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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 19
Quellenangabe
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typetractate
authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Reise um mein Zimmer

Ich war zu üppig geworden, ich feierte reine Orgien der Lebenslust. Schon glaubte ich den schlimmsten aller Lindwürmer, der da hauset in der Höhle des eigenen Gebeins, überwunden, schon pries ich die Wissenschaft, welche durch eine künstliche Wirbelsäule die natürliche ersetzt, und sah mich mit erhobenem Haupte irgendwo dem Frühling entgegenwandern – da mußte ich es wieder lernen, in Qualen meine Freuden zu büßen, in Schmerzen meine ganz kleinen Gedankenkinder zu gebären und mich mit Großvaters Wanduhr zu trösten, die zwar geht, aber immer nur auf einem Fleck.

Theodor Lessing in München, ein Dichter der »Gesellschaft«, hat die Qualen einer schlaflosen Nacht gar grausam geschildert. »Verdurstende Pilger durchwandern die Wüste, die Stunden, Wahnsinn, Reue, unfruchtbare Zwiesprach mit den eigenen Gedanken besuchenden Einsamen ...

Da zählst du die Atemzüge, da wanderst du rastlos durchs Zimmer
Und horchst auf das Dämmern des Hirnes, wo Bild sich jaget auf Bild,
Da glüht dir die Schläfe im Fieber, doch Schlummer findest du nimmer,
Bis endlich die Milch des Morgens aus nächtigen Wolken quillt.«

Aber, Namensbruder des größeren Schlaflosen, was fesselt dich in die vier Wände deiner Qual? Keine Stadt ist so trostlos, daß man nicht durch die einsamen Straßen wandern könnte, und wenn du nur dem letzten Betteln sterbender Wollust begegnest oder dem Vorbeihuschen des Verbrechens, es ist immerhin Zusammenhang mit dem Menschlichen. Keine Stadt ist so fromm, daß man nicht eine Nachtkneipe fände, wo unter Lumpen und Stumpfsinnigen nicht auch ein »entgleister« Schelm sich befindet, mit dem du alle Teufel des Wahnsinns und alle Engel der Melancholie in die Flucht schlagen kannst. Kein Dorf liegt so im Sand vergraben, daß du nicht ein dunkel hinströmendes Wasser fändest, in welchem die Sterne sich spiegeln, oder ein paar nächtlich blühende Pflanzen im Gärtchen oder vor dem Fenster eines Bauernhauses, oder ein helleres Stück Himmel, eine Macht des Lichtes irgendwo verkündend. Und wenn du ein ganzer Mensch bist, so muß auch im Bereich eine Tür sein oder ein Fenster, an die du anklopfen kannst, das Herz fast lauter pochend als der schüchterne Finger. Ein Nachtspaziergang, das ist das Chloral, das Morphium, das Codein des Menschen mit gangbaren Beinen. Wer zu bequem ist, zu einem Nachtspaziergang sich aufzuraffen, den mögen immerhin in seiner Bude die Gespenster plagen – ich versage ihm jegliches Mitleid.

Aber die Schlaflosigkeit des unheilbar Siechen! Ich bewundere den Alles bewältigenden Geist eines Blanqui; jahrelang gefesselt, jahrelang von dem Himmel ausgeschlossen, der Allen gehört, da muß die gräßliche Schlaflosigkeit eintreten, und nur der erhabene Wahnsinn, zu einer welterlösenden Tat sich dennoch berufen zu fühlen, kann die selbstzerstörende Verzweiflung oder den Blödsinn fernhalten. Ich kenne aber einen, der mit voller Fähigkeit der Lebensfreude liegt, liegt an derselben Stelle – die Jahreszeiten wechseln vor ihm wie ein Tag, und er hat nichts zu erwarten als den Tod ... Sollte es für so einen nicht doch noch möglich sein, Spaziergänge zu machen, auf Reisen zu gehen wie » Auch Einer«?

