein freidenkerisches Kreuz und riefen aus: was wollt ihr denn von uns? Wir sind ja Humanisten! Wenn er aber, unser entwickelter Bruder, seine Faulheit, seine verbrecherische Gleichgültigkeit dem allgemeinen Elend gegenüber nicht bloß entschuldigen, sondern sogar prahlerisch rechtfertigen will, so sagt er: Sie sollten doch wissen, daß ich ein Individualist bin!

Eigentümlich, die Individualisten, welche sich Freundschaft, Liebe, revolutionären Sturm, Ehre und alles, was wir uns so früher vorgepredigt haben, so zergliedern und chemisch zerlegen, bis ihnen nichts mehr davon übrig bleibt, haben aber doch noch ein Ideal behalten – den Egoismus; und ich habe Menschen kennen gelernt, die in dem praktischen Hinstreben an dieses Ideal Bedeutendes leisten. Nichts interessiert sie, nichts regt sie an, nichts rührt sie, nichts begeistert sie, was sich nicht auf ihre Person bezieht; nur über ihr eignes Glück können sie sich freuen, und nur über eigne Leiden können sie weinen. Ich meine aber, daß ich unter ganz gewöhnlichen Daseinskaffern, welche nicht einmal das Wort Individualismus kennen, dieselbe Gesinnung in Blüte gefunden habe.

Jedes Ideal bedingt und schafft sich eine gewisse Moral, also auch der Egoismus. Es läßt sich ungefähr in dem Gebot ausdrücken: »Der Mensch soll sich den Umständen fügen.« Ein Narr war der Verfasser von Onkel Benjamin, daß er am liebsten in den Zelten der Geschlagenen wohnte, »da er es ja doch besser haben konnte«. Setze dich an den Tisch des reichen Mannes und schlage deine Harfe laut, daß auch der Lazarus vor der Tür sich an ihren Klängen erfreuen kann. Narren waren unsere Gemordeten in Chicago, daß sie nicht bei dem Geldpöbel um Gnade bettelten und dadurch ihr ganzes Bestreben zum Verbrechen stempelten. Mir ist aber solche Narrheit lieber als Selbstschändung; als alter Student halte ich etwas auf Komment. Hier sehe ich das verächtliche Lächeln meiner individualistischen Beobachter über meine Rückständigkeit. Mich aber will es bedünken, als ob die Moral: »Der Gewalt gegenüber ist die Ehrlichkeit eine Sünde«, ein Geschlecht heranziehen würde, dem die Heuchelei zur Ehrensache werden müßte und das im Schatten der Tyrannei sich schließlich behaglich fühlen würde.

Ich hatte einmal ein Kapitel von Nietzsche gelesen, in welchem »Jenseits von Gut und Böse« die Leidenschaft der Rache wie ein toller Hund totgeschlagen wird. Ich fand das sehr vernünftig, übermenschlich, meinetwegen göttlich. Da sah ich zwei Kinder des Lumpenproletariats in einem Abfallfaß nach nahrhaften Brocken wühlen, hier in unsrer guten Stadt Detroit, wo das Vorhandensein der Armut noch ein Geheimnis, wenn auch ein öffentliches ist; meine Göttlichkeit war zum Teufel, und der tolle Hund wurde in mir lebendig.

Mit einem wehmütigen Bekenntnis meiner traurigen Lage will ich schließen. Wie mir die Christen am Christentum, die Sozialdemokraten am Sozialismus, die Anarchisten am Anarchismus die Freude verleidet haben, so geht's mir jetzt auch mit den Individualisten. Ich höre mit gläubigen Ohren die Versprechungen der theoretischen oder wissenschaftlichen oder vernünftigen Anarchisten, zu welchen ich meine Freunde Tucker, Mackay und Schumm zähle, ich nehme an, daß ihre Theorie der Entwertung der jetzigen Werte – vorab das dreimal verfluchte Geld – praktischer Ausführung entgegen sieht (ich habe mir zwar nicht die Mühe gegeben, dieses meinem innersten Wesen zuwidere Thema zu studieren, aber da viel Dümmere als ich damit Staat machen, wird wohl auch keine ewige Weltweisheit drinstecken), aber ich frage mit hunderttausend Elenden: Wann soll denn eigentlich der Anfang gemacht werden? Dann, wenn die Herrschenden einsehen, daß sie doch nur Barrikaden gegen ihren eigenen Sonnenschein bauen, würde wohl die Antwort lauten. Das ist aber gerade so dumm, als wenn man in der Erziehung des Menschengeschlechts die Wollust ignorieren würde. Die Wollust des Herrschens und des Unterdrückens fragt nicht danach, ob sie zum eignen Nutzen arbeitet; sie ist da, unerbittlich grausam für die Oberen wie für die Unteren, und sie wird immer da sein, nicht verstohlen, wie es sich für eine Schändlichkeit ziemt, sondern offen triumphierend; so lange man ihr nicht alle Köpfe abhackt und die Gift blutenden Wunden mit Feuer trocken legt.

Nieder mit den Idealen! Gut, nieder aber auch mit dem letzten Ideal, dem Egoismus! Ich für meine Person will mir den kindlichen Glauben bewahren, daß man draufschlagen muß, wo man Unrecht sieht, ohne Besinnen, ohne Überlegung, töricht wie ein Kind und ein Held. Denn

Setzen wir nicht das Leben ein,
Nie wird uns das Leben gewonnen sein.

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