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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 22
Quellenangabe
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typetractate
authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120801
projectid5d090ead
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Ruhe-Briefe

Villa Weidenlaub, am Orionsee

I.

Und der Himmel ist im Wasser,
Und die Freude ist auf Erden.

Also noch einmal in der Welt, nach fünfzehn Monaten Zimmergefängnis, noch einmal im Besitz der Erde, und wäre sie schon tausendmal verteilt worden, noch einmal erfüllt von jenem überströmenden Gefühl, das uns die Jugend als Erbe hinterläßt:

»Wie ist doch die Erde so schön, so schön!
Es wissens die Vögelein,
Sie haben so leichtes Gefieder
Und singen so fröhliche Lieder
In den blauen Himmel hinein.

Und Maler und Dichter wissen es,
Es wissens viel andre Leut,
Und wers nicht malt, der singt es,
Und wers nicht singt, dem klingt es
Im Herzen voll lauter Freud.«

Ich will mich ja gewiß nicht versündigen am Luginsland, ich werde mich ja doch wieder mit ihm befreunden müssen. Es hat ja auch eine Wiese, aber sie ist, was man so »stoob'g« nennt, und ein paar Baumgruppen, aber sie sind überall von Häusern und Stadtstraßen eingeengt. Und es ist ja auch ziemlich friedlich da, aber das Gerappel der Wagen und Straßenbahnen geht doch den ganzen Tag, und des Morgens mit dem ersten Sonnenstrahl hastet schon der Fluch der Arbeit mit den Blechkesseln nach den verschiedenen Kasernen, und wenn die Luft auch für eine große Stadt eine reine genannt werden darf, so wird sie doch manchmal von der schnöden Zichorienfabrik hinter dem Hause verpestet, und wenn sich nicht zuweilen ein Lüftchen her verirrt, liegt man auch wie ein Fisch auf dürrem Sand. Hier aber ...

Ich muß diese Lebenswonne beschreiben; sollte sie mir jemand neiden, so möge er bedenken, daß die Schmerzen der Matratzengruft in ihrer ganzen Scheußlichkeit mir auch in dieses Paradies nachgefolgt sind.

An den blauen Wassern lieg ich, goldnen Sonnenschein im Herzen. Der Lake Orion ist ein Becken, das ein den Menschen freundlicher Titan aus dem Felsengrund gehauen hat, dann füllte er es mit dem klarsten Wasser der Quellen, und um das Ganze hübscher und mannigfaltiger zu machen, setzte er kleine, waldgekrönte Inseln hinein. Das ist alles, das ist für mich meine Welt. Wasser und Bäume und die tausend Farben, welche die Sonne hinein zaubert, das ist der Reiz dieser Landschaft, ich aber bin mitten darin. Unsre Villa liegt nicht weit von der Landstraße und nicht weit von der Eisenbahn und doch so abgeschlossen wie auf einer grünen Insel. Intimen Besuchern rate ich, auf die Anmeldung am Frontportal durch den immerhin etwas steifen und zeremoniellen Butler – diese Leute sind nun einmal so – zu verzichten und sich lieber ums Haus herum durch den etwas verwilderten Garten zu schlängeln, um an der Hinterfront mit einem Schlag in die bisher verborgene strahlende Wasserwelt versetzt zu werden. Hier ist die säulengetragene Veranda, auf der ich meine Tage verträume, und auf die ich mir in warmen Nächten auch das Bett setzen lassen werde. Durch nichts als durch einen kleinen Grasfleck, auf dem die Kinder gerade drei Purzelbäume schlagen können, getrennt, liegt zu meinen Füßen der See. Man wohnt so in Venedig, aber die Lagunen stinken, wenn auch die begeisterten Italiafahrer selten das Faktum erwähnen, und das Fieber schwebt darüber, und ekelhaft schmutzig ist die Flut, welche die Marmorstufen beleckt. Hier aber schaukelt der Nachen am hölzernen Quai auf klarblauem Wasser, durch das du hinabsehen kannst, zwanzig, dreißig Fuß tief bis zum schimmernden Steingrund mit seinen wehenden Algen; und der frische Gesundheitshauch, den die Hügel einander über den See zusenden, erstirbt auch in der glühendsten Mittagshitze nicht.

Über mir spreiten nicht Palmen ihre Kronen, es sind nur ganz gemeine hochstämmige, langästige amerikanische Weidenbäume mit ihren graugrünen Blättern.

»Kühl weht das Weidenlaub von Babylon.«

Aber meine Bäume wissen nichts von Babylon und nichts davon, daß Judas an einem ihrer Sippschaft sich gehenkt hat, und daß Ophelia und Desdemona sie besungen, sie sind so ohne Religion und ohne Gefühl eines historischen Zusammenhangs und ohne Wunsch wie meine Seele, wenn sie unter ihnen einschläft. Sind rechte Proletarierbäume, die an jedem Wasser wachsen. Doch schwingen und singen die Vögel darin, und wenn die Sonne des Mittags darauf scheint, glänzen die Blätter so grüngolden wie im Buchenwald, und des Nachts blinken die Sterne hindurch wie die Augen verschwiegener, verschämter Liebe.