Trotzdem ich in manchen katholischen Dingen nicht unbewandert bin, habe ich doch nie ein Buch des hochgelehrten Joseph Marie de Maistre gelesen. Er ist der Liebling der wenigen noch vorhandenen wirklichen Katholiken, die noch im 19. Jahrhundert das einzige Heil der Völker in ihrer unbedingten Unterwerfung unter den Willen des Papstes erblicken. Vom seinem Bruder Xavier aber hab ich in meiner Kindheit ein reizendes Büchlein gelesen. Dieser Xavier hatte als Kriegsmann in aller Herren Länder vom Ardennerwald bis zum Kaukasus sich herumgetrieben, und manche exotische Blüte hat er im Wandern gepflückt und literarisch der Welt konserviert, aber sein Letztes und Bestes war die bescheidene voyage autour de ma chambre. Ich kann mich des Inhaltes nicht mehr so recht entsinnen, trotzdem ich es zu Füßen der Frau Leonie las, der französischen Göttin meiner Kindheit, ich weiß nur, daß mich das Büchlein beglückt hat, und daß es mich heute noch immer wieder zu einer »Reise um mein Zimmer« anregt, die selbst in die schlaflosen Nächte eines Gefesselten Paradiese schaffen kann.

*

Zu den größten Wohltaten meines Zimmers – und daher auch der Name Luginsland – gehört das große Fenster an meinem Bett. Wenn der Vorhang bei Tag heruntergezogen ist, so bedeutet es Abgefallensein, Unzugänglichkeit des Dahinterliegenden. Sonst aber ist Alles, was sich an ihm als Aussicht bietet, herzlich willkommen, Regen, Schnee und Sonnenschein und das kleine Stück alltäglichen Menschenlebens. Heute glaubte ich auf meiner Wiese schon einen grüngelblichen Schimmer beobachtet zu haben, aber das ist vermutlich Aberglaube. Des Nachts leuchtet mein Fenster heller als die elektrischen Lampen, die es sich bequem machen und ganz genau zu wissen scheinen, daß es in diesem deutschen Stadtviertel bei nachtschlafener Zeit nicht viel zu beleuchten gibt. Einer meiner früheren Nachbarn, ein Barbier, der außer einem schönen Durst auch eine schöne Frau sein eigen nannte, behauptete, oft des Nachts besagte Bettgenossin auf das erhellte Fenster aufmerksam gemacht zu haben: »See our Bob's window, er studiert, the poor man!« Ei ja, wenn das Studium auch manchmal seltsamer Natur war, das Mitleid des braven Jungen, der es auch nie zu etwas bringen wird hienieden, verliert dadurch nichts an seinem Wert. – Ganz ungemütlich wäre mir das Verhüllen des Fensters bei stürmischen Nächten. Mein Zimmer kommt mir erst dann recht gemütlich vor, wenn auch das Antlitz der Nacht hereinschaut. Ich bin mit ihr vertraut, mich schreckt sie nicht, auch wenn alle ihre lieben Augen vom schwarzen Schleier verhüllt sind und der Sturm die Klage der Unergründlichen an die Scheibe peitscht. Ist sie nicht die Mutter? Sind wir nicht alle aus dem Schoße der Nacht vom Lichtgott geholt? – Wir waren oft glücklich im Luginsland, ein Glück von Wenigen geteilt, stillvergnügt oder beim Klirren der Rappiere mit brausendem Gesang; aber ein Glück in der Nacht sagte mir immer wieder: Was gibt es Schöneres als die Auflösung der wärmsten Lebensfreude in den weichem Armen der Nacht, der Schlaf nach dem Bacchanal, das Tröpflein Lethe im letzten Becher?!

Da sticht mich was, da kratzt mich was, da mahnt mich was an meine Pflichten. Meine Lebensreise, und sei es auch nur die voyage autour de ma chambre, ist noch lange nicht am Ziel angelangt. In der Tat wird sie nie zu Ende kommen; denn wenn ich ums Zimmer herum schließlich bei meiner Bücherei angelangt sein werde, fängt die ganze Welt erst recht an. Aber was sticht mich, was kratzt mich, was stachelt mich zu ungewohnter Beweglichkeit unter meinen Decken?

