Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Reitzel >

Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/reitzel/schrift/schrift.xml
typetractate
authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120801
projectid5d090ead
Schließen

Navigation:

Aus den Klassen in die Isten

Das Klassifizieren mag eine sehr nützliche und notwendige Geistesübung sein, mir ist es immer zum Fluch geworden. Wenn ich an die Klassen des Lyceums denke, durch die ich mich hindurchlügen mußte, und an das Entsetzen der Familie und der Menschheit, als ich eines Tages in einer Klasse sitzen blieb, so wird mir heute noch wund und weh. Ich habe mein Lebtag, die Heidelberger Allemannen, und die kann man doch keine Klasse nennen, ausgenommen, nur einmal den Wunsch gehegt, mich irgend einer Menschenklasse einzuordnen, mich rubrizieren zu lassen, das war, als ich mich in die Seele Kosinskis dachte und den Dienst bei einer Räuberbande irgend einer Staatsanstellung vorgezogen hätte. Dieser Räuberdrang führte mich auch nach Amerika; als ich mich aber im Land der Freien und Braven zuerst auf mich selber besann, war ich schon wieder in eine Klasse gepreßt, die Maryland Classis der reformierten Synode hatte mich in ihre mütterlichen Arme geschlossen. Rabenmutter, schlimmer als Josua der Eroberer, wollte sie mir den Geist beschneiden, und als ich ihr entlief, sandte sie mir ihren Fluch nach.

In Philadelphia war es eine Zeit lang Mode unter der Geistlichkeit, Ale zu trinken, und mancher Witwe Ölkrüglein wurde zum Alekrug für den Herrn Pastor. Gestern hatten wir noch vergnüglich zusammen gebechert, und die Frau Pastorin W. hatte mich an ihren umfangreichen Busen geschlossen wie einen eignen Sohn, heute mußte ich schon »seitab durch den Wald als räudig Schäflein traben«. Das macht, ich hatte durch meine Predigt vor den versammelten Herren der Classis mich als einen untüchtigen »Hirten« erwiesen. Der Mensch ist ja der reine Rationalist, hatte eine maßgebende Stimme gesagt; und so war ich auf einmal aus den Klassen in die Ismen und die Isten vertrieben.

Rationalist wäre kein so übler Titel, ratio heißt die Vernunft, aber freilich unter den Theologen soll die Vernunft immer die Magd der Gottesfurcht bleiben; und wenn du einem guten Theologen demonstrierst, daß die Vernunft doch über das Wort Gottes gehen müsse, da man ja ohne dieselbe die Bibel nicht lesen und verstehen kann, so wird er dich vernichten mit dem Wort: Ja, Sie sind eben ein Rationalist, mit Ihnen ist nichts anzufangen, Sie haben Ihren Ruhm dahin. Was hat mir aber diesen Isten-Titel eingebracht? Ich suchte im Evangelium das rein Menschliche. Ich erlaubte mir den Teufel mit Hörnern und Schwanz, der des Menschen Sohn die Herrlichkeit der Welt anbot, in jener Predigt in das zweite Ich zu verwandeln, die innere Stimme, welche irgendein Martyrium für Wahnsinn erklärt und über die Ehre noch den Genuß setzt. – Na meinetwegen Rationalist!

Ich war Sprecher der Freien Gemeinde, also eine Klasse vorgerückt, aber wie es nun einmal mein Unglück ist, konnte ich mich auch hier nicht ans Programm halten. Ich war doch dazu da, Juden, Christen und Heiden zu beweisen, daß es keinen Gott gibt – was gingen mich die Lumpen und Schwären des Lazarus an, was die Forderungen der Stände, die uns ein schützend Dach bauen, die uns füttern, kleiden und beschuhen? Aber ich konnte es nicht lassen, ich schrie den modernen Sadduzäern in die Ohren: Euer Nichtglauben und Hoffen ist nichts wie tönend Erz und klingende Schelle, denn ihr habt die Liebe nicht. Ist das Freiheit, wenn mir Millionen Sklaven zu Tyrannen werden? Ist das Seligkeit, wenn ich mich mit den Forschern der wissenschaftlichen Wahrheit in astronomische Ewigkeiten versenke und darüber vergesse, daß rings um mich her das Recht mit Füßen getreten wird?

Ich weiß es nicht, wer es zuerst aussprach, aber höhnend und murrend schlug mir immer deutlicher ans Ohr das Wort: der Kerl ist ja ein Sozialist! Also wieder aus einer Klasse heraus in einen Ismus hineingeschmissen.

Nun, ein Schimpfwort ist das gerade auch nicht; im Grunde genommen bedeutet es doch nur einen Menschen, der über dem eignen nicht das Wohl und Wehe der Gesellschaft vergißt. Also meinetwegen Sozialist!

Sozialismus und freie Gemeinden zu vereinigen, das geht nur eine Zeit lang, dann wird man nolens volens vorgerückt. Ich wurde also promoviert und betrat mit Ehrfurcht die Klasse der freien Künste, zu welcher jeder gehört, der dem lieben Publikum etwas vorsingen, vorgeigen, vorschreiben oder vorschwindeln kann; und da mein Instrument zufällig die Feder ist, so rechnete man mich unter die Journalisten. Unter diesen Isten hätte man mich füglich in Frieden wohnen lassen können, es gibt darunter so viele gescheite und dumme, gute und schlechte Menschen, daß für einen armen Teufel wohl auch noch Raum übrig sein sollte. Es wird aber wohl meine eigene unglückselige Naturanlage gewesen sein, welche mir auch hier wieder einen Streich spielte. Man gründete einen Journalistenbund, also Allmächtiger! Wieder eine Klassis. Ich hielt mich abseits, weil mir die Gerüche dieser Gesellschaft denn doch zu gemischt waren, und weil ich die Überzeugung hatte, daß man mich doch alsbald wieder aus dieser Klasse hinauspromovieren würde.