»Still liegen und einsam sich sonnen« ist auf diesem Fleck Erde wahrlich keine tapfere Kunst. Der absolute Friede liegt in der Luft. Wohl stöhnt und schnaubt und brüllt bisweilen die Eisenbahn hinter uns, es ist, wie wenn ein Untier im Vorüberbrausen sich ärgert, daß es den Frieden dieses Asyls nicht stören kann. Daß ich diese heilige Stille noch einmal erleben darf! nur Zwitschern und Locken von Singvögeln – endlich einmal keine Spatzen, sondern wirkliche Singvögel, zu denen ich freilich auch das lustig lärmende Gesindel der Robins, Blackbirds, Catbirds und Schwalben rechne – und das leise Glucksen der Wellchen, die am Strande spielen. Hier muß die Seele gesunden, das kann kein Siechtum des Leibes verhindern. Wieder einmal die Natur schauen dürfen, wie sie beim ersten Morgengrauen ihre Hüllen wegwirft, in schimmernder Mittagsglut nackt ihre Arme nach uns ausbreitet, bis sie aus des Abends Schleiern verschämt an unseren sehnenden Busen sinkt! Wieder die Sonne begleiten dürfen auf ihrem feurigen Ritt und des Nachts mit den Sternen Zwiesprache halten!

Und das alles, wonach so mancher arme Teufel aus dem feurigen Ofen eines sklavischen Daseins vergebens sich sehnt, mir geschenkt durch die Güte einiger Freunde, nein durch den prometheischen Funken, der sie mir zu Freunden gemacht, und den zu schüren und weiter zu tragen mir ein Gott verliehen. Ich bin dankbar; dankbar sein können, heißt glücklich sein.

Eben braust die Eisenbahn wieder vorbei, das Untier pfeift so vorwurfsvoll, als ob es wüßte, daß ich es doch für ein unfreundliches Biest halte. Es soll mir ja die Besucher bringen; denn alles zu seiner Zeit, nicht ganz der Einsamkeit ist die Villa Weidenlaub geweiht. Hier möchte ich vielmehr alle Freunde haben, mit denen ich einmal eine schöne Stunde verlebt und Euch alle, die ihr einmal Braut meiner Seele wäret (Alle? das Echo in diesem Friedensparadies antwortet: Alle!), alle Musik, die ich gehört, und allen guten Wein, den ich schon getrunken (ein trefflicher Keller steht uns zur Verfügung, aber leider ...). Hier klingt alles köstlich, von einer Regimentsmusik oder einem Männerchor, die von der gegenüberliegenden Insel das Echo wecken könnten, bis zu dem Lebe! liebe! in einer engeren Gesellschaft oder dem Zitherklang auf der Veranda. Wenn du ein guter Sänger bist, so kannst du hier mit derselben Begeisterung »Santa Lucia« singen wie am Golf von Neapel oder auf dem Genfersee, wenn du aber nur einen Dudelsack in der Kehle hast, so fährst du ein Stück auf den See hinaus, bis das nächste Vorgebirg dich verdeckt, dann klingt auch das schön. Bist du aber so ein Glücklicher, der jenen Inbegriff von Musik und Wein, ein Liebchen, sein eigen nennt; so bringe du es erst recht mit; alle Heineschen Verse werden dir hier einfallen, und süßer als der Sang der Nachtigallen ist das Geflüster Liebender auch unter Weidenbäumen. – Nicht vergessen soll werden, daß hier auch alles gut schmeckt, was hier herum wächst und gebacken und geschlachtet wird; der unüberwindliche Appetit der Kinder bezeugt es, und meine immer noch eheliche Gattin blüht wie eine Pfingstrose. – Ich habe also dem Dampf-Leviathan schleunigst Abbitte getan und werde ihn jeweils mit dem Gedanken begrüßen: Ob er wohl etwas Liebes mitbringt?

Nur eins darf man von mir nicht erwarten: Viel schreiben. Um Briefe der Ruhe schreiben zu können, muß man Ruhe haben, und wenn man zuviel Zeit hat, hat man nie Zeit genug. Für heute resp. für die Woche ists schon genug. Eben sinkt die Sonne Homers, ich eile, ihre letzten Küsse zu empfangen.

II.

