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Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Fremd im eigenen Hause

Wenn uns ein deutschländischer Vetter mitleidig oder höhnisch die Heimatlosen nennt, so dürfen wir ihm antworten: Wenn wir keine Heimat haben, so hast du keine Freiheit. Aber ach! der Vetter ist im Vorteil, denn während ihm die Abwesenheit der Freiheit durchaus keine Unbehaglichkeit verursacht und er schon längst bei den Klängen der Regimentsmusik mit Behagen an die Table d'Hôte der Knechtschaft sich setzt, können wir es nur mit einem Seufzer aus dem tiefsten Innern bestätigen: Ja, wir sind heimatlos!

Für Menschen, welche tierisches Behagen erfüllt, wo immer sie Vieh treiben und das Beste der Krippe mitessen dürfen, für Fanatiker der Religion oder irgend einer Partei existieren die Schmerzen der Heimatlosigkeit nicht; wer aber weder am Dienen noch am Herrschen Geschmack findet, wem nicht alle Wünsche befriedigt sind, wenn es ihm »gut geht«, wer nicht in einem Programm seiner Zeit aufgeht, sondern unter allen Umständen die Individualität sich wahrt, gerade der wird das Weh nach irgend einer Heimat erst dann los, wenn der blasse Bruder des Schlafes für ihn die Fackel senkt.

Ich habe es erfahren, was es heißt, fremd geworden zu sein in der eigenen Heimat, die so grün und schön in den Träumen der Nächte und der Tage vor mir stand, wie es tut, wenn einem selbst im Vaterhause der Stein des Mißverständnisses statt des Brotes der Liebe gereicht wird! Wie gern würde ich die Begeisterung für mein Adoptivvaterland als Balsam in meine Herzenswunde träufeln! Es will mir nicht gelingen, denn ich kann Amerika nicht lieben, ich weiß, daß wir Heimatlosen niemals tiefe Wurzeln in diesem Boden schlagen, niemals in ganzer Freudigkeit in diesem Sonnenlicht emporsprossen können. Fremd sind wir nicht nur im Vaterhaus, sondern auch im eigenen Haus, das wir uns hier gebaut, in der Familie, die uns, den Verächtern des staatlichen Kampfes um die Beute, Ruhehafen und Kraftherd sein sollte. Und wenn du das beste und treueste Weib zur Seite hättest, zwischen dir und deinen Kindern steht eine unsichtbare Barriere – du bist und bleibst ein Deutscher, sie sind und werden immer mehr Amerikaner; mit andern Worten und damit mich Niemand nationaler Schwachheiten bezichtige: Das Beste in dir verstehen sie nicht, die Sprache deines Herzens reden sie nicht, und deinen edelsten Schatz, das Erbteil, das Niemand besteuern kann, kannst du ihnen nicht hinterlassen.

Man rede mir nicht von den Oasen in dieser Menschenwüste, Familien, die befähigt waren, in sich selber das heilige Feuer zu nähren und durch eine Verkettung von günstigen Umständen ungestört sich in sich selber entwickeln konnten! Ich habe die traurige Erfahrung gemacht, daß auch unter diesen Ausnahmen oft die Selbstlosigkeit, der Friede, die gegenseitige Liebe nur so lange vorhanden waren, als man »zu Besuch« da war, daß aber der intimere Einblick dieselbe Gemeinheit fand, welche man auf die Gemeinen beschränkt glaubte. Hier handelt es sich um allgemeine Erfahrungen, und die liefern leider in Bezug auf die nächste Generation der Deutschamerikaner ein schlechtes Resultat.

Am schlimmsten steht es natürlich mit den Mischehen. Wo deutsche Mutter und amerikanischer Vater, verwischen sich in der Nachkommenschaft die deutschen Züge fast vollständig. Wo deutscher Vater und amerikanische Mutter, geht der Prozeß nicht so rasch vor sich, aber der Einfluß der Tochter dieses Landes ist der überwiegende, und die Barriere zwischen Vater und Kindern ist schon der Sprache wegen von vornherein eine unübersteigliche. Sind aber beide eingewanderte Deutsche, so werden doch die Kinder anders als die Eltern, und während die Mutter dem Wesen der Kinder sich anbequemt, bleibt der Vater in seinem Denken und Fühlen allein.

