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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Karfreitag-Erinnerung

Seinem Pfarrhaus-Idyll setzte Joseph Victor Widmann das Horazische Motto vor: Virginibus puerisque canto – den Jungfrauen sing ich und den Jünglingen. Ich hätte dasselbe auch über diese kleinen Schilderungen aus meiner Jugendzeit stellen können. Wer nicht eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele sich bewahrt hat, wer nicht so jung geblieben ist, daß ihm alle die kleinen, süßen Erinnerungen des Lebens und der Liebe ein unveräußerlicher Schatz sind, der überschlage getrost das kindische Zeug und suche in anderen Spalten etwas, was seiner männlichen, streitbaren Seele besser behagt.

Aber es ist ja unterdessen wieder einmal Frühling geworden, wirklicher Frühling, sogar in Michigan; die Knospen schwellen wie der Busen junger Mädchen, und die Spatzen tragen Strohbalken zum Nest, dreimal so lang wie sie selber. Glückliche Spatzen. Sie arbeiten nur, wenn sie lieben; die armen Menschen aber müssen noch arbeiten, wenn sie schon lange nicht mehr lieben können. Auch der Karfreitag zog wieder vorüber, und ich war so betrübt wie ein guter Christ; aber nicht weil der Herr Jesus gestorben ist, sondern weil mich die Erinnerung so manchen Karfreitags im Gegensatz zu dem Jetzt wehmütig stimmte.

Osterferien waren es. Xenophon hatte keine Schrecken mehr für uns, und die ins Leben sich drängende Natur spottete mit allen Linien des Pythagoräischen Lehrsatzes. In dem braven alten Neckargemünd sah man es nicht gern, wenn so junge Schülerknaben am Karfreitag dem Vergnügen nachgingen; denn da das Städtchen zu gleichen Teilen von Protestanten und Katholiken bewohnt ward, die in friedlichem Einverständnis lebten, so achteten die letzteren die strenge Karfreitag-Feier der ersteren. Dies galt aber nur für die Einheimischen; Fremden wurde es durchaus nicht übel genommen, wenn sie, der Langeweile des Heimat-Ortes entrinnend, hier allerlei Lustbarkeiten suchten. So zogen denn auch wir noch im Dämmer der weichenden Nacht, sechs böse und doch gute Buben, in den Odenwald hinein. Wir fanden nach anhaltendem Marsch ein Dorf, das uns paßte, und ein Wirtshaus, das uns noch viel passender schien, und, begeistert von dem seltenen Trank des in ganzer Freiheit genossenen Weines, schwuren wir dann und dort, nicht ohne unser Blut in den Becher zu träufeln, einen heiligen Eid, zum Beweise unserer unerschütterlichen Freundschaft jeden Karfreitag hier zusammenzukommen, so lange uns der Tod nicht von dem Versprechen entbinden würde.

Dreimal noch haben alle sechs ihr Versprechen gehalten; das ist, wenn man bedenkt, daß wir für deutsche Verhältnisse örtlich weit auseinander wohnten, eine seltene Leistung, und mit jedem Karfreitag hatten wir zugenommen an Alter und Weisheit, und jedes Mal wurde es schöner.

In jenen Jugendjahren sieht man Vieles und Schönes, aber wir blieben unserem Dörflein treu, trotzdem dasselbe in keiner Weise hervorragende Anziehungspunkte hatte: ein bescheidenes, waldgekröntes Hügelland, ein Kirchlein mit moosigem Turm, aber freilich auch im Pfarrhaus nebenan zwei lustige Pfarrerstöchter; ein Wirtshaus mit leichtem, kühlem Wein, unübertrefflichen Pfannkuchen und grüngoldnem Salat; aber auch hier wuchsen ein paar Töchter immer höher und lieblicher den »Karfreitagsstudenten« entgegen, welch letztere mit berechtigtem Stolz die ersten Bart-Anlagen und dann die ersten Schmisse zur Schau brachten.

Wir trafen immer, wenn auch von verschiedenen Seiten, pünktlich zur Mittagsstunde in unserer Herberge ein. Nach dem Essen wurde der Kaffee offiziell im Pfarrhause eingenommen, wir bewirkten dabei durch unser »gesetztes« Betragen, daß die guten Alten beide Augen zudrückten, wenn die beiden Mädchen durch ein Pförtchen in der epheuumrankten Mauer nach dem Wirthausgarten hinüberschlüpften, um zu den Klängen der Ziehharmonika zu tanzen oder der unschuldigen Erotik des Pfänderspiels zu huldigen. Herzen haben wir keine gebrochen, die Wirtstöchter hatten schon ihre Schätze, und die Pfarrersmädchen haben Offiziere geheiratet, lange ehe einer von uns ans Examen denken konnte, aber Stammbuchverse von zweifelhafter Güte wurden eingeschrieben, und verstohlen trat manch ein Veilchen im Taschenbuch die Reise in die Fremde an.

Um fünf Uhr aber mußte absolutes Cölibat eintreten, denn nun begann der Sechse geheiligtes Symposium, wobei ich freilich gestehen muß, daß mein unvergeßlicher Paris und ich immer erst mit Gewalt aus versteckten Gartenwinkeln ins Haus transportiert werden mußten.