Wir haben einen Sonnenuntergang erlebt, wie man ihn hier fast ohne Ausnahme in wechselnder Pracht genießen kann. Als die Himmelskönigin samt der lodernden Feuerburg ihrer Wolken wie Sardanapal untergegangen war, und nur noch Rosenwölkchen im Zenith den kurzen Triumph des Leichtsinns über das Tragische zu feiern schienen, erglänzte das Wasser in der Seebucht vor mir in jenem schimmernden Gold, das man mit Makarts Katharina Cornaro immer im Gedächtnis behalten wird. Zog ein Schifflein hindurch, so ließ es hinter sich einen breiten tiefblauen Streifen, über den allmählich die goldnen Wogen sich wieder schlossen. Drüben unter den Uferbäumen noch Tiefgrün; aber nicht lockend wie am Morgen oder in der Mittagsglut, nixenhaft ladend zum Bade, sondern wie eine düstere Wahrsagerin unter Trauerweiden das Ende der schimmernden Herrlichkeit verkündend. Fern hinaus in der weiten Fläche violette Tinten, in die Nacht sich verlierend. Dann geht ein Hauch über das Wasser, die goldene Herrlichkeit verblutet in trübem Rot. Als der Neumond schüchtern herauflugte, traf er eine unruhige, schwarze Fläche, die kaum sein Licht widerspiegelte, und er verschwand ohnmächtig hinter den Wolken, die auf einmal da waren wie die Geier, die auf einen sterbenden Helden sich senken, wie ein Vorhang, der sausend vor alles Licht fährt und uns allein läßt in der Finsternis.

Und was jetzt um mich starrt wie eine Mauer, ohne Ruderschlag, ohne den Nachtgesang eines Menschen oder Vogels, das ist die Johannisnacht! O wo seid ihr, Lichter des Himmels, und ihr Milliarden Leuchtwürmchen, Lichter der sommerbrünstigen Erde? Einst schimmerten sie in den gelösten Haaren der Geliebten, und der Glanz der Sterne verklärte ihr liebes bleiches Gesicht! Von den Bergen stiegen die Feuergarben und das Jauchzen der Menschen, und wir umschlangen uns, als ob uns kein Tag mehr trennen könnte.

Aber Titania ist tot. Verlassen und verwirrt stürzen sich ihre geflügelten Trabanten in das Fatum meines Lampenlichtes und verzappeln ihr Leben auf meinem Haupt, auf meiner Brust. Das ist ein Totentanz ohne Musik, ein stiller, schauerlicher; das ist eine Johannisnacht, die dich am Morgen verzweifeln läßt.

III.

Aber es kam doch ein Morgen, frisch im Tau wie ein Jüngling, der vom Gebirge steigt, und ich sprach zu meiner Seele: Einst hast du die Sonnenwende in den Nächten begrüßt mit lohenden Holzstößen und liebeflammendem Herzen, wenn aber die Sonne selber hinter den Bergen emporstieg, so lagst du und schliefst; nun, da du für immer im Tale wohnst und unter einem Himmel, der weit und breit ist wie das Meer, erlebst du den ersten Lichtschein und seufzest oder jauchzest wie das Nilpferd, von welchem der Naturforscher Brehm, in Frack und weißen Glacé von Afrika erzählend, behauptete, es begrüße jeden Morgen mit sanftem Gerohre oder wildem Gebrüll den Schöpfer der Welt.

Wenn die Geschöpfe am Orionsee auch ihren Schöpfer begrüßen, so sind sie gewiß am frühesten daran von allen Lebewesen. Die stille, heilige Nacht währt nur bis zwei Uhr, gleich darauf geht ein Vogelgezeter los, das unter Umständen eine schläfrige, mißgestimmte Seele tief empören kann. Es ist da namentlich ein geflügelter Spektakelmacher, der den Ton angibt; für den Kerl beschränkt sich die Schlafenszeit auf die Dunkelheit von 11 bis 2 Uhr. Über seine Herkunft ist unsre ornithologische Familie im Unklaren; während die Gattin behauptet, es sei ein Blackbird, der an Landeskenntnis rasch sich bereichernde Sohn ihn Robin nennt, versteigt sich Arthur dazu, einen Pirol in ihm zu vermuten. Jedenfalls gehört er nicht zum Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben, sondern zu den Dichtern, die es verkünden müssen allen, welch Glück vom Himmel ihnen gefallen; denn was er unablässig vom Rande seines Nestes und von den benachbarten Baumwipfeln zwitschert und flötet, bedeutet in unsrer Sprache: »Ich bin der Vater!« In meinem rachsüchtigen Gemüt meine ich immer, Madame Vogel müßte sich ihre eigenen Gedanken über den Prahlhans machen. – Gegen vier Uhr läßt er und das Korps, das er dirigiert, etwas nach, wahrscheinlich ist es die erste Frühstückspause, und zartere Töne kommen zur Geltung. Es ist da namentlich ein süßes Stimmchen, das über die Seebucht einen sehnsüchtigen Ruf ergehen läßt, der sich anhört wie: O sweet, come sweetee! Ich bin überzeugt, daß dieser Musjeh schon längst eine zahlreiche Familie hat und daß die Sehnsucht, die sich in seinem Sang ausspricht, auf die schöne vergangene Zeit der jungen Liebe sich bezieht. – Zu den liebsten Stimmen des dämmernden Tages gehörte mir der Ruf einer Eule, er klang in langen und wohlabgemessenen Zwischenräumen wie Guggu, und dann in tieferer Lage wiederholt Guggu, Gugguu! Diese Molltöne hatten etwas ungemein Beruhigendes; es klang wie das gute Gewissen nach einer angenehmen und nützlich verbrachten Nacht, und man sah ordentlich, wie der Vogel sich dabei mit der rechten Pfote behaglich über den Magen strich. Herr oder Madame Eule war Einsiedler, ich habe nie eine Antwortstimme gehört, und jetzt ist leider das niedliche Guggu verstummt. Ist er oder sie der Alles hinraffenden Dummheit zum Opfer gefallen – der Präkonsul dieses Gemeinwesens hat die Eulen als schädliche Tiere für vogelfrei erklärt! – oder fortgezogen, weil ihm der Gesang nicht gefiel, den wir in einer schönen Nacht auf der Veranda der Villa Weidenlaub losließen?

