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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 17
Quellenangabe
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authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Und neue Qualen bringt der Morgen

Von den Gedanken, die sich unter einander verklagen und entschuldigen, spricht die Bibel, und es ist ein bezeichnendes Wahrwort. Ich aber habe jüngst in einer Schmerzensnacht einen Streit zwischen den zwei Hälften meines Körpers belauscht, und das war nichts weniger als erbaulich.

Es war in einer jener gespenstischen Herbstnächte. Ich sah keinen Himmel und keine Sterne, nichts als einen großen Mond, drohend und doch blaß wie ein Richter, der mit der Schuld in der eigenen Brust einen armen Sünder verurteilen muß. Im Hause ächzte es unheimlich in Treppen und Gebälk, ich hörte jeden Schlafseufzer aus den Zimmern der Kinder und die Katzen trappten, als ob es lauter gestiefelte Kater wären.

Die Sache begann mit einer im Gehirn mir auftauchenden Bemerkung eines Arbeiterblattes in Berlin, mit meiner Weisheit sei nichts getan, der ganze Kerl bestehe aus lauter Zitaten, das Volk aber wolle die Sprache seiner Väter mit Hist! und Hott! und Himmelherrgottsakrament. Sonderbar, dachte ich, die schütteln ihre Ausdrucksweise doch auch nicht aus dem Ärmel, nein, sie haben sie in der Werkstätte unter der Zuchtrute, auf der Straße und in den Kneipen beim sogenannten Vergnügen mit viel Nachahmungskraft von ihren Altgesellen erlernt; mir aber wollen sie es übel nehmen, wenn ich die Sprache meiner Väter rede, die allerdings für den Markt, die Kneipe und die meisten Volksversammlungen eine tote ist, aber von jedem Menschen verstanden wird, dessen Gemüt und Geist noch nicht im Sumpfe ausbeutender Selbstsucht oder krasser Not erstickt ist. Und an wen soll man sich wenden, zu wem soll man sprechen, wenn nicht zu diesen?! Es ist eine heillose, von gewissenlosen Agitatoren kolportierte Lüge, daß der gemeine Mann die Sprache der Gebildeten nicht verstehen könne. Ich habe auf meinen früheren Vortragsreisen durchaus die Erfahrung gemacht, daß die einfachen Arbeiter mich am besten verstanden, vielleicht nicht Wort für Wort, aber der Strom meiner eigenen Begeisterung erreichte direkt ihr Herz – und ist es ein Verbrechen, daß ihnen zugleich meine, von den Lehrern der Menschheit erworbene Sprache wie Musik erklang?! Weh euch, wenn ihr Revolution machen wollt mit Menschen, die für Farbe und Klang keinen Sinn mehr haben!

Noch sonderbarer ist es, grübelte ich weiter, daß diese ledernen Agitatoren oder Führer (die, wie die bisherige Erfahrung beweist, schließlich immer ihre Anhänger gefunden haben) gar zu gern unter die Literaten gehen – in der Tat scheuen sie zu diesem Zwecke keine Opfer der Genossen und tun alles umsonst – und daß sie dann auf einmal äußerst dünnhäutig werden. Verfällt man solchen Kerlen gegenüber einmal in die Sprache ihrer Väter, sagt man ihnen: Ihr seid Dummköpfe, eitle Kaffern, weder fähig noch würdig, die Sache des Proletariats zu vertreten – gleich schreien sie: »Sehet, das will ein gebildeter Mann sein, wir dürften uns eine solche Sprache nicht erlauben.« Gleich behauptet ein Jeder, in ihm sei die Majestät der Arbeiterschaft verletzt. So behandelt man das Volk! rief 1848 der Schnapsbarthel, als ihn der Wirt zum Löwen in Zell wegen unanständiger Aufführung auf die Straße warf. Und wahrhaftig, die Stimmung war so, daß man dem Löwenwirt, der selber ein guter Republikaner war und später für die damalige »Sache« Hab und Gut verlor, die Fenster einwarf. Der Schnapsbarthel bezog aber noch am nämlichen Abend seine Prügel von den nämlichen Leuten.

Zell im Wiesental – schon wollten langbezöpfte, aurikeläugige Reminiszenzen vor mir auftauchen, da begann die elektrische Batterie zu spielen und die Beine begannen den alten Tanz des heiligen Veit. Heine hat den Tanz ein Beten mit den Beinen genannt, aber dieses Zucken Deiner Beine kommt wohl nicht vom Beten her, brummte es in meinem aus Zitaten zusammengesetzten Gehirn; und nun begann der keineswegs lustige Krieg. Es klagte nämlich der Oberkörper den Unterkörper an und umgekehrt, daß er am meisten zur Schädigung des Ganzen beigetragen habe. Es kamen da Dinge zum Vorschein, an die ich selber nicht mehr gedacht hatte, nicht lauter wüste Sachen, auch holde Erinnerungen tauchten auf, und manchmal strich es wie ein kühlender Waldhauch über mein fieberndes Gehirn. Habt Ihr ihn nicht damals zur Sünde getragen? sprach der Mund zu den Beinen, und es kam von diesen: Hast du die Geschichte nicht angefangen mit deinem verdammten Küssen?