Gutreligiöse Menschen und radikale Freidenker beklagen ein gemeinsames Geschick. Ich meine nicht die Pharisäer ihrer Bekenntnisse. Unter denen sind sogar die Christen noch im Vorteil und scheinbar die Besseren; denn, wenn ihnen auch gar nichts daran liegt, ob ihre Kinder wirklich religiös sind, so sorgen sie doch dafür, daß dieselben wenigstens äußerlich in ihre Fußstapfen treten, in denselben Kirchen knien und demselben unsichtbaren Gott den Pfennig opfern, den sie als Taler von demselben Gott Mammon wieder zurück zu erhalten hoffen. Die Pharisäer unter den Radikalen aber, welche aus irgend einer jener undefinierbaren und schwer bis zu ihrer Wurzel zu führenden Eitelkeiten eine freisinnige Rolle spielen, blicken gleichgültig dazu, wenn die Kinder den Glauben an Dinge und die Ehrfurcht vor Göttern heucheln, welche die Alten ihr ganzes Leben lang lächerlich gemacht haben. Ja, im Innern sagen sie sich wohlgefällig: »Der Junge ist schlauer als ich; der weiß, wo man sich Freunde machen muß, der paßt in die Welt!«

Darüber wollen wir uns auch keinen Kummer machen; kann man auch Trauben lesen von den Dornen? Aber für euch blutet mein Herz, ihr ehrlichen Frommen, wenn ihr eure Kinder den Schätzen nachjagen seht, welche die Motten und der Rost fressen, und mehr noch für euch, denn ich verstehe euch ganz, ihr unabhängigen Kämpfer der Freiheit, die ihr, auf Lohn und Anerkennung und Erfolg verzichtend, die herrliche Hoffnung im Busen truget, daß in den Früchten eures Leibes auch die Früchte eures Geistes erwachsen und eure Kinder das erobern würden, worum ihr vergeblich gekämpft.

O abscheuliche Barriere! Eure Töchter haben keine Tränen für die Märtyrer der Freiheit, sie sind berechnend, aber geistesleer; sie sind gefallsüchtig, aber sie können nicht lieben; sie haben weder Abscheu noch Mitleid für ihre Schwestern im Schmutz, noch Geringschätzung, weil sie überzeugt sind, daß sie das erhabene Ziel erreichen werden: eine Ehe, die eine gute Versorgung ist.

O abscheuliche Barriere! Ihr seid die Kinder mit dem seligmachenden Kinderglauben an einen Weltsieg der Gerechtigkeit, an einen Freiheitsmorgen für alle Unterdrückten; eure Söhne sind die Alten, die eure Narrheit belächeln, weil sie mit amerikanischer Genauigkeit wissen, was in der Welt zum Erfolg verhilft. Wißt ihr noch, wie wir uns sträubten gegen die Kenntnisse, welche der Broterwerb verlangt, wie wir aber heimlich gierig an den Quellen sogen, wo Menschenliebe strömt und der Glaube an das Ideale; wie wir durch die Wälder schwärmten, wo der Wind frei durch die Wipfel saust und am schäumenden Wildbach die Blume der Romantik blüht! Zu unsrem freudigen Erstaunen finden wir hin und wieder einen jungen Deutschamerikaner, der sich für deutsche Literatur interessiert. Hier ist ein Samenkorn auf den richtigen Boden gefallen! Aber wenn wir die Sache näher untersuchen, so ist es ihm nur darum zu tun, mit einigen Dingen sich oberflächlich bekannt zu machen, die man in Gesellschaft wissen soll, und die Sprache will er nur darum nicht vergessen, weil er schlau genug ist, einzusehen, daß man dieselbe zum Fortkommen im Leben brauchen kann. Wir aber haben gegen alle Verbote das gelernt, was uns nicht nützen konnte und uns doch einzig und allein zu Menschen gemacht hat.

Ich habe die Karriere so vieler Söhne tüchtiger Väter und freiheitsliebender Mütter verfolgt. Nur der Kultus des Wahren und Schönen umgab ihre Jugend, nur die besten und freiesten Schulen besuchten sie. Aber Verständnis und Liebe für die Ideale ihrer Eltern, den Haß gegen alle Unterdrücker, die Sehnsucht nach der Befreiung der Armen und Elenden konnte man ihnen doch nicht beibringen. Eine Zeit lang noch zwang sie die kindliche Pietät, äußerlich wenigstens an den Bestrebungen der Eltern Anteil zu nehmen – es gab ja auch hin und wieder Vergnügen dabei, und das konnte man mitnehmen – aber bald trieben sie in andre Kreise, wo sie sich mehr zu Hause fanden; und wenn man schließlich die paar Stunden des oft sonderbaren Vergnügens abrechnete, so blieb nichts übrig als der Geschäftsmann und die Losung: Geld, Geld und noch einmal Geld.

Ich habe wohl beobachtet, das unsrer Jugend, vielleicht gerade weil der Erwerbssinn so stark in ihr ist, ein gewisses praktisches Gerechtigkeitsgefühl, ein Verlangen nach Ellbogenraum für jeden nicht abgeht, und ich darf sie nicht unter die Feinde der sozialen Evolution zählen; ob die soziale Revolution in ihnen ein Feuer entzünden wird, von dem wir bis jetzt noch keinen Funken entdecken konnten, kann für den Einen ein schmerzender Zweifel, für den Andern eine stille Hoffnung sein. So viel ist sicher: Das Deutschamerikanertum, das seinen Lessing und Feuerbach und Börne in Fleisch und Blut mit herüber gebracht hat, das stirbt mit uns, die wir die Heimat verloren haben und im eigenen Hause fremd sind.

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