Unterdessen haben schon einige Hähne gekräht, nur pro forma und nicht mit der richtigen Begeisterung, weil sie sich bewußt sind, daß hier andere Leute viel früher aufstehen, im Gegenteil, beim Hähnekrähen pflegt man gewöhnlich wieder im stiller gewordenen kühlen Morgen einzuschlafen. Da erhebt sich auf dem Grasfleck am nun schon aufblitzenden Wasser ein solches Gekreisch, Gekrächz, Gezänk, Gezeter, als ob hundert Mönche mit hundert Rabbinern disputierten, es sind die Schwarzvögel, die sich um die Überbleibsel unseres gestrigen Abendmahles streiten. Es dauert aber nicht lange, hoch oben im Weidenbaum erschallt ein Warnungspfiff, und mit Geknatter und Gesause verschwindet die ganze Gesellschaft im Gehölz – mit hochgehobenen Pfötchen und funkelnden Augen, jede Sehne zu zitternder Straffheit gespannt, schleicht die Katze durch die tauschweren Kleeblüten. So wie sie mich sieht, ist alle Jagdlust blitzschnell aus Augen und Haltung verschwunden, sie scheint ganz versunken, mir den Rücken zukehrend, in den Anblick der Morgenpracht, durch ein leises Zucken der Ohren deutet sie dezent die Überraschung an, die sie bei meinem Anruf empfinden sollte, und indem sie mir ein Gesichtchen zudreht, in welchem die Augen noch halb im Banne des Schlafes zu stehen scheinen, spricht sie mir durch jenen neckischen, unendlich lieben Triller, den nur die Katzensprache kennt, ihre Verwunderung aus, daß ich auch schon wach sei.

Alte Katze, altes Hausmöbel der Stadt, Vermächtnis jener guten Tante, die in ihrem umfangreichen Busen auch für diesen verleumdeten, verhetzten armen Teufel ein Plätzchen übrig hatte, das hast du dir auch nicht träumen lassen, daß du noch einmal Freinacht und Freijagd erleben solltest, wie sie der Komponist des Rodensteinschen wilden Heeres nicht besser sich träumen lassen konnte, kontemplative Sonnung wie Hiddigeigei im Schloßgarten am Rhein, und – die Liebe, im Sonnenschein coming through the rye, nächtlich am Kreuzweg, wo der Tanzboden mit Baldrian bestreut ist und der Mond der Kronleuchter ist! O, man kann in anständiger Gesellschaft kaum davon reden, diese hochbetagte Katzendame, die ihr Leben nur unter dem ausschließlichen Einfluß gelehrter und schöngeistiger Kreise hingebracht, die an den Rätseln des Daseins schon die Zähne sich ausgebissen und zu allem noch in ihrer Witwenschaft eine Familie von drei unerzogenen Kindern mit gebracht hat – schon in der zweiten Nacht ihres Hierseins hat sie mit einem grasgrünen, nein schneeweißen, allerdings wohlhabenden Katzenjüngling vom Lande, der ihr Erzuronkel sein könnte, ein skandalöses Verhältnis angeknüpft, das vermutlich nicht ohne Folgen bleiben wird! Ein Glück, daß die unschuldigen Kleinen (Miezchen, Melanie und Peter), die fröhlich wie Tigerchen in der Freiheit heranwachsen, nicht wissen, warum das Lager der Mutter in so mancher Nacht kaum warm wird.