»Ein immergrünes Stechpalmreis
Sei unsrer Liebe Zeichen.«

An meinem Fenster hängt noch von Weihnachten her ein Kranz von Stechpalmzweigen, des in jedem englischen und amerikanischen Herzen die süßesten Erinnerungen weckenden holly. Dieses wunderbare Dorngewächs mit dem glänzenden Tiefgrün seiner Blätter und den schimmernden roten Beeren schmückte die Halle der alten Angelsachsen, wenn der Julstamm im Kamin brannte und, begrüßt vom Halloh der Männer und dem Gebell der Rüden, der Eberkopf auf mächtiger Schüssel hereingetragen wurde; und in der ärmlichsten Blockhütte der Pioniere Amerikas fand sich sein Kränzlein neben dem Mistelzweig in der »heiligen Nacht«. Mit ihm umkränzten schon die Römer den Altar der strengen Diana Abnoba, und – mir bringt es den ganzen alten Schwarzwald samt seiner jungen Liebe. Leuchtendes Grün und Rot grüßt dich aus dem Schnee beim Steigen in den schweigenden Bergen. Matter ist das Grün des Kachelofens im Wirtshaus zu Todtmoos, aber wohlige Wärme durchdringt den in grauer Abendwanderung erstarrten Körper und löst die Lippen, daß der Markgräfler geschmeidig eingeht und lustig fahrender Schüler Lied heraus. Röter als die Hollybeeren glühn dem Annemeili »des Mundes Röselein

Und die blauen Augen gießen
Drüber ihren Sternenschein.«

Ich weiß nicht, ob außer dem Meister Josephus Scheffel ein deutscher Dichter die Stechpalme (ilex aquifolium) poetisch verwertet hat. Im Volkshumor und in der Volksmedizin des Schwarzwaldes spielt sie ihre Rolle. Mit großem Gusto erzählte mir vor vierzig Jahren der Dr. von Rotteck, als das Büblein zum ersten Mal mit dem alten Herrn zur Yburg hinaufsteigen durfte, daß ein Bauer, dem er für einen bösen »Wolf« Stechpalmaufguß verschrieben, die Blätter äußerlich mit Dazwischenlegung gebraucht habe. Es war kein Vergnügen für den Bauer gewesen, aber ein Spaß für den Doktor, und item, es hat geholfen. – Ach, mein armes Kränzlein ist arg dürr geworden, die roten Beeren sind längst verschwunden, die immergrünen Blätter sind ledergrau wie etwa jetzt die Wangen des weiland schönen Annemeili in Todtmoos; es rappelt nur so, wenn man den Vorhang darüber zieht; nur die Stacheln an den Blättern sind geblieben, und an den alten Doktor mußte ich gleich wieder denken, als ich sie zuerst im Bett spürte. Nur die Stacheln am Verwelkten – ach, das war auch schon oft meiner Liebe Zeichen!

Aber mit einem Mißklang will ich gewiß nicht schließen, habe ich auch mit einem solchen angefangen. Was kann mein Kranz dafür, daß er in der Krankenstube verdorrt ist! Er mag wohl Zwiesprache gehalten haben mit dem verbrennenden Holz in meinem Ofen, und das mögen schwere Seufzer und böse Anklagen gewesen sein! Den Winter draußen am Orionsee hätte er frischgrün überdauert. Und weil mein Herz einen gesunden Boden hat für Alles, was immergrün, und weil mein Auge wie ein zögernder und inniger Sonnenstrahl nur von meinem Fenster etwas nach rechts zu gleiten braucht, um auf Altheidelberg haften zu bleiben, freue ich mich, daß ich noch trompeten kann und daß noch nie die Dornen mir einen Rosengarten verleidet; und Du, Du – ich weiß nicht mehr, ob ich die Eine meine oder an Alle denke, ich schicke Dir den Gruß des selig unseligen Dichters vom Oberrhein:

»Sitzt oben Einer im Regensturm,
Was glaubt ihr, daß er triebe?
– Bläst immerzu dasselbe Lied,
Das Lied von seiner Liebe.«

Bei dieser Reise ist das Schönste, daß es nie pressiert. Man kann überall anhalten, solang es einem beliebt, ohne daß das Billet verfällt, man kann die fabelhaftesten Abstecher machen, z. B. von Heidelberg nach Persien, ohne Geld und ohne Paß, und wenn es einem einfällt, daß man irgendwo etwas hat liegen lassen, so kehrt man einfach um. Diese Reise geht nicht per Eisenbahn; wie wär's, wenn ich sie noch einmal zu Fuß machen könnte?