Und so saß ich denn auf dem Isolierschemel und würde noch darauf sitzen, wenn mir nicht die Weltgeschichte höchst eigenhändig auch noch den letzten Ismus auf die viel gebrandmarkte Stirn gedrückt hätte.

Es begab sich im Jahre des Herrn 1886, daß man Männer als gemeine Verbrecher vor das Tribunal schleppte, welche das auszusprechen wagten, was seit einem halben Jahrhundert der Grundton der prophetischen Bücher des neuen Bundes war, welche dem kranken, verfaulenden Körper unsrer Gesellschaft die Diagnosis stellten. Die Tugend, sagten sie, welche uns das Christentum, die Monarchie und die Republik gepredigt haben, ist nur ein leerer Wahn, denn ihre Früchte sind Unfriede, Heuchelei, Verbrechen, geistige und körperliche Sklaverei; der Richter in der Gerichtshalle ist kein geringerer Betrüger als der Pfarrer in seiner Kirche, und wenn ihr den heiligen Antonius selber in eure Parlamente wähltet, so müßte er dort zum Schuft werden; der Raubmörder, den man hetzt wie ein wildes Tier, ist besser als eure Fabrikanten und Minenbesitzer und Kornwucherer; eure Religion ist die Heuchelei und das Geschäft, euer Gesetz ist ein gewaltiges Netz, in welchem man die Fische fängt, welche euer aller Nahrung sein sollten, und eure Staatsmänner sind emsig bemüht, die Maschen dieses Netzes immer enger zu stricken. Hat man nicht vor einem Jahrhundert auf diesem Kontinent einer werdenden Nation der Welt die Frohbotschaft verkündet, daß es Zeiten gibt, da das Volk das Recht und die Pflicht hat, an die Gewalt zu appellieren, da die Revolution die einzige Erlösung ist? Hat nicht diese werdende Nation zum Staunen der Welt diese Erlösung an sich vollzogen mit Schwert, Pulver und Blei, mit Totschlagen und Totschießen? Wenn ihr uns nicht glaubt, so laßt's euch von den Festrednern des 4. Juli erzählen oder lest jenen herrlichen Kodex, von Bauern und Handwerkern als ewiges Gesetz angenommen, welcher jedem Menschen das Recht auf Freiheit und Glück zuerkennt, und dann fragt euch, ob ihr nicht ebensoviel seid wie jene, und ob ihr nicht auch Menschen seid!

Wenn diese Männer solches in gelehrten Schriften oder, zum wollüstigen Gruseln der Reichen, in Dichtungen und Gemälden ausgesprochen hätten, so hätte niemand sie gehindert, ja wie manchem Arzt oder Propheten der Neuzeit hätte ihnen die Wahrheit vielleicht goldnen Lohn eingebracht. Sie aber sagten sich: Unsre Wahrheit muß dahin getragen werden, wo sie Frucht tragen kann, sie muß denen gesagt werden, für welche sie zur Erlöserin werden kann, und sie muß so gesagt werden, daß sie sie auch verstehn. Nie haben Herrschende friedlich sich ihrer unrechtmäßigen Gewalt begeben, das Volk ist die Urkraft, die alles Neue und Gute schaffen muß, das Volk der Vereinigten Staaten aber sind die Arbeiter.

Das war das Verbrechen der Männer, die man in Chicago prozessierte und hinmordete, daß sie sich an die richtige Adresse gewandt haben!!

Das war es, was mir trotz meines Isolierschemels wie ein elektrischer Funke in die Augen und ins Herz sprang, und ich habe gesprochen und geschrieben, wie es einem Mann geziemt, dem der Sinn für Recht und Wahrheit noch nicht abhanden gekommen ist. Ich habe protestiert und gedroht und geweint und geflucht, wie es ein Mensch tut, der machtlos ungeheure Freveltat vor seinen Augen sich vollziehen sieht. Und ich Tor war der Meinung, mein Wort müsse widerhallen in jedem Männerherzen, in jedes Weibes Brust, die einen Sohn gesäugt, in jedem jungen Gemüt, das für das Ideal der Freiheit glüht ... aber mein Lohn war ein anderer, mein Erfolg war ein sehr bescheidener, man hat mir nur einen neuen Ismus angehängt, von allen Seiten quakte, gröhlte und grunzte es: Das Scheusal ist ja ein Anarchist!

Ein recht guter Prediger, schade, daß er vom Rationalismus angefressen ist! – Ein tüchtiger, radikaler Redner, leider gerät er immer mehr in das sozialistische Fahrwasser! – Ein Zeitungsschreiber, der einem Vergnügen machen könnte, wenn er nur den verdammten anarchistischen Wahnsinn lassen würde! – Aber ich bin so ausgewachsen, daß mich die Ismen und Isten nicht mehr genieren, in eine Klasse kann mich kein Mensch mehr hineinbringen, und zwei Dinge, selbstgewählte Dinge, wird mir schließlich jede Klasse, jede Schule, jede Partei zugestehen müssen: meinen Isolierschemel und mein Schicksal, als armer Teufel zu leben und zu sterben.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.