Wenn du zu mir kommst, erlaube ich dir, daß du alle diese Nacht- und Morgengeschichten verschläfst. Es schläft sich süß in dieser Kühle. Du kannst dich noch genug laben, wenn die Sonne über dem Wasser rings um meine Burg hoch steht. Weithin flimmerts und glitzerts; wenn du aber in die dämonische Schönheit des Wassers dich versenken willst, so wirf dich unter meinen Weiden und Erlen ins Gras und blicke in die grünen, geheimnisvollen Spiegel; denn, Goethe zum Trotz, ist es nicht das »feuchtverklärte Blau«, das dem Fischer zum Verhängnis wird, sondern das Grün, in welchem du Himmel und Bäume und dein eigen Antlitz widerspiegelt siehst und aus dessen unergründlichem Dämmer das feuchte Weib heraufsteigt. Seele des Weibes, wie gleichst du dem Wasser! Und doch seid ihr alle Narcissus, ihr sehnend Hinabblickenden! ihr sucht ja doch nur euer eigenes, schöneres Gesicht, euer besseres, verklärtes Selbst. Kühlung deiner kampfheißen Stirn, Friede deinem hochklopfenden Herzen, lockt es aus der Tiefe, und du sinkst in die schmeichelnden, buhlenden Wogen. Und wenn »Du auftauchst vom Grunde – So bist du müde und alt, – So still ists rings in der Runde – Und über die Wasser wehts kalt«. Wohl dir, wenn dir der Himmel zur Warnung ein Zweiglein in die klare, grüne Fläche fallen läßt, jetzt runzelt sich alles zusammen, der Unfriede zittert in tausendfach gebrochenen Blitzen, und das ideale Angesicht, die Harmonie der Schönheit, die deine Seele sucht, grinst dir entgegen von Hohn und Haß verzerrt, schlangenumringelt, ein Medusenhaupt. Ich weiß aber, wie der Kühne sich und seine Freudigkeit rettet und das Rätsel löst. Er reißt die Kleider vom Leibe, die lächerlichen Schranken, die niederziehenden Rücksichten, er springt kühn wie ein Frosch in die geheimnisvolle Flut und taucht wieder hervor wie ein schaumgeborener Gott. Mit den Armen umschlingt er und zerteilt er den trügerischen Zauber, in Wollust zwingt er und bannt er den Dämon, und aus Friede und Unfriede bringt der Siegende die blühende Prinzessin Gesundheit ans Sonnenlicht.

IV.

Oft wenn ich die Wasserfläche vor mir betrachte, im geheimnisvollen Grün des Morgens, im Rot und Gold der untergehenden Sonne, oder wenn die Nacht ihr Mondesantlitz in den dunkeln Wellen kühlt, oft erfaßt mich eine heiße Sehnsucht, einen nackten Menschenleib emportauchen zu sehen. Es brauchte kein feuchtes Weib zu sein, nur eines Menschen Sohn, der schwimmen und tauchen kann. Die Poesie der Griechen hat nicht umsonst alle Gewässer mit menschenähnlichen Gestalten gefüllt. Selbst der Geist Gottes fühlte sich einsam, als er über den Wassern schwebte, und er hatte keine Ruhe, bis er mit Wesen spielen konnte, in denen er sich selber wiederzufinden glaubte. – Soweit hatte ich morgens geschrieben, der Abend brachte mir Erfüllung meines Wunsches, Orioniten und Sommerfrischler erhuben auf einmal ein Plätschern im Wasser, als ob die Heidenzeit angebrochen sei, und wehmütig klang von ferne in ihr Jauchzen das Läuten des Betzeitglöckleins. In den feinen Badeorten freut sich der Zuschauer der knappen Badeanzüge, viel empfehlenswerter (für den stillen Beobachter nämlich) ist der Gebrauch jener langen Nachthemden, die schon jeder Liebende verflucht, und der sog. Wrappers im Bade, sie vermitteln Ansichten, wie sie nicht einmal Böcklin malen dürfte.

Dabei ist mir denn wieder einmal eingefallen, wie die getrennte Erziehung der Geschlechter, die Scheu, ja der Abscheu vor dem Nackten, der den Kindern förmlich aufgezwungen wird, den Fluch heraufbeschwören, der unserm späteren Liebesleben den Stempel der Lüsternheit aufprägt, und daß es diese Lüsternheit ist, welche unsre moralischen Dichter als den keuschen Zauber des süßen Unbekannten in Töne setzen und für welche die Ritter der staatserhaltenden Sittlichkeit ihre Lanzen einlegen. In den Tagen meiner Knabenzeit, da schon der Jüngling in mir erwachte und die Wogen dieser Lüsternheit mir überm Kopfe zusammenzuschlagen drohten, war es die Göttin Gelegenheit, die meiner Phantasie die nötigen frischen Bäder verabreichte. Es war die Zeit, da man Tag und Nacht nach dem entschleierten Geheimnis des weiblichen Leibes sich sehnt, und doch seiner Geliebten und Angedichteten die Gemeinheit der Nacktheit nicht einmal in Gedanken zuzutrauen wagt. Wir wohnten in einem großen Hause, das in Form eines halben Quadrats gebaut war. Von dem Fenster meiner Bude im obersten Stock des einen Flügels sah ich, hinterm Vorhang versteckt, direkt in das Zimmer des andern Flügels, in welchem vier liebliche Töchter, im Alter von 10 bis 16 Jahren, des Morgens die Sonne begrüßten, nackt und weiß aus Decken und Nachtgewändern sich schälten, Kämpfe und Spiele junger Najaden führten, wie sie das Auge Vater Homers gesehen, und mit rosigen Leibern dem Bade entstiegen. Wie oft habe ich die Psychegestalt der Ältesten gesehen, mir zugewandt, mit den Augen in die Sonne blinzelnd, die Arme über das blonde Köpfchen erhoben, wohlig sich reckend und streckend, unbewußt ihrer Schönheit, aber im Gefühl der Jugend und Gesundheit, indes die schimmernden Wassertropfen ihr aus dem Haar über den jungen Busen rannen. Das war allerdings eine Offenbarung, wie sie mir alte und neue Klassiker nicht bieten konnten, und die mich doch zurückführte auf das Schönste, was ich gelesen. Und – wunderbar! jene dunkle Glut der Lüsternheit, die Ausgeburt der Nacht und der Unwissenheit, erlosch in mir, ich fühlte mich dankbar und glücklich und frei. Oft traf ich mit dem schönen Mädchen auf dem Gange nach der Schule zusammen, aber nie hat mich in ihrer Gesellschaft ein gemeiner Gedanke gestört. Nur Sonnenschein war zwischen uns. Ich habe auch nie an sie eines jener Jammergedichte gemacht, mit denen man die eigene Sinnlichkeit zu belügen sucht.