Guter Wein schmeckt mir auch heute noch, aber wann habe ich je so die Steigerung der Stimmung, wie sie unter seinem Einflüsse bei unverdorbenen Menschen stattfindet, erlebt, bejubelt und doch zu gleicher Zeit mit Genugtuung beobachtet! Es wird sich wohl kaum ein Moralprediger finden, der gegen solches sich Betrinken etwas einzuwenden hätte. Ich habe einen der Zettel gerettet, auf welchem der Sekretär der Sechs, der sich als Kaufmann selbstverständlich durch eine schöne Handschrift auszeichnete, die aufeinander folgenden Toaste notierte. Da ist es denn gar kurzweilig zu beobachten, wie die Züge immer freier und kühner werden, bis sie zuletzt in chaotischem Durcheinander über das Papier hintaumeln. Vielleicht kann mancher im Geiste einen solchen Kommers mitmachen, wenn ich die Toaste und Lieder hier notiere.

Gaudeamus igitur – Toast: Altheidelberg. Stoßt an Allemannia, resp. Suevia, resp. Arminia soll leben – Toast: Unsere Freundschaft. Vom hohen Olymp herab – Toast: Die Liebe; in besonderer Ausführung: Emilie, Lona, Gretchen, Bertha, Scientia (das war der Kaufmann, der jedesmal Tränen weinte, weil er nicht studieren durfte), Emma. Hier wurde eine Pause und ein Ausflug nach dem Telegraphenbureau gemacht (der Telegraphist wußte schon Bescheid); und nun sausten die Liebesgrüße in die Welt, z. B.: Sechs muntre Burschen sitzen zu Mauer bei dem Wein und schließen ihre Lieben in ihre Gebete ein. Hierauf Fortsetzung: Weg mit den Grillen und Sorgen – Toast: Die deutsche Jugend. Du Schwert an meiner Linken – Toast: Das Vaterland. Wir sind nicht mehr am ersten Glas – Toast: Die Freiheit. Hier erheben sich die Schriftzüge zur höchsten leserlichen Kühnheit. N.B., lieber Leser, diese Toaste wurden immer mit ganzen Humpen Weins honoriert. Einzelnes läßt sich noch entziffern, im buntesten Durcheinander: Die Weltrepublik – Das schwarzbraune Mädel – Der Kater – Mein Alter – Stimmt an mit hellem, hohem Klang – ich hab ja (wahrscheinlich: mein Schätzel schon lang nit mehr gseh) ... Darunter befinden sich wieder einigermaßen leserlich die Namen der Kommersierenden.

Wo sind sie heute, die frohen Jugendgenossen, die Karfreitagsstudenten? »Der eine seufzt beim Unterricht,« d. h. mit dem Seufzen ist es nicht so gefährlich – Ludwig Mathy hat, wie man sagt, Karriere gemacht, er steht auf der höchsten Stufe der Lehrerschaft des Mannheimer Gymnasiums, in welchem wir einst zusammen geschwitzt haben; aber von der Republik will er nichts mehr wissen, er ist im sozialen Leben braver Familienvater und seiner Überzeugung nach Reserve-Offizier. »Der schimpft die sündige Seele aus« – und das besorgt der lange Hasenclever gründlich; einst schien er bestimmt, ein Sänger und Held zu werden, ein Volker, der für todmüde Recken der Freiheit die Wache hält, jetzt ist er eine Hauptstütze der orthodoxen protestantischen Kirche. »Und der flickt ihr verfallnes Haus« – mein Freund Leo Müller ist zwar in Vielem noch der Alte, sein Durst ist noch nicht angekränkelt, er glaubt nicht an Gott, aber er glaubt an die Regierung, und ich habe ihn stark im Verdacht, daß in dem Sanitätsrat für ihn selber der Gipfel seiner Wünsche zu finden ist.

Das sind die Lebenden. Wie viel besser haben es die Toten! Ein widerwilliger Soldat war Grohe, er hatte die ganze Freiheitssehnsucht seines Vaters geerbt, den sie 1849 als Rebell erschossen haben; aber wer weiß, ob es nicht gerade deshalb für ihn ein Glück war, daß er 1870 auf dem Schlachtfeld bei Nuits den Tod fand. Endlich du, dessen fidus Achates ich war, mein herrlicher Paris! freilich kein blonder Griechenjüngling, sondern ein Römerkopf mit feurig schwarzen Augen über der fein geschwungenen Adlernase, du Abgott aller Mädchen, es ist eine Ironie des Schicksals, daß gerade dich der Liebeskummer in den Hades trieb. Ich wähnte, er schriebe »mit finstrem Amtsgesicht Relationen«, und wandte mich an ihn in einer Frage der Jurisprudenz (was fälschlich auch Rechtspflege genannt wird), da erhielt ich statt von ihm von seiner Mutter einen Brief, der mit dem Satze begann: »Mein Sohn Alfred, der Ihnen immer ein liebendes Andenken bewahrte, kann Ihnen nicht mehr antworten, er hat sich erschossen, weil seine Geliebte ihm untreu wurde, und hat mich einsam als unglücklichste aller Mütter zurückgelassen.«

Das sind die Toten, die mir so lebendig geblieben sind; ich aber, ich lebe noch, manchmal ein recht trübseliger Karfreitagsstudent; und ich habe es zu weiter nichts gebracht, als ein armer Teufel zu sein. Aber den Idealen, welche damals dämmernd vor unserer Seele standen, bin ich treu geblieben. Ich erhebe mein Haupt im Frühlingsschein, denn ich habe ein Recht, »Aus der Jugendzeit« zu erzählen.

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