Ich habe etwas zu berichten, das Manchem dieselbe freudige Überraschung bereiten wird wie mir selber; vermutlich ist es nur eine vorübergehende freundliche Täuschung eines grausamen Geschickes, aber ich kann's nicht verschweigen: ich kann meine Beine wieder bewegen.

Pfui Teufel, wie trivial! und der Teufel hole alle Krankheitsgeschichten und die Krankheiten dazu. Aber es grenzt ans Wunderbare, und darum sollen es vornehmlich die Herren Doktoren unter meinen Freunden wissen. Drei Jahre lang waren diese Beine paralysiert, das Fleisch schwand von den Knochen und die Nägel der Zehen wuchsen wie Adlerklauen. Es ist eine Qual, die man selbst erlebt haben muß, um sie zu würdigen, wenn irgendein Glied dem Willen des Gehirns den Gehorsam versagt! Da erst wird es einem deutlich, daß man kein Göttersohn, sondern ein Erdenwurm ist, den irgendein Streich auseinanderhauen kann; wer weiß, was aus dem andern Ende wird! Mich muß ein unsichtbarer Erzengel geschlagen haben, denn ich sah nicht sein Antlitz, und ich fühlte keine Wunde. Ich war wie ein entwurzelter Baum: die Zweige und Blätter saugen noch Luft und Licht ein und bewegen sich lustig im Winde, ja am Stamme sprießt noch was Grünes hervor, aber die Wurzeln sind starr und steif, werden dürr und können nach und nach zu Brennholz verhackt werden. Und doch war ich wieder nicht wie ein entwurzelter Baum, sondern wie ein von einem Dämon Besessener. Meine Beine, dieses Unterhaus, das von jedem Zusammenhang mit dem Oberhaus sich emanzipiert hatte, diese arbeitsunwilligen und darum unnützen Proletarier, meine Beine, die schon in der Tanzstunde sich als kaum mittelmäßig erwiesen hatten und später auf Bällen vor dem holden Szepter Terpsichores in den hintersten Bierwinkel entflohen, exekutierten auf eigene Faust die verrücktesten pas de deux. Es war wie ein Tanz der Gerippe, dessen Humor das Gehirn, das arme vernünftige Gehirn! nicht begreifen kann, dem es aber zuzusehen verdammt ist und dessen Kosten es durch tiefe Erschöpfung bezahlen muß.

Lunchpause. Ich erinnere mich, daß ich das alles nur auf einer Station meiner Reise um das Zimmer niederschreibe und genieße als Erfrischung den Duft der Hyazinthen und Narzissen.

Dann folgte eine Periode der vollständigen Abgestorbenheit in diesen Beinen, wie sie auf das Rasen Wahnsinniger folgen muß, nur dumpfer, aber intensiver Schmerz erinnerte mich zuweilen daran, daß sie überhaupt noch vorhanden waren. Dann die Ruhe des Todes. – Jetzt hatte ich erst einen Sinn gefunden in dem grausamen biblischen Wort: So dich ein Glied deines Leibes ärgert, so hacke es ab.

Es war an einem Tage des Vorfrühlings, Datum weiß ich nicht mehr, so ungefähr vorvorvorvorgestern, als, wie wahrscheinlich schon tausendmal, unbewußt der Wunsch der Bewegung durch mein Gehirn ging, und ich bemerkte ein eigentümliches Rühren des rechten Beins (in der technischen Sprache des Luginsland door-leg genannt), das nicht auf einen unwillkürlichen Reflex zurückgeführt werden konnte. Ich begann zu exerzieren, Kommando des Gehirns, Bewegung der Beine, eins, zwei, drei, und siehe da, sie hoben und senkten sich wie es ordentlichen Turnzöglingen zukommt. Von da an bis zum Draufstehn und ins Wirtshaus gehen, vor der Dame sich neigen und die Berge besteigen, ist's noch so weit hin, daß man es nimmermehr erleben wird. Aber es ist doch merkwürdig, ein kleiner Ärger für gewisse Fromme, ein kleines Rätsel für die Herren Ärzte und eine kleine Freude für uns, die uns keine nachfolgende Enttäuschung mehr wegnehmen kann. Hurrah!