Das Unbewußte, das Unbekannte, das Geheimnisvolle – hier sind die Wurzeln der Religion, hier haust der Dämon, der uns aus dem Natürlichsten selber die Geißel des Unnatürlichen zusammendreht. Ich glaube gern an die Keuschheit der Germanen, von denen Tacitus erzählt, Knaben und Mädchen badeten täglich zusammen, und der wahnsinnige Badeanzug und die Badehose waren noch nicht erfunden. Trotz manchen lieben Besuches hatten wir doch im Ganzen in den letzten zwei Wochen eine trübe Zeit. Man fühlt sich auf dem Lande mitleidend, wenn die Grundbedingungen zum Wachstum der Nahrung wie mit göttlicher Bosheit durch die Natur vorenthalten werden; man fühlt das Wetter ganz anders als in der Stadt. Kein richtiges Grün, kein Blau, immer grau der Himmel, trotz sausender Winde kein Wolkenjagen, und Abend für Abend versank die rote Sonne wie eine Schusterkugel, die in einen Sack plumpst. Aber der Orionsee hat auch so was wie ein Urner Loch, wenns da herausbläst, müssen schleunigst Türen und Fenster geschlossen werden. Es kam diese Nacht ein Sturm, daß es mich ordentlich im Bett aufhob, und ein prachtvoller Regen auf die dürre Landschaft. Leider heißts auch hier wie in jedem richtigen Zecherlied: Es gibt wohl manchmal zu viel, aber nie genug.

V.

Es gibt so kühle, dunkle Nächte am See. Ich wache auf und ein süßer Duft wogt mit der Kühle über mein Bett. Es ist, als ob eben die Nixen auf meiner Veranda getanzt hätten, mit Seerosen bekränzt. O ihr weißen Blumen! wie ich euch geliebt habe als Knabe, wenn ich am Waldweiher lag und aus euern Blütenkelchen die ganze deutsche Märchenpracht emporstieg. Noch jetzt, wenn sie mir sie bringen, herausgerissen aus ihrer geheimnisvollen Tiefe, mit müde hängenden Köpfen, blicken sie mich an wie meine grausam entwurzelten, verschmachtenden Jugendträume. Ein Weib war einmal einem Manne die Sonne, und für sie tauchten aus der Tiefe seiner Seele die weißen und goldnen Rosen herauf. Da neigte sie sich wie liebend zu ihm herab und riß sie ihm alle lächelnd aus der Seele und machte einen Kranz daraus für ihr Haupt. Aber in wenig Minuten waren die Blumen welk, und nun lag der Kranz verdorrt und zertreten im Staub der Straße.

Ich wache auf, eine Grille beginnt zu zirpen, nur wenige Takte, dann verstummt sie wieder wie erschrocken in der großen Stille. Das war aber nicht wie der Gesang des Heimchens, den uns der englische Romancier erst recht herzensnah gebracht hat, das war wie das Seufzen einer ganz einsamen Seele, die in der Nacht erwacht und aus der dunkeln Stille ohne Antwort wieder in den Traum zurück sich sehnt.

*

Letzte Woche hatten wir Zuwachs unsrer Seebewohner bekommen, einige Studenten von Ann Arbor und ein Gänserich, den sich meine Nachbarin zulegte. Die Studenten sind wieder fort, schöne Augen mögen ihnen nachgeweint haben, der Gänserich ist zu meiner Freude stationär geworden. Die Studenten ruderten viel und ließen fortwährend – singen konnten sie nicht – jenes unmöglichste, unsinnigste, aufs Tiermenschliche zurückgehende Geräusch los, den College Yell. Ich ärgerte mich nicht darüber, es ergötzte mich sogar. Wenn nur irgendwie, und sei es noch so formlos und unschön, das Gefühl jugendlicher Unabhängigkeit zur Geltung kommt! Mein Gänserich blieb ihnen aber nie die Antwort schuldig.