So haderten sie miteinander. Ihr werdet wohl beide Euer Teil zu dem Unglück beigetragen haben, seufzte das Gehirn. Und nun ging der Spektakel erst recht los. Das ganze Gesindel, von den großen Fußzehen, die sich eigentlich im Alleinbesitz eines aristokratischen Zipperleins stolz fühlen sollten, bis zu den Augen, die immer trüber dreinschauen, beschuldigte das Gehirn, es sei ein rechter Protz; am lautesten schimpfte der Magen, der sowieso aus purer Bosheit am Streik ist. Nur die Lungen arbeiteten schweigend fort, und das Herz, das ewig blutende Herz pochte und klapperte hastiger, immer hastiger wie eine Mühle, die nichts mehr zu mahlen hat. Aber auch die Rebellen wurden zum Schweigen gebracht durch ein anhaltendes Hustengewitter, das den ganzen Körper durchtobte, bis der fahle Morgenschein einen Todmüden traf, der ihm den Rücken zudrehte und endlich Ruhe, ach nur eine Stunde Rast erhoffte.

Ich wußte freilich, daß auch diese Hoffnung eine törichte: denn jetzt nahte die Stunde der Lust, die Stunde der Fütterung für die schwarzgrauen, geflügelten Dämonen. Den ganzen Sommer hindurch lag ich hinter jenen Drahtnetzen, die tausendmal schlimmer als Kerkergitter das volle, reine Zuströmen der Luft verhindern, um schließlich im Herbst doch von den Fliegen aufgefressen zu werden. O ihr Polytechniker und Naturwissenschaftler! warum seid ihr ohnmächtig gegen diese für den kranken, nervös bis zum Wahnsinn empfindlichen Menschen fast unerträgliche »Geißel Gottes«? O Mönch von Banth, was ist dein Mückenkrieg gegen meine Qualen! Du brauchtest ja nur einen Schritt aus deiner Zelle und dein Haupt umfächelte Waldesodem und deine Füße wandelten auf taufrischem Moosteppich, und deine Augen schweiften über des Frankenlandes stromdurchglänzte Au; während ich ...

Aber never say die, so ganz ohne Widerstand ergeben wir uns nicht. Jetzt kommt die frische fröhliche Morgenjagd. Die Gattin als Scharfschütze mit der Fliegenklappe, die Töchter mit wallenden Tüchern als Zumlandhinausjägerinnen. Die Luft wird rein, süßer Friede, komm, ach komm ... da, o meine Ahnung! naht das wilde Heer. Die Morgenstunde für die liebe Schuljugend ist angebrochen. Diese glückliche Schuljugend, die nichts von »Hausarbeit« kennt. Während wir mit zitternder Hastigkeit beim Frühstück die Lektion in die armen, malträtierten Schädel einzupressen versuchten, schon halb erdrückt durch die Ahnung eines gräßlichen Fiaskos, amüsieren sich diese von dem Augenblick an, da sie die Augen aufmachen, bis um 9 Uhr die Schulglocke läutet. Aber wie amüsieren sie sich? Es sind dies wahrhaftig keine hypochondrischen Gedanken; ich habe zuviel Gelegenheit zu beobachten, denn gerade vor dem von mir bewohnten Hause, wo sich allerdings ein kleines Straßenhügelchen befindet, wird alltäglich der Thing der männlichen Schuljugend der Nachbarschaft abgehalten. Wirkliche Spiele kennen sie nicht, es sei denn das Werfen mit Taschenmessern nach der Umzäunung, das dann in ununterbrochenem Holzton gar lieblich zu mir heraufdringt. Ich sehe sie nie auf der Wiese, welche einen herrlichen Tummelplatz für uns gebildet hätte, immer dicht an den Häusern. Es gibt nicht einmal Fraktionen unter ihnen und es kommt nie zu einer solennen Prügelei. Ihr Hauptvergnügen scheint im Brüllen zu bestehen; sie brüllen in langgezogenen Tönen, als ob sie Neckarflößer wären, sie brüllen, wenn sie dicht nebeneinander stehen. Es ist der reine Blödsinn, namentlich die deutschamerikanische Jugend ist stark darin; und aus dieser Generation glauben gewisse deutschamerikanische Pädagogen noch etwas machen zu können. In den Ferien hat man das Vergnügen den ganzen Tag; also gesegnet sei die Schule! Unterdessen kam auch das Wagengerassel, das Schnurren und Klimpern der elektrischen Cars in vollen Gang, versöhnend klingt nur dazwischen das Amboßgeläute aus der nahen Schmiede ... Fahr wohl, ersehnte Ruhe! »So kommt der Tag heran, ach! ging er wieder.«

Da hab ich aus lauter Angst und Verzweiflung dieses Stück Jammer für den Armen Teufel geschrieben.

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