Und heute ist wahrhaftig der Frühling da. Ich komme nicht weiter auf meiner Reise, ich muß mit Augen und Gedanken am Fenster bleiben. Letzte Nacht stand das Tauwasser auf der Avenue, ein mildes Frühlingsgewitter entlud sich noch dazu mit fernem Blitz und Donner, es herrschte die ahnungsvolle Schwüle, die einer neuen Liebe vorausgeht. Wenn der elektrische Wagen, von grünen und blauen Funken umsprüht, durch das Wasser rauschte und seine Lichtstrahlen hinein und bis weit in meine zum See gewordene Wiese warf, war es gerade wie wenn damals der kleine Dampfer auf dem Orionsee seine sommernächtlichen Fahrten machte.

Der kleine Dampfer, der so viel Spektakel machte, hat jetzt auch ausgepfiffen, aus Altersschwäche sank er zu Grund und bildet jetzt ein neues und gefährliches Hindernis für die früher so blühende Schifffahrt. Überhaupt vollzieht sich mit dem Orionsee, zu welchem mich nun einmal Erinnerung zurückgeführt hat, eine merkwürdige Umwandlung: Er wächst zu. Vielleicht aus Trauer, daß ich nicht mehr zurückgekehrt bin, vielleicht geniert er sich, daß ich ihn in die Weltberühmtheiten eingereiht habe; so oder so, mit einem dichten, grünen Schleier verhüllt er sein Antlitz, das die schönsten Sonnenuntergänge der Welt gesehen hat. Und doch ist es kein Versumpfen, aus der Tiefe steigen die Quellen, aus der Tiefe steigen die Wasserpflanzen und weben ein undurchdringliches Netz. Nachen oder Schwimmer, die sich hinein wagen, werden von tausend zärtlichen Armen festgehalten. Die paar langweiligen Menschen, welche jetzt noch die Ufer des Orionsees bewohnen, werden aus Mangel an Sommergästen im Winter sich selber auffressen; die verscheuchten Wasservögel aber kehren zurück und nisten friedlich in dem Algenwald; die blaue Iris wird als Flagge über den Wohnungen der Fische wehen, träumerisch, wie meine Katze die Blätter der Tulpen an meinem Fenster, zupft der wilde Gänserich an der gelben Wasserrose, aber in scheuen Kreisen umzieht die junge Brut die weiße Nymphäa, die Königin der grünen Tiefe. Wenn dann die alten Weidenbäume, zu gigantischgrotesken Proportionen ausgewachsen, wie eine graue Mauer das grüne Geheimnis umschließen und nur ein verborgener Pfad an den Trümmern der Villa Weidenlaub vorbei zu diesem amerikanisch-wäßrigen Dornröschen führt, dann will ich, selber ein Gespenst, wiederkehren in einer Sternennacht und mit dem Geiste Thoreaus Siesta und Zwiesprach halten auf dem grünen, wogenden Teppich. Schau, wie das Sternbild des Orion flimmert! es freut sich des kleinen Triumphes, den die Natur in stiller Gewalt über die Gier der Menschen gefeiert hat!

Aber heute ist es wieder Tag am Luginsland, und ein Frühlingstag. Die Wassertümpel auf meiner Wiese spiegeln den Himmel so klar wider, daß man unwillkürlich vor sich hin summt: »O du himmelblauer See ...«, die Spatzen pfeifen so schön wie anderswo die Nachtigallen, und die Katze, Enkelin der Toten am Orionsee, spielt an meiner Seite mit den von meinem Blumenstrauß gestohlenen, in Rot und Gelb flammenden Tulpenblättern.

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