Das ist ein Prachtkerl, der Monarch des ganzen Sees, und weil er Niemanden seinesgleichen zu tyrannisieren hat – im ganzen Bezirk gibt es merkwürdigerweise keine zahmen Gänse oder Enten – so gebärdet er sich, als ob Land und Wasser und Menschen ihm untertan seien. Eben hat er sich noch in der Bucht zu meinen Füßen gepuddelt, und gleich darauf ertönt von der fernsten Insel sein Triumphgeschrei; mitternächtig erhebt dieser Erzbummler vom See seinen Ruf, als ob ein Kapitol zu erobern wäre. Er sieht ordentlich wie ein Schwan aus, wenn er durch das blaue Wasser rudert, und ich glaube, er hält sich auch für einen und das entschädigt ihn für die Einsamkeit und den unbefriedigten Drang seines Herzens. Nur vor einer hat er Respekt, vor unsrer gebildeten alten Katze. Als er an unsrem Grasplatz landete, entstand sofort ein Duell ohne Binden und Bandagen, welches mit seinem Rückzuge, allerdings nicht ohne Würde ausgeführt, endete. Madame Jeanette hat Familie, und wenn sie auch selber außerhalb unseres Bezirkes in der Wahl ihres Umganges nicht die wünschenswerte Vorsicht zeigt, im Hauskreis, als Umgang ihrer Töchter, duldet sie nicht einmal einen fremden Kater, geschweige denn einen Gänserich.

Aber die Tage und Nächte des Herbstes werden kommen, wenn hoch oben in der Luft der Schrei der freien Gänse ertönt, die nach Süden ziehen; dann wird in der Brust meines armen Gänserichs ein nie gekanntes Sehnen erwachen, und er wird die Flügel breiten und auffliegen und ohnmächtig zurücksinken. Der unzerreißbare Faden ist an seinem Fuß befestigt, die Unkraft der Zivilisation ist ihm schon eingeboren; und ist seine Domäne noch so groß, er ist und bleibt ein Haustier und kann nur Jammertöne nachsenden seinen wilden Vettern, die ihrem Naturdrang folgen und in Nord und Süd ihr Vaterland haben.

Da ich nun doch einmal ins Tierreich geraten bin, will ich noch hinzufügen, daß die schlimmsten Feinde meines Daseins, die Fliegen, mich auch hier gefunden haben. Kein Wunder, daß die Ruhebriefe so spärlich ausfallen! Ich glaube mich noch zu erinnern, wie mir diese Bestien auf der Nase spazierten, als ich noch eingebüschelt in der Wiege lag und die Gefühlsnerven nach und nach ins Bewußtsein traten; ganz gewiß weiß ich, daß sie mich in den Schulstunden zur Tierquälerei verführten, das einzige Biest, das diese Bestialität in mir weckte, und daß sie mir den höchsten Genuß der Kirchweih (Kirmes, Kerwe), den Zwetschgenkuchen, verekelten. Das liebe Tierchen befindet sich auch in der Wüste Sahara und im Hochgebirg des Himalaya, wenn das ein Trost ist. Es findet sich auch hier und zwar bei Tag und bei Nacht und erfreut sich noch einer besonderen Abhärtung. Orion ist nämlich eine windige Gegend, wenigstens diesen Sommer hat uns das fortwährende Blasen manchen schönen Tag ungenießbar gemacht; das treibt wenigstens die Fliegen weg, sollte man denken, ja prost die Mahlzeit! Das scheint gerade ihr Lieblingswetter zu sein. Ordentlich wo's Wetter richtig weht, setzen sie sich hin und lassen sich den Hobel ausblasen. Ich sage: Ich verachte die Wissenschaft samt der Technik, die aus Einöden Paradiese macht, so lange sie uns nicht gegen diese Bestien schützen kann.

Damit es nicht an Abwechslung fehle, tanzen im letzten Abendscheine die Mosquitos an. Sie haben mich wacker angezapft, aber zu einer rechten Feindseligkeit kann ich es doch nicht bringen. Sie fressen nicht, sie kneipen, sie besudeln nicht, wo sie genießen; sie wissen so schön ihre Zeit zu wahren. In der Nachmittagssonne führen sie für mich graziöse Tänze auf und werfen mir gewiß verliebte Seitenblicke zu: »Und heute Nacht ...« Ja wenn ich nur meine Freude dran haben könnte! Ums Blut wärs mir nicht leid, aber als Bezahlung lassen sie ein Tröpflein Gift! Hier neige ich mich wieder bewundernd vor der Naturwissenschaft, sie erklärt doch Vieles. Es sind nur die Weibchen unter den Mosquitos, die stechen. Es heißt also wieder: Schweigen und Leiden.

V.

Jeden Morgen fliegt ein Vogel mit kläglichem Geschrei über den See. Das klingt wie Ahnung des Abschieds. Und wie um mir den kommenden Abschied recht schwer zu machen, zeigt sich in diesen ersten Herbsttagen der See oft in seiner schönsten Beleuchtung. Heute liegt der Schatten großer, weißer Wolken auf den dichter mit Bäumen bestandenen Inseln, so daß man sich wohl einbilden kann, dunkler Urwald schließe ihn ein, wie einst, als des roten Mannes Canoe um die scharf abgeschnittenen Landzungen herumschoß. Zwischen den Inseln hindurch blickt man in grünes, sonniges Land, und ganz in der Ferne schließt ein blauer Höhenzug, der mir heute zum erstenmal sichtbar ist, die Landschaft ab. Das Wasser schimmert in Myriaden Silbersternen, ein einsamer Nachen zieht eine tiefgrüne Furche hindurch, und mit dem Rauschen des Windes dringt das Geschrei badender Kinder an mein Ohr, deren weiße Körper ab und zu zwischen dem Weidenlaub des Ufers aufleuchten. Es gilt den Frieden dieser Stunde festzuhalten für trübe Tage und schmerzzerrissene Winternächte.

Wie die Wellen einlullend ans Ufer schlagen, erinnere ich mich des Sturmes, den wir letzte Woche hatten. Wenn man an einen Sturm auf einem Alpensee oder gar auf einem unsrer amerikanischen Ungeheuer denkt, wars freilich nur ein Sturm im Teekessel. Aber von meinem Fenster aus gesehen, machte der Sturm im Teekessel seine Sache so gut, daß das Gefühl der Ehrfurcht, das Heinzen wegen des theologischen Beigeschmackes aus der Liste der Begriffe ausgestrichen wünschte, sich unwillkürlich ins Herz schlich. Es war ein stilles Gewitter ohne Donner, und die fernen Blitze machten sich nur durch die gelbe Färbung der schwarzen Wolkenwand bemerklich, die schließlich alles verschlang, die Ufer und den See mit seinen zornigen, weißen Gischt schäumenden Wogenwölfen. Grausige Finsternis am hellen Tage, erfüllt von dem unheimlichen, das Mark durchschneidenden Sausen des Sturmes, eine Ouvertüre zur großen Oper des jüngsten Gerichtes. Nur die hohen, sonst so breit im Sonnenschein sich ausladenden Weiden wurden bisweilen sichtbar. Aber das waren Gespensterbäume wie in den Skizzen von Doré; das Laub schien grau und eingeschrumpft, und gerade in die Höhe standen die Äste wie Arme, die verzweifelnd vom Himmel Rettung erflehten. Langsam kam wieder Licht in das Chaos, aber lauter, triumphierend, das Herz mit sich fortreißend, klang der Gesang des Sturmes. Ein großes Raupennest, das, hoch oben am Baume gesponnen, mich schon lange geärgert hatte, wurde samt dem Aste, an dem es saß, hoch in die Luft gewirbelt und weit hinaus in die wütende Wasserfläche geschleudert. Wann kommt der Sturm, der die unerreichbar hohen Nester aller menschlichen Schmach und allen menschlichen Elends mit fortreißt und die Brut ertränkt in der sühnenden Flut?!

Aber zu so alttestamentlicher Leidenschaft, deren ich mich nicht schämen werde, solange auf hohem Roß das Schlechte trabt und das Kindliche in mir noch mit einem Gran Kindischem versetzt ist, findet man an einem so friedlichen See selten Veranlassung. Alles, was nach den Zeitungen zu urteilen, die Menschen da draußen interessiert, kommt einem so klein, so fremd vor, selbst die Liebe verliert das Selbstzerfleischende und begnügt sich schließlich mit dem angenehmen Gefühl, daß irgendwo jemand freundlich unsrer gedenkt, und immer mehr geht unser ganzes Fühlen und Denken in den beiden unendlichen Themen auf: die Natur und unser eigenes Seelenleben. Darum muß man hier, wenn man nicht in dem Blödsinn populärer Romanliteratur Schlaf sucht, Thoreau lesen oder Friedrich Nietzsche oder beide, denn groß ist die innere Verwandtschaft des Deutschen mit dem Amerikaner. War es Thoreau oder Nietzsche, der einem seiner Werke das Motto vorgesetzt hat: »Ich beabsichtige keineswegs eine Ode an die Niedergeschlagenheit zu dichten, sondern ich will von meinem hohen Sitz so herzhaft prahlen wie der Herold des Morgens, und wäre es auch nur um die Nachbarn aufzuwecken« –?

Ein Gefühl tiefer Beschämung wird uns freilich nicht erspart, wenn wir an der innigen Vertrautheit Thoreaus mit seinem » Walden Pond« merken, wie lose unser Zusammenhang mit der Natur ist, wie wüst der Abgrund, der uns von dem trennt, was unser eigenstes Leben sein sollte. Aber ich fühle doch, daß mit den Bekenntnissen dieses unabhängigsten aller Sterblichen, der es für reichliche Ausfüllung eines Sommers hielt, auf den Hügeln umher zu wandern, Beeren zu pflücken und mit Eidechsen und Feldmäusen Zwiesprache zu halten, auch die frische Luft, die über den See streicht, und der Samtschein, der vom Wasser in tausend Farben wiedergeboren wird, in meine Seele eingezogen sind. Man muß mit Thoreau die Erfahrung gemacht haben, daß es besser ist, allein zu reisen, weil man dann zu jeder Zeit aufbrechen kann, um nicht in der Einsamkeit Nietzsches bange zu werden.

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